Tracklist
01. It’s A Trap
02. Rome
03. Death Disco
04. Mercury In Retrograde
05. Until One Of Us Dies
06. Mover And Shaker
07. Ain’t It Funny
08. Mi Corazón Salvaje
09. Free Hugs For Dictators
10. Off With Her Head
Besetzung
Andy Brings – Gesang, Gitarre, Songwriting, Produktion
Slick Prolidol – Bass, Gesang
Markus Herzog – Schlagzeug
Wolfgang Stach – Co-Produktion, Mix
Double Crush Syndrome melden sich sieben Jahre nach »Death To Pop« mit einem Album zurück, das Rock ’n’ Roll nicht als historische Stilübung behandelt. »Until One Of Us Dies« verbindet Punk Rock, Hard Rock, Glam, Power Pop und ein deutliches Gespür für griffige Refrains. Die zehn Songs handeln von Altersbildern, persönlicher Freiheit, Leidenschaft, gesellschaftlicher Manipulation und der Entscheidung, die eigene Identität nicht fremden Erwartungen zu überlassen. Dabei tritt das Trio kompakt und geschlossen auf: Andy Brings führt mit Stimme und Gitarre, Slick Prolidol bringt Bass, Gegenstimme und eigene gesangliche Akzente ein, während Markus Herzog den Stücken ihren unmittelbaren rhythmischen Antrieb gibt.
ERWACHSENWERDEN IST KEIN MUSIKALISCHES RENTENPROGRAMM
»It’s A Trap« eröffnet das Album mit einer Absage an die Vorstellung, ein Mensch müsse mit zunehmendem Alter zwangsläufig ruhiger, angepasster und berechenbarer werden. Der Song richtet sich gegen gesellschaftliche Schablonen, in denen Vernunft häufig mit Selbstverleugnung verwechselt wird. Erwachsenwerden wird nicht grundsätzlich abgelehnt; problematisch ist vielmehr die Erwartung, dabei Neugier, Energie und persönliche Eigenheiten aufzugeben.
Musikalisch übersetzen Double Crush Syndrome diesen Gedanken in schnellen Power Pop mit Punk-Rhythmus und einem Refrain, der bewusst unkompliziert gehalten ist. Andy Brings singt nicht mit glatter Perfektion, sondern mit einer Mischung aus Spott, Überzeugung und hörbarer Freude an der Provokation. Seine Stimme besitzt genug Rauheit, um den Text glaubwürdig wirken zu lassen, bleibt dabei aber melodisch klar.
Markus Herzog hält den Song mit kurzen, präzisen Schlägen in ständiger Bewegung. Er spielt nicht übermäßig komplex, setzt aber Fills und Becken genau dort ein, wo die Strophen zusätzliche Energie benötigen. Slick Prolidol orientiert sich am Bass nicht ausschließlich an der Gitarre, sondern gibt dem Stück einen eigenständigen melodischen Unterbau.
ROM ALS ORT UND VORSTELLUNG
»Rome« wirkt zunächst wie der große, unmittelbar zugängliche Refrain des Albums. Hinter der eingängigen Oberfläche steht jedoch eine Sehnsucht nach Bewegung und Veränderung. Rom lässt sich dabei sowohl als konkretes Reiseziel als auch als Projektionsfläche verstehen: ein Ort außerhalb des geregelten Alltags, an dem bisherige Rollen und Erwartungen vorübergehend ihre Bedeutung verlieren.
Der Song verklärt diese Flucht nicht vollständig. Vielmehr schwingt die Frage mit, ob ein Ortswechsel tatsächlich eine innere Veränderung bewirken kann oder ob die eigenen Konflikte lediglich in eine attraktivere Umgebung mitgenommen werden. Gerade dieser Gegensatz aus Leichtigkeit und unterschwelliger Unruhe gibt dem Stück zusätzliche Tiefe.
Brings setzt auf offene Akkorde und eine einfache, aber effektive Melodieführung. Seine Gitarre trägt den Refrain, während Prolidols Bass die Strophen beweglicher gestaltet. Herzog spielt weniger aggressiv als im Opener und gibt der Nummer dadurch mehr Raum. Das Trio zeigt hier, dass Druck nicht zwangsläufig über Lautstärke entstehen muss.
TANZEN, SOLANGE ES NOCH GEHT
»Death Disco« verbindet Tanzbarkeit mit dem Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit. Der Titel bringt die Grundidee bereits zusammen: Bewegung und Tod stehen nicht als Gegensätze nebeneinander, sondern gehören derselben Feier an. Das Stück lässt sich als Aufforderung verstehen, das Leben nicht auf einen späteren, vermeintlich besseren Zeitpunkt zu verschieben.
