Tracklist
01. When We Fall
02. Embrace the Way
03. Sacrificar Para Ganhar (feat. Poli Correia)
04. Transfiguration
05. What Remains
06. The Will to Resist
07. Now We Rise
Besetzung
João Infante – Gesang
Jorge Assunção – Gitarre
Jorge Alva Rosa – Bass
Flávio Torres – Schlagzeug
Poli Correia – Gastgesang auf »Sacrificar Para Ganhar«
22 Minuten sind entweder ein ziemlich langes Bewerbungsgespräch oder ein verdammt kurzes Album. SHADOWMARE entscheiden sich auf »Transfiguration« für die zweite Möglichkeit und reichen sieben Stücke ein, von denen der Titeltrack gerade einmal 44 Sekunden dauert. Hinter der knappen Spielzeit steckt allerdings kein Mangel an Material, sondern eine bewusste Häutung: Nach mehreren Besetzungswechseln arbeiten die Portugiesen als Quartett weiter und haben ihre früher oft ausladende Mischung aus Technical Thrash, Melodic Death und Progressive Metal erheblich gestrafft. Weniger instrumentale Schauläufe, mehr unmittelbarer Druck – so lautet das neue Arbeitszeugnis. Ob daraus bereits ein vollständiges Album oder doch eher eine besonders gehaltvolle EP geworden ist, bleibt bis zum Schluss die spannendste Frage.
VOM FÜNFER ZUM QUARTETT – UND PLÖTZLICH IST PLATZ
Seit 2015 bewegen sich SHADOWMARE irgendwo zwischen Thrash Metal, melodischem Death Metal und technischer Verspieltheit. Auf »Shades of the Untold« und »While Trapped Inside« durfte ein Song gerne länger wachsen, Gitarrenharmonien stapeln und einen Umweg nehmen, wenn am Wegesrand noch ein Solo herumlag. Diese Neigung ist auf »Transfiguration« nicht verschwunden, wurde aber deutlich zurechtgestutzt.
Der Auslöser war zunächst personeller Natur. Nach dem Weggang des zweiten Gitarristen entschieden sich die Portugiesen, nicht länger so zu komponieren, als müsse dessen freier Stuhl mit zusätzlichen Spuren zugestellt werden. Jorge Assunção trägt die Gitarrenarbeit nun allein, während Jorge Alva Rosas Bass erheblich mehr Raum erhält. Das verändert den Schwerpunkt der Band hörbar: Statt zweier Gitarren, die um die spektakulärste Linie ringen, arbeitet eine kompakte Rhythmuseinheit auf einen gemeinsamen Einschlag hin.
Der Albumtitel bezeichnet deshalb keine kosmetische Veränderung. »Transfiguration« dokumentiert eine Band, die ihr eigenes Verfahren umgebaut hat. Die früheren technischen Fähigkeiten bleiben vorhanden, werden aber nicht bei jeder Gelegenheit in die Auslage gestellt. Wo einst ein sechsminütiges Labyrinth entstehen konnte, steht nun häufiger ein dreiminütiger Song mit klar erkennbarer Eingangstür – hinausgelassen wird man trotzdem nicht unversehrt.
WENN WIR FALLEN, ZÄHLT DER ERSTE RIFF
»When We Fall« eröffnet das Album ohne langes Anrollen. Assunção setzt ein scharf umrissenes Riff in den Raum, Torres treibt es mit trockenen Schlägen voran und João Infante bellt seine Zeilen mit der Beharrlichkeit eines Mannes, der eine Diskussion bereits für beendet erklärt hat. Die technische Seite steckt weniger in halsbrecherischen Einzelaktionen als in den kleinen rhythmischen Verschiebungen zwischen Gitarre und Schlagzeug.
Stilistisch liegt die Nähe zu The Haunted und Dew-Scented auf der Hand. Der Thrash klingt modern, kompakt und deutlich näher an den späten Neunzigern sowie frühen Zweitausendern als an Bay-Area-Nostalgie. Melodische Gitarrenlinien erinnern stellenweise an die härtere schwedische Schule, ohne dass SHADOWMARE in einen großen, sauberen Refrain wechseln würden.
»Embrace the Way« setzt diesen Kurs fort, wirkt jedoch etwas stärker auf den Moshpit zugeschnitten. Das Riffing bleibt beweglich, während die Rhythmik immer wieder auf einen einfachen, körperlichen Akzent zuläuft. Genau hier zeigt sich die neue Zielsetzung: Die Musiker wollen nicht länger nur anerkennendes Nicken von anderen Instrumentalisten erhalten. Diese Songs verlangen Bewegung, und dafür werden komplizierte Figuren rechtzeitig beendet, bevor sie den Schwung ausbremsen.
