Tracklist
01. Demonic Insurrection
02. Evil Embodiment
03. In The Sky of Dead Ghost
04. Despaired in Revelation
05. Vale of Shadows
06. Into The Afterlife
07. Godless Infestation feat. Flexxer
08. Rites of Revocation feat. Luca Vi
09. The Monster Within Myself
Besetzung
Markus Scheibe – Gesang, Studio-Schlagzeug
Carlo Stolze – Leadgitarre
Erik Schulz – Rhythmusgitarre
Dominic Walter – Bass
Gastmusiker:
Flexxer – Gastgesang bei »Godless Infestation«
Luca Vi – Gastgesang bei »Rites of Revocation«
Produktion:
Produktion, Mixing und Mastering – Stefan Friedrich, Blackbox Recording
Artwork – Mohammed Horiul
Fotografie – Judith Lukovacs
Technical Death Metal kann zur sportlichen Leistungsschau verkommen: mehr Anschläge, mehr Taktwechsel, mehr Geschwindigkeit und am Ende weniger Song. ART|EST kennen diese Gefahr. Auf ihrem selbst veröffentlichten Debütalbum »Evil Embodiment« demonstrieren die Leipziger zwar reichlich instrumentale Präzision, lassen ihre neun Stücke aber nicht unter einem Berg aus Griffbrettakrobatik ersticken. Technischer Death Metal, moderne Härte, Deathcore-Grooves und atmosphärische Passagen bilden ein Album, das den direkten Schlag in die Magengrube ebenso beherrscht wie den kontrollierten Aufbau von Spannung. Inhaltlich geht es um Besessenheit, dämonische Kräfte, das Jenseits und den schmalen Riss zwischen der Welt der Lebenden und einer finsteren Gegenebene. Das klingt zunächst nach bekanntem Genrebestand, erhält durch den konsequenten Albumaufbau und einige kluge Kontraste jedoch mehr Substanz als die übliche Sammlung schwarzer Messen und aufgerissener Höllentore.
DER AUFSTAND BEGINNT OHNE VORWARNUNG
»Demonic Insurrection« dient als gut einminütiger Auftakt. Das Intro öffnet keine ausufernde Klanglandschaft, sondern spannt die Nerven an und führt direkt in den Titelsong. Solche Vorspiele geraten im Extreme Metal häufig zur austauschbaren Geräuschkulisse. Hier bleibt die Einleitung kurz genug, um ihre Funktion zu erfüllen, ohne den eigentlichen Angriff unnötig hinauszuzögern.
»Evil Embodiment« legt anschließend die Karten auf den Tisch. Die Gitarren von Carlo Stolze und Erik Schulz arbeiten mit schnellen Läufen, präzisen Stakkatofiguren und eng gesetzten rhythmischen Wechseln. Trotz der technischen Ausrichtung besitzt der Song einen klar erkennbaren Kern. Die Band lässt immer wieder schwerere Grooves zwischen die schnellen Passagen fallen und verhindert damit, dass sich das Stück in einer einzigen Hochgeschwindigkeitsfläche auflöst.
Markus Scheibe setzt auf tiefen, druckvollen Gesang, der weniger mit individueller Theatralik als mit körperlicher Präsenz arbeitet. Growls und schärfere Ausbrüche greifen die Rhythmik der Gitarren auf und geben dem Stück zusätzlichen Druck. Der Text entwirft ein Szenario aus Besessenheit, schwarzer Magie und einer dämonischen Kraft, die den Körper ihres Opfers übernimmt. Überraschend ist das thematisch nicht. Die konzentrierte musikalische Umsetzung sorgt dennoch dafür, dass der Titelsong als programmatisches Zentrum funktioniert.
Die technische Präzision ist unüberhörbar, bleibt aber Mittel zum Zweck. ART|EST wollen nicht beweisen, wie viele Noten in vier Minuten passen. Das Riffing arbeitet auf konkrete Höhepunkte hin, während die tieferen Groove-Passagen genügend Raum erhalten, um ihre Wirkung zu entfalten.
