Tracklist
01. Feu d’un regard – 06:24
02. Ennui Ennemi – 05:08
03. Mon rêve animal – 07:52
04. Je est absent – 07:39
05. Aux inutiles – 04:13
06. Nous, le venin – 10:09
Besetzung
Olivier Lolmède – Gitarre und Gesang
Alexandre Bérenguer – Gitarre
Théophile Antolinos – Bass
Maël Pretet – Schlagzeug
Aufnahme und Produktion: Amaury Sauvé, The Apiary Studio
Mix: Clément Libes, La Tanière
Mastering: Adrien Pallot, Chab Mastering
Artwork: Thomas Davezac
Das Black Metal etzadla immer noch krieg ist, das beweisen Mourir….. Mit »Nous, le venin« schleudert das Quartett aus Toulouse einen 41-minütigen Brocken in die Gegenwart, der die alte Bosheit des Genres nicht museal konserviert, sondern mit Post-Metal-Dramaturgie, Sludge-Tiefe, Doom-Schwere, Noise, Screamo und dissonanter Moderne neu bewaffnet, wobei auch das kunstvolle Artwork im hiesigen Black Metal Spektrum etwas besonderes ist und hervorsticht. Doch wie heißt es so schön? Außen Spannung und Innen Überraschung: Das am 10. Juli 2026 über Pelagic Records veröffentlichte Album klingt roh, körperlich und gefährlich, besitzt aber zugleich jene melodischen Lichtspalten, durch die für wenige Augenblicke etwas wie Hoffnung fällt. Mourir führen keinen Krieg gegen eine äußere Fantasiegestalt. Ihr Gegner ist der zeitgenössische Mensch selbst: entfremdet, zynisch, selbstbezogen, überfordert und dennoch verzweifelt auf der Suche nach einem Sinn in einer Welt, die für Sinnsuchende immer unwirtlicher wird.
Der Titel bedeutet übersetzt „Wir, das Gift“. Dieses Wir ist keine Gemeinschaft, in der man sich bequem geborgen fühlen kann. Es bezeichnet eine Spezies, die ihre eigenen Lebensbedingungen vergiftet, soziale Kälte produziert und Individualismus mit Freiheit verwechselt. Mourir betrachten diese Gegenwart mit Ekel, aber nicht aus einer vermeintlich überlegenen Position. Die Band schließt sich ausdrücklich in die Anklage ein. Das Gift befindet sich nicht ausschließlich bei den anderen; es zirkuliert durch uns alle.
Genau darin liegt die unangenehme Stärke des Albums. »Nous, le venin« verteilt keine moralisch sauberen Rollen. Olivier Lolmèdes Schreie klingen nicht wie die Stimme eines Richters, sondern wie das Geräusch eines Menschen, der mitten in derselben toxischen Wirklichkeit steckt. Seine Vocals schwanken zwischen heiseren Schreien, gequältem Kreischen, dunkleren Growls und beinahe entmenschlichten Ausbrüchen. Die Worte werden nicht immer sofort verständlich, ihre emotionale Richtung bleibt jedoch unmissverständlich.
Die Instrumente reagieren darauf nicht mit einer gleichförmigen Wand. Maël Pretets Schlagzeug hält die Black-Metal-DNA am deutlichsten sichtbar: rasende Blastbeats, nervöse Beschleunigungen, harte Akzente und plötzliche Zurücknahmen. Die Gitarren von Olivier Lolmède und Alexandre Bérenguer wählen einen freieren Weg. Sie können dissonant schneiden, melodisch schimmern, rhythmisch kreisen, in Post-Rock-Helligkeit ausbrechen oder zu schweren Sludge- und Doom-Flächen absinken. Théophile Antolinos verankert diese Bewegungen mit einem tiefen Bassfundament, das dem Album zusätzliche körperliche Wucht und eine deutliche Noise-Komponente verleiht.
