Tracklist
01. Samba Of The Faceless
02. Echoes Fade, I Remain
03. Deathcore Song
04. AWOL
05. Mask Off (feat. J Figure)
06. Sweet Dreams (feat. Four Stroke Baron)
07. Low Slam Low
08. Goddess Box (feat. Bodybox)
09. Deep Sway
10. Permission To Be Claimed
11. Kiss The Dice
12. Black Widow Spider
13. Dapper (feat. Four Stroke Baron)
14. Pleasure Island
15. Old Man’s Bones
16. Lose The Head
17. Penance
Besetzung
Cameron Argon alias Big Chocolate – Gesang, Gitarren, Bass, Programmierung, Elektronik, Samples, Songwriting und Produktion
Gastbeiträge:
J Figure – »Mask Off«
Four Stroke Baron – »Sweet Dreams« und »Dapper«
Bodybox – »Goddess Box«
Da fragt man sich unweigerlich, wer die Göttin diesmal so zugerichtet hat. Die Antwort lautet: Cameron Argon – allein, mit 17 Tatwerkzeugen und offenbar ohne Alibi! Unter dem Namen Disfiguring The Goddess betreibt der Musiker und Produzent aus Nevada seit zwei Jahrzehnten seine persönliche Ein-Mann-Abrissfirma zwischen Slam, Brutal Death Metal, Deathcore und elektronischem Kontrollverlust. Das zehnte Studioalbum »Bloom« soll nach Argons eigener Aussage zugleich das Ende eines alten und den Beginn eines neuen Kapitels markieren. Der Titel klingt nach Frühlingswiese, doch auf dieser Platte blühen höchstens die blauen Flecken. Rund 51 Minuten lang treffen abgrundtiefe Gitarren, gutturale Ungeheuerlichkeiten, Blastbeats, Hip-Hop-Rhythmen, Synthesizer, seltsame Samples und überraschend melodische Momente aufeinander. Das Ergebnis ist kreativ, brutal und häufig ausgesprochen unterhaltsam – manchmal aber auch so überladen, als habe jemand den gesamten Geräteschuppen in den Mixer geworfen und anschließend auf »Zerkleinern« gedrückt.
VON DER GARAGENBAND ZUR EIN-MANN-ABRISSFIRMA
Disfiguring The Goddess entstanden 2006 zunächst als jugendliche Garagenband in Minden, Nevada. Wenige Jahre später übernahm Cameron Argon das Steuer vollständig und formte daraus ein Soloprojekt. Seither schreibt, spielt, programmiert und produziert er seine Musik weitgehend selbst. Unter seinem elektronischen Künstlernamen Big Chocolate sammelte Argon zugleich reichlich Erfahrung mit Dubstep und basslastiger Clubmusik. Genau diese zweite musikalische Identität erklärt, weshalb elektronische Klänge bei Disfiguring The Goddess nicht wie ein nachträglich aufgeklebter Fremdkörper wirken, sondern zum Bauplan gehören.
»Bloom« ist das erste Album des Projekts für Seek & Strike Records. Argon versteht den Titel als Bild für jahrelange Ansammlung, Pflege und schließlich Ausführung seiner musikalischen Ideen. Die Saat von Disfiguring The Goddess soll nach langer Entwicklung endlich vollständig aufgehen. Das klingt ausgesprochen friedlich, bis die ersten Gitarren einsetzen und die vermeintliche Blüte einen mit dem Blumentopf niederschlägt.
Die stilistische Grundlage bleibt schwerer Slam. Tiefer gestimmte Gitarren schieben sich langsam und körperlich durch die Songs, während die Stimme aus einer Region zu kommen scheint, in der gewöhnliche Stimmbänder längst Hausverbot haben. Darüber legt Argon elektronische Bässe, atmosphärische Flächen, Hip-Hop-Beats und gelegentliche Melodien. Dadurch besitzt das Album mehr Farben als viele artverwandte Veröffentlichungen, ohne seinen primitiven Kern zu verleugnen. Intellektuelle Kammermusik ist das natürlich nicht. Die Kammer wird hier eher zugemauert, während jemand von außen prüft, wie viele Breakdowns das Fundament aushält.
SAMBA OF THE FACELESS: DIE BLÜTE ÖFFNET SICH MIT ZÄHNEN
Der nur knapp zwei Minuten lange Auftakt »Samba Of The Faceless« bringt die Grundidee des Albums erstaunlich präzise auf den Punkt. Ein beweglicher elektronischer Rhythmus trifft auf moderne Deathcore-Gitarren und Argons gewaltige Tiefen. Der Titel verspricht Samba, liefert aber eher einen Tanzkurs für Menschen, die ihre Nachbarn schon immer einmal mit der Schulter durch eine Wand befördern wollten.
