Soothsayer - The Unbinding - cover Artwork

Band: Soothsayer 🇮🇪
Titel: The Unbinding
Label: Apocalyptic Witchcraft Recordings
VÖ: 03.07.2026
Format: CD / Vinyl / Kassette / Digital
Genre: Atmospheric Blackened Doom Metal / Death Doom Metal / Sludge Metal

Tracklist

01. Eroding the Sky
02. Sooner Acceptance
03. Endless Shesha
04. The Vine
05. A Vague Shimmer

Besetzung

Líam Hughes – Gesang
Marc O’Grady – Gitarre
Con Doyle – Gitarre
Pavol Rosa – Bass
Gerard O’Callaghan – Schlagzeug

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Fünf Stücke, 45 Minuten und kein einziger Titel unterhalb der Sieben-Minuten-Marke: Soothsayer haben auf ihrem zweiten Studioalbum »The Unbinding« offensichtlich kein Interesse an unkomplizierten Doom-Häppchen. Das aus dem irischen County Cork stammende Quintett verbindet schleppenden Death Doom und Sludge mit atmosphärischem Black Metal, Post-Metal, psychedelischen Klangbildern und einzelnen folkloristischen Anklängen. Die Musik bewegt sich zwischen wütenden Blastbeats, tonnenschweren Riffs und langen, beinahe rituellen Passagen, in denen Bass, Gitarren und Stimmen langsam ihre Form verändern.

 

Albumstream

Fünf Jahre nach »Echoes Of The Earth« fällt die neue Platte fokussierter und musikalisch vielseitiger aus. Das Debüt lebte von massiver Schwere, bedrückenden Klangflächen und einem teilweise beinahe chaotischen Überschuss an Ideen. »The Unbinding« versucht nun, diese Gewalt stärker zu strukturieren. Die fünf Kompositionen besitzen nachvollziehbarere Entwicklungen, deutlichere Kontraste und eine größere stilistische Bandbreite. Dabei gelingt die Verbindung aus Black Metal und Doom nicht in jedem Moment vollkommen geschlossen. Einige rasende Passagen wirken eher wie abrupte Einbrüche als wie organische Fortsetzungen der vorherigen Motive.

Der Titel beschreibt nach Aussage der Band die Abkehr von gesellschaftlichen Zwängen und schädlichen Systemen. Es geht darum, sich aus vorgegebenen Erwartungen zu lösen und einen eigenen Weg zu suchen. Als wesentliche Inspiration diente die ländliche Umgebung im Süden Irlands, in die sich die Musiker nach früheren Jahren in einem urbaneren Umfeld zurückgezogen haben. Diese Verbindung aus persönlicher Befreiung, Natur, Trauer und innerer Unruhe prägt das Album stärker als eine konventionelle Geschichte.

Aufgenommen wurde »The Unbinding« bei Last Light Recordings in Dublin. Die Band spielte gemeinsam in einem Raum und verwendete überwiegend erste Takes. Dadurch besitzt die Platte trotz ihres umfangreichen Arrangements eine unmittelbare und menschliche Wirkung. Kleine Schwankungen in Tempo und Dynamik wurden nicht vollständig beseitigt, sondern tragen zur rituellen Atmosphäre bei. Veröffentlicht wird das Album über Apocalyptic Witchcraft Recordings, bei denen es als Digipak-CD, Vinyl, Kassette und digital erhältlich ist.

DER HIMMEL BEGINNT ZU ZERFALLEN

»Eroding the Sky« beginnt mit einer kurzen, geisterhaft schwebenden Einleitung. Verhallte Töne lassen zunächst einen langsamen Aufbau erwarten, doch bereits nach wenigen Sekunden bricht die gesamte Band mit überraschender Geschwindigkeit herein. Gerard O’Callaghan treibt den Song mit Blastbeats und schnellen Snare-Figuren voran, während die Gitarren von Marc O’Grady und Con Doyle flirrende Black-Metal-Riffs über das rhythmische Fundament legen.

