Tracklist
01. Noah’s Cross
02. Islands And Bells
03. Jonah And The Whale
04. Blood On The Floor
05. Tantrum Rebellion
06. Silver Bullet
07. White Shadows
08. Nexus Noir (CD-Bonus)
Besetzung
Tony Niva – Leadgesang
Marcus „Masken“ Karlsson – Leadgesang
Viktor Gustafsson – Leadgesang
Jan Strandh – Leadgitarre und Gesang
Max Warnby – Bass
Johan Hautajärvi – Schlagzeug
Schweden kann Death Metal, Schweden kann Melodic Rock, Schweden kann Power Metal. Dass dort auch kauziger, epischer Heavy Metal mit progressiver Schlagseite und deutlichem Doom-Anteil überzeugend gedeihen kann, beweisen Master Massive mit ihrem neuen Album »White Shadows«. Die Band existiert bereits seit den frühen Neunzigerjahren, hat es in mehr als drei Jahrzehnten jedoch gerade einmal auf wenige vollständige Studioalben gebracht. Quantität war hier also nie die Hauptsache. Stattdessen steht Gitarrist und Mastermind Jan Strandh für eine Arbeitsweise, bei der Songs wachsen dürfen, bis sie tatsächlich eine eigene Welt bilden.
Nach »The Pendulum« und »Black Feathers On Their Graves« wirkt »White Shadows« etwas direkter, ohne deshalb auf epische Ausmaße zu verzichten. Traditioneller Heavy Metal trifft auf frühen US-Power-Metal, doomige Schwere, progressive Strukturen und einen Hang zum Theatralischen. Besonders auffällig ist das Drei-Sänger-Konzept. Tony Niva, Marcus „Masken“ Karlsson und Viktor Gustafsson übernehmen unterschiedliche Rollen, Stimmungen und Tonlagen. Dadurch klingt das Album nicht wie eine gewöhnliche Heavy-Metal-Platte mit einem Frontmann, sondern stellenweise wie eine finstere Metal-Erzählung mit mehreren Stimmen.
Als Orientierung dienen Mercyful Fate, Candlemass, frühe Fates Warning, Queensrÿche, Savatage, Black Sabbath und stellenweise auch Iron Maiden. Master Massive kopieren diese Namen nicht eins zu eins. Die Band nimmt vielmehr deren Geist auf und formt daraus ein eigenwilliges Werk, das altmodisch, ambitioniert, manchmal sperrig und gerade deshalb interessant klingt. Der Verzicht auf sterile Perfektion und der organische Charakter der Aufnahme sorgen zusätzlich dafür, dass »White Shadows« mehr nach echter Band als nach digital zusammengeschobenem Studiopuzzle wirkt.
EIN KREUZ ALS EPISCHER AUFTAKT
»Noah’s Cross« eröffnet das Album direkt mit einem Statement. Wer ein kurzes Intro oder einen eingängigen Dreiminüter erwartet, bekommt stattdessen einen Longtrack, der mehr als elf Minuten beansprucht und gleich mehrere Seiten der Band offenlegt. Schwere Gitarren, theatralische Gesänge, dunkle Melodien und progressive Wendungen greifen ineinander. Die Nummer wirkt zunächst beinahe überladen, entwickelt nach einigen Durchläufen aber einen klaren inneren Aufbau.
Jan Strandh setzt früh auf breite Gitarrenfiguren, die zwischen klassischem Heavy Metal und doomiger Schwere pendeln. Die Riffs besitzen Druck, werden aber nicht stumpf wiederholt. Kleine harmonische Veränderungen, Tempowechsel und melodische Gegenbewegungen halten den Song in Bewegung. Besonders auffällig ist die Art, wie die Gitarren nicht nur begleiten, sondern ganze Szenen aufbauen. Mal stehen schwere Sabbath-Akkorde im Zentrum, mal blitzen melodische Leadlinien auf, die eher an epischen Achtziger-Metal erinnern.
