Tracklist
01. Generic Metal Band
02. Past the Gates
03. Trashing a Pet Store with a Fruit Bat
04. Gorilla with an Anvil
05. Exploding Cars Taste Delicious
06. Mr Bean versus Adolf Hitler
07. Forged in the Fires of a Costco
08. Laptop in a Toilet
09. Yog Sothoth gets Cancelled by Snowflakes on Twitter for Oversharing
10. Bill Nye the Fight Club Guy
11. Dora the Deadite
12. Drunk Driving in the Key of D Minor
13. Swift Vengeance
14. Streaming Hit
15. Conan the Barbarian Punching Animals at the Petting Zoo
16. The Brown Willy Massacre
17. Edward Liquor Hands
18. A Fan’s Open Love Letter to David Howard Thornton
19. Krieg Feud
20. Nightmare on Sesame Street 2: Elmo’s Revenge
Besetzung / Credits
Steve Peck – Drum and Bass Programming, Guitars, Sound Design, Piano
Eric Siemens – Vocals
Wenn es ein absolut geiles, humorvolles und gleichzeitig erbarmungslos brutales Album im Deathgrind gibt, dann ist es das neue Studioalbum der aus Alberta stammenden Formation VITRIFIER. Mit IOCULATOR MORTIS liefern Steve Peck und Eric Siemens ein Werk ab, das alles andere als leichte Kost ist und sich als zuverlässiger Garant für Genickprobleme durch ausufernde Headbang-Orgien erweist. Diese Band zeigt sich nicht nur musikalisch brachial, sondern auch inhaltlich komplett enthemmt, absurd, komisch und gleichzeitig erstaunlich präzise.
Schon die Eigenbeschreibung der Band passt dabei wie die Faust aufs Auge. VITRIFIER klingen nicht einfach nur hart, sie klingen wie ein Presslufthammer, der plötzlich anfängt, Witze zu erzählen, während er einem die Fliesen aus dem Schädel schlägt. Das ist Deathgrind, der keine Rücksicht auf Geschmackspolizei, Genre-Konventionen oder gesittete Zurückhaltung nimmt. Hier wird geballert, geblastet, gegurgelt und gegrindet, aber eben mit einem Augenzwinkern, das manchmal größer ist als der nächste Breakdown.
Zwischen Abrissbirne und Komödienkeller
Direkt zum Anfang knöpfen sich VITRIFIER mit Generic Metal Band die klischeehafte Durchschnitts-Metalband vor. Dies tun sie mit einer Brachialität, die ihresgleichen sucht. Lärm ist dabei noch untertrieben, der jedoch alles andere als unkontrolliert aus den Boxen schnellt. Nach einem kurzen Spoken-Word-Moment wird direkt auf die Fresse gehauen. Doublebass-Drums sind hierbei im Geschwindigkeitsrausch zu vernehmen und blasen den Staub aus den Boxen, während die Gitarren- und Bassarbeit trotz aller Gewalt solide und punktgenau bleibt.
Inhaltlich funktioniert der Song wie eine herrlich böse Abrechnung mit all den kleinen Katastrophen, die man aus Proberaum, Clubshow und schlecht bezahltem Underground-Alltag kennt. Unpünktliche Drummer, verstimmte Instrumente, vergessene Texte, schlechte Venues und das ewige Gefühl, sich für fast nichts den Rücken krumm zu spielen, werden hier so überzeichnet, dass daraus eine liebevoll-hasserfüllte Satire auf den Metalbetrieb entsteht. Der Humor sitzt, weil er aus einer Wahrheit kommt, die viele Musiker kennen dürften.
Direkt nach diesem Opener mit ordentlich Headbang-Material gehen VITRIFIER in der Einleitung zu Past the Gates vermeintlich etwas ruhiger zur Sache. Doch lasst euch nicht davon täuschen. Nach einem kurzen idyllischen Gitarrenspiel zeigt die Band unter präziser Gitarrenarbeit, kompromissloser Komposition und einem Drumbeat, der absolut keine Gefangenen macht, was sie auf dem Kerbholz hat. Eins ist sicher, dieses Album ist kein Beiwerk zum friedlich-fröhlichen Kaffeeklatsch, sondern heavy as fuck.
