Zerfall Tour 2026
ELLENDE, KARG, FIRTAN
18.01.2026, ((szene)) Wien
Ein Abend mit komplexer Musik. Alle drei Bands bewegen sich in einem Spannungsfeld aus Aggression und Melodie, Dissonanz und Emotion, Atmosphäre und bewusst aufgebauter musikalischer Spannung. Formal unter dem Zeichen des Black Metal, doch mit einem starken Post-Metal-Einfluss, der sich durch den gesamten Abend zieht. FIRTAN mit roher Wucht und sensibler Violine, KARG zwischen innerer Zerrissenheit und eruptiver Wut, ELLENDE mit Trauer, Schmerz und aggressiver Intensität – eine breite Palette dessen, was extreme Musik transportieren kann.
Hinzu kommt der besondere Rahmen: das letzte Konzert der Tour. Ein Moment, der oft eine eigene Dynamik erzeugt, geprägt von Erschöpfung, Dankbarkeit und gesteigerter Intensität. Das ((szene)) ist restlos ausverkauft, der Raum überfüllt, die Luft dicht. Die Erwartungen im Publikum sind hoch, die Spannung spürbar. Und unabhängig von späteren Einschränkungen verlässt an diesem Abend niemand den Raum unberührt.
FIRTAN
Während draußen noch eine lange Schlange bis weit auf die Straße reichte und drinnen viele Besucher noch mit der Garderobe beschäftigt waren, setzten FIRTAN bereits die ersten Akkorde. Der Raum war schon jetzt dicht gefüllt, als mit „Hrenga“ ein hoch emotionaler Song den Abend eröffnete – und sofort war die Stimmung da.

Ein sehr langsamer, melodischer Beginn, zugleich einer der bekanntesten und beliebtesten Songs der Band: eine Verbindung aus feinen Melodien und dissonanten, wütenden Schreien, aus aggressiven Ausbrüchen und sensiblen Momenten. Hier ergänzt durch einen Gastsänger – JJ von KARG –, der dem Stück zusätzliche Dramatik verlieh und auch optisch eine dominante Präsenz entwickelte. Ein starker Auftakt, der sofort zeigte, warum diese Tour in genau dieser Konstellation so sinnvoll ist.
Schon im ersten Song wurde deutlich, wie eng die drei Bands miteinander verbunden sind: durch gegenseitige Gastbeiträge auf Alben und Songs, aber vor allem durch Klara Bachmair. Ihre Violine ist ein essenzieller Bestandteil des FIRTAN-Sounds, zugleich prägend auf Veröffentlichungen von KARG und ELLENDE. Von den ersten Tönen an war klar, welche Bedeutung sie für diesen Abend hatte – ihre Präsenz, ihr Spiel, ihre Fähigkeit, Emotion und Spannung aufzubauen.
Mit „Nacht Verweil“, einem der älteren und zugleich stärksten Songs der Band, setzte sich das Set auf hohem Niveau fort. Markante Riffs, eine sofort wiedererkennbare Melodie, ein leidenschaftlicher Song voller Kontraste, der live noch stärker wirkt als auf Platte. Der Sound war deutlich aggressiver als auf dem Album, offensichtlich mit dem Fokus auf massive Klangwände statt auf Feinheiten. Umso wichtiger, dass die Violine dabei nicht unterging, sondern ihren festen Platz im Gesamtbild behielt.
Mitten im ohnehin überfüllten Raum stand Giuseppe Taormina, der erst später mit ELLENDE auf die Bühne sollte, und verfolgte die ersten Songs konzentriert. Ein Detail, das viel über gegenseitigen Respekt, Wertschätzung und echte Leidenschaft für die Musik sagt. Die folgenden Stücke wurden zunehmend roher und aggressiver, teils kaum wiederzuerkennen, was auch an einer Abmischung lag, die Drums, Bass und Rhythmusgitarren stark bevorzugte. Doch das Publikum nahm diese Energie dankbar auf – die ((szene)) war voll, dicht und spürbar aufgeladen.
