Agarwaen - The Murder Trend - cover Artwork

Band: Agarwaen 🇫🇮
Titel: The Murder Trend
Label: Over The Border Records
VÖ: 03.07.2026
Format: CD / Digital
Genre: Asylum Metal / Avantgarde Extreme Metal / Melodic Death Metal

Tracklist

01. False Arrival
02. Bad Beginning
03. God Complex
04. Orphan Son
05. La Colección
06. Circo de la Muerte
07. The Hunt
08. Clowny Business
09. Aenimus
10. The Murder Trend

Besetzung

Anthony „Vryko“ Hodju – Gesang
Pete Bay – Leadgitarre
Crazy Gustav – Rhythmusgitarre
Dr. Wolfram – Bass
Szilard de la Costa – Schlagzeug
Vermin – Perkussion und Schauspiel

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Ein Konzeptalbum über Missbrauch, Vernachlässigung, vererbten Wahnsinn, einen mörderischen Familienkult und eine verfluchte Clownsmaske klingt zunächst nach dem Drehbuch eines besonders finsteren Horrorfilms. Für Agarwaen bildet diese Geschichte jedoch nur die Ausgangslage für einen beinahe einstündigen musikalischen Zusammenbruch. Auf ihrem dritten Studioalbum »The Murder Trend« verbinden die Finnen Melodic Death Metal, Black Metal, Groove Metal, Industrial, progressive Strukturen, folkloristische Elemente und groteske Zirkusmusik. Die Band bezeichnet diesen schwer einzugrenzenden Stil selbst als Asylum Metal.

Albumstream

Veröffentlicht wird das Werk über Over The Border Records. Erzählt wird die chronologische Geschichte von Anton, dessen Kindheit von Gewalt, gesellschaftlicher Grausamkeit und institutionellem Versagen bestimmt wird. Als er eine Clownsmaske seiner Vorfahren entdeckt, entwickelt sich sein Leben von einer sozialen Tragödie zu einem mörderischen Albtraum. Aus dem Opfer wird ein Täter, aus persönlicher Rache entsteht eine Bewegung und aus der Maske schließlich ein Symbol, das von anderen übernommen wird.

Musikalisch beschränken sich Agarwaen nicht darauf, diese Geschichte mit einigen Horrorfilm-Samples zu dekorieren. Jeder Song übernimmt eine eigene erzählerische Funktion. Aggressive Riffs, Blastbeats, schwere Grooves, akustische Gitarren, Akkordeon, gesprochenes Wort und theatralische Stimmen verändern sich gemeinsam mit Antons geistigem Zustand. Das Ergebnis ist ein ambitioniertes und bewusst überladenes Album, das große Aufmerksamkeit verlangt. Wer geradlinigen Extreme Metal sucht, dürfte an den zahlreichen Stilwechseln verzweifeln. Wer sich auf das vollständige Konzept einlässt, erhält dagegen ein ungewöhnlich konsequentes musikalisches Horrortheater.

ANKUNFT IN DER GESCHLOSSENEN ABTEILUNG

»False Arrival« öffnet das Album nicht mit einem klassischen Gitarrenriff, sondern mit einem cineastischen Klangbild. Samples, elektronische Geräusche und unheilvolle Keyboards vermitteln den Eindruck, als würde eine alte Filmrolle anlaufen oder eine Tür zu einem verlassenen Behandlungsraum geöffnet. Das gut anderthalbminütige Intro etabliert keinen eigenständigen Song, erfüllt aber seine dramaturgische Aufgabe. Die Hörerschaft wird nicht einfach begrüßt, sondern in die Geschichte eingeschlossen.

Mit »Bad Beginning« setzt anschließend die Band ein. Rhythmusgitarre, Bass und Schlagzeug errichten einen schweren Groove, über dem Anthony „Vryko“ Hodju seine erste Figur entwickelt. Sein Gesang wechselt zwischen tiefen, aggressiven Tönen, heiseren Schreien, gesprochenen Passagen und auffällig melodischen Linien. Gelegentlich erinnert die Stimme sogar an Gothic Metal, nur um wenige Sekunden später erneut in rohe Extreme-Metal-Aggression umzuschlagen.