Dieser Einstieg unterscheidet sich deutlich vom überwiegend schleppenden Charakter des Vorgängers. Soothsayer klingen aggressiver und spielerisch kontrollierter. Besonders das Schlagzeug überzeugt. O’Callaghan wechselt sicher zwischen rasenden Passagen, schweren Doom-Rhythmen und freier wirkenden Übergängen. Die Geschwindigkeit dient nicht allein als Kontrast, sondern bringt eine zuvor weniger ausgeprägte Nervosität in die Musik.

Die beiden Gitarren arbeiten mit unterschiedlichen Klangfarben. Eine Spur setzt auf einen dichten, rauen und beinahe schlammigen Ton, während die zweite schärfer und melodischer klingt. Dadurch entsteht kein einheitlicher Block, sondern ein mehrschichtiges Geflecht. Tremolofiguren, offene Akkorde und dissonante Einzeltöne bewegen sich teilweise unabhängig voneinander. Pavol Rosa hält diese unterschiedlichen Bewegungen mit seinem tiefen Bass zusammen.

Im Mittelteil bricht die Geschwindigkeit zusammen. Die Gitarren wechseln zu langen, schweren Akkorden, und Hughes’ Stimme sinkt von heiserem Schreien in tiefe Growls. Die Nummer nimmt eine deutlich death-doomigere Gestalt an. Einzelne Töne werden lange ausgehalten, während das Schlagzeug jeden Einsatz mit erheblichem Gewicht versieht. Die vorherige Raserei wirkt dadurch nicht wie ein dauerhafter Zustand, sondern wie ein plötzlicher Ausbruch, der in Erschöpfung und Niedergeschlagenheit endet.

Líam Hughes liefert eine extreme Gesangsleistung. Er wechselt zwischen tiefen Growls, heiseren Schreien, verzweifelten Rufen und beinahe gesprochenen Passagen. Diese Vielseitigkeit verstärkt die emotionale Wirkung, kann aber auch anstrengend werden. Einige Schreie sind so dominant gemischt, dass die feinen Bewegungen der Gitarren in den Hintergrund geraten.

Gegen Ende kehrt das schnelle Eingangsmotiv zurück. Der Song schließt damit einen Kreis, doch die Verbindung der beiden musikalischen Welten wirkt nicht vollkommen selbstverständlich. Der Black-Metal-Rahmen und der doomige Mittelteil stehen teilweise eher nebeneinander, als dass sie sich gegenseitig weiterentwickeln. Trotzdem ist »Eroding the Sky« ein eindrucksvoller Auftakt, der sofort verdeutlicht, dass sich Soothsayer nicht mit einer Wiederholung ihres Debüts begnügen.

AKZEPTANZ KOMMT NICHT SOFORT

»Sooner Acceptance« beginnt zurückhaltender. Einzelne Gitarrentöne schweben über einem langsamen Puls, während Hughes zunächst mit einer vergleichsweise kontrollierten Stimme einsetzt. Die Musik wirkt beinahe wie eine Post-Metal-Komposition, die ihre Schwere nicht unmittelbar offenbart, sondern schrittweise aufbaut.

Inhaltlich beschäftigt sich der Song mit Trauer und dem Verlust eines Familienmitglieds. Diese persönliche Grundlage ist deutlich zu hören. Der Titel behandelt Akzeptanz nicht als plötzliche Erlösung, sondern als einen langen und schmerzhaften Prozess. Die ruhigen Passagen wirken entsprechend nicht friedlich. Sie stehen unter permanenter Spannung und lassen bereits erahnen, dass die scheinbare Kontrolle nicht von Dauer sein wird.

Nach und nach wird das Klangbild dichter. Der Bass beginnt stärker zu pulsieren, die Gitarren werden breiter und O’Callaghan setzt schwerere Schläge. Schließlich verwandelt sich die zurückgenommene Einleitung in ein massives Death-Doom-Riff. Die einzelnen Akkorde werden nicht lediglich gespielt, sondern mit erheblicher körperlicher Wucht in den Raum gestellt.

Rosas Bass ist besonders wichtig. Er folgt den Gitarren nicht permanent, sondern entwickelt eigene Linien unter den offenen Akkorden. Sein warmer und leicht übersteuerter Klang gibt der Musik zusätzliche Tiefe. Während die Gitarren im Hall verschwimmen, hält der Bass den Song am Boden.

