Band: HOLISSSTIK 🇳🇴
Titel: Chapter 1: This Endless Solitude
Label: Season of Mist
VÖ: 14.08.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Dark Electronic / Ambient / Avantgarde

Tracklist

01. The Rhythm of Silence – 07:06
02. My Salvation – 05:27
03. Projections – 03:20
04. Obsession Six – 06:26
05. Reoccurring Dreams – 06:30
06. Would You Take This Heart – 05:49
07. Behind Me – 04:48
08. This Endless Solitude – 06:34

Besetzung

Tor-Helge Skei – Komposition, Arrangements, Instrumente, Produktion, Mix

Gäste:
Anna Murphy – Gesang
Christophe Denhez – Gitarre, Gesang, Texte
Eivind Fjøseide – Gitarre
Gabriel Trentini – Gesang, Texte
Kristoffer Oustad – Synthesizer
Tor-Arne Helgesen – Schlagzeug
Marita Hellem – Gesang
Martyna Halas – Gesang, Texte
Nik Košar – Gesang, Texte
Pierre Ripka – Gesang, Texte
Paritta Monks – Gesänge
Rune Folgerø – Gesang
Rune Hoemsnes – Schlagzeug
Stig Waltoft – Synthesizer, Sounds
Tom Engelsøy – Gesang
Torstein Parelius – Bass, Texte
Trond Johansen – Gitarre

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Zur Abwechslung mal Dark Electronic aus Norwegen und herausgegeben über Seasons Of Mist. Gitarren und Schlagzeug bleiben deshalb noch lange nicht vor der Tür – bei HOLISSSTIK weiß ohnehin kein Klang, in welchem Fach er am Ende landen wird. Hinter dem neuen Projekt steht Tor-Helge Skei, bekannt als Gründungsmitglied von Manes und Lethe. Aus älteren, unfertigen Skizzen, selbst entwickelter Musiksoftware und den frei eingesandten Beiträgen von mehr als 15 Gästen formte er ein knapp 46-minütiges Debüt. »Chapter 1: This Endless Solitude« eröffnet eine geplante Trilogie und klingt gleichzeitig einsam und erstaunlich belebt: Trip-Hop-Beats, dunkle Elektronik, Ambient, Rap, schwere Gitarren und Stimmen in mehreren Sprachen begegnen sich in einem Album, das den Begriff Zusammenarbeit ernst nimmt.

Albumstream:

EIN GANZES AUS UNPASSENDEN TEILEN

Der Name HOLISSSTIK verrät bereits, worauf Skei hinauswill. Das Ganze soll anders und größer wirken als seine Einzelteile. Das klingt zunächst wie ein schöner Satz für den Pressetext, wird hier aber zum tatsächlichen Arbeitsprinzip. Skei lieferte die Grundgerüste und ließ seinen Gästen ungewöhnlich viel Freiheit. Ihre Ideen wurden anschließend nicht einfach aneinandergereiht, sondern in neue Arrangements überführt.

Dass dabei keine bloße Leistungsschau mit zwanzig Visitenkarten entstanden ist, gehört zu den beachtlichsten Eigenschaften des Albums. Man hört Anna Murphy, Martyna Halas, Marita Hellem, Pierre Ripka, Nik Košar und zahlreiche weitere Beteiligte deutlich heraus, ohne dass »Chapter 1: This Endless Solitude« alle fünf Minuten die Identität wechselt. Skei bleibt als Komponist, Arrangeur, Produzent und Mischer die ordnende Instanz.

Mit Metal im engeren Sinn hat das Ergebnis nur phasenweise zu tun. Statt Riffs an die erste Stelle zu setzen, behandelt Skei Gitarren, Bass und akustisches Schlagzeug als gleichberechtigte Farben neben programmierten Rhythmen, Synthesizern und bearbeiteten Stimmen. Wer Manes seit »Vilosophe« schätzt oder an den elektronischeren Arbeiten von Ulver Gefallen findet, kennt diese Offenheit. HOLISSSTIK klingt dennoch nicht wie die verspätete Fortsetzung einer alten Platte, sondern wie ein Kollektiv mit eigener Dramaturgie.

DIE STILLE HAT EINEN BEAT

Schon »The Rhythm of Silence« macht sieben Minuten lang klar, dass Genreangaben hier bestenfalls als Warnschilder am Wegesrand taugen. Ein kühler, beinahe mechanischer Puls setzt das Stück in Bewegung. Darüber schwebt Martyna Halas mit zerbrechlicher Klarheit, während Marita Hellem eine weitere vokale Ebene öffnet. Elektronische Flächen dehnen den Raum, Gitarren verdichten ihn wieder, und irgendwann tritt Pierre Ripka mit französischem Rap ins Bild.

