Band: HORRIFIER 🇳🇴
Titel: Revelations of Gore
Label: Personal Records
VÖ: 31.07.2026
Format: CD / Digital
Genre: Old School Death Metal / Death-Doom / Death Metal

Tracklist

01. Voices
02. Compelled to Slaughter
03. Human Butchery
04. The Ingestion
05. Rejoice, Children of the Flesh
06. Body Hoarder
07. Morbid Lust
08. The Final Oblation
09. Blood for Ascension

Besetzung

Adrian Risøy – Gesang, Gitarre
Sander Halvorsen – Gitarre
Erik Thomassen – Bass
Andreas Langås – Schlagzeug

Bewertung:

4 von 5 Punkten

»Offenbarungen des Gemetzels«? »Enthüllungen des Blutes«? Revelations of Gore – wie soll man das bitte verstehen? Wahrscheinlich am besten gar nicht lange nachdenken, sondern gleich den Deckel des Leichenschauhauses anheben. Darunter wartet das zweite Album der Osloer HORRIFIER, und die Norweger haben ihren Namen zum Programm gemacht: Knapp 38 Minuten lang wechseln faulige Death-Metal-Ausbrüche, schleppender Death-Doom und kurze Thrash-Attacken einander ab. Inhaltlich folgt die Platte einem Sterbenden, dem eine monströse Gestalt ewiges Leben verspricht – sofern regelmäßig Menschen geopfert werden. Aus Todesangst wird Mordlust, aus Hoffnung Besessenheit und aus dem Albumtitel schließlich doch eine ziemlich eindeutige Ansage.

Albumstream:

EIN FAUSTISCHER HANDEL IM LEICHENKELLER

HORRIFIER wurden 2022 gegründet und machen aus ihrer Vorliebe für den Death Metal der späten Achtziger und frühen Neunziger kein Geheimnis. Das Debüt »Horrid Resurrection« und die EP »Burial Ground« ließen bereits deutlich erkennen, wohin die Reise geht: Autopsy, frühe Entombed, Repulsion und die dunkleren Seiten des amerikanischen Death Metal bilden das Vokabular, aus dem die Band ihre Songs zusammensetzt.

Auf »Revelations of Gore« erhält dieses Vokabular erstmals eine durchgehende Erzählung. Ein Mann steht kurz vor dem Tod, begegnet einer Kreatur und tauscht Menschenleben gegen zusätzliche Zeit. Das ist keine philosophische Abhandlung über Sterblichkeit, sondern eine geradlinige Horrorgeschichte mit reichlich Blut an den Wänden. Trotzdem gibt das Konzept den neun Stücken eine Ordnung, die bei dieser Art von Musik keineswegs selbstverständlich ist.

Jeder Song markiert eine weitere Stufe des Abstiegs. Der Protagonist wird zunächst zum Töten gezwungen, entdeckt anschließend den Nutzen und schließlich die Lust daran. Entsprechend verändert sich auch die Musik. Hektische Ausbrüche stehen für Panik und Gewalt, die langsamen Passagen für das Heranschleichen der Kreatur – oder für jenen Moment, in dem der Täter betrachtet, was von seinem Opfer übrig ist.

STIMMEN AUS DEM KELLER, DANN WIRD GESCHLACHTET

Das 27 Sekunden kurze »Voices« verzichtet auf ein ausgedehntes Horrorfilm-Intro. Verhallte Stimmen reichen aus, um die Tür zu öffnen, dann setzt »Compelled to Slaughter« mit einem schweren, tief hängenden Riff ein. Lange bleibt das Quartett allerdings nicht im Kriechgang. Andreas Langås zieht das Tempo an, die Gitarren beginnen zu sägen und Adrian Risøy röhrt, als hätte man ihn hinter der Studiowand eingemauert.

Der erste reguläre Song enthält bereits beinahe den vollständigen Bauplan des Albums. HORRIFIER wechseln zwischen rumpelndem Death Metal, kurzen Beschleunigungen und doomiger Schwere, ohne die Übergänge unnötig auszuschmücken. Das ist effektiv, wenn auch noch nicht der größte Treffer der Platte. Einige Riffs erfüllen eher ihre Funktion, als sich sofort im Gedächtnis festzubeißen.

Deutlich stärker folgt »Human Butchery«. Ein Blastbeat wirft den Song ohne Vorwarnung nach vorn, ehe die Band das Tempo wieder herunterzieht und die Gitarren wie schwere Werkzeuge auf den Rhythmus fallen lässt. Im Hintergrund taucht ein tiefer, streichender Klang auf, der die ohnehin unangenehme Atmosphäre zusätzlich verdichtet. Gerade in den langsameren Momenten zeigt sich, dass HORRIFIER verstanden haben, worum es beim Death-Doom geht: Langsamkeit allein macht noch keine Bedrohung. Entscheidend ist, wie lange ein Riff aushalten kann, bevor es in die nächste Bewegung kippt.