Hughes steigert seinen Vortrag gemeinsam mit der Instrumentierung. Aus dem anfänglichen Singen werden flehende Rufe, tiefe Growls und schließlich beinahe unkontrollierte Schreie. Seine Stimme transportiert Trauer, Wut und Hilflosigkeit glaubwürdig. Gelegentlich überzieht er die emotionale Darstellung jedoch. Manche Passagen wirken weniger intensiv, weil mehrere extreme Ausdrucksformen zu schnell aufeinanderfolgen.

In der zweiten Hälfte beschleunigt die Band. Das Schlagzeug wechselt in einen treibenden Rhythmus, die Gitarren schneiden schärfer durch den Mix und die zuvor langsam aufgebaute Spannung entlädt sich in einer schwarzmetallisch gefärbten Passage. Anders als im Opener entwickelt sich dieser Ausbruch nachvollziehbarer aus dem vorhandenen Material. Die schnellen Riffs greifen Melodien aus der Einleitung auf und verändern deren Bedeutung.

»Sooner Acceptance« gehört zu den emotional stärksten Stücken des Albums. Die lange Laufzeit wird sinnvoll genutzt, weil jeder Abschnitt eine neue Stufe der Trauer darstellt. Lediglich der klare Gesang wirkt stellenweise etwas farblos neben den wesentlich eindringlicheren Growls und Schreien. Instrumental überzeugt die Nummer jedoch durch ihren geduldigen Aufbau und die ausgewogene Verbindung aus Post Metal, Death Doom und Black Metal.

DIE ENDLOSE SCHLANGE

»Endless Shesha« führt das Album in deutlich langsamere Bereiche. Schwere Gitarrentöne und tiefe Growls eröffnen die Nummer beinahe im Stil des Funeral Doom. Das Tempo ist reduziert, die Akkorde stehen weit auseinander und jeder Schlag des Schlagzeugs scheint die Musik tiefer in den Boden zu drücken.

Der Titel verweist auf Shesha, die unendliche Schlange aus der hinduistischen Mythologie, auf der Vishnu ruhen soll und die mit zyklischer Zeit sowie dem Fortbestehen der Welt verbunden wird. Ohne das Motiv wörtlich auszuerzählen, greift die Musik die Vorstellung eines endlosen Kreislaufs auf. Gitarrenfiguren kehren wieder, verändern ihre Form und führen schließlich erneut zu ihrem Ausgangspunkt.

Die beiden Gitarristen verzichten zunächst auf dichte Akkordwände. Einzelne Töne werden bewusst voneinander getrennt und erzeugen eine bedrohliche Leere. Kleine dissonante Bewegungen lassen die Harmonien instabil wirken. Der Bass füllt die Zwischenräume nicht vollständig aus, sondern verstärkt die Schwere der einzelnen Einsätze.

Hughes setzt seine tiefsten Growls ein. Die Stimme klingt weniger hektisch als in den ersten beiden Titeln und fügt sich besser in das Gesamtbild. Gerade diese Zurückhaltung erhöht die Wirkung. Statt jede freie Stelle mit einem weiteren Schrei zu besetzen, lässt der Sänger den Instrumenten genügend Raum.

Im weiteren Verlauf zieht die Rhythmik an. O’Callaghan erweitert die langsamen Figuren um rollende Fills und schneller werdende Bassdrums. Die Gitarren greifen ein stärker melodisches Motiv auf, das den Song aus seiner anfänglichen Starre führt. Die Steigerung geschieht geduldig und wirkt dadurch verdient.

Wenn die Nummer schließlich in eine schwarzmetallische Schlussphase übergeht, besitzen Blastbeats und schnelle Tremologitarren einen klaren Zusammenhang mit den vorherigen Motiven. Die Raserei erscheint nicht als fremder Zusatz, sondern als Beschleunigung derselben kreisenden Bewegung. Gerade deshalb funktioniert »Endless Shesha« geschlossener als der Opener.

Der Song gehört zu den überzeugendsten Momenten des Albums. Funeral Doom, atmosphärischer Black Metal und Sludge werden hier nicht bloß aneinandergereiht, sondern zu einer nachvollziehbaren Entwicklung verbunden. Die Band beweist, dass lange Kompositionen nicht zwangsläufig durch zahlreiche Stilwechsel interessant gehalten werden müssen. Ein starkes Motiv, präzise Dynamik und ausreichend Geduld können wesentlich wirkungsvoller sein.

