Band: Labor Of The Negative 🇵🇹 🇬🇧 🇳🇴 🇪🇬
Titel: The Triumph of Time and the Disillusioned
Label: I, Voidhanger Records
VÖ: 07.08.2026
Format: CD / Digital
Genre: Avantgarde Black Metal / Dissonant Black Metal / Experimental Metal

Tracklist

01. Epoché I
02. Epoché II
03. Epoché III
04. Epoché IV
05. 151 – The Eternal Present and the Endless Dream
06. Epoché V
07. Epoché VI

Besetzung

M. – Gesang
S. – Gitarren
J.H. – Bass
T.Z. – Schlagzeug
S.L. – Gastmusiker

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Philosophiestunde im Black Metal? Keine Angst, bei Labor Of The Negative muss niemand vor dem Plattenspieler Hegels »Phänomenologie des Geistes« auswendig aufsagen. Ein widerstandsfähiges Nervenkostüm wäre allerdings von Vorteil, denn das internationale Kollektiv aus Portugal, Großbritannien, Norwegen und Ägypten verwandelt sein Debüt »The Triumph of Time and the Disillusioned« in einen 34-minütigen Fiebertraum aus rasendem Black Metal, dissonanten Gitarren, fiebrigem Jazz, giftigen Trompeten und einem Sänger, der klingt, als würden gleich mehrere Persönlichkeiten um die Vorherrschaft in seinem Kopf kämpfen. Inspiriert von Denkern wie Epikur, Hegel, Hume, Nietzsche, Kierkegaard und Durkheim, wird hier nicht bloß die Dunkelheit beschworen, sondern die menschliche Wahrnehmung fachgerecht auseinandergenommen. Leicht verdaulich ist das nicht – faszinierend aber allemal.

Labor Of The Negative – Epoché VI

HEGEL STEIGT IN DEN MOSHPIT

Der Name Labor Of The Negative geht auf eine Passage aus Hegels »Phänomenologie des Geistes« zurück. Gemeint ist, stark vereinfacht gesagt, jener schmerzhafte Prozess, in dem Erkenntnis nicht aus angenehmer Selbstbestätigung, sondern aus Widerspruch, Negation, Verlust und der Auseinandersetzung mit dem Unbekannten entsteht. Schon der Bandname macht damit klar, dass hier keine weitere Formation antritt, um ausschließlich Frost, Satan und Waldspaziergänge bei Mondschein zu besingen.

Auch der Albumtitel trägt einen gelehrten Unterbau. »The Triumph of Time and the Disillusioned« lehnt sich an Georg Friedrich Händels Oratorium »The Triumph of Time and Disillusion« an. Darin ringen Zeit, Erkenntnis, Schönheit und Vergnügen miteinander. Labor Of The Negative übertragen diese Auseinandersetzung in einen Klangkosmos, in dem Gewissheiten zerfallen, das eigene Ich seine festen Konturen verliert und Wahrnehmung permanent gegen Wirklichkeit antritt.

Wer jetzt eine trockene Vorlesung mit ein paar Blastbeats im Hintergrund befürchtet, darf jedoch aufatmen. Das Konzept bildet zwar das geistige Rückgrat der Platte, doch ihre körperliche Wirkung entfaltet sich über Lärm, Rhythmus und Atmosphäre. Die Texte sind dicht, abstrakt und voll philosophischer Bilder, aber die Musik übersetzt diese Gedanken in etwas unmittelbar Spürbares: Verwirrung, Beklemmung, fiebrige Unruhe und den Eindruck, dass unter der vermeintlich festen Oberfläche der Realität etwas gewaltig schiefläuft.

Musikalisch bewegen sich Labor Of The Negative im Umfeld von Virus, Arcturus und vor allem Dødheimsgard. Dazu kommen die urbane Dissonanz von Imperial Triumphant, das kontrollierte Chaos von Portal und gelegentlich eine beinahe an Anaal Nathrakh erinnernde Gewalt. Das Quartett kopiert diese Einflüsse jedoch nicht, sondern presst sie in eine eigene, verstörende Form.

