Tracklist
01. Despotic Ruin (Diet of Worms)
02. Idols of Confraternity
03. Ghost Mantra
04. This Sordid Miasma
05. The Nightlight Sigil
06. Promethean Pilferage
07. A Mire Caked Nativity
08. Grinding the Sphere
09. Diary of the Emaciated
Besetzung
Shawn Wells – Gesang
Stephen Cusato – Rhythmusgitarre, Gesang
Steven Mason – Rhythmusgitarre
Luke Tucker – Leadgitarre
Alastair Boon – Bass
Nick Machin – Schlagzeug auf den Tracks 2, 4, 5, 7 und 8
Luke Sanderson – Schlagzeug auf den Tracks 1, 3, 6 und 9
Drei Gitarristen, zwei Schlagzeuger, ein Bassist und ein Sänger – andere Bands bekommen aus diesem Personalbestand beinahe zwei vollständige Line-ups zusammen. THE ABSOLUTION SEQUENCE verwenden ihre sieben Köpfe dagegen für ein einziges, ziemlich massives Debütalbum. Auf »Dread Cycle« treffen technischer Death Metal, dissonante Flächen, verschobener Groove und eine Prise Deathcore aufeinander, ohne dass alle Beteiligten pausenlos um Aufmerksamkeit kämpfen. Die beiden Drummer spielen übrigens nicht gleichzeitig, sondern teilen sich die neun Stücke. Schade eigentlich – ein Blastbeat in Stereo hätte der Nachbarschaft bestimmt Freude bereitet.
SIEBEN MUSIKER, ABER KEIN STAU IM MASCHINENRAUM
Seit 2013 arbeiten sich THE ABSOLUTION SEQUENCE durch die extreme Musikszene von Hobart. EPs wie »Tsuris«, »Subsidence«, »Silent King« und »Voidform« dokumentierten den Weg vom Groove- und Death-Metal-Untergrund zu einer technischeren, progressiveren Form. Erst jetzt folgt das erste vollständige Album – eine für heutige Verhältnisse ungewöhnlich lange Vorbereitungszeit.
Diese Geduld ist hörbar. »Dread Cycle« klingt nicht wie eine Band, die alle seit Jahren gesammelten Ideen ungefiltert auf 43 Minuten verteilt. Trotz dreier Gitarristen bleiben die Arrangements erstaunlich diszipliniert. Stephen Cusato und Steven Mason errichten das rhythmische Gerüst, während Luke Tucker melodische und dissonante Linien darüberlegt. Nicht jede Spur verlangt einen eigenen Scheinwerfer.
Auch die beiden Schlagzeuger sind kein Zirkustrick. Nick Machin übernimmt fünf, Luke Sanderson vier Stücke. Beide spielen präzise und druckvoll, besitzen aber leicht unterschiedliche Schwerpunkte: Machin wirkt in den komplexen, atmosphärischen Nummern etwas fließender, Sanderson setzt Groove und abrupte Betonungen besonders körperlich um. Das Album bleibt dadurch geschlossen und erhält dennoch kleine Veränderungen in seinem inneren Puls.
DER REICHSTAG VON WORMS ENDET IM BLASTBEAT
»Despotic Ruin (Diet of Worms)« trägt einen historischen Begriff im Titel, benutzt ihn jedoch als Ausgangspunkt für eine gegenwärtige Abrechnung mit Religion, Macht und politischem Handel. Gitarrenharmonien öffnen das Stück, bevor Sanderson mit schnellen Wechseln zwischen Blastbeats und schwerem Takt einsteigt. Shawn Wells sitzt mit seinem tiefen, angriffslustigen Gesang fest im Zentrum.
Besonders auffällig ist Alastair Boons Bass. Zwischen den Gitarrenschichten tauchen arpeggierte Figuren auf, die nicht lediglich das Riff verdoppeln. Boon zeichnet eigene Bewegungen und gibt dem Song eine zusätzliche Ebene, ohne den Rhythmus zu verwischen. Bei einem siebenköpfigen Technical-Death-Metal-Ensemble ist ein tatsächlich hörbarer Bass beinahe schon die erste bestandene Prüfung.