DIE REBE WINDet SICH WEITER

»The Vine« beginnt mit unheilvollen Gitarrentönen und einer beinahe körperlich spürbaren Spannung. Die beiden Gitarrenspuren nähern sich einander an, ohne vollständig dieselbe Bewegung zu spielen. Eine Gitarre hält das schwere rhythmische Fundament, während die andere mit dissonanten und melodischen Figuren darübergleitet.

Der Bass übernimmt früh eine führende Rolle. Rosa bewegt sich unter den Gitarren mit einer eigenen, beinahe schlangenartigen Linie. Sein Spiel verhindert, dass die langen Akkorde zu einer statischen Fläche werden. Besonders in den ruhigeren Abschnitten entwickelt der Bass eine deutlich wahrnehmbare melodische Funktion.

Hughes setzt erneut auf verschiedene Ausdrucksformen. Tiefe Growls stehen neben verzweifelten Schreien und rauen, beinahe predigenden Rufen. Inhaltlich richtet sich die Nummer gegen krankhafte Institutionen, falsche Ideale und Systeme, die Kontrolle als Fürsorge ausgeben. Die Stimme besitzt deshalb eine anklagende und teilweise bewusst unangenehme Präsenz.

Im Mittelteil überrascht die Band mit einem schwingenden Dreiertakt. Die Rhythmik nimmt die Form eines schweren Walzers an, der wie ein langsamer Marsch durch Wind und Dunkelheit wirkt. Das Schlagzeug spielt nicht mehr gegen die Gitarren, sondern trägt ihre Bewegung mit großen, betonten Schlägen. Diese Passage gehört zu den eigenständigsten Momenten des Albums.

Die Gitarrenarbeit ist besonders vielschichtig. O’Grady und Doyle legen verschiedene Klangfarben übereinander und erzeugen dadurch ein Geflecht aus Schwere, Melancholie und unterschwelliger Aggression. Einzelne Leadfiguren erinnern an Post Metal, während die tiefen Akkorde im Death Doom verankert bleiben. Kurze schwarzmetallische Ausbrüche erhöhen die Unruhe, ohne das zentrale Motiv vollständig zu verdrängen.

Nicht jede Gesangspassage fügt sich gleichermaßen gut ein. Einige gerufene Stellen liegen so weit vorn, dass sie die instrumentale Entwicklung überdecken. Gerade der Walzerrhythmus und die Bassarbeit hätten stellenweise mehr Raum verdient. Auch das manische Lachen wirkt innerhalb des Konzepts nachvollziehbar, bewegt sich aber nahe an einer theatralischen Überzeichnung.

Trotzdem ist »The Vine« ein starker Song. Die Nummer besitzt eine eigene rhythmische Identität und zeigt, wie wirkungsvoll Soothsayer abseits gewöhnlicher Doom-Strukturen arbeiten können. Die neun Minuten werden größtenteils sinnvoll genutzt. Lediglich einzelne Übergänge könnten straffer ausfallen.

EIN VAGER SCHIMMER AM ENDE

Das fast 13-minütige »A Vague Shimmer« bildet den Abschluss und zugleich den Höhepunkt des Albums. Die Nummer beginnt mit tiefem, beinahe kehlkopfartigem Gesang und einer rituellen Atmosphäre. Tom-lastige Schlagzeugfiguren, offene Gitarrentöne und ein langsam pulsierender Bass vermitteln den Eindruck einer Zeremonie in einer abgelegenen, von Moos und Nebel bedeckten Landschaft.

Die irische Umgebung, die für die Entstehung des Albums eine zentrale Rolle spielte, wird hier am deutlichsten hörbar. Keltisch gefärbte Gitarrenmotive erscheinen nicht als fröhliche Folk-Melodien, sondern als alte, melancholische Erinnerung. Die Tonfolgen wirken vertraut und fremd zugleich, als würde eine längst vergangene Tradition nur noch in undeutlichen Fragmenten weiterbestehen.

