Tracklist
01. The Faggot In You
02. Hate Yourself With Style
03. Dirty Lies
04. The Best & The Worst
05. Breakout
06. Right To Rape
07. What We’ve Got Is What You’re Getting
08. Sick Of Myself
09. Hypocrite
10. Without A Case
11. God Is Dead
Besetzung
Zak Tell – Vocals
Bård Torstensen – Guitars, Keyboards, Backing vocals
Jocke Skog – Keyboards, Guitars, Bass, Programming, Backing Vocals
Mické Dahlén – Drums
André Skaug – Bass
CLAWFINGER gehören zu den wenigen europäischen Bands, die Rap-Metal nicht nur adaptiert, sondern ihm in den 90ern eine eigene Handschrift verpasst haben. Gegründet in Stockholm, mischte die Band früh harte Gitarren mit Hip-Hop-Attitüde, elektronischen Elementen und einer klaren politischen Haltung. Frontmann Zak Tell war dabei immer mehr Sprachrohr als klassischer Sänger. Auf »Before We All Die« zeigt sich diese Rolle besonders deutlich.
Rap Metal als Gesellschaftsdiagnose
»Before We All Die« ist kein Wohlfühlalbum. Es ist laut, unbequem und voller Konfrontation. CLAWFINGER nutzen Rap-Metal hier nicht als bloßen Stil, sondern als Werkzeug. Die Riffs sind massiv, oft groovend statt technisch verspielt, während die Beats und Samples den urbanen Charakter verstärken. Was das Album aber wirklich trägt, sind die Texte. Zak Tell rappt und shoutet über Rassismus, Gewalt, Heuchelei, Religion und Selbstzerstörung, ohne große Metaphern, sondern frontal, manchmal provokant bis zur Schmerzgrenze.
Der Sound ist typisch 90er, aber erstaunlich zeitlos. Fette Gitarren treffen auf Industrial-Anleihen, dazu ein trockener, fast klinischer Mix. Produziert wurde das Album von der Band selbst, was man hört: Nichts ist glattgebügelt, alles wirkt roh und direkt, fast wie ein vertonter Wutanfall mit System.
Provokation als Konzept
Schon der Opener »The Faggot In You« macht klar, dass CLAWFINGER hier nicht auf politische Korrektheit setzen. Der Titel ist bewusst schockierend gewählt, der Song selbst richtet sich gegen Homophobie und die Angst vor dem „Anderen“. Dieses Spiel mit Provokation zieht sich durch das ganze Album. »Right To Rape« ist ähnlich heftig, thematisch ein Angriff auf Sexismus und Machtmissbrauch. CLAWFINGER riskieren Missverständnisse, um Aufmerksamkeit zu erzwingen. Das ist nicht subtil, aber effektiv.
Gerade diese Direktheit unterscheidet »Before We All Die« von vielen Genre-Kollegen. Während andere Rap-Metal-Bands oft bei Selbstinszenierung oder Party-Attitüde landen, bleibt CLAWFINGER politisch und gesellschaftskritisch. Das Album fühlt sich eher wie ein Kommentar zur Welt an als wie eine bloße Sammlung von Songs.
Zwischen Aggression und Selbsthass
Neben den politischen Themen gibt es auf dem Album auch eine stark persönliche Ebene. »Hate Yourself With Style« oder »Sick Of Myself« beschäftigen sich mit Selbstverachtung, Identitätsproblemen und innerem Druck. Hier zeigt sich eine andere Seite der Band: weniger Anklage, mehr Selbstreflexion. Musikalisch bleiben die Songs hart, wirken aber emotionaler und teilweise fast melancholisch unter der Oberfläche.
»The Best & The Worst« und »Hypocrite« verbinden beide Ebenen, gesellschaftliche Kritik und persönliche Frustration. Gerade diese Mischung macht das Album so glaubwürdig. CLAWFINGER predigen nicht von oben herab, sondern wirken selbst Teil des Problems, das sie beschreiben.
Sounddesign und Banddynamik
Musikalisch lebt »Before We All Die« von der engen Verzahnung der Bandmitglieder. Die Gitarren von Bård Torstensen und Jocke Skog sind weniger komplex als effektiv, oft mit simplen, aber druckvollen Riffs. Die Keyboards und Samples sorgen für industrielle Atmosphäre, während das Rhythmusfundament aus Mické Dahléns Drums und André Skaugs Bass konstant nach vorne treibt.
Was auffällt: Trotz aller Härte wirkt das Album nie chaotisch. Die Songs sind klar strukturiert, Hooks sitzen, Refrains bleiben hängen. Selbst Tracks wie »Dirty Lies« oder »Breakout« haben fast schon poppige Qualitäten, nur eben in einem sehr aggressiven Gewand.
Ein Kind seiner Zeit, aber kein Relikt
»Before We All Die« ist tief in den 90ern verwurzelt, sowohl soundästhetisch als auch thematisch. Die Wut auf Medien, Politik, Religion und soziale Doppelmoral passt perfekt in die Post-Grunge- und Crossover-Ära. Trotzdem wirkt das Album heute kaum veraltet. Die Themen sind leider immer noch aktuell, vielleicht sogar mehr denn je.
Natürlich merkt man dem Album seine Zeit an, vor allem in den Beats und Samples. Aber genau das gibt ihm Charakter. Es klingt nicht nach moderner Metal-Produktion, sondern nach einer Band, die etwas loswerden musste, ohne Rücksicht auf Trends.
»Before We All Die« ist kein leicht konsumierbares Album, sondern eine aggressive Momentaufnahme voller Frust, Sarkasmus und gesellschaftlicher Kritik. CLAWFINGER liefern hier eines der konsequentesten Rap-Metal-Alben der 90er ab. Die Kombination aus politischer Provokation, persönlicher Offenheit und massivem Sound funktioniert auch Jahrzehnte später noch erstaunlich gut.
Wer Rap-Metal nur mit oberflächlichem Crossover verbindet, bekommt hier eine deutlich ernstere, unbequemere Version des Genres. »Before We All Die« ist laut, direkt und manchmal schwer zu ertragen, aber genau das macht es so stark.
Fazit: CLAWFINGER gelingt mit »Before We All Die« ein kraftvolles Statement im Genre des Rap-Metal.

