Tracklist
01. Exiting the God Hologram
02. Illusions of Loss
03. Swine
04. Distortions of Light
05. Oscillating Polarities
06. At Ease
Besetzung
Murice White – Gesang, Gitarre
Michael Thomas – Bass, Gesang
Evan Price – Schlagzeug
Musik kann ein geordneter Gedankengang sein – oder ein emotionaler Kurzschluss, bei dem sich Grindcore, chaotischer Hardcore, Post-Black Metal und atmosphärischer Post-Rock gegenseitig durch die Sicherung jagen. Apostle entscheiden sich auf »A Splinter in the Infinite Noumenon« eindeutig für die zweite Variante. Das Trio aus Atlanta hämmert, schneidet und schreit sich durch sechs kompakte Stücke, lässt zwischen den Trümmern jedoch immer wieder melancholische Melodien, verletzliche Zwischenspiele und überraschend warme Momente aufsteigen. Hinter der kontrollierten Kakophonie steht eine persönliche Auseinandersetzung mit Trauer, Sterblichkeit, spiritueller Dualität und der schwierigen Kunst, nach einem Verlust nicht nur weiterzuleben, sondern sich selbst neu zu verstehen.
EIN SPLITTER IM UNENDLICHEN
Der Titel greift die Vorstellung des Menschen als Splitter einer unendlichen Gottheit auf und verbindet sie mit dem philosophischen Begriff des Noumenons: einer Wirklichkeit, die unabhängig von unserer Wahrnehmung existiert, aber niemals vollständig durch sie erfasst werden kann. Der Mensch erkennt demnach stets nur Ausschnitte, Spiegelungen und verzerrte Fragmente eines größeren Ganzen.
Apostle machen daraus keine trockene Abhandlung. Der Gedanke wird auf persönliche Verluste, Glaubensfragen und das fragile menschliche Selbstbild übertragen. Was geschieht, wenn vertraute Wahrheiten zerbrechen? Bleibt darunter eine objektive Wirklichkeit zurück – oder lediglich eine weitere Projektion, die man aus Angst vor dem Unbekannten zur Wahrheit erklärt?
Musikalisch wird dieses Thema durch ständige Gegensätze umgesetzt. Gewaltige Hardcore-Ausbrüche treffen auf Post-Rock-Melodien, Grindcore-Hektik auf schleppende Grooves und dissonante Gitarren auf beinahe versöhnliche Harmonien. Die Musik wirkt wie ein Spiegel, der in sechs Scherben zerbrochen wurde. Jede zeigt denselben Menschen, aber aus einer anderen, unvollständigen Perspektive.
AUSSTIEG AUS DEM GÖTTERHOLOGRAMM
»Exiting the God Hologram« beginnt mit dem Geräusch eines nachts vorbeifahrenden Zuges. Die Aufnahme stammt aus Murice Whites unmittelbarer Umgebung und führt das Album mit einem realen, alltäglichen Klang ein. Kurz darauf bricht die Band mit voller Kraft herein.
Das zentrale Bild zeigt ein blutrotes Meer, das sich teilt und zwei Wege freigibt. Anders als in einer religiösen Erlösungsgeschichte führt jedoch keiner der Pfade zur vollständigen Wahrheit. Wer sich nach links oder rechts entscheidet, erlebt lediglich eine bestimmte Perspektive und hält diesen begrenzten Ausschnitt anschließend möglicherweise für die gesamte Realität.
Der titelgebende Ausstieg aus dem Gottes-Hologramm bedeutet deshalb nicht zwangsläufig die Ablehnung jeder Spiritualität. Er bezeichnet die Loslösung von starren Vorstellungen, die dem Menschen eine einzige korrekte Weise des Lebens, Glaubens oder Erkennens vorschreiben. Das Hologramm erscheint echt, bleibt aber eine Projektion.
Musikalisch schleudern Apostle den Hörer zunächst in einen Hagel aus schwerem Schlagzeug, tiefem Bass und dissonanten Gitarren. White schreit nicht sauber über dem Rhythmus, sondern bewegt sich scheinbar frei durch das Arrangement. Seine Stimme droht mehrfach aus dem Takt zu brechen, landet aber immer wieder genau auf den entscheidenden Schlägen.
