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Entropist – The Vision

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Band: Entropist 🇺🇸
Titel: The Vision
Label: Independent
VÖ: 26.06.2026
Format: Digital
Genre: Progressive Metal / Progressive Death Metal / Djent

Tracklist

01. Intense Warmth
02. Devour Us
03. I Hunger
04. The Ritual
05. Desert Of Limbo
06. The Wandering
07. Creation
08. Revelation

Besetzung

Solomon Smith – Gitarre, Gesang
Will Vinson – Gitarre
Jeremy Smith – Bass
Matt Gleason – Schlagzeug
Parker Kitching – Gesang

Gastmusikerin:
Cecily Meade – Violine

Produktion:
Produktion, Mixing und Mastering – Jamie King
Artwork – Shannon Bortfeldt

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Progressive Metal, Djent, Deathcore und Progressive Death Metal verschmelzen auf »The Vision« zu einem über einstündigen Konzeptalbum, das von der Band in Eigenregie veröffentlicht wurde. Hinter dem Debüt stehen die aus Colorado stammenden Entropist, deren gemeinsame Geschichte bereits 2013 in Greeley begann. Nach Jahren des gemeinsamen Musizierens, einer zwischenzeitlichen Trennung und der späteren Wiedervereinigung entwickelte das Quintett ein Album, dessen acht Kompositionen wie Kapitel einer durchgehenden Erzählung funktionieren. Dämonen, himmlische Wesen und eine alles verschlingende Leere bilden die fantastische Ebene, während psychische Belastung, Isolation, Nihilismus und die Suche nach Bedeutung den menschlichen Gegenpol liefern. Produzent Jamie King bringt diese musikalisch wie inhaltlich ambitionierte Konstruktion in eine druckvolle Form, ohne die zahlreichen Details zwischen den massiven Gitarren freizulegen.

Official Lyric Video: Creation

WÄRME, DIE ZUM FLÄCHENBRAND WIRD

»Intense Warmth« eröffnet das Album mit einer sauberen Gitarrenfigur und mehrstimmigen Gesängen, die zunächst kaum erkennen lassen, welche Wucht wenige Augenblicke später folgen wird. Jeremy Smith setzt am Bass melodische Akzente, bevor Matt Gleasons Doublebass den Übergang in das zentrale Riff einleitet. Der Song steigert sich kontinuierlich, wechselt zwischen großen Akkorden, verschachtelten Rhythmen und einem massiven Breakdown und fällt schließlich wieder in eine ruhigere Schlussphase zurück.

Inhaltlich spricht hier eine Figur, die ihre bestehende Welt zunehmend ablehnt und von einer grundlegenden Veränderung träumt. Hoffnung und Unzufriedenheit stehen unmittelbar nebeneinander. Genau diesen Gegensatz bildet die Musik überzeugend ab: Die harmonischen Stimmen vermitteln zunächst Aufbruch, während die tiefer gestimmten Gitarren bereits andeuten, dass der Weg dorthin keineswegs friedlich verlaufen wird.

Solomon Smith und Will Vinson vermeiden es, die beiden Gitarren lediglich zu verdoppeln. Rhythmische Unisono-Passagen wechseln mit harmonisierten Linien und kurzen melodischen Gegenbewegungen. Dadurch bleibt die Komposition selbst während der dichtesten Abschnitte nachvollziehbar. Der Opener ist mit vier Minuten der kürzeste Titel des Albums, führt dessen zentrale Mittel aber ausgesprochen effizient ein.

DIE LEERE FORDERT IHREN PREIS

»Devour Us« beginnt mit akustischer Gitarre und einem Violinenbeitrag von Cecily Meade. Die Violine dient nicht nur als dekoratives Intro, sondern schafft einen melancholischen Ausgangspunkt, von dem aus die Band in technisch anspruchsvollere Bereiche wechselt. Gitarren und Bass springen zwischen gemeinsamen Figuren und gegeneinander verschobenen Linien, während Gleason selbst komplizierte Taktwechsel mit bemerkenswerter Übersicht zusammenhält.

Die Stimmen von Parker Kitching und Solomon Smith werden sowohl im Wechsel als auch gemeinsam eingesetzt. Klargesang, Schreie und tiefere Growls markieren unterschiedliche emotionale Zustände, anstatt lediglich möglichst viele Gesangstechniken vorzuführen. Der Text verbindet die fantastische Vorstellung einer herbeigerufenen Leere mit realen Erfahrungen von Isolation, Monotonie und empfundener Vergeblichkeit.

Im letzten Drittel beschleunigt die Band und streift kurz den Thrash Metal, bevor Vinson ein präzise formuliertes Solo übernimmt. Die vielen Richtungswechsel wirken nicht beliebig, weil ein düsteres harmonisches Grundmotiv erhalten bleibt. Dennoch verlangt der Song Aufmerksamkeit. Wer beim ersten Durchlauf einen leicht erfassbaren Refrain erwartet, dürfte von der Informationsdichte zunächst überfordert sein.

Noch schwerer fällt »I Hunger« aus. Die Stimme der alles verschlingenden Leere erhält einen langsamen, tief gestimmten und weitgehend melodiefreien Klangkörper. Drums und Gesang treiben das Stück stärker als die Gitarren, die vor allem eine bedrohliche Wand errichten. Auf unnötige Virtuosität wird verzichtet. Jeder Schlag, jedes abgebrochene Riff und jede Pause dient der Vorstellung einer Kraft, die nicht diskutiert oder verhandelt, sondern ausschließlich konsumiert.

Kitching liefert hier eine seiner stärksten Leistungen. Seine tiefen Laute bleiben kontrolliert, besitzen aber genügend Rauheit, um nicht nach steriler Studioarbeit zu klingen. Die Konsequenz des Arrangements macht »I Hunger« zum härtesten Titel der Platte. Gleichzeitig verhindert die überschaubare Laufzeit, dass sich das zentral gesetzte Motiv abnutzt.

EIN RITUAL OHNE SICHEREN AUSGANG

Mit »The Ritual« beginnt der experimentellere Mittelteil. Unruhige Akkorde, fremdartige Geräusche und eine zunächst schwer einzuordnende Atmosphäre führen in eine schnelle Passage aus Blastbeats, technischen Gitarrenfiguren und aggressivem Wechselgesang. Entropist verbinden hier die rhythmische Strenge des Djent mit der Unberechenbarkeit progressiver Kompositionsformen.

Der zentrale Breakdown ist stark synkopiert, ohne ausschließlich als vorhersehbarer Höhepunkt zu funktionieren. Anschließend reduziert die Band die Intensität deutlich. Jeremy Smith hält mit einer nachdenklichen Bassfolge das harmonische Fundament, während mehrstimmige Gesänge einen beinahe schwebenden Kontrast bilden. Der Bass übernimmt auf dem gesamten Album eine ungewöhnlich aktive Rolle. Er verstärkt nicht nur die tiefen Gitarren, sondern führt Übergänge ein, setzt melodische Gegenstimmen und gibt den offeneren Passagen eine eigene Richtung.

Inhaltlich behandelt »The Ritual« das Unbehagen, zufällig am falschen Ort und zur falschen Zeit in einen Vorgang hineingezogen zu werden, dessen Folgen nicht mehr kontrollierbar sind. Die Komposition bildet diese Unsicherheit durch abrupte Veränderungen ab. Manche Übergänge wirken beim ersten Hören beinahe absichtlich sperrig, ergeben im Zusammenhang des Albums aber eine klare dramaturgische Funktion.