BLACK METAL OHNE NOSTALGISCHE FESSELN
Mourir greifen auf die Kälte und den Wahnsinn des klassischen Black Metal zurück, verzichten aber auf eine bloße Rekonstruktion der frühen Neunziger. Keine künstlich dünne Produktion, kein absichtlich unlesbares Klangbild und keine romantische Waldkulisse. »Nous, le venin« ist urbane Musik. Ein tiefer Drone zieht sich unter vielen Passagen entlang und verleiht dem Album eine brutalistische Wirkung, als würden die Stücke zwischen Beton, leer stehenden Gebäuden und flackernden Straßenlampen entstehen.
Die Geschwindigkeit folgt stärker dem Spannungsaufbau des Post Metal als einem traditionellen Black-Metal-Dauerangriff. Mourir lassen einzelne Motive anwachsen, bis der Druck kaum noch auszuhalten ist. Dann brechen Blastbeats, Schreie und dissonante Gitarren los. Ebenso wichtig sind die Atemzüge dazwischen: beinahe stille Übergänge, zurückgenommene Melodien, frei schwebende Gitarrentöne oder ein Rhythmus, der sich plötzlich vom metallischen Zugriff löst.
Das Album ist dadurch dicht, aber nicht vollständig undurchdringlich. Seine Härte entsteht aus Bewegung und Kontrast. Wenn eine helle Gitarrenmelodie erscheint, bedeutet das nicht automatisch Trost. Oft ist dieses Licht kalt, weit entfernt und gerade deshalb schmerzhaft. Die Schönheit hebt die Finsternis nicht auf, sondern macht sichtbar, wie groß der Abstand zwischen der gegenwärtigen Lage und einer möglichen besseren Welt geworden ist.
Dieser Ansatz verbindet Mourir mit zeitgenössischem Post-Black Metal, reicht aber über die übliche Genreformel hinaus. Sludge sorgt für eine schmutzige Tiefe, Doom dehnt einzelne Abstürze, Screamo verschärft die emotionale Direktheit, und Noise lässt die Oberflächen ausfransen. Gelegentlich tauchen sogar jazzige oder liturgische Farben auf. Trotzdem wirkt das Ergebnis nicht zusammengewürfelt. Jede Abweichung erfüllt eine dramaturgische Funktion.
LIVE IM STUDIO: VIER MUSIKER UNTER HOCHSPANNUNG
Aufgenommen wurde »Nous, le venin« im Januar 2026 mit Amaury Sauvé im Apiary Studio in Laval. Die Band spielte das Material live ein. Das erklärt, weshalb die Platte trotz ihrer vielen Schichten so körperlich und unmittelbar wirkt. Man hört keine klinisch zusammengesetzte Studiokonstruktion, sondern vier Musiker, die aufeinander reagieren, Tempi gemeinsam verschieben und Übergänge als echte Bewegung gestalten.
Sauvé ist für seine Arbeit mit unter anderem Birds In Row und Igorrr bekannt und versteht es, chaotische Musik nicht durch übertriebene Ordnung zu entschärfen. Die Produktion erhält die Reibung zwischen den Instrumenten. Gitarren dürfen rauschen und scheuern, die Bassfrequenzen bekommen Raum, und das Schlagzeug besitzt genügend Natürlichkeit, damit selbst die schnellsten Passagen nicht nach programmiertem Dauerfeuer klingen.
Der Mix von Clément Libes trennt die Ebenen, ohne ihnen ihre gegenseitige Verschmutzung zu nehmen. Tiefen, Drone und Sludge-Gewicht bleiben präsent, während die hohen Gitarren und Lolmèdes Stimme durch das Klangbild schneiden. Adrien Pallot bewahrt im Mastering die Dynamik. Die leisen Stellen werden nicht künstlich auf dieselbe Lautstärke gepresst wie die Ausbrüche. Gerade deshalb treffen die Explosionen so heftig.