Der Song entwickelt sich in mehreren großen Bewegungen. Zunächst herrschen meditative Wiederholungen und eine beinahe schamanische Stimmung. Anschließend verdichten sich die Gitarren, während das Schlagzeug zunehmend kräftiger wird. Hughes wechselt vom tiefen Kehlgesang zu klareren Linien, Growls und verzweifelten Schreien.

Die klare Stimme funktioniert hier besser als auf »Sooner Acceptance«. Sie besitzt mehr Wärme und fügt sich organischer in die melancholischen Gitarren ein. Gerade weil sie sparsam eingesetzt wird, erhält sie eine besondere Wirkung. Der Gesang klingt nicht nach einem klassischen Refrain, sondern nach einer Stimme, die aus großer Entfernung durch die Landschaft getragen wird.

O’Grady und Doyle verbinden schwere Doom-Akkorde mit melodischen Post-Metal-Figuren und leicht progressiven Entwicklungen. Die beiden Gitarren bewegen sich häufig mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Während eine Spur lange Töne hält, spielt die andere kleinere rhythmische oder melodische Figuren. Dadurch entsteht ein weites Klangbild, das sich trotz der langen Laufzeit permanent verändert.

Rosa liefert erneut eine starke Bassleistung. Sein Instrument bleibt unter den Gitarren hörbar und führt wiederholt eigene Bewegungen aus. Gerade während der ruhigeren Passagen trägt der Bass einen erheblichen Teil der Harmonie. O’Callaghan unterstützt die Entwicklung mit einem flexiblen Schlagzeugspiel, das von rituellen Tom-Figuren über schleppenden Doom bis zu schnelleren Ausbrüchen reicht.

In der zweiten Hälfte nimmt die Komposition zunehmend monumentale Formen an. Die Gitarren türmen sich übereinander, die Stimme wird dringlicher und das Schlagzeug erhöht den Druck. Trotzdem verzichtet die Band auf einen einfachen, bombastischen Höhepunkt. Die Musik erreicht mehrere Gipfel, zieht sich wieder zurück und beginnt anschließend eine neue Steigerung.

Einige Wiederholungen verlangen Geduld. Nicht jede der knapp 13 Minuten enthält eine entscheidende neue Idee. Der hypnotische Charakter rechtfertigt jedoch einen großen Teil der Länge. Anders als manche frühere Kompositionen der Band wirkt »A Vague Shimmer« nicht wie ein ungeordneter Überschuss, sondern wie eine bewusst ausgedehnte Bewegung.

Der Schluss hinterlässt keine eindeutige Erlösung. Der titelgebende Schimmer bleibt undeutlich und entfernt. Dennoch besitzt die Nummer eine größere Ruhe als die vorherigen Stücke. Nach Wut, Trauer und innerem Widerstand erscheint zumindest die Möglichkeit eines anderen Zustands. Das Album endet nicht in vollständiger Dunkelheit, sondern mit einem schwachen Licht, dessen Bedeutung offenbleibt.

GITARREN ZWISCHEN SCHLAMM UND KLARHEIT

Die Gitarrenarbeit gehört zu den interessantesten Eigenschaften von »The Unbinding«. Marc O’Grady und Con Doyle verfolgen selten dauerhaft dieselbe Bewegung. Eine Gitarre übernimmt häufig die schweren, stark verzerrten Grundriffs, während die andere mit klareren Tönen, Tremolofiguren, Dissonanzen oder melodischen Linien arbeitet.

Diese Trennung verleiht dem Album Tiefe. Die Rhythmusgitarre erzeugt das körperliche Gewicht, während die zweite Spur Atmosphäre und Unruhe einbringt. Besonders in »The Vine« und »A Vague Shimmer« greifen beide Ebenen überzeugend ineinander. Die Musik klingt dicht, ohne vollständig zu einer undurchsichtigen Wand zu werden.

In den schnelleren Passagen gelingt diese Verbindung nicht immer gleich gut. Einige Black-Metal-Riffs wirken schärfer und dünner als die warmen Doom-Gitarren. Dadurch entstehen hörbare Brüche im Klangbild. Der Opener leidet am stärksten unter diesem Gegensatz. Die einzelnen Abschnitte besitzen für sich genommen Wirkung, ergeben aber nicht durchgehend eine vollkommen geschlossene Komposition.

