Tracklist
01. My Blood Is My Voice (Reforged)
02. A Dance Above the Abyss (Reforged
Besetzung
NKTFR (Noktifer) – alle Instrumente
FCCM (Fuoco Cammina Con Me) – Gesang
Abyssus – Bass
Dystopian – Schlagzeug
Kalenderwoche 30 und Black Metal ist immer noch Krieg. Ein kurzes, aber einschlagkräftiges Gefecht, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt, liefern Hammerfilosofi mit ihrer neuen Zwei-Track-Single »Secundus Adventus«. Am 10. Juli 2026 digital über Osmose Productions veröffentlicht, widmet sich die norwegisch-italienische Formation zwei Stücken ihres erst im Oktober 2025 erschienenen Albums »Signum«. Der Zusatz „Reforged“ hat dabei eine klar benennbare technische Grundlage: Beide Titel erhielten einen neuen Mix, ein neues Mastering und komplett neu eingespielte Drums von Dystopian.
Wer »Signum« kennt, bekommt folglich keine unbekannten Kompositionen. Trotzdem besitzt diese Veröffentlichung eine nachvollziehbare Berechtigung. Die neuen Fassungen stellen den Rhythmusbereich deutlicher heraus, ordnen die vielen Gitarrenspuren besser und geben FCCMs extremem Gesang einen präziser definierten Platz. Der Charakter der Songs bleibt erhalten, doch ihre Wirkung verändert sich spürbar. Hammerfilosofi zeigen auf zwölf Minuten, wie viel ein konsequent neu aufgebautes Klangbild aus bereits veröffentlichtem Material herausholen kann.
ZWEI BEKANNTE STÜCKE MIT VERÄNDERTER WIRKUNG
Die Entscheidung für »My Blood Is My Voice« und »A Dance Above the Abyss« ist schlüssig. Beide Titel gehören zu den heftigsten Momenten von »Signum« und arbeiten mit schnellen Wechseln, dissonanten Gitarren und einer Rhythmik, die sich nicht auf gleichförmige Raserei verlässt. Genau diese Eigenschaften profitieren von der neuen Bearbeitung.
Ein gewöhnliches Remaster hätte die Lautstärke, Frequenzbalance und abschließende Verdichtung verändert. Hammerfilosofi gehen weiter. Dystopian hat die Schlagzeugspuren vollständig neu aufgenommen, während Mix und Master von Grund auf überarbeitet wurden. Damit verschiebt sich das Verhältnis zwischen Drums, Bass, Gitarren und Stimme als Ganzes.
Besonders auffällig ist die Bearbeitung des zweiten Titels. Die ursprüngliche Albumfassung von »A Dance Above the Abyss« lief 6:31 Minuten, die neue Version endet bereits nach 5:27 Minuten. Sie verliert damit über eine Minute und wirkt entsprechend konzentrierter. »My Blood Is My Voice« bleibt mit 6:41 Minuten nahezu unverändert lang, gewinnt aber durch die neue rhythmische Präsenz an Klarheit.
MY BLOOD IS MY VOICE: TEMPO MIT INNERER ORDNUNG
»My Blood Is My Voice (Reforged)« beginnt unmittelbar mit Dystopians Blastbeats. Die Gitarren arbeiten darüber in nervösen Bewegungen. Die Geschwindigkeit ist extrem, doch der Mix verhindert, dass die einzelnen Ebenen zu einem undefinierten Rauschen verschmelzen. Snare, Becken und Bassdrum besitzen einen festen Umriss, der Bass bleibt selbst in den schnellsten Abschnitten wahrnehmbar, und die Gitarren behalten ihre dissonante Schärfe.
FCCMs Gesang ist der radikalste Bestandteil des Stücks. Die Stimme wechselt zwischen heiseren Schreien, gepressten Ausbrüchen und länger gehaltenen Lauten, die offen nach Schmerz klingen. Sie liegt nicht sauber über den Instrumenten, sondern ist eng mit deren Dynamik verbunden. Wenn die Band kurz Geschwindigkeit herausnimmt, wird der Gesang nicht milder. Im Gegenteil: Ohne die permanenten Blastbeats tritt seine Belastung noch deutlicher hervor.
