Tracklist
01. Approach Your Grave
02. Destroyed Remains
03. Mister Blood and Guts
04. Mutilated Corpse in the Woods
05. Unmistakable Smell of Death
06. Wrath and Terror Takes Command
07. Skin Coffins
08. Mind Hell
09. Naked and Dismembered
10. Grasped from Beyond
11. Next to Die
12. Ill Wishes
Besetzung
Chris Barnes – Gesang
Jack Owen – Gitarre
Ray Suhy – Leadgitarre
Jeff Hughell – Bass
Marco Pitruzzella – Schlagzeug
Six Feet Under sind längst keine Band mehr, über die man neutral spricht. Bei kaum einem anderen Death-Metal-Namen liegen Nostalgie, Spott, Kultstatus und Frust so eng beieinander wie bei der Truppe um Chris Barnes. Wer diesen Namen liest, denkt automatisch an die frühen Tage des Groove-Todesbleis, an stumpf walzende Riffs, an tiefe Grunts, an Splatter-Vokabular und an eine Band, die nie den Anspruch hatte, Death Metal neu zu erfinden. Six Feet Under wollten immer drücken, grooven, knarzen und mit möglichst viel Friedhofserde unter den Fingernägeln durch die Lautsprecher kriechen.
Mit »Next To Die« steht nun ein weiteres Studioalbum der Band bereit, und allein diese Ausdauer verdient Respekt. Während viele Szene-Kollegen längst im Reissue-Karussell hängen oder sich nur noch auf Festival-Sets verlassen, schieben Six Feet Under unbeirrt neues Material nach. Das kann man stur nennen. Man kann es auch konsequent nennen. Die Wahrheit liegt, wie so oft bei dieser Band, irgendwo dazwischen.
(Hört hier die Songs und schaut die Clips)
nteressant ist dabei der musikalische Ansatz. »Next To Die« wirkt wie ein Album, das einerseits wieder stärker in Richtung aggressiver Death Metal zielen möchte, andererseits aber ganz bewusst den alten Groove-Faktor der Band nicht aufgibt. Genau hier liegt auch die Stärke und gleichzeitig das Problem dieser Platte: Wenn der Groove sitzt, wirkt »Next To Die« schwer, altmodisch und angenehm unprätentiös. Wenn er nicht sitzt, wird aus stoischer Einfachheit schnell zäher Leerlauf.
ZWISCHEN OLD-SCHOOL-WERK UND SCHWERFÄLLIGEM TROTT
Der Opener »Approach Your Grave« beginnt langsam, breitbeinig und mit der Erwartung, gleich könne sich ein richtig finsterer Groove-Koloss aus dem Boden schälen. Textlich bewegt sich der Song im klassischen Six Feet Under-Kosmos: Gewalt, Tod, Leichenverfall, Opferperspektive und Täterbild verschwimmen zu einer makabren Szene, die eher Horrorkino als tiefere Erzählung sein will. Musikalisch ist der Einstieg solide, aber nicht zwingend. Die Gitarren von Jack Owen und Ray Suhy drücken tief, der Sound ist satt, und die Band gibt sich alle Mühe, direkt eine schwere Friedhofsatmosphäre aufzubauen. Trotzdem fehlt dem Stück der letzte Biss. Der Song walzt, aber er begräbt einen nicht.
Deutlich besser funktioniert »Destroyed Remains«. Das Stück beschäftigt sich lyrisch mit Tod, Verwesung, Einäscherung und dem Gedanken, dass der menschliche Körper nach dem Ableben nur noch Material ist. Das ist stumpf, morbide und genau die Art von nihilistischer Körperlichkeit, die zu Six Feet Under passt. Hier kommt auch Marco Pitruzzella stärker zur Geltung. Sein Drumming wirkt präzise, sauber und kontrolliert, ohne das Material unnötig technisch aufzublähen. Er macht aus den Songs keine Brutal-Death-Akrobatik, sondern hält sie auf Kurs. Gerade das ist wichtig, denn Six Feet Under leben nicht von filigraner Überforderung, sondern von Wiedererkennbarkeit, Körperlichkeit und Taktgefühl im Morast.
