Tracklist
01. Obduktion
02. Herbstwanderung
03. Knie nieder
04. Im Wind
05. Stille Nacht
06. Fels
07. Leere
08. Beyond the North Waves (Immortal Cover)
09. Another Brick in the Wall Pt. II (Pink Floyd Cover)
Besetzung und Produktion
Olli Berlin – harscher und klarer Gesang
Johannes Joseph – klarer Gesang, Akkordeon, zusätzlicher Chorgesang
Simon Käflein – Lead-, Rhythmus- und Akustikgitarren, zusätzlicher Gesang, Synthesizer, Orchesterarrangements
David Schuldis – Lead- und Rhythmusgitarren
Tobias Weinreich – Bass
Cornelius Heck – Schlagzeug
Sebastian Scherrer – Keyboards
Shanty Peter und die Badweihermatrosengewerkschaftskapelle – Black-Forest-Chor
Simon Käflein – Komposition, Arrangements
Olli Berlin – Texte
Vera Käflein – Text zu »Fels«
Christoph Brandes & Simon Käflein – Produktion, Mix
Christoph Brandes – Aufnahme, Mastering
Iguana Studios – Produktion und Aufnahme
Yaroslav Gerzhedovich – Covergestaltung
Oliver König – Layout
Still ist im Schwarzwald gegenwärtig herzlich wenig. Sieben Jahre nach »Zerfall« und drei Jahre nach dem aus einer einzigen, knapp vierzigminütigen Komposition bestehenden Mini-Album »Jenseits« melden sich Finsterforst mit ihrem sechsten Studioalbum zurück. Das heute über AOP Records erschienene »Still« bringt es einschließlich zweier Coverversionen auf beinahe 78 Minuten und fällt ungefähr so bescheiden aus wie ein ausgewachsener Gebirgszug. Wer beim Begriff Folk Metal lediglich an Humppa, Trinkhörner und rhythmisches Schunkeln denkt, ist hier falsch. Finsterforst setzen auf Black-Metal-Schärfe, gewaltige Chöre, melancholische Akustikpassagen und sorgfältig aufgebaute Langstreckenkompositionen. Das ist anspruchsvoll, gelegentlich anstrengend und in seinen stärksten Augenblicken verdammt groß.
KEIN WALD-UND-WIESEN-FOLK-METAL
Seit ihrer Gründung im Jahr 2004 haben Finsterforst eine Entwicklung durchlaufen, die sie weit von den üblichen Genrestandards entfernt hat. Das Akkordeon ist weiterhin vorhanden, wird inzwischen aber ausgesprochen sparsam eingesetzt. Auch folkloristische Melodien dienen nicht als aufgeheiterte Dekoration für gewöhnliche Metalriffs. Sie sind Bestandteil einer breiten Klangsprache, in der sich Einflüsse von Moonsorrow, Borknagar, Primordial, Bathory und gelegentlich sogar Pink Floyd begegnen.
Finsterforst bezeichnen diesen Ansatz selbst als Black Forest Metal. Das mag zunächst nach einer geschickten Eigenmarke klingen, trifft die Sache aber ziemlich genau. Mächtige Gitarrenwände stehen neben akustischen Lichtungen, harscher Gesang wechselt mit würdevollen Baritonstimmen und groß angelegten Chören. Die Orchestrierungen blasen die Musik nicht einfach künstlich auf, sondern bilden häufig das Gerüst, an dem sich die langen Spannungsbögen entlanghangeln.
Im Vergleich zu »Jenseits« wurde die Musik wieder auf mehrere Stücke verteilt. Kompakt ist das Ergebnis deshalb noch lange nicht. Finsterforst denken weiterhin in ausgedehnten Bewegungen und nehmen sich Zeit, ein Thema einzuführen, zu verändern und später erneut aufzugreifen. Manches davon entfaltet eine enorme Sogwirkung. An anderen Stellen hätten zwei gestrichene Minuten der Wirkung gutgetan.