Das Drei-Sänger-Konzept funktioniert hier besonders gut. Tony Niva übernimmt die hohen, technisch anspruchsvollen Passagen und bringt jene Falsett-Färbung ein, die sofort an klassisch-theatralischen Heavy Metal denken lässt. Marcus „Masken“ Karlsson setzt mit rauerer Kraft dagegen, während Viktor Gustafsson eine dunklere, teilweise fast beschwörende Farbe beisteuert. Diese Stimmen sind nicht bloß austauschbare Varianten desselben Vortrags. Sie verändern die Wirkung einzelner Abschnitte deutlich.
Der Song hat allerdings auch seine Schwächen. Nicht jede Wendung sitzt sofort, und einige Passagen brauchen etwas Zeit, bis sie ihre Funktion innerhalb des Ganzen offenbaren. Gerade beim ersten Hören kann »Noah’s Cross« eher wie eine Sammlung starker Einzelideen als wie ein vollkommen zwingender Longtrack wirken. Trotzdem zeigt der Auftakt eindrucksvoll, dass Master Massive nicht den bequemen Weg wählen. Die Band will groß denken und nimmt sich den nötigen Raum dafür.
INSELN, GLOCKEN UND DÜSTERER NEBEL
»Islands And Bells« gehört zu den stärksten Stücken des Albums. Der Song beginnt wesentlich doomiger und atmosphärischer als der Opener. Langsame Gitarren, schwere Akkorde und eine melancholische Grundstimmung rücken die Nähe zu Candlemass und frühem Epic Doom in den Vordergrund. Gleichzeitig besitzt die Nummer eine eigene, raue Kälte. Man spürt förmlich die von Wind geschlagene Landschaft, einsame Küsten und dunkle Glocken, die irgendwo in der Ferne erklingen.
Die Strophen wirken getragen und beinahe erzählerisch. Die Gitarren bleiben schwer, lassen den Stimmen jedoch ausreichend Raum. Besonders Viktor Gustafssons Beitrag passt hervorragend zur Stimmung. Sein Vibrato verleiht den melodischen Linien eine unheimliche und zugleich emotionale Färbung. Tony Niva setzt an den höheren Stellen Glanzpunkte, während Masken Karlsson den Song erdet.
Strandhs Gitarrenspiel ist hier weniger auf Geschwindigkeit als auf Ausdruck ausgelegt. Die Riffs sind einfach genug, um sofort zu wirken, besitzen aber durch kleine melodische Verschiebungen und sauber gesetzte Pausen viel Charakter. Max Warnbys Basslinien geben den langsamen Passagen zusätzliche Wärme und Tiefe. Der Bass ist nicht nur Druck im Hintergrund, sondern trägt spürbar zur Bewegung des Songs bei.
Die Verbindung aus Doom, traditionellem Heavy Metal und erzählerischer Melodik gelingt ausgezeichnet. »Islands And Bells« wirkt geschlossen, düster und dennoch eingängig. Die Länge von mehr als sieben Minuten ist gut genutzt, weil die Band nicht nur wiederholt, sondern tatsächlich eine Atmosphäre aufbaut. Der Song zeigt die große Stärke dieses Albums: Es klingt nach klassischem Metal, aber nicht nach einfacher Nostalgie.
JONA OHNE RELIGIÖSE SCHULSTUNDE
Mit »Jonah And The Whale« folgt der zugänglichste Song der Platte. Die Nummer ist deutlich kompakter, schneller und melodischer. Wer bisher vor allem epische Schwere und doomige Stimmungen gehört hat, bekommt hier einen energischen Heavy-Metal-Song mit US-Metal-Einschlag, wechselnden Tonarten und einem Refrain, der sofort hängen bleibt.
Der Titel mag biblische Erwartungen wecken, doch Master Massive verwenden die Figur nicht als religiöse Deutung. Der Song funktioniert vielmehr als eigene Fantasiegeschichte, halb Seefahrerlegende, halb märchenhafter Heavy-Metal-Ohrwurm. Gerade diese Unbeschwertheit tut dem Album gut. Nach zwei umfangreichen Stücken bringt »Jonah And The Whale« Bewegung und Leichtigkeit hinein, ohne simpel zu werden.