Technische Selbstdarstellung spielt kaum eine Rolle. Die Gitarristen verzichten auf klassische Soli und konzentrieren sich auf Texturen, Gegenbewegungen und dynamische Entwicklungen. Fingerfertigkeit zeigt sich in den präzisen Tremolofiguren, sauberen Wechseln zwischen offenen und gedämpften Akkorden sowie der Fähigkeit, lange Passagen trotz geringer Geschwindigkeit lebendig zu halten.

Besonders wichtig sind die Pausen und ausklingenden Töne. Doom Metal verliert schnell an Wirkung, wenn sämtliche Zwischenräume mit zusätzlichen Gitarrenspuren gefüllt werden. Soothsayer lassen ihre Akkorde atmen und nutzen Hall nicht als bloßen Effekt, sondern als Bestandteil der Komposition.

EIN BASS, DER NICHT NUR BEGLEITET

Pavol Rosa liefert eine der stärksten Leistungen des Albums. Sein Bass wurde nicht unter den Gitarren verborgen, sondern bildet eine deutlich hörbare dritte melodische Ebene. Der warme und leicht übersteuerte Klang hält die unterschiedlichen Gitarrenspuren zusammen und verleiht den langsamen Abschnitten zusätzliches Gewicht.

Besonders bei »Sooner Acceptance« und »The Vine« entwickelt der Bass eigene Linien. Rosa beschränkt sich nicht auf die Grundtöne der Gitarren, sondern bewegt sich zwischen den Akkorden. Dadurch bleibt die Musik selbst dann in Bewegung, wenn die Gitarristen lange Töne halten.

Auch während der schnelleren Passagen verliert das Instrument nicht vollständig seine Konturen. Die Produktion lässt genügend Mitten stehen, damit der Bass nicht lediglich als tiefer Druck wahrgenommen wird. Diese Präsenz ist für die Gesamtwirkung entscheidend. Ohne Rosa würden manche Übergänge zwischen Black Metal, Doom und Post Metal wesentlich fragmentierter erscheinen.

DAS SCHLAGZEUG ALS MOTOR DER VERWANDLUNG

Gerard O’Callaghan muss auf »The Unbinding« zahlreiche unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Blastbeats, schwere Doom-Schläge, rollende Fills, Tom-Rituale und walzerartige Rhythmen wechseln teilweise innerhalb eines einzigen Songs. Seine Leistung bleibt dabei durchgehend kontrolliert.

Besonders die Tempowechsel überzeugen. O’Callaghan kündigt Veränderungen häufig durch kleine rhythmische Verschiebungen an, statt abrupt in einen neuen Takt zu springen. Dadurch wirken die Steigerungen in »Sooner Acceptance« und »Endless Shesha« organisch.

Das live eingespielte Grundgerüst kommt seinem Stil entgegen. Das Schlagzeug folgt keinem vollständig starren Raster, sondern bewegt sich gemeinsam mit Gitarren und Bass. Kleine Schwankungen erhöhen die Spannung und verhindern, dass die langen Stücke mechanisch wirken.

Die Blastbeats besitzen Wucht, werden aber nicht dauerhaft eingesetzt. Gerade deshalb wirken sie intensiver. O’Callaghan versteht, dass Geschwindigkeit innerhalb eines Doom-Albums einen Kontrast bilden muss und nicht zum Normalzustand werden darf.

ZWISCHEN AUSDRUCK UND ÜBERZEICHNUNG

Líam Hughes ist die auffälligste und zugleich umstrittenste Komponente des Albums. Seine Stimme reicht von tiefen Growls über heisere Black-Metal-Schreie bis zu rauen Rufen, klaren Passagen und rituellem Kehlgesang. Kaum ein Abschnitt bleibt lange in derselben Ausdrucksform.

Diese Vielfalt passt zu den Themen. Trauer, Wut, gesellschaftliche Entfremdung und der Wunsch nach Befreiung verlangen unterschiedliche Stimmen. Besonders auf »Sooner Acceptance« und »A Vague Shimmer« vermittelt Hughes eine enorme emotionale Intensität.