Diese Wechsel wirken nicht beliebig. Sie stellen Antons innere Zerrissenheit dar und machen den Gesang zu einem eigenständigen erzählerischen Instrument. Hodju singt nicht nur über eine Figur. Er spielt sie. Seine Stimme übernimmt verschiedene Rollen, verändert ihre Haltung und vermittelt den Eindruck mehrerer miteinander streitender Persönlichkeiten.

Die Gitarren von Pete Bay und Crazy Gustav setzen auf kurze, präzise gespielte Riffs. Statt dauerhaft mit hoher Geschwindigkeit zu arbeiten, lassen sie schwere Akkorde und kontrollierte Pausen aufeinanderfolgen. Dadurch erhält das Schlagzeug genügend Raum, um die einzelnen Bewegungen mit wuchtigen Akzenten zu verstärken. Dr. Wolfram hält den Bass deutlich hörbar und verleiht dem ohnehin massiven Klang zusätzliche Tiefe.

»Bad Beginning« führt überzeugend in die Geschichte ein. Der Song besitzt einen eingängigen Refrain, bewahrt aber genügend Unruhe, um nicht wie gewöhnlicher moderner Groove Metal zu wirken. Besonders die Verbindung aus melodischem Gesang, aggressiven Ausbrüchen und bedrückender Atmosphäre zeigt früh, dass die Bezeichnung Asylum Metal nicht bloß ein geschicktes Werbeetikett ist.

GOTTKOMPLEX UND SCHWARZMETALLISCHE WUT

»God Complex« beginnt vergleichsweise zugänglich. Harmonische Gitarren und ein kontrollierter Groove vermitteln für kurze Zeit eine trügerische Ruhe. Der Refrain besitzt eine beinahe eingängige Melodie, während Hodju seine Stimme weniger aggressiv einsetzt. Diese Ordnung hält jedoch nicht lange. Dissonante Gitarren, schrille Schreie und druckvolle Schlagzeugpassagen brechen immer wieder durch die melodische Oberfläche.

Der Song behandelt eine besonders verstörende Station in Antons Geschichte. Die Band verlässt sich dabei nicht allein auf einen schockierenden Inhalt, sondern übersetzt die psychische Belastung in musikalische Spannungen. Ruhigere Passagen stehen für kurze Momente vermeintlicher Sicherheit, während die aggressiven Ausbrüche den erneuten Kontrollverlust markieren.

Besonders überzeugend ist das präzise Zusammenspiel der Rhythmusgruppe. Bass und Schlagzeug bleiben eng miteinander verbunden, ohne dass Wolframs Instrument vollständig unter den Gitarren verschwindet. Die Basslinien verleihen den langsameren Stellen eine beinahe körperliche Schwere. Das Schlagzeug arbeitet mit treibender Doublebass, kontrollierten Fills und abrupten Unterbrechungen.

Mit »Orphan Son« rücken Black-Metal-Einflüsse stärker in den Vordergrund. Blastbeats, schnelle Gitarrenanschläge und heisere Schreie bestimmen wesentliche Teile des Songs. Gleichzeitig tauchen orientalisch gefärbte Melodien auf, die einen überraschenden Kontrast zur rohen Raserei bilden. Diese Verbindung hätte leicht künstlich wirken können, fügt sich aber erstaunlich geschlossen in das Arrangement ein.

Pete Bays Leadgitarre legt melodische Linien über das aggressive Fundament, während Crazy Gustav die Rhythmusarbeit mit hoher Präzision zusammenhält. Die schnellen Passagen bleiben trotz der dichten Produktion nachvollziehbar. Einzelne Anschläge und harmonische Bewegungen verschwinden nicht vollständig in einer undurchsichtigen Klangwand.

»Orphan Son« gehört zu den stärksten Stücken der ersten Albumhälfte. Der Song verbindet Wut, Melodie und erzählerische Entwicklung besonders wirkungsvoll. Hodju wechselt erneut zwischen verschiedenen Stimmfarben und verhindert dadurch, dass die lange Laufzeit monoton wird. Gleichzeitig entsteht erstmals der Eindruck, dass Antons Geschichte endgültig aus dem Bereich sozialer Tragödie in einen übernatürlich gefärbten Albtraum übergeht.