Die ungewöhnliche Leichtigkeit im Untergrund des Songs verhindert, dass die tief gestimmten Riffs zu einem bloßen Betonklotz werden. Gleichzeitig setzt Argon mit wenigen Mitteln ein klares Signal: Auf »Bloom« gelten die üblichen Stilgrenzen nur so lange, bis er eine unterhaltsamere Idee findet. Bevor sich die Mischung abnutzen kann, ist der Opener bereits verschwunden.
»Echoes Fade, I Remain« erweitert den Klang um gläserne Synthesizer und eine beinahe schwebende Atmosphäre. Die Musik wirkt persönlicher und nachdenklicher, ohne auf ihre Schwere zu verzichten. Melodische Flächen und brutale Stimme bilden einen spannenden Gegensatz. Nicht jede Ebene fügt sich vollkommen organisch zusammen, doch gerade die leichte Reibung gibt dem Song Charakter.
Mit »Deathcore Song« folgt anschließend die subtilste Namensgebung seit der Erfindung des Vorschlaghammers. Der Titel macht genau das, was auf der Verpackung steht: massive Gitarren, hektische Ausbrüche, brutale Rhythmen und eine Reihe bewusst alberner Samples. Zwischen all dem Lärm taucht sogar Mr. Rogers auf. Pädagogisch wertvoll ist das vermutlich nicht, aber Nachbarschaftshilfe kann eben viele Formen annehmen.
AWOL UND MASK OFF: KONTROLLVERLUST MIT KONZEPT
»AWOL« gehört zu den eigenwilligsten und zugleich stärksten Stücken des Albums. Der Song löst sich deutlich von der üblichen Slam-Struktur, arbeitet mit offenen elektronischen Räumen und bringt sogar klarere Gesangsspuren ein. Diese wirken nicht makellos, passen aber zur verletzlichen Stimmung des Titels. Inhaltlich geht es um innere Überforderung, Rückzug und den Wunsch nach Raum zum Atmen. Unter der martialischen Oberfläche zeigt sich damit eine persönlichere Ebene, die »Bloom« dringend benötigt.
Besonders gelungen ist der Gegensatz zwischen nervöser Elektronik und schwerem Gitarrenfundament. Der Song fühlt sich an, als würden ein Clubtrack und ein Deathcore-Breakdown gemeinsam versuchen, durch dieselbe Tür zu gehen. Erwartungsgemäß bleibt der Türrahmen nicht lange stehen. Dennoch entsteht keine zufällige Geräuschsammlung, sondern eine nachvollziehbare Dramaturgie aus Druck, Rückzug und erneutem Ausbruch.
»Mask Off« schlägt wieder direkter zu. J Figure verstärkt die ohnehin monströse Stimmfront, während zwischen den Riffs Ausschnitte aus »To Catch A Predator« auftauchen. Auf dem Papier klingt das nach Internet-Meme mit Gitarrenbegleitung. Im Song entwickelt es jedoch eine unangenehm passende Wirkung, weil Text und Samples das Thema falscher Identitäten und verborgener Abgründe miteinander verbinden. Geschmackvoll ist anders, wirkungslos allerdings auch.
SWEET DREAMS UND LOW SLAM LOW: GUTE NACHT, WIRBELSAULE
Der kurze Gastauftritt von Four Stroke Baron in »Sweet Dreams« bringt eine weitere merkwürdige Farbe ins Album. Elektronische Details, eine schlammige Grundstimmung und ein fast verspielter Umgang mit Rhythmus treffen auf extreme Vocals. Der Song ist vorbei, bevor er seine Ideen vollständig ausarbeiten kann, erfüllt innerhalb der Platte aber die Funktion eines schiefen Übergangs.
Danach heißt es »Low Slam Low«, und tiefer kann man eigentlich nur noch graben, wenn man vorher eine Genehmigung beim Bergbauamt beantragt. Argon verwendet eine extrem tief gestimmte Baritongitarre nicht mehr bloß als Riffinstrument. Ihr Klang wird zu einer massiven Fläche, in der einzelne Töne beinahe unter ihrem eigenen Gewicht verschwinden. Blastbeats gehen in langsame, immer schwerere Slams über, während unheilvolle Geräusche am Rand des Mixes entlangkriechen.