TOTE GEISTER ÜBER EINEM BRECHENDEN HIMMEL
»In The Sky of Dead Ghost« setzt das Tempo hoch an, erweitert die Formel aber um stärker hervortretende melodische Linien. Inhaltlich greift die Band mit Surtr eine Gestalt der nordischen Mythologie auf. Der Feuerriese wird zum Zerstörer einer ohnehin bereits verdunkelten Welt, über der sich tote Geister und brennende Himmel sammeln.
Die Gitarren bewegen sich zwischen technischer Präzision und dunkler Melodieführung. Besonders die Leadarbeit gibt dem Stück eine erkennbare Identität. Statt jedes Motiv sofort durch das nächste zu ersetzen, lässt Stolze einzelne Linien wiederkehren. Dadurch bleibt der Song trotz hoher Informationsdichte im Gedächtnis.
Dominic Walter hält am Bass das Fundament zusammen. Sein Instrument wird nicht in jeder Passage deutlich vom Gitarrenklang getrennt, sorgt aber für den notwendigen Druck unter den hektischen Bewegungen. Gerade in den langsameren Abschnitten wird spürbar, wie wichtig die tiefen Frequenzen für die körperliche Wirkung der Platte sind.
»Despaired in Revelation« fällt anschließend kompakter und direkter aus. Die Band setzt stärker auf rhythmische Schläge und verzichtet zeitweise auf die komplizierteren Gitarrenverschachtelungen. Das Stück wirkt dadurch nicht weniger anspruchsvoll, sondern fokussierter. Die härteren Groove-Passagen sitzen, weil sie nicht wie nachträglich eingesetzte Konzertanimationen klingen. Sie entstehen nachvollziehbar aus den vorherigen Riffs.
Eine Schwäche zeigt sich dennoch: Manche technischen Figuren ähneln sich in Tonlage und Klanggestaltung. Vor allem in der ersten Albumhälfte könnten sich einzelne Passagen stärker voneinander abheben. ART|EST gleichen das durch Tempoänderungen und ausreichend markante Hauptmotive weitgehend aus, erreichen aber noch nicht in jedem Song die vollständige Eigenständigkeit.
IM TAL DER SCHATTEN WIRD ES PLÖTZLICH STILL
»Vale of Shadows« bildet den stärksten Wendepunkt der Platte. Zunächst regieren Blastbeats, kantige Riffs und ein Gesang, der sich mit wachsender Vehemenz durch die Instrumente arbeitet. Die Band verdichtet ihren Sound bis an die Belastungsgrenze, bevor die gesamte Konstruktion plötzlich zurückgenommen wird.
An die Stelle der massiven Gitarren tritt ein kurzes, beinahe spanisch anmutendes Gitarrenzwischenspiel. Dieser Moment dauert nicht lange, verändert aber die Wahrnehmung des gesamten Songs. Nach der technischen und rhythmischen Dauerbelastung wirkt die reduzierte Melodie wie ein kurzer Blick aus einer geöffneten Tür. Wenige Sekunden später schlägt diese Tür wieder zu und die Band kehrt mit zusätzlicher Härte zurück.
Der Kontrast funktioniert, weil er nicht inflationär verwendet wird. ART|EST verstehen, dass ein ruhiger Abschnitt nicht automatisch Atmosphäre erzeugt. Er muss an der richtigen Stelle sitzen und eine Funktion im Spannungsbogen erfüllen. Bei »Vale of Shadows« macht die kurze melodische Unterbrechung den anschließenden Angriff tatsächlich schwerer.
Der Song zeigt außerdem, welches Potenzial in der Band steckt, wenn technische Fähigkeiten, Atmosphäre und Dramaturgie vollständig ineinandergreifen. Während einige Stücke primär durch starke Riffs überzeugen, entwickelt »Vale of Shadows« eine eigene Erzählbewegung. Die Komposition klingt nicht bloß wie ein musikalisches Gerüst für einen Text über die Unterwelt, sondern erzeugt selbst den Eindruck eines Abstiegs.