DIE SAMMLUNG DES GRAUENS

»La Colección« beginnt mit akustischen Gitarren und einer zurückhaltenden, beinahe intimen Atmosphäre. Nach der Geschwindigkeit von »Orphan Son« wirkt dieser Einstieg zunächst wie eine notwendige Ruhephase. Die Entspannung bleibt jedoch oberflächlich. Kleine harmonische Verschiebungen und Hodjus zunehmend theatralischer Gesang lassen früh erkennen, dass sich hinter der Sammlung nichts Harmloses verbirgt.

Mit mehr als sieben Minuten gehört die Nummer zu den längeren Kompositionen. Die Band nutzt diese Zeit für einen mehrteiligen Aufbau. Akustische Passagen gehen in schwere Gitarrenriffs über, während sich die Rhythmik zunehmend in Richtung grotesker Zirkusmusik bewegt. Perkussion, ungewöhnliche Betonungen und überzeichnete Stimmen erzeugen eine Atmosphäre zwischen schwarzer Komödie und psychologischem Horror.

Gerade hier zeigt sich die besondere Stärke von Agarwaen. Die Band kann innerhalb eines einzigen Songs von ernsthafter Melancholie zu groteskem Theater und anschließend zu aggressivem Extreme Metal wechseln, ohne das zentrale Konzept vollständig aus den Augen zu verlieren. Die Übergänge sind nicht immer weich, wirken aber bewusst gesetzt. Antons Wahrnehmung verliert zunehmend ihre Ordnung, und die Musik folgt dieser Entwicklung.

Hodju steht erneut im Mittelpunkt. Sein Gesang reicht von ruhigem Erzählen über melodische Passagen bis zu manischem Lachen und aggressiven Ausbrüchen. Eine zurückhaltendere Leistung hätte der Musik vermutlich mehr Raum gegeben, doch gerade die Übertreibung gehört zur Figur. Der Sänger führt nicht nur durch die Komposition, sondern übernimmt die Rolle eines unzuverlässigen Erzählers.

Instrumental bleibt »La Colección« trotz seiner theatralischen Oberfläche anspruchsvoll. Die Gitarren wechseln zwischen offenen Akkorden, schweren Riffs und kurzen melodischen Figuren. Bass und Schlagzeug müssen zahlreiche rhythmische Veränderungen auffangen. Besonders die Übergänge in die zirkusartigeren Abschnitte erfordern präzises Spiel, da bereits kleine Ungenauigkeiten den kontrollierten Wahnsinn in bloßes Chaos verwandeln würden.

Die lange Laufzeit ist größtenteils gerechtfertigt. Einige theatralische Wiederholungen hätten dennoch gestrafft werden können. Der Song will jedes Detail seiner Geschichte ausspielen und verliert dadurch zeitweise etwas musikalischen Zug. Als Verbindung zwischen der tragischen ersten Hälfte und dem folgenden Zirkus des Todes ist er jedoch unverzichtbar.

WILLKOMMEN IM ZIRKUS DES TODES

»Circo de la Muerte« ist einer der unmittelbarsten und eingängigsten Songs des Albums. Ein beinahe fröhlicher Zirkusrhythmus trifft auf schwere Gitarren und eine betont finstere Geschichte. Dieser Gegensatz erzeugt jene makabre Wirkung, die Agarwaen offenbar besonders liegt. Man kann sich dem Groove nur schwer entziehen, obwohl die erzählte Szene alles andere als ausgelassen ist.

Der Song entstand ursprünglich für einen Wettbewerb und prägte nach Aussage der Band schließlich die Ausrichtung des gesamten Albums. Diese zentrale Stellung ist nachvollziehbar. Innerhalb von weniger als vier Minuten bündelt die Nummer zahlreiche typische Elemente: theatralischen Gesang, extreme Ausbrüche, einen eingängigen Refrain, groteske Melodien und eine beinahe körperlich wirkende Rhythmik.

Hodju übernimmt die Rolle eines Zirkusdirektors, der das Geschehen mit übertriebener Freude lenkt. Seine Stimme springt zwischen klaren Melodien, schrillen Tönen und aggressivem Gebrüll. Die Gitarren halten dagegen mit einem einfachen, aber wirkungsvollen Hauptriff. Es ist nicht technisch überladen, besitzt jedoch eine starke rhythmische Identität.

Schlagzeug und Bass tragen entscheidend zum Erfolg bei. Die Musik muss gleichzeitig schwer und tänzerisch wirken. Szilard de la Costa setzt deshalb nicht ausschließlich auf Metal-Standardrhythmen, sondern integriert verschobene Akzente und perkussive Figuren. Wolframs Bass hält die Bewegung zusammen und gibt dem Refrain zusätzlichen Druck.