Hier schmeißt Argon seinem Equipment ordentlich die Prügel naus. Die Garantie dürfte schon beim ersten Blastbeat freiwillig gekündigt haben. Trotzdem besitzt der Song mehr als stumpfe Gewalt. In der Brücke wird die Gitarre deutlicher, und eine seltsam persönliche Textidee verbindet völlige Einsamkeit mit einer im Kopf kreisenden Erinnerung an »My Girl« von The Temptations. Solche Gegensätze machen Disfiguring The Goddess interessanter als zahlreiche Projekte, die lediglich um die tiefste Stimmung und den langsamsten Breakdown konkurrieren.
GODDESS BOX: DIE GÖTTIN LIEGT JETZT WOHL IN EINZELTEILEN
Mit »Goddess Box« erhält auch Bodybox seinen Gastauftritt. Der Titel stampft geradliniger durch moderne Kriegsbilder, körperliche Gewalt und maschinelle Rhythmen. Die Gitarren drücken, die Stimmen gurgeln und die Elektronik sorgt für einen industriellen Unterton. Da fragt man sich nicht länger, wer die Göttin zugerichtet hat, sondern nur noch, ob sie in der namensgebenden Kiste überhaupt wieder richtig zusammengesetzt wurde.
Der Song funktioniert durch seine unmittelbare Körperlichkeit, offenbart aber zugleich eine Schwäche der Produktion. Das programmierte Schlagzeug besitzt nicht immer die Durchschlagskraft, die der Gitarrenton verlangt. Gerade bei den härtesten Akzenten wirkt der Angriff etwas flacher als erwartet. Im Gesamtbild bleibt »Goddess Box« dennoch ein wirkungsvoller Brocken, weil Gastbeitrag, Riffs und martialische Atmosphäre geschlossen zusammenarbeiten.
»Deep Sway« setzt den schweren Kurs fort, bringt jedoch mehr rhythmisches Pendeln in die Musik. Die Stimme dehnt Silben zu kaum noch menschlichen Lauten, während Gitarren und elektronische Bässe in kurzen Wellen anrollen. Der Titel wirkt weniger spektakulär als die vorausgehenden Höhepunkte, hält aber den Fluss aufrecht. Genau hier beginnt »Bloom« allerdings, erste Ermüdungserscheinungen zu zeigen: Was in kleinen Portionen enorm drückt, verliert über viele ähnlich gewichtete Songs etwas von seiner Wirkung.
PERMISSION TO BE CLAIMED: WENN DER GROOVE ZU NAHE KOMMT
»Permission To Be Claimed« arbeitet mit Verlangen, Unterwerfung und einer zunehmend bedrückenden Nähe. Musikalisch wird der Song von langsamen Bewegungen, tiefen Sprachfetzen und einem fast klebrigen Groove getragen. Die Kombination aus sinnlicher Bildsprache und unmenschlicher Stimme erzeugt eine bewusst unangenehme Spannung. Romantik aus Nevada sieht offenbar anders aus – Kerzenlicht wäre hier vermutlich nur dafür da, das Mischpult dramatisch auszuleuchten.
Die Produktion lässt in diesem Stück erneut etwas Schlagzeuggewicht vermissen. Gerade weil die Gitarren so tief und breit ausfallen, könnten Kick und Snare mehr Kontur vertragen. Die elektronischen Details bleiben dagegen gut hörbar und verleihen dem Arrangement eine unruhige Oberfläche. Der Song ist kein unmittelbarer Höhepunkt, trägt aber zur thematischen Vielfalt des Albums bei.
Das anschließende »Kiss The Dice« zeigt erheblich klarer, wie wirkungsvoll Argons Verbindung verschiedener Einflüsse sein kann. Der zuletzt für das Album geschriebene Titel bündelt schwere, auf den Moshpit zielende Gitarren mit federnden Rhythmen, einem überraschend offenen Refrain und dezenten Dance-Klängen. Textlich geht es um eine durchzechte Nacht in Reno, um Glück, Sünde, Selbstsicherheit und den Verlust darunter. Hier greift das Experiment nicht nur als Gag, sondern trägt eine erkennbare Stimmung.
BLACK WIDOW SPIDER UND DAPPER: GIFT, SAMT UND GEWALT
»Black Widow Spider« zieht den Hörer in eine dunkle, verführerische Atmosphäre. Flüsternde Elemente, ein fast beschwörender Rhythmus und brutale Ausbrüche zeichnen das Bild einer Falle, die gleichzeitig abstößt und anzieht. Argons Stimme wechselt zwischen extremen Tiefen und stärker artikulierten Passagen. Der Titel besitzt genügend Eigenständigkeit, um auch im hinteren Albumdrittel hängen zu bleiben.