Evan Price ist dabei die treibende Kraft. Sein Schlagzeug besitzt enorme körperliche Präsenz und wechselt zwischen Hardcore-Druck, schnellen Extrem-Metal-Passagen und pendelnden Grooves. Michael Thomas legt darunter einen tiefen, melodisch beweglichen Bass, der verhindert, dass die Gitarrendissonanzen vollständig ins Formlose abgleiten.
Im letzten Drittel verändert sich der Song. Aus der Kakophonie wächst eine traurige Post-Black-Metal-Melodie, die später auf dem Album erneut auftauchen wird. Der Ausstieg aus dem Hologramm endet damit nicht in Leere, sondern in einer vorsichtigen, noch unvollständigen Hoffnung.
DER VERLUST ALS SPIEGEL
»Illusions of Loss« ist mit weniger als zwei Minuten das kürzeste Stück, trägt aber erhebliches emotionales Gewicht. Der Text beschreibt eine Beerdigung und die körperliche Erfahrung, Erde aufzubrechen, in den Boden einzudringen und einem geliebten Menschen beim Verschwinden zuzusehen.
Trauer wird dabei nicht nur als Verlust einer anderen Person verstanden. Sie verändert das eigene Selbstbild und bringt Teile der Persönlichkeit hervor, die zuvor verborgen blieben. Der Tod eines Menschen kann Erinnerungen, familiäre Muster und alte Verletzungen freilegen, die weit über den unmittelbaren Abschied hinausreichen.
Das Bild des Samens erweitert diesen Gedanken. Etwas wird begraben, doch Begrabenes muss nicht ausschließlich verschwinden. Erinnerung kann in veränderter Form weiterwachsen und dem Hinterbliebenen eine neue Aufgabe geben. Der Schmerz bleibt bestehen, wird aber zum Ausgangspunkt einer persönlichen Entwicklung.
Musikalisch arbeitet das Trio mit einem schleppenden Halftime-Groove, dissonanten Gitarren und einem Bass, der der Nummer eine dunkle melodische Mitte gibt. White führt seine Stimme eng durch die rhythmischen Bewegungen, bevor sich die Komposition in Tremolo-Gitarren und einen schnelleren Ausbruch steigert.
Ein verzerrtes Sprachsample über kaum noch lebenswerte städtische Zustände erweitert den persönlichen Verlust um eine gesellschaftliche Ebene. Individuelle Trauer und kollektiver Verfall stehen plötzlich nebeneinander. Der Song endet, bevor eine klare Trennung zwischen beiden möglich wird.
DIE SCHWEINE UND DAS FALSCHE LICHT
»Swine« beginnt mit Bildern von Fallen, geschlachteten Tieren und verwertetem Fleisch. Was zunächst nach einem brutalen Vorgang aus der Tierhaltung klingt, entwickelt sich zu einer Auseinandersetzung mit Macht, Unterdrückung und den Folgen eines Systems, das Menschen einsperrt, kategorisiert und gegeneinander ausspielt.
Die Rollen von Jäger, Tier und Konsument bleiben nicht stabil. Der Tisch dreht sich, das Fleisch beginnt zu brennen und die scheinbaren Herren müssen erkennen, dass ihre Macht nicht naturgegeben ist. Es gibt keine ewigen Herrscher, sondern nur Handlungen und ihre Konsequenzen.
Besonders interessant ist das Bild eines falschen, blendenden Lichtes. Es strahlt nur deshalb so mächtig, weil Menschen ihm ihren Glauben und ihre Energie geben. Die vermeintliche Autorität lebt von der Zustimmung derer, die sie beherrscht. Sobald diese Projektion durchschaut wird, kann die zuvor abgegebene Macht zurückgenommen werden.
Die Musik reagiert mit einem der aggressivsten Stücke der Platte. Whites Gitarre produziert keine klassischen Riffs, sondern scharfkantige Figuren, gewaltsames Zupfen und dissonante Spiralen. Thomas’ Bass liegt darunter wie ein schweres Kabel, das trotz aller rhythmischen Verrenkungen den Stromfluss aufrechterhält.
