Dead Void - Cranial Devastation - cover artwork

Band: Dead Void 🇩🇰
Titel: Cranial Devastation
Label: Dark Descent Records / Me Saco Un Ojo Records
VÖ: 05.06.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Death Metal /Doom Metal / Old School Death Metal / Blackened Death Metal

Tracklist

01. Regurgitation of Ancient Manifestations
02. Isolation’s Hold
03. Phantosmial Stench of Decay
04. Cranial Devastation
05. Jeg Kan Ikke Flygte Fra Mig Selv

Besetzung

A. – Schlagzeug, Bass, Gesang
K. – Gitarren, Bass, Gesang

Marcus Ferreira Larsen – Aufnahme und Mix
James Plotkin – Mastering
Odilon Redon – Covermotiv
Alejandro Tedín / Heresie Studios – Layout und Design

Live im Studio No Master’s Voice aufgenommen, ergänzt durch weitere Aufnahmen von Dead Void.

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Ein tonnenschwerer Death-Doom-Brocken wird uns hier von Dead Void vor die Füße geworfen, aber mit Schmackes Hoschi!. Auf »Cranial Devastation« verbinden die Kopenhagener schleppende Doom-Passagen mit verwesendem Death Metal, schwarzen Ausbrüchen und einer Rhythmussektion, die klingt, als würde sie gerade die Statik des Hörraums überprüfen. Die fünf Stücke benötigen keine moderne Hochglanzpolitur: Gitarren, Bass, Schlagzeug und zwei extreme Stimmen formen eine organische Klangmasse, die langsam walzt, plötzlich beschleunigt und dabei kein Interesse daran zeigt, ob der Hörer noch bequem sitzt.

YouTube Art Playlist: Cranial Devastation

DAS GEHIRN BEKOMMT KEINE SCHONZEIT

Vier Jahre nach »Volatile Forms« wirken Dead Void beweglicher und unberechenbarer. Die Band hält weiterhin an tiefen, langsam mahlenden Death-Doom-Riffs fest, lässt die Musik diesmal aber häufiger ausbrechen. Plötzliche Beschleunigungen, bestialische Attacken und leicht schwarzmetallische Passagen sorgen dafür, dass die Platte nicht 34 Minuten lang im selben Grab herumstapft.

Gerade diese Dynamik macht »Cranial Devastation« stärker als eine bloße Wiederholung des Debüts. Die langsamsten Stellen besitzen weiterhin enormes Gewicht, werden jedoch von hektischen Einschüben unterbrochen. Das ist ungefähr so entspannend wie ein Massagesessel, der sich nach drei Minuten als hydraulische Schrottpresse entpuppt.

Die weitgehend live eingespielte Produktion unterstützt diesen Charakter. Kleine Unsauberkeiten bleiben erhalten, Instrumente reagieren hörbar aufeinander und die Songs vermitteln den Eindruck einer Band, die gemeinsam im Raum steht. Hier wurde nicht jede Note mit der digitalen Pinzette geradegerückt – und das ist auch gut so.

ALTE ERSCHEINUNGEN KEHREN ZURÜCK

»Regurgitation of Ancient Manifestations« beginnt mit einem Bass, der sofort klarmacht, dass er nicht nur zur Dekoration eingeladen wurde. Das Instrument liegt breit unter den Gitarren und entwickelt einen eigenen, bedrohlichen Puls. Wenn die ersten Riffs einsetzen, entsteht daraus kein gemütlicher Doom-Gang, sondern eine langsame Beschwörung, die zunehmend außer Kontrolle gerät.

Der Titel lässt sich als Wiederkehr längst begraben geglaubter Erscheinungen, Gedanken oder Kräfte verstehen. Etwas Archaisches wird nicht bewusst heraufbeschworen, sondern gegen den eigenen Willen wieder ausgespuckt. Die Vergangenheit bleibt somit kein abgeschlossenes Kapitel. Sie tritt erneut in die Gegenwart und beansprucht ihren Platz.