»Circo de la Muerte« gehört zu den besten Anspieltipps, weil die Nummer das Konzept des Albums in konzentrierter Form präsentiert. Sie ist grotesk, aggressiv, eingängig und bewusst überzeichnet. Wer mit diesem Song nichts anfangen kann, dürfte auch mit dem restlichen Werk kaum glücklich werden.

DIE JAGD BEGINNT

»The Hunt« verändert die Atmosphäre erneut. Ein düsteres Akkordeon eröffnet den Song und erzeugt eine feierliche, beinahe folkloristische Stimmung. Das Instrument wirkt nicht wie eine humoristische Zugabe, sondern wie ein ernsthafter Bestandteil des Arrangements. Es vermittelt den Eindruck eines alten Rituals, bevor die verzerrten Gitarren und das Schlagzeug einsetzen.

Die Nummer ist schwerer und bedrückender als »Circo de la Muerte«. Die Gitarren arbeiten mit tiefen Akkorden, während sich der Gesang zunächst kontrollierter entwickelt. Der Refrain wird von massiven Stimmen und einem drückenden Groove getragen. Erst später brechen schnellere und aggressivere Passagen durch.

Der Aufbau besitzt eine filmische Qualität. Statt gewöhnlich zwischen Strophe und Refrain zu wechseln, lässt die Band verschiedene Szenen ineinander übergehen. Das Akkordeon kehrt als verbindendes Element zurück, während die Gitarren den Druck schrittweise erhöhen. Dadurch entsteht tatsächlich das Gefühl einer Jagd, deren Ausgang bereits feststeht.

Die Produktion von Teemu Aalto bewahrt trotz der zahlreichen Schichten genügend Klarheit. Akkordeon, Gitarren, Bass, Schlagzeug und Stimmen bleiben unterscheidbar. Gerade bei einem derart dichten Arrangement wäre ein unkontrollierter Klang schnell ermüdend geworden. Das Mastering von Svante Forsbäck sorgt zusätzlich dafür, dass die schweren Passagen Wucht entwickeln, ohne die leiseren Momente vollständig zu erdrücken.

»The Hunt« ist weniger unmittelbar als der vorherige Song, wirkt im Zusammenhang der Geschichte aber ausgesprochen stark. Die Nummer zeigt außerdem, dass Agarwaen ungewöhnliche Instrumente nicht bloß als dekorative Besonderheit verwenden. Das Akkordeon übernimmt eine klare dramaturgische Aufgabe und prägt die gesamte Stimmung.

CLOWNS, KETTENSÄGEN UND KONTROLLIERTER WAHNSINN

Der Titel »Clowny Business« klingt zunächst beinahe albern. Musikalisch beginnt der Song tatsächlich mit grotesken, verspielt wirkenden Motiven. Die Gitarren setzen kurze Akzente, während Gesang und Rhythmusgruppe eine bewusst überzeichnete Zirkusatmosphäre aufbauen. Hinter dieser Oberfläche wächst jedoch zunehmend eine aggressive und chaotische Spannung.

Der Song arbeitet stark mit Gegensätzen. Leichtere, fast humoristische Passagen treffen auf harte Gitarrenriffs, wütende Stimmen und hektische Schlagzeugausbrüche. Die Musik wirkt wie eine Vorstellung, die zunächst unterhaltsam beginnt und anschließend vollkommen außer Kontrolle gerät.

Nicht jeder Übergang funktioniert gleichermaßen gut. Einige Wechsel sind so abrupt, dass der musikalische Fluss bewusst unterbrochen wird. Innerhalb des Konzepts ist diese Zerrissenheit nachvollziehbar, beim reinen Hören kann sie jedoch anstrengend wirken. Agarwaen verlangen, dass man der Handlung und nicht nur einzelnen Riffs folgt.

»Aenimus« führt diese Entwicklung weiter. Nach einem kurzen Atemholen setzt die Band mit hoher Geschwindigkeit ein. Die Gitarren rasen durch aggressive Passagen, während das Schlagzeug zwischen Blastbeats, Doublebass und schweren Grooves wechselt. Der Bass bleibt auch während der hektischen Stellen deutlich wahrnehmbar.