Price spielt zugleich präzise und entfesselt. Seine Bassdrum greift die Gitarrenbewegungen auf, während die Becken das Klangbild immer weiter verdichten. Gegen Ende entsteht ein kontrollierter Zusammenbruch: Melodische Elemente wachsen in die Gewalt hinein, bis sämtliche Schichten zu einer einzigen drückenden Masse verschmelzen.
Der Song ist beeindruckend, aber auch bewusst anstrengend. Die Band zieht nahezu alle Regler nach oben und lässt nur wenige Atempausen. Wer die Details erfassen möchte, muss mehrfach durch das Dickicht aus Gitarren, Bass, Schlagzeug und Stimmen steigen.
ZERBROCHENE DIAMANTEN
»Distortions of Light« beginnt mit einer historischen Aufnahme des Dichters E. E. Cummings, der über Individualität und den Mut spricht, tatsächlich man selbst zu sein. Erst nach dieser längeren Einführung setzt die Band ein.
Das Stück stellt sich die Realität als gigantischen Diamanten am Himmel vor. Solange er vollständig bleibt, scheint sein Licht eindeutig und vollkommen. Doch nachdem der Diamant zerbricht und seine Splitter auf die Erde fallen, zeigt jede Scherbe nur noch eine verzerrte Variante des ursprünglichen Bildes.
Menschen sammeln diese Fragmente auf, verletzen sich an ihren scharfen Kanten und halten das aufgefundene Teil dennoch für die Wahrheit. Was aus der Ferne nach Reinheit und unbegrenzter Möglichkeit aussah, wird aus der Nähe zu zerbrochenem Glas und blutigen Händen.
Der Song greift damit unmittelbar den Albumtitel auf. Der Mensch ist selbst ein Fragment und versucht zugleich, aus weiteren Fragmenten ein vollständiges Weltbild zu bauen. Erinnerung, Glaube und Wahrnehmung spiegeln Wirklichkeit, können sie aber nie ohne Verzerrung wiedergeben.
Musikalisch zeigt sich das Trio zunächst von seiner langsameren und dunkleren Seite. Der Bass bewegt sich schwer durch das Arrangement, die Gitarre zeichnet unruhige Schatten darüber und Whites Hardcore-Schreie stehen in einem wirkungsvollen Gegensatz zur kontrollierten Instrumentierung.
Später öffnet sich die Musik in Richtung Blackgaze und Post-Rock. Die Gitarren gewinnen an Helligkeit, ohne die vorherige Düsternis vollständig abzustreifen. Gerade dieser Wandel macht »Distortions of Light« zu einem Schlüsselstück: Schönheit entsteht nicht außerhalb des Zerfalls, sondern unmittelbar in dessen Bruchkanten.
Das lange Eingangssample ist inhaltlich nachvollziehbar, bremst beim wiederholten Hören jedoch den Fluss. Die eigentliche Komposition könnte auch ohne die ausführliche Einleitung bestehen.
ZWISCHEN DEN POLEN
»Oscillating Polarities« trägt seine musikalische Methode bereits im Titel. Die Komposition schwingt zwischen Gewalt und Melodie, Kontrolle und Auflösung, Selbstzweifel und innerer Gewissheit. Die Gegensätze bekämpfen sich nicht nur, sondern beginnen allmählich miteinander zu harmonieren.
Der Text verwendet einen Fluss als Bild für Intuition. Wasser sucht seinen Weg nicht durch abstrakte Planung, sondern folgt Gefälle, Widerstand und Bewegung. Es schneidet über lange Zeit selbst durch Stein und verliert dabei nicht seine grundlegende Natur.
Dem gegenüber steht der menschliche Zweifel. Er versucht, den Strom festzuhalten, seine Richtung zu kontrollieren oder seine Geschwindigkeit zu begrenzen. Die zentrale Erkenntnis liegt darin, der eigenen Wahrnehmung wieder zu vertrauen und die innere Stimme nicht ständig durch erlernte Ängste zu übertönen.
