Tracklist
01. The Blending Master
02. Rich and Dead
03. Doomsday for Democracy
04. Slayer Saves
05. Wrong Way Driver
06. Last Trip
07. New World to Kill
08. Blow on the Coals
09. Unspoken
10. Hellhole
11. Killing Lifegiver
12. The Hope Dies Last
Besetzung
Lars „Diggn“ Groß – Gitarre, Gesang
Halit Sahin – Gitarre
Bernd „Bassbernd“ Janssen – Bass
Björn Geene – Schlagzeug
Produktion:
Aufgenommen von Komahawk im Proberaum
DIY-Produktion – Komahawk
Mixing – Lars „Diggn“ Groß
Morgens Halb zehn in Deutschland. Nachdem der geneigte Rezensent sich sein Knoppers reingezogen hat und seinen Kaffee runtergekippt, ist es jetzt an der Zeit für gepflegten Thrash Metal. Den liefern die Bremer Komahawk mit »Doomsday for Democracy« mehr als ein Vierteljahrhundert nach ihrem letzten Studioalbum. Der Name Komahawk dürfte dabei ein Wortspiel aus dem bewusstlosen Zustand Koma und der Streitaxt Tomahawk sein – eine durchaus passende Verbindung für Musik, die erst benommen schlägt und anschließend mit der stumpfen Seite nachlegt. Gegründet wurde die Formation bereits 1992, als Thrash Metal, Punk und Hardcore noch ohne stilpolizeiliche Genehmigung miteinander vermengt wurden. Nach dem Debüt »No Hope for Tomorrow«, dem Nachfolger »Slow« und »Rhytmo Fantástico« verabschiedete sich die Band um das Jahr 2000 in eine lange Pause. Mit »Doomsday for Democracy« kehren Lars „Diggn“ Groß, Halit Sahin, Bernd „Bassbernd“ Janssen und Björn Geene nun über Fuego Records zurück. Zwölf Stücke und rund vierzig Minuten lang verbinden sie Old-School-Thrash, Hardcore und Punk mit sozialkritischen Texten über Populismus, Machtgier, gesellschaftliche Gleichgültigkeit und eine Demokratie, die von ihren eigenen Nutznießern demontiert wird. Hochglanz ist dabei ausdrücklich nicht vorgesehen: Das Album wurde im DIY-Verfahren im Proberaum aufgenommen und von Lars „Diggn“ Groß zu Hause gemischt.
DIE DEMOKRATIE BETRITT DEN MOSHPIT
Das kurze Intro »The Blending Master« wirkt wie das Öffnen einer schweren Stahltür. Geräusche, Stimmen und ein langsam wachsender Druck bereiten den eigentlichen Einstieg vor, bevor »Rich and Dead« das Album mit einem trockenen Thrash-Riff endgültig in Bewegung setzt. Halit Sahin und Lars „Diggn“ Groß arbeiten nicht mit technisch verschachtelten Gitarrenfiguren, sondern mit geradlinigen Akkorden, kurzen Tempowechseln und einem deutlich hörbaren Hardcore-Unterbau.
Der Song richtet sich gegen eine Gesellschaft, in der Reichtum als moralische Rechtfertigung und persönlicher Erfolg als Freibrief verstanden werden. Komahawk formulieren ihre Kritik nicht besonders subtil. Das müssen sie auch nicht. Der Reiz liegt in der unmittelbaren Verbindung von Text, Riff und körperlicher Energie.
Das Titelstück »Doomsday for Democracy« verschärft diese politische Ebene. Populisten, autoritäre Verführer und Menschen, die ihre eigenen Freiheiten bereitwillig gegen einfache Antworten eintauschen, stehen im Mittelpunkt. Der Untergang der Demokratie erscheint nicht als plötzlicher Staatsstreich, sondern als schleichender Prozess, an dem Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit ihren Anteil haben.
Musikalisch gehört der Titeltrack zu den stärksten Nummern. Der Refrain ist klar erkennbar, das Hauptriff besitzt ausreichend Schub und Björn Geene hält die verschiedenen Einflüsse zusammen. Sein Schlagzeug verbindet den geraden Tritt des Hardcore mit kurzen Thrash-Beschleunigungen, ohne die Songs unnötig zu verkomplizieren.
SLAYER RETTET NICHT DIE WELT, ABER DEN MORGEN
Bei »Slayer Saves« ist der Name Programm. Bereits die ersten Gitarrenbewegungen erinnern unüberhörbar an Slayer, wobei Komahawk daraus keinen verschämten Einfluss, sondern eine offen ausgesprochene Liebeserklärung machen. Das Stück lebt von sägenden Gitarren, einem energischen Rhythmus und der Vorstellung, dass eine ordentliche Portion Thrash Metal zumindest vorübergehend gegen den alltäglichen Irrsinn helfen kann.
Der Song besitzt Humor, ohne zur reinen Spaßnummer zu werden. Hinter dem Titel steckt die Erfahrung vieler Metalhörer, dass Musik zwar keine politischen Verhältnisse verändert, aber Wut kanalisieren und den Kopf freiräumen kann. Lars „Diggn“ Groß klingt entsprechend nicht wie ein Prediger, sondern wie jemand, der den Lautstärkeregler bereits bis zum Anschlag gedreht hat.