Die beinahe siebenminütige Nummer enthält einen ausgedehnten Horrorabschnitt, in dem Geräusche, Stimmen und eine Kettensäge die musikalische Struktur teilweise verdrängen. Als Teil der Geschichte funktioniert diese Passage. Sie verstärkt den Eindruck eines akustischen Horrorfilms und führt Antons Entwicklung an einen weiteren Tiefpunkt.

Rein musikalisch wird der Spannungsbogen dadurch allerdings stark gedehnt. Die Effekte sind eindrucksvoll, verlieren bei wiederholtem Hören aber einen Teil ihrer Überraschung. Wer das Album hauptsächlich wegen seiner Riffs auflegt, dürfte diesen Abschnitt gelegentlich überspringen. Wer »The Murder Trend« als vollständige Inszenierung betrachtet, wird ihn dagegen als notwendigen Bestandteil der Handlung verstehen.

Die instrumentalen Abschnitte von »Aenimus« gehören zu den härtesten Momenten. Besonders Schlagzeug und Rhythmusgitarre arbeiten mit hoher Präzision. Trotz der scheinbaren Unordnung sitzt jeder Tempowechsel, und die Band findet nach den experimentellen Passagen geschlossen in den jeweiligen Groove zurück.

FÜNFZEHN MINUTEN MORDTREND

Der abschließende Titelsong beansprucht mehr als 15 Minuten und führt sämtliche Bestandteile des Albums zusammen. »The Murder Trend« beginnt mit Samples, gesprochenem Wort und dissonanten Instrumenten. Tiefe Intervalle erzeugen eine ungelöste Spannung, während sich aus dem Klangbild nur langsam ein erkennbarer Song entwickelt.

Die ersten Minuten wirken wie eine weitere Filmszene. Stimmen, atmosphärische Geräusche und kurze instrumentale Andeutungen setzen die Geschichte fort. Erst danach treten Gitarren, Bass und Schlagzeug stärker hervor. Die Band wählt bewusst keinen sofortigen Höhepunkt, sondern lässt die Komposition schrittweise anwachsen.

Hodju liefert seine umfangreichste Gesangsleistung. Er wechselt zwischen melodischem Vortrag, tiefem Growling, aggressiven Schreien, gesprochenen Passagen und beinahe flüsternden Stimmen. Die unterschiedlichen Ausdrucksformen stehen für Antons vollständig zerfallende Persönlichkeit. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass der Protagonist längst nicht mehr allein spricht.

Musikalisch bewegt sich der Titeltrack durch mehrere Abschnitte. Schwere Grooves werden von schnelleren Extreme-Metal-Passagen, atmosphärischen Unterbrechungen und filmischen Samples abgelöst. Eine verfremdete Nachrichtensendung erweitert die persönliche Geschichte schließlich zu einem gesellschaftlichen Phänomen. Antons Maske und seine Taten werden von anderen übernommen. Aus einem einzelnen Täter entsteht der titelgebende Mordtrend.

Die Gitarrenarbeit bleibt trotz der erzählerischen Dominanz bemerkenswert. Pete Bay führt dissonante Linien über die schweren Rhythmusfiguren von Crazy Gustav. Einzelne Solopassagen setzen melodische Akzente, ohne die bedrückende Grundstimmung aufzulösen. Dr. Wolfram hält mit einem präsenten Bassklang das tiefe Fundament zusammen.

Szilard de la Costa muss zahlreiche Übergänge bewältigen. Langsame, schwere Rhythmen wechseln mit hektischen Passagen und weitgehend freien atmosphärischen Abschnitten. Sein Spiel bleibt kontrolliert und führt die Band zuverlässig durch die verschiedenen Szenen. Gerade bei einer derart langen und wechselhaften Komposition ist diese rhythmische Stabilität unverzichtbar.

Die Länge des Titeltracks ist zugleich Stärke und Schwäche. Als Abschluss der Geschichte benötigt er ausreichend Raum, um die verschiedenen Handlungsstränge zusammenzuführen. Einige Samples und gesprochene Passagen werden jedoch ausgedehnter eingesetzt, als es für die musikalische Wirkung notwendig wäre. Beim ersten vollständigen Durchlauf entwickelt das Finale große Intensität. Bei späteren Wiederholungen kann sich der Weg zum nächsten instrumentalen Abschnitt etwas lang anfühlen.

