Interview mit Stefan und Natalie von Witchbound

Photo Credit: Lisa Schwenk

Aufgeben ist keine Option

Abgänge und  Schicksalsschläge pflasterten den Weg der Band, so dass es sechs Jahre brauchte, bis End Of Paradise fertig war. Den Fragen über die Entstehung des Albums und die gesamte Entwicklung der Band stellte sich neben Mastermind Stefan Kauffmann auch eine der beiden neuen Stimmen von Witchbound,  Natalie Pereira dos Santos. 

 

Stefan, ich war in mehrerlei Hinsicht überrascht, dass es überhaupt ein weiteres Album geben wird. Die vielen Abgänge sowie der Tod von Martin Winkler sind herbe Schläge, zudem gibt es (soweit ich weiß) keine Tarot – Kompositionen mehr, die man hätte verwenden können. Was gab den Ausschlag, weiter zu machen?

Der Tod von Martin war wirklich ein Schock für uns und wir mussten überlegen, ob und wie wir mit der Band weitermachen. Wir hatten bis dahin allerdings schon so viel Herzblut, Zeit und Arbeit in die Band und das neue Album investiert, dass wir beschlossen, nicht aufzugeben. Martin und ich hatten bereits einige Songs geschrieben, die teilweise schon vorproduziert waren, so dass wir genug Material zusammen hatten.
Kompositionen von Harald Spengler sind auf dem neuen Album tatsächlich nicht mehr enthalten, aber Martin und ich hatten ja auch schon eigene Songs für Tarot’s Legacy beigesteuert wie Stranded undTrail of Stars.

Stefan Kauffmann Photo Credit: Lisa Schwenk

„Es war auch nicht unser Ziel, ein „Tarots Legacy Vol. 2“ zu produzieren…“

Stefan zur Weiterentwicklung

Trotzdem ist End Of Paradise stilistisch anders als Tarot`s Legacy. Es ist modern produziert und enthält, wie beispielsweise in Nevermore, eher ungewohnte Elemente, die man vorher nicht mit euch in Verbindung brachte. Auch Dance Of The Dead und These Tears sind in ihrem rein gotischen Metal – Gewand auffällig anders. Sind das Experimente oder wird es in Zukunft mehr solcher Songs geben?

Stefan: Die neuen Elemente hängen zum einem damit zusammen, dass vor allem Martin etwas härtere und modernere Songs und Sounds einbringen wollte und zum anderen mit den neuen Bandmitgliedern. So hat Natalie in ihren früheren Bands wie Envinya schon Growls verwendet. Da dachten wir, warum bauen wir solche Elemente nicht auch mit ein. Was die Zukunft bringt, kann ich nicht vorhersagen, aber wir haben jetzt ja neue Bandmitglieder, die sich vielleicht auch kompositorisch einbringen werden. Ich bin da völlig offen. Solange ich dabei bin, wird es aber bestimmt kein reines Death-Metal Album geben. Ich habe meine musikalischen Wurzeln in den Achtzigern und das ist auf dem neuen Album nach wie vor zu hören.

Natalie: Als Martin und ich anfingen mit den Songs zusammen im Studio zu arbeiten, waren wir sehr offen und probierten einfach aus. Da wir keinerlei Zeitdruck hatten konnten wir verschiedene Stilrichtungen und Sounds der Vocals testen. So entstand die Dynamik der verschiedenen Vocalsounds. Ich denke das nächste Album wird
wieder etwas anders werden, da sich wieder neue Musiker mit einbringen. Aber es wird immer zu hören sein, dass es Witchbound ist. Entwicklung und Veränderung gehört zur Kunst dazu, Stillstand wäre sehr schlimm…

Die größte Veränderung fand hinter dem Mikrofon statt. Nicht nur, dass die Entscheidung für die Nachfolge von Thorsten Lichtner auf eine Dame fiel, mit einem weiteren Sänger stehen nun zwei sehr kompetente Leute für Witchbound an der Front. Ein Konzept, welches meistens schief geht, auf End Of Paradise aber nicht nur super funktioniert, sondern einen Großteil der Eigenständigkeit ausmacht. Wie kam dazu, statt einen Sänger eine Frau zu verpflichten und dann noch eine zweite, maskuline Stimme?

Stefan: Als Thorsten Ende 2016 die Band verließ, suchten wir zunächst nach einem passenden männlichen Nachfolger, was sich als nicht so einfach erwies. Wir nahmen dann auch Kontakt zu Natalie auf und testeten mit ihr ein paar unserer Songs. Das hörte sich wirklich gut an und so entschieden wir uns für sie. Natürlich mussten einige Songs umarrangiert werden. Die Entscheidung bzgl. einem weiteren männlichen Sänger trafen wir nach Martins Tod. Martin hatte die meisten Backing-Vocals gesungen und auch die Lead-Vocals zu ein paar Songs beigesteuert wie z.B. Jesters`Day und Stranded vom ersten Album. Um diese Lücke zu füllen nahmen wir Tobi mit an Bord, der zuvor schon bei einigen Gigs ausgeholfen hatte. Somit sind wir bezüglich Vocals jetzt breit aufgestellt, sowohl live als auch im Studio.

