Band: Immunity 🇩🇪
Titel: Dark Side Of The Earth
Label: Easthaven Records
VÖ: 01.11.2024
Format: Digital / Stream
Genre: Metalcore / Modern Metalcore / Post-Hardcore

Tracklist

01. Cold Case
02. Panic Room
03. We Are All Mad Here
04. Unhinged
05. Ghosts
06. A Tale
07. Of War And Peace feat. Lina Benabdesslem
08. Vultures
09. The Fire Inside
10. Addicted To The Pain

Besetzung

Dominik Maiser – Vocals
Adrien Dembowski – Gitarre
Max Neuner – Bass
Johannes Noderer – Drums

Gast:
Lina Benabdesslem / Parallyx – Vocals auf „Of War And Peace“

Bewertung:

4 von 5 Punkte

Die dunkle Seite der Erde ist bei Immunity kein astronomischer Ausflug mit Teleskop und Thermoskanne, sondern ein moderner Metalcore-Brocken, der Schmerz, Verlust, Wut und melodische Refrains in eine kompakte 32-Minuten-Packung presst. »Dark Side Of The Earth« ist das zweite Album der Nürnberger und klingt wie eine Platte, die nicht geschrieben wurde, weil gerade noch Platz im Releasekalender war, sondern weil etwas rausmusste. Und zwar nicht leise, nicht höflich und schon gar nicht mit angezogener Handbremse.

Albumstream: Dark Side Of The Earth

DIE ERDE BEBT, DER CORE BEISST

»Dark Side Of The Earth« ist moderner Metalcore, der seine Trademarks kennt: tief gestimmte Gitarren, drückende Drums, melodische Refrains, elektronische Schatten im Hintergrund und ein Sänger, der zwischen Clean-Gesang, Shouts und Screams nicht herumtapst, sondern ordentlich Strecke macht. Genre in einem Satz: Immunity liefern modernen Metalcore mit Post-Hardcore-Kante, Melancholie im Maschinenraum und genug Druck auf der Achse, dass der Pit nicht fragt, ob er darf, sondern einfach losrennt.

Der große Unterschied zu vielen glattgezogenen Core-Produktionen liegt im emotionalen Unterbau. Hier wird nicht einfach nur hübsch gelitten, damit der Refrain auf TikTok traurig guckt. Das Album ist von echten Brüchen, Verlust und psychischer Überlastung durchzogen. Genau deshalb haben die Songs oft diese Mischung aus Stadion-Hook und Kloß im Hals. Das Ding haut dir nicht nur die Prügel raus, es schaut dich dabei auch noch ziemlich direkt an.

KALTSTART MIT AKTENZEICHEN

»Cold Case« eröffnet das Album mit direktem Zugriff. Keine minutenlange Nebelwand, kein überambitioniertes Intro mit Weltuntergangsmonolog, sondern ein Song, der sofort weiß, wo der Hammer hängt. Die Gitarren schieben modern und kantig, die Vocals wechseln zwischen melodischer Führung und harter Ansage, während die Produktion jedes Element sauber nach vorne drückt. Das ist kein roher Garagensound, sondern Hochdruck-Metalcore mit klarer Zielerfassung.

»Panic Room« zieht die Stimmung enger. Der Titel passt: Es klingt nach innerem Alarmzustand, nach Wänden, die näher rücken, nach Luft, die im Brustkorb stecken bleibt. Musikalisch arbeiten Immunity hier stärker mit Spannung und kontrollierter Eskalation. Die Nummer macht nicht nur Rabatz, sondern baut diese klaustrophobische Grundstimmung auf, die dem Album später noch öfter die Farbe aus dem Gesicht zieht.

ALICE IM ABRISSWUNDERLAND

Mit »We Are All Mad Here« wird es theatralischer, leicht verdrehter und ein Stück verspielter. Die Nummer nimmt den bekannten Wahnsinnsverweis nicht als billige Dekoration, sondern als Stimmung: Alles kippt ein wenig, alles grinst etwas zu breit, alles fühlt sich an wie Metalcore durch einen Zerrspiegel. Dabei bleibt der Song kompakt und eingängig genug, um nicht im eigenen Konzeptnebel zu verschwinden.

