Band: Temple ov Ahriman 🇺🇸
Titel: Heretics of Consensual Reality
Label: Eigenveröffentlichung
VÖ: 26.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Black Metal / Melodic Black Metal / Black ’n’ Roll

Tracklist

01. War in Heaven – 04:24
02. Wrath of Iblis – 04:51
03. Infernal Imperium – 03:48
04. SPQB – 04:58
05. White Death – 05:44
06. Heretics of Consensual Reality – 05:49
07. Baphomet’s Kiss – 06:09
08. Beyond the Veils of Maya – 06:40

Besetzung

Thornicator – Gesang, Gitarren, Bass, Keyboards
Servitor – Schlagzeug

Gastmusiker:
Sekt von Brüka – Gesang bei »War in Heaven«
Misery von Brüka – zusätzlicher Gesang bei »SPQB«
Val Rozar von Brüka – zusätzlicher Gesang bei »SPQB«
Von Hammerblast von Brüka – zusätzlicher Gesang bei »SPQB«

Produktion:
Kfir Gov – Schlagzeugaufnahme, Mixing
Thornicator – Aufnahme aller weiteren Instrumente
Jack Control – Mastering im Enormous Door Mastering
Mitchell Nolte – Cover-Artwork
Imazapyr – zusätzliches Songwriting bei »Baphomet’s Kiss« und »Beyond the Veils of Maya«

Schlagzeug aufgenommen am 20. Januar 2025 im Evil Snail Studio
Alle weiteren Instrumente aufgenommen zwischen Frühjahr und Herbst 2023

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Die Wirklichkeit ist bekanntlich das, worauf sich ausreichend viele Menschen geeinigt haben – bis jemand die Fenster vernagelt, die Kerzen anzündet und erklärt, dass die gemeinsam beschlossene Ordnung lediglich eine besonders hartnäckige Illusion sei. Genau an diesem Punkt setzt Temple ov Ahriman mit dem Debütalbum »Heretics of Consensual Reality« an. Hinter dem Projekt aus Austin, Texas, steht Thornicator, der Gesang, Gitarren, Bass und Keyboards nahezu vollständig allein verantwortet und bereits durch Triacanthos sowie seine frühere Tätigkeit bei Vesperian Sorrow bekannt ist. Gemeinsam mit Session-Schlagzeuger Servitor errichtet er acht Stücke lang einen Tempel aus Second-Wave Black Metal, finnisch gefärbten Melodien, D-Beat, Black ’n’ Roll und einer erstaunlich griffigen Gitarrenarbeit. Die Musik ist roh, aber nicht schlampig; melodisch, aber nicht versöhnlich; okkult aufgeladen, ohne jeden Titel mit drei Minuten Räucherstäbchenknistern einzuleiten. Inhaltlich führt der Weg von einem Krieg im Himmel über Iblis, Nero, Baphomet und die Göttin Kali bis zu jenem titelgebenden Bruch mit der gemeinsam akzeptierten Realität. Das klingt nach einem überfüllten Seminarplan für vergleichende Religionswissenschaft, wird von Thornicator jedoch in 42 Minuten konzentrierten Black Metal übersetzt.

Full Album Stream: Heretics of Consensual Reality

DER HIMMEL WIRD ZUM KRIEGSGEBIET

»War in Heaven« beginnt ohne atmosphärischen Vorlauf. Servitor setzt einen treibenden Rhythmus, die Gitarren schieben sich mit frostiger Melodik in den Vordergrund und Thornicator eröffnet den Angriff mit einem hohen, rauen Schrei. Der Klang erinnert an die zweite Black-Metal-Welle, besitzt aber genügend Druck und Klarheit, um nicht wie eine schlecht erhaltene Demokassette aus einem feuchten Keller zu wirken.

Der Song folgt der Perspektive einer Rebellion gegen die göttliche Ordnung. Nicht der Teufel wird aus dem Himmel vertrieben, sondern der vermeintliche Schöpfer soll seinen Thron verlieren. Die Umkehrung ist nicht neu, wird jedoch mit bemerkenswerter Entschlossenheit vorgetragen. Gitarren und Schlagzeug klingen weniger nach mystischer Beschwörung als nach einem tatsächlichen Sturmangriff.