Gleichzeitig wird die Stimme gelegentlich zu dominant. Manche Rufe überdecken die Gitarren und verhindern, dass sich die Atmosphäre vollständig entfalten kann. In »The Vine« fällt dies besonders deutlich auf. Weniger wäre an einigen Stellen wirkungsvoller gewesen.

Auch die schnellen Wechsel zwischen Growls, Schreien und gesprochenen Passagen können den musikalischen Fluss stören. Die Instrumente entwickeln teilweise über mehrere Minuten einen sorgfältigen Spannungsbogen, während der Gesang innerhalb weniger Sekunden mehrere emotionale Zustände durchläuft. Dadurch entsteht stellenweise eine Überzeichnung.

Die stärksten Momente entstehen, wenn Hughes eine Ausdrucksform länger beibehält. Die tiefen Growls von »Endless Shesha«, die klareren Linien im Finale und der Kehlgesang des letzten Stücks besitzen gerade deshalb so viel Wirkung, weil sie nicht permanent durch neue Stimmtypen unterbrochen werden.

ERSTE TAKES UND ORGANISCHE SCHWERE

Die Aufnahme bei Last Light Recordings bewahrt den Charakter einer gemeinsam spielenden Band. Soothsayer nutzten überwiegend erste Takes und verzichteten darauf, jede kleine Unregelmäßigkeit zu beseitigen. Das Ergebnis klingt warm, räumlich und unmittelbar.

Die Gitarren besitzen unterschiedliche Positionen und Klangfarben. Eine Spur wirkt dichter und stärker verzerrt, die andere klarer und schärfer. Der Bass liegt nicht bloß unterhalb dieser Gitarren, sondern bewegt sich als eigenständige Ebene durch den Mix. Das Schlagzeug klingt kraftvoll, ohne vollständig aus Samples zusammengesetzt zu wirken.

Die Produktion besitzt genügend Klarheit, um die komplexen Arrangements nachvollziehbar zu machen. Gleichzeitig bleibt die Oberfläche rau. Verzerrung, Rückkopplungen und ausklingende Räume wurden nicht vollständig kontrolliert. Gerade dadurch entsteht die Vorstellung einer Musik, die in einem realen Raum und nicht ausschließlich innerhalb einer digitalen Bearbeitungsumgebung entstanden ist.

Der Gesang steht sehr weit vorn. Das unterstützt die emotionale Direktheit, kann aber die instrumentale Balance beeinträchtigen. Eine etwas tiefere Einbettung einzelner Schreie hätte besonders den Gitarren und dem Bass mehr Raum gegeben.

Dynamisch ist die Platte gelungen. Ruhigere Passagen werden nicht auf dieselbe Lautstärke wie die schweren Ausbrüche angehoben. Wenn die gesamte Band einsetzt, ist der Unterschied tatsächlich spürbar. Bei einem Album, das stark von langsamen Steigerungen lebt, ist diese Dynamik unverzichtbar.

DIE IRISCHE LANDSCHAFT ALS SECHSTES MITGLIED

Die ländliche Umgebung im Süden Irlands prägt »The Unbinding« nicht durch offensichtliche Folk-Instrumente oder fröhliche Tanzmelodien. Ihr Einfluss liegt in der Atmosphäre. Feuchtigkeit, Wind, dunkle Wälder, alte Steine und weite Landschaften scheinen innerhalb der Gitarren und rhythmischen Wiederholungen vorhanden zu sein.

Besonders »A Vague Shimmer« greift diese Verbindung auf. Keltisch gefärbte Melodien und rituelle Rhythmen vermitteln keine touristische Vorstellung Irlands, sondern ein wesentlich älteres und unheimlicheres Bild. Die Natur erscheint nicht als friedlicher Rückzugsort, sondern als Raum, in dem gesellschaftliche Regeln ihre Bedeutung verlieren.

Dadurch unterscheidet sich das Album von vielen gewöhnlichen Blackened-Doom-Veröffentlichungen. Die Musik nutzt Dunkelheit nicht ausschließlich als ästhetische Oberfläche. Sie verbindet persönliche Themen mit einem konkreten Ort und der Entscheidung, sich aus einem schädlichen Umfeld zurückzuziehen.

