Tracklist
01. Et Quand Il Pleut, Je Danse
02. The Great Escape
03. Petit Bateau
04. Wrath
05. Island Of Lost Soul
06. Your Body
07. Vert Doux
Besetzung
Guillaume Beringer / XCIII – Musik, Texte, Konzept
Gastbeiträge:
Louison – Gaststimme auf „Et Quand Il Pleut, Je Danse“ und „Petit Bateau“
Beanzy – Gastbeitrag auf „Island Of Lost Soul“
Aus Frankreich kommt auf euch etwas ganz Eigenwilliges zu, und zwar ein Werk, das sich nicht so einfach in eine Schublade stopfen lässt, ohne dass die Schublade beleidigt zurückschlägt. XCIII präsentieren mit »In Puncto Ad Inferna Descendunt« keine klassische Metal-Platte, sondern eine kurze, dichte, abgründige Reise zwischen Avantgarde Post Rock, Coldwave, Ambient, dunkler Elektronik und kleinen schwarzen Metal-Schatten, die immer wieder aus der Wand kriechen.
Hinter XCIII steht Guillaume Beringer, der das Projekt als eine Art persönliches Klangtheater führt. Der Bandname steht für die römische Zahl 93 und verweist auf Charles Baudelaires Gedicht »À Une Passante« aus »Les Fleurs du Mal«. Das passt, denn auch diese Veröffentlichung lebt von Flüchtigkeit, dunkler Schönheit, verstörender Zärtlichkeit und Momenten, die nur kurz aufblitzen, bevor sie wieder im Schatten verschwinden.
AVANTGARDE MIT OFFENER FALLTÜR
»In Puncto Ad Inferna Descendunt« ist keine Veröffentlichung, die auf klassische Songlogik setzt. Wer hier Strophe, Refrain, Gitarrensolo und nochmal Refrain erwartet, wird vermutlich schauen wie der Ochs vorm Industrial-Synthesizer. Die Musik funktioniert eher über Atmosphäre, Schichtung und psychologische Spannung. Post-Rock-Flächen treffen auf Coldwave-Kühle, dazu kommen elektronische Pulsierungen, gelegentliche Black-Metal-Anflüge, Sprach- und Gesangsfragmente sowie eine unheimliche Nähe zu Trip-Hop und düsterem Art Rock.
Man hört sehr schnell, warum in der Presse Namen wie Ulver, The Pineapple Thief, Porcupine Tree, Lunatic Soul, Anathema und Massive Attack fallen. XCIII klingen aber nicht wie eine Kopie dieser Referenzen. Vielmehr wird aus diesen Einflüssen ein eigener Zustand gebaut: traumartig, verwischt, unbequem, manchmal fast sanft, dann wieder wie ein kalter Griff an den Nacken.
ZWISCHEN ABGRUND UND KINDERSTIMME
Ein zentrales Motiv dieser EP ist der Abstieg. Nicht als plumpe Höllenfahrt mit Plastikflammen, sondern als innerer Fall. Der Titel »In Puncto Ad Inferna Descendunt« trägt bereits dieses Gefühl in sich: ein plötzlicher Moment, ein Riss, ein kurzer Schritt, und man ist weiter unten, als man je sein wollte. Guillaume Beringer beschreibt das Werk als verschiedene Abstiege in den Abgrund, mit einer Gewalt, die nicht einfach brutal, sondern fast körperlos und liminal wirkt. Genau so klingt diese Musik: nicht wie ein Faustschlag, sondern wie ein Traum, der langsam unangenehm wird.
Besonders stark ist die Einbindung von Louison, der Tochter von Guillaume Beringer. Ihre Stimme bringt eine kindliche, fast zerbrechliche Ebene hinein, die nicht niedlich wirkt, sondern gespenstisch. Dieser Kontrast zwischen Unschuld und dunkler Klangarchitektur macht die Platte an mehreren Stellen richtig interessant. Da wird nicht einfach ein Gastbeitrag als Effekt eingebaut, sondern ein emotionales Gegengewicht geschaffen.