Bei »Dapper« kehren Four Stroke Baron zurück. Das Stück trägt tatsächlich eine eigentümliche Eleganz, als hätte sich ein Höhlenmensch für den Opernball einen blutroten Samtanzug gekauft. Melodische und elektronische Akzente umspielen die schweren Riffs, während der Text Kleidung, Wirkung und äußere Erscheinung mit schiefem Humor behandelt. Die Zusammenarbeit öffnet den Sound, ohne Disfiguring The Goddess plötzlich gesellschaftsfähig zu machen. Die Krawatte sitzt, aber am Hemd klebt noch der halbe Moshpit.
PLEASURE ISLAND: REGGAE IM FOLTERKELLER
»Pleasure Island« ist einer jener Songs, an denen sich die Geister scheiden dürften. Zwischen massiven Gitarren und dämonischen Vocals tauchen Reggae- und Hip-Hop-artige Passagen auf, die wirken, als liefen sie aus einem überfluteten Nebenraum herüber. Das ist gleichermaßen verwirrend, amüsant und riskant. Wer in einem Slam-Album nach stilistischer Reinheit sucht, wird hier vermutlich den Notausgang kontrollieren.
Inhaltlich lockt die Insel mit Genuss, Selbstüberschreitung und falscher Schönheit, bevor sich hinter der Verführung ein dunkler Preis offenbart. Damit besitzen die scheinbar unpassenden Klangfarben zumindest eine dramaturgische Funktion. Sie bilden den süßen Köder, während die schweren Passagen den Haken zeigen. Vollkommen organisch ist dieser Wechsel nicht. Dennoch bleibt »Pleasure Island« gerade deshalb stärker im Gedächtnis als einige der geradlinigeren Slamnummern.
Das Album hätte an mehreren Stellen von solchem Mut profitiert, zugleich aber auch von einer strengeren Auswahl. Argon produziert unablässig neue Ideen, wirft manche davon jedoch nur kurz in den Raum, bevor der nächste Einfall folgt. Ausgerechnet die ungewöhnlichsten Passagen hätten gelegentlich mehr Entwicklung verdient.
OLD MAN’S BONES, LOSE THE HEAD UND PENANCE: DAS ENDE ZIEHT NOCH EINMAL DIE SCHRAUBEN AN
»Old Man’s Bones« verbindet schwere Gitarren mit unerwartet verletzlichen Melodien und dichten atmosphärischen Schichten. Der Song wirkt im Vergleich zu vielen Vorgängern emotional offener. Alte Trauer, Verführung und der Wunsch nach Wärme liegen dicht nebeneinander. Gerade die ruhigeren Farben zeigen, dass Argon nicht ausschließlich über Härte Wirkung erzeugen muss.
»Lose The Head« zieht anschließend Tempo und elektronischen Druck an. Ein tiefer Subbass fällt in den Song, die Gitarren zermalmen den verbliebenen Widerstand und der Text bewegt sich zwischen Dominanz, Misstrauen und Selbstbehauptung. Der Titel wirkt wie ein spätes Kraftpaket, obwohl die Platte zu diesem Zeitpunkt längst mehr als genug Gewicht gestemmt hat. Wer hier noch freiwillig den Kopf verliert, sollte ihn anschließend bei »Goddess Box« im Fundbüro abholen.
Das abschließende »Penance« verspricht Buße, doch Argon zeigt wenig Interesse an Reue. Statt eines stillen Abschlusses folgen weitere tiefe Riffs, giftige Elektronik und gutturale Beschwörungen. Der Song führt einzelne Motive von Schuld, Vergebung und innerer Vergiftung zusammen, ohne ein sauberes Ende anzubieten. Das passt zu einem Album, das seine neue Blüte nicht als friedliche Erlösung, sondern als gewaltsames Hervorbrechen versteht.
EINE STIMME AUS DEM UNTERGESCHOSS DER HÖLLE
Cameron Argons Gesang bleibt eines der wichtigsten Erkennungsmerkmale von Disfiguring The Goddess. Seine tiefsten Laute besitzen jene absurd körperliche Qualität, bei der sich zunächst die Frage stellt, ob hier ein Mensch, ein Abflussrohr oder ein missmutiger Sumpfgott vor dem Mikrofon steht. Die Antwort lautet vermutlich: ja.
Trotz aller Extreme arbeitet Argon nicht nur mit einer einzigen gutturalen Einstellung. Er variiert Tonhöhe, Artikulation und Rhythmus, setzt schärfere Ausbrüche ein und wagt in »AWOL« sogar klarere Stimmen. Die Gastbeiträge erweitern das Spektrum sinnvoll, ohne seine Präsenz zu verdrängen. Besonders J Figure und Bodybox verstärken den Eindruck einer mehrköpfigen Bestie, obwohl das Projekt im Studio weiterhin eindeutig von Argons Handschrift beherrscht wird.