»Wrong Way Driver« bleibt im schnellen Bereich, setzt jedoch stärker auf Punk und Hardcore. Das Riffing ist einfacher, der Refrain direkter und der Song insgesamt kompakter angelegt. Die Nummer dürfte live ohne größere Anlaufzeit funktionieren, besitzt auf dem Album allerdings weniger Eigenständigkeit als das Titelstück oder »Slayer Saves«.
Mit »Last Trip« wird die Stimmung schwerer. Die Gitarren arbeiten mit einem dunkleren Groove, während der Gesang tiefer im Mix liegt. Gerade hier zeigt sich eine Eigenart der Produktion: Lars „Diggn“ Groß klingt nicht wie ein moderner Frontmann, der weit über den Instrumenten schwebt. Seine Stimme steckt mitten im Bandklang und muss sich ihren Weg durch Gitarren, Bass und Schlagzeug suchen.
Das wirkt einerseits authentisch und erinnert an Underground-Produktionen der Neunziger. Andererseits gehen einzelne Textzeilen verloren. Eine etwas deutlichere Position des Gesangs hätte der politischen Wirkung des Albums nicht geschadet.
EINE NEUE WELT ZUM ZERLEGEN
»New World to Kill« verbindet einen schweren Einstieg mit einem treibenden Refrain. Der Titel spielt mit dem Versprechen einer neuen Welt, deren vermeintlicher Fortschritt erneut auf Ausbeutung, Gewalt und Zerstörung hinausläuft. Komahawk vermeiden dabei futuristische Klangexperimente. Die angekündigte neue Welt wird mit ziemlich alter Schule zerlegt.
Der Bass von Bernd „Bassbernd“ Janssen erhält in den groovenden Passagen mehr Raum. Sein Instrument verdoppelt nicht ausschließlich die Gitarren, sondern sorgt für eine leicht federnde Bewegung unter den Akkorden. Besonders dort, wo das Tempo zurückgenommen wird, gewinnt die Rhythmusgruppe an Gewicht.
Mit »Blow on the Coals« folgt einer der Höhepunkte. Der Titel meint sinngemäß, die Glut erneut anzufachen – ein passendes Bild für eine Band, die nach jahrzehntelanger Veröffentlichungspause wieder Feuer fängt. Das Riff ist eingängig, die Rhythmik drückt nach vorn und der Refrain besitzt genügend Wiedererkennungswert, um sich von den ähnlich angelegten Hardcore-Thrash-Nummern abzuheben.
Die Gitarren klingen rau und trocken. Es gibt weder eine künstlich verbreiterte Hochglanzwand noch endlose Spuren, die jeden Anschlag verdoppeln. Komahawk wirken wie vier Musiker in einem Proberaum – vermutlich, weil sie genau dort aufgenommen wurden. Diese Direktheit steht dem Material grundsätzlich gut.
DAS UNAUSGESPROCHENE BLEIBT NICHT LEISE
»Unspoken« nimmt zunächst etwas Geschwindigkeit heraus und setzt stärker auf Spannung. Der Song zeigt, dass Komahawk nicht jeden Gedanken in zweieinhalb Minuten Hardcore-Geballer unterbringen müssen. Die Gitarren lassen einzelne Akkorde länger stehen, während Björn Geene mit kontrollierten Schlägen für Bewegung sorgt.
Der Refrain hätte melodisch noch stärker herausgearbeitet werden können. Die Nummer besitzt Atmosphäre, bleibt aber weniger griffig als »Blow on the Coals« oder »Doomsday for Democracy«. Gerade in der zweiten Albumhälfte macht sich bemerkbar, dass viele Songs aus einer ähnlichen Mischung aus mittlerem Tempo, Punk-Akkorden und rauem Gesang gebaut sind.
»Hellhole« gleicht diesen Eindruck teilweise aus. Mit beinahe fünf Minuten ist es das längste Stück und erlaubt sich eine breitere Entwicklung. Das Riffing fällt schwerer aus, der Bass drückt deutlicher und der Song besitzt eine düstere Grundhaltung. Das titelgebende Höllenloch kann sowohl als konkreter Ort als auch als gesellschaftlicher Zustand verstanden werden.
Hier profitieren Komahawk davon, nicht ständig auf Geschwindigkeit zu setzen. Der Groove wirkt bedrohlicher als manches schnelle Riff und gibt Lars „Diggn“ Groß mehr Raum für seinen angegriffenen Gesang. Gleichzeitig hätte ein klarer herausgearbeiteter Höhepunkt die lange Spielzeit noch besser gerechtfertigt.
DER LEBENSSPENDER WIRD ZUM OPFER
»Killing Lifegiver« richtet den Blick auf die Zerstörung jener Grundlagen, von denen menschliches Leben abhängt. Die genaue Deutung bleibt offen, doch Umweltzerstörung, Ausbeutung und selbst verursachter Niedergang liegen als Themen nahe. Komahawk formulieren daraus keine sanfte ökologische Mahnung, sondern einen schweren Crossover-Song.