Lyrisch betritt der Song eine düstere, infernalische Szenerie und nimmt deutliche Anleihen an klassischen Höllenvisionen. Es geht um den Eintritt in eine Welt der Verdammnis, um Orientierungslosigkeit, Angst und das Festhalten an einer führenden Gestalt inmitten völliger Finsternis. Der Track wirkt dadurch weniger albern als viele andere Stücke des Albums und bringt eine fast epische Death-Metal-Schwere mit, die dem Album früh eine zweite Facette verleiht.
Kurze Songs, große Wirkung
Beim nächsten Titel Gorilla with an Anvil muss man direkt schmunzeln, denn schon der Songname zeigt, dass diese Band Humor besitzt. Zunächst mit einem Soundgewitter aus Doublebass-Drums einleitend und dann kontrollierter, zeigen Bass und Gitarren eine Einheit, die überzeugt und mit druckvollem Sound aus den Boxen kommt. Der Song ist kurz, aber haut dafür umso härter rein.
Inhaltlich geht es um einen Blacksmith, der genug davon hat, schlechte Deals und miese Angebote zu bekommen. Die Fantasy-Rollenspielwelt wird hier komplett durch den Fleischwolf gedreht. Aus Frust über knausrige Helden entsteht eine überzeichnete Rachefantasie, in der ein Amboss zur endgültigen Antwort auf schlechte Verhandlungen wird. Das ist absurd, blutig gedacht und in seiner Kürze wunderbar auf den Punkt gebracht.
Und dann am Ende stellt man fest, wie kurz der Song eigentlich ist. Doch der Lachmoment geht beim bloßen Lesen des nächsten Songtitels Exploding Cars Taste Delicious direkt weiter. Diese Band hat definitiv Humor, wie man auch später noch merken wird. Doch was sie hier präsentiert, ist einfach fantastische Musik. Mit einem Sound, der druckvoll ist und einer diversen, fließenden, aber dennoch perfekt ausgearbeiteten Komposition geht die Band zur Sache.
Inhaltlich erzählt der Song von einer grotesken Kreatur, die Autos frisst, als wären sie Snacks. Dabei wird die komplette Autoindustrie einmal durch den Magen der Absurdität gezogen. Egal ob Luxuswagen, Alltagskiste oder Elektromobil, alles wird zum Futter einer völlig überdrehten Horror-Karikatur. Der Text lebt von seiner bescheuerten Übertreibung und funktioniert wie ein Grindcore-Cartoon, bei dem Blech, Explosionen und schwarzer Humor miteinander verschmelzen.
Dass VITRIFIER eine Band sind, die in ihrem Genre durchaus Fähigkeiten besitzt, beweisen sie von Song zu Song. Aufgebaut auf divers und vielseitig gesetzte Akzente, wirken die Arrangements stets kontrolliert und kompositorisch trotz aller Brachialität erstaunlich bewusst ausgearbeitet. Die Drums peitschen alles mit Präzision an und gehen nicht einfach nur nach Schema F. vor. Der Bass setzt das satte Grundwerk und die zumeist tieftonigen Sounds der Gitarre zeichnen ein düsteres Bild. Der growlende Gesang ist episch monströs und passt zu dem Sounddesign wie die Faust aufs Auge.
Von Popkultur, Weltkriegssatire und Einzelhandels-Mythologie
Mit spielerischer Vielseitigkeit lassen VITRIFIER erst gar keine Ermüdungserscheinungen beim Publikum zu und bauen ein Album, das vielseitig ist und einfach Humor beweist. Dies zeigt auch der nächste Song Mr Bean versus Adolf Hitler. Energisch einleitend mit einem ordentlich gespielten Gitarren- und Bassriff geht es hier für die Verhältnisse der Band zwar im zügigeren Tempo, doch dafür mit einem Sound aus den Boxen, der überzeugt und fantastisch mächtig sowie voluminös wirkt. Theatralisch wirkende Leads aus der Gitarre und progressive Rhythmik zieren das Stück, das in seiner Rhythmusfraktion mit griffiger Gitarrenarbeit aus den Boxen kommt.