Besonders auffällig ist der Gastgesang von Sekt, Bassistin der texanischen Band Brüka. Ihre klare Stimme bildet einen ungewöhnlichen Kontrast zu Thornicators heiseren Schreien. Sie wird nicht als hübsche Hintergrundverzierung eingesetzt, sondern öffnet den Song für wenige Augenblicke und verleiht ihm eine beinahe feierliche Größe.

Temple ov Ahriman nutzen den Wechsel nicht für das übliche Schönheit-und-Biest-Schema. Sekt steht nicht für das Licht und Thornicator nicht automatisch für die Dunkelheit. Beide Stimmen gehören zur selben rebellischen Seite. Gerade dadurch wirkt der Kontrast wesentlich interessanter als die hundertste Wiederholung eines symphonischen Metal-Refrains.

Musikalisch liefert der Opener bereits den Bauplan des Albums. Die Riffs sind melodisch, werden aber von einer rauen Oberfläche zusammengehalten. Servitor setzt Blastbeats und schnellere Doublebass-Figuren gezielt ein, ohne jeden freien Takt niederzutrommeln. Das Stück bleibt aggressiv, kann seine Gitarrenmelodien aber trotzdem ausspielen.

IBLIS VERWEIGERT DEN KNIEFALL

»Wrath of Iblis« bezieht sich auf jene Gestalt, die sich der Unterwerfung unter den aus Lehm geschaffenen Menschen verweigert. Thornicator interessiert sich dabei weniger für eine theologische Nacherzählung als für den Augenblick der Auflehnung. Iblis erscheint als widerspenstige Kraft, die den Befehl nicht akzeptiert und dafür aus der vorgegebenen Ordnung entfernt wird.

Das Riffing wird schärfer und schneller. Die Gitarren arbeiten mit tremolierten Bewegungen, lassen dazwischen aber immer wieder kompakte Akkordfolgen stehen. Dadurch bleibt die Musik körperlich. Temple ov Ahriman spielen Black Metal, der nicht nur atmosphärisch über dem Boden schwebt, sondern deutlich im Brustkorb ankommt.

Servitors Schlagzeug ist ein wichtiger Faktor. Die Blastbeats besitzen genügend Unruhe, um gefährlich zu wirken, bleiben aber kontrolliert. Besonders in den Übergängen hört man, dass hier kein lebloses Rhythmusprogramm eingesetzt wurde. Kleine Akzentverschiebungen und kurze Fills geben den Gitarren Raum, ohne das Tempo unnötig zu unterbrechen.

Thornicators Stimme klingt noch angegriffener als im Opener. Seine hohen Schreie werden punktuell durch tiefere Laute gestützt. Diese zweite vokale Ebene taucht auf dem Album nicht oft genug auf, ist aber jedes Mal wirkungsvoll. Die tieferen Stimmen verleihen einzelnen Zeilen ein Gewicht, das mit dauerhaftem Kreischen allein schwer zu erreichen wäre.

Im letzten Drittel setzt die Band auf eine melodische Steigerung. Die Gitarren öffnen sich, während das Schlagzeug weiter Druck erzeugt. Der Song beginnt als Raserei und endet mit einer beinahe triumphalen Bewegung. Triumph bedeutet bei Temple ov Ahriman allerdings nicht, dass plötzlich die Sonne aufgeht. Höchstens brennt der Himmel etwas heller.

DAS IMPERIUM MARSCHIERT IM MITTELTEMPO

»Infernal Imperium« ist mit weniger als vier Minuten das kürzeste Stück und zugleich eine willkommene Tempoverschiebung. Nach den ersten beiden Angriffen tritt der D-Beat deutlicher hervor. Die Musik marschiert, anstatt permanent zu rasen, und erhält dadurch eine unmittelbare Black-’n’-Roll-Wirkung.