Der Song behandelt diese Selbstfindung nicht als geradlinige Heilung. Tränen, Orientierungslosigkeit und das Gefühl, im eigenen Bewusstsein zu kentern, bleiben Teil des Prozesses. Die Persönlichkeit löst sich zeitweise auf, erkennt aber gerade darin, dass die Grenze zwischen Ich und größerem Ganzen möglicherweise weniger fest ist als angenommen.
Musikalisch ist das Stück der brutalste und zugleich technisch eigenwilligste Moment der Platte. Price beginnt mit dicht verflochtener Doublebass, Beckenarbeit und abrupten Akzenten. White setzt eine schlangenartig gewundene Gitarrenfigur dagegen, deren Töne einzeln klar gesetzt sind, gemeinsam aber absichtlich instabil wirken.
Thomas hält mit dem Bass den Mittelpunkt. Seine Linien geben dem Stück einen versteckten Groove, der sich erst nach mehreren Durchläufen vollständig erschließt. Der Song wirkt zunächst wie reines Chaos; nach und nach wird jedoch ein pendelnder Rhythmus hörbar, der die verschiedenen Extreme miteinander verbindet.
White liefert hier seine tiefsten und aggressivsten gutturalen Stimmen. Seine Vocals reichen von aufgerissenen Schreien bis zu dunklem Brüllen und verstärken den Eindruck einer inneren Auseinandersetzung, die nicht durch ruhige Meditation, sondern durch vollständige emotionale Entladung gelöst wird.
In der Mitte zieht sich das Schlagzeug kurz zurück und öffnet Raum für eine rhythmisch reduzierte Passage. Dieser Moment ist entscheidend, weil er die zuvor versteckte Melodie sichtbar macht. Danach kehrt die Gewalt zurück, besitzt aber eine andere Bedeutung: Sie erscheint nicht länger ausschließlich zerstörerisch, sondern als Teil eines größeren Gleichgewichts.
TRAUER FINDET EINEN RUHEPUNKT
»At Ease« beginnt mit jener melancholischen Gitarrenmelodie, die bereits das Ende von »Exiting the God Hologram« geprägt hat. Damit schließt sich der musikalische Kreis. Was im Opener noch wie eine entfernte Möglichkeit wirkte, wird im Finale zum zentralen Thema.
Der Text richtet sich an einen verstorbenen Menschen. Zurück bleiben Tränen, Schuldgefühle und die quälende Frage, weshalb das Ausmaß der inneren Entwicklung und Tapferkeit dieser Person nicht rechtzeitig erkannt wurde. Der Gang zum Grab ersetzt die frühere unmittelbare Nähe.
Besonders schmerzhaft ist das Eingeständnis, den Menschen nicht geschützt oder verteidigt haben zu können. Die Selbstvorwürfe richten sich nach innen und verursachen neue Wunden. Heilung beginnt deshalb nicht mit dem Vergessen, sondern mit der schwierigen Anerkennung eigener Grenzen.
Das Stück vermeidet eine einfache spirituelle Lösung. Der Tod wird nicht durch ein versprochenes Jenseits entschärft. Was bleibt, ist die Wirkung des verstorbenen Menschen: sein Licht, seine Tapferkeit und die Veränderung, die er in anderen ausgelöst hat.
Musikalisch zeigen sich Apostle so verletzlich wie an keiner anderen Stelle. Price entwickelt einen beinahe jazzigen Shuffle, der nach der vorherigen rhythmischen Gewalt überraschend leicht wirkt. Thomas hält mit wenigen Grundtönen einen stabilen emotionalen Mittelpunkt.
White legt darüber ein langes Gitarrensolo. Es beginnt zurückhaltend und klagend, wächst aber zunehmend über die Rhythmusgruppe hinaus. Die Gitarre versucht nicht, technische Überlegenheit zu demonstrieren. Sie spricht dort weiter, wo die Worte nicht mehr ausreichen.
Feedback, anschwellende Becken und wiederkehrende Melodien verdichten den Schluss. Die Musik ist gleichzeitig traurig und triumphierend. Trauer wird nicht überwunden, aber in eine Form gebracht, die weiteres Leben ermöglicht. Das Album endet damit weder in vollständiger Erlösung noch in Verzweiflung, sondern in einem glaubwürdigen Zwischenzustand.