Inhaltlich ist der Song eine völlig wahnsinnige Alternativhistorien-Satire. Eine britische Comedy-Figur wird hier in ein absurdes Kriegsszenario geworfen und kämpft gegen das personifizierte Böse. Die Nummer lebt davon, dass harmlose Slapstick-Elemente mit übertriebener Splatter-Action kollidieren. Dadurch entsteht keine ernsthafte Kriegserzählung, sondern ein bewusst geschmackloser Comic-Exzess, in dem das Böse auf möglichst groteske Weise lächerlich gemacht wird.
Als nächstes geht es dann mit Forged in the Fires of a Costco weiter, einem Song, der mit epischer Klangkulisse eine komplett bescheuerte Einzelhandels-Fantasy entwirft. Hier wird ein mythisches Schwert nicht in einem alten Vulkan oder einer Zwergenschmiede geboren, sondern in den Flammen eines Großmarktes. Die Idee einer legendären Waffe in Hotdog-Form ist schon für sich genommen absurd genug, doch VITRIFIER ziehen das Konzept konsequent durch.
Lyrisch wird daraus eine Parodie auf heroische Fantasy-Mythologie und Konsumkultur. Mitgliedschaften werden zu göttlichen Prüfungen, Supermarktketten zu verfeindeten Königreichen und niedrige Preise zu einem Glaubenskrieg. Musikalisch geht der Song zwischen schwermütiger Heavyness und Brachialität zur Sache und beweist erneut, dass diese Band Witz nicht als Ersatz für Songwriting nutzt, sondern beides miteinander verbindet.
Wer kennt das Gefühl nicht? Man arbeitet an etwas Wichtigem und das verdammte Arbeitsgerät streikt. Am liebsten möchte man den Laptop wegwerfen und daran erinnert das nächste Stück Laptop in a Toilet. Mit einem vielseitigen Arrangement und der gewohnten Fähigkeit zu fantastischer Komposition wird ein Song präsentiert, der aus einer Alltagskatastrophe einen kompletten Nervenzusammenbruch macht.
Inhaltlich geht es um den maximalen digitalen Albtraum. Ein Laptop landet in der Toilette, technische Panik trifft auf Ekel, Verzweiflung und die Frage, warum ausgerechnet einem selbst so etwas passieren muss. Der Song ist deshalb so lustig, weil er eine banale Situation ins Apokalyptische steigert. Was bei anderen ein Versicherungsfall wäre, wird bei VITRIFIER zur Explosion des eigenen Lebensraums.
Die ganzen Songs, es sind 20 an der Zahl, sind einfach der Hammer und zeichnen sich nicht nur durch ausgearbeitete Arrangements aus, sondern auch durch Vielseitigkeit und Diversität. Auch inhaltlich hat die Band einiges zu bieten, wie man schon feststellen musste.
Kosmischer Irrsinn und Internet-Satire
Songs wie Yog Sothoth gets Cancelled by Snowflakes on Twitter for Oversharing erzählen eine Geschichte, die Lovecraft-Horror mit Social-Media-Satire verbindet. Eine kosmische Entität landet im Influencer-Kosmos, wird erfolgreich, überschreitet dann auf absurde Weise die Grenzen menschlicher Wahrnehmung und wird anschließend von der digitalen Meute zerlegt.
Der Text nimmt dabei gleich mehrere Dinge aufs Korn. Einerseits die Lächerlichkeit von Online-Ruhm, andererseits die Mechaniken von Empörung, öffentlicher Entschuldigung und digitaler Bestrafung. Dass ausgerechnet ein übermächtiges Wesen an den Regeln sozialer Netzwerke scheitert, macht die Nummer besonders stark. Musikalisch passt dazu der chaotische, wuchtige Ansatz perfekt, denn der Song klingt tatsächlich so, als würde das Internet in mehreren Dimensionen gleichzeitig brennen.