SECHS EPOCHEN UND EIN ZERFALLENDES ICH

Die sechs mit »Epoché« bezeichneten Hauptstücke wirken weniger wie voneinander getrennte Songs als wie aufeinanderfolgende Zustände desselben geistigen Zusammenbruchs. Der Begriff stammt aus der Philosophie und bezeichnet das Zurückhalten beziehungsweise Aussetzen eines Urteils. Genau dieses Prinzip setzt das Album musikalisch um: Kaum glaubt man, den Aufbau eines Stücks durchschaut zu haben, wird die bisherige Ordnung angehalten, verdreht oder vollständig verworfen.

»Epoché I« wirft den Hörer ohne Vorwarnung in den Sturm. Rasende Gitarren, Blastbeats und gequälte Schreie bilden zunächst ein Gerüst, das noch deutlich im Black Metal der zweiten Welle verankert ist. Dieses Gerüst beginnt allerdings rasch zu schwanken. Der Bass windet sich mit erstaunlicher Beweglichkeit durch das Material, während schiefe Bläserstöße wie vergiftete Kommentare zwischen die Gitarren fahren.

Aufgebaut auf einem soliden Fundament aus Bass und Gitarre entfaltet sich ein Stück, das rohe Aggression mit erstaunlicher instrumentaler Präzision verbindet. T.Z. spielt nicht einfach nur schnell, sondern verschiebt Akzente, lässt die Becken flackern und erzeugt dadurch den Eindruck, dass der Boden unter der Komposition ständig nachgibt. Der Auftakt ist keine Einladung, sondern ein Angriff auf die gewohnten Hörgewohnheiten.

»Epoché II« öffnet zunächst einen etwas ruhigeren Raum. Jazzige Bewegungen, ein deutlich hervortretender Bass und beinahe schwebende Töne vermitteln für wenige Augenblicke das Gefühl, die Platte könnte nun berechenbarer werden. Natürlich ist das eine Falle. Schon bald brechen harsche Gitarren und ein manisch geführter Gesang in diese trügerische Ruhe ein.

Inhaltlich kreist das Stück um Selbstwahrnehmung, Individualität und die Frage, was vom eigenen Ich übrig bleibt, wenn die vertrauten Deutungsmuster zerfallen. Dabei greift der Text auch literarische Spuren Edgar Allan Poes auf. Die philosophischen Bezüge werden jedoch nicht fein säuberlich erklärt, sondern als Splitter in einen fiebrigen Bewusstseinsstrom geworfen. Wer jede einzelne Bedeutung entschlüsseln möchte, dürfte einige Abende beschäftigt sein.

DAS THEATER DER GRAUSAMKEIT

Mit seinen gut sechs Minuten bildet »Epoché III« das ausladendste und zugleich stärkste Stück der Platte. Das Tempo wird zunächst gedrosselt, die Gitarren schleppen sich durch dissonante Flächen und der Bass pocht wie ein zweites, erheblich nervöseres Herz. Über diesem Fundament verwandelt M. seine Stimme in ein ganzes Ensemble aus Schreien, Knurren, heiserem Gelächter, keuchenden Lauten und theatralischen Ausbrüchen.

Der Gesang ist dabei weit davon entfernt, eine klassische Melodie zu tragen. Er funktioniert wie ein zusätzliches Störgeräusch, das den übrigen Instrumenten widerspricht, sie kommentiert oder mit ihnen um die Kontrolle ringt. Stellenweise erinnert dieser Vortrag an die exzentrischsten Phasen von Dødheimsgard, wirkt allerdings noch roher und weniger kontrolliert. Das kann faszinieren, wird manchen Hörern aber garantiert auf die Nerven gehen. Vermutlich ist genau das beabsichtigt.

In der zweiten Hälfte zieht sich die metallische Gewalt plötzlich zurück. Eine Trompete tritt in den Vordergrund und gleitet zwischen melancholischen, schiefen und geradezu giftigen Tönen hin und her. Im Hintergrund lauern Gelächter, Bassbewegungen und eine Musik, die langsam wieder an Kraft gewinnt. Statt wie ein aufgesetztes Jazz-Gimmick zu wirken, übernimmt das Instrument die Rolle des zuvor verstummten Gesangs. Es erzählt die gleiche geistige Zerrüttung nun ohne Worte weiter.

»Epoché IV« rast anschließend deutlich ungeduldiger aus den Boxen. Das Schlagzeug treibt den Song mit nervösen Tempowechseln voran, während die Gitarren eher Flächen und Reibungen erzeugen, als sich mit einem klassischen Riff in den Vordergrund zu stellen. Die Komposition scheint sich permanent selbst überholen zu wollen.