DER REGEN TANZT NICHT ALLEIN
»Et Quand Il Pleut, Je Danse« eröffnet die EP mit einer merkwürdigen Mischung aus Unschuld, Melancholie und unterschwelliger Bedrohung. Der Titel klingt fast poetisch leicht, aber die Musik setzt direkt eine andere Färbung darunter. Die Stimme von Louison gibt dem Stück eine kindliche Aura, während die Instrumentierung dieses Gefühl langsam in dunklere Räume zieht. Das ist kein fröhlicher Regentanz, sondern eher ein Versuch, im Unwetter nicht stillzustehen.
Musikalisch arbeiten XCIII hier stark mit Kontrasten: sanfte, fast fragile Momente werden von elektronischer Kühle und dunkler Atmosphäre unterwandert. Der Song wirkt wie ein Fenster, durch das man in eine Welt blickt, die zunächst schön aussieht, aber sobald man genauer hinsieht, merkt man: Da stimmt was nicht. Genau dieser Reiz trägt den Einstieg sehr gut.
FLUCHTWEGE OHNE AUSGANG
»The Great Escape« trägt schon im Titel den Wunsch nach Befreiung. Aber natürlich sind wir hier nicht im Stadionrock, Hoschi. Diese Flucht klingt nicht triumphal, sondern unsicher. Die rhythmische Struktur wirkt etwas beweglicher, die elektronischen Elemente treten deutlicher hervor, und unter der Oberfläche liegt eine nervöse Spannung. Es ist, als würde man rennen, aber nicht wissen, ob man dem Abgrund entkommt oder nur schneller darauf zusteuert.
Hier zeigen XCIII sehr schön, wie sie Post-Rock-Dynamik und Coldwave-Stimmung verbinden. Der Song baut keine große Explosion im klassischen Sinne auf, sondern lässt seine Unruhe durch kleine Verschiebungen wachsen. Die Spannung kommt nicht aus brachialem Geballer, sondern aus der Frage, wann diese kontrollierte Oberfläche endlich bricht.
PETIT BATEAU AUF SCHWARZEM WASSER
Mit »Petit Bateau« folgt einer der eindringlichsten Momente der Platte. Wieder ist Louison zu hören, und wieder entsteht diese sonderbare Reibung zwischen kindlicher Stimme und dunkler Umgebung. Der Titel ruft Bilder eines kleinen Bootes hervor, aber bei XCIII fährt dieses Boot nicht gemütlich über einen klaren See. Es treibt eher nachts auf schwarzem Wasser, ohne Ziel, ohne Ufer, ohne richtige Kontrolle.
Musikalisch ist das Stück kompakt, aber atmosphärisch sehr dicht. Die Melodien wirken einfach, fast naiv, doch genau daraus entsteht die Beklemmung. Wenn Unschuld in eine Umgebung gestellt wird, die nicht sicher ist, braucht es keine Prügelorgie, um Unruhe zu erzeugen. Das Stück zeigt, dass XCIII ihre stärksten Momente oft dann haben, wenn sie Härte nicht aus Lautstärke, sondern aus Stimmung entwickeln.
WUT AUS DEM NEBEL
»Wrath« zieht die Platte in eine härtere Richtung. Hier wird die Dunkelheit körperlicher, kantiger, giftiger. Der Titel bedeutet Zorn, und genau diesen Zorn hört man nicht als plumpes Geschrei, sondern als Druck, der aus dem Inneren kommt. Die Black-Metal-Schatten werden deutlicher, die Atmosphäre bekommt mehr Kälte, und die Musik wirkt weniger träumerisch als zuvor.