Trotzdem ist »The Murder Trend« ein würdiger Abschluss. Die Nummer zeigt den größten Ehrgeiz der Band und macht deutlich, dass dieses Album nicht als lose Sammlung einzelner Songs gedacht ist. Die Geschichte endet nicht mit einem gewöhnlichen Schlussriff, sondern mit dem Gefühl, dass sich der Wahnsinn außerhalb der Musik weiterverbreitet.

DIE STIMME ALS HAUPTDARSTELLER

Anthony Hodjus Gesang ist das auffälligste Element des Albums. Er verwendet seine Stimme nicht nur zur Wiedergabe von Texten, sondern als schauspielerisches Mittel. Growls, Schreie, klare Melodien, Sprechgesang, Flüstern und groteske Charakterstimmen wechseln teilweise innerhalb weniger Sekunden.

Diese Vielseitigkeit verleiht dem Konzept Glaubwürdigkeit. Die Entwicklung von Anton wäre mit einem dauerhaft gleichförmigen Gesang kaum überzeugend darstellbar gewesen. Hodju vermittelt Angst, Wut, Verletzlichkeit, Größenwahn und vollständigen Kontrollverlust. Besonders in »God Complex«, »La Colección« und dem Titeltrack wird seine Stimme zum eigentlichen Mittelpunkt.

Die starke Präsenz kann jedoch auch ermüden. Gelegentlich erhält der Gesang so viel Raum, dass die instrumentalen Details in den Hintergrund treten. Manche überzeichneten Passagen bewegen sich bewusst nahe am Theater oder Hörspiel. Wer eine konventionelle Metal-Stimme bevorzugt, dürfte diese Darbietung als anstrengend empfinden.

Gerade diese Kompromisslosigkeit verleiht Agarwaen allerdings ihre Identität. Eine zurückhaltendere oder technisch glattere Stimme würde das Material vermutlich zugänglicher, aber auch deutlich gewöhnlicher machen. Hodju polarisiert, und das ist für eine Band mit diesem Konzept eher Vorteil als Problem.

PRÄZISION HINTER DER THEATRALIK

Die zahlreichen Samples, Stimmen und erzählerischen Elemente dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass hinter »The Murder Trend« eine technisch starke Band steht. Pete Bay und Crazy Gustav teilen ihre Aufgaben klar auf. Die Rhythmusgitarre liefert das schwere Fundament, während die Leadgitarre melodische, dissonante und atmosphärische Linien ergänzt.

Die Riffs sind selten reine Demonstrationen von Fingerfertigkeit. Ihre Wirkung entsteht aus rhythmischer Präzision, kontrollierten Pausen und dem Zusammenspiel mit Schlagzeug und Bass. Besonders »Orphan Son«, »The Hunt« und »Aenimus« zeigen, wie sicher die Musiker zwischen Blastbeats, schweren Grooves und progressiveren Übergängen wechseln.

Dr. Wolframs Bass ist erfreulich präsent. Er verdoppelt nicht ausschließlich die Gitarren, sondern gibt den Songs eine eigene Bewegung. Gerade in den langsameren Passagen trägt sein Instrument erheblich zur bedrückenden Atmosphäre bei. Die Produktion lässt genügend Mitten stehen, damit die Basslinien auch unter stark verzerrten Gitarren hörbar bleiben.

Das Schlagzeug liefert die notwendige Kontrolle. Der scheinbare Wahnsinn des Albums ist genau arrangiert. Blastbeats, Doublebass, folkloristische Rhythmen, Zirkusmotive und schwere Groove-Metal-Passagen müssen präzise ineinandergreifen. Die Band bewältigt diese Wechsel ohne hörbare Unsicherheiten.

Teemu Aaltos Produktion hält die große Anzahl an Elementen erstaunlich gut zusammen. Die Gitarren besitzen Druck, der Bass bleibt wahrnehmbar und das Schlagzeug klingt kraftvoll. Samples und atmosphärische Instrumente werden nicht einfach über die Metal-Spuren gelegt, sondern räumlich in das Gesamtbild integriert.