VERLOREN IN DER WÜSTE DES LIMBUS

»Desert Of Limbo« entfernt sich am weitesten von klassischen Metal-Strukturen. Eine ruhige Passage in einem ungeraden Takt eröffnet den Song, während experimentelle Gesangsharmonien und eigenständige Bassbewegungen eine zugleich angenehme und unterschwellig instabile Atmosphäre erzeugen. Aus dieser scheinbaren Ruhe bricht unvermittelt ein schwerer Rhythmus hervor.

Die Band wechselt zwischen Tapping, komplexem Chugging, Echoeffekten, Duellsoli sowie einem reduzierten Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug. Trotz der technischen Anforderungen bleibt die Musik emotional lesbar. Das Stück handelt davon, sich in den Anforderungen und Abzweigungen des Lebens zu verlieren, dabei aber gerade durch diese Wege eine eigene Identität zu entwickeln.

Hier zeigt sich eine der größten Stärken von Entropist: Die Musiker behandeln Komplexität nicht als Selbstzweck. Matt Gleason kann die Taktarten mehrfach verändern, ohne dass der Groove vollständig verschwindet. Jeremy Smith spielt kleine Bassläufe, die sich deutlich von den Gitarren lösen. Vinson und Solomon Smith wechseln zwischen rhythmischer Präzision und melodischer Freiheit.

Nicht jede Passage ist gleichermaßen zwingend. Vor allem der Übergang zwischen den Soli und dem langsamen Breakdown hätte etwas kompakter ausfallen können. Die enorme Zahl an Ideen sorgt an dieser Stelle kurzzeitig dafür, dass der eigentliche emotionale Schwerpunkt aus dem Blick gerät. Der abschließende Aufbau aus großen Akkorden und harmonisierten Stimmen führt den Song jedoch überzeugend zusammen.

DIE RHYTHMUSGRUPPE DARF WANDERN

»The Wandering« ist das einzige reine Instrumentalstück des Albums. Die Musiker nutzen es nicht als technische Leistungsschau ohne Zusammenhang, sondern als Bindeglied zwischen der dunkleren ersten Hälfte und dem aufwärtsgerichteten Schlusskapitel. Bassfiguren, Gitarrenharmonien, ungewöhnliche Akkordwechsel und wechselnde Taktarten greifen ineinander, ohne einer Gesangslinie Platz freihalten zu müssen.

Besonders Gleason und Jeremy Smith profitieren von dieser Freiheit. Die Rhytmussektion setzt zahlreiche kleine Akzente, die bei weniger aufmerksamer Produktion leicht unter den Gitarren verschwunden wären. Gleason beschränkt sich nicht auf das präzise Abzählen komplizierter Muster. Sein Spiel besitzt Dynamik, reagiert auf die Soli und kann innerhalb weniger Takte von kontrollierter Zurückhaltung zu energischem Vorwärtsdrang wechseln.

Die Gitarristen teilen sich Melodie- und Rhythmusaufgaben ausgewogen. Harmonische Läufe werden von kantigen Figuren unterbrochen, während einzelne Passagen Raum für improvisatorische Variationen lassen. Dass der Song trotz dieser Freiheit nicht auseinanderfällt, spricht für die lange gemeinsame Entwicklung des Materials.

Als eigenständige Komposition funktioniert »The Wandering« gut, seine volle Bedeutung erhält das Stück jedoch innerhalb der Albumabfolge. Nach den düsteren Themen von »I Hunger« und »The Ritual« schafft es Bewegung, ohne bereits die Erlösung des letzten Abschnitts vorwegzunehmen.

DIE ERSCHAFFUNG EINER NEUEN WELT

Mit »Creation« verändert sich die emotionale Ausrichtung deutlich. Helle Akkorde, melodische Gitarren und ein energisches Schlagzeugspiel markieren den Beginn des letzten Erzählbogens. Statt ausschließlich auf Vernichtung und Leere zu reagieren, geht es nun darum, etwas Eigenes aufzubauen und der Welt eine neue Bedeutung zu geben.

Parker Kitching beginnt vergleichsweise ruhig, während Vinson eine melodische Figur über dem perkussiven Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug entwickelt. Daraus entsteht ein treibender Abschnitt, in dem breite Akkorde und Djent-Rhythmen miteinander verbunden werden. Der große Refrain gehört zu den eingängigsten Momenten der Platte. Klargesang und harmonisierte Stimmen vermitteln einen beinahe triumphalen Charakter, ohne dass die Band ihre Härte aufgibt.

Der anschließende Breakdown zählt zu den massivsten Abschnitten des Albums. Seine Wirkung entsteht vor allem durch den Kontrast zum melodischen Refrain. Entropist behandeln Härte hier nicht als Gegenteil von Hoffnung. Die schwere Rhythmik wird zum Ausdruck einer Entscheidung, gegen Stillstand und Bedeutungslosigkeit anzukämpfen.

Vinson setzt danach ein melodisches Solo, das den harmonischen Verlauf des Refrains aufnimmt und weiterführt. Das Stück endet mit schweren Rhythmen und mehrstimmigen Rufen. Obwohl »Creation« fast neun Minuten dauert, besitzt es einen klaren Aufbau und einen erkennbaren Zielpunkt. Es gehört zu den vollständigsten Kompositionen des Albums.

VIERZEHN MINUTEN OFFENBARUNG

Das abschließende »Revelation« ist mit mehr als 14 Minuten die längste und anspruchsvollste Nummer. Die Komposition greift melodische, rhythmische und textliche Motive der vorherigen Stücke erneut auf und führt beide Ebenen des Konzeptes zusammen. Die Offenbarung besteht nicht in einer einfachen göttlichen Antwort, sondern in der Erkenntnis, persönliche Fehler, innere Leere und äußere Widerstände überwinden zu können.

Die Band nimmt sich ausreichend Zeit, um den Spannungsbogen aufzubauen. Triumphale Gitarrenharmonien wechseln mit komplexem Chugging, technischen Drum-and-Bass-Passagen, melodischen Refrains und aggressiven Ausbrüchen. Die wiederkehrenden Motive sorgen dafür, dass der Song trotz seiner Länge nicht wie eine lose Folge verschiedener Riffs wirkt.

Kitching und Solomon Smith zeigen hier ihre größte vokale Bandbreite. Klargesang, mehrstimmige Harmonien, Screams und Growls stehen nicht getrennt nebeneinander, sondern kommentieren unterschiedliche Perspektiven der Geschichte. Die helleren Stimmen verkörpern Erkenntnis und Selbstbestimmung, während die aggressiven Passagen den vorausgegangenen Kampf nicht vergessen lassen.

Der Mittelteil könnte etwas straffer gestaltet sein. Einige technische Figuren verlängern die Reise, ohne den dramatischen Verlauf wesentlich zu verändern. Das emotionale Finale gleicht diese leichte Überdehnung jedoch aus. Große Akkorde, wiederkehrende Gesangsmotive und ein kontrollierter Schluss geben dem Album einen Abschluss, der tatsächlich vorbereitet und verdient wirkt.