MURICE WHITE ZWISCHEN WUNDE UND WAFFE
Murice White übernahm nach dem Ausstieg des früheren Frontmanns Cameron Austin zusätzlich zum Gitarrenspiel den vollständigen Leadgesang. Diese Veränderung hat den Stil der Band entscheidend geprägt. Seine Stimme klingt nicht wie ein nachträglich über die Instrumente gelegtes Element, sondern folgt unmittelbar der rhythmischen Logik seiner Gitarre.
White bewegt sich zwischen Hardcore-Schreien, hohen aufgerissenen Lauten und tiefen Gutturals. Der Vortrag wirkt häufig unkontrolliert, ist aber präziser organisiert, als es zunächst scheint. Selbst scheinbar frei schwebende Schreie finden an entscheidenden Punkten zurück zum Rhythmus.
Seine Gitarrenarbeit verweigert einfache Orientierung. Akkorde lösen sich selten erwartbar auf, einzelne Töne werden wie scharfe Splitter in den Song gesetzt und melodische Linien tauchen häufig erst unter mehreren Schichten aus Verzerrung auf. Dabei besitzt White ein starkes Gespür für Kontraste. Gerade weil die aggressiven Passagen so abweisend klingen, entwickeln die melancholischen Melodien enorme Wirkung.
Nicht jede Idee erhält jedoch genügend Platz. Besonders in der ersten Albumhälfte kämpfen Gitarren, Stimmen und Rhythmusgruppe häufig gleichzeitig um Aufmerksamkeit. Eine gelegentliche Reduktion hätte einzelne Motive noch stärker hervortreten lassen.
DER BASS ALS VERBORGENER LEITFADEN
Michael Thomas wechselte im Zuge der personellen Veränderungen zum Bass und übernahm zusätzlichen Gesang. Seine Arbeit ist für das Album von zentraler Bedeutung, weil sie die Verbindung zwischen rhythmischer Härte und atmosphärischer Melodie herstellt.
Während Whites Gitarre häufig auseinanderbricht, hält Thomas die harmonische Richtung zusammen. Seine Basslinien sind nicht bloße Verdopplungen der Gitarren, sondern besitzen eigene melodische Bewegungen. Besonders auf »Illusions of Loss«, »Oscillating Polarities« und »At Ease« wird der Bass zum stabilen Boden unter einer absichtlich unsicheren Architektur.
Seine zusätzlichen Vocals erweitern die Stücke um eine tiefere, körperlichere Stimme. Dadurch entstehen kurze dialogartige Momente, in denen Whites schrillere Verzweiflung von Thomas’ kräftigeren Rufen beantwortet wird.
Auf dem abschließenden »At Ease« zeigt Thomas, wie wirkungsvoll Reduktion sein kann. Wenige wiederholte Grundtöne reichen aus, um der emotionalen Entwicklung Halt zu geben. Über die lange Dauer der Passage entsteht allerdings auch eine gewisse Wiederholung, die nicht für jeden Hörer gleichermaßen zwingend ausfallen dürfte.
EVAN PRICE HÄLT DAS CHAOS IN DER UMLAUFBAHN
Evan Price liefert eine herausragende Schlagzeugleistung. Seine Aufgabe besteht nicht nur darin, komplizierte Rhythmen korrekt umzusetzen. Er muss Songs zusammenhalten, deren Gitarren und Vocals permanent den Eindruck erwecken, aus der vorgesehenen Form ausbrechen zu wollen.
Price wechselt zwischen Grindcore-Geschwindigkeit, Hardcore-Grooves, Doublebass, Midtempo und beinahe jazzigen Passagen. Trotz dieser Vielfalt wirkt sein Spiel nicht wie eine Ansammlung technischer Übungen. Jede Veränderung reagiert auf die emotionale Bewegung des jeweiligen Songs.
