IHR! - Gestern War Besser - album cover

Band:  IHR! 🇩🇪
Titel: Gestern War Besser
Genre: Alternative Rock / Heavy Rock / Deutschrock
Label: NRT-Records
Veröffentlichung: 24. April 2026

Tracklist

01. Gestern war Besser
02. Still
03. Schmerz

Besetzung

Mars Saibert – Gesang & Texte
Fabian Ratsak – Leadgitarre & Hintergrundgesang
Justus Großkreutz – Rhythmusgitarre & Hintergrundgesang
Ben Dorok – Bass & Hintergrundgesang
Vladi Janevski – Schlagzeug & Hintergrundgesang

Bewertung:

4/5

Was kommt dabei Heraus, wenn man Mitglieder von Selig, Rio Reiser und Revolverheld in einen Raum sperrt? Die Antwort könnten die aus dem deutschen Düsseldorf stammenden IHR! geben.

Mit ihrer EP »Gestern War Besser« liefern IHR! ein Werk ab, das sich nicht hinter glatter Oberfläche versteckt, sondern mit offenen Nerven, sattem Druck und einer gehörigen Portion innerer Dunkelheit arbeitet. Drei Songs reichen der Band, um klarzumachen, dass deutschsprachiger Rock auch heute noch Wucht, Haltung und Tiefgang besitzen kann, wenn die richtigen Leute am Werk sind

Schaut hier Clips aus der EP (playlist)

Der Grunge-Einfluss ist dabei nicht zu leugnen. Er hängt über diesen Stücken wie kalter Rauch in einer verrauchten Nacht, ohne dass die Band dabei zur bloßen Kopie fremder Vorbilder verkommt. Stattdessen ziehen IHR! aus diesem Klangkosmos genau das heraus, was ihren Songs guttut: Schwere, Reibung, Melodie und diesen leicht zerschlissenen Unterton, der alles greifbarer macht.

Die Geschichte hinter der Band ist dabei keineswegs bloß schmückendes Beiwerk, sondern hört man dieser Veröffentlichung an. IHR! war essenziell zunächst die Soloband von Mars Saibert, bevor die Entscheidung fiel, das Ganze gemeinsam als Band fortzuführen. Genau deshalb wirken diese Songs einerseits sehr fokussiert und klar geführt, gleichzeitig aber auch so, als würden mehrere Charaktere daran ziehen, drücken und feilen. Was einmal als stärker auf Mars Saibert zugeschnittenes Projekt begann, hat sich hörbar zu einer echten Einheit entwickelt. Hier begleitet niemand nur den Frontmann, hier arbeitet eine Band an einem gemeinsamen Puls.

Mars Saibert ist dabei ohne Frage das Aushängeschild dieser Formation, aber eben nicht bloß wegen seines Namens. Seine Karriere bringt genügend Gewicht mit, um einer solchen Veröffentlichung von vornherein Profil zu verleihen. Charterfolge (On Air, Reason, Let There Be Love), die Teilnahme bei »The Voice of Germany« und markante filmische Aktivitäten in Produktionen wie »Unter uns«, »Alles was zählt«, »Zweiohrküken« oder »Zeiten ändern Dich« zeigen, dass hier keiner am Mikrofon steht, der sich Wirkung erst noch erarbeiten müsste. Mars Saibert bringt diese Präsenz mit, aber entscheidend ist, dass er sie auf »Gestern War Besser« nicht in Pose verwandelt, sondern in Ausdruck. Sein markanter Alt-Bariton besitzt Wärme, Nachdruck und jene raue Gravitas, die Songs nicht nur trägt, sondern auflädt. Vor allem aber zeigt er sich hier als Texter, der Schmerz, Verlust und innere Risse nicht mit hohlen Phrasen tapeziert, sondern in Bilder kleidet, die hängenbleiben.

Fabian Ratsak ergänzt dieses Klangbild mit genau jener Gitarrenarbeit, die man sich bei einem derart emotional aufgeladenen Stoff wünscht. Seine Stationen bei MGP und Roomers, dazu das Kaipro-Endorsement und der Sieg bei einem Gitarristenwettbewerb, sind nicht bloß Vita-Futter fürs Presseblatt, sondern schlagen sich unmittelbar im Sound nieder. Fabian Ratsak spielt mit Gefühl, aber nie gefällig. Seine Soli reißen auf, schieben an und setzen gezielte Schnitte, statt einfach nur Virtuosität vorzuführen. Vladi Janevski, ebenfalls mit Wurzeln bei MGP und Roomers, hält das Ganze am Schlagzeug zusammen und gibt den Songs jene Mischung aus Groove, Druck und Kontrolle, die sie brauchen. Er trommelt nicht einfach geradeaus, sondern modelliert Spannungen, lässt Räume entstehen und setzt Akzente dort, wo ein Song sie wirklich benötigt.