OBDUKTION EINES BESCHÄDIGTEN LEBENS
Der Auftakt »Obduktion« lässt sich zunächst ungewöhnlich ruhig an. Klare Stimmen, schwebende Gitarren und dunkle Tastentöne bauen eine Atmosphäre auf, in die das Schlagzeug mit zunehmender Gewalt einbricht. Sobald Olli Berlins harscher Gesang übernimmt, zieht die Band die Schrauben an. Tremoloriffs, Chöre, Akkordeon und ein überraschendes Synthesizersolo werden zu einem achtminütigen Panorama verbunden.
Inhaltlich seziert das Stück keinen Körper, sondern einen von Angst, Entfremdung und innerer Unruhe beherrschten Menschen. Die musikalischen Wechsel wirken deshalb nicht wahllos. Ruhe und Überforderung stehen sich ständig gegenüber, bis kaum noch eindeutig zu erkennen ist, welche Stimme hier eigentlich die Kontrolle besitzt. Als Einstieg ist das eindrucksvoll, auch wenn Finsterforst ihre eigene Formel an späterer Stelle noch zwingender umsetzen.
Das folgende »Herbstwanderung« zählt zu den stärksten Titeln des Albums. Die alljährliche Reise zu einer Grabstätte verbindet Erinnerung, Trauer und das Weiterleben mit einer beinahe hymnischen Melodik. Akustische Arpeggien öffnen den Raum, bevor Gitarren, Schlagzeug und Chöre gemeinsam anheben. Der Refrain ist groß, ohne in billigen Pathos abzurutschen. Hier erreichen Finsterforst jene seltene Balance, bei der Eingängigkeit und kompositorischer Anspruch keinen Streit miteinander anfangen.
Deutlich schärfer tritt »Knie nieder« auf. Der Text beschäftigt sich mit Manipulation, extremistischem Denken und charismatischen Figuren, die blinden Gehorsam einfordern. Musikalisch reagiert die Band mit knappen, aggressiven Gitarrenschüben und beinahe unheimlichen Keyboardflächen. Bläserarrangements verleihen dem Stück eine totalitäre Größe, während Berlins Stimme zwischen Drohung und Anklage pendelt. Der Titel ist vergleichsweise kurz, präzise und zeigt, dass Finsterforst keinen zweistelligen Minutenbereich benötigen, um Wirkung zu erzielen.
IM WIND: DIE SEE WIRD ZUM GRAB
Mit »Im Wind« folgt das Herzstück der ersten Albumhälfte. Das über zehnminütige Seefahrtsdrama beginnt mit gleichmäßiger Bewegung. Gitarren und Rhythmusgruppe scheinen zunächst tatsächlich den ruhigen Wellengang eines Schiffes nachzuzeichnen. Doch der Frieden hält nicht lange. Die Geschichte entwickelt sich zu einer Betrachtung über Schicksal, Tod und die Ohnmacht des Menschen gegenüber Kräften, die sich nicht kontrollieren lassen.
In der Mitte ziehen sich die elektrischen Gitarren zurück. Akustische Saiten, dezentes Akkordeon und ruhiger Gesang schaffen einen Moment trügerischer Sicherheit. Gerade deshalb trifft die anschließende Rückkehr der gesamten Band mit solcher Wucht. Die Steigerung ist sauber vorbereitet und wird nicht durch einen beliebigen Lautstärkesprung erzwungen. »Im Wind« ist Finsterforst in Bestform: lang, erzählerisch, emotional und trotzdem riffstark.
»Stille Nacht« beendet anschließend jede Hoffnung auf Beschaulichkeit. Ein schweres Riff mit deutlicher Bathory-Schlagseite marschiert durch eine Darstellung moderner Kriegsführung. Soldaten werden nicht zu unantastbaren Helden erklärt, sondern als Menschen gezeigt, die von Angst, Befehlen und Entmenschlichung aufgezehrt werden. Der kraftvolle Klargesang vermittelt Entschlossenheit, während Berlins Schreie den darunterliegenden Wahnsinn freilegen.