CHRIS BARNES: LEGENDE, PROBLEMZONE UND MARKENZEICHEN
Über Chris Barnes zu schreiben, ist kaum möglich, ohne seine Stimme in Relation zu früheren Zeiten zu setzen. Die brutale, tiefe, autoritäre Präsenz vergangener Jahrzehnte ist nicht mehr in dieser Form vorhanden. Das hört man auch auf »Next To Die«. Gleichzeitig wäre es zu einfach, hier nur hämisch draufzuschlagen. Barnes klingt auf diesem Album stabiler als auf einigen besonders problematischen Spätwerken. Er bleibt meist in einem engeren, mittigen Growl-Bereich und versucht weniger, Dinge zu erzwingen, die seine Stimme inzwischen nicht mehr überzeugend hergibt.
Das heißt aber nicht, dass alles funktioniert. Barnes ist auf »Next To Die« mehr rhythmisches Organ als emotionaler Erzähler. Er bellt, knurrt und presst die Worte in die Riffs, manchmal effektiv, manchmal auffällig monoton. In den besten Momenten klingt das wie ein knochiger Erzähler aus einer billigen, aber charmanten Splatter-VHS. In den schwächeren Momenten fehlt Druck, Variation und Bedrohung. Genau hier trennt sich die Hörerschaft: Wer Six Feet Under wegen dieser trockenen, fast stumpfen Direktheit liebt, bekommt Nachschub. Wer nach packender Gesangsdramaturgie sucht, wird sich an der Gleichförmigkeit reiben.
B-MOVIE-BLUT, WALDLEICHEN UND TODESGERUCH
Mit »Mister Blood And Guts« liefert die Band einen der eingängigeren Songs der Platte. Lyrisch ist das ein bewusst überzeichnetes B-Movie-Szenario: Kino, Messer, Schreie, Blut, ein phantomartiger Täter und ein Refrain, der nicht subtil sein will, sondern sich wie ein trashiger Horror-Titel ins Hirn bohren soll. Der Track ist simpel, aber genau diese Einfachheit macht ihn effektiv. Hier nervt die Wiederholung weniger, weil sie fast wie ein bewusst plakativer Horror-Slogan funktioniert.
»Mutilated Corpse In The Woods« geht noch direkter in den True-Crime-Slasher-Modus. Inhaltlich dreht sich der Song um eine grausame Gewaltszene im Wald, um Ausgeliefertsein, Verstümmelung und die typische Six Feet Under-Vorliebe für möglichst drastische Körperbilder. Musikalisch arbeitet der Track mit einem geradlinigen, treibenden Zugriff. Hier passt die Reduktion: Der Song hetzt nicht kopflos, sondern bleibt wie ein stumpfes Werkzeug auf einer Bewegung, bis der Effekt sitzt. Kein Höhepunkt der Death-Metal-Kompositionskunst, aber ein funktionierender Nackenbrecher.
Richtig stark ist »Unmistakable Smell Of Death«. Der Song zählt zu den zwingenderen Momenten des Albums, weil er mehr Tempo, mehr Aggression und ein klareres Spannungsmoment mitbringt. Lyrisch wird aus der Täterperspektive ein grausames Spiel beschrieben, bei dem sich das vermeintliche Opfer nicht einfach nur widerstandslos ergibt. Dadurch wirkt der Song lebendiger als viele andere Texte der Platte: Er hat nicht nur Gore-Bilder, sondern eine kleine Bewegung innerhalb der Szene. Musikalisch schiebt die Nummer besser nach vorn, hat mehr Biss und gehört klar zu den Tracks, bei denen »Next To Die« am ehesten zündet.
DIE MUSIKER HALTEN DAS MONSTER ZUSAMMEN
Instrumental ist »Next To Die« stärker als sein Ruf. Jack Owen und Ray Suhy liefern keine revolutionären Riffs, aber sie wissen, wie man Death-Metal-Gitarren tief, trocken und kantig inszeniert. Owen bringt den alten Death-Metal-Stammbaum mit, Suhy setzt immer wieder Leads und kleine melodische Akzente, die dem Material guttun. Vor allem dann, wenn die Songs sonst zu sehr auf der Stelle treten würden, sorgen die Soli und Lead-Figuren für Luft.
Jeff Hughell hat als Bassist einen undankbaren, aber wichtigen Job. Der Bass ist nicht permanent als eigenes Virtuoseninstrument im Vordergrund, doch er gibt dem Album diese erdige Tiefenschwere. Der Sound von »Next To Die« lebt stark vom unteren Frequenzbereich. Gerade die massiven, tief gestimmten Passagen profitieren davon, dass der Bass nicht nur mitläuft, sondern den Gitarren zusätzliche Körperlichkeit gibt.