TECHNIK IM DIENST DER ERZÄHLUNG

Die instrumentale Leistung ist durchgehend hoch. Solomon Smith und Will Vinson beherrschen tief gestimmte Präzisionsarbeit ebenso wie melodische Soli, saubere Passagen und harmonisierte Leads. Entscheidend ist jedoch ihre Bereitschaft, nicht jeden freien Raum mit Gitarren zu besetzen. Besonders in »Devour Us«, »Desert Of Limbo« und »Creation« erhalten Bass, Violine und Stimmen genügend Platz.

Jeremy Smith ist einer der wichtigsten Faktoren für die Eigenständigkeit des Materials. Sein Bass wird nicht als bloße Verstärkung der Gitarren behandelt. Er übernimmt Melodien, führt durch Taktwechsel und bildet gemeinsam mit Gleason eine bewegliche Grundlage. Gleason wiederum verbindet technische Präzision mit ausreichend Dynamik. Selbst bei komplexen Rhythmen klingt sein Spiel nicht programmiert oder mechanisch.

Parker Kitching und Solomon Smith ergänzen sich wirkungsvoll. Kitching bringt die extremsten und zugleich einige der melodischsten Momente ein, während Smith als zusätzliche Stimme Übergänge, Wechselgesänge und mehrstimmige Arrangements ermöglicht. Gelegentlich wäre eine stärkere Trennung der verschiedenen Gesangsebenen hilfreich gewesen. In besonders dichten Passagen lassen sich die Stimmen nicht immer sofort auseinanderhalten.

JAMIE KING HÄLT DIE VIELEN IDEEN ZUSAMMEN

Die Produktion von Jamie King bewältigt eine schwierige Aufgabe. Tiefe Gitarren, aktive Basslinien, komplexes Schlagzeug, mehrere Gesangsschichten und der Violinenbeitrag müssen ausreichend Gewicht erhalten, ohne sich gegenseitig vollständig zu verdecken. Das gelingt überwiegend hervorragend.

Die Gitarren besitzen Druck und Klarheit, wirken aber nicht übermäßig geglättet. Gleasons Schlagzeug klingt präzise und kraftvoll, während die Bassdrum auch in den schnellen Passagen nachvollziehbar bleibt. Besonders positiv fällt die Präsenz des Basses auf. Jeremy Smiths Spiel wird nicht im unteren Frequenzbereich versteckt, sondern als eigenständiger Teil der Arrangements behandelt.

Die saubereren Passagen verfügen über spürbar mehr Raum, während Breakdowns und Deathcore-Ausbrüche bewusst verdichtet werden. Dadurch entsteht Dynamik, obwohl das Album insgesamt modern und druckvoll gemastert wurde. Lediglich bei einigen besonders stark geschichteten Gesängen stößt die Mischung an ihre Grenzen.

EIN DEBÜT MIT ENORMEM ANSPRUCH

Mit einer Laufzeit von etwas mehr als einer Stunde verlangt »The Vision« Konzentration und Geduld. Entropist schreiben keine kurzen Songs, die ihre Ideen nach einem Refrain und zwei Breakdowns beenden. Die meisten Stücke entwickeln mehrere Phasen, greifen frühere Motive auf und erfüllen eine konkrete Aufgabe innerhalb des Konzeptes.

Dieser Ansatz führt zu beeindruckenden Höhepunkten, erzeugt aber auch einzelne Längen. Nicht jeder Taktwechsel und nicht jede zusätzliche Gitarrenfigur wäre zwingend erforderlich gewesen. Vor allem Hörer, die Progressive Metal stärker über kompakte Melodien erschließen, könnten sich von der Informationsfülle zunächst überfordert fühlen.

Trotzdem hält das Album bemerkenswert gut zusammen. Einflüsse von Between The Buried And Me, The Contortionist, Meshuggah und Opeth sind erkennbar, werden jedoch nicht einfach kopiert. Entropist kombinieren technische Härte, moderne Rhythmik, melodische Offenheit und konzeptionelles Erzählen zu einer eigenen Sprache.

FAZIT:

»The Vision« ist ein ausgesprochen ambitioniertes Debüt, das technische Fähigkeiten mit einer nachvollziehbaren emotionalen Entwicklung verbindet. Zwischen der vernichtenden Schwere von »I Hunger«, dem experimentellen Aufbau von »Desert Of Limbo« und der triumphalen Wendung von »Creation« entfaltet sich ein Album, das tatsächlich als zusammenhängende Reise funktioniert. Einige Passagen hätten von strengerer Selbstkontrolle profitiert, doch Musikerleistung, Produktion und konzeptionelle Geschlossenheit liegen weit über gewöhnlichem Debütniveau.

Official Lyric Video: Intense Warmth

Internet

Entropist - The Vision - Album Review

Sorrow Sphere – The Wizard Of Doom

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Band: Sorrow Sphere 🇮🇹
Titel: The Wizard Of Doom
Label: Club Inferno Entertainment
VÖ: 12.06.2026
Format: Digital
Genre: Epic Doom Metal / Traditional Doom Metal / Heavy Doom Metal

Tracklist

01. The Awakening Of Chaos – 02:25
02. Ashes Of A Dying Breed – 04:48
03. The Wizard Of Doom – 06:10
04. The Bringer Of Blades – 06:20
05. Doomed Skies – 03:59
06. Descent To Oblivion – 03:07
07. Descent To Oblivion (Extended Version) – 04:16

Besetzung

Ernesto „Doomlord“ Menga – Gesang, Bass
Giuseppe „Buzz“ Nicolò – sechs- und achtsaitige Gitarren, Drum-Programming, Hintergrundgesang

Produktion:
Musik – Sorrow Sphere
Texte – Ernesto „Doomlord“ Menga
Aufnahme, Mixing und Mastering – Giuseppe „Buzz“ Nicolò im Lost Soul Studio
Coverartwork – Gianfranco Logiudice

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Die italienischen Sorrow Sphere melden sich nach dem 2024 veröffentlichten »Demonotheism« mit einer neuen Besetzung und einer deutlichen Rückbesinnung auf ihre düsteren Wurzeln zurück. Okay, das Artwork von »The Wizard Of Doom« sieht aus wie Neunziger-Commodore-CGI, doch wie heißt es so schön? Don’t judge a book by its cover! Hinter der etwas angestaubten Computerfantasy verbirgt sich nämlich eine hörenswerte Mischung aus langsamem Epic Doom, traditionellem Heavy Metal und vereinzelten Ausflügen in deutlich finsterere Gefilde. Vom ursprünglichen Line-up ist Ernesto „Doomlord“ Menga geblieben, der Gesang und Bass übernimmt. Neu an seiner Seite steht Giuseppe „Buzz“ Nicolò von Memories Of A Lost Soul, der Gitarren, Drum-Programming, Hintergrundgesang und die komplette Produktion verantwortet. Die offiziell als EP geführte Veröffentlichung umfasst knapp 31 Minuten, wobei »Descent To Oblivion« gleich in zwei Versionen vertreten ist. Musikalisch orientiert sich das Duo an klassischen Größen wie Candlemass, Solitude Aeturnus, Trouble, Pentagram und Solstice, ohne deren Qualität durchgehend zu erreichen. Trotzdem besitzt »The Wizard Of Doom« ausreichend Atmosphäre, schwere Riffs und eigenwillige Melodien, um nicht allein vom nostalgischen Doom-Bonus zu leben.