Vergleiche mit Primordial, My Dying Bride, Negură Bunget, The Atlas Moth und stellenweise Pallbearer bieten Orientierung. Soothsayer kopieren diese Bands jedoch nicht direkt. Die Mischung aus irischer Melancholie, extrem variablem Gesang, warmem Bass und abrupten Black-Metal-Ausbrüchen besitzt eine erkennbare eigene Identität.

FORTSCHRITT MIT REIBUNGSVERLUSTEN

Im Vergleich zu »Echoes Of The Earth« ist »The Unbinding« spielerisch präziser und strukturell kontrollierter. Die Band arbeitet weiterhin mit langen Kompositionen, verteilt ihre Ideen aber nachvollziehbarer. Besonders »Endless Shesha« und »A Vague Shimmer« zeigen eine deutliche Entwicklung.

Die Erweiterung um atmosphärischen Black Metal bringt zusätzliche Dynamik. Das Album kann innerhalb weniger Minuten von beinahe vollständigem Stillstand zu rasender Gewalt wechseln. Nicht alle Übergänge funktionieren jedoch gleichermaßen gut. Vor allem »Eroding the Sky« wirkt stellenweise aus getrennten Abschnitten zusammengesetzt.

Auch der Gesang trägt zur fehlenden Geschlossenheit einzelner Passagen bei. Hughes verfügt über eine bemerkenswerte Ausdrucksbreite, setzt jedoch gelegentlich zu viele Varianten innerhalb kurzer Zeit ein. Eine strengere Auswahl hätte den stärksten Stimmen größere Wirkung verliehen.

Die langen Spielzeiten sind grundsätzlich gerechtfertigt. Keiner der Songs wirkt wie ein künstlich verlängerter Vierminüter. Trotzdem enthalten »The Vine« und »A Vague Shimmer« einzelne Wiederholungen, die nicht zwingend notwendig wären. Eine moderate Straffung hätte die Wirkung des Albums erhöht, ohne seinen meditativen Charakter zu zerstören.

Trotz dieser Schwächen besitzt die Platte eine starke Gesamtatmosphäre. Sie entfaltet sich nicht vollständig beim ersten Durchlauf. Basslinien, Gitarrengegenstimmen und rhythmische Feinheiten werden erst nach mehrmaligem Hören deutlich. Das Album verlangt Aufmerksamkeit, belohnt diese jedoch mit zahlreichen Details.

FAZIT:

»The Unbinding« ist ein ambitioniertes und emotional aufgeladenes zweites Album, auf dem Soothsayer ihren atmosphärischen Doom und Sludge um Black Metal, Funeral Doom, Post Metal und rituelle Klangfarben erweitern. Die fünf langen Kompositionen besitzen schwere Riffs, eine hervorragende Bassarbeit, vielseitige Gitarren und ein außergewöhnlich flexibles Schlagzeug.

Besonders »Sooner Acceptance«, »Endless Shesha« und das fast 13-minütige »A Vague Shimmer« überzeugen durch geduldige Entwicklungen und eine intensive melancholische Atmosphäre. »The Vine« setzt mit seinem schweren Walzerrhythmus einen eigenständigen Akzent. Der Opener präsentiert die neue schwarzmetallische Ausrichtung mit großer Wucht, verbindet seine schnellen und langsamen Abschnitte jedoch nicht vollständig geschlossen.

Líam Hughes liefert eine beeindruckend variable Gesangsleistung, überzeichnet einzelne Passagen aber durch zu viele schnelle Wechsel und sehr dominant platzierte Schreie. Auch einige Wiederholungen könnten kompakter ausfallen. Die überwiegend live eingespielte Produktion bewahrt dafür eine organische Dynamik, die hervorragend zur Musik passt.

Soothsayer gelingt keine vollkommen reibungslose Verbindung sämtlicher Einflüsse. Gerade diese Reibung verleiht der Platte jedoch einen Teil ihrer Unruhe und Eigenständigkeit. »The Unbinding« ist kein leicht zugängliches Doom-Album, sondern eine dunkle, fordernde und stellenweise eindrucksvolle Loslösung von gesellschaftlichem Druck, persönlicher Trauer und musikalischen Grenzen.

Soothsayer – Eroding The Sky – Official Visualiser

Internet

Soothsayer - The Unbinding - CD Review

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