Der Neuzugang Théophile Antolinos spielt für die Entwicklung der Band eine wichtige Rolle. Sein Bass bringt eine zusätzliche Noise- und Wall-of-Sound-Dimension ein. Statt lediglich die Gitarren zu verdoppeln, bildet er häufig einen eigenen dunklen Strom unter der Musik. Zusammen mit Pretets Schlagzeug entsteht ein Fundament, das gleichermaßen rasen, schleppen und für Sekunden beinahe verschwinden kann.
FEU D’UN REGARD: EIN BLICK ENTFACHT DAS ERLOSCHENE
»Feu d’un regard« eröffnet das Album mit einer beinahe rituellen Bewegung. Das Schlagzeug wirkt zunächst tribal und baut die Spannung geduldig auf. Darüber erscheinen Gitarren, die sich nicht auf ein klassisches Tremolo-Riff festlegen, sondern dissonante Linien gegeneinander verschieben. Einzelne Wendungen besitzen jene schiefe, schwer greifbare Eleganz, die man auch aus dem Umfeld von Imperial Triumphant kennt, ohne dass Mourir deren Sprache kopieren.
Dann reißen die Schreie die Dunkelheit auf. Das Zusammenspiel bleibt kontrolliert, obwohl die Musik nach Kontrollverlust klingt. Pretet beschleunigt, die Gitarren werden schärfer, und Antolinos füllt den unteren Raum mit einem Druck, der jede vermeintliche Leichtigkeit sofort wieder erdet. Der Song arbeitet in Schüben: Spannung, Ausbruch, kurze Öffnung, erneute Verdichtung.
Der französische Text steht in einem faszinierenden Gegensatz zum Klang. Er spricht von reiner Energie, Freude, melodischem Lachen, Zärtlichkeit und einem Blick, dessen Feuer etwas bereits Erloschenes neu entzündet. Mourir beginnen ihr finsteres Album also mit einem Bild des Wiedererwachens. Diese Hoffnung wird musikalisch nicht freundlich ausgeleuchtet. Sie muss sich gegen Dissonanz, Lärm und Schreie behaupten.
Gerade das macht »Feu d’un regard« zu einem starken Auftakt. Die Band erklärt ihre Methode, ohne sie auszubuchstabieren: Licht existiert, aber es wird unter widrigen Bedingungen erzeugt. Freude ist kein natürlicher Zustand, sondern ein kurzer, kostbarer Energieausbruch in einer ansonsten erkalteten Umgebung.
ENNUI ENNEMI: DIE LANGEWEILE ALS FEIND
Mit »Ennui Ennemi« zieht das Album das Tempo drastisch an. Maël Pretet liefert eine der beeindruckendsten Schlagzeugleistungen der Platte. Die Beats wirken gehetzt, die Blastbeats schneiden durch die Gitarren, und die gesamte Band bewegt sich wie eine Maschine, die ihre eigene Belastungsgrenze ignoriert. Das Stück gehört zu den chaotischsten Momenten des Albums, behält aber eine präzise innere Architektur.
Im Zentrum des Sturms entsteht plötzlich beinahe völlige Stille. Die Töne werden weich, langsam und für wenige Sekunden fast beruhigend. Dieser Übergang ist kein dekorativer Ambient-Einschub. Er führt das Thema des Songs weiter. Die Langeweile erscheint als Feind, weil sie den Menschen mit sich selbst allein lässt. Also wird das innere Vakuum mit Bildern, Sinnangeboten, Lärm und Bewegung geflutet. Sobald Stille entsteht, wird ihre Intimität bedrohlich.
Der Text beschreibt das Zähneknirschen bis auf den Knochen, den bodenlosen Brunnen, das Zurückweichen vor Unwissen und den Zwang, jede Leere sofort zu füllen. Erst als das lyrische Ich den Sturz akzeptiert, entsteht für einen Augenblick das Gefühl, im gegenwärtigen Moment zu schwimmen – ohne Horizont und ohne Fundament. Es ist keine stabile Erkenntnis, sondern ein Schwebezustand.