K. setzt an der Gitarre auf schwere Akkordfolgen und kranke Leadfragmente, die nicht melodisch auflösen, sondern die Spannung weiter erhöhen. A. reagiert am Schlagzeug mit langsamen, hart gesetzten Schlägen, bevor das Stück in schnellere Bewegungen kippt. Beide Musiker übernehmen Gesang, wodurch sich tiefe Growls, aufgerissene Schreie und halb erstickte Ausbrüche gegenseitig ablösen.

Der Schluss gehört erneut dem Bass. Seine Linie bleibt nach dem Ende des Songs beinahe stärker im Gedächtnis als manches Gitarrenriff. Der Tieftonbereich hat auf diesem Album ohnehin Hausrecht; alle anderen dürfen klingeln.

ISOLATION ALS GEFÄNGNIS

»Isolation’s Hold« behandelt Isolation nicht als freiwillige Ruhe, sondern als Kraft, die einen Menschen festhält. Der Titel beschreibt keinen abgeschiedenen Rückzugsort, sondern einen Griff, aus dem sich die betroffene Person kaum noch lösen kann. Je länger der Zustand anhält, desto schwieriger wird die Rückkehr zu anderen Menschen und zur eigenen Wahrnehmung.

Musikalisch setzt das Duo diesen Gedanken mit einem zunächst schleppenden Rhythmus um. Die Riffs bewegen sich langsam, als müssten sie gegen erheblichen Widerstand ankämpfen. Sobald sich die Geschwindigkeit erhöht, entsteht jedoch keine Befreiung. Die Musik wirkt vielmehr wie ein panischer Versuch, innerhalb eines verschlossenen Raums einen Ausgang zu finden.

A. überzeugt besonders durch seine Tempowechsel. Er spielt nicht einfach langsam oder schnell, sondern verschiebt die Betonungen so, dass der Song immer wieder sein Gleichgewicht verliert. Bass und Schlagzeug bilden dabei ein massives Fundament, auf dem K. seine Gitarren wie rostige Stahlträger aufschichtet.

Die Stimmen bleiben tief in der Produktion eingebettet. Einzelne Worte sind schwer verständlich, doch der emotionale Zustand kommt klar an. Wer hier einen freundlichen Mitsingrefrain erwartet, hat vermutlich die falsche Gruft geöffnet.

DER GESTANK BLEIBT AUCH NACH DEM TOD

»Phantosmial Stench of Decay« verbindet das Geisterhafte mit körperlichem Verfall. Der Tod ist längst eingetreten, seine Spuren bleiben jedoch wahrnehmbar. Erinnerungen, Gerüche und undeutliche Erscheinungen führen dazu, dass das Vergangene weiterhin in die Gegenwart hineinragt.

Der Song besitzt einen eigentümlich schwankenden Rhythmus. Die Riffs schreiten nicht geradeaus, sondern bewegen sich beinahe taumelnd durch die knapp sieben Minuten. Dadurch erhält die Nummer eine verstörende Lebendigkeit. Der Verfall liegt nicht ruhig da, sondern scheint noch immer zu arbeiten.

K.s Gitarren bleiben vergleichsweise einfach aufgebaut, gewinnen ihre Wirkung aber durch Wiederholung und leichte Veränderungen. Eine Phrase wird nicht bloß erneut gespielt, sondern bei jedem Durchlauf anders betont oder von einer neuen Bassbewegung unterwandert. Das Duo erzeugt Komplexität somit nicht über technische Selbstdarstellung, sondern über Instabilität.

Besonders A.s Bassarbeit fällt auf. Das Instrument hält die Gitarren nicht nur von unten zusammen, sondern drängt sich mit knurrenden Läufen immer wieder an die Oberfläche. Man könnte sagen: Der Bass klopft nicht höflich an – er kommt mitsamt Türrahmen herein.