Svante Forsbäcks Mastering sorgt für ausreichende Lautstärke, bewahrt aber die Unterschiede zwischen den ruhigen und aggressiven Passagen. Gerade bei einem Album, das häufig zwischen Flüstern und massiver Gewalt wechselt, wäre eine vollständig eingeebnete Dynamik problematisch gewesen.

KONZEPTALBUM ODER AKUSTISCHER HORRORFILM?

Die größte Stärke von »The Murder Trend« ist seine Geschlossenheit. Trotz der vielen Stilwechsel entsteht kein beliebiges Sammelsurium. Sämtliche musikalischen Entscheidungen folgen Antons Entwicklung. Die melancholischen Passagen stehen für seine Verletzlichkeit, die aggressiven Riffs für seine Wut und die Zirkusmotive für den Einfluss der Maske und des Familienfluchs.

Das zwölfseitige Booklet erweitert die Geschichte um zusätzliche Dokumente und Informationen. Dadurch wird deutlich, dass Agarwaen ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Text, visueller Gestaltung und Bühnentheater anstreben. Die Songs funktionieren einzeln, entfalten ihre vollständige Bedeutung aber erst im Zusammenhang.

Diese konsequente Ausrichtung schränkt zugleich die Zugänglichkeit ein. Mit beinahe einer Stunde Spielzeit, mehreren langen Kompositionen, zahlreichen Samples und häufigen Stilwechseln verlangt das Album hohe Aufmerksamkeit. Nebenbei hören lässt sich dieses Werk nur bedingt.

Einige Songs könnten kompakter sein. »La Colección«, »Aenimus« und der Titeltrack enthalten Passagen, die für die Geschichte sinnvoll, musikalisch aber nicht immer notwendig erscheinen. Das Konzept erhält dadurch mehr Raum als der unmittelbare Songfluss.

Auch die zahlreichen Einflüsse werden nicht jeden überzeugen. Melodic Death Metal, Black Metal, Industrial, Gothic, Folk, Groove Metal und Zirkusmusik können innerhalb weniger Minuten aufeinandertreffen. Für manche Hörer ist genau das die große Stärke. Andere werden darin Überladung erkennen.

Agarwaen gelingt jedoch etwas, das wesentlich schwieriger ist als das Schreiben einer geradlinigen Metalplatte: Die Band besitzt eine klar erkennbare eigene Welt. Vergleiche mit Avatar, Rob Zombie, King Diamond, Mr. Bungle oder Rammstein können einzelne Aspekte beschreiben, erfassen das Gesamtbild aber nur unvollständig.

FAZIT:

»The Murder Trend« ist ein ambitioniertes, verstörendes und musikalisch ungewöhnlich vielseitiges Konzeptalbum. Agarwaen verbinden Melodic Death Metal, Black Metal, Groove, Industrial, progressive Strukturen und groteske Zirkusmusik zu ihrem selbst definierten Asylum Metal. Die chronologische Geschichte um Anton wird nicht nur erzählt, sondern durch Gesang, Rhythmik, Instrumentierung und Produktion hörbar gemacht.

Anthony „Vryko“ Hodju liefert eine extrem theatralische und vielseitige Gesangsleistung. Pete Bay und Crazy Gustav überzeugen mit schweren Riffs, dissonanten Melodien und präzisem Zusammenspiel. Dr. Wolframs deutlich hörbarer Bass und das flexible Schlagzeug geben selbst den chaotischsten Passagen ein stabiles Fundament. Besonders »Orphan Son«, »La Colección«, »Circo de la Muerte«, »The Hunt« und der abschließende Titeltrack zeigen die eigenständige Handschrift der Finnen.

Die beinahe einstündige Spielzeit, lange Samples und einzelne ausgedehnte Theaterpassagen verlangen allerdings Geduld. Nicht jeder Stilwechsel wirkt vollkommen flüssig, und manches erzählerische Detail bremst beim wiederholten Hören den musikalischen Verlauf. Als Sammlung unkomplizierter Metalsongs funktioniert das Album daher nur eingeschränkt. Als akustischer Horrorfilm und geschlossenes Gesamtkonzept besitzt »The Murder Trend« jedoch enorme Wirkung. Wer bereit ist, die Tür zur Anstalt zu öffnen, sollte anschließend nicht darauf vertrauen, sie von innen wieder aufschließen zu können.

Agarwaen – Circo de la Muerte – Official Music Video

Internet

Agarwaen - The Murder Trend - CD Review

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