Die Komposition lebt von diesen Umschaltungen. Auf rasende Passagen folgen schwerere Akzente, kurze melodische Wendungen und ein Abschnitt mit militärisch wirkender Schlagzeugfigur. Das verhindert Monotonie und beweist, wie genau Hammerfilosofi ihre Aggression strukturieren. Die Band spielt nicht einfach möglichst schnell, sondern entscheidet fortlaufend, welche Stimme gerade den Verlauf bestimmt.
Das Sounddesign verdient besonderes Lob. Die hohen Frequenzen bleiben aggressiv, ohne unangenehm zu zischeln. Gleichzeitig reicht das Fundament tief genug hinab, damit die Aufnahme auch bei hoher Lautstärke Substanz besitzt. Die Produktion reinigt den Black Metal nicht klinisch. Sie macht seine Bestandteile verständlicher und verstärkt damit die tatsächliche Intensität.
A DANCE ABOVE THE ABYSS: KÜRZER UND NOCH DIREKTER
Der zweite Titel wirkt sprunghafter und rhythmisch unruhiger. »A Dance Above the Abyss (Reforged)« kombiniert sehr schnelle Drums mit abrupten Bremsungen, veränderten Betonungen und Gitarrenlinien, die sich gegeneinander verschieben. Trotz der vielen Wechsel bleibt die Führung klar, weil Abyssus und Dystopian jeden Übergang gemeinsam markieren. Bass und Schlagzeug arbeiten nicht als bloße Begleitung. Sie bestimmen, wann ein Motiv beschleunigt, wann es schwerer wird und wann die Gitarren kurzfristig mehr Raum erhalten.
Die gekürzte Laufzeit tut dem Stück gut. Wiederholungen werden enger gefasst, die Kontraste folgen schneller aufeinander, und die Spannung bleibt bis zum Schluss hoch. Dennoch entsteht kein hastiger Zusammenschnitt. Die ruhigeren oder langsameren Abschnitte sind weiterhin vorhanden und erfüllen ihre Aufgabe: Sie heben die nächste Beschleunigung deutlicher hervor und geben FCCM Gelegenheit, andere Klangfarben seines Gesangs auszuspielen.
Auch hier ist das fantastische Zusammenspiel der Beteiligten der wichtigste Punkt. NKTFRs Instrumentalspuren liefern die harmonische Unruhe, Abyssus gibt dem Material ein bewegliches Bassfundament, Dystopian kontrolliert die ständigen Tempowechsel, und FCCM reagiert mit einer Vokalarbeit, die jeden Abschnitt anders zuspitzt. Keiner dieser Beiträge steht isoliert im Mix. Gerade deshalb bleibt das Stück trotz seiner hohen Informationsdichte nachvollziehbar.
DIE NEUEN DRUMS VERÄNDERN DAS ZENTRUM
Dystopians Neuaufnahme ist keine kosmetische Ergänzung. Sie bildet das Zentrum beider Fassungen. Seine Blastbeats sind schnell und gleichmäßig, klingen aber nicht programmiert. Kleine Unterschiede in Anschlag und Dynamik erhalten den körperlichen Eindruck des Spiels. In den langsameren Takten kommt hinzu, dass jede einzelne Betonung ausreichend Gewicht bekommt.
Der Bass profitiert unmittelbar davon. Abyssus ist nun besser vom unteren Bereich der Gitarren getrennt und kann eigene Bewegungen zeigen. Bei »My Blood Is My Voice« setzt er kurze, fiebrige Linien gegen die Geschwindigkeit; bei »A Dance Above the Abyss« verbindet er die zahlreichen rhythmischen Richtungswechsel. Das Resultat besitzt Druck, ohne den Tieftonbereich zu überladen.
NKTFRs Gitarren bleiben scharf, dicht und streckenweise bewusst chaotisch. Der neue Mix gibt ihnen jedoch genug Abstand, damit Tremolofiguren, dissonante Akkorde und melodische Momente unterschieden werden können. Genau hier zeigt sich die Qualität der Produktion: Sie reduziert nicht die Härte, sondern verhindert, dass wertvolle Details hinter bloßer Lautstärke verschwinden.
