Tracklist
01. Invocation Of The Necrovat – 03:16
02. Womb of The Ibex – 04:40
03. Maimed Holy Flesh – 03:27
04. Intro (Promo 2023) – 00:59
05. Wasp Bone-Vocal Test – 04:48
06. Intro To Oblivation (SPT Cover) – 02:00
07. Crown of Piss – 03:13
08. Euphoric Loathing – 05:18
09. Flesh Vermin (Remastered) – 04:10
10. Ceremonial Vein Corruption – 01:28
11. Grotesque Sermons of the Disembodied – 09:35
12. Flesh Prison (First Sequence) – 05:47
Besetzung
A.S. – Gesang, Texte
P.H. – Gitarre, Bass
D.P. – Bass
Eli J. – Schlagzeug
Weitere Mitwirkende:
A.C. – Schlagzeug auf den Aufnahmen von 2022
Mike Stevens – Schlagzeug auf »Womb of The Ibex«
Sam (Lucid Funeral / Abyssal Descent) – Gastsolo auf »Grotesque Sermons of the Disembodied«
Blasphemische Unzuchtshymnen – der Kirchenchor von Philadelphia hat offenbar einen denkbar schlechten Tag. Tatsächlich versteckt sich hinter ACCURSED WOMB eine seit 2019 aktive Death-Metal-Formation, die ihre Musik lieber in modrigen Kellern als unter sakralen Gewölben ansiedelt. »Hymns of Blasphemous Fornication« ist allerdings kein reguläres Debüt, sondern sammelt zwölf Stücke aus den Jahren 2022 bis 2026. Material der EPs »Crown of Piss« und »Prison Coward« trifft auf die Promos von 2023 und 2026 – knapp 50 Minuten, in denen sich doomige Frühphase, krumme Experimente und zunehmend fokussierter Death Metal gegenseitig auf die Füße treten.
EIN ARCHIV MIT SCHIMMELBEFALL
Eine Compilation vor dem ersten vollständigen Studioalbum wirkt zunächst ein wenig, als würde jemand das Bonusmaterial veröffentlichen, bevor der eigentliche Film gedreht ist. Bei ACCURSED WOMB ergibt die Sache dennoch Sinn. Die Band hat seit ihrer Gründung zahlreiche Demos, Promos und EPs in kleinen Auflagen herausgebracht. »Hymns of Blasphemous Fornication« bündelt die Aufnahmen ab 2022 auf einer CD und macht damit eine Entwicklungsphase zugänglich, die sonst über mehrere Kassetten und Digitalveröffentlichungen verteilt wäre.
Die Reihenfolge folgt dabei keiner sauberen Chronologie. Statt mit den ältesten Aufnahmen zu beginnen, steht »Invocation Of The Necrovat« aus der jüngsten Phase am Anfang. Anschließend springen die Stücke zwischen unterschiedlichen Jahren und Besetzungsständen hin und her. Dadurch entsteht kein klassischer Spannungsbogen, wohl aber ein aufschlussreicher Vergleich: Der aktuelle Stand der Band wird gleich zu Beginn gezeigt, ältere Kompositionen lassen danach hören, wie sie dorthin gelangt ist.
Ganz glatt geht dieses Konzept nicht auf. Produktion, Lautstärke, Rhythmusgefühl und kompositorische Disziplin verändern sich hörbar. Das Album besitzt deshalb weniger den Zusammenhalt eines neu eingespielten Werks als den Charakter eines geöffneten Archivs. Gerade darin steckt jedoch ein Teil seines Reizes. Man hört keine nachträglich geschönte Karriereerzählung, sondern Versuche, Sackgassen und gelungene Fortschritte nebeneinander.
DIE GEGENWART ÖFFNET DEN NECROVAT
Der Opener »Invocation Of The Necrovat« zeigt ACCURSED WOMB in ihrer derzeit schlüssigsten Form. P.H. arbeitet mit kantigen Riffs, die sich nicht in einer geraden Linie bewegen, aber trotzdem gemeinsam auf ein Ziel zusteuern. Eli J. verleiht den Richtungswechseln ein festes Gerüst, während A.S. seinen Gesang tief in die Gitarrenmasse drückt. Die Stimme ist kein Solist vor der Band, sondern Teil der finsteren Textur.
Hier hört man Einflüsse von Incantation und Morbid Angel, ohne dass daraus eine nostalgische Übung wird. Das Material besitzt die Schwere der alten Schule, verbindet sie jedoch mit abrupteren Übergängen und einer kalten, beinahe blackmetallischen Atmosphäre. Der Song ist nur gut drei Minuten lang, enthält aber genügend Bewegung, um als Vorschau auf das angekündigte Debütalbum neugierig zu machen.
