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Interview: Robert Resch: Fotos: Jens Meyer

Rockband mit prominenter Besetzung im exklusiven Interview

Die aus der Modestadt Düsseldorf stammende Heavy-Rock-Combo IHR! zählt derzeit zu den spannendsten Geheimtipps der deutschsprachigen Rockszene. Kein Wunder: Die Band verbindet kraftvolle Songs mit lyrischem Tiefgang, der eine gewisse Nähe zu Selig und sogar Rio Reiser zugestanden wird: Authentischer Haltung und einem Gespür für eingängige, zugleich kantige Rockmomente.

Mit Produzent Justus Großkreutz, dem preisgekrönten Gitarristen Fabian Ratsak, bekannt durch MGP und Roomers, sowie Frontmann Mars Saibert vereint IHR! eine bemerkenswerte kreative Bandbreite. Saibert ist nicht nur als Musiker aktiv, sondern auch als Schauspieler bekannt — unter anderem durch Auftritte in „Unter Uns“ und Kinoproduktionen wie „Keinohrhasen“. Musikalisch machte er bereits mit Projekten wie Konstruktive Kritik, Juicy Junk sowie als Solokünstler auf sich aufmerksam und konnte Charterfolge feiern.

Anlässlich der neuen EP „Gestern War Besser“ (Erschienen bei NRT-Recirds) haben uns mit dem charismatischen Frontmann Mars Saibert zum Gespräch getroffen.

Wenn ihr „Gestern war besser“ in einem Satz beschreiben müsstet, ohne auf Musikbegriffe zurückzugreifen, wie würde der klingen?
Ein Blick zurück, der mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt – und dich trotzdem nach vorne schiebt.
Der Titel klingt fast wie ein resignierter Blick zurück. Ist das Ironie, Nostalgie oder steckt da echter Frust dahinter?
Von allem ein bisschen. Ironie ist auf jeden Fall drin, weil dieses „früher war alles besser“ oft einfach zu kurz greift. Aber da ist auch echter Frust. Nicht nostalgisch verklärt, sondern eher dieses Gefühl: Warum fühlt sich manches heute schwerer an, als es sein müsste?
Wann war für euch persönlich „gestern“ wirklich besser – gab es so einen Moment?
Nicht den einen. Eher viele kleine. Und meistens merkst du erst im Nachhinein, dass etwas gut war, während du schon wieder im nächsten Problem steckst. Genau aus diesem Widerspruch entsteht viel bei uns. aber allein die Tatsache, dass heute alles so kurzweilig und schnelllebig ist, ist definitiv ein Punkt, der gestern für mich besser war, gerade in dem Bereich, in dem wir uns bewegen ist. Die kurze Aufmerksamkeitsspanne, die heutzutage leider gangundgäbe ist, ist eher ein Nachteil für uns. Ich denke gern an die Zeit, wo sich Leute noch eine CD oder eine Platte gekauft haben und auch Zeit investiert zu haben, die rauf und runter zu hören ….das war in diesem Sinne gestern für mich wirklich besser….
Eure Songs wirken sehr direkt. Wie viel davon ist spontan entstanden und wie viel wurde bewusst ausgearbeitet?
Der Ursprung ist oft spontan – ein Satz, ein Gefühl, manchmal einfach Druck. Aber wir lassen das nicht einfach liegen. Wir arbeiten so lange daran, bis es sich wirklich ehrlich anfühlt.
Mars, neben der Musik hast du auch Schauspielerfahrung gesammelt – unter anderem bei „Unter Uns“, „Zweiohrküken“ und „Zeiten ändern dich“. Hilft dir diese Erfahrung dabei, dich in Musikvideos in bestimmte Rollen, Emotionen oder Stimmungen hineinzuversetzen?
Ja, total. Nicht im Sinne von „ich spiele jetzt eine Rolle“, sondern eher, dass du lernst, Emotionen bewusster zu greifen. Du kannst dich in Situationen reinversetzen, die nicht eins zu eins deine sind – und das hilft enorm, auch in Videos oder beim Schreiben.
Deine Musikkarriere reicht bis in die 1990er-Jahre zurück… Wie kam es zu diesem Wandel – und warum war jetzt der richtige Zeitpunkt für diesen Neustart?
Das war kein kalkulierter Schnitt, sondern eher eine Entwicklung. Irgendwann hat sich das Alte nicht mehr richtig angefühlt. IHR! ist direkter, kompromissloser – weniger Ego, mehr Wir. Und irgendwann merkst du: Jetzt musst du das durchziehen, sonst bist du nicht mehr ehrlich zu dir selbst.
Du warst 2017 Teil von „The Voice of Germany“, bist aber freiwillig ausgestiegen. Was waren damals die Gründe für diese Entscheidung?
Es war eine Erfahrung, aber irgendwann hat es sich nicht mehr nach dem angefühlt, was ich machen will. Wenn du merkst, dass du dich verbiegen musst, um reinzupassen, ist es besser zu gehen. und ganz ehrlich Fernsehen ist Fernsehen,egal wie etwas auch verkauft wird!
Im vergangenen Jahr habt ihr einen langfristigen Plattenvertrag mit „NRT-Records“ unterzeichnet… War der Schritt bewusst gewollt?
Absolut. Im Indie-Bereich hast du mehr Verantwortung, aber auch mehr Freiheit. Bei einem Major bist du oft nur ein Teil von vielen. Wir wollten die Kontrolle behalten und unseren Weg selbst bestimmen.
NRT Records , mit Label Boss Philipp ist einfach die beste Erfahrung, die wir im Rock Segment bis jetzt je machen durften. Er ist großartig, denn er erkennt die Essenz deiner Musik und weiß genau, was du brauchst und was deine Vision ist.
Philipp steckt so viel Herzblut und Leidenschaften in seine Arbeit, dass ich mich manchmal wirklich frage ob der Typ überhaupt noch schläft <lacht>
Gibt es eine Textzeile auf der EP, die euch selbst noch überrascht, wenn ihr sie hört?
Ja, vor allem die, die sehr direkt rausgekommen sind. Die treffen dich manchmal im Nachhinein nochmal anders, weil sie fast schon zu ehrlich sind.
Wie entstehen eure Songs typischerweise – eher aus einem Riff, einer Stimmung oder einem konkreten Thema heraus?
Alles davon. Manchmal ein Riff, manchmal ein Satz, manchmal einfach eine Stimmung im Raum. Wichtig ist nur: Es muss sich echt anfühlen.