Nach der Unterbrechung springt die Maschine wieder an. Der Schluss steigert sich zu einem vokalen Zerreißen, das ohne klaren Sicherheitsabstand in »Mon rêve animal« übergeht. Mourir behandeln die Trackgrenzen nicht wie Mauern. Das Album wirkt dadurch wie ein einziger psychischer Ablauf, dessen einzelne Phasen unterschiedliche Namen tragen.
MON RÊVE ANIMAL: ZUFLUCHT IM INSTINKT
»Mon rêve animal« nimmt sich mit fast acht Minuten deutlich mehr Zeit. Unter seiner Post-Metal-Oberfläche entwickelt der Song eine hypnotische Wirkung. Die Gitarren arbeiten rhythmischer, Motive werden wiederholt und langsam verändert, während das Schlagzeug weniger auf permanenten Angriff als auf einen allmählichen Aufbau setzt. Mourir lassen die Melodien atmen, ohne den bedrohlichen Untergrund preiszugeben.
Der Text führt in ein langsames, bitteres Labyrinth. Am Fuß der Mauer und am Rand des Abgrunds erscheinen die Schatten einer Unordnung, in deren Ruinen wertlose Idole das Fallen lernen. Der Tiertraum wird zum Zufluchtsort: eine Flucht aus Selbstbeobachtung, gesellschaftlicher Rolle und rationaler Überforderung in etwas Instinktives. Doch auch dieser erhoffte Neubeginn bleibt ausdrücklich fantasiert.
Lolmèdes Stimme erreicht hier besonders gequälte Regionen. Manche Schreie berühren die depressive Verzweiflung des DSBM, ohne dass der Song in dessen übliche klangliche Eintönigkeit kippt. Die Instrumente halten dagegen. Rhythmische Gitarren und schwellende Melodien schaffen Bewegung, wo die Stimme beinahe vollständig zusammenbricht.
Diese Spannung ist entscheidend. »Mon rêve animal« klingt nicht wie Kapitulation, sondern wie ein Körper, der trotz geistiger Erschöpfung weiterarbeitet. Das Tierische wird weder als primitive Gewalt noch als romantische Naturfantasie dargestellt. Es ist ein letzter Rest unmittelbaren Lebens, zu dem das lyrische Ich zurückkehren möchte, weil die moderne Vernunft keinen bewohnbaren Ort mehr bietet.
JE EST ABSENT: DAS ICH IST NICHT ANWESEND
Schon der grammatikalisch gebrochene Titel »Je est absent« beschreibt eine beschädigte Identität. Nicht „Ich bin abwesend“, sondern „Ich ist abwesend“: Das Subjekt spricht über sich wie über eine fremde Person. Diese Distanzierung prägt auch die Musik. Der Song zählt zu den mutigsten und vielschichtigsten Stücken der Platte.
Die Gitarren beginnen heller, doch ihre Helligkeit bleibt kalt. Schimmernde Post-Rock-Linien stehen neben Lolmèdes tiefster Verzweiflung, während Pretet das Tempo immer wieder eskalieren lässt. Black Metal bleibt im Schlagzeug vollständig lebendig, aber die Harmonik blickt bereits in andere Räume. Die Melodie wirkt nicht versöhnlich, sondern wie Licht auf einer unbewohnten Oberfläche.
Etwa zur Hälfte gibt der Song seine bisherige Gewalt auf. Das Tempo sinkt, die Musik wird schwer, beinahe doomartig, und zugleich melodischer. Feine, fast jazzige Bewegungen tauchen auf. Für einen Moment besitzt die Szene eine unwirkliche, leicht Lynch-artige Atmosphäre, bevor ein theatralischer Bruch die Struktur erneut verschiebt. Solche Übergänge könnten in weniger sicheren Händen beliebig wirken. Mourir halten sie durch den gemeinsamen emotionalen Zustand zusammen.