»Womb of The Ibex« geht verwinkelter vor. Dass Mike Stevens von Timeghoul hier Schlagzeug spielt, ist nicht bloß eine schöne Fußnote für Kenner. Seine Arbeit unterstützt jene eigenartige Logik, bei der ein Riff scheinbar in die falsche Richtung abbiegt und sich wenige Takte später doch wieder sinnvoll mit dem Rest verbindet. Der Song stammt bereits aus einer früheren Phase, verweist mit seinen unruhigen Formen aber deutlich auf die spätere Entwicklung.
Manchmal verliert sich die Komposition in ihren eigenen Bewegungen. Nicht jeder Übergang sitzt zwingend, und einzelne Figuren wirken eher neugierig ausprobiert als vollständig ausgearbeitet. Gerade diese Unsicherheit macht »Womb of The Ibex« allerdings lebendig. Hier spielt keine Band, die ihre Vorbilder einfach nachzeichnet; hier sucht eine Formation hörbar nach einer eigenen Grammatik.
VERSTÜMMELTES FLEISCH MIT VORWÄRTSDRANG
»Maimed Holy Flesh« gehört zu den stärksten Stücken der Sammlung. Der Song übernimmt die konzentriertere Härte des Openers, klingt aber noch unmittelbarer. Riffs schieben, bremsen und schlagen plötzlich in andere Winkel aus, ohne den körperlichen Druck zu verlieren. Was früher gelegentlich wie ein loses Experiment wirkte, besitzt nun einen deutlich festeren Rahmen.
Besonders die Rhythmussektion profitiert von dieser Entwicklung. D.P. und Eli J. bilden kein bloßes Fundament, auf dem die Gitarre frei herumturnt. Bass und Schlagzeug greifen in die Riffwechsel ein und geben ihnen Gewicht. So entsteht Death Metal, der merkwürdig sein darf, ohne bei jeder Wendung auseinanderzufallen.
Danach setzt das knapp einminütige »Intro (Promo 2023)« einen harten Schnitt. Die Compilation springt zurück und macht ihre Herkunft aus mehreren Einzelveröffentlichungen unüberhörbar. »Wasp Bone-Vocal Test« wirkt entsprechend unfertiger und wilder. Der Titel bezeichnet tatsächlich eine Demofassung, doch A.S. nutzt den provisorischen Charakter für einige besonders eigensinnige vokale Ausschläge.
Diese Stimme kann faszinieren und irritieren. Zwischen tiefem Röhren, heiseren Ausbrüchen und beinahe halluzinatorischem Jaulen entsteht etwas unangenehm Eigenständiges. Gelegentlich kippt das Ganze allerdings in vokale Verrenkung um der Verrenkung willen. Wer Death Metal am liebsten geradlinig und präzise konsumiert, wird hier vermutlich kurz prüfen, ob der Abspieler einen Defekt hat.
EIN COVER ALS TRENNWAND
Mit »Intro To Oblivation« folgt eine zweiminütige Coverversion von SPT. Das Stück ist Teil des 2026er Promos, steht in dieser Zusammenstellung jedoch erst an sechster Stelle. Als dunkle instrumentale Passage funktioniert es wie eine Trennwand zwischen den neueren Aufnahmen und dem Material der beiden älteren EPs.
Solche Sprünge sind typisch für die gesamte Veröffentlichung. Einerseits verhindern sie, dass sich 50 Minuten Höhlen-Death-Metal zu einer einzigen braunen Klangmasse verbinden. Andererseits unterbrechen Intro und wechselnde Produktionsstufen immer wieder den Fluss. Die Platte fordert deshalb eine andere Erwartungshaltung als ein reguläres Album. Sie will nicht geschlossen erzählt, sondern abschnittsweise erkundet werden.
Das dürfte auch erklären, warum die ersten sechs Titel kein vollkommen einheitliches Bild ergeben. Die Band entwickelt sich nicht einfach von langsam zu schnell oder von roh zu sauber. Manche älteren Ideen sind bereits ausgesprochen komplex, während neuere Stücke bewusst direkter angreifen. Fortschritt bedeutet bei ACCURSED WOMB vor allem, die eigene Seltsamkeit besser zu kontrollieren.
DIE KRONE AUS URIN SITZT SCHIEF
»Crown of Piss« stammt vom gleichnamigen 2022er Release und bringt wieder deutlich stärkeren Death-Doom-Einfluss ins Spiel. Das Riffing wirkt schwerfälliger, die Übergänge sind gröber und das Schlagzeug lässt den Kompositionen mehr Raum zum Kriechen. Gleichzeitig besitzt der Song einen primitiven Zug, der nach den verschachtelten ersten Stücken beinahe erfrischend wirkt.
Mit »Euphoric Loathing« folgt Material von »Prison Coward«. Diese EP beschäftigte sich nicht mit kosmischer Fantasie, sondern mit Opiatabhängigkeit, Einsamkeit und dem offenen Drogenmarkt in Philadelphia. Die Musik trägt diese Erdung in sich: Sie klingt niedergeschlagen, klaustrophobisch und persönlicher. Langsame Passagen drücken stärker als jedes Geschwindigkeitsrennen, während der Gesang wie eine Stimme aus einem verschlossenen Nebenraum wirkt.