Marco Pitruzzella ist vielleicht der heimliche Stabilitätsanker der Platte. Er kann viel mehr, als ihm dieses Material durchgehend abverlangt. Wenn Blastbeats, Doublebass-Passagen oder Tempowechsel auftauchen, merkt man sofort, dass hier ein Drummer sitzt, der technisch keine Probleme hätte, das Ganze deutlich extremer zu fahren. Aber Six Feet Under sind eben keine Band für Hochleistungssport am Schlagzeug. Pitruzzella spielt songdienlich, fest und mit der nötigen Härte. Er rettet nicht jeden zähen Riffblock, aber er verhindert, dass das Album auseinanderfällt.
WENN DIE PLATTE IN DIE DUNKELHEIT ABSACKT
»Wrath And Terror Takes Command« ist einer der interessantesten Songs, weil er lyrisch aus dem üblichen Serienkiller- und Leichenkosmos ausbricht. Hier geht es um Aufruhr, Blut auf Straßen und in Palästen, den Sturz einer alten Ordnung und eine Atmosphäre aus revolutionärer Gewalt. Das Stück hat dadurch eine andere Farbe, fast eine historische oder zumindest gesellschaftlich-apokalyptische Note. Auch musikalisch hebt es sich ab: schwerer, doomiger, bedrohlicher. Diese Abwechslung tut dem Album gut, weil Six Feet Under hier nicht nur auf den nächsten simplen Schlachtplatten-Impuls setzen.
»Skin Coffins« zieht wieder stärker in die existenzielle Todesbetrachtung. Der Text kreist um den Körper als Gefängnis, um unausweichliche Sterblichkeit, Grab, Verfall und die Vorstellung, dass der Mensch schon im Leben in seiner eigenen Hülle gefangen ist. Das ist für Six Feet Under fast schon philosophisch, natürlich weiterhin mit der Eleganz eines rostigen Fleischhakens formuliert. Musikalisch ist der Song ein typischer Midtempo-Stampfer: nicht spektakulär, aber schwer genug, um im richtigen Moment zu funktionieren.
»Mind Hell« gehört ebenfalls zu den besseren späten Momenten. Inhaltlich geht es um eine geistige Hölle, um eine verlorene Seele, ewige Dunkelheit, das Gefühl, aus der Wirklichkeit herauszufallen, und eine Art kosmische Ausweglosigkeit. Der Song schiebt langsam und alptraumhaft, statt blind zu ballern. Gerade hier zeigt sich, dass Six Feet Under dann am stärksten sind, wenn sie nicht versuchen, alte Raserei zu simulieren, sondern ihre morbide Schwere ernst nehmen.
GORE, GEISTER UND DAS TITELSTÜCK
»Naked And Dismembered« ist textlich einer der drastischsten Songs der Platte. Es geht um Mordlust, Hass, entmenschlichte Gewalt und die Perspektive eines Täters, der sich selbst kaum noch als kontrollierbares Wesen begreift. Das ist harter Splatter-Stoff, bewusst geschmacklos und sicher nichts für Hörer, die in Death-Metal-Texten nach subtiler Symbolik suchen. Musikalisch zählt der Song zu den direkteren Abrissmomenten und funktioniert vor allem wegen seiner Zielstrebigkeit.
»Grasped From Beyond« verschiebt die Atmosphäre ins Übernatürliche. Hier geht es weniger um körperliche Gewalt als um eine ungreifbare Macht, die aus einer anderen Sphäre heraus nach dem Menschen greift. Der Song bringt ein wenig alte Friedhofsstimmung zurück: galloppierend, simpel, aber mit genug morbider Energie, um nicht völlig im Standard zu verschwinden.
Der Titelsong »Next To Die« ist dann der programmatische Kern. Inhaltlich ist das purer Todesfatalismus: Niemand weiß, wann er dran ist, aber jemand ist immer der Nächste. Der Song bündelt die Themen des Albums: Gewalt, Körperzerstörung, Angst, Ausgeliefertsein, dunkle Vorsehung. Musikalisch ist das solide, aber nicht so zwingend, wie ein Titelsong sein müsste. Er fasst das Album zusammen, überragt es aber nicht.