Textlich bezeichnet sich das lyrische Ich als mittelmäßigen Menschen, hervorragend im Mittelmaß und innerlich erloschen. Das Bild des schweren Steins, der hinaufgeschoben wird und wieder hinunterrollt, erinnert unweigerlich an Sisyphus. Durchhalten wird nicht heroisch, sondern als monotone Pflicht formuliert: Herz schließen, nicht einknicken, weitertragen.
Der Schluss wird von einem Geräusch begleitet, das an eine Schaufel erinnert, die über Erde und Kies kratzt. Es könnte ein Grab ausheben oder zuschütten. Diese Mehrdeutigkeit passt perfekt. »Je est absent« ist ein Höhepunkt, allerdings auch jener Song, bei dem sich die lange Form stellenweise im eigenen Nebel verliert. Einzelne Wiederholungen könnten straffer sein. Der Kontrollverlust ist konzeptionell schlüssig, verlangt dem Hörer aber viel Konzentration ab.
AUX INUTILES: DEN NUTZLOSEN GEWIDMET
»Aux inutiles« ist mit 4:13 Minuten das kürzeste und unmittelbarste Stück des Albums. Seltsame Geräusche markieren den Übergang, dann schlägt der Song ohne langes Vorspiel zu. Explosive, gleichmäßig vorantreibende Beats, rasende Gitarren und DSBM-nahe Schreie treiben die Musik in eine deutlich frontalere Richtung. Noise und Screamo schärfen die Ränder, während Doom nur noch als dunkles Gewicht im Hintergrund spürbar bleibt.
Die Band widmet das Stück jenen, die nicht im Takt der Gesellschaft leben: Kranken, Depressiven, vermeintlich Überempfindlichen und Menschen, die zu klar sehen, um sich problemlos anzupassen. Sie erscheinen im Text als Nutzlose, sterbende Lichter, bereits beim Erwachen Geschlagene, fragile Existenzen am Rand. Mourir übernehmen diese abwertenden Begriffe nicht, um die Betroffenen zu verurteilen, sondern um den Blick einer Gesellschaft offenzulegen, die menschlichen Wert nach Funktion und Verwertbarkeit bemisst.
Der Song besitzt deshalb eine besondere Dringlichkeit. Seine Geschwindigkeit wirkt wie aufgestaute Frustration, nicht wie sportliche Raserei. Leere Nächte und graue Morgen werden mit Lärm und blassen Spiegelungen geflutet, weil echte Empfindung in einer mit Bedeutung überladenen Welt immer schwerer erreichbar scheint.
Als vorletztes Stück erfüllt »Aux inutiles« eine wichtige dramaturgische Funktion. Nach den labyrinthartigen Langformen von »Mon rêve animal« und »Je est absent« bündelt der Song die Wut in einem kompakten Angriff. Er macht den Kopf frei für das zehnminütige Finale, ohne die thematische Schwere zu reduzieren.
NOUS, LE VENIN: WIR SIND DAS GIFT
Der Titeltrack ist der Höhepunkt und die Zusammenfassung des Albums. Mehr als zehn Minuten lang verbinden Mourir sämtliche Bestandteile ihrer Sprache zu einem dreiteiligen Aufbau. Der Beginn ist tief, langsam und imposant. Bass und Gitarren errichten eine schwere Fläche, das Schlagzeug hält den Druck kontrolliert, und die Stimme erscheint zunächst wie eine dunkle Anklage aus dem Inneren dieser Masse.