Musikalisch ist der Song deutlich anspruchsvoller, als er zunächst wirkt. Die Melodie läuft eingängig, doch darunter arbeiten mehrere Tonart- und Taktwechsel. Die Band schafft es, diese Komplexität hörerfreundlich zu verpacken. Nichts klingt nach akademischer Fingerübung. Stattdessen entsteht der Eindruck eines Songs, der mitreißt und erst danach offenlegt, wie viel Arbeit in seinen Details steckt.
Tony Niva glänzt hier besonders. Seine hohen Passagen sind kontrolliert, kraftvoll und melodisch sicher. Die anderen Stimmen ergänzen die Nummer mit zusätzlicher Breite. Auch das Gitarrenspiel ist stark. Strandh verbindet treibende Rhythmusarbeit mit melodischen Einsprengseln, ohne den Song zu überfrachten. »Jonah And The Whale« ist der offensichtlichste Anspieltipp, weil er die kauzige Klasse der Band in besonders griffiger Form zeigt.
BLUT AUF DEM BODEN UND DRUCK IM RIFF
»Blood On The Floor« führt das Album in eine deutlich dunklere Richtung. Das Stück arbeitet mit einem stampfenden Midtempo-Riff, das sofort mehr Bodenhaftung besitzt. Der Song wirkt schwerer, bedrohlicher und direkter. In den Texten geht es nicht um reine Splatter-Ästhetik, sondern um Wahrnehmung, Erinnerung, gesellschaftliche Blindheit und eine wachsende Erkenntnis, dass die Welt wesentlich härter ist, als sie zunächst erscheint.
Die Grundstruktur ist vergleichsweise einfach. Genau daraus entwickelt sich die Wirkung. Die Gitarren drücken, der Bass pumpt und das Schlagzeug treibt den Song kontrolliert nach vorn. Johan Hautajärvi spielt nicht übertrieben virtuos, sondern songdienlich. Seine Drums geben dem Riff die nötige Wucht und bleiben dabei organisch. Kleine Temposchwankungen wirken nicht wie Fehler, sondern wie echtes Atmen einer eingespielten Band.
Im Soloabschnitt wird die Nummer deutlich interessanter. Dort bricht die Band kurz aus der geradlinigen Form aus und setzt anspruchsvollere Harmonien sowie eine kantigere Rhythmik ein. Dieser Moment zeigt, dass Master Massive auch in einem scheinbar einfachen Midtempo-Song progressive Ideen unterbringen können.
Der Gesang lebt stark von Masken Karlssons rauer Präsenz. Seine Stimme passt hervorragend zu der dunkleren Thematik. Tony Niva und Viktor Gustafsson setzen zusätzliche Farben, ohne den Song zu sehr in Richtung Rockoper zu ziehen. »Blood On The Floor« ist nicht der eingängigste Titel der Platte, besitzt aber eine starke, schwer drückende Atmosphäre.
REBELLION MIT PROGRESSIVEM BISS
»Tantrum Rebellion« zieht das Tempo wieder an und wirkt wie eine willkommene Energiezufuhr in der Mitte des Albums. Die Gitarren setzen schärfer ein, die Vocals kommen schneller auf den Punkt und der Bass drückt hörbar von unten. Hier schimmern frühe Queensrÿche, Fates Warning und klassischer US-Power-Metal besonders deutlich durch.
Der Song besitzt eine gewisse Unruhe, die hervorragend zum Titel passt. Die Rhythmik wirkt nicht komplett glattgebügelt, sondern leicht kantig. Die Gitarrenriffs wechseln zwischen treibenden Figuren und melodischen Akzenten. Strandh zeigt erneut, dass er kein reiner Riff-Lieferant ist. Sein Spiel denkt melodisch, dramatisch und manchmal fast symphonisch, ohne dabei den Heavy-Metal-Kern aus den Augen zu verlieren.
Die drei Sänger funktionieren hier wie verschiedene Seiten derselben Rebellion. Niva bringt Höhe und technische Sicherheit, Karlsson Druck und Rauheit, Gustafsson Dunkelheit und Eigenwilligkeit. Das Zusammenspiel dieser Stimmen macht den Song lebendig. Manchmal wirkt diese Aufteilung fast etwas überambitioniert, weil nicht jede Gesangslinie zwingend denselben Raum benötigt. Insgesamt überwiegt aber der Reiz des Konzepts.