Das Hauptriff ist bewusst einfach gehalten. Thornicator verzichtet auf technische Verzierungen und setzt stattdessen auf Wiederholung, Druck und einen Rhythmus, der sich schnell festsetzt. Wo andere Black-Metal-Projekte aus Angst vor Eingängigkeit noch drei zusätzliche Akkorde einbauen würden, lässt Temple ov Ahriman das Riff seine Arbeit erledigen.

Textlich wird Herrschaft als Recht des Stärkeren beschrieben. Nationen werden durch Begehren und eiserne Gewalt geformt, während Schwäche lediglich zur Unterwerfung bestimmt scheint. Das ist keine politische Programmschrift, sondern eine konsequente Darstellung des infernalischen Imperiums, das der Titel ankündigt.

Der Refrain besitzt eine beinahe hymnische Struktur. Thornicator wiederholt die zentralen Begriffe, während die Gitarren einen massiven Untergrund bilden. Die Melodie bleibt dunkel, ist aber sofort erkennbar. Genau solche Momente machen deutlich, dass Eingängigkeit und Black Metal keine natürlichen Feinde sein müssen.

In der Albumdramaturgie erfüllt »Infernal Imperium« eine wichtige Funktion. Der Song verhindert, dass die ersten zwanzig Minuten ausschließlich aus Blastbeats und Tremololäufen bestehen. Gleichzeitig bleibt er aggressiv genug, um nicht wie eine Verschnaufpause zu wirken. Temple ov Ahriman schalten einen Gang herunter, nehmen den Fuß aber nicht vom Gaspedal.

ROM BRENNT, NERO SINGT UND DIE MASSE KLATSCHT

»SPQB« ist kein Schreibfehler. Aus dem römischen SPQR wird hier „Senatus Populusque Blasphemiae“. Der Senat und das Volk Roms werden durch eine Gemeinschaft der Gotteslästerung ersetzt. Nero steht im Mittelpunkt, während Rom brennt, Christen den Löwen vorgeworfen werden und das Publikum seine tägliche Portion Brot und Zirkus erhält.

Musikalisch gehört die Nummer zu den unmittelbarsten Stücken. Der D-Beat treibt stärker, die Gitarren schrammen mit rauem Black-’n’-Roll-Gefühl vorwärts und Thornicator spuckt die Zeilen wesentlich rhythmischer aus als zuvor. Die Melodik bleibt vorhanden, tritt aber hinter der körperlichen Energie zurück.

Misery, Val Rozar und Von Hammerblast von Brüka unterstützen den Song mit zusätzlichen Stimmen. Die Gang-Vocals verleihen dem Nero-Refrain einen geradezu pöbelnden Charakter. Das Stück klingt für einen Moment nach einer Horde, obwohl der Kern des Projekts weiterhin aus einem einzelnen Musiker besteht.

Der Kontrast zwischen historischem Größenwahn und moderner Massenunterhaltung wird nicht sonderlich subtil gezeichnet. Das muss er auch nicht. »SPQB« ist kein philosophischer Essay, sondern ein knapp fünfminütiger Aufruhr, bei dem der Kaiser auf dem Balkon steht und die Band im brennenden Keller darunter weiterspielt.

Die Gitarrenarbeit bleibt trotz der direkten Struktur differenziert. Eine Spur hält das riffbetonte Fundament, während zusätzliche Linien für Bewegung sorgen. Thornicator versteht, dass eine Ein-Mann-Produktion nicht zwangsläufig nach einer einzigen übereinanderkopierten Gitarrenspur klingen muss.

Der Song besitzt einen der stärksten Wiedererkennungswerte des Albums. Das liegt sowohl am Refrain als auch am groovenden Rhythmus. Wer Temple ov Ahriman kennenlernen möchte, erhält hier in konzentrierter Form D-Beat, Black Metal, historische Blasphemie und genügend Energie, um den nächsten römischen Stadtbrand zumindest musikalisch zu begleiten.

DER WEISSE TOD KOMMT LANGSAM

Mit »White Death« beginnt die zweite Albumhälfte deutlich gedrosselter. Die Kälte wird nicht durch rasende Geschwindigkeit dargestellt, sondern durch ein schweres, beinahe schleppendes Riff. Der Song beschreibt Schnee, Frost, Dunkelheit und jene Isolation, in der das bloße Überleben zur Prüfung des eigenen Willens wird.

