Tracklist
01. Exodus
02. Denied
03. The Imp
04. Purgatory City
05. Neonblind
06. Escape
07. Cool City
08. Die Saga
09. Arrival
10. S.O.S. Man
11. Sacrifice
Besetzung
Maria Nesh – Vocals
Mat Plekhanov – Guitar
Sam Plekhanov – Bass
Das in Wien lebende Geschwister-Trio RED EYE TEMPLE kehrt mit ihrem zweiten Studioalbum „Purgatory City“ zurück. Fünf Jahre sind seit der Veröffentlichung ihres Debüts „Vortex“ vergangen, das den Grundstein für ihren Sound legte: progressive Gitarrenriffs, prägnante Basslinien und anspruchsvolle Schlagzeugrhythmen erzeugen einen spannenden musikalischen Rahmen, der abgerundet wird durch feinfühligen Gesang, dezente Soundeffekte und Melodik. Einflüsse aus den 80er Jahren sind ebenso präsent wie moderne – auf dem neuen Werk definitiv noch stärker, als zuvor auf „Vortex“.
Neue Gesangstechniken bringen frischen Wind
Was hat sich seit „Vortex“ noch verändert? Maria Nesh hat ihre Gesangstechniken erweitert und präsentiert uns auf „Purgatory City“ erstmals ihre Fry Screams. Während sich die rauen Schreie in „Denied“ allmählich anschleichen, und so als eindrucksvolles Detail für den Spannungsaufbau dienen, stehen sie in dem darauffolgenden Lied „The Imp“ deutlich im Fokus. Anstatt das Fry Screaming komplett auszureizen und die klaren Gesangsmomente vollständig zu ersetzen, wird die Technik über das gesamte Album hinweg bedacht eingesetzt. Das spricht für das Gespür von RED EYE TEMPLE, emotionale Akzente zu setzen. Im Titelsong „Purgatory City“ wird darüber hinaus mit Rap-ähnlichem Gesang experimentiert. Prinzipiell sind diese Passagen spannend. Sie haben automatisch etwas Freches, Frisches – sie fügen sich gut in das vertrackte Katz-und-Maus-Spiel der Saiteninstrumente mit dem Schlagzeug ein. Jedoch wirkt es im Vergleich mit dem restlichen Album etwas deplatziert.
Zu viele Ideen, unklare Richtung
Hier gilt es auch gleich einmal einzuhaken – deplatziert wirken auf diesem Album nämlich nicht nur die Rap-artigen-Gesangspassagen. Alleine bei „Purgatory City“ gibt es so viele Songbausteine, so viele Ideen, in welche Richtung dieses Lied eigentlich gehen könnte, dass es den Hörer am Ende schwindelig zurücklässt. Es beginnt mit einem fetten elektronischen Beat, schlenkert dann in eine Drone-mäßige Stimmung, um dann von dem Hip-Hop-ähnlichen Part in Empfang genommen zu werden. Darauf folgen sanfte Gesangsmelodien und heftige arrhythmische Riffs mit treibendem Beat. In den letzten zwei Minuten werden dann wieder neue Elemente vorgestellt, der eigenwillige „Ra-ta-ta-ta“-Part zum Beispiel, der das musikalische Geschehen leider mehr stört als unterstützt.
In gewisser Weise ist der Titeltrack eine gute Stichprobe für die Arrangements des gesamten Albums. RED EYE TEMPLE haben sehr viele Ideen und Stile miteinander in Einklang bringen wollen, wo am Ende jedoch der rote Faden verloren gegangen ist. Dass die Band progressive Musik machen will, ist klar, jedoch nicht die Richtung. Dass die Lieder zwischen technisch anspruchsvollem Rock und Metal pendeln, ist nicht das Problem. Einmal klingen sie mehr wie DREAM THEATER („Neonblind“, „Sacrifice“), einmal mehr wie TOOL („S.O.S. Man“) oder WHEEL („Denied“). Auf der anderen Seite kommen zu viele verschiedene Stile ins Spiel. Häufig eingesetzte, spacig klingende Soundeffekte und Synthesizer bringen 80er-Jahre bzw. Industrial-Schwingungen. „Arrival“ hat stellenweise einen dezenten Power-Metal-Charakter, der für dieses Lied zwar funktioniert, aber eben erneut die Richtung des Albums hinterfragen lässt. In „Escape“ gibt es auf einmal einen Gastsänger – wer auch immer er sein mag. „Cool City“ dauert zwar nur eine knappe halbe Minute, sorgt für ein solch kurzes Interlude aber für heftiges Stirnrunzeln: ein Saxophon, ein blabbernder Typ im Hintergrund, irgendwelche Soundeffekte, ein gleichmäßiger Beat – ein kurzer Schrei beendet das Chaos und lässt den Hörer mit der Frage, was zur Hölle das gerade war, zurück.
Die zugrundeliegende, charakteristische Note
Schüttelt man die Verwirrung einmal ab und sucht nach dem gemeinsamen Nenner, entpuppt sich sehr wohl eine spannende charakteristische Note der Band: die mitreißende Symbiose aus vertrackten Schlagzeugrhythmen, groovig-progressiven Riffs und markanten Basslines. In „The Imp“ bekommen wir zum Beispiel ein sehr lässiges Exemplar serviert, das den Song extrem aufwertet. „Die Saga“ wird von so einem Zusammenspiel getragen und bekommt dadurch etwas Dramatisches. Auch in „Arrival“ demonstrieren Sam und Mat Plekhanov ihr technisches Können und ihr Einfallsreichtum. Die Riffs und Soli haben einen futuristischen Touch, der das Thema des Liedes prägt. Die Instrumente stehen auf dem gesamten Album schön im Vordergrund und sorgen immer wieder für einprägsame Momente. An dieser Stelle sei ein Lob an die Sound-Produktion ausgesprochen – „Purgatory City“ hat einen total angenehmen Klang, der weder zu klinisch, noch zu roh ist. Besonders der Bass sickert wunderbar durch die Noten hindurch, ohne zu stark zu dröhnen.
Der Gesangsstil von Maria Nesh hat darüber hinaus auch etwas Einzigartiges. Die Wörter werden zwar nicht immer allzu deutlich gesungen, gehen dadurch in den Passagen, wo die Instrumente vehementer spielen, unter. Aber sie hat ein gutes Gespür für den Einsatz der richtigen Techniken zum richtigen musikalischen Zeitpunkt: Sei es Belting, Fry Screaming oder ihre freche Rock-Stimme, sie untermalt die emotionalen Qualitäten der Musik sehr gekonnt.
Fazit
RED EYE TEMPLE machen es uns mit „Purgatory City“ nicht leicht und das liegt nicht an der Natur der progressiven Spielart. Technisch hat das Trio einiges zu bieten – sowohl gesanglich, als auch instrumentell betrachtet. Allerdings sollten sie sich festlegen, welche Art von Prog Band sie sein wollen, denn in Summe bieten sie zu viele Ideen und Richtungen an. Nichtsdestotrotz ist die Scheibe genau deswegen überaus hörenswert für Fans technisch ausgeklügelter Musik.