Gerade diese Reibung macht den Song so stark. Die Musik besitzt die Größe eines Schlachtengesangs, während der Text genau jene Glorifizierung auseinandernimmt, die solche Klänge normalerweise begleiten. Sebastian Scherrers Keyboards setzen gezielte dunkle Akzente, und Cornelius Heck hämmert die Nummer mit stoischer Kraft voran. Ein mächtiges Stück, das live zuverlässig zur kollektiven Erhebung sämtlicher Fäuste führen dürfte.
FELS SCHAFFT PLATZ ZUM ATMEN
Nach diesen massiven Kompositionen ist »Fels« keine bloße Pause, sondern dramaturgisch notwendig. Das von Vera Käflein getextete Stück verzichtet weitgehend auf metallische Gewalt und stellt Akustikgitarren sowie klare Stimmen in den Mittelpunkt. Inhaltlich geht es um den Halt, den ein anderer Mensch in schwierigen Zeiten geben kann.
Der zurückgenommene Aufbau wirkt ehrlich und angenehm schmucklos. Johannes Joseph und Olli Berlin müssen sich nicht hinter Chören oder orchestralen Wänden verstecken, sondern tragen das Stück mit ihren Stimmen. Wer ausschließlich auf die härteren Seiten der Band wartet, mag »Fels« als Zwischenstück abhaken. Tatsächlich verhindert es, dass die permanente Monumentalität des Albums ihre Wirkung verliert.
Dann steht »Leere« vor der Tür – und diese Tür ist ungefähr so groß wie ein Scheunentor. Knapp 24 Minuten benötigt Finsterforst, um das gesamte musikalische Vokabular der Platte in einer einzigen Komposition zu versammeln. Ein geduldig aufgebautes Intro führt zu harschen Strophen, schweren Gitarren, hymnischen Chören, orchestralen Aufschwüngen, Akustikpassagen, einem beinahe vergnügten Akkordeon und melodischen Gitarrensoli.
Thematisch kreist der Titel um die Frage, ob Sinn, Glück und Selbstsicherheit wirklich Bestand besitzen oder lediglich vorübergehende Konstruktionen sind. Passend dazu scheint die Musik mehrfach ein Ziel zu erreichen, nur um den vermeintlichen Abschluss wieder aufzulösen. Einzelne Motive kehren verändert zurück, aus einem ruhigen Abschnitt entsteht ein neuer Aufbruch und aus feierlicher Größe erneut Zweifel.
Das ist ambitioniert und über weite Strecken meisterhaft arrangiert. Dennoch zeigt sich hier auch die zentrale Schwäche des Albums. Einige Steigerungen werden so lange gehalten, dass der eigentliche Höhepunkt an Spannung verliert. Nicht jeder Umweg ist unverzichtbar, und eine etwas entschlossenere Kürzung hätte »Leere« kaum kleiner, dafür aber noch eindringlicher gemacht. Trotzdem bleibt das Stück ein beeindruckendes Finale des regulären Materials.
IMMORTAL PASST – PINK FLOYD ÜBERRASCHT
Danach folgen zwei Coverversionen, die sich zwangsläufig wie Bonusmaterial anfühlen. Immortals »Beyond the North Waves« liegt Finsterforst naturgemäß ausgezeichnet. Das frostige Original wird nicht grundlegend umgebaut, aber durch die breiteren Chöre, das zusätzliche atmosphärische Gewicht und die charakteristische Gesangsmischung überzeugend in den Schwarzwald versetzt.
Wagemutiger ist Pink Floyds »Another Brick in the Wall Pt. II«. Finsterforst beginnen mit einem düsteren Bassmotiv und zurückgehaltenem Gesang, ziehen das Tempo kurzzeitig in beinahe thrashige Gefilde und nähern sich später wieder dem vertrauten Aufbau des Originals. Auch das berühmte Gitarrensolo wird nicht mutwillig zerlegt. Die Bearbeitung funktioniert erstaunlich gut, obwohl der Song nach »Leere« eher als unterhaltsamer Nachschlag denn als zwingender Abschluss erscheint.