Besonders stark ist seine Beckenarbeit. Price setzt keine gleichförmige Wand aus Dauerrauschen ein, sondern nutzt Anschwellen, kurze Akzente und gezielte Pausen, um Übergänge vorzubereiten. Im Finale trägt er entscheidend dazu bei, dass aus aggressiver Dichte langsam ein offener, nachdenklicher Raum entsteht.
Sein Spiel ist der wichtigste Orientierungspunkt des Albums. Wenn Gitarre und Stimme in verschiedene Richtungen stürzen, zeigt das Schlagzeug weiterhin, wo sich das Zentrum der Komposition befindet.
PRODUKTION AN DER GRENZE ZUR ÜBERLASTUNG
Connor Ray gibt dem Album einen dichten, druckvollen und bewusst maximalistischen Klang. Bass und Schlagzeug besitzen enorme Präsenz, während Whites Gitarre breit über das Stereobild verteilt wird. Die Vocals sitzen nicht sauber über der Instrumentierung, sondern kämpfen sich durch deren Mitte.
Diese Entscheidung passt zur Musik. Ein klinisch aufgeräumter Sound würde dem emotionalen Kontrollverlust einen Teil seiner Wirkung nehmen. Die Songs sollen nicht wie exakt beschriftete Einzelteile erscheinen, sondern wie eine gemeinsame Entladung dreier Musiker.
Gleichzeitig liegt hier die größte Schwäche. Besonders »Swine« und Teile von »Oscillating Polarities« sind so dicht komprimiert und voller gleichzeitiger Bewegungen, dass melodische Feinheiten zunächst untergehen. Die Platte belohnt wiederholtes Hören, fordert diesen zusätzlichen Aufwand aber auch konsequent ein.
Das Mastering von Erol Ulug bewahrt den körperlichen Druck und verhindert, dass die zahlreichen hohen Frequenzen vollständig unangenehm werden. Dennoch bleibt das Album bewusst scharfkantig. Entspanntes Hintergrundhören ist ungefähr so sinnvoll wie ein Mittagsschlaf neben einer laufenden Kreissäge.
KURZE SPIELZEIT, GROSSE IDEEN
Mit rund 27 Minuten ist »A Splinter in the Infinite Noumenon« ein kompaktes Werk. Die Band behandelt in dieser Zeit jedoch mehr musikalische und philosophische Ideen als manche Gruppe auf einem Doppelalbum.
Die kurze Laufzeit verhindert, dass die hohe Intensität vollständig ermüdet. Dennoch wirkt das Album nicht wie eine bloße Sammlung kurzer Angriffe. Die wiederkehrende Melodie aus dem Auftakt und dem Finale, die Motive von Licht, Fragmenten, Wasser und innerer Wahrnehmung sowie der Übergang von Orientierungslosigkeit zu vorsichtiger Akzeptanz geben dem Werk eine klare Form.
Nicht jede Verbindung ist sofort erkennbar. Die ersten Durchläufe können wie ein Sturm aus Dissonanzen, Schreien und Schlagzeugattacken wirken. Erst später treten die melodischen Leitfäden und inhaltlichen Beziehungen deutlicher hervor.
Gerade darin liegt der Reiz. Apostle liefern keine leicht zugängliche Platte, die ihre gesamte Wirkung beim ersten Hören preisgibt. Das Album verlangt Aufmerksamkeit, zeigt dafür aber bei jeder erneuten Begegnung weitere Risse, Spiegelungen und verborgene Melodien.
FAZIT:
»A Splinter in the Infinite Noumenon« ist ein intensives, philosophisch aufgeladenes Werk zwischen chaotischem Hardcore, Post-Black Metal, Grindcore und atmosphärischem Post-Rock. Murice White, Michael Thomas und Evan Price verwandeln persönliche Trauer, spirituelle Zweifel und gesellschaftliche Wut in Musik, die gleichzeitig verletzlich und beinahe körperlich überwältigend wirkt. Die maximale Klangdichte verdeckt gelegentlich wertvolle Details, doch hinter der rauen Oberfläche liegt ein sorgfältig verbundenes Album, dessen abschließende Bewegung von Verlust zu vorsichtiger Heilung lange nachwirkt.