VERSCHLINGEN, ZERLEGEN, WEITERGEHEN

»The Ingestion« verbindet diesen zähen Untergrund mit einem beinahe rockenden Impuls. Der Bass schiebt hörbar unter den Gitarren, während Langås nicht durchgehend auf maximale Geschwindigkeit setzt. Seine Fills treiben das Stück an den richtigen Stellen nach vorne und verhindern, dass die schleppenden Figuren zu früh ermüden.

Die Gitarren von Risøy und Sander Halvorsen klingen dabei nicht wie zwei sauber voneinander getrennte Stimmen. Sie bilden eine gemeinsame, körnige Fläche, aus der einzelne Leads und kleine melodische Widerhaken auftauchen. Das passt zum Stoff, weil die Musik nicht nach präzise gereinigtem Operationssaal klingt, sondern nach einer Arbeit, die unter mangelhaften Lichtverhältnissen im Keller erledigt wird.

Trotz aller Rückwärtsgewandtheit schreibt die Band keine bloßen Museumsstücke. »The Ingestion« lebt von seinen Tempowechseln und davon, dass ein vermeintlich simples Motiv in einem anderen rhythmischen Zusammenhang plötzlich neues Gewicht bekommt. Diese Beweglichkeit ist ein wichtiger Unterschied zu zahlreichen Old-School-Death-Metal-Bands, die zwar den korrekten Gitarrensound besitzen, ihre Songs aber nach zwei Minuten vollständig erklärt haben.

FREUT EUCH, KINDER DES FLEISCHES

Der erste große Höhepunkt heißt »Rejoice, Children of the Flesh«. Schon der Titel klingt nach einer Sonntagsschule, in der man lieber nicht nach dem Lehrplan fragt. Der Song nimmt sich über fünf Minuten Zeit, baut sein Unbehagen mit schleifenden Gitarren und einer beinahe feierlichen Schwere auf und lässt zwischendurch genügend Raum, damit der Hall um Risøys Stimme wirken kann.

In der Mitte unterbricht eine gesprochene Passage den Fluss und führt tiefer in die Gedankenwelt des Protagonisten. Inhaltlich ergibt das Sinn, musikalisch dauert der Einschub allerdings etwas zu lange. Der Song verliert kurz die Spannung, die er zuvor sorgfältig aufgebaut hat. Ein früherer Wiedereinstieg der Band hätte die Szene schärfer gemacht.

Das ist symptomatisch für den einzigen wirklichen Hänger auf »Revelations of Gore«. Wenn HORRIFIER ihre Riffs miteinander verzahnen, läuft die Platte ausgezeichnet. Sobald sie die Atmosphäre allzu ausführlich erklären möchten, droht das Blut ein wenig einzutrocknen. Glücklicherweise bleibt dieser Moment die Ausnahme und wird durch einen wirkungsvollen Schluss aufgefangen.

DER LEICHENHORTER FINDET SEINEN RHYTHMUS

Mit »Body Hoarder« wird die zweite Albumhälfte sofort unruhiger. Das Stück schießt zunächst in einer Geschwindigkeit los, die an die aggressivere Seite von Incantation erinnert, und fällt dann in einen massiven, fast sludgeartigen Kriechgang. Dieser Absturz wirkt nicht wie ein aufgesetzter Tempowechsel. Er fühlt sich an, als würde der Boden unter dem Song nachgeben.

Erik Thomassens Bass ist hier besonders wichtig. Er läuft nicht bloß den Gitarren hinterher, sondern hält die tiefen Frequenzen in Bewegung und verleiht den langsamsten Takten eine widerwärtig gluckernde Körperlichkeit. Darüber setzen die Gitarren kurze, schiefe Figuren, bevor das Stück erneut Fahrt aufnimmt. Mit 3:31 Minuten gehört »Body Hoarder« zu den kompaktesten Nummern und verschwendet keine Sekunde.

Noch überzeugender gerät »Morbid Lust«. Die Nähe zu Autopsy ist im eröffnenden Riff derart deutlich, dass sich die Herkunft kaum bestreiten lässt. Doch der Song bleibt nicht bei der Verbeugung stehen. Langås wechselt schnell zwischen stoischem Midtempo, kurzen Attacken und schleppenden Passagen, während die Gitarren ihre Motive immer wieder anders gewichten. So entsteht einer der geschlossensten Songs des Albums – abstoßend, eingängig und genau im richtigen Maß unberechenbar.