Witchbound - End Of Paradise - album coverBleiben wir noch kurz bei den beiden Vokalisten. Natalie  hat eine sehr dynamische und kraftvolle Stimme. Passend dazu gibt es (wie in Battle Of Kadesh oder End Of Paradise) immer wieder sinfonische Versatzstücke, in Torqumeda und Nevermore sowie leicht angedeutet in Carved In Stone überrascht sie mit den besten „Cradle Of Filth – Screams“ seit langem.
Sie klingt echt so, wie die Dame auf dem Cover des Debüts aussieht und passt perfekt zu Euch. Apropos Cover. Wer zeichnete sich diesmal für das sehr gelungene Bild verantwortlich?

Stefan: Das hat Manne Smietana gemacht. Er macht einiges für El Puerto Records (die Plattenfirma der Band-Daniel). Unter anderem ist auch das neue Velvet Viper – Cover ist von ihm.

Auch Tobias liefert ordentlich ab und wie die beiden sich gegenseitig ergänzen, um noch mehr aus den Songs herauszuholen, ist ganz großes Kino. Andere würden da versuchen, sich in den Vordergrund zu stellen oder aus einem Duett ein Duell machen.
Wie gestalteten sich diesbezüglich die Aufnahmen, da man sich ja schon seit über einem Jahr schlecht einfach im Studio treffen kann/darf?

Stefan: Neben den personellen Veränderungen waren die Arbeiten am neuen Album in der Tat zusätzlich erschwert durch die Coronapandemie. Wir konnten über längere Zeit nicht gemeinsam proben. Natalie und Tobias trafen sich so gut es ging zu zweit und tüftelten die Vocalarrangements aus. Im Studio wurden die Vocalspuren dann einzeln eingesungen.

Natalie Pereira dos Santos Photo Credit Matt Bischof

 

„… sehr klassisch im Kinder- Kirchenchor.“

Natalie über ihre Anfänge

 

Beide Sänger zeigen nicht nur starke Leistungen, auch die Harmonie zwischen beiden ist wirklich großartig. Hatte jemand  eine Gesangsausbildung?

Stefan: Tobias und Natalie bringen beide einige Erfahrungen aus anderen Bands mit. Die beiden kommen sehr gut miteinander klar. Sie haben sich viel Mühe mit den Vocals gegeben, was meines Erachtens auch auf
dem Album zu hören ist.

Natalie: Tobias und ich kannten uns bevor er fest zu Witchbound kam, das machte uns die Arbeit an den Songs sehr viel einfacher. Auch musikalisch verstanden wir uns sofort richtig gut. Keiner von uns drängt sich vor den anderen, wir wissen um die Stärken und Schwächen des anderen, und pushen uns gegenseitig. Ich denke das ist das Geheimnis, warum wir uns sehr gut ergänzen und es sich dadurch rund anhört.
Eine Stimmausbildung habe ich so nicht direkt genossen. Ich fing allerdings mit sechs Jahren zu singen an, sehr klassisch im Kinder- Kirchenchor. Meine erste Band in der ich sang hatte ich dann mit circa 14 Jahren. Erst als ich dann bei The Blue Season anfing und mit ihnen erste Alben produzierte, bekam ich Vocalcoaching. Später gab ich selber etwas Unterricht und so lernte ich auch immer etwas mehr dazu. Alles was ich jetzt mache (und man lernt ja nie aus), habe ich mir selber durch Literatur und Üben bei gebracht. Wenn Corona es irgendwann zulässt würde ich gerne wieder etwas Unterricht bekommen. Stetiges Üben ist für die Stimme einfach unerlässlich…

 

Photo Credit: Lisa Schwenk

„Das fehlt uns sehr, aber auch der persönliche Kontakt zu den Fans.“

Das momentan harte Los jeder Band

 

 

 

Kommen wir nochmal zum Album. End Of Paradise verleitet mich zu einem Gleichnis:
Es ist kein Nachfolgemodell von Tarot`s Legacy, das Vehicle hat aber einen Sportauspuff (der groovende Bass) und breitere Reifen (die Produktion) bekommen. Zudem wurde der Lack aufgebessert (der Gesang), jedoch bleibt der Motor (das signifikante Gitarrenspiel von Stefan) im Original erhalten.
War es eine bewusste Entscheidung, die eingeschlagenen Pfade auszuweiten oder hat es sich durch die Besetzungswechsel dahin entwickelt?