»Tantrum Rebellion« gehört zu den stärkeren kompakten Nummern. Der Song ist energisch, besitzt klare Hooklines und vermeidet dennoch zu einfache Strukturen. Genau diese Balance steht Master Massive besonders gut.
DIE SILBERKUGEL TRIFFT KLASSISCH
»Silver Bullet« ist der vielleicht traditionellste Heavy-Metal-Song des Albums. Zweistimmige Gitarren, melodische Leads, ein vergleichsweise geradliniger Aufbau und eine starke Achtziger-Schlagseite prägen die Nummer. Hier dürften Fans von klassischem britischem und amerikanischem Metal besonders schnell andocken.
Die Gitarrenharmonien sind geschmackvoll gesetzt. Sie wirken nicht wie bloße Iron-Maiden-Zitate, sondern fügen sich in die eigene Klangwelt der Band ein. Strandh spielt mit hörbarem Gefühl für Melodie. Seine Leads sind technisch sauber, aber nicht auf reine Fingerfertigkeit reduziert. Jeder Lauf dient dem Song und führt die harmonische Entwicklung weiter.
Der Refrain besitzt eine angenehme Mischung aus Pathos und Härte. Die Stimmen werden breit geführt, ohne in übermäßigen Bombast abzurutschen. Besonders Tony Niva setzt helle Akzente, während Karlsson und Gustafsson die Nummer vor zu viel Glanz bewahren. So bleibt der Song erdig genug, um nicht wie eine reine Retro-Übung zu wirken.
Nach den sperrigeren und doomigeren Momenten des Albums bringt »Silver Bullet« eine willkommene Klarheit. Der Song ist nicht der mutigste Beitrag, aber einer der rundesten. Er beweist, dass Master Massive auch dann überzeugen können, wenn sie ihre progressiven Ambitionen zugunsten eines stärker klassischen Heavy-Metal-Flows zurücknehmen.
WEISSE SCHATTEN ALS GROSSER ABSCHLUSS
Der Titelsong »White Shadows« beendet das Album erneut im epischen Format. Akustische Gitarren eröffnen die Nummer, bevor sich nach und nach schwere Riffs, Chöre, melodische Leads und progressive Wendungen aufbauen. Die Band will hier noch einmal alles zusammenführen: Doom, Heavy Metal, große Gesangslinien, dramatische Steigerungen und eine dunkle, leicht entrückte Atmosphäre.
Der Aufbau ist gelungen, braucht allerdings Geduld. Die ersten Minuten entwickeln sich langsam und lassen den Hörer nicht sofort erkennen, wohin die Reise führt. Wenn die Band schließlich voller einsetzt, entfaltet der Song eine stattliche Größe. Die Gitarren arbeiten mit breiten Akkorden und melodischen Linien, während der Bass das Fundament stärkt. Hautajärvis Schlagzeug bleibt flexibel und führt durch die wechselnden Abschnitte.
Die Chöre verleihen dem Stück eine fast feierliche Wirkung. Hier zeigen sich die Vorteile des Drei-Sänger-Konzepts noch einmal deutlich. Unterschiedliche Stimmfarben werden nicht nur übereinandergeschichtet, sondern dramaturgisch eingesetzt. Die Nummer wirkt dadurch groß, aber nicht glatt. Gerade die raueren Gesangsfarben verhindern, dass der epische Anspruch zu süßlich wird.
Trotzdem fehlt dem Titelstück im Vergleich zu »Islands And Bells« oder »Jonah And The Whale« der letzte zwingende Widerhaken. Die einzelnen Teile sind stark, doch der große Schlussmoment hätte noch etwas konzentrierter ausfallen dürfen. Als Finale funktioniert »White Shadows« dennoch gut. Der Song schließt das Album nicht mit einem schnellen Schlag, sondern mit einem ausladenden Blick zurück in jene Schattenwelt, aus der diese Platte ihre Kraft zieht.