Auch Bill Nye the Fight Club Guy zeigt eine Bandbreite an Themen, die mit Humor gespickt sind. Hier wird eine bekannte Wissenschaftsfigur mit der nihilistischen Prügelästhetik eines Kultfilms verschmolzen. Das Ergebnis ist eine herrlich bekloppte Mischung aus Bildungsfernsehen, Kellerkampf und existenzieller Zerstörungslust.
Inhaltlich geht es um den Zusammenstoß von Rationalität und roher Gewalt. Wissenschaftliche Begriffe werden in eine Kampfclub-Logik überführt, während der Song mit Identität, Körperlichkeit und Selbstzerstörung spielt. Das ist nicht tiefphilosophisch im klassischen Sinne, aber als Grindcore-Satire funktioniert es hervorragend. Die Message ist weniger Belehrung als kontrollierter Irrsinn: Wissen tut weh, und hier schlägt es zurück.
Eine Frage stellt sich dabei: Wird mit Doublebass-Drum-Bataillon und arpeggioartigen Gitarrenriffs etwas Dora the Explorer auf die Schippe genommen? Man weiß es nicht sicher, aber bei Dora the Deadite wird unter der gewohnten Fähigkeit und einem brachialen Arrangement wieder einiges zum Besten gegeben. Inhaltlich prallen hier Abenteuer-Kinderserie und Dämonen-Horror aufeinander. Der Song baut auf bekannten Popkultur-Versatzstücken auf und verdreht sie in Richtung Trash-Horror, Kettensäge und okkulter Slapstick. Kurz, dumm, effektiv und genau deshalb passend.
Mit ordentlich Druck und Brachialität in der D-Tonlage geht es dann mit dem nächsten düsteren Song weiter, der auf den Titel Drunk Driving in the Key of D Minor hört. Mit einem arpeggioartigen Riffing aus Bass und Gitarre wird ein Text vorgetragen, der von kompletter Selbstüberschätzung handelt. Der Protagonist verwechselt musikalisches Können mit Fahrtüchtigkeit und redet sich eine gefährliche Dummheit schön.
Inhaltlich funktioniert der Song als absurde Kritik an verantwortungslosem Verhalten. Der Witz entsteht nicht daraus, dass die Situation harmlos wäre, sondern daraus, wie grotesk sich die Figur selbst belügt. Die Musik trägt dazu bei, indem sie zwischen düsterer Stimmung und aggressiver Raserei wechselt. Dadurch bekommt das Ganze einen unangenehmen, aber wirkungsvollen Zug.
Popkult, Männlichkeitswahn und groteske Rachebilder
Mit düsterer Komposition und einer ungewöhnlichen Ruhe leitet dann Swift Vengeance ein. Doch lasst euch von diesem kurzen Intermezzo nicht täuschen. Der Song geht erneut brachial zur Sache und wird seinem Genre mehr als gerecht. Inhaltlich wird hier der Popstar-Kult in ein satanisches Opferritual verwandelt. Fanverehrung, Promi-Mythologie und massenhafte Hingabe werden so überdreht, dass daraus eine monströse Sektenfantasie entsteht.
Der Song ist natürlich keine realistische Aussage über Popmusik, sondern eine groteske Karikatur von Fanatismus. Die reale Popkultur wird in ein Deathgrind-Horrorszenario übersetzt, in dem Hingabe, Opferung und Wahnsinn ineinanderfallen. Melodische Leads runden das Arrangement ab und zeigen erneut, dass diese Band auch komponieren kann und sich auch in Hinsicht Melodieführung im Leadbereich durchaus Fähigkeiten besitzt.
Ohne Umschweife und lange Einleitung geht es dann bei Streaming Hit direkt mit kehligem, dämonischem Gesang, wie er für die Band typisch ist, zur Sache. Der Song nimmt sich das Thema Frust, Jobverlust, aufgesetzte Männlichkeit und eskalierende Selbstzerstörung vor. Hier geht es um eine Figur, die sich vom Leben verraten fühlt und ihren Druck in Gewaltfantasien, Macho-Posen und völliger gesellschaftlicher Ablehnung entlädt.