Der Song demonstriert früh, wie die Band technische Arbeit versteht. Taktwechsel und verschlungene Riffs existieren nicht als sportlicher Nachweis, sondern erzeugen Unruhe. Einfachere, harmonisch breitere Passagen verhindern anschließend, dass die Aufmerksamkeit nach drei Minuten abstumpft. Das Stück wirkt groß, aber nicht überladen – ein Unterschied, der für das gesamte Album wichtig bleibt.
DIE IDOLE FRESSEN AM GOLDENEN TISCH
»Idols of Confraternity« richtet den Blick auf blinde Verehrung. Politiker, religiöse Autoritäten, Prominente und andere selbsternannte Leitfiguren stehen auf dem Sockel, während ihre Anhänger kaum noch fragen, weshalb sie dort überhaupt stehen. Die Lyrics sind wütend, politisch und erfreulich konkret, ohne zur simplen Parole zu werden.
Musikalisch gehört die Nummer zu den aggressivsten Albumteilen. Schnelle Gitarrenläufe prallen auf massive Chugs, mehrere Stimmen verstärken einzelne Zeilen und Machin hämmert die Übergänge mit beinahe mechanischer Genauigkeit fest. Wells wechselt zwischen Growls, heiserem Keifen und kurzen, scharf artikulierten Ausbrüchen. Dadurch erhält der Song eine stimmliche Beweglichkeit, die vielen Tech-Death-Veröffentlichungen fehlt.
Die drei Gitarren arbeiten hier am deutlichsten als Einheit. Tucker setzt hohe Linien und kurze Solomomente, während Cusato und Mason das Fundament gegeneinander verschieben. Wer jede einzelne Spur verfolgen möchte, benötigt Kopfhörer und einige Durchgänge. Wer nur den Gesamteindruck sucht, wird von einer ziemlich gut organisierten Wand getroffen.
DAS GEISTERMANTRA STAMPFT IM UNGERADEN TAKT
»Ghost Mantra« reduziert die Spielzeit auf 3:44 Minuten und setzt stärker auf Groove. Einzelne Kickdrum-Figuren erinnern an Meshuggah, ohne dass die Band vollständig in Djent-Rhythmik abbiegt. Jaulende Gitarrentöne schweben über dem tiefen Takt, während das Schlagzeug kleine Verschiebungen einbaut und dadurch verhindert, dass aus dem Stampfen ein gewöhnlicher Breakdown wird.
Inhaltlich geht es um gesellschaftliche Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leid. Solange Bomben in ausreichender Entfernung fallen und andere Menschen hinter einem Vorhang verschwinden, lässt sich der Alltag offenbar bequem fortsetzen. Wells trägt diese Anklage mit einer verständlichen Schärfe vor. Seine Worte rasen stellenweise beinahe wie bei Archspire, bleiben jedoch rhythmisch enger an den Gitarren.
Gerade diese Kürze tut dem Stück gut. »Ghost Mantra« bringt seinen Kern auf den Punkt, entwickelt einen wiedererkennbaren Groove und verschwindet, bevor der Effekt verbraucht ist. Das ist Technical Death Metal, der nicht verlangt, dass jede Idee zunächst fünfmal gedreht und von allen Beteiligten einzeln vorgeführt wird.
MIASMA, NACHTLICHT UND EINE OFFENE WUNDE
»This Sordid Miasma« zieht die Schrauben wieder fester. Die Riffs schlagen in merkwürdigen Winkeln auf, der Rhythmus wechselt ohne Vorwarnung und Tucker legt flirrende Linien über die dichte Unterseite. Trotz des hohen technischen Aufwands bleibt eine boshafte Direktheit erhalten. Das Stück klingt nicht nach Übungsraum mit Metronom, sondern nach einer Maschine, die sehr genau weiß, wen sie zerlegen soll.
Mit »The Nightlight Sigil« folgt die persönlichste Komposition des Albums. Wells verarbeitet familiäre Traumata, toxische häusliche Verhältnisse und die Scham, die Betroffenen nach solchen Erfahrungen häufig zusätzlich auferlegt wird. Ein geheimnisvoll klingender Auftakt und kreisende Gitarren schaffen zunächst Abstand, ehe schwere Bassbewegungen und rohe Schreie die Schutzwand einreißen.