»Unhinged« ist dann eines der emotionalen Zentren der Platte. Inhaltlich geht es um den Moment, in dem das Leben aus der Verankerung reißt. Musikalisch tragen Immunity diesen Zustand mit viel Melodie, Druck und einer spürbaren Zerbrechlichkeit. Der Song ist nicht die härteste Nummer des Albums, aber eine der wichtigsten. Hier wird aus persönlichem Schmerz kein Kitsch gebaut, sondern ein moderner Core-Song, der die Faust ballt, während ihm eigentlich die Knie weich werden.

GEISTER IM MASCHINENRAUM

»Ghosts« bleibt im Schattenbereich und arbeitet mit jener Sorte Melancholie, die nicht jammerig, sondern nachhallend wirkt. Der Track schiebt weniger frontal als andere Nummern, dafür sitzt die Atmosphäre. Man merkt, dass Immunity nicht nur auf Breakdown und Refrain schielen, sondern auch wissen, wie man Zwischenräume nutzt. Gerade diese dunkleren Passagen geben dem Album Tiefe.

»A Tale« funktioniert als kurzes Zwischenstück, das einmal Luft holt, ohne den Faden zu verlieren. Solche Momente können schnell nach Füllmaterial riechen, hier aber sorgt der kleine Einschub dafür, dass das Album nicht durchgehend im gleichen Modus gegen die Wand fährt. Kurz, stimmungsvoll, zweckdienlich. Kein Monster, aber ein sinnvoller Ruhepunkt vor dem nächsten großen Thema.

KRIEG, FRIEDEN UND ZWEI STIMMEN

»Of War And Peace« mit Lina Benabdesslem gehört klar zu den stärksten Momenten. Der Song verhandelt Krieg, Frieden und moralische Verdrehungen nicht als trockene Parole, sondern als dramatischen Schlagabtausch. Die zweite Stimme gibt der Nummer zusätzliche Farbe und macht das Stück größer, ohne es aufzublasen. Hier treffen Pathos, Härte und Melodie so zusammen, dass der Klnag nicht nur breit, sondern auch erzählerisch wirkt.

Besonders stark ist, dass der Song nicht in platte Weltverbesserungsrhetorik kippt. Immunity stellen eher die Frage, wie lange Menschen Gewalt noch als angebliche Notwendigkeit verkaufen wollen. Das ist inhaltlich ernst, musikalisch aber immer noch kompakt genug, um nicht in Betroffenheits-Prog abzudriften. Gute Entscheidung, starke Umsetzung.

DIE GEIER KREISEN TIEFER

»Vultures« fährt die Krallen aus. Hier wird das Album bissiger, direkter und etwas giftiger. Der Song wirkt wie ein Kommentar auf Menschen, die von Schwäche, Schmerz oder Scheitern anderer profitieren. Musikalisch passt dazu der härtere Zugriff: Riffs, Rhythmusgruppe und Vocals greifen ineinander, als würde man die Geier nicht nur beobachten, sondern gleich mit dem Vorschlaghammer vom Dachfirst holen.

Aufgebaut auf ein standfestes Fundament aus Drums und Bass werden die Gitarren hier wuchtig und präzise draufgesetzt. Adrien Dembowski liefert keine verkopfte Griffbrett-Gymnastik, sondern moderne Riffarbeit mit Zweck und Ziel. Max Neuner und Johannes Noderer halten darunter den Laden zusammen, als hätten sie den Beton persönlich angerührt. Hoschi, das knallt.

LICHT IM INNEREN BRAND

»The Fire Inside« bringt mehr Hoffnung in die Dunkelheit, ohne plötzlich die Sonnenbrille aufzusetzen und einen Sommerhit zu spielen. Der Song wirkt wie ein innerer Widerstandsmoment: Wenn schon alles brennt, dann wenigstens nicht kampflos. Die Melodien öffnen sich stärker, der Refrain bleibt hängen, und dennoch bleibt genug metallische Erdung vorhanden, damit das Ganze nicht in weichgespülte Core-Romantik rutscht.