Gerade dieser Einsatz könnte Hörer spalten. Der Rap ist nicht als modischer Fremdkörper hineingeklebt, sondern verändert Rhythmus und Perspektive des Songs. Trotzdem verlangt der Wechsel etwas Bereitschaft, sich von vertrauten dunklen Rock- und Metalmustern zu lösen. Wer bei Sprechgesang grundsätzlich den Notausgang sucht, wird ihn hier vermutlich ebenfalls nehmen. Wer bleibt, erlebt einen starken Auftakt, der Intimität und Distanz gleichzeitig erzeugt.

»My Salvation« wirkt danach kompakter und persönlicher. Halas trägt das Stück praktisch allein mit ihrer Stimme, während der Unterbau aus zurückhaltenden Beats, flimmernden Tasten und langsam anschwellender Schwere nie vollständig zur Ruhe kommt. Der Titel verspricht Erlösung, doch die Musik klingt, als würde sie diesem Versprechen selbst nicht trauen. Das ist typisch für das Album: Hoffnung wird nicht groß ausgeleuchtet, sondern bleibt als dünner Streifen zwischen dunklen Schichten sichtbar.

PROJEKTIONEN AUS DEM NEBENZIMMER

Mit 3:20 Minuten ist »Projections« das kürzeste Stück, zugleich aber eines der unangenehmsten im besten Sinn. Verzerrte Flächen, abgerissene Signale und Nik Košars Stimme erzeugen das Gefühl, eine fremde Übertragung durch eine schlecht isolierte Wand zu empfangen. Hier rückt HOLISSSTIK am weitesten von klassischer Songlogik weg. Die Komposition bleibt knapp, lässt ihre Spannung stehen und verschwindet, bevor man sie ordentlich vermessen kann.

Danach nutzt »Obsession Six« seine längere Spielzeit für ein ausgeprägtes Wechselspiel. Anna Murphys kontrollierte Melodik trifft auf Tom Engelsøys rätselhafteren Vortrag und Gabriel Trentinis rauere Ausbrüche. Aus diesen Gegensätzen entsteht kein Sängerwettbewerb. Die Stimmen übernehmen verschiedene Rollen innerhalb derselben beklemmenden Szene, während das Arrangement zwischen elektronischer Leere, dunklem Pop und metallischem Druck pendelt.

Das ist einer jener Momente, in denen die offene Arbeitsweise vollständig aufgeht. Jede Stimme besitzt Charakter, doch keine reißt den Song an sich. Besonders Murphy setzt melodische Anker, ohne die Komposition zu glätten. Der Reiz liegt darin, dass »Obsession Six« zugänglich wirkt und im nächsten Augenblick wieder einen Schatten zwischen Hörer und Melodie schiebt.

TRÄUME, DIE SICH NICHT ABSCHÜTTELN LASSEN

Der Beginn von »Reoccurring Dreams« erinnert mit seinen kalten Synthesizerfiguren kurz an Skeis Herkunft aus dem Black Metal. Daraus wächst jedoch keine frostige Raserei. Das Stück bleibt in einer elektronischen Zwischenwelt, in der organisches Schlagzeug und bearbeitete Klänge einander umkreisen. Nik Košars Gesang schneidet durch die Oberfläche, ohne das Geschehen eindeutig zu führen.

Der Song macht deutlich, wie sorgfältig HOLISSSTIK mit Dichte arbeitet. Manche Passagen lassen große Lücken zwischen den einzelnen Signalen, andere stapeln Stimmen, Gitarren und Elektronik beinahe übereinander. Dadurch entsteht Bewegung, obwohl Tempo und Grundmotiv nicht ständig wechseln. Die Musik drängt nicht nach vorne; sie verändert den Raum um sich herum.

Das funktioniert über weite Strecken ausgezeichnet, fordert aber Geduld. Nicht jede atmosphärische Ergänzung verändert den Lauf eines Stücks. Gelegentlich bleibt ein Effekt tatsächlich Effekt, und manche der langen Kompositionen könnten ihre Aussagen auch etwas früher beenden. Das Album wird dadurch nicht beliebig, verliert in seiner zweiten Hälfte jedoch für kurze Momente an Zugkraft.

EIN HERZ MIT SCHWEREM GEWICHT

Als emotionales Zentrum empfiehlt sich »Would You Take This Heart«. Das Stück soll ursprünglich als langsame Ambient-Skizze begonnen haben; in der fertigen Version besitzt es erheblich mehr Gewicht. Trond Johansens Gitarre setzt dunkle Konturen, Stig Waltofts Synthesizer lassen den Hintergrund atmen, und Martyna Halas formuliert die titelgebende Bitte mit einer Ruhe, die den Text umso schwerer erscheinen lässt.