DER TOD IST NUR DER NÄCHSTE RAUM
»Into The Afterlife« schlägt eine melodischere Richtung ein. Der Text bewegt sich in einem Zwischenreich, in dem Vergangenheit und Zukunft, Licht und Schatten sowie Traum und Wachzustand nicht mehr klar voneinander getrennt sind. Die Band reagiert darauf mit offeneren Gitarrenlinien und einem weniger komprimierten Aufbau.
Das Stück ist nicht weich, aber luftiger. Nach der Intensität von »Vale of Shadows« ist diese Veränderung sinnvoll. ART|EST verhindern dadurch, dass die zweite Hälfte lediglich das Tempo und die Härte der ersten wiederholt. Die melodischen Bewegungen wirken nicht aufgesetzt, sondern erweitern das technische Fundament.
Bei »Godless Infestation« zieht die Band die Schrauben wieder an. Die Nummer ist mit gut dreieinhalb Minuten der kürzeste vollständige Song und arbeitet entsprechend konzentriert. Der Gastbeitrag von Flexxer erhöht die vokale Reibung, während das Riffing stärker in Richtung moderner Deathcore-Härte drängt.
Das Thema der Besessenheit kehrt zurück, diesmal als psychischer Kontrollverlust. Stimmen dringen in den Kopf ein, eine fremde Macht heftet sich an den Körper und der betroffene Mensch verliert zunehmend die Fähigkeit, zwischen eigenem Willen und äußerer Manipulation zu unterscheiden. ART|EST bleiben bei einer drastischen Horrorsprache, lassen aber genügend Raum für eine Lesart als Darstellung innerer Zerrissenheit.
Musikalisch gehört »Godless Infestation« zu den unmittelbarsten Titeln. Der Song will nicht mit jedem Takt überraschen, sondern arbeitet auf wenige, dafür wirkungsvolle Schläge hin. Gerade diese Beschränkung tut dem Album gut.
WIDERRUFEN WIRD HIER GAR NICHTS
»Rites of Revocation« verbindet technische Gitarrenarbeit mit einer ausgesprochen finsteren Grundstimmung. Luca Vi ergänzt den Gesang und verleiht dem Stück zusätzliche vokale Tiefe. Die Nummer spielt mit Vorstellungen von Begräbnis, Unterwelt und einer rituellen Rücknahme des Lebens, ohne sich in langen erzählerischen Umwegen zu verlieren.
Die Gitarren wechseln zwischen schnellen, präzise gesetzten Figuren und schweren rhythmischen Blöcken. Das erinnert stellenweise an die Schnittstelle zwischen Technical Death Metal und modernem Deathcore, bleibt aber deutlich riffbetonter als viele Produktionen, die sich fast ausschließlich auf den nächsten Subdrop verlassen.
Der programmierte beziehungsweise im Studio konstruierte Schlagzeugklang unterstützt die Präzision, besitzt aber auch Grenzen. Die schnellen Passagen sind messerscharf und sauber voneinander getrennt. In einzelnen Groove-Abschnitten fehlt dagegen etwas von der natürlichen Dynamik, die ein menschliches Schlagzeug dem Material geben könnte. Das Ergebnis klingt kraftvoll, gelegentlich jedoch kontrollierter, als es der dämonische Inhalt eigentlich verlangt.
Diese kontrollierte Härte prägt die gesamte Produktion. Stefan Friedrich trennt Gitarren, Gesang und Rhythmusfundament klar voneinander. Kein Riff versinkt vollständig im Frequenznebel, und auch bei hoher Geschwindigkeit bleiben die einzelnen Bewegungen nachvollziehbar. Gleichzeitig könnte der Sound an einigen Stellen etwas mehr Schmutz und Unberechenbarkeit vertragen. Technical Death Metal muss nicht automatisch steril klingen – ART|EST vermeiden diese Falle meistens, streifen sie aber gelegentlich.
DAS MONSTER BLEIBT NICHT LÄNGER IM KELLER
Mit fast sechs Minuten ist »The Monster Within Myself« der längste Titel und ein schlüssiger Abschluss. Inhaltlich geht es um eine vampirische Kreatur, die bei Nacht erwacht, nach Blut verlangt und den Menschen schließlich vollständig überwältigt. Das innere Monster ist dabei nicht bloß ein fremdes Wesen. Es gehört zur eigenen Identität und kann nur zeitweise in Ketten gehalten werden.