YouTube Art-Track-Albumstream: The Wizard Of Doom

DAS CHAOS ERWACHT LANGSAM

Mit »The Awakening Of Chaos« beginnt die EP nicht direkt mit einem alles niederwalzenden Doom-Riff. Stattdessen bauen Sorrow Sphere über zweieinhalb Minuten eine dunkle und leicht mystische Atmosphäre auf. Keyboards, langsame Gitarrenbewegungen und eine bewusst bedrohliche Klanggestaltung öffnen das Tor zu einer Welt, die irgendwo zwischen verfallenen Tempeln, Schwert-und-Magie-Fantasy und klassischer Heavy-Metal-Dramatik liegt.

Das Intro erfüllt seinen Zweck, hätte allerdings etwas kompakter ausfallen dürfen. Die Stimmung wird früh etabliert und anschließend nur noch geringfügig erweitert. Als Vorbereitung auf den ersten regulären Song funktioniert die Nummer dennoch, weil sie die bedächtige Grundhaltung der Veröffentlichung deutlich macht.

»Ashes Of A Dying Breed« führt anschließend das zentrale musikalische Konzept ein. Schwere Gitarren, ein betont langsames Schlagzeug und der tiefe Gesang von Ernesto „Doomlord“ Menga bewegen sich in einem mittleren Doom-Tempo. Die Stimme wirkt weniger opernhaft als bei vielen Vertretern des Epic Doom und erinnert stellenweise stärker an eine beschwörende Erzählung.

Gerade dieser Gesang verleiht der Musik Eigenständigkeit. Ernesto „Doomlord“ Menga versucht nicht, Messiah Marcolin oder Robert Lowe zu imitieren. Sein tiefer, leicht rauer Vortrag fügt sich in die dunkle Produktion ein und verstärkt den Eindruck, dass hier keine strahlenden Helden, sondern die letzten Überlebenden einer untergehenden Welt besungen werden.

Das Riffing bleibt vergleichsweise einfach. Giuseppe „Buzz“ Nicolò setzt auf breite Akkorde und wenige gezielte melodische Figuren. Dadurch entwickelt der Song eine solide Schwere, allerdings fehlt dem Refrain jener markante Widerhaken, der die großen Klassiker des Genres sofort unverwechselbar macht.

DER ZAUBERER DES UNTERGANGS

Das Titelstück »The Wizard Of Doom« überschreitet die Sechs-Minuten-Marke und bildet den atmosphärischen Mittelpunkt. Die Gitarren erhalten einen leicht orientalischen Einschlag, während Keyboards und langsame Rhythmen eine mystische Kulisse aufbauen. Die Musik klingt dadurch weniger nach einer europäischen Burgruine als nach einem vergessenen Tempel irgendwo hinter einer endlosen Wüste.

Diese exotische Färbung steht dem Duo gut. Sorrow Sphere verlassen damit zumindest teilweise die vertraute Schnittmenge aus Candlemass und Solitude Aeturnus. Die Gitarren bewegen sich kontrolliert, während der Gesang wie eine dunkle Prophezeiung über dem Arrangement liegt.

Im Mittelteil erhöht sich das Tempo geringfügig. Die Gitarren lösen sich aus dem schwerfälligen Grundrhythmus und setzen beweglichere Figuren ein. Ein melodischer Instrumentalabschnitt bringt zusätzliche Dynamik, ohne den Doom-Charakter aufzugeben.

Allerdings zeigt sich hier auch eine Schwäche der EP: Die Produktion bleibt über weite Strecken sehr kompakt. Gitarren, Bass, programmiertes Schlagzeug und Keyboards bilden eine geschlossene Fläche, in der einzelne Details nicht immer klar hervortreten. Gerade das Bassspiel könnte stärker aus der Mischung gelöst werden.

Das Drum-Programming erfüllt seinen Zweck und arbeitet unauffällig. In den langsamen Passagen wirkt es ausreichend kraftvoll, bei Übergängen fehlt jedoch gelegentlich jene natürliche Dynamik, die ein tatsächlicher Schlagzeuger einbringen könnte. Der Musik wird dadurch nicht ihre Wirkung genommen, aber etwas von ihrer körperlichen Schwere.

DER KLINGENBRINGER SCHLÄGT HÄRTER ZU

»The Bringer Of Blades« gehört zu den stärksten Stücken der Veröffentlichung. Die Gitarren klingen härter, der Rhythmus erhält mehr Druck und einzelne Passagen bewegen sich in Richtung Death Doom. Ernesto „Doomlord“ Menga verstärkt diese Wirkung mit einem besonders tiefen und bedrohlichen Vortrag.

Der Song lebt von seinen Kontrasten. Langsame, schwere Riffs wechseln mit flüssigeren Gitarrenbewegungen und einem hörenswerten Leadpart. Giuseppe „Buzz“ Nicolò beweist hier, dass er nicht allein massive Akkorde setzen, sondern auch melodische Linien mit einer klaren Entwicklung schreiben kann.

Besonders das Gitarrensolo hebt sich positiv hervor. Es versucht nicht, durch möglichst viele Noten zu beeindrucken, sondern führt die düstere Stimmung des Songs weiter. Der Ton bleibt melodisch, besitzt aber genügend Schärfe, um nicht nach klassischem Hard Rock zu klingen.

Mit mehr als sechs Minuten ist »The Bringer Of Blades« die längste Komposition. Anders als beim Intro wird die Spielzeit sinnvoll genutzt. Die Band baut verschiedene Spannungsstufen auf und vermeidet es, denselben Refrain bis zur Erschöpfung zu wiederholen.

Hier zeigt sich das größte Potenzial von Sorrow Sphere. Wenn die schweren Doom-Riffs, der eigenwillige Gesang und die melodischen Gitarren gleichberechtigt auftreten, entwickelt das Duo ein glaubwürdiges eigenes Profil.

VERDAMMTE HIMMEL OHNE SONNENLICHT

»Doomed Skies« ist kompakter und direkter aufgebaut. Nach den beiden ausgedehnten Hauptstücken bringt die Nummer mehr Bewegung in die zweite Hälfte. Das Tempo bleibt für Doom-Verhältnisse moderat, doch die Gitarren greifen entschlossener an.

Der Song besitzt einen stärkeren traditionellen Heavy-Metal-Einschlag. Die Riffs sind geradliniger, die Struktur leichter nachvollziehbar und der Refrain tritt klarer hervor. Dadurch eignet sich »Doomed Skies« gut als Einstieg für Hörer, denen die langsameren Stücke zunächst zu schwerfällig erscheinen.

Gleichzeitig bleibt die Nummer weniger tiefgründig als »The Wizard Of Doom« oder »The Bringer Of Blades«. Die Atmosphäre ist vorhanden, entwickelt sich aber kaum über die anfängliche Idee hinaus. Nach knapp vier Minuten ist alles gesagt, was in diesem Fall durchaus für die Komposition spricht.

Die Gitarrenproduktion fällt erneut sehr dicht aus. Giuseppe „Buzz“ Nicolò verwendet sechs- und achtsaitige Instrumente, wodurch die tiefen Frequenzen erhebliches Gewicht erhalten. In Verbindung mit dem Bass entsteht allerdings gelegentlich eine kompakte Tieftonfläche, der etwas mehr Trennschärfe guttun würde.

ZWEIMAL HINAB IN DIE VERGESSENHEIT

Mit »Descent To Oblivion« endet die reguläre Songfolge. Die Nummer ist in einer gut dreiminütigen Fassung und einer um etwa eine Minute verlängerten Version enthalten. Der Unterschied besteht vor allem in zusätzlichem Material innerhalb der längeren Variante.