AUF PORTUGIESISCH WIRD AUS DER PAROLE EIN KAMPFRUF
Der markanteste Song der ersten Albumhälfte ist »Sacrificar Para Ganhar«. Schon der Wechsel in die portugiesische Muttersprache gibt João Infantes Vortrag eine andere Spannung. Die Silben sitzen enger auf dem Rhythmus, der Text wirkt unmittelbarer und die zentrale Aussage – wer vorankommen will, muss Opfer bringen – erhält einen nachvollziehbaren Bezug zur Geschichte dieser unabhängigen Band.
Mit Poli Correia von Devil in Me kommt ein Gast hinzu, dessen Hardcore-Hintergrund dem Stück ausgesprochen guttut. Seine Stimme bringt keine bloße zweite Growl-Färbung, sondern eine gröbere, straßentaugliche Energie. Wenn beide Sänger aufeinandertreffen, nähert sich das Material dem metallischen Hardcore, ohne den technischen Thrash-Kern aufzugeben.
Musikalisch gehört der Song zu den zugänglichsten Nummern des Albums. Die Gitarren führen schnell zum nächsten Haltepunkt, der Refrain lässt sich ohne Portugiesischkurs mitbrüllen und Torres spielt geradliniger als in den beiden Vorgängern. Das könnte leicht ins Berechnete kippen, wird aber durch die spürbare persönliche Bedeutung aufgefangen. Hier klingt Durchhaltewille nicht nach Textbaustein, sondern nach Proberaummiete, langen Fahrten und einer Menge geopferter Wochenenden.
44 SEKUNDEN FÜR DIE HÄUTUNG
Genau in der Mitte steht der Titeltrack. Wer bei »Transfiguration« ein instrumentales Schaustück mit mehreren Kapiteln erwartet, bekommt 44 Sekunden kontrollierten Aufruhr. Die Band schlägt kurz und heftig zu, setzt einen Schnitt und verschwindet wieder. Das Stück ist weder Ballade noch atmosphärisches Zwischenspiel, sondern ein Scharnier aus Metall.
Konzeptionell funktioniert diese Platzierung ausgezeichnet. Die ersten drei Songs handeln vom Fallen, vom Annehmen eines neuen Weges und vom notwendigen Opfer. Nach dem kurzen Titelstück beginnt mit »What Remains« die Bestandsaufnahme. Die alte Form ist abgestreift, nun muss geklärt werden, was übrig geblieben ist.
Als eigenständiger Track besitzt »Transfiguration« allerdings kaum Substanz. Die Nummer erfüllt ihre dramaturgische Aufgabe und sorgt für einen harten Schnitt, wirkt in der Tracklist aber auch wie ein Mittel, aus sechs vollständigen Songs sieben zu machen. Bei einer Gesamtspielzeit von 22:20 Minuten fällt das stärker ins Gewicht, als es auf einem 45-minütigen Album der Fall wäre.
WAS BLEIBT, WENN DIE ZWEITE GITARRE GEHT?
Die Antwort liefert »What Remains« zunächst aus dem Maschinenraum. Jorge Alva Rosas Bass beschränkt sich nicht darauf, die Gitarre eine Oktave tiefer zu verdoppeln. Er setzt Gegenbewegungen, verdichtet Übergänge und hält das Fundament in jenen Momenten stabil, in denen Assunção zu einer melodischen Linie oder einem Solo wechselt. Der fehlende zweite Gitarrist erzeugt dadurch keine Lücke, sondern einen freien Streifen, den der Bass sinnvoll nutzt.
Die Klangbühne im Hörraum bleibt entsprechend aufgeräumt. Gitarre, Bass und Schlagzeug stehen dicht beieinander, kleben aber nicht zu einem einzigen Block zusammen. Besonders über Kopfhörer lässt sich verfolgen, wie kleine Bassfiguren unter den Riffs hervortreten. Für Technical Metal ist das keine nebensächliche Qualität, denn viele Produktionen reden gerne über komplizierte Bassarbeit und begraben sie anschließend unter vier Gitarrenspuren.
Infantes Gesang bleibt dagegen bewusst wenig variabel. Sein raues Bellen passt zur kämpferischen Grundhaltung, doch über die kurze Laufzeit ändert sich Farbe und Dynamik nur begrenzt. Gaststimme und portugiesische Sprache machen »Sacrificar Para Ganhar« deshalb umso wertvoller. Ein weiterer Kontrast dieser Art hätte der zweiten Hälfte nicht geschadet.
