Interview mit Stillborn (2017)

Written by Lex J.Oven. Posted in Interviews

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Published on Dezember 10, 2017 with No Comments

Viele Bands veröffentlichen nach Jahrzehnten wieder ein Album. Aber bei weitem nicht alle dieser Bands schaffen es, an ihre alten Glanztaten anzuknüpfen. Und noch weniger Bands können darauf zurückblicken, ein eigenes Genre geprägt zu haben. Auf Stillborn und ihr neues dunkles Epos “Nocturnals” trifft all das jedoch zu – folglich ist es Zeit für ein Interview.

Lex: Hallo! Gratulation zum neuen ausgezeichnet gemachten Album! Wie verhält es sich bisher mit den Reaktionen und Kritiken?
Stillborn: Danke sehr! Wir fühlen uns gut und voller Energie, bereit jede Menge Auftritte zu absolvieren und an neuen Songs zu arbeiten. Die Reaktionen auf „Nocturnals“ waren im positivsten Sinne jenseits unserer Erwartungen, sowohl seitens der Fans als auch der Kritiker. Wir wussten ja, dass wir seit 1989 eine enthusiastische Gefolgschaft haben, aber das hat uns dann doch überrascht. Dafür sind wir sehr dankbar.

Photocredit: Rickard Dahln

Lex: Erzählt ein wenig über die Geschichte von Stillborn.
Stillborn: Als wir Mitte der 80iger angefangen haben, waren wir ein Teil der Gothic Rock Bewegung in Götheburg, die manchmal auch als Post Punk Szene bezeichnet wurde. Allerdings fanden wir die meisten Bands dieses Genres ziemlich langweilig. Wir fügten dem Konzept also mehr Heavyness und verstörende Lyrics hinzu.
Wir haben immer einen starken Eindruck auf das Publikum gemacht, und haben uns so eine ansehnliche Anhängerschaft aufbauen können. Manchmal hatten wir damals einen Fakir auf der Bühne, der Feuer spuckte oder über Glas gekrochen ist. 1986-87 begannen wir, Songs aufzunehmen, und kurz nach Ergattern eines Plattenvertrags erschien dann 1989 „Necrospirituals“. Kurz danach verließen allerdings Kari und Erik die Band und wurden durch neue Musiker ersetzt, was zu einem Richtungswechsel in der Musik führte. Nach einigen Jahren gab es die Band dann nicht mehr.
Im August 2015 trafen wir vier, die an „Necropsirituals“ beteiligt waren, zum ersten Mal seit 26 Jahren wieder aufeinander. Erst war es ein rein menschliches Ding, es ging zunächst überhaupt nicht ums Spielen oder ums Aufnehmen. Aber natürlich kam dieses Thema irgendwann auf, und wir entschlossen uns zu jammen, einfach nur zum Spaß. Dann spielten wir wieder, und dann noch einmal. Erik kannte diesen Typen namens Henrik in Kopenhagen, der in einem Studio arbeitet, und so nahmen wir zwei neue Songs auf, einfach zum Spaß. Und dann noch ein paar Songs mehr. Plötzlich hatten wir genug für ein Album. Und da sind wir nun.

Lex: Wie würdet ihr Stillborn beschreiben, was sollte der unbedarfte Hörer erwarten?
Stillborn: Seltsame, schräge, aber irgendwie doch schöne Riffs und Melodien, in Kombination mit deftigen, kraftvollen Refrains und dunklen, unheilvollen Vocals. Ein wichtiger Teil des Stillborn-Konzepts ist das richtige Ineinandergreifen zwischen Musik und Text, sodass die Songs die passende Stimmung verbreiten. Auf “Nocturnals” haben wir, verglichen mit “Necrospirituals”, mehr auf die dunlen und doomigen Anteile konzentriert, während wir die traditionellen Rockeinflüsse eher reduziert haben.