Die kurze Fassung funktioniert besser. Sie konzentriert sich auf das zentrale Riff, den Gesang und eine klare Entwicklung. Der Song besitzt einen beinahe rituellen Charakter und führt die EP ohne übermäßige Ausschmückung zu einem passenden Ende.

Die »Extended Version« ergänzt einen weiteren Abschnitt, verändert die grundlegende Wirkung aber kaum. Für Sammler und besonders interessierte Hörer ist die alternative Fassung ein netter Zusatz. Als eigenständiger siebter Titel wirkt sie jedoch eher wie Bonusmaterial und streckt die Veröffentlichung künstlich über die halbe Stunde.

Anstelle der Wiederholung wäre ein zusätzlicher eigenständiger Song reizvoller gewesen. Die EP besitzt im Kern fünf reguläre Kompositionen und ein Intro. Gerade weil »The Bringer Of Blades« und der Titeltrack das vorhandene Potenzial zeigen, bleibt der Wunsch nach etwas mehr neuem Material.

ZWEI MUSIKER GEGEN DAS LICHT

Sorrow Sphere treten auf »The Wizard Of Doom« als Duo auf. Ernesto „Doomlord“ Menga ist das verbliebene Gründungsmitglied und hält mit Gesang, Bass sowie sämtlichen Texten die Verbindung zur Vergangenheit der Band aufrecht.

Sein Gesang wird die Hörerschaft wahrscheinlich teilen. Die tiefe, teilweise sprechende Stimme besitzt Charakter, erreicht aber nicht immer die dramatische Ausdruckskraft klassischer Epic-Doom-Frontmänner. Gleichzeitig verhindert genau diese Eigenart, dass Sorrow Sphere wie eine weitere Kopie bekannter Vorbilder klingen.

Giuseppe „Buzz“ Nicolò übernimmt nahezu den gesamten instrumentalen und technischen Unterbau. Seine Gitarrenarbeit ist solide, gelegentlich sogar ausgesprochen stark. Besonders die melodischen Leads auf »The Bringer Of Blades« und die orientalischen Figuren des Titeltracks setzen deutliche Akzente.

Das programmierte Schlagzeug bleibt der größte Schwachpunkt. Es klingt keineswegs billig, bewegt sich aber sehr kontrolliert und lässt den schweren Riffs gelegentlich jene menschliche Trägheit fehlen, die im Doom Metal besonders wirkungsvoll sein kann. Ein tatsächlicher Schlagzeuger könnte zukünftigen Aufnahmen mehr Dynamik verleihen.

RÜCKKEHR ZU DEN DUNKLEN WURZELN

Sorrow Sphere entstanden bereits in den späten Neunzigerjahren im kalabrischen Underground. Nach mehreren frühen Demoaufnahmen verschwand die Band jedoch weitgehend von der Bildfläche, bevor mit »Demonotheism« 2024 das erste vollständige Album erschien.

»The Wizard Of Doom« soll musikalisch stärker an die ursprüngliche Ausrichtung anknüpfen. Langsame Rhythmen, dunkle Atmosphären und schweres Riffing stehen entsprechend deutlicher im Vordergrund. Die EP wirkt weniger breit angelegt als der Vorgänger und konzentriert sich konsequent auf traditionellen und epischen Doom Metal.

Diese Fokussierung ist grundsätzlich sinnvoll. Die Band weiß, welche Stimmung sie erzeugen möchte, und verzichtet auf unnötige stilistische Ausflüge. Das Material bewegt sich allerdings sehr nah an den bekannten Regeln des Genres.

Vergleiche mit Candlemass, Solitude Aeturnus, Trouble, Solstice und Pentagram sind unvermeidbar. Sorrow Sphere erreichen nicht durchgehend deren kompositorische Prägnanz, besitzen aber genug eigene Merkmale, um nicht als bloße Tribute-Band durchzugehen.

Das größte Entwicklungspotenzial liegt in stärkeren Refrains und einer organischeren Rhythmusarbeit. Die Atmosphäre stimmt, die Gitarren besitzen Gewicht und der Gesang hat Wiedererkennungswert. Was stellenweise fehlt, sind Melodien, die sich auch Stunden nach dem Hören noch festgesetzt haben.

FAZIT:

»The Wizard Of Doom« bietet soliden Epic Doom mit schweren Riffs, mystischer Atmosphäre und einem eigenwilligen Gesang, wobei besonders »The Wizard Of Doom« und »The Bringer Of Blades« überzeugen. Das programmierte Schlagzeug, die kompakte Produktion und die doppelte Fassung von »Descent To Oblivion« bremsen die Veröffentlichung etwas aus. Das Artwork bleibt Geschmackssache – musikalisch sollte man Sorrow Sphere deshalb tatsächlich nicht vorschnell nach ihrer digitalen Verpackung beurteilen.

Internet

Sorrow Sphere - The Wizard Of Doom - EP Review

Tombal – Grave Of The Damned

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Band: Tombal 🇮🇹
Titel: Grave of the Damned
Label: Blood Harvest Records / Unholy Domain Records
VÖ: 12.06.2026
Format: CD / Kassette / Digital
Genre: Old School Death Metal / Swedish Death Metal

Tracklist

01. Cryptic Invocations (Intro) – 01:00
02. Grave of the Damned – 04:00
03. Cemeterial Death Worship – 03:58
04. Funebral Furnace – 03:45
05. Cathedrals of Rot – 03:01

Besetzung

Luigi Cara – Gesang, Gitarre
Massimiliano Falchi – Bass
Luca Barone – Schlagzeug

Veröffentlichung:
CD – Blood Harvest Records
Kassette – Unholy Domain Records
CD-Auflage – limitiert auf 300 Exemplare
Gesamtlaufzeit – 15:44 Minuten

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Schwedischer Death Metal aus Sardinien? Warum eigentlich nicht! Die Ende 2025 gegründeten Tombal klingen auf ihrer Debüt-EP »Grave of the Damned«, als hätten sie einen alten HM-2-Verzerrer aus einem zugemauerten Keller der Stockholmer Sunlight Studios geborgen. Das italienische Trio um Luigi Cara, Massimiliano Falchi und Luca Barone orientiert sich unverkennbar an Entombed, Dismember, Grave, Unleashed und Interment. Allerdings beschränkt sich die Band nicht darauf, den bekannten Motorsägengitarrenklang möglichst originalgetreu nachzustellen. In knapp 16 Minuten verbinden Tombal schnelle Galopprhythmen, Blastbeats, schwere Midtempo-Riffs und kurze melodische Einsprengsel zu einem konzentrierten Angriff, der weder Zeit für technische Selbstdarstellung noch für überflüssige Wiederholungen lässt. Die CD erscheint über Blood Harvest Records, während Unholy Domain Records die Kassettenausgabe übernimmt. Formal handelt es sich also nicht um ein vollständiges Album, sondern um eine EP mit Intro und vier regulären Stücken – doch dieses Grab ist tief genug, um einen ziemlich überzeugenden ersten Eindruck zu hinterlassen.

Full EP Stream: Grave of the Damned

DAS GRAB ÖFFNET SICH

Das einminütige »Cryptic Invocations (Intro)« führt mit einer dunklen, sakral wirkenden Atmosphäre in die EP. Statt sofort sämtliche Instrumente gleichzeitig loszulassen, bauen Tombal zunächst Spannung auf. Das Intro erfüllt damit einen klaren Zweck: Es trennt die reale Welt von den vier folgenden Stücken, in denen Friedhöfe, Fäulnis und menschliche Vernichtung die Kontrolle übernehmen.