Die Komposition greift mehrere Eigenschaften der vorherigen Stücke erneut auf. Schnelle Gitarrenläufe stehen neben schweren Grooves, melodische Linien werden von dissonanteren Figuren unterbrochen und der Gesang bewegt sich zwischen kontrollierter Tiefe und aggressiver Eskalation.
Anders als manche überlange Schlussnummer versucht der Song nicht, künstlich Größe zu erzeugen. Die Laufzeit ergibt sich aus mehreren klar unterscheidbaren Phasen, die aufeinander aufbauen. Besonders die Verbindung aus dunkler Melodik und rhythmischer Härte sorgt dafür, dass das Finale nicht als bloße Zusammenfassung des Albums wirkt.
Allerdings hätte der Schluss noch entschlossener ausfallen können. Nach dem sorgfältigen Aufbau wäre eine letzte, klar gesetzte Zuspitzung wirkungsvoller gewesen als das kontrollierte Auslaufen. Trotzdem erfüllt »The Monster Within Myself« seine Aufgabe: Das Album endet nicht mit einem zufälligen Reststück, sondern mit einer Komposition, die den thematischen Kreis von Besessenheit, Kontrollverlust und innerer Finsternis schließt.
PRÄZISION MIT ZÄHNEN
Die größte Stärke von ART|EST liegt im Gitarrenspiel. Carlo Stolze und Erik Schulz verbinden technische Läufe mit nachvollziehbaren Riffs und widerstehen weitgehend der Versuchung, jeden freien Takt mit zusätzlicher Virtuosität zu füllen. Besonders »In The Sky of Dead Ghost«, »Vale of Shadows« und »Rites of Revocation« zeigen, dass die Band nicht nur schnell spielen, sondern auch Spannungsbögen entwickeln kann.
Markus Scheibes Gesang passt zur modernen Ausrichtung. Seine Growls besitzen Druck und rhythmische Präzision, könnten in Zukunft aber noch stärker variiert werden. Über die gesamte Albumlänge ähneln sich einige vokale Betonungen. Die Gastbeiträge sorgen deshalb für wichtige Kontraste.
Dominic Walter hält die tiefen Frequenzen zusammen, erhält im Mix aber nicht immer genügend Raum für eine deutlich eigenständige Bassstimme. Gerade bei technisch ausgerichtetem Death Metal könnte eine beweglichere und präsenter herausgearbeitete Bassarbeit zusätzliche Tiefe schaffen.
Mit knapp 38 Minuten ist das Album sinnvoll bemessen. ART|EST überladen ihr Debüt nicht mit Bonusmaterial, instrumentalen Reststücken oder einer zweiten Hälfte, die nur noch Varianten bereits bekannter Ideen liefert. Einige Riffs folgen vertrauten Tech-Death- und Deathcore-Mustern, doch die konsequente Atmosphäre und die durchdachte Reihenfolge halten die Platte zusammen.
FAZIT:
»Evil Embodiment« ist ein starkes Debüt zwischen Technical Death Metal, moderner Death-Metal-Härte und Deathcore-Groove. ART|EST setzen auf Präzision, vergessen dabei aber nicht, dass ein Song mehr braucht als beeindruckende Fingerbewegungen. Besonders »In The Sky of Dead Ghost«, »Vale of Shadows«, »Godless Infestation« und »The Monster Within Myself« verbinden Technik, Atmosphäre und körperliche Wucht überzeugend. Der Schlagzeugklang fällt stellenweise etwas mechanisch aus, manche Gesangspassagen könnten variabler sein und nicht jedes Riff besitzt bereits eine unverwechselbare Handschrift. Trotzdem steht hier keine sterile Leistungsschau, sondern ein konzentriertes, finsteres Album mit klar erkennbarem Entwicklungspotenzial. Das Böse hat Gestalt angenommen – und es beherrscht seine Instrumente.