NEUN MINUTEN SCHÄDELARBEIT

Der Titelsong »Cranial Devastation« ist das Zentrum der Platte. Über fast zehn Minuten verdichten Dead Void alle Elemente ihres Sounds: tonnenschwere Doom-Riffs, rasende Death-Metal-Eruptionen, wilde Stimmen und Basslinien, die unter der Oberfläche ständig in Bewegung bleiben.

Die namensgebende Verwüstung des Schädels lässt sich körperlich und psychisch lesen. Einerseits besitzt die Musik eine sehr direkte physische Wirkung. Andererseits klingt der Song wie die Vertonung eines geistigen Zusammenbruchs, bei dem Gedanken, Wahrnehmung und Erinnerung ihre bisherige Ordnung verlieren.

Die Komposition beginnt kontrolliert, lässt aber zunehmend mehr Chaos zu. Schnelle Abschnitte werden nicht mit einem dünneren Gitarrensound gespielt. Die Band behält ihr massives Klangbild auch bei höherem Tempo bei. Dadurch wirken die Beschleunigungen nicht leichter, sondern wie ein Felssturz, der plötzlich Fahrt aufnimmt.

A. liefert hier seine stärkste Schlagzeugleistung. Die langsamen Schläge besitzen enormes Gewicht, während die schnelleren Passagen erstaunlich wild und körperlich klingen. Trotz aller Raserei bleibt nachvollziehbar, wie der Song aufgebaut ist.

K. ergänzt das rhythmische Fundament mit schroffen Leads, die wie kurze Nervensignale durch die Klangmasse schießen. Seine Arbeit ist nicht schön im traditionellen Sinn, aber sehr gezielt. Jede zusätzliche Gitarrenspur erhöht den Druck, ohne den Song mit überflüssigen Ideen vollzustellen.

VOR SICH SELBST GIBT ES KEINEN AUSGANG

»Jeg Kan Ikke Flygte Fra Mig Selv« bedeutet „Ich kann nicht vor mir selbst fliehen“. Das Stück ist eine dänischsprachige Interpretation von »I Can’t Escape Myself« der britischen Post-Punk-Band The Sound. Deren Sänger und Songwriter Adrian Borland behandelte darin innere Gefangenschaft, Depression und die Unmöglichkeit, den eigenen Gedanken zu entkommen.

Die Übertragung in den Death-Doom-Sound von Dead Void funktioniert überraschend gut. Wo das Original nervöse Post-Punk-Spannung besitzt, macht das Duo daraus eine schwere, beinahe körperliche Last. Die Melancholie bleibt erhalten, wird aber von verzerrten Gitarren und tiefen Stimmen in eine deutlich dunklere Form überführt.

Das Stück zeigt zugleich, dass die vorherigen Horror- und Verfallsmotive des Albums nicht ausschließlich als äußere Fantasien verstanden werden müssen. Der bedrohlichste Raum liegt möglicherweise im eigenen Kopf. Vor Monstern, Ruinen und Erscheinungen kann man davonlaufen – vor dem eigenen Bewusstsein eher schlecht. Selbst ein Navi dürfte hier irgendwann entnervt „Route wird neu berechnet“ melden.

Als Abschluss wirkt der Song bewusst trockener und persönlicher als der Titelsong. Nach den ausladenden Death-Doom-Kompositionen endet das Album nicht mit einem großen Triumph, sondern mit einer einfachen, unerbittlichen Erkenntnis.

ZWEI MUSIKER, EIN ABGRUND

Die instrumentale Leistung von A. und K. lebt vom engen Zusammenspiel. Beide übernehmen Bass und Gesang, wodurch die Zuordnung einzelner Spuren nicht immer eindeutig ist. Entscheidend ist jedoch, dass der tiefe Frequenzbereich eine tragende Funktion erhält. Der Bass ist auf »Cranial Devastation« kein Schatten der Gitarre, sondern häufig das stärkste Instrument.

A. spielt Schlagzeug mit körperlicher Direktheit. Seine langsamen Rhythmen drücken schwer, während die schnelleren Abschnitte kontrolliert an der Grenze zum Chaos entlanglaufen. Kleine Tempoverschiebungen und unregelmäßige Akzente verhindern, dass die langen Stücke statisch werden.