Lange hält die Ruhe nicht an. »Grave of the Damned« beginnt mit einem Schlagzeugwirbel, der sich wie eine kurze Warnung vor dem folgenden Angriff anhört. Anschließend setzt Luigi Cara jene HM-2-Gitarre ein, die für den gesamten Charakter der Veröffentlichung entscheidend ist. Der Klang ist sägend, breit und aggressiv, besitzt aber genügend Kontur, damit die einzelnen Riffs nicht in einer gleichförmigen Verzerrung verschwinden.

Der Titeltrack handelt nicht von einem gewöhnlichen Friedhofsszenario, sondern von Krieg und dessen psychischen Folgen. Ein Soldat gehorcht, schießt auf einen anderen Menschen und überlebt körperlich, lässt jedoch einen Teil seiner selbst auf dem Schlachtfeld zurück. Orden verrotten auf zerstörten Körpern, während der Krieg im Inneren weitergeht. Der Text verzichtet damit auf Heldentum und betrachtet Überleben als Belastung statt als Triumph.

Musikalisch wechseln Tombal zwischen treibenden Rhythmen, kurzen Blastbeat-Attacken und schweren Abschnitten. Luca Barone spielt energisch und präzise, ohne den natürlichen Charakter einer Bandaufnahme zu verlieren. Die Snare schlägt trocken durch die Gitarrenwand, während die Bassdrum besonders in den schnelleren Passagen genügend Druck erzeugt.

Massimiliano Falchi folgt mit seinem Bass häufig den Gitarren, macht deren Klang dadurch aber noch massiver. Das Instrument ist nicht ständig als eigenständige Melodielinie wahrnehmbar, sorgt jedoch für jene tiefe körperliche Wirkung, die der ohnehin schweren Gitarre zusätzliche Substanz verleiht.

GOTTESDIENST AUF DEM FRIEDHOF

»Cemeterial Death Worship« ist der eingängigste Song der EP. Nach dem direkten Titeltrack setzen Tombal stärker auf Midtempo und einen Rhythmus, der sofort zum Kopfnicken zwingt. Das Hauptriff ist simpel aufgebaut, wird jedoch mit solcher Entschlossenheit gespielt, dass zusätzliche technische Verzierungen überflüssig wären.

Besonders gelungen ist der Wechsel zwischen schwerem Groove und schnelleren Ausbrüchen. Luca Barone hält das Stück beweglich, indem er nicht dauerhaft dieselben Schlagzeugfiguren wiederholt. Kurze Fills und Beschleunigungen verhindern, dass sich die Nummer vollständig auf ihrem Hauptriff ausruht.

Luigi Cara setzt zusätzlich eine melodische Leadgitarre ein, die sich aus der tiefen Verzerrung löst. Diese Melodie bringt keine freundliche Aufhellung, sondern verstärkt die morbide Atmosphäre. Hier zeigt sich die Nähe zu Dismember besonders deutlich: Härte und Melodie stehen nicht gegeneinander, sondern bilden gemeinsam den eigentlichen Reiz.

Der Gesang bleibt tief und verständlich genug, um nicht zu einem bloßen Geräusch innerhalb des Mixes zu werden. Luigi Cara brüllt mit kontrollierter Aggression und vermeidet sowohl übermäßig tiefe Gurgellaute als auch moderne Core-Schreie. Seine Stimme passt damit perfekt zur frühen Neunziger-Ästhetik der Musik.

DER VERBRENNUNGSOFEN LÄUFT AUF VOLLLAST

Mit »Funebral Furnace« erreicht die EP ihren aggressivsten Abschnitt. Der Song setzt stärker auf Geschwindigkeit, Blastbeats und kurze Tremolo-Passagen. Trotzdem verlieren Tombal den Groove nicht vollständig. Selbst in den schnellsten Momenten bleiben die Riffs nachvollziehbar und besitzen eine klare rhythmische Funktion.

Das Stück ist kompakt aufgebaut und wirkt weniger hymnisch als »Cemeterial Death Worship«. Die Gitarren greifen unmittelbar an, während das Schlagzeug die Komposition nahezu ununterbrochen vorwärtstreibt. Gerade dadurch entsteht jedoch die Gefahr, dass einzelne Motive weniger deutlich im Gedächtnis bleiben.

Handwerklich gibt es wenig zu beanstanden. Luigi Cara spielt seine Riffs präzise, Massimiliano Falchi verstärkt die tiefen Frequenzen und Luca Barone liefert den notwendigen Geschwindigkeitsrausch. Im Vergleich zu den übrigen Stücken fehlt lediglich ein herausragendes Leitmotiv, das die Nummer sofort eindeutig identifizierbar macht.

Innerhalb der kurzen Laufzeit funktioniert »Funebral Furnace« dennoch hervorragend. Die EP benötigt an dieser Stelle keinen weiteren langsamen Gruftmarsch, sondern einen möglichst direkten Gewaltausbruch. Genau diesen liefern Tombal ohne Umwege.

KATHEDRALEN AUS FÄULNIS

»Cathedrals of Rot« beendet die EP mit drei Minuten kontrollierter Zerstörung. Der Song beginnt schnell, entwickelt anschließend jedoch einen schweren Rhythmus, der zu den stärksten Momenten der gesamten Veröffentlichung gehört. Die Gitarren bewegen sich langsamer und erhalten dadurch noch mehr Gewicht.

Die titelgebenden Kathedralen bestehen nicht aus Marmor oder buntem Glas, sondern aus Verwesung und menschlichen Überresten. Tombal setzen diese Vorstellung nicht mit orchestralen Effekten oder übertriebener Dramatik um. Ein massives Riff und die tiefe Stimme reichen aus, um die notwendige Größe zu erzeugen.

Im letzten Drittel kehren schnellere Bewegungen zurück. Dadurch wird »Cathedrals of Rot« nicht zu einem reinen Midtempo-Abschluss, sondern bündelt noch einmal die wichtigsten Eigenschaften der EP: HM-2-Gitarre, Blastbeats, schwere Grooves und kurze melodische Akzente.

Gerade als Schlussstück ist die Nummer wirkungsvoll. Tombal verzichten auf ein langes Ausblenden, eine Geräuschcollage oder einen künstlichen Spannungsbogen. Nach drei Minuten fällt der Deckel zu – und das Grab bleibt geschlossen.

DREI MUSIKER UND EINE MOTORSÄGE

Die Besetzung der EP ist auf das Wesentliche reduziert. Luigi Cara übernimmt Gitarre und Gesang, Massimiliano Falchi spielt Bass und Luca Barone sitzt hinter dem Schlagzeug. Diese Trio-Konstellation kommt der Musik zugute, weil keine zusätzlichen Instrumente um Aufmerksamkeit kämpfen.

Die Gitarre steht erwartungsgemäß im Zentrum. Der HM-2-Klang ist extrem präsent und wird ohne Zurückhaltung eingesetzt. Trotzdem verlassen sich Tombal nicht allein auf den Effekt. Hinter der Verzerrung stehen Riffs, die auch mit einem weniger markanten Gitarrenton funktionieren würden.