Photocredit: Rickard Dahln

Lex: Es heißt ja, dass Ihr mit Stillborn bereits Gothic Metal gespielt habt, bevor es den Begriff gab, und damit wegweisende Bands wie Paradise Lost entscheidend geprägt hättet. Würdet Ihr euch selbst musikalisch dem Gothic Metal zuordnen?
Stillborn: Wir haben schon gemerkt, dass wir damals Mitte der Achtziger recht einzigartig waren, hatten aber kein Label für unseren musikalischen Stil. Erst in den frühen Neunzigern bemerkten wir mit dem Aufstieg von Bands wie etwa Paradise Lost oder Type O Negative dass es da dieses Genre namens Gothic Metal gab.
Innerhalb der Band haben wir allerdings nie darüber diskutiert, in welches Genre wir hineinpassen, wir machten einfach unsere Musik. Wichtig ist uns letzten Endes nur, dass wir nach Stillborn klingen.

Lex: Was denkt ihr über den Gothic Metal von heutzutage?
Stillborn: Wir wissen über die heutige Szene leider gar nichts. Und das ist nicht respektlos gemeint, es gibt sicher eine Menge guter Bands da draußen. Wir haben nur einfach nicht die Zeit, um dahingehend auf dem Stand der Dinge zu bleiben. Gib un seine Empfehlung, und wir hören uns gerne alles an.
[Da habt ihr nicht viel verpasst. Die neue Stillborn soll ganz gut sein – Lex]

Lex: Worum geht es bei „Nocturnals“ inhaltlich?
Stillborn: Wir betrachten die Texte des Albums als Erforschung der dunkelsten Seite des menschlichen Geistes und seiner Taten, einschließlich derer Konsequenzen. Viele Songs haben ein ordentliches Maß an Qual und Trauer in sich, und beschreiben das Böse im Menschen auf verschiedene Arten. Da wir alle uns sehr für Geschichte interessieren, drehen sich unsere Songs oft um bedrückende geschichtliche Ereignisse. Geschichte ist wichtig. Wenn wir unsere Geschichte kennen, haben wir auch die Möglichkeit daraus zu lernen, um vergangene Fehler nicht zu wiederholen.
„1917“ ist eine Beschreibung des Ersten Weltkrieges aus einer unheroischen Perspektive, als Fleischwolf für eine ganze Generation. Die jungen Männer aus verschiedenen Männern, die da hin marschierten, hatten keine Ahnung was auf sie zukam.
„Dresden“ erzählt die Geschichte eines jungen Liebespaares, das den Bomben zum Opfer fällt. Der Titel hätte dabei genauso gut Guernica, Rotterdam, London, Hanoi oder Aleppo heißen können.
Beim Song „They Forgive Nothing“ dreht sich alles um die persönliche Verantwortung, und breitet damit ein Netz über all die anderen Songs: dass Du Deinen bösen Entscheidungen nicht davonlaufen kannst, weil sie dich einholen, und das buchstäblich.

Photocredit: Martha Fjeldmose

Lex: Habt ihr schon Pläne für ein weiteres Album?
Stillborn: Wir haben bereits jetzt genug Songs um sofort ein neues Album aufzunehmen, aber wir haben keinen Grund zur Eile. Das nächste Album soll noch bessere Songs haben, besser gespielt sein und besser klingen. Das braucht die Zeit, die es eben braucht.
Bei “Nocturnals” hatten wir lediglich das Ziel, das Album komplett fertigzustellen. Wir waren nur mit unserer Neugierde, ob wir das schaffen können, angetrieben. Schließlich haben wir fast drei Jahrzehnte lang nichts zusammen gemacht.

Lex: Mit wem würdet ihr gern einmal auf Tour gehen?
Stillborn: Wir hören uns innerhalb der Band viele unterschiedliche Stile an, also könnten es beispielsweise gerne Muse, Ghost oder Satyricon sein.

Lex: Sind Österreich-Konzerte geplant?
Stillborn: Bisher nicht, aber wir spielen überall gerne, wo ein interessiertes Publikum auf uns wartet. Wir werden sehen.

Lex: Danke für das Interview – die letzten Worte gehören euch!
Stillborn: Wir danken allen alten und neuen Fans, für den fantastischen Support! Hoffentlich sehen wir uns bald in Österreich!

About Lex J.Oven

Wenn mir irgendwas von Manowar nicht gefällt, konsumiere ich es solange, bis ich endlich nach mehreren Durchläufen erkenne, welche Großtat die New Yorker wieder geleistet haben. Leider habe ich diese Geduld nicht bei anderen Bands, tut mir leid für euch.

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