Der Titel ist dabei schön ironisch, denn ein echter Streaming-Hit klingt natürlich anders. VITRIFIER drehen den Gedanken an Massentauglichkeit komplett um und bauen daraus ein wütendes, hässliches und bewusst überzeichnetes Stück Kontrollverlust. Zwischen Man-Cave-Karikatur, Monster-Energy-Aggression und Antihelden-Wahn entsteht ein bitterböser Kommentar auf toxische Selbstinszenierung.
Mit einem Flanger-untersetzten Reverse-Intro empfängt dann der zunächst im gemäßigteren Tempo einleitende, progressiv anmutende Song Conan the Barbarian Punching Animals at the Petting Zoo. Diese Nummer würde einige entrüstete, getriggerte Tierschützer auf den Plan rufen, die nicht verstehen, dass VITRIFIER absolute Humoristen sind. Der Song ist keine realistische Gewaltfantasie, sondern ein komplett überdrehter Cartoon aus Barbaren-Pathos, Zoobesuch und völlig irrationaler Wut.
Inhaltlich wird aus einem Besuch im Zoo eine absurde Heldenpose. Der Conan-Mythos wird in eine lächerliche Alltagssituation gesetzt, bis die Figur sich selbst wie einen Gladiator aufführt. Gerade der Kontrast zwischen epischer Selbstwahrnehmung und völlig bescheuerter Ausgangslage macht den Humor aus. Musikalisch kommt das Stück progressiver, schwerer und druckvoll aus den Boxen und zeigt erneut, wie gut die Band kurze Songs mit viel Charakter ausstattet.
Beim nächsten Song The Brown Willy Massacre wird es wieder kurz, gemein und komplett absurd. Inhaltlich dreht sich alles um eine groteske Felslawinen-Fantasie, bei der eine Regel mit völlig unverhältnismäßiger Gewalt durchgesetzt wird. Der Song funktioniert wie eine überdrehte Skizze aus Grindcore, Berglandschaft und hirnverbrannter Selbstjustiz. In unter einer Minute ist alles gesagt, alles zerstört und der nächste Schlag wartet schon.
Heavy, mit ordentlich Druck und progressiver Kontrolliertheit geht es dann mit dem Song A Fan’s Open Love Letter to David Howard Thornton weiter. Der Track ist progressiver Natur, baut gekonnt Druck auf und wirkt spielerisch kontrolliert, obwohl es schnell und chaotisch bleibt. Inhaltlich nimmt der Song obsessive Fankultur aufs Korn und steigert Bewunderung in einen unheimlichen, grenzüberschreitenden Wahn.
Das Stück ist dabei weniger Liebeserklärung als Horror-Satire über parasoziale Beziehungen. Ein Fan verwechselt Nähe, Bewunderung und Besitzanspruch, bis aus Begeisterung etwas Bedrohliches wird. Gerade weil der Text inhaltlich unangenehm wird, funktioniert er als Horror-Comedy besonders gut. Die Band trifft diesen schmalen Grat zwischen Lachen und Unbehagen ziemlich effektiv.
Dunklere Momente und das Finale im Albtraum-Kinderzimmer
Krieg Feud eröffnet dann ungewohnt mit einem Synthesizersound wie aus einem B-Movie aus den 80er Jahren, sehr nightmare-like und düster. Im mittleren Tempo setzen sich satte Bässe und leidenschaftliche Leadgitarren mit melancholischer Klangästhetik durch. Sie zeigen erneut, dass diese Band auch anders kann, als nur aufs Schnitzel zu kloppen, wenn auch nur in Akzenten, bevor es dann wieder ordentlich brachial mit einer epischen Soundwall zur Sache geht.
Inhaltlich wirkt der Song wie eine höllische Reaktion auf den Verfall von Unterhaltung und öffentlichem Humor. Eine einst harmlose Show wird als Symbol für gesellschaftlichen Brainrot, billige Provokation und geistige Überreizung gelesen. Der Protagonist erlebt das Ganze fast wie eine persönliche Verdammnis. Dadurch bekommt der Song eine ungewöhnlich melancholische und fast verzweifelte Note, ohne den typischen Irrsinn der Band zu verlieren.