Das ist wichtig für den Fluss der EP, denn nach den fast geisterhaften ersten Stücken braucht es diesen Einschnitt. »Wrath« ist nicht einfach der harte Track für die Metal-Fraktion, sondern ein notwendiger Bruch im emotionalen Verlauf. Hier wird aus dem Abstieg ein Widerstand, aus der Melancholie eine innere Spannung. Die Nummer gibt dem Werk mehr Biss, ohne den avantgardistischen Charakter zu verlieren.
VERLORENE INSEL, VERLORENE SEELE
»Island Of Lost Soul« bringt mit Beanzy einen weiteren Gastbeitrag ins Spiel und erweitert das Klangbild noch einmal. Die Nummer öffnet sich in Richtung urbaner, fast trip-hop-artiger Schattenwelt. Hier merkt man besonders, dass XCIII keine Angst vor stilistischen Fremdkörpern haben. Rap-Elemente, dunkle Elektronik, Ambient-Flächen und Post-Rock-Anteile werden nicht fein säuberlich sortiert, sondern ineinander geschoben.
Das könnte theoretisch schnell nach Baustelle klingen, funktioniert hier aber erstaunlich kohärent. Der Song wirkt wie ein innerer Monolog auf einer Insel, die mehr psychischer Zustand als realer Ort ist. Verlorenheit wird nicht als großer Pathos-Moment ausgestellt, sondern als dumpfes Weiterexistieren. Gerade diese Zurückhaltung macht das Stück stark.
KÖRPER, NÄHE UND KÄLTE
»Your Body« arbeitet stärker mit körperlicher Präsenz. Der Titel klingt unmittelbar, vielleicht sogar intim, doch die Musik legt sofort eine Distanz darüber. Hier geht es nicht um Wärme, sondern um Wahrnehmung, Entfremdung und die Frage, wie nah man einem Körper sein kann, ohne wirklich Nähe zu empfinden. Die elektronischen Elemente geben dem Song eine kalte, beinahe klinische Seite.
Musikalisch ist das einer der Songs, bei dem die Coldwave-Färbung besonders gut greift. Der Track pulsiert, aber er explodiert nicht. Er bleibt kontrolliert, fast eingefroren. Genau dadurch entsteht eine unheimliche Spannung. XCIII machen hier keine Musik für den schnellen Kick, sondern für dieses unangenehme Nachhallen, das erst später so richtig greift.
VERT DOUX UND DER LETZTE SCHIMMER
Der Abschluss »Vert Doux« wirkt wie ein letzter, grüner Schimmer in einer Landschaft, die längst ausgekühlt ist. Der Titel lässt etwas Weiches, beinahe Sanftes vermuten, doch auch hier bleibt diese typische XCIII-Ambivalenz erhalten. Schönheit und Verstörung liegen direkt nebeneinander. Das Stück wirkt wie ein Ausklang, aber nicht wie eine Erlösung. Eher wie ein Moment, in dem man kurz innehält und merkt, dass der Abstieg nicht vorbei ist, sondern nur leiser geworden ist.
Als Abschluss funktioniert »Vert Doux« sehr gut, weil es die Platte nicht mit einem übergroßen Finale zukleistert. Stattdessen klingt die EP aus, als würde sich ein Bild langsam auflösen. Keine Faust in die Luft, kein Happy End, kein dramatischer Schlussakkord. Nur ein Nachhall, der sich festsetzt.
KLANG, KONZEPT UND WIRKUNG
Die Produktion von »In Puncto Ad Inferna Descendunt« lebt von Räumlichkeit und Textur. Hier wird nicht alles nach vorne geprügelt, sondern vieles schwebt, flackert, pulsiert oder liegt wie Nebel über der Musik. Das macht die EP sehr atmosphärisch, verlangt aber auch Aufmerksamkeit. Nebenbei beim Staubsaugen funktioniert das eher nicht, außer man möchte sich dabei wie in einem französischen Arthouse-Albtraum fühlen.