DREI STIMMEN, EIN THEATER AUS METALL
Das größte Alleinstellungsmerkmal von »White Shadows« ist das Gesangskonzept. Drei Leadstimmen auf einem Heavy-Metal-Album können schnell nach Überfrachtung klingen. Bei Master Massive ergibt diese Entscheidung jedoch Sinn, weil die Songs häufig erzählerisch und dramatisch angelegt sind.
Tony Niva übernimmt die höchsten und technisch anspruchsvollsten Passagen. Sein Falsett und seine klare Kontrolle erinnern an jene Zeit, in der Heavy-Metal-Sänger nicht nur Kraft, sondern auch theatralische Reichweite besitzen mussten. Marcus „Masken“ Karlsson bringt dagegen die rauere, kraftvollere und bodenständigere Seite ein. Seine Stimme macht die Songs schwerer und verhindert, dass die Musik zu sehr in Richtung reiner Rockoper kippt. Viktor Gustafsson ergänzt beide Pole mit einem dunkleren Timbre, markantem Vibrato und einer manchmal fast unheimlichen Färbung.
Diese Kombination erzeugt Abwechslung und gibt den längeren Songs zusätzliche Dynamik. Allerdings ist sie nicht immer ganz frei von Reibung. In einigen Passagen wäre weniger Wechselspiel wirkungsvoller gewesen. Manchmal braucht ein Riff einfach Raum, statt sofort von der nächsten Gesangsfarbe kommentiert zu werden. Insgesamt überwiegt jedoch klar der Gewinn. Ohne diese drei Stimmen wäre »White Shadows« deutlich gewöhnlicher.
JAN STRANDH UND DIE KUNST DES ALTEN RIFFS
Gitarristisch ist »White Shadows« ein Album für Hörer, die Riffs, Melodien und dramaturgische Gitarrenarbeit schätzen. Jan Strandh steht nicht für modernes Hochgeschwindigkeitsgefrickel. Seine Einflüsse liegen hörbar bei Tony Iommi, Brian May, Steve Hackett, Martin Barre und den großen klassischen Metal-Gitarristen. Genau daraus entsteht sein eigener Ansatz.
Die Riffs besitzen oft eine alte Schule im besten Sinne. Sie sind schwer, manchmal kantig, manchmal elegant und nie völlig glattpoliert. Besonders stark sind die doomigen Passagen von »Islands And Bells« und »Blood On The Floor«. Dort erzeugt Strandh mit vergleichsweise einfachen Mitteln eine enorme Wirkung. Die Fingerfertigkeit zeigt sich nicht in endlosen Soli, sondern in Tonkontrolle, Vibrato, harmonischen Verschiebungen und einem sehr genauen Gefühl für Spannung.
Auch die Leads überzeugen. Sie sind melodisch gedacht und passen zur erzählerischen Struktur der Songs. In »Silver Bullet« und »White Shadows« greifen sie klassische Heavy-Metal-Traditionen auf, während »Noah’s Cross« und »Tantrum Rebellion« stärker progressive Akzente setzen. Strandh spielt nie gegen die Songs, sondern führt sie weiter.
Max Warnbys Bass verdient ebenfalls Aufmerksamkeit. Er pumpt nicht nur im Hintergrund, sondern gibt vielen Songs zusätzliche Bewegung. Gerade in den schwereren Stücken wird deutlich, wie wichtig sein Spiel für die Balance zwischen Doom und Heavy Metal ist. Die Rhythmusgruppe hält die epischen Strukturen zusammen, ohne sie mechanisch wirken zu lassen.
ORGANISCHER SOUND STATT KLICKTRACK-KÄFIG
Die Produktion ist ein wesentlicher Bestandteil der Wirkung. Master Massive klingen nicht nach einer klinisch perfektionierten modernen Metal-Platte. Stattdessen atmet die Musik. Kleine Temposchwankungen, natürliche Dynamik und ein warmer Gesamtsound verleihen dem Album einen Charakter, den viele Hochglanzproduktionen vermissen lassen.
Produziert wurde das Album von Jan Strandh, co-produziert von Max Warnby. Für Engineering war Per-Mårten Hellberg verantwortlich, während Mix und Mastering von Plec im Panic Room übernommen wurden. Das Resultat klingt druckvoll, aber nicht künstlich aufgeblasen. Die Gitarren besitzen Wärme, der Bass bleibt präsent und das Schlagzeug wirkt lebendig. Die Stimmen stehen klar im Vordergrund, ohne die Band vollständig zu überdecken.