»Flesh Vermin« wurde für die Compilation remastert und gehört zu den direkteren Stücken aus der »Crown of Piss«-Phase. Gitarren und Schlagzeug rammen sich vorwärts, ehe schräge Figuren den erwartbaren Verlauf wieder beschädigen. Hier funktioniert die Mischung aus grober Körperlichkeit und kompositorischer Unruhe besonders gut. Der Song bleibt nachvollziehbar, weigert sich aber, bequem zu werden.
DIE GEFÄNGNISTÜR SCHLÄGT ZU
»Ceremonial Vein Corruption« dauert nur anderthalb Minuten und wirkt wie ein kurzer Gang in den letzten Block der Sammlung. Danach nehmen sich »Grotesque Sermons of the Disembodied« über neun Minuten Zeit. Der Song stammt wiederum von »Crown of Piss« und trägt einen Gastbeitrag von Sam aus Lucid Funeral beziehungsweise Abyssal Descent. Hier zeigt sich die frühe Vorliebe der Band für lange, schwer berechenbare Formen.
Die Klangbühne im Hörraum ist breit genug für doomige Leere, zieht sich bei den schnelleren Ausbrüchen jedoch abrupt zusammen. Einzelne Riffs besitzen starke Wirkung, andere verlieren sich in Übergängen, die länger dauern als nötig. Genau hier wird der Unterschied zum fokussierten Opener besonders deutlich. 2022 besaßen ACCURSED WOMB bereits reichlich Ideen, aber noch nicht immer den besten Filter dafür.
Das abschließende »Flesh Prison (First Sequence)« kehrt thematisch und musikalisch zur bedrückenden Welt von »Prison Coward« zurück. Schwere Gitarrenblöcke, zähe Bewegung und ein Gefühl völliger Ausweglosigkeit bestimmen den Song. Das Stück beendet die Compilation nicht triumphal, sondern lässt die Tür mit einem dumpfen Schlag zufallen.
Als Schluss funktioniert das überzeugend, obwohl die nichtchronologische Reihenfolge weiterhin Fragen aufwirft. Der jüngste Song steht am Anfang, ein älteres Stück formuliert das Ende. Dadurch bleibt weniger das Gefühl einer abgeschlossenen Reise als der Eindruck, durch verschiedene Räume desselben verfallenen Gebäudes gegangen zu sein.
FORTSCHRITT MIT HÖRBAREN NÄHTEN
Die größte Stärke von »Hymns of Blasphemous Fornication« ist ihre dokumentarische Ehrlichkeit. Die Band versteckt weder ältere Produktionsgrenzen noch kompositorische Unsicherheiten. Man hört, wie sich der Doom-Anteil langsam zurückzieht, die Rhythmik straffer wird und die krummen Gitarrenfiguren zunehmend eine klare Funktion übernehmen.
Genau daraus entsteht allerdings auch der entscheidende Kritikpunkt. Zwölf Stücke aus vier Veröffentlichungen ergeben nicht automatisch ein Album. Lautstärkeunterschiede, wechselnde Klangfarben, zwei Intros und die zerrissene Reihenfolge verhindern einen durchgehenden Sog. Als Archiv ist die CD wertvoll, als geschlossenes Werk bleibt sie unruhig und stellenweise unnötig sperrig.
Auch spielerisch sitzt nicht jede Schraube fest. Einige ältere Tracks rumpeln charmant, andere wirken kurz davor, sich in Einzelteile aufzulösen. Das kann hervorragend zur morbiden Atmosphäre passen, fällt bei langen Passagen aber ebenso als fehlende Straffung auf. Die stärksten Momente entstehen dort, wo ACCURSED WOMB ihre Experimentierlust nicht reduzieren, sondern präziser platzieren.
Das angekündigte Debütalbum wird deshalb entscheidend. »Invocation Of The Necrovat« und »Maimed Holy Flesh« zeigen eine Formation, die ihre Identität inzwischen klarer greifen kann. Wenn diese Disziplin über eine komplette neue Produktion gehalten wird, dürfte aus dem verfluchten Mutterleib noch etwas ausgesprochen Unangenehmes steigen.
FAZIT:
»Hymns of Blasphemous Fornication« ist eine lohnende, aber hörbar zusammengefügte Werkschau, die den Weg von doomigem Experimentieren zu deutlich konzentrierterem Death Metal dokumentiert. Die wechselnde Produktion und einige überdehnte ältere Ideen kosten Punkte, während »Invocation Of The Necrovat«, »Maimed Holy Flesh« und »Flesh Prison« überzeugend zeigen, warum man das kommende Debüt von ACCURSED WOMB im Auge behalten sollte.