Lyrisch geht es um Hierarchien des Wissens, den Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart und die Frage, ob ein Mensch ohne Zugehörigkeit oder erreichbares Ziel überhaupt Orientierung finden kann. Gedanken des Soziologen Émile Durkheim fließen dabei in die Betrachtung von Bindung, Ziellosigkeit und gesellschaftlicher Ordnung ein. Trotz dieses akademischen Unterbaus bleibt die Musik alles andere als kühl. Sie klingt wie eine Panikattacke, die versucht, ihre eigene philosophische Abhandlung zu verfassen.

DIE RUHE VOR DEM NÄCHSTEN NERVENZUSAMMENBRUCH

Das Instrumental »151 – The Eternal Present and the Endless Dream« teilt das Album in zwei Abschnitte. Feedback, freie Schlagzeugarbeit und diffuse Klangflächen bilden einen kurzen Schwebezustand. Es ist keine erholsame Pause, sondern eher jener Augenblick, in dem nach einer heftigen Erschütterung die Ohren pfeifen und der Verstand noch nicht entschieden hat, ob die Gefahr wirklich vorbei ist.

Mit »Epoché V« wird diese Frage beantwortet: Nein, ist sie nicht. Der Song explodiert aus der Stille heraus und gehört zu den aggressivsten Momenten des Albums. Gitarren und Schlagzeug bauen einen beinahe undurchdringlichen Wall auf, während der Bass erneut mit einer Beweglichkeit agiert, die im Black Metal keineswegs selbstverständlich ist. Wo andere Produktionen das Instrument irgendwo unter den Gitarren vergraben, darf J.H. hörbar am Wahnsinn mitarbeiten.

Die Komposition beschreibt eine zunehmende Auflösung des Selbst. Identität, Erfahrung und Wahrnehmung werden nicht mehr als unveränderliche Größen betrachtet, sondern als vorübergehende Konstruktionen, die von der Zeit verschluckt werden. Die Musik bildet diesen Prozess ab, indem sie Motive kurz entstehen lässt und gleich darauf wieder zerreißt. Das ist spannend, verlangt aber vollständige Aufmerksamkeit.

»Epoché VI« führt das Werk schließlich nicht zu einer versöhnlichen Erkenntnis, sondern weiter in Richtung Verfall. Der Song beschäftigt sich mit einer Welt, die nur durch Wahrnehmung greifbar wird, während diese Wahrnehmung selbst unzuverlässig bleibt. Hoffnung taucht höchstens als verdächtiger Restbestand auf. Eine Antwort gibt es nicht – lediglich die Erkenntnis, dass jede vermeintliche Gewissheit erneut geprüft werden muss.

Musikalisch fasst das Finale viele Stärken des Albums zusammen. Raserei, dissonante Linien, ein kräftig pulsierender Bass und M.s vokaler Kontrollverlust fließen ineinander. Besonders das Schlagzeug setzt zum Ende noch einmal markante Akzente und verhindert, dass sich die Komposition einfach im Lärm auflöst. Der abschließende Wirbel wirkt wie ein letzter energischer Punkt unter einer Abhandlung, die ihre eigenen Schlussfolgerungen längst wieder infrage gestellt hat.

EIN KLANGBILD OHNE SICHEREN BODEN

Die Klangbühne im Hörraum ist eng, drückend und während der rasenden Passagen bewusst klaustrophobisch. Gitarren, Stimmen und Schlagzeug schieben sich dicht zusammen, ohne vollständig zu einem matschigen Brei zu zerfallen. Der Bass bleibt erstaunlich präsent und verleiht dem Album selbst dann körperliche Tiefe, wenn die Gitarren hauptsächlich mit dissonanten Flächen arbeiten.

In den ruhigeren Jazzpassagen öffnet sich das Klangbild schlagartig. Bläser, Becken und Bass erhalten mehr Raum, wodurch der Wechsel zurück in die metallische Raserei umso heftiger ausfällt. Diese Kontraste gehören zu den größten Stärken der Produktion. Man hört nicht einfach nur verschiedene Lautstärken, sondern unterschiedliche räumliche Zustände: hier der enge, stickige Tunnel, dort eine leere Halle, in der eine einzelne Trompete ihre vergifteten Töne ausstößt.