Frontmann Philipp bedankte sich sichtbar bewegt für die erfolgreiche Tour, eine kleine, aber ehrliche Geste. Bei „Wermut hoch am Firmament“ folgte der nächste Gastauftritt: L.G. betrat die Bühne und brachte mit seiner Stimme einen drastischen Kontrast und eine andere Energie in den Song – ganz wie auf dem Album. Wieder ein starker Moment. FIRTAN zeigten einmal mehr, wie wirkungsvoll ihr Wechselspiel aus atmosphärischen Passagen und aggressiven Ausbrüchen ist. Klara Bachmair überzeugte dabei nicht nur in den erwarteten emotionalen Momenten, sondern ebenso in dissonanten, harschen Passagen.
FIRTAN sind längst kein Geheimtipp mehr, sondern ein etablierter Name. Gerade durch die für diesen Abend ungewöhnlich harte Abmischung zeigte sich eine besonders aggressive Seite der Band. Doch der eigentliche Wert ihrer Musik liegt ebenso in den sensiblen Momenten. Zum Abschluss des Sets stand Klara allein mit ihrer Violine auf der Bühne – ein stiller, bewegender Moment und zugleich ein Beweis für Technik, Ausdruck und Seele. Ein sehr starkes Set, ein überzeugender Auftakt für diesen Abend.
Setlist
01. Hrenga
02. Nacht Verweil
03. Arkanum
04. Wermut hoch am Firmament
05. Amor fati
06. Komm herbei, schwarze Nacht
07. Wenn sich mir einst alle Ringe schließen
KARG
KARG sind live stets ein Höhepunkt. Ihre vielschichtige Musik entfaltet auf der Bühne eine zusätzliche Dimension, bleibt emotional, hypnotisch und zugleich zutiefst verstörend. JJs Schreie wirken dabei nicht nur aggressiv, sondern transportieren eine rohe, beinahe körperliche Emotionalität.

Der Einstieg mit „Findling“ setzte direkt auf die härteste Seite der Band. Wie schon bei FIRTAN lag der Fokus des Sets stark auf dem aktuellen Album „Marodeur“, was sich als richtige Entscheidung erwies. Der Song eröffnete mit einer dissonanten, aggressiven Atmosphäre, in der Melodie zunächst bewusst zurücktrat. Der Sound war erneut extrem wuchtig: Drums und Bass dominierten, die drei Gitarren rückten in den Hintergrund. Doch im Zentrum standen ohnehin JJs Vocals, seine verzweifelten Schreie und Ausbrüche – das prägende Element von KARG.
Bei „EBBE//FLUT“ traten die schwebenden Gitarren wieder stärker hervor, ein Song, der live hervorragend funktioniert. Mit „Kimm“ öffnete sich der Klangraum weiter: mehr Melodie, mehr Emotion, eine dichtere Atmosphäre. Auch hier war die Abmischung erneut sehr drumlastig – Paul Färber spielte technisch makellos, doch das Verhältnis zu Bass und Gitarren wirkte stellenweise unausgewogen. Trotzdem funktionierte der Song hervorragend. Das überfüllte Publikum reagierte mit spürbarer Intensität: Applaus, Bewegung, volle Aufmerksamkeit.
Ein besonderer Moment folgte mit „Annapurna“. Wie JJ im Interview erklärte, ein Song, der live nur selten gespielt wird, da Klaras Beitrag essenziell ist. Mit ihr auf der Bühne gewann das Stück eine enorme emotionale Tiefe und wurde zu einem der Höhepunkte des Abends. Der Sound wirkte hier deutlich ausgewogener, die Wirkung entsprechend intensiv.
Mit „Petrichor“, für viele der wohl prägendste Song der Band, verdichtete sich die Atmosphäre weiter. Dunkel, intensiv, emotional aufgeladen. Wie auf dem Album trat L.G. (im Booklet als Lukas Gosch geführt) hinzu und ergänzte den Song mit seinen markanten Screams. Ein seltener Moment, der der Performance zusätzliche Einzigartigkeit verlieh.
Zum Abschluss folgte „Yūgen“, weniger als Bruch, vielmehr als konsequente Fortführung der zuvor aufgebauten Stimmung. Der Song endete in einer Mischung aus Aggression und Verzweiflung, ein kraftvoller, nachhaltiger Abschluss eines sehr intensiven Sets, das die Stärke von „Marodeur“ eindrucksvoll unterstrich.