Genau hier wird die Gesamtlaufzeit zum Problem. Nach mehr als einer Stunde eigener Musik wären beide Cover auf einer separaten Bonus-CD oder am Ende der digitalen Deluxe-Ausgabe besser aufgehoben gewesen. Sie sind gelungen, verwässern aber den dramatischen Schlusspunkt, den »Leere« zuvor gesetzt hat.
IGUANA STUDIOS BAUEN EIN MASSIV
Produziert und gemischt wurde »Still« von Christoph Brandes und Simon Käflein in den Iguana Studios. Brandes übernahm außerdem Aufnahme und Mastering. Der Klang ist erwartungsgemäß breit und schwer, vermeidet aber die sterile Perfektion vieler symphonisch ausgerichteter Metalproduktionen.
Cornelius Hecks Schlagzeug besitzt ordentlich Druck, ohne ständig nach vorne gemischt zu werden. Tobias Weinreichs Bass hält das Fundament zusammen, tritt in den dichten Arrangements allerdings seltener eigenständig hervor. Die Gitarren von Simon Käflein und David Schuldis arbeiten häufig mit breiten Akkordflächen, lassen aber genügend Platz für Tremololäufe, Akustikparts und melodische Soli.
Besonders stark ist die Abstimmung der Stimmen. Olli Berlins heiseres Geschrei, seine klaren Passagen, Johannes Josephs Bariton und der Black-Forest-Chor bleiben auch dann unterscheidbar, wenn Orchester, Gitarren und Schlagzeug gleichzeitig in die Vollen gehen. Das Akkordeon wird gezielt platziert und besitzt dadurch erheblich mehr Wirkung als bei Bands, die das Instrument pausenlos als folkloristisches Erkennungszeichen einsetzen.
Vollkommen transparent ist der Mix dennoch nicht. Sobald sämtliche Ebenen gleichzeitig arbeiten, verschwimmen die Gitarren in den Mitten gelegentlich zu einer großen Klangmasse. Das passt zur monumentalen Absicht, kostet einzelnen Riffs aber etwas Kontur. Insgesamt trägt die Produktion das enorme Gewicht der Kompositionen ausgesprochen souverän.
STILLSTAND SIEHT ANDERS AUS
»Still« ist weder leichte Kost noch ein Album für den schnellen Durchlauf auf dem Weg zum Supermarkt. Die Platte fordert Zeit, Aufmerksamkeit und eine gewisse Bereitschaft, sich auf langsame Entwicklungen einzulassen. Wer diese Voraussetzungen mitbringt, erhält eines der reifsten Werke der bisherigen Finsterforst-Laufbahn.
Die Band hat ihren Stil nicht neu erfunden, aber deutlich verfeinert. Die folkloristischen Bestandteile wirken organischer, die klaren Stimmen selbstbewusster und die orchestralen Arrangements weniger wie nachträglich aufgesetzte Dekoration. Vor allem »Herbstwanderung«, »Im Wind«, »Stille Nacht« und große Teile von »Leere« besitzen eine emotionale Wucht, die weit über gewöhnlichen Folk Metal hinausreicht.
Die Kehrseite heißt Selbstbeschränkung. 78 Minuten sind eine Ansage, und nicht jede ausgedehnte Steigerung rechtfertigt ihre vollständige Laufzeit. Auch die beiden Coverversionen hätten als klar ausgewiesene Bonusstücke besser funktioniert. Das sind jedoch Einwände gegen ein starkes Album, nicht die Rettungsversuche für ein schwaches.
FAZIT:
»Still« verbindet Black-Metal-Schärfe, folkloristische Melodik, mächtige Chöre und progressive Langstrecken zu einem eigenständigen, emotional aufgeladenen Klangbild. Überlänge und einzelne ausgereizte Spannungsbögen verhindern die Höchstwertung, doch »Herbstwanderung«, »Im Wind«, »Stille Nacht« und das gewaltige »Leere« zählen zum Besten, was Finsterforst bislang aufgenommen haben. Vier von fünf Punkten.