Hinzu kommen die Gesänge der Paritta-Mönche. Solche Einsätze geraten schnell zum exotischen Schmuck oder zur künstlichen Ritualkulisse. Hier bleiben sie zurückhaltend und fügen dem Arrangement einen eigenen Puls hinzu. Das Stück sucht Entlastung nicht im großen Ausbruch, sondern im Angebot, Last mit anderen zu teilen. Damit bringt es die Idee hinter HOLISSSTIK ohne theoretischen Überbau auf den Punkt.

Nach diesem Höhepunkt wird »Behind Me« spürbar körperlicher. Rune Hoemsnes spielt das Schlagzeug organischer, während Christophe Denhez mit Gesang und Gitarre sowie Torstein Parelius am Bass eine dunkle Rockseite freilegen. Das Instrumentarium steht direkter im Raum, die Elektronik rückt ein Stück zurück. Gerade deshalb wirkt der Song nicht wie eine Wiederholung, sondern wie ein notwendiger Perspektivwechsel vor dem Finale.

DIE ENDLOSE EINSAMKEIT IST NICHT MENSCHENLEER

Der Titelsong führt die verschiedenen Stimmen und Gedanken noch einmal zusammen. Martyna Halas, Marita Hellem und Rune Folgerø bilden keine sauber getrennten Strophenfiguren, sondern ein vielschichtiges Gespräch. Parelius gibt dem Stück mit seinem Bass eine greifbare Basis und beteiligt sich zugleich am Text. Die Einsamkeit des Titels wird dadurch nicht aufgehoben, aber geteilt.

Musikalisch schließt »This Endless Solitude« das erste Kapitel folgerichtig. Synthesizer, Gesangslagen und gedämpfte Schwere bauen sich nicht zu einem triumphalen Schluss auf. Stattdessen bleibt eine tiefe Melancholie zurück, die sich langsam aus dem Raum bewegt. Nach all den Gästen endet das Album mit dem Gefühl, dass Nähe möglich, aber nie selbstverständlich ist.

Dass dies lediglich »Chapter 1« einer Trilogie sein soll, passt zum offenen Ende. Die Platte beantwortet nicht, wohin sich das Projekt noch entwickeln kann. Sie zeigt zunächst, dass Skei genügend Kontrolle besitzt, um aus freien Beiträgen ein erkennbares Werk zu formen. Für die nächsten Kapitel darf er den Mut zur Kürzung trotzdem mitnehmen: Nicht jede gute Klangidee benötigt sechs oder sieben Minuten, um ihre Wirkung zu entfalten.

VIELE SPUREN, KEIN KLANGBREI

Produktion und Mix verdienen besondere Aufmerksamkeit. Skei versucht gar nicht erst, jedes Detail ständig in den Vordergrund zu schieben. Manche Stimmen liegen nah am Ohr, andere erscheinen nur als undeutliche Silhouette. Gitarren dürfen plötzlich Masse entwickeln und sich kurz darauf wieder in einer elektronischen Fläche auflösen. Knut V. Prytz bewahrt im Mastering die Dynamik, sodass die vielen Schichten nicht zu einem einzigen dunklen Block zusammenfallen.

Am besten hört man das Album mit Kopfhörern und ohne Nebenbeschäftigung. Kleine Geräusche und vokale Spuren tauchen erst nach mehreren Durchgängen auf. Trotzdem ist »Chapter 1: This Endless Solitude« kein akademisches Klangrätsel. Wiederkehrende Melodien, klare Stimmen und der unaufgeregte Sog der Beats bieten genügend Halt, wenn die Arrangements weiter hinausdriften.

Die Kehrseite dieser Detailfülle ist eine gewisse emotionale Gleichförmigkeit. Fast alles bewegt sich in gedämpften Farben, und die Spannung entsteht häufiger aus Verdichtung als aus harten Kontrasten. Wer 46 Minuten lang auf einen befreienden Höhepunkt wartet, bekommt ihn nicht. Wer sich auf die bewusst unaufgelöste Stimmung einlässt, findet dagegen eine eigenständige Platte, die weder im Metal noch in der Elektronik um Erlaubnis fragt.

FAZIT:

»Chapter 1: This Endless Solitude« ist ein mutiges, hervorragend produziertes Debüt, das Trip-Hop, Ambient, dunkle Elektronik und metallische Schwere zu einer erstaunlich geschlossenen Gemeinschaftsarbeit verbindet. Nicht jede Schicht und jede zusätzliche Minute ist unverzichtbar, doch Stücke wie »The Rhythm of Silence«, »Obsession Six« und »Would You Take This Heart« machen dieses erste Kapitel zu einer Reise, deren Fortsetzung man hören möchte.

HOLISSSTIK – The Rhythm of Silence

Internet

HOLISSSTIK - Chapter 1: This Endless Solitude - Album Review

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