Setlist
01. Findling
02. EBBE//FLUT
03. Kimm
04. Annapurna
05. Petrichor
06. Yūgen
ELLENDE
Nach zwei derart starken Auftritten konnte der Abend eigentlich nur noch gewinnen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die ((szene)) für dieses Line-up zu klein ist – insbesondere für ELLENDE, die längst über solche Venues hinausgewachsen sind. Als eine der international anerkanntesten österreichischen Bands und mit dem aktuellen Album „Zerfall“ auf einem neuen Höhepunkt ihrer Karriere.

Der Abend stand ganz im Zeichen dieses Albums. Die „Zerfall Tour 2026“ ist eine Feier der Veröffentlichung, und entsprechend bestand ein Großteil des Sets aus neuem Material. Eine nachvollziehbare Entscheidung, denn „Zerfall“ zählt zu den stärksten Veröffentlichungen der Band und hat in kurzer Zeit enorme Resonanz erfahren.
Der Einstieg mit dem Titeltrack „Zerfall“ begann langsam und introspektiv, als stetiger Aufbau, der sich ideal als Opener eignete. Doch erst mit dem Einsatz von L.G.s Stimme erhielt der Song seine volle Wucht. Seine schrillen, abrasiven, zugleich hoch emotionalen Vocals wirkten live noch eindringlicher als auf Platte.
Erneut dominierten massive Drums und ein sehr präsenter Bass – technisch makellos, aber in der Abmischung erneut überbetont. Die Gitarren waren stellenweise kaum wahrnehmbar, während die Vocals klar im Vordergrund standen. Trotz dieser Schwächen zeigte sich das Publikum hoch engagiert.
„Hand aufs Herz“ bringt JJ als Gast auf die Bühne. Die Kombination beider Stimmen erzeugt eine intensive, beinahe verstörende Dynamik. Mit „Zeitenwende“ verdichtet sich die Atmosphäre weiter. Teil I lebt von Klaras Violine, die dem Song eine klagende, fragile Note verleiht. Teil II wird rhythmischer, drängender, mit eindringlichen Schreien von L.G.. Giuseppe Taormina tritt mit einem emotional gespielten Solo hervor – ein Moment, der selbst L.G. sichtbar beeindruckt. In unserem Interview hatte Giuseppe bereits betont, wie viel ihm seine Rolle bei ELLENDE bedeutet, und live ist spürbar, wie selbstverständlich er inzwischen Teil der Band ist.
Viel Nebel, Licht fast ausschließlich von hinten: Die visuelle Inszenierung ließ die Musiker über weite Strecken kaum erkennen. Ein Trend, der zunehmend problematisch ist, da viele Besucher nicht nur hören, sondern auch sehen wollen. In Kombination mit dem sehr dichten Gedränge und der überladenen Akustik verließen einige Zuschauer während des Sets sichtbar unwohl den Raum – nachvollziehbar, aber schade angesichts der Intensität der Darbietung.
Musikalisch hielt ELLENDE das Niveau konsequent hoch. Ältere Songs wechselten sich mit neuem Material ab, weitere Gastauftritte – unter anderem von Philipp (FIRTAN) – sorgten für zusätzliche Akzente. Die Band agierte insgesamt eher statisch, doch die Musik selbst trug alles.
Der emotionale Höhepunkt kam mit „Ballade auf den Tod“. Die traurigen Akkorde, die schwere Stimmung, kombiniert mit der unverkennbaren Aggression in L.G.s Stimme, erzeugten einen Moment, der sich tief einprägte. Ein klarer Höhepunkt des Abends. Den Abschluss bildete „Abschied“, wie so oft bei ELLENDE, in einem anderen Tonfall, aber nicht weniger emotional.
Ein intensiver, fordernder, bewegender Abend. Trotz technischer Schwächen und räumlicher Begrenzungen blieb vor allem eines: starke Musik, voller Gefühl, Schmerz und Ausdruckskraft – und ein Konzert, das lange nachwirkt.
Setlist
01. Zerfall
02. Hand aufs Herz
03. Zeitenwende Teil I
04. Zeitenwende Teil II
05. Meer
06. Wahrheit Teil II
07. Ode ans Licht
08. Freier Fall
09. Der Letzte Marsch
10. Ballade auf den Tod
11. Abschied


