Band: ANTIROPE 🇩🇪
Titel: Bring Me To Zero
Label: Eclipse Records
VÖ: 01.05.2026
Genre: Alternative Metal / Grunge / Psychedelic Doom

Tracklist

01. Monolith
02. Unholy
03. Zero
04. Afterglow
05. Life Is A Lie
06. Cascades
07. Dry Your Eyes
08. Intervention
09. Sunshine Of Your Love (Cream Cover)
10. Beyond
11. Aurora

Besetzung

Slaven Stokic – Gesang / Gitarre
Patrick Fleischer – Gitarre / Background Vocals / Produktion
Julie Fleischer – Bass / Background Vocals
Jürgen „BamBam“ Wiehler – Schlagzeug

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

ANTIROPE aus München sind keine Band, die sich mit dekorativer Schwere zufriedengibt. Hier wird nicht einfach ein bisschen Alternative Metal mit Grunge-Patina überzogen, damit es nach Neunzigern riecht. ANTIROPE ziehen ihre Einflüsse aus Black Sabbath, Soundgarden und Neurosis tief in einen eigenen, dunklen Raum, in dem Riffs schwer atmen, Vocals zwischen Druck und Verletzlichkeit pendeln und der psychedelische Unterton eher wie eine offene Wunde als wie ein Farbfilter wirkt.

Mit »Bring Me To Zero« legt die Band ihr zweites Album vor und klingt dabei deutlich entschlossener als auf dem Debüt »Amnesia«. Dieses Album wirkt nicht wie eine lose Sammlung starker Ideen, sondern wie ein zusammenhängender Abstieg: schwer, hypnotisch, verhangen, aber nie völlig hoffnungslos. Wo andere Gruppen im Alternative-Metal-Segment oft entweder in Retro-Verklärung oder moderne Glattproduktion kippen, bleiben ANTIROPE angenehm unbequem. Das Material ist roh genug, um zu knirschen, aber präzise genug, um nicht im Proberaumnebel zu verschwinden.

(Hört hier die Songs und schaut die Clips)

Die Songs wurden erneut live eingespielt, diesmal in Patrick Fleischers Lungfull Studios. Das hört man. »Bring Me To Zero« besitzt diese seltene Körperlichkeit, die vielen modernen Metal-Produktionen fehlt. Die Platte schiebt nicht nur über Lautstärke, sondern über Luft, Raum und Reibung. Jeder Anschlag hat Gewicht, jedes Becken wirkt wie eine Warnlampe, jeder Basslauf trägt ein Stück Erdreich mit sich. Genau darin liegt die große Stärke des Albums: ANTIROPE klingen massiv, ohne steril zu werden.

DER MONOLITH BEGINNT ZU ATMEN

Der Opener »Monolith« macht sofort klar, dass ANTIROPE keine Geduld für höfliche Warm-up-Gesten haben. Das Stück baut sich wie ein schwarzer Block vor dem Hörer auf: schwer, unnachgiebig, schleichend bedrohlich. Textlich wirkt »Monolith« wie das Bild einer fremden Macht, die gleichzeitig beobachtet, verfolgt, erstickt und kontrolliert. Es geht weniger um ein äußeres Monster als um eine innere Instanz, die sich verselbstständigt hat. Diese Mischung aus Paranoia, Überwachung und Selbstverlust passt hervorragend zum schweren Riffing. Der Song rollt nicht einfach los, er presst sich langsam in den Raum.

Musikalisch ist »Monolith« ein starker Einstieg, weil die Band hier sofort ihre Kernkompetenz zeigt: Groove statt Tempo-Flucht, Druck statt Virtuosen-Gefuchtel, Atmosphäre statt bloßer Härte. Slaven Stokic singt und schreit nicht gegen die Musik an, sondern scheint in ihr festzustecken. Seine Stimme klingt rau, gedrückt und doch erstaunlich melodiefähig. Gerade dieser Kontrast macht den Einstieg so wirksam.

»Unholy« führt diese Dunkelheit weiter, öffnet aber eine andere Tür. Der Song spielt mit religiös aufgeladenen Begriffen, mit Nähe, Abhängigkeit, Hingabe und dem Wunsch, sich aus einer erstickenden Verbindung zu lösen. Die Bedeutung liegt nicht im plakativen Antireligionsgestus, sondern in der Verdrehung von Heiligkeit: Was eigentlich schützen sollte, wird zur Last. Was wie Erlösung klingt, fühlt sich nach Unterwerfung an. ANTIROPE verpacken das in einen zähen, hypnotischen Fluss, der sich langsam ausdehnt und im Refrain eine finstere Sogwirkung entwickelt.