Die Musik arbeitet mit einer kreisenden Gitarrenbewegung. Das Motiv kehrt mehrfach zurück und zieht den Hörer tiefer in die frostige Umgebung. Servitor setzt einen ursprünglichen, beinahe stampfenden Rhythmus darunter. Die Wirkung entsteht nicht durch technische Komplexität, sondern durch Beharrlichkeit.

Thornicators Stimme bleibt scharf und hoch, wirkt über dem reduzierten Tempo jedoch noch greller. Die Schreie stehen wie eine offene Wunde über dem Instrumental. Gerade dieser Gegensatz zwischen schwerem Untergrund und zerrissener Stimme macht den Song zu einem der atmosphärischsten Momente.

Nach der Hälfte gewinnt das Arrangement an Bewegung. Die Gitarren werden melodischer, das Schlagzeug setzt stärkere Doublebass-Akzente und die zuvor bedrückte Stimmung beginnt sich zu öffnen. Der Text beschreibt diesen Prozess als Prüfung und Erneuerung: Der Mensch wird von der Natur beinahe gebrochen, tritt aber verändert aus der Kälte hervor.

»White Death« ist nicht der spektakulärste Titel, aber ein wichtiger. Das Stück zeigt, dass Temple ov Ahriman auch ohne permanentes Hochgeschwindigkeitsfeuer Spannung erzeugen können. Gleichzeitig fehlt dem letzten Drittel ein endgültiger Höhepunkt. Die Steigerung ist gut vorbereitet, könnte aber noch entschlossener explodieren.

DIE KETZER VERLASSEN DIE GEMEINSAME WIRKLICHKEIT

Der Titelsong »Heretics of Consensual Reality« rückt das okkulte Konzept in den Mittelpunkt. Wille, Glaube und Begehren sollen die wahrgenommene Wirklichkeit verändern. Der Mensch verlässt die alltägliche Ordnung, schafft einen abgeschlossenen rituellen Raum und versucht, Einfluss auf jene Ebenen zu nehmen, die gewöhnlich als unveränderlich akzeptiert werden.

Musikalisch kehrt die Band zur aggressiveren Ausrichtung zurück. Die Gitarren bewegen sich zwischen finsterer Melodik und härteren Akkordfolgen. Servitor wechselt zwischen Blastbeats, treibenden Passagen und kurzen Temporeduktionen. Dadurch wirkt der Song abwechslungsreicher als die ersten Stücke.

Thornicator setzt hier seine tieferen Stimmen besonders effektiv ein. Growl-artige Laute stehen neben den hohen Schreien und erzeugen eine kurze dialogische Wirkung. Es klingt, als würden mehrere Instanzen innerhalb desselben Rituals sprechen. Diese Erweiterung hätte dem gesamten Album in größerer Dosis gutgetan.

Die Keyboards bleiben zurückhaltend. Sie legen keine symphonische Wand über die Gitarren, sondern verstärken einzelne Übergänge und verdichten die Atmosphäre. Temple ov Ahriman widerstehen der Versuchung, das Titelstück durch künstliche Orchestergröße zum wichtigsten Song erklären zu wollen.

Das zentrale Motiv besitzt eine starke melodische Spannung. Die Gitarren scheinen sich nach oben zu bewegen, werden aber immer wieder von härteren rhythmischen Figuren zurückgezogen. Diese Bewegung passt zur Idee des Songs: Aufstieg und Abstieg, Licht und Dunkelheit, Wirklichkeit und Wille existieren nicht als saubere Gegensätze.

Der Titelsong gehört zu den kompositorisch vollständigsten Nummern. Er verbindet die unterschiedlichen Elemente des Albums, ohne sie bloß nacheinander abzuhaken. Black Metal, D-Beat, melodische Linien, extreme Stimmen und okkulte Atmosphäre wirken hier wie Bestandteile einer gemeinsamen Sprache.