 

Wann können wir mit einem Album rechnen? 

In diesem Jahr haben wir uns bewusst dazu entschieden, zunächst mit mehreren Vorboten zu arbeiten, um dem Album die Zeit zu geben, die es verdient. Es soll reifen dürfen – wie ein guter Single Malt oder Wein. Gemeinsam mit NRT haben wir daher beschlossen, die Veröffentlichung des Albums auf 2027 zu datieren.

Viele Bands machen den Fehler, zu glauben, man müsse möglichst schnell nach dem ersten neuen Clip / Single, neue Alben veröffentlichen. Am Ende wundert man sich dann, wenn das Ganze nach einem kurzen Strohfeuer rasch im Rauch erstickt.

Wir möchten keine Alben veröffentlichen, nur um Alben zu veröffentlichen. Musik sollte nicht einfach nur erscheinen und dann nach kurzer Zeit wieder verschwinden – vielleicht gehört nur von Familie, Freunden und den treuesten Unterstützern, deren Support uns natürlich sehr viel bedeutet.

Unser Anspruch ist ein anderer: Wir wollen kein kurzes Strohfeuer, das einmal hell auflodert und dann verpufft. Wir wollen ein Feuer, das bleibt, wächst und sich langfristig entfalten kann. Wir wollen nachhaltige GLUT.