Das Gitarrenduo arbeitet enger zusammen als in einigen vorherigen Stücken. Kurze melodische Akzente brechen die ansonsten kompakte Rhythmusarbeit auf. Bernd „Bassbernd“ Janssen und Björn Geene halten den Song stabil, auch wenn die Gitarren einzelne Richtungswechsel einbauen.
Der abschließende Track »The Hope Dies Last« ist kein gewöhnlicher Song, sondern ein atmosphärisches Outro. Nach den politischen und gesellschaftlichen Anklagen bleibt zumindest der Gedanke, dass Hoffnung zuletzt stirbt. Vollständig optimistisch klingt das Ende dennoch nicht. Die Hoffnung ist vorhanden, wirkt aber bereits deutlich angeschlagen.
Die Verbindung zum Intro schließt den Kreis. »Doomsday for Democracy« endet nicht mit einem siegreichen Refrain oder einer Lösung für die zuvor benannten Probleme. Das Album lässt den Hörer mit der Verantwortung zurück, sich selbst eine Haltung zu den beschriebenen Entwicklungen zu bilden.
DREISSIG JAHRE PAUSE, ABER KEIN STILBRUCH
Die Geschichte von Komahawk beginnt 1992 in Bremen. Die Stadt war stark von Punk und Hardcore geprägt, während Thrash Metal längst seine klassische Hochphase erreicht hatte. Aus dieser Überschneidung entwickelte die Band einen Crossover, der Bands wie D.R.I., Cro-Mags, Suicidal Tendencies und Sacred Reich nähersteht als technisch ausgerichtetem Bay-Area-Thrash.
1994 erschien das Debüt »No Hope for Tomorrow«. Zwei Jahre später folgten »Slow« und eine Europatour als Support der US-Thrasher Sacred Reich. Nach »Rhytmo Fantástico« legte die Band eine längere Pause ein. Lars „Diggn“ Groß wurde später Mitgründer von President Evil und war zeitweise als Live-Gitarrist bei Motorjesus aktiv.
Die Wiedervereinigung begann mit einem Konzert zum zwanzigjährigen Jubiläum des Debüts. Aus gelegentlichen Proben entwickelten sich neue Songs, deren Fertigstellung durch die Pandemie zusätzlich verzögert wurde. Dass »Doomsday for Democracy« nicht nach einem modernen Neustart mit komplett veränderter Stilistik klingt, ist deshalb kaum überraschend.
Komahawk wollen nicht beweisen, dass sie aktuelle Thrash-Produktionen imitieren können. Die Band führt ihren früheren Stil fort: direkt, politisch, punkig und ohne besondere Rücksicht auf zeitgenössische Klangideale.
DIY ZWISCHEN CHARAKTER UND BEGRENZUNG
Das Album wurde Stück für Stück im Proberaum aufgenommen und anschließend von Lars „Diggn“ Groß zu Hause gemischt. Diese Arbeitsweise ist deutlich hörbar. Die Instrumente besitzen natürliche Ecken, die Lautstärkeverhältnisse sind nicht in jedem Song identisch und der Gesang liegt häufig tief innerhalb der Mischung.
Die Gitarren haben genügend Druck, klingen aber nicht übermäßig komprimiert. Das Schlagzeug besitzt einen ehrlichen Proberaumcharakter, wobei insbesondere die Snare trocken und direkt anschlägt. Der Bass ist hörbar, könnte jedoch in den schnelleren Passagen noch klarer vom Gitarrenfundament getrennt werden.
Die Produktion passt zur Vergangenheit der Band und zum Crossover-Charakter. Eine klinisch saubere Bearbeitung hätte dem Material vermutlich einen Teil seiner Glaubwürdigkeit genommen. Trotzdem sollte Rauheit nicht automatisch als Qualitätsbeweis gelten. Gerade die Texte hätten von einer präsenteren Stimme profitiert.
Auch kompositorisch gibt es leichte Ermüdungserscheinungen. Viele Songs bewegen sich in einem ähnlichen Tempo und greifen auf vergleichbare Riffstrukturen zurück. Die Höhepunkte zeigen jedoch, dass Komahawk weiterhin wirkungsvolle Songs schreiben können, wenn Groove, Refrain und politische Aussage präzise zusammenfinden.
FAZIT:
»Doomsday for Democracy« ist ein ehrliches Comeback zwischen Thrash Metal, Hardcore und Punk, das besonders mit »Rich and Dead«, »Doomsday for Democracy«, »Slayer Saves«, »Blow on the Coals« und »Hellhole« überzeugt. Die raue DIY-Produktion besitzt Charakter, drängt den Gesang jedoch stellenweise zu weit zurück, während die ähnliche Grundausrichtung einiger Songs etwas Abwechslung kostet. Nach fast drei Jahrzehnten klingt die Streitaxt von Komahawk trotzdem erstaunlich wenig eingerostet – und das morgendliche Knoppers dürfte beim ersten Moshpit längst wieder verbrannt sein.






