Dream Theater – The Astonishing

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Band: Dream Theater
Titel: The Astonishing
Label: Roadrunner Records
VÖ: 29.01. 2016
Genre: Progrock/Progressive Metal
Bewertung: (vorläufige) 4,5/5
Written by: Daniel

 

 

Der Beginn meiner Leidenschaft für das Metalgenre war zugleich der Beginn meiner Verehrung für die New Yorker Ausnahmneband, die damals mit dem gerade erschienenen Images And Words mein Herz eroberten und selbst in der allgemeinen Musikwelt als „letzte Rockband mit Relevanz“ erklärt wurde.

In den letzten Jahren hat man dieser Behauptung eher widersprochen, die Verwaltung (der nach wie vor für andere unerreichbaren) Vorherrschaft der anspruchsvollen Rockmusik war das Credo. Ein kreativer Kreislauf, dessen armseelige Krönung mit dem selbstbetitelten Album 2013 amtlich wurde. Entgegen der eigenen Ansprüche ist es eine Selbstzitatensammlung, die eher wie ein Eingeständnis der Kreativlosigkeit denn einer Zelebrierung der eigenen Stärke daherkommt.

Nicht dass davor immer alles super war. Von 2003 bis 2007 lies man sich beispielsweise eher inspirieren als selber Inspirationsquelle zu sein, was dem eigenen Anspruch auch nur wenig gerecht wurde. Erst mit dem Zugang von Mangini schien man wieder mit A Dramatic Turn Of Events auf dem Wege der Besserung.
Besagter Drummer schien perfekt alle Kriterien zu erfüllen, hat aber meiner Meinung nach ein entscheidenes Manko, weshalb ich auch diesmal wieder nicht vollkommen zufrieden bin:
Wähend nur ein Narr an seinem technisch perfekten Handwerk etwas bemängeln würde, fehlt dem Träumer etwas, dass seinen Vorgänger auszeichnete. Portnoys Spiel war ein Spiegelbild des Menschen hinter den Kesseln, es hatte Seele. Mangini hingegen erledigt seinen Job „nur“ präzise, kommt kalt wie eine Maschine rüber.

So auch auf THE ASTONISHING, einer Rockoper die nicht nur von der Spielzeit als Epochal zu bezeichenen ist. So wurde auch das Prager Sinfonie Orchester mit eingebunden, was hervorragend funktioniert. Beide Teile des Klangbildes malen ein Gemälde, dessen abstrakt anmutende Kunst sich dem Betrachter erst nach etlichen Durchläufen erschließt. Der Rahmen, also die Produktion, umschließt das ganze perfekt, da es trotz aller Moderne immer wärmt, beinahe anlaog klingt.
Das textliche Konzept, welches sich mit einer militäristen Diktatur in der Zukunft beschäftigt, in der Musik als eine Form des freien Denkens verboten ist, kann man durchaus als Analogie zur immer oberflächlich werdenden Gesellschaft von heute sehen.

Ungewöhnlich für die Band und für solch eine Spielzeit ist, dass alle 34 Songs eine normale Länge aufweisen. Kein Longtrack, lediglich zwei Akte. Musikalisch ist man wieder progressiv im eigentlichen Sinne, was ich hier nur an ein paar Beispielen erläutern möchte, da auch dieses Review langsam epochale Ausmaße anzunehmen droht:
Dystopian Overture ist ein misanthropischer Walzer der Verdammnis, Diktator Lord Nafaryus wird (mal wieder) Muse – gerecht mit einem Tango vorgestellt, Three Days vermag es sogar Dixieland – Einflüsse mit harten Metal – Gitarren zu vereinen! Jazz – Elemente in Pink Floyd – Manier sind anderseits unter anderem in A Life Left Behind auszumachen.

„We are living day to day
Forced to bear the lion’s share
People just don’t have the time for music any more.“

 

Ein Auszug aus The Gift Of Music, und der trifft den Nagel auf den Kopf.
Denn, THE ASTONISHING zu reviewen ist gelinde gesagt, für jeden Rezensenten der Masse liefern muss/möchte, eine gerechte Strafe. Es wirkt anfangs überladen, es überfordert aber nicht.
Nein, eher fordert es auf, lädt den Hörer ein, sich mal wieder intensiv mit Musik zu beschäftigen und nicht im Sinne der industriellen Massenschlachtung von einem Album nach kurzem Genuss zum nächsten zu kommen.
Ein Bruch mit den falsch gesetzten Parametern eines übersättigten Marktes, der gleichzeitig ein Ausbruch aus dem drohenden kreativen Tod für die Band bedeutet.
Jordan Rudess versucht erst garnicht, mit dem Orchester mitzuhalten, er distanziert sich hier mit Reminizensen an die Siebziger, sorgt mit teilweise skurrilen Melodien im Stile eines Dennis Ristow für mehr Bereicherung denn je.
Im Gegensatz dazu wirkt die Arbeit John Petruccis anfangs zu verhalten. Eine Täuschung, die sich erst nach etlichen Durchgängen auflöst und an deren Stelle die Tatsache tritt, dass er sich für die Sache eher zurückhält, aber immer dezent beispielsweise Stücke wie Brother, Can You Hear Me? oder The Path That Divides letzen Endes veredelt. Dazu bekommt man die bislang beste Leistung eines beherzt aggierenden LaBries noch obendrein.
Insgesamt hat man hier ein bisheriges Novum an Vielfältigkeit erschaffen, eine Ode an den Verstand verpackt in Weltmusik. Sicher ist es in der heutigen Gesellschaft, die durch Massenmedien und -konsum in der Oberflächlichkeit ertrinkt, zum scheitern verurteilt, aber für mich ist es das beste Dream Theater Album seit 14 Jahren.


Trackliste:

Act I:
1. Descent Of The Nomacs
2. Dystopian Overture
3. The Gift Of Music
4. The Answer
5. A Better Life
6. Lord Nafaryus
7. A Savior In The Square
8. When Your Time Has Come
9. Act Of Faythe
10. Three Days
11. The Hovering Sojourn
12. Brother, Can You Hear Me?
13. A Life Left Behind
14. Ravenskill
15. Chosen
16. A Tempting Offer
17. Digital Discord
18. The X Aspect
19. A New Beginning
20. The Road to Revolution

Act II:
1. 2285 Entr’acte
2. Moment Of Betrayal
3. Heaven’s Cove
4. Begin Again
5. The Path That Divides
6. Machine Chatter
7. The Walking Shadow
8. My Last Farewell
9. Losing Faythe
10. Whispers On The Wind
11. Hymn Of A Thousand Voices
12. Our New World
13. Power Down
14. Astonishing

Besetzung:

James LaBrie – vocals
John Petrucci – guitars
John Myung – bass
Jordan Rudess – keyboards
Mike Mangini – drums

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