Der Song arbeitet stärker mit Aufbau und Atmosphäre als mit sofortiger Wirkung. Eine längere melodische Entwicklung führt zu galoppierenden Rhythmen, hart gesetzten Groove-Ausbrüchen und einem schnellen Doppelgitarrensolo. Nicht jeder Übergang sitzt vollkommen nahtlos; in der Mitte verliert die Nummer kurz an Spannung. Inhaltlich und emotional bildet sie dennoch einen notwendigen Gegenpol zur politischen Außenansicht der übrigen Stücke.
PROMETHEUS STIEHLT DIESMAL DIE BREMSEN
»Promethean Pilferage« gehört zu den stärksten Songs der Platte, weil THE ABSOLUTION SEQUENCE hier kaum Luft zwischen ihre Angriffe lassen. Sanderson treibt das Stück mit hoher Geschwindigkeit an, die Rhythmusgitarren setzen eng verzahnte Figuren und Tucker nutzt die freien Stellen für kurze, helle Spitzen. Das Resultat klingt technisch, aber nie akademisch.
Besonders gut funktionieren die abrupten Wechsel in schwerere Passagen. Die Band bremst nicht langsam ab, sondern setzt das volle Gewicht unmittelbar auf den nächsten Takt. Dadurch gewinnen die Chugs an Wirkung, ohne zum berechenbaren Deathcore-Werkzeug zu werden. Die rhythmische Härte ist vorhanden, doch sie bleibt Teil der Komposition und kein Pflichttermin für den Moshpit.
Hier zeigt sich zugleich, dass die sieben Musiker nicht zwangsläufig für größere Komplexität stehen. Manchmal erzeugt die Masse einfach einen ausgesprochen breiten Einschlag. »Promethean Pilferage« zählt zu jenen Songs, bei denen das Arrangement in erster Linie dient und die technische Arbeit erst beim genaueren Hinhören sichtbar wird.
AUS DEM SUMPF AN DIE SCHLEIFENDE SPHÄRE
»A Mire Caked Nativity« verbindet hektische Gitarrenfiguren mit einer schweren, beinahe erstickenden Atmosphäre. Dissonante Akkorde bleiben länger stehen, während Machin darunter immer neue Bewegungen anstößt. Der Song fühlt sich an, als würde ein kompliziertes Uhrwerk in langsam ansteigendem Schlamm weiterlaufen. Das Tempo bleibt wechselhaft, doch die Stimmung ist durchgehend grau und bedrückend.
»Grinding the Sphere« setzt Wells wieder deutlicher in den Vordergrund. Seine Growls sind konfrontativ und tief, während die Gitarren auf einen härteren Groove zulaufen. Bass und Bassdrum geben dem Stück eine körperliche Unterseite, über der Tucker melodische Fragmente verteilt. Der Titel beschreibt den Klang erstaunlich gut: Rund ist diese Sphäre vermutlich einmal gewesen, nach viereinhalb Minuten besitzt sie einige zusätzliche Ecken.
Beide Songs funktionieren im Albumzusammenhang besser als einzeln. Sie vertiefen die Atmosphäre und führen konsequent zum Finale, liefern jedoch weniger unmittelbar erinnerbare Riffs als »Idols of Confraternity« oder »Promethean Pilferage«. Gerade im letzten Drittel beginnt die permanente Dichte deshalb etwas Kraft zu kosten.
DAS TAGEBUCH DER AUSGEZEHRTEN BLEIBT NICHT LEISE
Mit 5:56 Minuten ist »Diary of the Emaciated« der längste Song und ein würdiger Abschluss. Wells beschleunigt seinen Vortrag zu beinahe gespuckten Silben, während Boon unter den Gitarren hörbar zupft, springt und Gegenlinien setzt. Sanderson hält die vielen Wechsel zusammen, ohne das Stück mit zusätzlichen Kunststücken zu belasten.