Gerade bei den längeren Songs zahlt sich dieser organische Ansatz aus. »Noah’s Cross« und »White Shadows« würden mit einem sterilen Raster vermutlich deutlich weniger funktionieren. Die Musik darf schieben, atmen und manchmal etwas ungerade wirken. Das passt zur altmodischen, aber keineswegs rückwärtsgewandten Haltung der Band.
Nicht jede Entscheidung ist perfekt. Einige Gesangspassagen hätten etwas tiefer im Mix sitzen können, damit die Gitarren in den dichten Momenten stärker strahlen. Auch die längeren Stücke hätten von einer minimal strengeren Dramaturgie profitiert. Insgesamt ist der Sound jedoch ein großer Pluspunkt, weil er die Eigenheiten der Band nicht glättet.
ZWISCHEN KULT, KAUZ UND KLASSE
»White Shadows« ist kein Album für den schnellen Nebenbeikonsum. Die Band verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und ein Faible für klassischen Heavy Metal, der sich nicht sofort vollständig erklärt. Die Songs verzichten häufig auf gewöhnliche Strophe-Refrain-Strophe-Mechanik und arbeiten stattdessen mit Szenen, Übergängen und Stimmungswechseln.
Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Die kompakteren Stücke wie »Jonah And The Whale«, »Tantrum Rebellion« und »Silver Bullet« zeigen, dass Master Massive auch unmittelbar zünden können. Die Longtracks besitzen dagegen viele starke Ideen, lassen aber nicht jeden Moment gleich zwingend wirken. Besonders »Noah’s Cross« und der Titelsong hätten noch etwas straffer sein dürfen.
Trotzdem hebt sich das Album wohltuend von vielen routiniert produzierten Retro-Metal-Platten ab. Master Massive sind keine Band, die einfach eine Achtziger-Checkliste abarbeitet. Die Musik wirkt persönlich, eigenwillig und von echter Überzeugung getragen. Man hört, dass hier Musiker am Werk sind, die ihre Einflüsse genau kennen, aber nicht bloß deren Oberfläche imitieren wollen.
Vergleiche mit Mercyful Fate, Candlemass, frühen Fates Warning, Queensrÿche, Savatage, Iron Maiden und Black Sabbath sind sinnvoll. Dennoch bleibt am Ende ein eigenes, leicht verschrobenes Profil. Genau das macht »White Shadows« so sympathisch.
FAZIT:
»White Shadows« ist ein starkes, eigenwilliges und bewusst altmodisch atmendes Heavy-Metal-Album. Master Massive verbinden epischen Heavy Metal, progressiven US-Metal und Doom zu einem Werk, das sich nicht jedem Trend unterordnet. Besonders das Drei-Sänger-Konzept mit Tony Niva, Marcus „Masken“ Karlsson und Viktor Gustafsson verleiht den Songs eine theatralische und abwechslungsreiche Wirkung. Jan Strandh überzeugt mit riffstarker, melodischer und angenehm eigenwilliger Gitarrenarbeit, während Bass und Schlagzeug den langen Kompositionen ausreichend organischen Druck geben.
Die stärksten Momente heißen »Islands And Bells«, »Jonah And The Whale«, »Tantrum Rebellion« und »Silver Bullet«. Auch »Blood On The Floor« überzeugt mit schwerem Midtempo-Groove und dunkler Atmosphäre. Die beiden großen Longtracks besitzen viele starke Ideen, hätten jedoch etwas kompakter auf den Punkt gebracht werden können. An einzelnen Stellen wirkt die Platte dadurch mehr faszinierend als zwingend.
Trotzdem ist »White Shadows« ein Album mit Charakter, Herzblut und Wiedererkennungswert. Wer klassischen Heavy Metal, düstere Epik, progressive Strukturen und doomige Schwere liebt, sollte hier unbedingt reinhören. Nicht jede Schattenfigur tritt sofort klar hervor, aber gerade das macht den Reiz dieser Platte aus.