Gestern War Besser

Der Titeltrack »Gestern War Besser« beginnt langsam einleitend mit liebevollen Klaviersounds, die den Song nicht einfach eröffnen, sondern ihn regelrecht aufziehen wie einen alten Vorhang vor einer Szene, von der man ahnt, dass sie nicht gut enden wird. In Kombination mit Mars Saiberts markantem, fantastischem Alt-Bariton entsteht sofort eine Intensität, die sich nicht aufdrängt und gerade deshalb umso stärker greift. Seine Stimme klingt nicht nach einstudierter Dramatik, sondern nach echter Erfahrung. Im Verse setzt die Band liebevolle Akzente, das Tempo bleibt gedrosselt, und genau diese Zurückhaltung macht die Nummer so stark. Hier wird nichts überrannt. Hier darf sich der Schmerz langsam in den Raum schieben.

Besonders stark ist, wie die Band unter der Oberfläche arbeitet. Die Rhythmusinstrumentalisierung aus ordentlichen Drums und satten Bässen verleiht dem Song ein klares Heavy-Rock-Fundament, das ihm Rückgrat gibt, ohne die feinen Nuancen zu erschlagen. Das Klavier setzt Lichtpunkte in ein ansonsten eher verhangenes Klangbild, während Gitarre, Bass und Schlagzeug sich Stück für Stück verdichten. Wenn Fabian Ratsak im Mittelteil sein leidenschaftlich geiles Gitarrensolo auspackt, kippt der Song endgültig in jene emotionale Größenordnung, die ihn trägt. Dieses Solo ist kein Schmuckstück, sondern ein Riss im Mauerwerk.

Inhaltlich dreht sich »Gestern War Besser« um Verlust, verpasste Wendepunkte und die bittere Erkenntnis, wie tief ein anderer Mensch noch im eigenen Inneren weiterlebt, selbst wenn längst alles zerbrochen ist. Genau deshalb trifft der Song so sauber. Er badet nicht in Selbstmitleid, sondern zeigt, wie Erinnerung zur offenen Wunde werden kann. Das ist intensiv, aufrichtig und musikalisch mit bemerkenswerter Präzision umgesetzt.

Still

»Still« ist der düsterste Song der EP und gleichzeitig vielleicht der stärkste, wenn es um Atmosphäre geht. Die Nummer eröffnet mit einer massiven Heavy-Rock-Soundwall, die den Hörer direkt packt und in eine finstere, fast schon goth-lastige Stimmung zieht. Das wirkt nicht aufgesetzt, sondern wie die einzig richtige Form für diesen Song. Von Beginn an liegt etwas Kaltes, Ausgebranntes und zugleich Drängendes in der Luft. IHR! gelingt hier das Kunststück, Schwere nicht mit bloßer Lautstärke zu verwechseln. »Still« drückt nicht mit dem Vorschlaghammer, sondern mit einer Hand, die sich langsam fester um die Kehle legt.

Mars Saiberts Gesang geht auf diesem Stück besonders unter die Haut. Zunächst getragen vom Bass und einem düsteren Down-Gitarrenriff, entfaltet sich eine Stimmung, die sofort greift. Wenn dann die groovenden Drums von Vladi Janevski einsetzen, bekommt die Nummer im Midtempo genau den Zug, den sie braucht. Hier pulsiert alles, ohne hektisch zu werden. Gerade dieses kontrollierte Tempo macht den Song so wirkungsvoll, weil die Band den Druck nicht verschleudert, sondern bündelt.

Auch die Klavierakkorde, die hier und da aufblitzen, sind hervorragend gesetzt. Vor allem im Verse stützen ihre schnellen Wiederholungsfiguren das Arrangement und setzen Akzente, die dem Song zusätzliche Unruhe verleihen, ohne seine Schwere zu verwässern. Fabian Ratsaks leidenschaftliche Soli setzen dem Ganzen die Krone auf. Seine Gitarre brennt, kratzt und hebt die Nummer noch einmal auf eine Ebene, auf der sie sich tief ins Fleisch arbeitet.

Textlich geht es in »Still« um Sprachlosigkeit, innere Verwüstung und das langsame Verrotten einer Verbindung, die irgendwann einmal Bedeutung hatte. Gerade diese düstere emotionale Schicht macht den Song zu einem Ohrwurm mit lyrischer Tiefgründigkeit. Die Nummer bleibt nicht bloß hängen, sie arbeitet im Hörer weiter.

Schmerz

»Schmerz« ist der heaviest Track auf der EP, zugleich aber auch der schwächste. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass hier ein schlechtes Lied vorliegt. Vielmehr zieht die Nummer im direkten Vergleich mit den beiden anderen Songs den Kürzeren, weil ihr etwas von jener natürlichen Wucht fehlt, die »Gestern War Besser« und »Still« so zwingend macht. Mars Saibert erweist sich aber auch hier als fantastischer Texter und vor allem als Sänger. Seine Stimme hält den Song auf Kurs und sorgt dafür, dass auch die etwas geradlinigeren Passagen genügend Gewicht behalten.