Textlich führt das Finale die politischen Themen zurück zu Hunger, gesellschaftlicher Gleichgültigkeit und der gezielten Erzeugung von Hoffnungslosigkeit. Die Bilder von ausgezehrten Körpern, brennenden Toten und einer Macht, die gerade genug Nahrung verteilt, um Abhängigkeit zu erhalten, passen zur düsteren Größe der Musik. Das Album endet nicht mit Erlösung, sondern mit einem weiteren Zyklus aus Kontrolle und Angst.
Kompositorisch bündelt der Song beinahe alle Stärken der Band: schnelle Artikulation, komplexe Rhythmik, atmosphärische Gitarren und einen Bass, der seine eigene Geschichte erzählt. Ein noch klarer herausgearbeiteter Schluss hätte dem Album zusätzliche Wirkung verliehen. So endet der Zyklus stark, aber etwas weniger endgültig, als es die vorausgegangenen 37 Minuten erwarten lassen.
DREI GITARREN UNTER EINEM HOCHGLANZDACH
Produzent Chris Themelco nahm sich des Materials in den Monolith Studios an und verantwortete auch den Mix. Das Mastering übernahm Jens Bogren in den Fascination Street Studios. Entsprechend modern, breit und kontrolliert fällt die Produktion aus. Jede Kickdrum sitzt, die Gitarren besitzen scharfe Konturen und der Gesang bleibt selbst in den dichtesten Passagen verständlich präsent.
Die Klangbühne im Hörraum wirkt groß, allerdings nicht besonders tief. Viele Elemente stehen gleichzeitig weit vorne. Das erzeugt enorme Wucht, lässt die drei Gitarren in schnellen Momenten aber zu einer gemeinsamen Oberfläche verschmelzen. Erst über Kopfhörer werden kleinere Harmoniebewegungen und Tuckers zusätzliche Linien klar erkennbar.
Auch die starke Kompression hat ihren Preis. »Dread Cycle« klingt fast durchgehend laut und massiv, wodurch leisere oder offenere Abschnitte weniger weit zurücktreten können. Nach 43 Minuten entsteht eine gewisse Ermüdung, obwohl das Songwriting eigentlich genügend Wechsel bietet. Wer rohe, natürliche Produktionen bevorzugt, dürfte den Hochglanz als zu kontrolliert empfinden.
TECHNIK DIENT DER ANKLAGE
Was THE ABSOLUTION SEQUENCE von zahlreichen jüngeren Tech-Death-Bands unterscheidet, ist die fehlende Lust am permanenten Instrumentenwettbewerb. Die Beteiligten könnten zweifellos noch schneller und komplizierter spielen, verzichten aber häufig darauf. Stattdessen benutzen sie Dissonanz, Rhythmus und harmonische Größe, um Machtmissbrauch, blinde Verehrung, gesellschaftliche Apathie und persönliche Traumata zu vertonen.
Vollständig unverwechselbar ist das Debüt noch nicht. Meshuggah, Rivers of Nihil, Artificial Brain, Archspire und moderner Deathcore hinterlassen erkennbare Spuren. Außerdem könnte die Band ihre atmosphärischen Momente künftig noch mutiger öffnen. Manchmal wird eine spannende Fläche bereits wieder von Chugs geschlossen, bevor sie sich vollständig entwickeln kann.
Trotzdem besitzt »Dread Cycle« eine bemerkenswerte Geschlossenheit. Neun Songs, sieben Musiker und zahlreiche technische Details ergeben keinen überfüllten Katalog, sondern ein Album mit klarer Haltung. Die Absolution wird hier offenbar nicht gewährt – doch der Ablauf der Anklage ist beeindruckend gut organisiert.
FAZIT:
»Dread Cycle« ist ein kraftvolles Full-Length-Debüt, auf dem THE ABSOLUTION SEQUENCE technische Präzision, dissonante Atmosphäre und politisch wie persönlich aufgeladenen Death Metal bemerkenswert kontrolliert zusammenführen. Die hochkomprimierte Produktion und einige schwer voneinander trennbare Gitarrenschichten kosten etwas Dynamik, doch Stücke wie »Idols of Confraternity«, »Promethean Pilferage« und »Diary of the Emaciated« rechtfertigen starke vier Punkte.