Stefan: Beides. Wie erwähnt war es Martins Wunsch, einige härtere Songs und modernere Sounds zu kreieren. So wurden zum Teil auch siebensaitige Gitarren eingesetzt. Andererseits wurden die Songs auch auf die neuen Sänger zugeschnitten, wie zum Beispiel Nevermore, bei dem Natalie mit Growls zu hören ist, was für uns ja eher untypisch ist. Das neue Album ist meines Erachtens wirklich eine Weiterentwicklung und deckt im Vergleich zum Debut eine breitere musikalische Bandbreite ab. Es war auch nicht unser Ziel, ein „Tarots Legacy Vol. 2“ zu produzieren, obwohl einige der neuen Songs sicherlich musikalisch auch auf das erste Album gepasst hätten.

Nimmt man das Gros der auf dem Album befindlichen Stücke, muss man Euch abseits irgendwelcher Ansichten und stilistischen Vorlieben auf jeden Fall zugestehen, dass Witchbound qualitativ in einem Atemzug mit Primal Fear, Gamma Ray und Helloween genannt werden dürfen. Auch wenn letztgenannte Band für jeden unerreicht bleibt, setzt sich die Band an der nationalen (und somit auch europäischen) Spitze fest. Ihr habt es wirklich geschafft, mich als Fan des Debüts zu begeistern und abseits dessen einen extrem hohen Wiedererkennungswert kreiert.
Mit Konzerten sieht es ja momentan noch eher mau aus, darum würde mich interessieren, ob und wie ihr am Ball bleiben möchtet. Das Line-Up steht ja fest, oder?

Stefan: Vielen Dank für das Kompliment. Was unsere Pläne betrifft:
Wir sind natürlich erst einmal froh und glücklich, dass das neue Album trotz allen Schwierigkeiten nun das Licht der Welt erblickt hat und wir bislang
überwiegend tolle Feedbacks bekommen haben. Das Line-Up steht und wir hoffen, das neue Album bald auch live vorstellen zu können. Ich bin zuversichtlich, dass dies vielleicht im Herbst möglich sein wird.

Nachdem wir uns schon eine Weile nicht mehr persönlich gesehen haben, wäre es auch schön, wenn wir endlich wieder vollzählig proben könnten. Das fehlt uns sehr, aber auch der persönliche Kontakt zu den Fans.

Photo Credit: Lisa Schwenk

Ein wenig Kritik und Kluggescheiße muss auch sein, schließlich sind wir alle Bundestrainer:
End Of Paradise hat leider zwei Seiten. Zum einen feiere ich das Werk wirklich ab. Aber nur bis Sea Of Sorrows. Das epische Lied wäre ein super Rausschmeißer gewesen, von mir aus haue noch Our Hope als musikalisch runden Abschluss wegen dem Albumintro ran, und der stockkonservative Daniel so wie nicht wenige andere Metalfans sind glücklich.
Zumal sich ab Foreign Shores, mit Ausnahme des coolen As Long As We Can Rock, im Vergleich zu den ersten zwei großartigen Dritteln zwar ordentlichen Stoff, aber nichts wirklich essentielles mehr bietet.
Wäre es nicht schlauer gewesen, diese Songs auf die limitierte Auflage zu pressen, statt den Fan nach der langen Pause mit dieser Masse an Musik zu überfallen?

Stefan: Das ist Geschmackssache. Bezüglich der Songauswahl hatten wir die Qual der Wahl – wir hätten sogar noch mehr Songs auf dem Album unterbringen können. Knapp 60 Minuten für ein Album sind natürlich eher etwas viel, aber nach sechs Jahren Wartezeit wollten wir mit den Songs nicht geizen obwohl wir Schwaben sind.
Was die einzelnen Songs betrifft, gehen die Meinungen auch auseinander. Manchen gefällt das letzte Drittel des Albums mit Songs wie Foreign Shores und These Tears sogar am besten.
Zudem ist Foreign Shores schon seit 2016 ein absolutes Highlight in unserem Live-Programm und somit unverzichtbar.

Die letzte Frage bezieht nochmals auf die Veröffentlichungspolitik. Bevor ihr noch glaubt, dass ich von gestern bin, habe ich nämlich noch eine Frage bezüglich eines aktuellen Trends:
Wird es das Album auch in einer Vinyl – Version geben?

Stefan: Aktuell gibt es das Album noch nicht als Vinyl. Es gibt zwar einige Fans, die danach gefragt haben, aber wir möchten erst noch etwas abwarten. Das Problem ist, dass die Produktion von Vinyl aufwändiger ist und sich
erst ab einer bestimmten Auflage lohnt. Es kann aber gut sein, dass wir das irgendwann hinterherschieben.

Das war es schon von meiner Seite her. Habt Ihr noch ein paar abschließende Worte?

 Vielen Dank an dich Daniel und Metalunderground für euer Interesse an Witchbound.
Dann möchten wir uns bei unseren Fans für die Geduld bedanken. Wir wünschen euch viel Spaß mit dem neuen
Album und hoffen, euch bald wieder auf Konzerten zu sehen und vielleicht auch ein Bierchen zusammen zu trinken. Cheers!

Bier geht immer, und End Of Paradise sowieso. Insofern gönnt Euch beides! 

Interview mit Witchbound