Band: Thin Lassie 🇩🇪
Titel: Invaders From Venus
Label: NRT-Records
VÖ: 20.03.2026
Format: Digital / CD
Genre: Space-Punk / Punkrock / Power Pop

Tracklist

01. Scruffy Looking Nerf Herder
02. Invaders From Venus
03. The Lizard Men
04. My Ex From Mars

Besetzung

Alex – Gesang / Keyboard
Danu alias Wolle Pannek – Gitarre / Hintergrundgesang
Andy – Bass / Hintergrundgesang
Dirk Löber – Schlagzeug

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Punkrock mal anders: sozialkritisch, aber mit Metaphern so geschickt verpackt, dass einem die Botschaft nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern eher mit der Strahlenpistole an die Stirn gehalten wird. »Invaders From Venus« von Thin Lassie klingt weniger nach staubiger Straßenecke als nach einem Comic-Heft, das im Proberaum zwischen Bierkasten, Effektgerät und altem Science-Fiction-Trashkino gelandet ist. Diese Jungs wirken, als wären sie aus einem Panel gesprungen, hätten sich kurz den Dreck vom Iro geklopft und dann direkt den Verstärker auf Anschlag gedreht. Besonders Spannend: Das Ding kommt physisch im Comicheft mit CD!

Dabei ist das Ganze keineswegs bloßer Humor mit Antenne auf dem Kopf. Hinter der grellen Alien-Fassade lauert Punkrock mit Haltung, bissiger Satire und einer angenehm kaputten Fantasie. Prominent besetzt ist die Truppe obendrein: Danu alias Wolle Pannek kennt man aus dem Umfeld von Eisenpimmel, während Dirk Löber von Vier Meter Hustensaft hier die trommeln zerdeppert und dem Material genau jene trockene, schmutzige Direktheit verpasst, die eine solche EP braucht.

Albumstream:

PUNKROCK AUS DEM COMIC-KIOSK

»Invaders From Venus« ist kurz, auf Warp-Speed und macht keine Gefangenen. Vier Songs, keine Ausrede, kein aufgeblasenes Intro, keine verkopfte Weltraumoper mit Bedienungsanleitung. Thin Lassie setzen auf direkte Riffs, giftige Hooks, schrägen Humor und kleine Synth-Farbtupfer, die dem Ganzen den richtigen außerirdischen Glanz geben, ohne den Punkrock-Kern weichzuspülen.

Das Album beziehungsweise die EP funktioniert wie ein kleines Heftchen aus der Ramschkiste: vorne bunt, innen dreckig, hinten bleibt ein Fleck auf den Fingern. Genau das ist hier der Reiz. Die Band nimmt Motive aus Science-Fiction, Popkultur, Verschwörungswahn und B-Movie-Romantik, stopft sie in einen Punkrock-Fleischwolf und serviert daraus vier Songs, die trotz aller Albernheit mehr Substanz haben, als man beim ersten Blick auf die Strahlenkanone vermuten würde. Man stelle sich Aliens mit Irokesenschnitt und Lederjacke vor, die hier landen und vom Planeten Punktron224 kommen.

DER ANTIHELD HAT DEN BLASTER GELADEN

Mit »Scruffy Looking Nerf Herder« startet die Reise standesgemäß nerdig, aber keineswegs zahm. Der Song spielt mit der bekannten Space-Opera-Mythologie, stellt aber nicht den glänzenden Helden ins Rampenlicht, sondern den windigen Außenseiter mit schiefem Grinsen, Staub am Stiefel und moralischem Knacks im Handschuhfach. Genau diese Perspektive passt hervorragend zu Thin Lassie, denn hier geht es nicht um saubere Heldensagen, sondern um Figuren, die sich durchmogeln, stolpern und trotzdem irgendwie cooler aussehen als der ganze Rest der Galaxie.

Musikalisch sitzt der Opener sofort. Aufgebaut auf ein standfestes Fundament aus Bass und Schlagzeug werden die Gitarren schön trocken draufgesetzt, während der Gesang von Alex mit seiner spitzen, fast cartoonhaften Färbung eine ganz eigene Signatur liefert. Das kann im ersten Moment schräg wirken, entwickelt aber schnell Wiedererkennungswert. Man hört sofort: Diese Band will nicht glatt gefallen, sondern Charakter zeigen.

INVASION MIT SYSTEMKRITIK

Der Titelsong »Invaders From Venus« ist dann der Moment, in dem die EP ihre sozialkritische Schlagseite am deutlichsten ausfährt. Was oberflächlich nach Alien-Angriff, Laserpistole und Trashfilm riecht, entpuppt sich als bitterer Blick auf Kontrolle, Entmündigung, Manipulation und kalte Machtstrukturen. Die Venus-Invasoren sind hier keine niedlichen Gummimonster, sondern Sinnbilder für Systeme, die Menschen einsortieren, abstumpfen und gefügig machen.

Genau das macht den Song stark: Thin Lassie predigen nicht, sie verkleiden ihre Kritik. Die Botschaft kommt nicht als trockener Vortrag aus dem Seminarraum, sondern als Punkrock-Sirene aus dem UFO. Gitarren und Rhythmusgruppe drücken nach vorne, die Backings setzen die richtigen Haken, und der Song bleibt trotz seines satirischen Unterbaus ein verdammt eingängiger Punkrocker. So muss Sozialkritik klingen, wenn sie nicht nach Hausaufgabe, sondern nach verschwitztem Club riechen soll.