Nicht jedes Detail sitzt vollkommen. Die Gitarren verschwinden gelegentlich hinter Gesang, Schlagzeug und Bläsern, während einzelne Anschläge der Snare etwas zu scharf aus dem Gesamtbild hervorstechen. Zudem folgt der Wechsel zwischen Black-Metal-Gewalt und jazzigen Öffnungen nach mehreren Stücken einem erkennbaren Muster. Was zunächst völlig unberechenbar wirkt, verliert dadurch im weiteren Verlauf einen Teil seines Überraschungseffekts.

Auch beim Songwriting bleibt ein kleiner Vorbehalt. »The Triumph of Time and the Disillusioned« funktioniert hervorragend als zusammenhängender Trip, besitzt aber nur wenige Motive, die nach dem Ausschalten sofort wieder im Kopf auftauchen. Die Stücke leben von Zuständen, Klangfarben und einzelnen spektakulären Augenblicken, nicht von Refrains oder klar wiedererkennbaren Riffs. Das ist im Avantgarde Black Metal keineswegs ein grundsätzliches Problem, schränkt jedoch die unmittelbare Zugänglichkeit erheblich ein.

Die kompakte Spielzeit von knapp 34 Minuten erweist sich deshalb als kluge Entscheidung. Labor Of The Negative führen ihre Ideen aus, ohne den Hörer über eine volle Stunde im philosophischen Schleudergang festzuhalten. Das Album endet genau an jenem Punkt, an dem seine Methode Gefahr laufen würde, zur bloßen Routine zu werden.

KONTROLLIERTER WAHNSINN MIT TROMPETE

Die größte Stärke des Debüts liegt in seiner kompromisslosen Eigenständigkeit. Labor Of The Negative liefern keinen Black Metal, der beim ersten Durchgang freundlich um Zustimmung bittet. Die Band verlangt Geduld, Konzentration und die Bereitschaft, auch unangenehme Klangräume auszuhalten. Wer lediglich nach frostigen Tremoloriffs und einem hymnischen Refrain sucht, wird sich hier vermutlich fühlen wie ein Schüler, der versehentlich in der falschen Vorlesung gelandet ist.

Dabei ist »The Triumph of Time and the Disillusioned« keineswegs chaotisch, weil seine Urheber ihre Instrumente nicht unter Kontrolle hätten. Hinter der scheinbaren Anarchie steckt präzise Arbeit. Besonders T.Z. und J.H. bilden eine hervorragende Rhythmusgruppe, die selbst die widerspenstigsten Übergänge zusammenhält. Gitarrist S. denkt weniger in klassischen Riffblöcken als in Spannungen, Flächen und giftigen Intervallen.

Über allem steht die vollkommen entfesselte Stimme von M.. Sein Vortrag wird polarisieren, verleiht dem Album aber jene wahnhafte Persönlichkeit, durch die es aus der Masse experimenteller Black-Metal-Veröffentlichungen herausragt. Er singt nicht über den geistigen Kontrollverlust – er führt ihn vor. Gemeinsam mit den verstörenden Bläsern entsteht dadurch ein musikalisches Theater, das ebenso abstoßend wie fesselnd wirken kann.

Auch die optische Gestaltung passt zu diesem Ansatz. Das Cover von Belian NecroArts, das Logo von Ikonostasis Art und das Layout von Francesco Gemelli präsentieren das Werk nicht als gewöhnliche Bandaufnahme, sondern als schwer zugängliches philosophisches Artefakt. Die auf 200 Exemplare limitierte Digipak-CD enthält ein achtseitiges Booklet mit den Texten – bei einem derart konzeptlastigen Album definitiv kein überflüssiges Beiwerk.

FAZIT:

»The Triumph of Time and the Disillusioned« ist ein forderndes, verstörendes und mutiges Debüt, mit dem Labor Of The Negative rasenden Black Metal, Dissonanz, Jazz und philosophischen Wahnsinn zu einem eigenständigen Klangkosmos verschmelzen. Die starke Rhythmusgruppe, M.s vollkommen entfesselter Gesang und die giftigen Trompetenpassagen faszinieren, auch wenn die einzelnen Stücke eher durch besondere Momente als durch dauerhaft einprägsame Motive überzeugen. Keine Platte für die gemütliche Hintergrundbeschallung, aber ein verdammt spannender Triumph des kontrollierten Irrsinns.

Labor Of The Negative – Epoché III

Internet

Labor Of The Negative - The Triumph of Time and the Disillusioned - Album Review

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