RESET-KNOPF IM KOPF: DER TITELKERN

Mit »Zero« erreicht das Album früh seinen konzeptionellen Mittelpunkt. Der Song handelt von Orientierungslosigkeit, Kontrollverlust und dem Wunsch, alles auf null zu setzen. Das ist keine Kapitulation, sondern eher eine radikale Reinigung: Der Kopf ist voll Lärm, die Welt wirkt entrückt, und irgendwo zwischen Schlaf, Schreien und Erstarrung wächst der Wunsch nach einem Punkt, an dem man wieder anfangen kann. Genau deshalb ist »Zero« so wichtig für »Bring Me To Zero«. Der Song erklärt nicht nur den Titel, er verkörpert ihn.

Musikalisch ist »Zero« einer der besten Momente der Platte. Patrick Fleischer und Slaven Stokic schichten die Gitarren nicht zu einem undurchdringlichen Matsch, sondern lassen dem Riff Raum zum Atmen. Julie Fleischer hält darunter den dunklen Puls, während Jürgen „BamBam“ Wiehler mit kontrollierter Wucht spielt. Sein Drumming ist kein Show-Off, sondern ein tektonischer Motor. Er gibt dem Stück Gewicht, ohne es zu überladen.

»Afterglow« wirkt dagegen wie der Blick auf die Trümmer nach dem inneren Zusammenbruch. Textlich geht es um Flucht, Zeichen, die vielleicht Warnungen sind, und eine Situation, in der Heilung nicht mehr rechtzeitig kommt. Der Song besitzt etwas Endzeitliches: Man rennt, aber nicht mehr unbedingt, um zu entkommen. Eher, um noch einmal Geschwindigkeit zu spüren, bevor alles niederbrennt. Die Musik greift diese Stimmung gut auf. Zwischen schweren Gitarren und großem Refrain entsteht ein fiebriges Spannungsfeld, das an Soundgarden in besonders bleierner Verfassung erinnert, ohne zur Kopie zu werden.

LÜGEN, MASKEN UND DER BLICK UNTER DIE HAUT

»Life Is A Lie« taucht noch tiefer in Selbsttäuschung und emotionale Erschöpfung ein. Der Text kreist um hohle Träume, dunkle Wünsche, Verdrängung und den Versuch, eine innere Lüge lange genug am Leben zu halten, bis sie sich wie Realität anfühlt. Das ist kein optimistisches Stück, aber ein ehrliches. Slaven Stokic klingt hier besonders stark, weil er nicht nur Härte liefert, sondern Müdigkeit, Bitterkeit und Trotz in dieselbe Linie presst. Solche Momente zeigen, dass ANTIROPE keine reine Riffmaschine sind.

»Cascades« ist textlich einer der spannendsten Songs des Albums. Das Stück beschäftigt sich mit falschen Gesichtern, sichtbarer Angst hinter einstudierten Gesten und dem Wunsch, die Welt auf den Kopf zu stellen, um endlich klar zu sehen. Die Bedeutung liegt in der Entlarvung: Was lächelt, ist nicht automatisch heil. Was ruhig wirkt, kann längst Risse haben. Musikalisch arbeitet der Song mit einer schönen Mischung aus Schwere und Bewegung. Der Bass von Julie Fleischer ist hier besonders wichtig, weil er nicht nur den Grundton hält, sondern die unterschwellige Spannung verstärkt.

»Dry Your Eyes« ist einer der emotional zugänglicheren Songs auf »Bring Me To Zero«. Textlich geht es um Durchhalten, Abschied, Wut, Selbstkontrolle und das Wiederaufrichten nach einer schwierigen Strecke. Der Song ist nicht weich, aber er besitzt eine fast tröstende Härte. Nicht im Sinne von alles wird gut, sondern eher: Geh weiter, auch wenn die Straße lang ist. Diese Mischung aus bitterem Humor, zäher Widerstandskraft und innerem Aufstehen macht »Dry Your Eyes« zu einem wichtigen Ruhepol des Albums.

DIE MUSIKER: KEINE STAFFAGE, SONDERN DAS FUNDAMENT

Die Leistung der Musiker ist einer der Hauptgründe, warum »Bring Me To Zero« so gut funktioniert. Slaven Stokic trägt das Album mit einer Stimme, die nicht auf klassische Perfektion setzt, sondern auf Charakter. Er kann rau drücken, melodisch öffnen und sich in den Songs so positionieren, dass man ihm den inneren Kampf abnimmt. Gerade in »Zero«, »Life Is A Lie« und »Aurora« zeigt er, dass er nicht nur Sänger, sondern Erzähler dieser dunklen Reise ist.