BAPHOMET KÜSST NICHT MIT GESCHLOSSENEN AUGEN

»Baphomet’s Kiss« überschreitet erstmals die Sechs-Minuten-Marke und nutzt den zusätzlichen Raum für ein vielschichtigeres Arrangement. Das Stück bewegt sich zwischen Hexensabbat, Beltane-Ritual, sexueller Entgrenzung und der Vorstellung Baphomets als Vereinigung vermeintlicher Gegensätze.

Männlich und weiblich, menschlich und tierisch, körperlich und geistig sollen nicht voneinander getrennt bleiben. Thornicator behandelt Baphomet weniger als bloßes Maskottchen antichristlicher Provokation, sondern als Symbol der Balance. Das verschafft dem Text zumindest mehr Substanz als dem üblichen „Ziege gut, Kirche schlecht“-Programm.

Die Gitarren entwickeln sich schrittweise. Das Anfangsriff besitzt eine rohe und direkte Wirkung, wird später aber durch zusätzliche Melodien und harmonische Ebenen erweitert. Besonders in der zweiten Hälfte entsteht eine fast epische Bewegung, ohne dass die Band ihre schmutzige Grundierung verliert.

Servitors Schlagzeug bleibt variabel. Blastbeats werden gezielt eingesetzt, während die langsameren Abschnitte genügend Platz für die Gitarren lassen. Das Stück atmet stärker als die kompakteren Titel der ersten Hälfte. Die längere Spielzeit wird somit nicht einfach durch wiederholte Strophen gefüllt.

Thornicators Gesang bleibt über weite Strecken hoch und schneidend. Gerade hier wäre eine stärkere Nutzung der tiefen Stimme reizvoll gewesen. Der rituelle Charakter des Textes hätte durch mehrstimmige Beschwörungen oder eine klarer abgestufte vokale Dramaturgie weiter gewinnen können.

Trotzdem zählt »Baphomet’s Kiss« zu den Höhepunkten. Die Komposition wächst, verändert ihre Gestalt und führt mehrere melodische Gedanken zusammen. Gemeinsam mit Imazapyr geschrieben, deutet der Song an, welches Potenzial Temple ov Ahriman besitzt, wenn die direkte Black-Metal-Attacke um längere Entwicklungen ergänzt wird.

KALI ZERREISST DEN SCHLEIER

»Beyond the Veils of Maya« beendet das Album mit der längsten Komposition. Im Mittelpunkt steht Kali, zugleich Schöpferin und Zerstörerin, Verkörperung von Zeit, Tod, Veränderung und der Auflösung des Egos. Die Schleier der Maya stehen für jene Illusionen, durch die der Mensch seine begrenzte Wahrnehmung mit der vollständigen Wirklichkeit verwechselt.

Thornicator und Imazapyr führen das Album musikalisch zu einem passenden Abschluss. Das Stück beginnt nicht sofort mit dem erwarteten Finale, sondern baut mehrere Ebenen auf. Gitarrenlinien treten nacheinander hervor, Keyboards verdichten den Hintergrund und Servitor hält die Bewegung zunächst kontrolliert.

Mit zunehmender Laufzeit wird die Musik heftiger. Die Gitarren wechseln zwischen melodischen Tremololäufen und schwereren Akkorden, während das Schlagzeug die Dynamik anzieht. Der Song klingt nicht wie eine Ansammlung einzelner Teile, sondern wie eine fortlaufende Eskalation.

Die zweite Hälfte gehört zu den stärksten Passagen des Albums. Thornicators Schreie stehen über einem dichten, aber klar geordneten Instrumental. Die Melodien wirken gleichzeitig bedrohlich und erhebend. Kali erscheint nicht ausschließlich als Vernichterin, sondern als Kraft, die durch Zerstörung einen neuen Zustand ermöglicht.

Das Finale vermeidet einen langen Ambient-Ausklang. Temple ov Ahriman lösen die Energie nicht vollständig auf, sondern beenden das Album mit bleibender Spannung. Die Illusion ist durchbrochen, aber was dahinter wartet, wird nicht ausführlich erklärt. Eine kluge Entscheidung – schließlich verlieren Mysterien meist genau in dem Moment ihren Reiz, in dem jemand eine PowerPoint-Präsentation dazu eröffnet.