Slick Prolidol spielt hier eine zentrale Rolle. Sein Bass eröffnet den Song nicht bloß als Hintergrundinstrument, sondern als tragende rhythmische Figur. Die tiefen Töne bestimmen den Groove und geben den Gitarren genügend Platz, um mit kurzen Akkorden und Akzenten zu arbeiten. Prolidol beweist damit, dass ein Powertrio nicht versuchen muss, fehlende Musiker durch permanente Lautstärke zu ersetzen.
Herzog reagiert präzise auf den Bass und hält die Nummer trotz ihrer tanzbaren Anlage im Rockbereich. Seine Bassdrum setzt klare Schwerpunkte, während die Snare trocken und unmittelbar bleibt. Brings wiederum verzichtet auf ein überladenes Riff und konzentriert sich auf Wiedererkennung. Das Ergebnis gehört zu den musikalisch eigenständigsten Momenten des Albums.
WENN DER KOSMOS FÜR DAS CHAOS HERHALTEN MUSS
»Mercury In Retrograde« nimmt die bekannte Vorstellung auf, Kommunikationsprobleme, technische Pannen und persönliche Krisen ließen sich mit einem rückläufigen Merkur erklären. Der Song nutzt diesen Gedanken jedoch weniger als ernsthafte Astrologie, sondern als humorvolle Betrachtung menschlicher Ausweichstrategien. Wenn alles gleichzeitig schiefgeht, erscheint eine kosmische Ursache angenehmer als die Erkenntnis, möglicherweise selbst Anteil am Durcheinander zu haben.
Die Komposition ist deutlich härter als »Rome«. Brings setzt auf ein kompaktes Riff, das den Song ohne längere Einleitung vorantreibt. Seine Gitarrnearbeit bleibt bewusst einfach, besitzt aber genügend rhythmische Verschiebungen, um die nervöse Grundstimmung des Textes zu unterstützen.
Prolidol verstärkt die Strophen mit einem kräftigen Basston, während Herzog mit kurzen Tempowechseln verhindert, dass die Nummer gleichförmig wird. Besonders der Übergang in den Refrain zeigt, wie gut das Trio inzwischen aufeinander abgestimmt ist: Niemand drängt sich unnötig in den Vordergrund, trotzdem bleibt jedes Instrument deutlich erkennbar.
BIS EINER VON UNS STIRBT
Der Titelsong »Until One Of Us Dies« ist keine düstere Todesbetrachtung, sondern ein Treueversprechen. Gemeint ist die Entscheidung, Musik, Freundschaft und gemeinsames Arbeiten so lange fortzuführen, wie es tatsächlich möglich ist. Der Titel besitzt dadurch eine doppelte Bedeutung: Er formuliert Beständigkeit, erkennt aber gleichzeitig an, dass jede gemeinsame Geschichte irgendwann endet.
Gerade nach der längeren Pause der Band wirkt dieser Gedanke glaubwürdig. Das Stück behauptet nicht, dass innerhalb einer Gruppe niemals Zweifel, Erschöpfung oder Konflikte auftreten. Es sagt vielmehr, dass solche Phasen nicht automatisch das Ende bedeuten müssen. Zusammenbleiben wird hier nicht romantisiert, sondern als immer wieder erneuerte Entscheidung verstanden.
Musikalisch gehört die Nummer zu den eingängigsten Stücken der Platte. Brings singt mit einer Mischung aus Trotz und Gelassenheit. Die hohen Töne sind nicht klinisch sauber, tragen aber genau jene menschliche Direktheit, die der Song benötigt. Prolidols Bass liegt breit unter den Gitarren, und Herzog spielt einen geradlinigen Rhythmus, der den Refrain für die Bühne vorbereitet.
EHRGEIZ OHNE SELBSTVERLEUGNUNG
»Mover And Shaker« beschäftigt sich mit Menschen, die Situationen verändern, Kontakte herstellen und ihre Ziele aktiv verfolgen. Der Begriff kann anerkennend oder ironisch verstanden werden. Der Song hält beide Möglichkeiten offen: Ehrgeiz ist notwendig, kann aber zur Rolle werden, wenn Anerkennung und Wirkung wichtiger werden als der eigentliche Inhalt.
Brings behandelt diese Ambivalenz mit einem Refrain, der zunächst selbstbewusst klingt, in den Strophen jedoch Raum für Zweifel lässt. Die Musik bleibt positiv, ohne die Figur vollständig zu bestätigen. Gerade dadurch verhindert das Stück, zu einer einfachen Durchhaltehymne zu werden.