REPTILIEN, PARANOIA UND DER PUNKROCK-FLEISCHWOLF

Mit »The Lizard Men« ziehen Thin Lassie das Tempo noch einmal an und werfen Verschwörungsmythen, Reptiloiden-Fantasien und Körperhorror in einen Song, der so überdreht ist, dass er gerade dadurch zündet. Hier wird Paranoia nicht erklärt, sondern karikiert. Alles wirkt grotesk, hektisch, fiebrig und bewusst überzeichnet – wie ein schmieriges Mitternachtscomic, das jemand zu lange unter Neonlicht gelesen hat.

Der Track ist der ruppigste Schlag der EP. Kurz, schnell, bissig und auf den Punkt. Dirk Löber hält den Motor stabil am Laufen, während Andy am Bass die nötige Bodenhaftung liefert. Darüber kratzen die Gitarren, und der Gesang wirkt, als hätte jemand einem Cartoon-Schurken den Kaffee mit Batterieflüssigkeit gestreckt. Das ist kein gepflegter Punkrock-Salon, das ist ein Proberaum mit Alarmanlage im Dauerstress.

LIEBESKUMMER AUF DEM ROTEN PLANETEN

Zum Schluss kommt mit »My Ex From Mars« noch die galaktische Trennungsgeschichte. Wo andere Bands Herzschmerz mit Akustikgitarre und Regenfenster servieren, schicken Thin Lassie die Verflossene einfach zurück auf den Mars. Das ist albern, ja. Aber es ist eben die gute Sorte albern: pointiert, melodisch und mit genug Songwriting-Futter, damit der Witz nicht nach dreißig Sekunden tot im Orbit hängt.

Gerade hier zeigt sich, dass die Band nicht nur rumpeln kann. Die Chöre bleiben hängen, die Melodie hat fast schon Bubblegum-Charme, und das kleine Maß an Sci-Fi-Schmierigkeit macht den Song zum passenden Finale. Danu setzt mit seiner Gitarrenarbeit noch ein paar schöne Akzente, ohne den Track zu überfrachten. »My Ex From Mars« ist der Beweis, dass Punkrock auch dann funktionieren kann, wenn er Liebeskummer, Marsmenschen und einen leicht kaputten Humor in dieselbe Raumkapsel sperrt.

KOMPAKT, SCHMUTZIG, ABER NICHT SCHLAMPIG

Produktionstechnisch kommt »Invaders From Venus« genau richtig aus den Boxen. Nicht hochglanzpoliert, nicht künstlich auf Stadiongröße aufgeblasen, aber klar genug, damit Riffs, Hooks und kleine Synth-Spielereien ihren Platz finden. Der Sound bleibt roh, ohne matschig zu werden. Das passt zu einer Band, die ihre Songs nicht in Watte packt, sondern lieber mit Klebeband, Edding und Space-Punk-Charme zusammenhält.

Wichtig ist dabei: Der Humor steht nie über der Musik. Thin Lassie wissen, dass ein guter Gag keinen schwachen Song rettet. Deshalb funktionieren diese vier Nummern auch jenseits ihrer Referenzen. Wer keine Lust auf Popkultur-Wimmelbild hat, bekommt immer noch solide, griffige Punkrock-Songs. Wer genauer hinhört, entdeckt darunter zusätzlich Satire, kleine Gemeinheiten und eine ziemlich eigene Handschrift.

MEHR ALS EIN SZENEGAG

Natürlich wird »Invaders From Venus« nicht jedem gefallen. Wer Punkrock nur ernst, grau und mit maximaler Straßenlaternenromantik akzeptiert, könnte bei diesen Comic- und Space-Punk-Motiven die Nase rümpfen. Aber genau da liegt der Punkt: Thin Lassie machen nicht auf künstlich betroffen, sondern nutzen den Unsinn als Tarnkappe für Haltung.

Diese EP wirkt wie ein kleiner Gegenentwurf zum vorhersehbaren Standard-Punk. Statt Parolen vom Fließband gibt es Bilder aus Weltall, Kioskheft und B-Movie-Keller. Statt platter Zeigefingerpädagogik gibt es Invasoren, Echsenmenschen und eine Ex vom Mars. Und trotzdem steckt darunter genug Wut auf Manipulation, Machtmissbrauch, Dummheit und gesellschaftliche Abstumpfung, um das Ganze nicht als bloße Spaßnummer abzutun.

FAZIT:

»Invaders From Venus« ist eine kurze, schmutzige und erstaunlich clevere Space-Punk-EP, die Punkrock, Popkultur, Satire und Science-Fiction-Irrsinn charmant zusammenprügelt. Thin Lassie klingen dabei, als hätten sie ihren Proberaum irgendwo zwischen Duisburger Kellerclub und intergalaktischem Zeitungskiosk eingerichtet. Das ist rotzig, schräg, eingängig und deutlich eigenständiger, als man es bei dieser Art Konzept erwarten könnte.

Die stärksten Momente sind der sozialkritisch bissige Titelsong »Invaders From Venus«, der hektisch-paranoide Punkrock-Ausbruch »The Lizard Men« und das herrlich klebrige Finale »My Ex From Mars«. »Scruffy Looking Nerf Herder« eröffnet die EP zudem mit genau jener Mischung aus Nerd-Witz und Punkrock-Zug, die das ganze Ding trägt.

Für Fans von Ramones, Misfits, schrägem Space-Punk, poppigem Punkrock und Bands, die lieber ein Comic-Heft anzünden als zum hundertsten Mal dieselbe Szene-Pose nachstellen, ist »Invaders From Venus« eine klare Empfehlung. Keine Revolution des Genres, aber ein verdammt unterhaltsamer kleiner Alien-Angriff mit Herz, Hirn und ordentlich Schleim am Verstärker.

Internet

Thin Lassie - Invaders From Venus - EP Review

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Robert
Soldat unter dem Motto morituri te salutant sich als Chefredakteur bemühender Metalverrückter. Passion und Leidenschaft wurden fusioniert in der Verwirklichung dieses Magazins.