EIN-MANN-PROJEKT MIT ECHTEM SCHLAGZEUG

Thornicator trägt nahezu das gesamte Album allein. Das ist hörbar, aber nicht im negativen Sinn. Gitarren, Bass, Keyboards und Gesang folgen einer klaren gemeinsamen Vorstellung. Es gibt keine stilistischen Reibungsverluste, keine unpassenden Gastsoli und keine vier Musiker, die gleichzeitig beweisen möchten, dass ihr Instrument das wichtigste ist.

Die Gitarren bilden den Kern. Thornicator arbeitet mit Tremolopicking, offenen melodischen Linien, groovenden Akkorden und kurzen Leads. Die Stücke besitzen dadurch trotz ihrer gemeinsamen Grundfarbe eigene Merkmale. »Infernal Imperium« marschiert, »SPQB« pöbelt, »White Death« friert und »Baphomet’s Kiss« wächst langsam in die Breite.

Der Bass bleibt eher funktional. Er gibt den Gitarren Gewicht, tritt aber nur selten mit eigenständigen Linien hervor. Gerade in den langsameren Stücken hätte eine deutlichere Basspräsenz zusätzliche Tiefe geschaffen. Ein Ein-Mann-Projekt muss schließlich nicht bedeuten, dass ein Instrument automatisch zum unsichtbaren Angestellten der Gitarrenabteilung wird.

Die Keyboards werden sparsam eingesetzt. Das ist eine der vernünftigsten Entscheidungen des Albums. Sie verdichten die Atmosphäre, ohne den Black Metal mit synthetischen Chören zuzuschütten. Temple ov Ahriman klingen okkult, aber nie nach dem Soundtrack eines besonders günstigen Fantasy-Rollenspiels.

Servitors Schlagzeug verleiht der Aufnahme körperliche Bewegung. Die Blastbeats besitzen Wucht, D-Beat-Passagen treiben und die langsameren Rhythmen wirken nicht steif. Das natürliche Spiel verhindert, dass das Album wie ein vollständig am Computer zusammengesetztes Soloprojekt klingt.

Gesanglich arbeitet Thornicator überwiegend mit hohen, heiseren Schreien. Diese passen hervorragend zur rauen Musik, bleiben über 42 Minuten aber relativ konstant. Die tieferen Stimmen im Titelsong zeigen, dass eine breitere Palette vorhanden ist. Künftige Veröffentlichungen dürften gewinnen, wenn diese Kontraste häufiger und gezielter eingesetzt werden.

DREI STUDIOS UND EIN LANGER WEG ZUR HÖLLE

Die Entstehung von »Heretics of Consensual Reality« zog sich über mehrere Jahre. Thornicator nahm die Instrumente bereits zwischen Frühjahr und Herbst 2023 auf. Servitors Schlagzeug folgte im Januar 2025 im Evil Snail Studio. Kfir Gov übernahm dort auch das Mixing, während Jack Control das Mastering im Enormous Door Mastering verantwortete.

Diese gestreckte Produktionsgeschichte hört man dem Album nicht als Flickwerk an. Gitarren, Bass, Keyboards und Schlagzeug wirken geschlossen. Die Instrumente stehen in einem gemeinsamen Raum, obwohl ihre Aufnahmen zeitlich deutlich voneinander getrennt entstanden.

Das Mixing wahrt die Balance zwischen Rohheit und Verständlichkeit. Die Gitarren besitzen eine körnige Oberfläche, bleiben aber differenziert genug für die melodischen Ebenen. Das Schlagzeug drückt, ohne sämtliche Frequenzen zu besetzen. Besonders die Snare hat einen trockenen und direkten Anschlag.

Thornicators Stimme steht deutlich vor dem Instrumental, wird aber nicht durch übermäßigen Hall vergrößert. Dadurch verliert die Musik etwas von der räumlichen Ferne klassischer Second-Wave-Produktionen, gewinnt jedoch an Aggression. Der Sänger steht nicht am anderen Ende eines norwegischen Gebirgstals, sondern unmittelbar vor dem Hörer.