Stark ist vor allem, wie geschlossen das Werk trotz der stilistischen Vielfalt klingt. XCIII verbinden Avantgarde, Post Rock, Coldwave, Ambient, Black-Metal-Schatten und elektronische Experimente nicht als wildes Genre-Bingo, sondern als zusammenhängende Klangsprache. Die Musik ist nicht immer bequem, aber sie ist konsequent. Und genau das zählt hier.
NICHT METAL GENUG? GERADE DESHALB SPANNEND
Natürlich muss man klar sagen: Wer hier ein klassisches Metal-Album erwartet, wird möglicherweise enttäuscht sein. »In Puncto Ad Inferna Descendunt« ist keine Riffplatte im üblichen Sinne. Es gibt keine durchgehende Schlagzeugwalze, keine permanenten Blastbeats, keine Gitarrenwand, die alles niederbügelt. Die Härte entsteht vielmehr aus Stimmung, Abgrund, Kälte und dieser unangenehmen Mischung aus Schönheit und Verfall.
Gerade deshalb passt diese EP aber in den Metal-Underground-Kontext. Denn Underground bedeutet nicht nur schneller, lauter, härter. Es bedeutet auch: eigenwilliger, riskanter, sperriger. Und genau das ist XCIII. Dieses Projekt geht nicht den sicheren Weg. Es baut lieber einen dunklen Flur, stellt ein Kinderspielzeug in die Ecke, lässt irgendwo eine Basslinie pochen und wartet, bis der Hörer selbst merkt, dass die Tür hinter ihm zu ist.
KLEINER UMFANG, GROSSE SCHATTEN
Mit knapp 25 Minuten ist »In Puncto Ad Inferna Descendunt« eher eine Maxi-EP als ein voll ausgewachsenes Album. Das ist aber kein Nachteil. Im Gegenteil: Die Kürze sorgt dafür, dass die Stimmung nicht ausfranst. Jeder Song hat seine Funktion, und bevor sich der experimentelle Ansatz zu sehr ausdehnt, ist der Spuk auch schon wieder vorbei.
Trotzdem bleibt ein kleiner Kritikpunkt: Nicht jede Idee bekommt denselben Raum zur Entfaltung. Manche Passagen wirken eher wie Skizzen eines größeren Klangkosmos. Gerade weil die Atmosphäre so stark ist, hätte man sich hier und da noch etwas mehr Entwicklung gewünscht. Aber lieber eine kurze Platte mit klarer Handschrift als 70 Minuten aufgeblasenes Konzeptgedöns, bei dem nach der Hälfte keiner mehr weiß, wo vorne und hinten ist.
FAZIT:
»In Puncto Ad Inferna Descendunt« ist ein düsteres, eigenwilliges und atmosphärisch sehr starkes Werk zwischen Avantgarde Post Rock, Coldwave, Ambient und schwarzen Metal-Schatten. XCIII liefern keine Musik für schnelle Genre-Schubladen, sondern eine kurze, intensive Reise in innere Abgründe. Das Album wirkt wie ein Traum, der zuerst schön aussieht und dann langsam seine Zähne zeigt.
Die stärksten Momente sind »Et Quand Il Pleut, Je Danse«, »Petit Bateau«, »Wrath«, »Island Of Lost Soul« und »Vert Doux«. Besonders die Gastbeiträge von Louison geben dem Werk eine eigenartige, fragile und zugleich verstörende Note. Kleine Abzüge gibt es dafür, dass manche Ideen gerne noch länger hätten wachsen dürfen und das Ganze eher EP- als Album-Charakter besitzt.
Für Freunde von Ulver, Massive Attack, Lunatic Soul, Anathema, Porcupine Tree oder dunklem Art-/Post-Rock mit avantgardistischer Schlagseite ist »In Puncto Ad Inferna Descendunt« eine klare Empfehlung. Kein leichtes Werk, kein klassischer Metal-Brocken, aber ein spannender Abstieg mit Stil, Schatten und Substanz.