Danach wird die Musik aggressiver. Der Song richtet sich gegen zeitgenössischen Individualismus, gegen den egozentrischen und zynischen Menschen, der sich in seiner Komfortblase bewegt, die eigenen Privilegien nicht wahrnimmt und Bitterkeit wie ein Banner trägt. Die französischen Worte spucken Galle: nichts Bemerkenswertes, nichts zu feiern, nichts zu bewahren – und trotzdem lebt, klagt, stolziert und beansprucht dieser Mensch Raum. Mourir schließen mit der Formulierung „wir, das Gift“ jede bequeme Distanz aus.
Um die fünfte Minute erscheint ein Gitarrenriff, das sich sofort in das Gedächtnis gräbt. Die Band lässt es nicht nur kurz aufleuchten, sondern wiederholt und entwickelt es so lange, bis daraus eine Obsession wird. Hier erreicht die Verbindung von Black Metal und Post Metal ihre stärkste Form. Das Riff besitzt melodische Größe, während Schlagzeug, Bass und Gesang seine Oberfläche ständig neu unter Spannung setzen.
Im letzten Abschnitt verändert sich die Bedeutung. Geschichtete Stimmen nehmen beinahe liturgischen Charakter an. Die Musik sucht keine religiöse Erlösung, nutzt aber die gemeinschaftliche Kraft eines Chors. Aus totaler Ablehnung entsteht die Idee des Zusammenkommens, die Suche nach etwas Tieferem und Schönerem, das den einzelnen Menschen über seine abgeschlossene Komfortblase hinausheben könnte.
Der Schluss wirkt deshalb unerwartet hoffnungsvoll. Das Gift wird nicht geleugnet, doch die Band lässt die Möglichkeit offen, dass eine gemeinsame Bewegung seine Wirkung durchbrechen kann. Nach fünf Stücken voller Entfremdung, Leere, Selbsthass und gesellschaftlicher Kälte ist das kein billiges Happy End. Es ist ein schmaler Ausgang, der erst durch den gesamten vorherigen Abstieg verdient werden musste.
DAS SCHLAGZEUG TRÄGT DIE TRADITION, DIE GITARREN ÖFFNEN SIE
Das homogene Zusammenspiel der Band ist einer der stärksten Aspekte von »Nous, le venin«. Maël Pretet hält die Verbindung zum Black Metal aufrecht. Seine Blastbeats, schnellen Wechsel und harten Akzente geben den Songs jene nervöse Aggression, ohne die Mourirs Experimente ihre Gefährlichkeit verlieren könnten. Er spielt jedoch nicht permanent am Anschlag. Zurückgenommene Muster und bewusst gesetzte Pausen sind für die Dramaturgie ebenso wichtig.
Die Gitarren übernehmen den größten Teil der atmosphärischen Arbeit. Lolmède und Bérenguer verwenden Dissonanz nicht als Selbstzweck. Schräge Intervalle erzeugen Unsicherheit, rhythmische Wiederholungen Hypnose und helle Linien eine Form von Distanz. In »Je est absent« nähern sie sich Post Rock und Jazz, in »Mon rêve animal« tragen sie den hypnotischen Aufbau, und im Titeltrack erschaffen sie ein Riff, das dem Album einen klaren melodischen Anker gibt.
Antolinos’ Bass verhindert, dass diese Gitarren nur im oberen Frequenzbereich schweben. Sein tiefes Fundament gibt den Sludge- und Doom-Anteilen Gewicht und schiebt zugleich eine rauschende Noise-Schicht unter die Musik. Besonders in den langsamen Abschnitten wird spürbar, wie viel räumliche Tiefe der Bass erzeugt. Die vier Musiker wirken nicht wie getrennte Virtuosen, sondern wie Teile eines Systems, das gemeinsam Druck aufbaut und wieder freigibt.
Olivier Lolmèdes Gesang sitzt als emotionale Wunde in diesem System. Seine Schreie besitzen wenig theatralische Distanz. Sie klingen wütend, verzweifelt, manchmal verwirrt und gelegentlich beinahe körperlich erschöpft. Gerade weil die Instrumente immer wieder melodische oder atmosphärische Gegenbewegungen anbieten, verflacht diese vokale Intensität nicht zu einem einzigen Ausdruck.
