Tracklist
01. Void
02. At the Edge of Winter
03. Measuring the Heavens
04. Nautical Dust
05. Vanishing Twin
06. Closer to the Unknown
07. A Seat for the Like-Minded
08. Walls of the Soul
Besetzung
Daniël de Jongh – vocals
Bart Hennephof –guitars
Joe Tal – guitars
Remko Tielemans – bass
Uri Dijk – keyboards
Stef Broks – drums
Nach beinahe exakt zehn Jahren seit der Veröffentlichung von „Phenotype“ kehren TEXTURES mit der lang ersehnten Fortsetzung „Genotype“ zurück. Ursprünglich hatten die Niederländer die beiden Titel als Doppelabum angekündigt. Weniger als zwei Jahre nach dem Release von „Phenotype“ löste sich die Band allerdings auf. Die emotionale Erschütterung, die den Fans in den Knochen steckte, wurde zu einem kollektiven Freudentanz als TEXTURES ihre Wiedervereinigung für 2024 bekannt gaben. Noch besser: Der lang ersehnte fehlende Teil des Doppelalbums war zum Greifen nahe! Aber in zehn Jahren verändern sich Ideen, Inspirationen und die Welt, in der wir leben…
Weniger eine Fortsetzung als eine Wiedergeburt
TEXTURES spielten mit offenen Karten und verkündeten, dass „Genotype“ nicht aus Aufnahmen der damaligen Zeit entwickelt wurde. Stattdessen wurde neues Material geschrieben. Die gesamte Idee war auf den biologischen Begriffen aufgebaut, die einerseits das Erbgut eines Organismus (Genotyp) und andererseits die Ausprägung dessen (Phänotyp) beschreiben. Da mit „Phenotype“ quasi die Manifestierung der Genetik bereits abgehandelt wurde, ist ein Blick auf die zugrunde liegende DNA umso spannender. „Genotype“ wird somit als Album beschrieben, welches das Innerste reflektiert: Unsere Gedanken vor unseren Handlungen etc. Lyrisch ist es an Menschen gerichtet, die sich nicht gehört fühlen, an Außenseiter, Introvertierte, aber auch jene, die in ihren eigenen inneren Welten unter gehen.
Der erste Eindruck
Bevor ich mein finales Statement zu „Genotype“ ablege, möchte ich – im Sinne der Ehrlichkeit und Nachvollziehbarkeit – meinen Bezug zu TEXTURES erklären. Bis vor ca. 1,5 Jahren hatte ich gar keine Berührungspunkte mit der Band. Aus Neugierde wollte ich aber die Review schreiben. Als Vorbereitung hatte ich mir „Phenotype“ einmal in Ruhe angehört. Das neue Album habe ich sehr oft gehört – aktiv und passiv. Mir ist wenig aufgefallen, das mir nicht gefällt. Lediglich die letzte Nummer, „Walls of the Soul“, ist an manchen Stellen etwas sperrig, weil es stärker in die Djent-Richtung abdriftet. Ansonsten fand ich das Album sehr gut. Der Sound ist makellos und mächtig, ohne zu klinisch zu klingen. Die Lieder haben mich in ihren Bann gezogen, nicht zuletzt wegen der Texte. Außerdem gibt es genügend Passagen, die schnell im Gedächtnis bleiben. Das Songwriting ist einem modernen Prog-Album würdig. Es ist so geschrieben, dass man nicht das Gefühl hat, eine musikalische Gleichung lösen zu müssen, um es genießen zu können.
Nach einer kritischen Auseinandersetzung: der zweite Eindruck
Bevor ich eine finale Bewertung abgebe, wollte ich „Phenotype“ noch einmal auf mich wirken lassen. Außerdem habe ich mir die Meinung von Fans und Rezensenten eingeholt, die TEXTURES schon länger verfolgen. Und damit, muss ich gestehen, habe ich ein etwas anderes Bild von „Genotype“ gewonnen. Es ist gesangsfokussierter, emotional geladener, weniger Riff-lastig, dafür atmosphärischer und in Summe ruhiger als der Vorgänger. Daniël de Jongh nutzt größtenteils seine Singstimme. Das Growlen spart er sich auf für besonders energische Passagen.
Spannungsaufbau der speziellen Sorte
Was außerdem ganz stark auffällt, ist der Spannungsaufbau in vielen Liedern. Anstatt mit der Tür ins Haus zu fallen, wird lieber taktisch angepirscht. „Measuring the Heavens”, „Nautical Dust”, „Vanishing Twin”, und „A Seat for the Like-Minded” folgen diesem Muster. Das Ding ist nur, die Musik steigert sich, Instrumente kommen dazu, werden lauter, schneller, man weiß, jetzt kommt gleich der große Moment! Aber häufig ist dieser Moment weitaus weniger bombastisch als erwartet. Oder fehlt zur Gänze. Oder ist nach wenigen Sekunden wieder vorbei. Und genau hier befinde ich mich im Zwiespalt: Es ist mir sofort aufgefallen, aber es hat mich nie gestört.
Futuristische Atmosphäre
Ein weiteres markantes Stilmittel, das „Genotype“ charakterisiert, ist der Einsatz von Synthesizern. Die futuristischen Sounds wurden bereits in der Single „At the Edge of Winter” vorgestellt. Sie bekommen aber über das Album hinweg eine größere Rolle als man vermuten würde. In der Single waren sie markant als wiederkehrende Melodie eingesetzt, aber die Gitarren standen dann doch klar im Vordergrund. „Vanishing Twin” lebt von einem schnellen Tom-Beat und leicht shreddenden Gitarren, mit Fokus auf Gesang. Das Lied ist damit recht simpel gestrickt und bekommt einen signifikanten Mehrwert durch die Synthesizer. Die Akzente sind gut platziert und erschaffen ein stimmiges Klangbild über die acht Songs hinweg. Es wundert mich aber nicht, wenn es Leute gibt, die behaupten, dass „Genotype“ in Summe wenige prägnante Gitarrenriffs auf Lager hat.
Ein zwiespältiges Resümee
Die Frage, wie gut man für jede Review, die man schreibt, die betreffende Band kennen sollte, wenn sie schon länger existiert, beschäftigte mich hier sehr intensiv. Ich denke, es kann Vor- und Nachteil zugleich sein. In diesem Fall hatte ich das Bedürfnis, meine Sicht mit der von langjährigen Fans zu vergleichen. Meiner Meinung nach ist „Genotype“ ein tolles Prog-Metal-Album, das eine großartige Symbiose aus Komplexität und Eingängigkeit schafft. Insbesondere der Fokus auf Gesang, Storytelling und Atmosphäre ist insofern aufgegangen, da mich die Lieder in ihren Bann ziehen – vor allem dann, wenn ich genau hinhöre.
Ich verstehe aber auch, wenn Fans meinen, „Genotype“ sei nach einer Dekade des Wartens ernüchternd oder überraschend. Es ist nicht so brutal, verspielt und dynamisch wie „Phenotype“. Besonders nach den Singles „At the Edge of Winter” und „Closer to the Unknown” dürfte der Rest des Albums für Stirnrunzeln sorgen. Beide Songs setzen am ehesten das fort, was am Vorgänger Programm war. Man muss auch sagen, dass die beiden Lieder die stärksten sind.
Fazit: TEXTURES kehren nach zehn Jahren mit „Genotype“ zurück. Für langjährige Fans mag es nicht genau das sein, was sie erwartet haben; dennoch überzeugt es mit emotionaler Tiefe und musikalischer Komplexität, die zugänglich und mitreißend ist.