Patrick Fleischer liefert an der Gitarre und hinter den Reglern eine bemerkenswert geschlossene Arbeit ab. Seine Riffs haben Masse, aber auch Kontur. Er weiß, wann ein Akkord stehen bleiben muss, wann ein Groove ziehen darf und wann ein Song mehr Luft braucht. Als Produzent hält er die Platte auf Kurs: schwer, organisch, druckvoll, aber nicht überproduziert. Gerade bei dieser Art von Musik ist das entscheidend, denn ein zu glatter Sound hätte der Band die Schattnen genommen.

Julie Fleischer ist am Bass mehr als nur die Verstärkung der Gitarren. Ihr Spiel gibt den Songs Tiefe, Wärme und diesen unterschwelligen Druck, der viele Passagen erst richtig gefährlich macht. In einer Band, die stark über Groove und Atmosphäre arbeitet, ist der Bass kein Nebenschauplatz, sondern tragende Statik. Ihre Background Vocals fügen dem Material zusätzlich Farbe hinzu, ohne die düstere Grundierung aufzubrechen.

Jürgen „BamBam“ Wiehler schließlich bringt eine spürbare neue Stabilität in die Band. Seine Vergangenheit bei Bonfire und Megaherz hört man nicht als stilistische Schablone, sondern als Erfahrung: Er weiß, wie man einen Song trägt, statt ihn zu überfahren. Die Grooves sind schwer, die Fills sitzen, die Akzente kommen mit Nachdruck. Besonders in »Intervention« und »Beyond« zeigt er, dass Präzision und rohe Energie keine Gegensätze sein müssen.

INTERVENTION, KONTROLLVERLUST UND DIE LUST AM EINGRIFF

»Intervention« ist einer der unmittelbarsten Songs der Platte. Textlich dreht sich das Stück um Angst, Erstarrung, Kontrollverlust und den Wunsch, dass jemand oder etwas eingreift. Gleichzeitig klingt darin eine gefährliche Faszination für diesen Eingriff mit. Es geht nicht nur darum, gerettet zu werden, sondern auch darum, die Eskalation zu spüren. Genau diese Ambivalenz macht den Song stark: »Intervention« ist nicht bloß ein Hilferuf, sondern ein Stück über den Moment, in dem man die Kontrolle verliert und trotzdem nicht sicher ist, ob man sie wirklich zurückhaben will.

Musikalisch knallt »Intervention« am direktesten. Das Riff hat eine kantige, fast industrielle Wucht, ohne die Band in Richtung reiner Maschinenmusik zu ziehen. Jürgen „BamBam“ Wiehler schiebt das Stück mit schwerem Punch nach vorne, während die Gitarren wie Betonplatten aufeinanderkrachen. Dass externe Reviews gerade diesen Track als starken, aber noch nicht völlig explodierenden Spannungsaufbau wahrnehmen, ist nachvollziehbar. Der Song lebt von seiner kontrollierten Bedrohung.

Mit »Sunshine Of Your Love« wagen sich ANTIROPE an einen Klassiker von Cream. Solche Coverversionen sind riskant, weil das Original durch seinen legendären Riffcharakter fast unantastbar wirkt. ANTIROPE machen aber nicht den Fehler, den Song nur schwerer nachzuspielen. Sie ziehen ihn in ihre eigene Dunkelkammer. Aus bluesiger Psychedelik wird ein doomiger, verlangsamter Sog. Die ursprüngliche Wärme wird nicht zerstört, sondern verdunkelt. Dadurch passt das Cover erstaunlich gut ins Album, auch wenn es natürlich als Fremdkörper erkennbar bleibt.

DER WEG NACH DRAUSSEN FÜHRT WEITER NACH UNTEN

»Beyond« nimmt den Gedanken des Zerfallens wieder auf, geht aber stärker in Richtung Loslassen und Neubeginn. Textlich steht hier ein Ich im Zentrum, das nicht lange stabil bleibt, auseinanderfällt und nach einem Weg zurück an den Anfang sucht. Gleichzeitig öffnet sich ein Sehnsuchtsraum: Irgendwo jenseits des gegenwärtigen Zustands könnte eine Form von Befreiung liegen. Der Song verbindet die Schwere des Albums mit einer fast epischen Weite und gehört zu den Momenten, in denen ANTIROPE am überzeugendsten zwischen brutaler Erdung und seltsamer Schönheit pendeln.