Zum krönenden Abschluss spielen VITRIFIER noch ordentlich mit dem Kopfkino und lassen die Sesamstraßen-Figur Elmo einfach mal in die Rolle einer Freddy-Krueger-artigen Albtraumgestalt schlüpfen. Mit Deathcore- und Deathgrind-Qualität liefern sie zum Abschluss mit Nightmare on Sesame Street 2: Elmo’s Revenge einen Song, der Kinderfernsehen, Slasher-Horror und apokalyptische Albtraumlogik zusammenwirft.
Inhaltlich wird Elmo zu einer tyrannischen Horrorgottheit, die Träume, Angst und Unterwerfung kontrolliert. Die vertraute Welt der Sesamstraße wird vollständig pervertiert und in ein Folterreich verwandelt. Gerade diese Umkehrung von kindlicher Harmlosigkeit in grotesken Horror macht den Reiz des Songs aus. Als Abschluss funktioniert das Stück hervorragend, weil es noch einmal alle Stärken der Band bündelt: absurde Popkultur-Verwurstung, brutale Härte, groteske Bilder und ein bitterböser Sinn für Humor.
Produktion und Gesamtbild
Was an IOCULATOR MORTIS besonders auffällt, ist, dass das Album trotz seiner völligen Überdrehtheit nicht wie wahlloser Krach wirkt. Die Produktion ist druckvoll, scharf und klar genug, um die einzelnen Elemente voneinander zu trennen. Die Gitarren sägen tief, der Bass gibt dem Ganzen das nötige Fundament und das Drum-Programming ballert mit einer Präzision, die für diesen Stil enorm wichtig ist. Dazu kommen die Vocals von Eric Siemens, die keifend, growlend und gurgelnd genau die richtige Menge Wahnsinn in das Klangbild drücken.
Steve Peck und Eric Siemens haben hier hörbar an Songwriting, Mixing und Performance gearbeitet. Das Album wirkt fokussierter, brutaler und schärfer als ein bloßer Gag-Release. Natürlich lebt IOCULATOR MORTIS massiv von seinem Humor, aber der würde ohne musikalische Substanz nicht tragen. Genau hier liegt die Stärke von VITRIFIER: Die Songs sind bescheuert, aber nicht billig. Sie sind albern, aber nicht lieblos. Sie sind brutal, aber nicht blind zusammengeschustert.
Aufbau und Quintessenz
VITRIFIER liefern mit IOCULATOR MORTIS ein Album ab, das Grindcore, Death Metal und Deathcore mit vollkommen absurdem Humor verbindet. Wer mit Comedy im extremen Metal nichts anfangen kann, wird hier vermutlich nach drei Songs fliehen. Wer aber Bands mag, die musikalisch vernichten und dabei nicht so tun, als müssten sie jede Sekunde bierernst durch die Hölle stapfen, bekommt hier ein richtig starkes Brett.
Nicht jeder Song ist gleich zwingend, und bei 20 Tracks ist natürlich auch der eine oder andere Moment dabei, der eher als kurzer Gag denn als vollwertige Komposition funktioniert. Doch genau das gehört zu diesem Album dazu. IOCULATOR MORTIS ist schnell, gemein, absurd, technisch stärker als man beim ersten Hören vielleicht erwartet und vor allem verdammt unterhaltsam.
Fazit: VITRIFIER liefern mit IOCULATOR MORTIS ein brutales, humorvolles und erstaunlich präzise ausgearbeitetes Deathgrind-Brett, das keine Gefangenen macht und dabei noch genug Wahnsinn besitzt, um aus jedem Breakdown eine Pointe zu machen. Wer Misery Index, Dying Fetus, Whitechapel, Infant Annihilator oder Raised by Owls mag und dazu Humor im Grenzbereich verträgt, sollte hier unbedingt reinhören. 9 von 10 Punkten.