Massimiliano Falchi trägt erheblich zum Gewicht bei. Sein Bass könnte an manchen Stellen etwas deutlicher aus dem Gitarrenklang herausgelöst werden, erfüllt aber zuverlässig seine Aufgabe. Besonders in den langsameren Passagen entsteht eine breite, drückende Tieftonwand.

Luca Barone ist das beweglichste Element. Er wechselt sicher zwischen Blastbeats, Galopprhythmen und schweren Midtempo-Schlägen. Seine Leistung verhindert, dass die EP zu einer bloßen Aneinanderreihung ähnlich klingender HM-2-Riffs wird.

SCHWEDISCHER TOD AUS SARDINIEN

Die Vorbilder sind unüberhörbar. Entombed, Dismember, Grave, Unleashed und Interment bilden das stilistische Fundament. Auch modernere Vertreter wie Bloodbath oder Entrails lassen sich als Vergleich heranziehen.

Vollständig neu ist an »Grave of the Damned« deshalb nichts. Tombal versuchen allerdings auch nicht, ihre Einflüsse hinter ungewöhnlichen Genrebezeichnungen zu verstecken. Die Band spielt klassischen schwedisch geprägten Death Metal, weil sie genau diesen Klang liebt.

Entscheidend ist die Qualität der Umsetzung. Die Riffs besitzen Druck, das Schlagzeug arbeitet abwechslungsreich und die Songs verschwenden keine Zeit. Das Trio versteht, dass Old School Death Metal nicht allein durch einen bestimmten Verzerrer entsteht, sondern von überzeugenden Übergängen und einer funktionierenden Rhythmusgruppe abhängt.

Die Produktion bildet sämtliche Instrumente ausreichend klar ab, bewahrt aber eine rohe Oberfläche. Der Gitarrenton nimmt viel Raum ein, ohne Schlagzeug und Gesang vollständig zu verschlucken. Eine stärkere Präsenz des Basses hätte dem Klangbild zusätzliche Tiefe gegeben, doch insgesamt stimmt die Balance.

Die größte Einschränkung liegt in der kurzen Laufzeit. Nach dem Intro bleiben lediglich vier reguläre Songs. Diese präsentieren zwar unterschiedliche Geschwindigkeiten und Schwerpunkte, erlauben jedoch noch keine abschließende Einschätzung, wie vielseitig Tombal auf einem vollständigen Album arbeiten können.

Als Debüt erfüllt die EP ihren Zweck allerdings ausgezeichnet. Blood Harvest Records haben die Band bereits für ein kommendes Album verpflichtet. Sollte das Trio die Mischung aus direkter Härte, schwerem Groove und kurzen melodischen Momenten auf eine längere Spielzeit übertragen können, dürfte Sardinien künftig einen festen Platz auf der Landkarte des europäischen Old School Death Metal erhalten.

FAZIT:

»Grave of the Damned« ist ein kurzer, aber äußerst wirkungsvoller Einstand, auf dem Tombal klassischen schwedischen Death Metal mit schweren HM-2-Gitarren, kompromisslosen Blastbeats und überzeugenden Midtempo-Riffs zelebrieren. Besonders »Grave of the Damned«, »Cemeterial Death Worship« und »Cathedrals of Rot« zeigen, dass hinter der offensichtlichen Verehrung der alten Schule eine Band mit Gespür für kompakte Songs steckt. Nach knapp 16 Minuten ist das Grab zwar schon wieder geschlossen, doch darunter arbeitet bereits etwas, das auf einem vollständigen Album noch erheblichen Schaden anrichten könnte.

Official Art Track: Grave of the Damned

Official Art Track: Cathedrals of Rot

Internet

Tombal - Grave of the Damned - EP Review

BalashToth – Equation II – The Antithesis of Life and Free

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Band: BalashToth 🇮🇪
Titel: Equation II: The Antithesis of Life and Free Will
Label: Not-Even-Music / Pest Records / Metal Ör Die Records
VÖ: 12.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Melodic Death Metal / Death-Thrash Metal

Tracklist

01. +Fear + Despair
02. +Self-Worth÷Mockery
03. x Guilt
04. Love = Lies
05. Life = Death
06. Self = Dark Side
07. n = y
08. ÷ Misunderstanding
09. x Judgement

Besetzung

Balázs Tóth – Gitarren, Bass, weitere Instrumente, Songwriting, Drum-Programming
Deathmetalvoicer – Gesang
Ádám Tóth – Viola, Moog-Synthesizer, Co-Komposition auf „n = y“

Produktion:
Produktion, Mixing und Mastering – Balázs Tóth
Musik und Texte – Balázs Tóth
Musik auf „n = y“ – Ádám Tóth und Balázs Tóth
Coverfoto – Péter Jakab
Layout – Balázs Tóth
Logo – Necromonn Design

Physische Ausgaben:
Handnummeriertes Digipack, limitiert auf 100 Exemplare
Jewel-Case-CD mit achtseitigem Booklet

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Mathematik war in der Schule nicht unbedingt jedermanns Lieblingsfach. BalashToth rechnen auf ihrem Debütalbum »Equation II: The Antithesis of Life and Free Will« allerdings nicht mit schnöden Zahlen, sondern mit Angst, Verzweiflung, Schuld, Selbstwert, Liebe, Tod und menschlicher Urteilsfähigkeit. Hinter dem in Irland beheimateten Projekt steht der aus Ungarn stammende ehemalige Casketgarden-Gitarrist Balázs Tóth, der Musik, Texte, Instrumente sowie die komplette Produktion weitgehend selbst verantwortet. Unterstützt wird er vom japanischen Sänger Deathmetalvoicer und seinem Bruder Ádám Tóth an Viola und Moog-Synthesizer. Inhaltlich schließt das Album den mit den EPs »Anti-Life« und »=Equation=« begonnenen Zyklus ab. Die aus dem Comicuniversum entlehnte Anti-Life Equation wird dabei zur Metapher für politische Manipulation, psychologische Kontrolle und gesellschaftliche Mechanismen, die Menschen ihren Selbstwert und letztlich ihren freien Willen nehmen. Musikalisch treffen Göteborg-Melodien auf Death-Thrash, klassisches Todesblei, groovige Passagen und überraschend düstere Streichereinsätze.

YouTube Art-Track-Albumstream: Equation II – The Antithesis of Life and Free Will

ANGST PLUS VERZWEIFLUNG ERGIBT 280 BPM

»+Fear + Despair« eröffnet das Album mit erheblicher Geschwindigkeit. Balázs Tóth setzt auf scharf geführte Tremolo-Gitarren, schnelle Thrash-Rhythmen und melodische Gegenbewegungen, die trotz des hohen Tempos deutlich erkennbar bleiben. Die bis zu 280 Schläge pro Minute sind dabei kein bloßer Zahlenwert für das Promoblatt: Der Song vermittelt tatsächlich jene Überforderung, die sein Titel ankündigt.

Deathmetalvoicer bewegt sich zwischen rauem Death-Metal-Gebrüll und höher angesetzten Schreien. Seine Stimme besitzt eine angeschlagene, beinahe verzweifelte Qualität, die gut zur Musik passt. Der Gesang steht deutlich im Vordergrund, ohne die Gitarrenmelodien vollständig zu verdrängen.

Der Auftakt zeigt bereits, dass BalashToth nicht einfach den Göteborg-Sound der Neunziger kopieren. Einflüsse von At The Gates, Dimension Zero, frühen In Flames und The Haunted sind klar vorhanden, werden aber mit aggressiverem Death-Thrash und einer moderneren Produktion verbunden.