DAS LETZTE OPFER IST NOCH NICHT DAS ENDE

»The Final Oblation« beginnt mit bösartig übereinandergeschobenen Gitarren und einem Bass, der unterhalb der Riffs zu grollen scheint. Der Titel verspricht das letzte Opfer, doch die Musik klingt nicht nach Erlösung. Vielmehr hat der Protagonist längst jede Kontrolle abgegeben. Die Beschwörung ist zum Alltag geworden, und HORRIFIER übersetzen diesen Zustand in einen Wechsel aus ritualistischer Wiederholung und plötzlicher Gewalt.

Das knapp sechsminütige »Blood for Ascension« bildet anschließend den stärksten Abschluss, den diese Geschichte bekommen konnte. Ein düsteres Doom-Riff eröffnet das Stück, dann verschiebt die Band schrittweise das Tempo. Doublebass, ruppige Beschleunigungen und eine überraschend melodische Gitarrenarbeit lassen den Song größer erscheinen als den Rest des Albums, ohne den Zusammenhang zu verlieren.

Vor allem im letzten Drittel deutet sich an, dass HORRIFIER künftig noch weiter aus dem engen Old-School-Rahmen heraustreten könnten. Die Komposition wirkt beinahe progressiv, weil frühere Ideen nicht einfach wiederholt, sondern verändert zurückgeführt werden. Der Aufstieg im Blut bleibt selbstverständlich eine schmutzige Angelegenheit, doch musikalisch endet die Platte mit ihrem weitesten Blick.

RAU, TIEF UND ERSTAUNLICH AUFGERÄUMT

Die Produktion hält sich erfreulich fern von zwei verbreiteten Extremen. »Revelations of Gore« klingt weder klinisch glatt noch derart absichtlich vernebelt, dass jede Feinheit im Frequenzsumpf verschwindet. Die Gitarren besitzen ausreichend Körnung, das Schlagzeug wirkt natürlich und der Bass bekommt Platz, ohne den gesamten Mix zu überladen.

Risøys Gesang sitzt tief im Klangbild und trägt gerade so viel Hall, dass aus dem Growlen ein unheilvolles Echo wird. Einzelne Worte lassen sich nicht immer greifen, doch die Stimme bleibt als rhythmische Kraft präsent. Bei dieser Erzählung ist das wichtiger als perfekte Verständlichkeit. Der Sänger spielt keinen allwissenden Erzähler, sondern klingt wie eine Figur, die bereits bis zur Brust im eigenen Wahnsinn steht.

Auch die Dynamik profitiert vom Mix. Wenn die Band aus einem schnellen Abschnitt in den Doom fällt, wird nicht bloß das Tempo langsamer; der ganze Raum scheint enger zu werden. Besonders »Body Hoarder« und »Blood for Ascension« gewinnen dadurch an Gewicht. Lediglich die Becken geraten in den dichtesten Passagen gelegentlich etwas scharf, ohne den Hörfluss ernsthaft zu stören.

AUTOPSY-VEREHRUNG MIT EIGENEM PULS

Ganz ohne Einwand kommt dieses Leichenmahl dennoch nicht davon. Wer Autopsy, Repulsion, frühe Entombed und Incantation kennt, wird viele Zutaten schon nach wenigen Takten benennen können. Vor allem bestimmte Gitarrenwendungen und Risøys heiseres Gurgeln bewegen sich sehr nah an den amerikanischen Vorbildern. Revolutionär ist daran nichts.

Entscheidend ist allerdings, dass HORRIFIER diese Einflüsse nicht einfach in acht beinahe identische Songs gießen. Die Band versteht Dramaturgie, besitzt ein gutes Gespür für Tempowechsel und setzt ihre langsamsten Riffs dort ein, wo sie tatsächlich Wirkung entfalten. Das Konzept gibt der Platte zusätzlich einen roten Faden, ohne dass man das Textblatt benötigt, um die Entwicklung zu spüren.

Ein paar Straffungen hätten »Rejoice, Children of the Flesh« gutgetan, und »Compelled to Slaughter« bleibt im Vergleich zu den späteren Stücken etwas blass. Dafür ziehen »Human Butchery«, »Body Hoarder«, »Morbid Lust« und das Finale die Qualität deutlich nach oben. Die Offenbarungen mögen sprachlich schwer einzudeutschen sein – musikalisch sprechen sie eine ausgesprochen verständliche Sprache.

FAZIT:

»Revelations of Gore« ist ein starkes Old-School-Death-Metal-Album, das seine hörbare Autopsy-Verehrung mit klugen Tempowechseln, drückendem Death-Doom und einer konsequent erzählten Horrorgeschichte belebt. Nicht jede Passage sitzt messerscharf, doch spätestens »Morbid Lust« und »Blood for Ascension« beweisen, dass HORRIFIER im Leichenkeller längst einen eigenen Arbeitstisch besitzen.

HORRIFIER – Compelled to Slaughter

Internet

HORRIFIER - Revelations of Gore - Album Review

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