DER WILLE ZUM WIDERSTAND BRAUCHT KEINEN UMWEG
Mit 4:12 Minuten ist »The Will to Resist« bereits das ausladendste Stück der Platte. Trotzdem hält sich die Band an ihre neue Disziplin. Das Riffing wird technischer, Assunção darf etwas länger an seinen Linien arbeiten und der Bass antwortet hörbar, doch aus dem Song wird kein Instrumentalreferat. Spätestens der mehrfach herausgebrüllte Widerstandsgedanke führt alles wieder auf eine einfache, bühnentaugliche Formel zurück.
Hier liegt zugleich eine Schwäche des Albums. Zeilen über Narben, Feuer, geballte Fäuste, das Aufstehen nach dem Fall und den unbeugsamen Willen gehören seit Jahrzehnten zum Grundbestand des Metal. SHADOWMARE meinen diese Aussagen glaubwürdig, weil die eigene Bandgeschichte genügend Rückschläge liefert. Sprachlich bleiben sie dennoch oft bei bekannten Parolen stehen. Die Erzählung von Krise und Erneuerung ist stärker als manche einzelne Formulierung.
Das Finale »Now We Rise« macht aus genau diesen Parolen einen kompakten Abschluss. Call-and-Response-Momente, ein schnell erfassbarer Refrain und kurze technische Einsprengsel greifen sauber ineinander. Das Stück endet, bevor es seine Botschaft überstrapaziert, und dürfte live zuverlässig dafür sorgen, dass auch jene Leute die Faust heben, die den Text erst an diesem Abend kennenlernen.
MODERNER DRUCK STATT ACHTZIGERSTAUB
Aufgenommen, gemischt und gemastert wurde »Transfiguration« von Sebastian Matias bei Leviathan Recordings. Der Klang ist modern, trocken und auf unmittelbare Wirkung ausgelegt. Assunçãos Gitarre besitzt genügend Schärfe für die Thrash-Riffs, ohne den melodischen Passagen jede Wärme zu nehmen. Torres‘ Schlagzeug kommt mit viel Anschlag und klarer Trennung durch den Mix.
Die Produktion unterstützt damit das neue Quartettformat. Weil keine Wand aus gedoppelten Gitarren errichtet wird, können Bass und Schlagzeug tatsächlich tragen. In den schnelleren Abschnitten bleibt jede rhythmische Bewegung erkennbar, und die Breakdowns erhalten ihr Gewicht nicht durch künstlich aufgeblähten Tiefton, sondern durch das Zusammenspiel der vier Musiker.
Ganz frei von Nebenwirkungen ist diese Klarheit nicht. Die Snare wirkt stellenweise sehr hart zugeschnitten, und Infantes Stimme steht so konstant im Vordergrund, dass sich ihr begrenztes Ausdrucksspektrum deutlicher bemerkbar macht. Ein wenig mehr räumliche Tiefe hätte dem Material gutgetan. Andererseits möchte diese Platte keine finstere Kathedrale errichten – sie will eine Clubbühne in Bewegung bringen, und dafür funktioniert der direkte Klang.
ALBUM, EP ODER EINFACH EIN KURZER SCHLAG?
Sechs vollständige Songs, ein 44-sekündiges Gelenkstück und insgesamt 22:20 Minuten: Der Einwand liegt auf der Hand. »Transfiguration« wird als drittes Album geführt, bewegt sich vom Umfang her aber klar im EP-Gebiet. Dass die Vorgänger fast eine Stunde dauerten, macht den Unterschied noch auffälliger.
Die Kürze besitzt zweifellos Vorteile. Kein Solo wird nur deshalb verdoppelt, weil noch Platz vorhanden ist, kein Übergang muss seine technische Raffinesse dreimal beweisen und keiner der eigentlichen Songs nutzt sich ab. SHADOWMARE ziehen den Hebel, lassen die Maschine auf volle Drehzahl kommen und schalten sie wieder aus, bevor jemand nach der Uhr sieht.
Trotzdem bleibt der Eindruck einer halben Mahlzeit. Gerade die neue Rollenverteilung zwischen Gitarre und Bass hätte genügend Potenzial für zwei weitere Stücke. Auch ein langsamerer, düsterer Gegenpol hätte gezeigt, wie tragfähig das Quartett außerhalb des permanenten Vorwärtsdrangs ist. Die Transformation überzeugt – nur ist die Vorführung bereits vorbei, wenn man genauer erkennen möchte, was aus ihr noch entstehen kann.
FAZIT:
»Transfiguration« zeigt SHADOWMARE als fokussiertes Quartett, das technischen Thrash, melodischen Death Metal und Hardcore-Energie wirkungsvoller bündelt als auf den früheren Langstrecken. Der präsente Bass, »Sacrificar Para Ganhar« und die konsequente Straffung überzeugen, während formelhafte Durchhalteparolen, wenig stimmliche Abwechslung und die kaum albumtauglichen 22 Minuten eine höhere Wertung verhindern.