»Addicted To The Pain« setzt zum Schluss noch einmal ein Ausrufezeichen. Der Titel klingt nach Selbstzerstörung, Abhängigkeit vom eigenen Drama und dem bitteren Kreislauf, in dem Schmerz irgendwann fast vertraut wirkt. Musikalisch ist das einer der härteren Abschlüsse, mit mehr Biss in den Vocals und einer Energie, die der Platte gut tut. Genau hier hätte man sich an manchen Stellen des Albums noch ein bisschen mehr Rasierklinge gewünscht.

ZWISCHEN SAWDUST-DRUCK UND CLEAN-HOOKS

Produktionstechnisch steht »Dark Side Of The Earth« sehr ordentlich da. Die Zusammenarbeit mit Christoph Wieczorek und Sawdust Recordings hört man: Alles ist modern, druckvoll, sauber sortiert und auf Wirkung gebaut. Die tiefen Gitarren sitzen breit im Mix, die Drums schieben, der Bass macht sein Fundament nicht nur theoretisch, und die elektronischen Elemente geben Atmosphäre, ohne den Metalcore-Kern zu übermalen.

Gleichzeitig liegt hier auch der kleine Haken. Manchmal sind die Clean-Passagen sehr dominant, manchmal dürfte der Breakdown noch brutaler zuschnappen, manchmal wünscht man sich, dass die Band den Käfig einfach noch ein Stück weiter aufreißt. Denn wenn Immunity wirklich hart werden, funktioniert das verdammt gut. Die Platte ist stark, aber sie lässt gelegentlich erahnen, dass da noch ein ungezähmteres Biest im Keller sitzt.

DOMINIK MAISER TRÄGT DIE PLATTE

Die Leistung von Dominik Maiser ist der emotionale Dreh- und Angelpunkt des Albums. Seine Clean Vocals geben den Songs Eingängigkeit, seine Shouts und Screams liefern die nötige Schärfe, und vor allem klingt das Ganze nicht wie eine technische Übung aus dem Core-Handbuch. Man glaubt ihm diese Platte. Das ist bei einem Album, das so stark von Verlust, mentalem Druck und persönlicher Verarbeitung geprägt ist, entscheidend.

Auch die Instrumentalfraktion macht ihren Job mit Druck und Disziplin. Adrien Dembowski setzt die Gitarren modern, tief und effektiv ein. Max Neuner am Bass und Johannes Noderer an den Drums bilden das stabile Rückgrat, auf dem die Songs nicht nur stehen, sondern ordentlich nach vorne marschieren. Kein überladenes Technikfeuerwerk, sondern Banddienlichkeit mit Punch.

FAZIT:

»Dark Side Of The Earth« ist ein starkes zweites Album einer Band, die modernen Metalcore nicht neu erfindet, ihn aber mit echter emotionaler Substanz, sauberer Produktion und guten Hooks überzeugend auf die Straße bringt. Immunity liefern keine stumpfe Prügelplatte, sondern ein Werk zwischen Schmerzverarbeitung, Druckabbau und melodischer Selbstbehauptung.

Die stärksten Songs sind »Cold Case«, »Unhinged«, »Of War And Peace«, »Vultures« und »Addicted To The Pain«. Kleine Abzüge gibt es für einzelne weichere Passagen, die etwas mehr Biss vertragen hätten. Aber wenn diese Platte trifft, dann trifft sie mit Gewicht.

Für Fans von modernem Metalcore, Architects-Schlagseite, emotionalem Post-Hardcore, tiefen Gitarren und Refrains mit dunklem Unterbau ist »Dark Side Of The Earth« eine klare Empfehlung. Kein perfektes Album, aber ein verdammt ehrliches, druckvolles und stellenweise richtig packendes Werk. Die Erde ist dunkel, der Core ist heiß – und Immunity stehen mittendrin mit der Brechstange in der Hand.

Stärkstes Musikvideo: IMMUNITY - Vultures

Internet

Immunity - Dark Side Of The Earth - Album Review

Vorheriger ArtikelTyrannus – Mournhold