K. baut an der Gitarre keine komplizierten technischen Konstruktionen. Seine Stärke liegt in der Wirkung weniger, sehr schwerer Noten. Die Riffs sind häufig einfach, werden aber durch Resonanz, Pausen und wechselnde Betonungen immer weiter verdichtet. Seine Leads besitzen etwas Krankhaftes und vermeiden jede klassische Auflösung.

Auch die beiden Stimmen ergänzen einander überzeugend. Tiefe Growls, kehliges Bellen und schrillere Schreie tauchen aus verschiedenen Ebenen des Mixes auf. Der Gesang wird nicht als klarer Mittelpunkt behandelt, sondern als weiteres Instrument innerhalb des Gesamtangriffs.

LIVE IM STUDIO STATT DIGITALER INTENSIVSTATION

Marcus Ferreira Larsen nahm die Band weitgehend live im Studio No Master’s Voice auf und mischte das Album. Das Ergebnis besitzt Raum, Bewegung und genügend Unordnung, um glaubwürdig zu wirken. Schlagzeug, Bass und Gitarren stehen nicht steril voneinander getrennt, bleiben aber auch in den dichtesten Abschnitten erkennbar.

Das Mastering von James Plotkin erhält die gewaltigen Tiefen, ohne das Album vollständig in dumpfem Dröhnen versinken zu lassen. Besonders die Bassfrequenzen drücken kräftig, während die Gitarren darüber eine raue, beinahe korrodierte Oberfläche entwickeln.

Das Covermotiv des französischen Symbolisten Odilon Redon passt zur Musik. Seine Kunst bewegt sich häufig zwischen Traum, innerer Vision und beunruhigender Fantasie. Genau diese Unsicherheit bestimmt auch »Cranial Devastation«: Man erkennt menschliche und musikalische Formen, kann ihnen aber nicht vollständig vertrauen.

KURZ, ABER NICHT KLEIN

Mit knapp 35 Minuten fällt das zweite Album deutlich kürzer als »Volatile Forms« aus. Das sorgt für Konzentration und verhindert, dass sich die langsamen Strukturen abnutzen. Allerdings stammen einzelne Kompositionen aus der früheren Demo-Phase, während das Finale eine Coverversion ist. Wer nach vier Jahren ausschließlich vollständig neues Material erwartet hat, könnte daher kurz die Stirn runzeln – sofern sie nach dem Titelsong noch an ihrem Platz sitzt.

Kompositorisch haben sich Dead Void trotzdem weiterentwickelt. Die Songs wirken weniger starr, die Tempowechsel entschlossener und der Bass noch stärker in die Dramaturgie eingebunden. Besonders »Regurgitation of Ancient Manifestations« und »Cranial Devastation« zeigen, wie überzeugend das Duo Doom-Schwere und bestialische Geschwindigkeit miteinander verbinden kann.

Nicht jeder Übergang wirkt vollkommen kontrolliert, doch genau diese Unsicherheit gehört zum Charakter der Platte. Dead Void wollen keine technische Perfektion demonstrieren. Sie wollen, dass der Sound lebt, taumelt, angreift und im ungünstigsten Moment erneut beschleunigt.

FAZIT:

»Cranial Devastation« ist ein massives, organisch produziertes Death-Doom-Album, das langsame Vernichtung mit wilden Beschleunigungen und einer ungewöhnlich präsenten Bassarbeit verbindet. A. und K. überzeugen durch ihr instinktives Zusammenspiel, auch wenn die kurze Spielzeit, älteres Material und das Cover am Ende den Umfang etwas begrenzen. Für Fans von Cianide, Winter, Undergang, Phrenelith und schwerem dänischem Todesmetall gibt es eine verdiente Wertung im höheren Bereich

Official Audio: Cranial Devastation

Internet

Dead Void - Cranial Devastation - CD Review

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