FCCM vervollständigt dieses Zusammenspiel mit einer Leistung, die konsequent an die Grenze geht. Seine Stimme klingt wütend, gequält und teilweise fast abgeschnürt. Weil der Mix den Gesang weder trocken nach vorne stellt noch im Hall versenkt, bleibt er Teil des Gesamtklangs. Die extremen Vokale behalten ihre Fremdartigkeit und sind dennoch präsent genug, um beide Titel zu prägen.
PRODUKTION MIT DEFINITION UND GEWICHT
Der neue Mix findet eine starke Balance zwischen Transparenz und Verdichtung. Die Aufnahme ist laut und massiv, aber nicht plattgedrückt. Tempowechsel besitzen eine erkennbare Dynamik, leisere Details bleiben hörbar, und die nächsten Ausbrüche wirken deshalb umso entschlossener. Das Mastering wahrt die scharfe Grundfarbe der Musik, ohne die obere Frequenzlage unnötig zu überziehen.
Ebenso gelungen ist die räumliche Anordnung. Das Schlagzeug sitzt zentral und breit, der Bass bleibt darunter stabil, die Gitarren nutzen die Seiten, und FCCMs Stimme bewegt sich in einer eigenen, düsteren Tiefe. Auf Kopfhörern lassen sich die Schichten genau verfolgen. Über eine kräftige Anlage überzeugt vor allem das gemeinsame Gewicht der Rhythmusgruppe.
Die Vergleiche mit Marduk und Funeral Mist liegen nahe. Hammerfilosofi teilen mit diesen Bands die hohe Geschwindigkeit, die kompromisslose Stimmarbeit und den militanten Zugriff. »Secundus Adventus« besitzt jedoch genug eigene Identität. Die dissonanten Verformungen, die häufigen Stimmungswechsel und das genaue Ineinandergreifen der Instrumente verhindern eine bloße Kopie bekannter Vorbilder.
ZWÖLF MINUTEN MIT KLARER FUNKTION
Als eigenständige EP bleibt »Secundus Adventus« bewusst schmal. Es gibt keine neue Komposition, kein zusätzliches Zwischenspiel und keine B-Seite, die einen anderen Aspekt der Band vorstellt. Wer ausschließlich unveröffentlichtes Material erwartet, muss das vor dem Kauf wissen. Der digitale Preis von einem Euro ist angesichts dieses Umfangs fair angesetzt.
Die Beschränkung besitzt zugleich einen Vorteil. Beide Stücke zeigen ohne Umwege, was die neue Produktion leistet. Die EP funktioniert damit als kompakte Ergänzung zu »Signum« und als sinnvoller Einstieg für Hörer, die Hammerfilosofi bislang nicht kennen. Nach zwölf Minuten ist die Aussage abgeschlossen, ohne dass die Intensität durch weiteres Material verwässert wird.
Ob diese Fassungen die Originale ersetzen, bleibt Geschmackssache. Die Albumversionen sind rauer und im Fall von »A Dance Above the Abyss« ausführlicher. Die Reforged-Varianten klingen kontrollierter, druckvoller und direkter. Für mich setzen sich die neuen Versionen durch, weil die Rhythmusgruppe wesentlich deutlicher arbeitet und die vielen Wechsel dadurch besser zur Geltung kommen.
FAZIT:
»Secundus Adventus« ist eine kurze, gezielt überarbeitete Black-Metal-Veröffentlichung mit einem ausgezeichneten Klangbild. Die komplett neu eingespielten Drums, der klarere Bass, die sauber gestaffelten Gitarren und FCCMs enthemmter Gesang geben beiden Fassungen eine eigenständige Wirkung gegenüber ihren Vorlagen. Besonders »A Dance Above the Abyss (Reforged)« gewinnt durch die Straffung, während »My Blood Is My Voice (Reforged)« mit seiner kontrollierten Hochgeschwindigkeit überzeugt. Neues Songmaterial fehlt, doch Hammerfilosofi begründen jede der zwölf Minuten durch Produktion, Sounddesign und ein fantastisches Zusammenspiel. Dafür gibt es 4,5 von 5 Punkten.