ZWISCHEN ERSTICKEN UND KATHARSIS
Die größte Qualität des Albums ist seine Fähigkeit, Beklemmung und Befreiung gleichzeitig hörbar zu machen. Mourir wollen unangenehme Musik schaffen, die an bestimmten Stellen erstickt und an anderen epische Anmut erreicht. Dieser Anspruch wird nicht über Genrebezeichnungen, sondern über Dynamik eingelöst. Fast jeder Song entwickelt einen eigenen Spannungsbogen, dennoch bleibt die Platte geschlossen.
Die Texte tragen wesentlich dazu bei. Sie beschreiben den modernen Menschen als toxische Kraft, richten ihren Hass aber nicht ausschließlich nach außen. Langeweile, Selbstentfremdung, Mittelmaß, Depression und Zynismus sind persönliche wie gesellschaftliche Zustände. Mourir zeigen, wie eng sie miteinander verbunden sind. Die Gesellschaft erklärt manche Menschen zu nutzlos, während andere ihre Privilegien nicht wahrnehmen und sich selbst zum Zentrum der Welt machen. Beide Zustände entstehen im selben System.
Thomas Davezacs gemaltes Cover verdichtet diese Entfremdung zu einem Gesicht, dessen Ausdruck bereits vor dem ersten Ton warnt. Der Mensch blickt nicht souverän auf die Welt, sondern scheint von ihr und von sich selbst gleichermaßen abgestoßen. Die visuelle Idee setzt sich im Klang fort: abweisende Oberfläche, verborgene Verletzlichkeit und eine kaum sichtbare Möglichkeit von Verbindung.
Vollkommen makellos ist das Album nicht. Seine langen Stücke verlangen aktive Aufmerksamkeit. »Je est absent« verliert stellenweise etwas Kontur, wenn Wiederholungen und Übergänge im depressiven Nebel zerfallen. Außerdem bleibt die erste Dreiviertelstunde emotional sehr einseitig nach unten gerichtet; die deutlichste Hoffnung erscheint erst im Finale. Wer für diese Art von radikaler Verdichtung nicht empfänglich ist, wird die 41 Minuten trotz der überschaubaren Gesamtlänge als anstrengend empfinden.
Doch die Zugänglichkeit ist hier kein sinnvoller Hauptmaßstab. »Nous, le venin« will keine beiläufige Beschallung sein. Es fordert Konzentration und lässt seine Strukturen erst nach mehreren Durchläufen vollständig erkennen. Melodien, Drone-Flächen, kurze Atempausen und rhythmische Details treten nach und nach aus der scheinbar geschlossenen Dunkelheit hervor. Gerade diese nachhaltige Wirkung hebt das Album aus der großen Menge zeitgenössischen Post-Black Metals heraus.
FAZIT:
»Nous, le venin« ist ein konzentriertes, radikales und hervorragend produziertes Black-Metal-Album, das seine Tradition nicht verleugnet, sie aber konsequent mit Post Metal, Sludge, Doom, Noise und Screamo aufbricht. Mourir verbinden rasende Gewalt, urbane Beklemmung, kalte Melodien und eine ausgezeichnet arbeitende Rhythmusgruppe zu sechs Stücken, die wie unterschiedliche Stadien derselben Vergiftung wirken. Die hohe Zugangshürde und einzelne ausfransende Passagen gehören zum Risiko dieses Ansatzes, mindern aber kaum die Wucht von »Ennui Ennemi«, »Je est absent«, »Aux inutiles« und dem überragenden Titeltrack. Am Ende bleibt ein Werk, das den Menschen als Gift erkennt und trotzdem nicht vollständig aufhört, an die Möglichkeit eines Gegenmittels zu glauben.