In besonders dichten Passagen könnten Bass und einzelne Gitarrenlinien klarer getrennt sein. Auch die Becken wirken gelegentlich scharf. Das sind jedoch kleinere Schwächen innerhalb einer Produktion, die ihre Aufgabe erfüllt: Sie macht das Album ausreichend roh für den Underground und ausreichend transparent für die sorgfältig gearbeiteten Riffs.

FINNISCHE KÄLTE UNTER TEXANISCHER SONNE

Temple ov Ahriman stammen aus Austin, klingen aber nur selten nach texanischer Hitze. Die melodische Gitarrenarbeit orientiert sich deutlich an finnischem Black Metal. Frostige Linien, ein Wechsel aus Raserei und schwererem Mitteltempo sowie die Verbindung aus Boshaftigkeit und Eingängigkeit prägen das Album.

Daneben bleibt die zweite Black-Metal-Welle ein wichtiger Bezugspunkt. Die Produktion ist rau, die Stimmen sind grell und die Texte wühlen sich durch antichristliche sowie okkulte Themen. Thornicator kopiert jedoch nicht einfach den Klang der frühen Neunziger, sondern verbindet ihn mit D-Beat und einem kompakteren Songwriting.

Gerade der D-Beat verhindert, dass das Album ausschließlich atmosphärisch bleibt. »Infernal Imperium« und »SPQB« besitzen eine punkige Direktheit, die den längeren und melodischeren Stücken gegenübersteht. Dadurch wirkt die Platte abwechslungsreicher, als es die relativ einheitliche Klangfarbe zunächst vermuten lässt.

Inhaltlich greift Thornicator weit aus. Christentum, Islam, römischer Kaiserkult, westlicher Okkultismus und hinduistische Mythologie werden nebeneinandergestellt. Das kann stellenweise wie eine umfangreiche Sammlung finster klingender Begriffe wirken. Dennoch zieht sich eine erkennbare Idee durch das Album: Widerstand gegen eine vorgeschriebene Ordnung und die Suche nach einer Wirklichkeit jenseits gesellschaftlicher, religiöser oder geistiger Grenzen.

Nicht jedes Thema wird mit derselben Tiefe behandelt. »SPQB« setzt stärker auf plakative Bilder, während der Titelsong und »Beyond the Veils of Maya« komplexere Vorstellungen anreißen. Diese Unterschiede schaden nicht. Sie sorgen vielmehr dafür, dass zwischen philosophischer Magie und brennendem Rom noch genügend Platz für einen guten Refrain bleibt.

FAZIT:

»Heretics of Consensual Reality« ist ein starkes Debüt zwischen Second-Wave Black Metal, finnisch geprägter Melodik, D-Beat und Black ’n’ Roll. Thornicator beweist nicht nur instrumentale Vielseitigkeit, sondern vor allem ein sicheres Gespür für griffige Riffs und nachvollziehbare Songstrukturen. Die Höhepunkte »War in Heaven«, »SPQB«, der Titelsong, »Baphomet’s Kiss« und »Beyond the Veils of Maya« besitzen jeweils eine eigene Identität, ohne den Zusammenhalt der Platte zu gefährden. Servitors natürliches und kraftvolles Schlagzeugspiel bewahrt das Soloprojekt vor steriler Heimstudio-Mechanik, während die Gaststimmen von Sekt, Misery, Val Rozar und Von Hammerblast gezielte Akzente setzen. Kleinere Abzüge gibt es für den zurückhaltenden Bass, die über längere Strecken ähnliche Gesangslage und einige Passagen, deren vorbereitete Steigerungen etwas entschlossener enden dürften. Trotzdem steht nach 42 Minuten kein unfertiges Nebenprojekt, sondern ein erstaunlich geschlossenes Black-Metal-Album, das seine okkulten und mythologischen Themen nicht als Ersatz für musikalische Substanz benötigt. Die gemeinsam vereinbarte Realität mag weiterbestehen – Temple ov Ahriman haben ihr zumindest acht tiefe Risse zugefügt.

Official Audio: SPQB

Internet

Temple ov Ahriman - Heretics of Consensual Reality - CD Review

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