Herzog spielt hier besonders kontrolliert. Seine Schläge bleiben kompakt und trocken, während Prolidol den Refrain mit einer melodischen Bassbewegung unterstützt. Brings setzt einzelne Leadfiguren ein, verzichtet aber auf ein ausgedehntes Solo. Die Band folgt damit konsequent dem Song, nicht dem Wunsch nach instrumentaler Selbstdarstellung.
WENN DAS LEBEN SEINEN EIGENEN HUMOR ENTWICKELT
Bei »Ain’t It Funny« übernimmt Slick Prolidol eine deutlichere gesangliche Rolle. Seine Stimme unterscheidet sich von Brings’ rauem Vortrag und gibt dem Album zur richtigen Zeit eine andere Perspektive. Prolidol klingt zurückhaltender und etwas dunkler, wodurch die ironische Betrachtung persönlicher Widersprüche besonders gut funktioniert.
Der Song beschäftigt sich mit Situationen, deren Bedeutung oft erst im Rückblick erkennbar wird. Entscheidungen, die zunächst vernünftig erscheinen, können später absurd wirken; vermeintliche Niederlagen führen mitunter in eine bessere Richtung. Das wiederkehrende Staunen über diese Zusammenhänge ist nicht zynisch, sondern Ausdruck einer gewissen Lebenserfahrung.
Instrumental gehört die Nummer zu den melodischeren Stücken. Der Bass begleitet nicht nur, sondern trägt gemeinsam mit dem Gesang die zentrale Linie. Brings hält seine Gitarre bewusst im Hintergrund und unterstützt Prolidols Auftritt mit klaren Akkorden. Herzog passt sein Spiel an und setzt mehr auf Fluss als auf Aggression.
EIN WILDES HERZ BRAUCHT KEINE ERLAUBNIS
»Mi Corazón Salvaje« erweitert das Album sprachlich und musikalisch. Der spanische Titel bedeutet „mein wildes Herz“ und steht für Leidenschaft, Unabhängigkeit und die Weigerung, emotionale Intensität als Schwäche zu betrachten. Das Herz folgt hier keiner vernünftigen Planung, sondern einer eigenen Ordnung.
Der Sprachwechsel wirkt nicht wie ein dekorativer Einfall. Er verändert den Rhythmus des Gesangs und ermöglicht Brings eine weichere, fließendere Phrasierung. Gleichzeitig bleibt die Musik eindeutig bei Double Crush Syndrome: kurze Gitarrenfiguren, ein klarer Basslauf und ein Schlagzeug, das den Song mit gleichmäßigem Druck zusammenhält.
Prolidol und Herzog bilden dabei ein bemerkenswert stabiles Fundament. Der Bass führt durch die harmonischen Wechsel, während das Schlagzeug den lateinamerikanischen Anklang nicht überbetont. Die Band vermeidet damit eine oberflächliche Stilkopie und integriert den Sprachwechsel in ihren eigenen Rocksound.
KEINE UMARMUNG FÜR AUTORITÄRE VERFÜHRER
»Free Hugs For Dictators« ist der politisch deutlichste Song des Albums. Der bewusst freundliche Titel steht im scharfen Gegensatz zu seinem Thema. Er richtet sich gegen autoritäre Figuren, die Ängste vereinfachen, Schuldige präsentieren und komplexe gesellschaftliche Probleme in leicht konsumierbare Parolen verwandeln.
Entscheidend ist, dass die Kritik nicht nur auf die Diktatoren selbst zielt. Der Song fragt indirekt auch danach, weshalb ihre Botschaften erneut auf Zustimmung treffen. Verführung funktioniert schließlich nur, wenn Menschen bereit sind, Verantwortung gegen scheinbare Sicherheit einzutauschen. Die ironische Freundlichkeit des Titels legt genau diesen Mechanismus offen.
Musikalisch antwortet die Band mit schnellem Punk Rock. Herzog treibt die Nummer ohne Umwege voran, Prolidol verdoppelt den Druck und Brings formuliert den Gesang schärfer als in den vorherigen Stücken. Die Produktion lässt dabei genügend Rauheit stehen. Ein steriler Klang hätte der politischen Dringlichkeit eher geschadet.