Mit »Ill Wishes« endet die Platte überraschend düster und beinahe resignativ. Der Text löst sich stärker vom reinen Gore-Bild und geht in Richtung Verlust, Hoffnungslosigkeit, Nachleben, Blutverlust, Stillstand und dem Gefühl, zwischen Leben und Tod festzuhängen. Das ist einer der Momente, in denen Barnes thematisch mehr Raum bekommt als in den reinen Schlachtplatten-Songs. Nicht alles daran ist musikalisch zwingend, aber als Abschluss besitzt der Track eine passende morbide Schwere.
SOUND: FETT, TROCKEN, BESSER ALS DIE SONGS
Die Produktion ist einer der klaren Pluspunkte von »Next To Die«. Der Sound ist modern genug, um nicht nach Kellerdemo zu klingen, aber rau genug, um Six Feet Under nicht glattzubügeln. Die Gitarren sind sandig und massiv, der Bass hat Körper, die Drums knallen organisch, und Chris Barnes steht präsenter im Mix, als man es nach manchen Vorgängern erwartet hätte.
Und genau da liegt der Haken: »Next To Die« klingt oft besser, als es geschrieben ist. Man hört, dass die Band handwerklich liefern kann. Man hört, dass die Musiker Erfahrung haben. Man hört auch, dass der Sound mit mehr zwingenden Songs richtig brutal hätte einschlagen können. Doch zu oft verlassen sich Six Feet Under auf das Prinzip: Riff, Stampfer, Refrain-Wiederholung, nächster Riffblock. Das ist nicht automatisch schlecht, aber über zwölf Songs hinweg wird es wechselhaft.
STÄRKEN UND SCHWÄCHEN LIEGEN NAH BEIEINANDER
Die Stärke von »Next To Die« liegt klar im Groove, im Sound und in der morbiden Grundstimmung. Wenn Six Feet Under den richtigen Riff finden, wenn Pitruzzella das Tempo anzieht, wenn Hughell den Boden unter den Songs aufreißt und Barnes seine Stimme nicht überstrapaziert, dann funktioniert das Album durchaus. Dann klingt es nach altem, dreckigem Death Metal, der keine Kunsthochschule besuchen will, sondern lieber mit der Schaufel hinterm Haus steht.
Die Schwäche liegt in der Vorhersehbarkeit. Manche Songs wirken eher verwaltet als wirklich geschrieben. Einige Passagen laufen zu lange auf derselben Idee herum, ohne daraus zusätzliche Spannung zu ziehen. Auch Barnes bleibt eine Reibungsfläche: Sein Organ ist unverkennbar, aber nicht mehr so bedrohlich, wie es einmal war. Wer seine Stimme ohnehin nie mochte, wird hier nicht bekehrt. Wer mit seinem heutigen Stil leben kann, bekommt immerhin eine solide, kontrolliertere Leistung.
FAZIT:
»Next To Die« ist kein neuer Klassiker im Katalog von Six Feet Under. Dafür sind zu viele Songs zu vorhersehbar, manche Riffs zu bequem und Chris Barnes stimmlich weiterhin zu limitiert. Gleichzeitig wäre es unfair, das Album als kompletten Totalschaden abzutun. Der Sound drückt, die Musiker spielen souverän, Marco Pitruzzella hält die Platte stabil zusammen, Ray Suhy setzt wichtige Lead-Akzente, Jeff Hughell sorgt für massiven Unterbau, und Jack Owenliefert immerhin einige Riffs, die den alten Groove-Todesblei-Geist glaubwürdig beschwören.
Die stärksten Songs sind »Unmistakable Smell Of Death«, »Mister Blood And Guts«, »Wrath And Terror Takes Command«, »Mind Hell« und »Grasped From Beyond«. Dort funktioniert die Mischung aus Horror, Groove und Death-Metal-Schwere am besten. Schwächer wird es, wenn die Band zu sehr auf Wiederholung setzt und die Songs eher verwaltet als wirklich entfesselt.
Am Ende bleibt »Next To Die« ein solides, aber nicht zwingendes Spätwerk einer Band, die genau weiß, was ihre Fans hören wollen, dabei aber selten über die eigene Komfortzone hinausgeht. Für eingefleischte Six Feet Under-Anhänger ist das genug. Für den Rest ist es eine Platte mit guten Momenten, kräftigem Sound und viel Leichengeruch – aber auch mit einigen Passagen, die mehr Graberde als Feuer spucken.