Die Stimme funktioniert am besten, wenn der Song ihr einen klaren rhythmischen oder atmosphärischen Rahmen gibt. In einigen der weniger markanten Stücke verschwimmen tiefe Gitarren und tiefe Vocals dagegen zu einer gemeinsamen dunklen Masse. Das ist zweifellos brutal, aber nicht automatisch unterscheidbar.
PRODUKTION ZWISCHEN BETONMISCHER UND NACHTCLUB
Argons Erfahrung als elektronischer Produzent ist auf »Bloom« überall zu hören. Subbässe, Synthesizer, Samples und kleine rhythmische Störungen erhalten ausreichend Platz, selbst wenn die Gitarren mit der Feinfühligkeit eines Betonmischers arbeiten. Die besten Momente entstehen, wenn beide Seiten nicht bloß übereinandergeschichtet werden, sondern sich gegenseitig verändern. »AWOL«, »Low Slam Low« und »Kiss The Dice« zeigen diese Verbindung besonders überzeugend.
Nicht jede Entscheidung sitzt. Manche atmosphärischen Flächen liegen eher auf den Riffs, als sich mit ihnen zu verbinden. Einzelne Gitarren verlieren durch die enorme Tiefe ihre Kontur, während das programmierte Schlagzeug in mehreren Songs etwas zu wenig Körper besitzt. Der Klang möchte gleichzeitig die Schmutzigkeit älteren Brutal Death Metals und die Präzision moderner elektronischer Produktion einfangen. Diese beiden Ziele schließen sich nicht aus, finden hier aber noch nicht überall ein vollkommenes Gleichgewicht.
Dennoch klingt »Bloom« unverkennbar nach Disfiguring The Goddess. Viele Produktionen des Genres sind zwar sauberer, aber auch austauschbarer. Argons Mischung trägt Ecken, Schlamm und absichtliche Merkwürdigkeiten mit sich herum. Manchmal stolpert sie darüber, häufiger entwickelt sie daraus Persönlichkeit.
SIEBZEHN SONGS: BLOOM BLÜHT, BIS DER GARTEN ÜBERWUCHERT
Das größte Problem des Albums ist nicht eine einzelne musikalische Idee, sondern deren Menge. Siebzehn Titel in knapp 51 Minuten bedeuten zwar keine endlose Spielzeit, erzeugen aber trotzdem Ermüdung. Viele Songs bewegen sich zwischen zwei und dreieinhalb Minuten und verschwinden, bevor ihre ungewöhnlichen Ansätze vollständig wachsen können. Gleichzeitig ähneln sich einige der geradlinigeren Slam-Passagen so stark, dass sie im hinteren Teil ineinanderlaufen.
Eine Auswahl von zwölf oder dreizehn Stücken hätte die stärksten Seiten erheblich deutlicher hervorgehoben. »Bloom« blüht nicht einfach – es überwuchert gleich den ganzen Garten, den Geräteschuppen und vermutlich noch das Grundstück des Nachbarn. In einzelnen Portionen wirkt das Album deshalb oft stärker als in einem vollständigen Durchlauf.
Dem steht eine bemerkenswerte kreative Unruhe gegenüber. Argon verweigert die sichere Formel, nimmt alberne Samples ebenso ernst wie persönliche Themen und bringt Slam, Deathcore, Industrial, Hip-Hop, Dance, Dubstep, Reggae und Melodie unter ein gemeinsames, wenn auch ziemlich verbeultes Dach. Nicht jeder Versuch funktioniert. Fast jeder Versuch klingt jedoch nach einem Musiker, der tatsächlich eine eigene Vorstellung verfolgt.
FAZIT:
»Bloom« ist ein übervoller, widersprüchlicher und erstaunlich unterhaltsamer Brocken. Cameron Argon verbindet brutalen Slam und Deathcore mit elektronischen Bässen, Hip-Hop-Rhythmen, atmosphärischen Flächen, schiefem Humor und unerwarteter Verletzlichkeit. »AWOL«, »Low Slam Low«, »Kiss The Dice« und »Pleasure Island« zeigen, wie eigenständig Disfiguring The Goddess klingen können. Schwankende Produktionsentscheidungen, einige weniger markante Stücke und eine Trackliste, die dringend eine Gartenschere benötigt hätte, verhindern eine höhere Wertung. Die Göttin ist am Ende zwar gründlich zugerichtet, aber keineswegs tot – sie blüht nur auf eine ausgesprochen ungesunde Weise. Dreieinhalb von fünf Punkten.