Fotocopyright: Jens Mayer

IHR! Von Links Nach Rechts Justus Großkreutz : Gitarre & Produktion
Vladi Janevski : Drums & Backing Vocals
Mars Saibert : Lead Vocals
Fabian Ratsak : Gitarre & Backing Vocals
Ben Dorok : Bass & Backing Vocals
Wer von euch bringt die meisten Ideen ein, und wie hart wird dann intern diskutiert?
Ideen kommen von allen Seiten. Aber ja, es wird diskutiert – teilweise auch hart. Nicht aus Ego, sondern weil jeder will, dass es am Ende wirklich sitzt.
Eure Musik bewegt sich irgendwo zwischen Alternative, Heavy Rock und Deutschrock. Fühlt sich das für euch nach Schublade an oder eher nach Freiheit?
Eher nach Freiheit. Schubladen interessieren uns nicht wirklich. Wenn überhaupt, dann stehen sie uns eher im Weg.
Gab es einen Song auf der EP, bei dem ihr länger gebraucht habt, bis er „richtig“ war?
Ja, definitiv. Gerade die Songs, bei denen du merkst, da steckt was drin, aber es greift noch nicht. Die brauchen manchmal einfach länger.
Welche Rolle spielt Wut in eurer Musik – ist sie Motor oder eher ein Ventil?
Beides. Ohne Wut würde vieles gar nicht entstehen. Gleichzeitig ist sie auch das, was du loswerden willst.
Wie persönlich dürfen eure Texte werden, bevor es sich unangenehm anfühlt?
Sehr persönlich. Die Grenze ist eher: Ist es noch ehrlich oder fühlt es sich konstruiert an? Solange es echt ist, passt es.
Habt ihr beim Schreiben eher konkrete Personen oder Situationen im Kopf oder bleibt vieles bewusst offen?
Beides. Manchmal sehr konkret, manchmal bewusst offen, damit jeder seinen eigenen Zugang finden kann.
Gibt es einen Song auf der EP, der euch live am meisten überrascht hat?
Ja, es gibt Songs, die auf der Bühne plötzlich viel größer funktionieren als im Studio. Die wachsen live nochmal komplett anders.
Wie unterscheidet sich die Energie im Proberaum von der im Studio?
Proberaum ist Chaos und rohe Energie. Studio ist Fokus und Detailarbeit. Du brauchst beides.
Was war während der Produktion der schwierigste Moment für euch als Band?
Sich selbst ehrlich zu hinterfragen. Zu sagen: Das ist noch nicht gut genug – obwohl es eigentlich schon funktioniert.

IHR! Live im Stadtpark Hamburg vor über 2000 Zuschauern

Wenn ihr zurückblickt: Würdet ihr heute irgendetwas an der EP anders machen?
Kleinigkeiten vielleicht. Aber im Großen und Ganzen nicht. Das ist genau der Moment, wie wir ihn damals gefühlt haben.
Welche Bands oder Künstler haben euch in dieser Phase am stärksten beeinflusst – bewusst oder unbewusst?
Einflüsse gibt’s immer, aber wir versuchen, uns nicht daran festzuhalten. Sonst verlierst du schnell deine eigene Stimme.
Wie wichtig ist euch Authentizität im Deutschrock-Kontext?
Extrem wichtig. Es wird viel behauptet – wir wollen lieber zeigen, was wirklich da ist.
Was wollt ihr mit euren Songs beim Publikum auslösen – eher Identifikation oder Konfrontation?
Beides. Es soll dich abholen, aber auch ein bisschen wachrütteln.
Wenn jemand eure EP hört und danach nur ein Gefühl mitnimmt – welches sollte das sein?
Dass du mit dem ganzen Scheiß nicht allein bist – und dass es okay ist, wenn sich nicht immer alles gut anfühlt. Wir bzw IHR! sind für dich da, haben den Schmerz , das Chaos , aber auch das Licht am Ende des auch gefühlt und für DICH in einen Song gepackt!

IHR! – Interview

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Robert
Soldat unter dem Motto morituri te salutant sich als Chefredakteur bemühender Metalverrückter. Passion und Leidenschaft wurden fusioniert in der Verwirklichung dieses Magazins.