ABSCHLUSS OHNE VERSÖHNUNG
»Off With Her Head« beendet das Album mit einer überzeichneten Abrechnung. Der Titel greift die Sprache öffentlicher Verurteilung und historischer Machtdemonstration auf. Inhaltlich lässt sich der Song als Reaktion auf eine toxische Verbindung lesen, zugleich aber auch als Kommentar zur schnellen Bereitschaft, Menschen vollständig auszugrenzen und symbolisch zu vernichten.
Die drastische Formulierung darf deshalb nicht ausschließlich wörtlich verstanden werden. Sie beschreibt die emotionale Radikalität eines Moments, in dem keine Verständigung mehr möglich erscheint. Wut wird nicht beschönigt, aber auch nicht als besonders kluge Lösung ausgegeben.
Prolidols Bass drängt in diesem Stück besonders weit nach vorne. Er arbeitet fast wie eine zweite Rhythmusgitarre, während Brings darüber kurze, aggressive Akkorde setzt. Herzog spielt geradlinig und schwer, wodurch das Finale trotz der kompakten Laufzeit genügend Gewicht erhält. Der Song beendet die Platte nicht mit einer großen Auflösung, sondern mit einem entschlossenen Schnitt.
DREI MUSIKER MIT KLAR VERTEILTEN AUFGABEN
Die Stärke von »Until One Of Us Dies« liegt im Zusammenspiel des Trios. Andy Brings prägt das Album als Songwriter, Sänger und Gitarrist, stellt seine technischen Fähigkeiten aber nicht über die Kompositionen. Seine Riffs sind meist einfach aufgebaut, gewinnen ihre Wirkung jedoch durch Rhythmus, Wiederholung und den richtigen Einsatz kurzer Pausen. Besonders überzeugend ist sein Gespür für Refrains, die schnell zugänglich sind, ohne vollständig nach berechnetem Radio-Rock zu klingen.
Als Sänger besitzt Brings keine klassische Hard-Rock-Stimme mit makelloser Höhe. Seine Stärke liegt in Persönlichkeit, Aussprache und Haltung. Man erkennt innerhalb weniger Sekunden, wer hier singt. Die rauen Stellen, das gelegentliche Sprechen und die bewusst ungeschliffenen Übergänge geben den Texten Glaubwürdigkeit.
Slick Prolidol ist auf diesem Album weit stärker als bloße rhythmische Absicherung. Sein Bass ist präsent gemischt und übernimmt in Stücken wie »Death Disco« und »Off With Her Head« eine führende Funktion. Zusätzlich erweitert er das Album als Sänger. »Ain’t It Funny« zeigt, dass seine Stimme einen sinnvollen Gegenpol zu Brings bildet.
Markus Herzog versteht, welche Art von Schlagzeugspiel diese Songs benötigen. Er arbeitet mit klaren Grundrhythmen, trocken gesetzter Snare und kurzen Fills, die Übergänge markieren, ohne die Refrains zu überladen. Seine Leistung wirkt gerade deshalb stark, weil sie nicht permanent Aufmerksamkeit fordert. Er hält die Songs kompakt und sorgt dafür, dass die Band trotz wechselnder Einflüsse als Einheit erkennbar bleibt.
DIREKTER SOUND MIT BEWUSSTER UNVOLLKOMMENHEIT
Die Zusammenarbeit mit Wolfgang Stach gibt dem Album einen kräftigen, aber nicht übermäßig polierten Klang. Gitarren, Bass und Schlagzeug bleiben klar voneinander getrennt, behalten jedoch den Eindruck einer gemeinsam spielenden Band. Besonders der Bass profitiert von dieser Entscheidung, weil er nicht unter mehreren Gitarrenspuren verschwindet.
Nicht jeder Song erreicht allerdings dasselbe Niveau. »Mover And Shaker« und »Rome« funktionieren gut, bleiben kompositorisch aber etwas konventioneller als »Death Disco«, »It’s A Trap« oder »Free Hugs For Dictators«. Auch die Laufzeit von knapp 34 Minuten ist kurz. Andererseits entsteht dadurch kaum Leerlauf, und die Platte endet, bevor sich ihre Grundformeln abnutzen können.
FAZIT:
»Until One Of Us Dies« ist ein lebendiges und erfreulich vielseitiges Rock-Album, auf dem Double Crush Syndrome Punk, Hard Rock, Glam und Power Pop zu zehn kompakten Songs verbinden. Andy Brings, Slick Prolidol und Markus Herzog überzeugen als eingespieltes Trio, das große Refrains ebenso beherrscht wie politische Direktheit und selbstironische Zwischentöne. Kleinere qualitative Unterschiede ändern nichts am starken Gesamteindruck: 4 von 5 Punkten.