Der Abschluss »Aurora« ist dann kein klassischer Rausschmeißer, sondern ein langsames, großes Nachglühen. Der Text kreist um Angst, innere Stimmen, das Bedürfnis, etwas endlich auszusprechen, und die Frage, wann Veränderung echt ist und wann sie nur als Maske dient. »Aurora« klingt wie ein Licht am Ende des Albums, aber nicht wie Erlösung. Eher wie ein fahler Morgen nach einer Nacht, in der zu viel aufgebrochen ist. Genau deshalb ist der Song als Finale so stark. Er lässt die Platte nicht triumphierend enden, sondern offen, wund und nachhallend.

Auch hier zeigt sich, warum ANTIROPE mehr sind als eine weitere Retro-Alternative-Band. Die langen Spannungsbögen, die schweren Gitarren, die kontrollierten Ausbrüche und die emotionalen Schattenflächen ergeben ein Gesamtbild, das nicht nach bloßem Stilzitat klingt. Ja, man hört die Erbmasse von Black Sabbath, Soundgarden, Alice In Chains und Neurosis. Aber ANTIROPE wirken nicht wie eine Band, die alte Poster anbetet. Sie nehmen diese Sprache und schreiben damit ihre eigenen dunklen Sätze.

STÄRKEN UND SCHWÄCHEN

Die größte Stärke von »Bring Me To Zero« liegt in seiner Atmosphäre. Dieses Album hat Gewicht. Nicht nur akustisch, sondern emotional. Die Songs wirken, als würden sie etwas mit sich herumtragen, das zu schwer ist, um es einfach in Refrains aufzulösen. Dazu kommt eine Produktion, die der Band hervorragend steht: live genug für organische Reibung, fett genug für moderne Durchsetzungskraft, transparent genug für Details.

Die Schwäche liegt dort, wo auch externe Kritiken ansetzen: Manche Songs verharren etwas zu lange in ähnlichen Tempi und Stimmungen. Wer permanente Eskalation erwartet, könnte »Bring Me To Zero« stellenweise als zu gleichförmig empfinden. Einige Passagen verlassen sich stark auf Wiederholung und Sog, statt auf überraschende Wendungen. Das ist kein Fehler im klassischen Sinn, denn genau daraus entsteht der hypnotische Charakter der Platte. Aber es sorgt dafür, dass nicht jeder Song gleich zwingend zündet.

Trotzdem überwiegen die starken Momente klar. »Zero«, »Intervention«, »Beyond«, »Aurora«, »Cascades« und »Unholy« zeigen eine Band, die ihre eigene Sprache gefunden hat. ANTIROPE sind am besten, wenn sie nicht versuchen, schneller oder lauter als alle anderen zu sein, sondern wenn sie ihre Schwere ausdehnen, bis sie psychologisch wird. Dann klingt »Bring Me To Zero« nicht nur heavy, sondern wirklich bedrückend.

FAZIT:

»Bring Me To Zero« ist ein starkes zweites Album einer Band, die ihre Identität hörbar geschärft hat. ANTIROPE liefern keinen leicht konsumierbaren Alternative-Metal-Snack, sondern eine schwere, dunkle und emotional aufgeladene Platte, die zwischen Grunge, Doom, Stoner Rock und modernem Alternative Metal ihren eigenen Raum findet. Das Album ist wuchtig, hypnotisch und stellenweise beklemmend schön.

Die Musiker spielen als Einheit: Slaven Stokic führt mit rauer, verletzlicher Stimme durch den Abstieg, Patrick Fleischer baut massive Gitarrenwände und hält produktionstechnisch alles zusammen, Julie Fleischer gibt den Songs den nötigen Tiefendruck, und Jürgen „BamBam“ Wiehler bringt den Groove mit der Erfahrung eines Drummers, der weiß, wann Kraft mehr zählt als Geschwindigkeit.

Textlich verhandelt »Bring Me To Zero« Kontrollverlust, innere Lähmung, Selbsttäuschung, toxische Nähe, Aufbruch, Abschied und den Wunsch nach einem radikalen Neustart. Das Album schaut dorthin, wo es unbequem wird, und findet unter dem Gewicht immer wieder etwas Menschliches. Nicht jeder Song schlägt gleich tief ein, und an manchen Stellen hätte etwas mehr Tempokontrast gutgetan. Doch wenn ANTIROPE ihre dunkle Maschine einmal richtig ins Rollen bringen, entsteht eine Sogwirkung, die man nicht so schnell abschüttelt.

Die stärksten Songs sind »Zero«, »Intervention«, »Beyond«, »Aurora«, »Cascades« und »Unholy«. Wer Alternative Metal mit Schwere, Charakter und psychologischer Tiefe sucht, sollte »Bring Me To Zero« nicht nebenbei hören, sondern laut, konzentriert und am besten in einem Raum, in dem die Wände ein bisschen nachgeben.

Zero Video:

Internet

ANTIROPE - Bring Me To Zero

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