Dass »Schmerz« als Soundtrack für »Fame Fighting« verwendet wurde, überrascht nicht. Die Nummer besitzt diese direkte, körperliche Energie, die gut zu einem solchen Umfeld passt. Musikalisch setzt die Band hier stärker auf Druck, Kompaktheit und unmittelbare Attacke. Das Instrumental ist präzise gespielt und sauber komponiert, wirkt dabei aber stellenweise etwas gezwungen und verkrampft. Im Vergleich zu den anderen beiden Songs erscheint der Aufbau instrumentalseitig schlichter, stellenweise fast etwas zu sehr auf Wirkung hin zugeschnitten, ohne dieselbe Tiefe zu erreichen.

Inhaltlich beschäftigt sich »Schmerz« mit bleibenden Verletzungen, innerem Durchhalten und der bitteren Einsicht, dass manche Wunden nicht verschwinden, sondern dauerhaft weiterarbeiten. Das ist thematisch stark und wird von Mars Saibert überzeugend transportiert. Trotzdem greift der Song nicht ganz so zwingend wie die beiden anderen Stücke. Kein Ausfall, kein Fremdkörper, aber eben der Titel, der auf dieser EP am wenigsten tief nachwirkt.

PRODUKTION, SOUND UND GESAMTEINDRUCK

Was »Gestern War Besser« so stark macht, ist die Balance zwischen musikalischer Kontrolle und emotionaler Offenheit. Diese EP klingt sauber produziert, aber nie steril. Die Gitarren haben Gewicht, ohne den Rest zuzudecken. Der Bass ist satt und präsent, die Drums sitzen fest im Material, und das Klavier wird klug eingesetzt, statt bloß Atmosphäre anzudeuten. Vor allem aber schaffen es IHR!, aus drei Songs ein kleines, in sich geschlossenes Werk zu formen, das wie aus einem Guss wirkt und dennoch jedem Stück seinen eigenen Charakter lässt.

Mars Saiberts Stimme bildet dabei den roten Faden. Justus Großkreuz und Fabian Ratsak liefern die Momente, in denen die Songs aufreißen und aufglühen. Bassist Ben Dorok und Drummer Vladi Janevski halten alles zusammen, ohne sich aufzudrängen. Genau dieses Zusammenspiel sorgt dafür, dass die EP nicht nach lose aneinandergehängten Einzelsongs klingt, sondern nach einer Veröffentlichung mit eigener innerer Dramaturgie. Man hört, dass hier Erfahrung, Bandchemie und ein klarer künstlerischer Wille ineinandergreifen.

Gegen Ende muss auch die PR-Arbeit von NRT-Records ausdrücklich gelobt werden. Das amtliche und professionell zusammengestellte Pressekit zeigt, dass dort an alles gedacht wurde, wie man es von dem Label kennt. Gerade in einer Zeit, in der viele Releases schon an ihrer Außendarstellung scheitern, bevor überhaupt jemand auf Play gedrückt hat, ist das keine Kleinigkeit. Hier passt das Gesamtbild: Informationen, Aufmachung, Präsentation und Begleitmaterial wirken durchdacht und auf einem Niveau, das der Musik gerecht wird.

FAZIT

Mit »Gestern War Besser« liefern IHR! eine EP ab, die auf kurzer Distanz erstaunlich viel Gewicht entwickelt. Der Titeltrack »Gestern War Besser« ist das emotionale Herzstück, »Still« der finstere Volltreffer mit gewaltiger Atmosphäre, und »Schmerz« bringt zusätzliche Härte ins Spiel, auch wenn er im direkten Vergleich etwas abfällt. Die Band zeigt hier deutlich, dass deutschsprachiger Rock auch jenseits ausgetretener Pfade noch Wirkung entfalten kann, wenn starke Songs, markante Stimmen und ein klares Gespür für Dynamik zusammenkommen.

Vor allem aber macht diese Veröffentlichung deutlich, dass aus einer ursprünglich auf Mars Saibert zugeschnittenen Solokonstellation längst ein ernstzunehmendes Kollektiv geworden ist. IHR! verbinden Melancholie, Schwere, Grunge-Anleihen und eingängige Strukturen zu einem Sound, der Druck macht, hängenbleibt und dabei nie die emotionale Substanz verliert. »Gestern War Besser« ist keine EP für den schnellen Konsum nebenbei, sondern eine, die sich in den Hörer hineinfräst, dort arbeitet und Spuren hinterlässt.

Internet

IHR! - Gestern War Besser - CD Review

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Robert
Soldat unter dem Motto morituri te salutant sich als Chefredakteur bemühender Metalverrückter. Passion und Leidenschaft wurden fusioniert in der Verwirklichung dieses Magazins.