»+Self-Worth÷Mockery« nimmt anschließend etwas Geschwindigkeit heraus und arbeitet stärker mit Groove. Der mathematische Titel lässt sich als Selbstwert geteilt durch Spott lesen. Inhaltlich geht es um Menschen, deren Selbstwahrnehmung durch gesellschaftliche Erwartungen, materielle Statussymbole und dauerhafte Herabsetzung systematisch beschädigt wird.

Musikalisch gehört die Nummer zu den vielschichtigsten Stücken. Ein treibendes Hauptriff trifft auf melodische Leads und einen Refrain, der trotz der extremen Stimme nachvollziehbar aufgebaut ist. Mit knapp sechs Minuten hätte der Song etwas gestrafft werden können, doch die zahlreichen Gitarrendetails rechtfertigen einen großen Teil der Spielzeit.

SCHULD ALS POLITISCHES WERKZEUG

»x Guilt« richtet sich gegen Mechanismen, mit denen Menschen Schuld zugewiesen wird, um Kontrolle, Einschränkungen und politische Entscheidungen durchzusetzen. Die Thematik ist deutlich konfrontativer als bei den stärker nach innen gerichteten Stücken.

Das Riffing fällt härter und weniger verspielt aus. Die melodischen Gitarren bleiben vorhanden, werden aber von kurzen Death-Thrash-Angriffen und einer druckvollen Rhythmik zurückgedrängt. Besonders die Bassdrums verleihen dem Song einen energischen Vorwärtsdrang.

Die programmierte Schlagzeugarbeit ist grundsätzlich überzeugend umgesetzt. Anschläge und Dynamik wirken nicht vollständig identisch, wodurch der sterile Eindruck vieler Ein-Mann-Produktionen vermieden wird. In einzelnen schnellen Passagen bleibt der künstliche Ursprung dennoch hörbar. Das beschädigt die Wirkung nicht wesentlich, erinnert aber daran, dass hier kein vollständiges Quartett gemeinsam im Studio spielt.

Balázs Tóth verzichtete bei den Gitarren bewusst auf vollständige Quantisierung. Das zahlt sich aus: Die Riffs sitzen präzise, besitzen aber eine natürliche Lockerheit und wirken nicht wie am Bildschirm zusammengesetzte Bausteine.

LIEBE, LEBEN UND DIE GLEICHUNG DES ZERFALLS

Mit »Love = Lies«, »Life = Death« und »Self = Dark Side« stehen drei Gleichungen im Zentrum des Albums. Menschliche Grundwerte werden dabei auf ihr negatives Gegenstück reduziert. Genau darin liegt die eigentliche Wirkung der titelgebenden Anti-Life Equation: Bedeutung wird nicht einfach zerstört, sondern so lange umgedeutet, bis das Gegenteil als Wahrheit erscheint.

»Love = Lies« verbindet eine düstere Melodieführung mit einem vergleichsweise klar strukturierten Refrain. Die Gitarren setzen weniger auf Geschwindigkeit als auf kontrollierte Spannung. Das Stück beschreibt eine Welt, in der Zuneigung, Vertrauen und familiäre Bindung kommerzialisiert oder als Mittel zur Manipulation eingesetzt werden.

»Life = Death« ist mit dreieinhalb Minuten deutlich kompakter. Das Riffing besitzt mehr Thrash-Schärfe, die Schlagzeugfiguren drücken geradliniger nach vorn und Deathmetalvoicer klingt besonders angriffslustig. Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird nicht philosophisch ausgebreitet, sondern mit einem zynischen Gleichheitszeichen beantwortet.

»Self = Dark Side« gehört zu den stärksten Titeln. Der Song verbindet schweren Old-School-Death-Metal mit einem klassischen Melodic-Death-Refrain. Die Gitarren bewegen sich langsamer, erhalten dadurch aber zusätzliches Gewicht. Inhaltlich geht es um endloses Verlangen, Konsum und die Vorstellung, dass jede Befriedigung lediglich die nächste Leerstelle erzeugt.

Hier findet BalashToth eine besonders überzeugende Balance aus Melodie und Härte. Der Refrain bleibt hängen, ohne die düstere Grundstimmung zu versüßen. Gleichzeitig hebt sich der schwerere Groove deutlich von der schnellen ersten Albumhälfte ab.

EINE VIOLA UNTERBRICHT DIE FORMEL

Nach sechs nahezu durchgehend druckvollen Stücken verändert »n = y« den Klang vollständig. Das kurze Instrumentalstück wird von der Viola des Multiinstrumentalisten Ádám Tóth getragen und verzichtet auf Metal-Instrumentierung.

Mit nur etwas mehr als einer Minute bleibt die Komposition knapp, erfüllt aber eine wichtige dramaturgische Funktion. Die Viola wirkt nicht wie ein beliebiges Zwischenspiel, sondern wie ein Moment menschlicher Wärme innerhalb einer zunehmend kalten Gleichung.

Der Wechsel verleiht dem anschließenden »÷ Misunderstanding« zusätzliche Wirkung. Der Song kehrt zum klassischen Melodic Death Metal zurück, arbeitet aber mit unruhigen Taktverschiebungen und einer melancholischeren Grundstimmung.

Inhaltlich steht ein zentraler Widerspruch der Anti-Life Equation im Mittelpunkt: Wer sämtlichen Lebewesen den freien Willen nimmt, unterwirft damit letztlich auch sich selbst. Absolute Kontrolle zerstört also jene Bedeutung, aus der ihre Macht überhaupt hervorgeht.

Die Gitarren greifen diesen Gedanken auf. Wiederkehrende Melodien werden durch Verschiebungen und schwere Unterbrechungen aus ihrer erwartbaren Bahn gelenkt. Der Song bleibt eingängig, wirkt aber nie vollständig stabil. Gerade diese unterschwellige Unsicherheit macht »÷ Misunderstanding« zu einem der überzeugendsten Stücke.

DAS URTEIL FÄLLT LANGSAM

Das sechsminütige »x Judgement« bildet den langsamen und schweren Abschluss. Während der Opener durch Geschwindigkeit überwältigt, setzt das Finale auf doomige Gitarren, breite Akkorde und die Viola von Ádám Tóth.

Der Song führt die Begriffe der vorherigen Stücke zusammen: Angst, Schuld, Scham, Liebe, Lüge, Leben und Tod werden zu Bestandteilen eines Urteils, das über den Menschen gefällt wird. Die Gleichung erscheint nicht länger als abstraktes System, sondern als persönliche Belastung.

Die Viola wird organisch in die Gitarren eingebunden. Sie legt keine beliebige Melodie über den Song, sondern verstärkt dessen melancholische Schwere. Gerade im letzten Drittel entsteht eine Atmosphäre, die sich deutlich vom überwiegend thrashigen Beginn des Albums unterscheidet.

Deathmetalvoicer liefert hier seine emotionalste Leistung. Die Stimme klingt weniger aggressiv als erschöpft und verurteilt. Dadurch endet »Equation II: The Antithesis of Life and Free Will« nicht mit einem triumphalen Höhepunkt, sondern mit einer dunklen Schlussfolgerung.

EIN PROJEKT MIT ZWEI ERKENNBAREN STIMMEN

Obwohl BalashToth im Kern ein Soloprojekt ist, entsteht kein vollständig isolierter Eindruck. Balázs Tóth verantwortet Komposition, Instrumentierung und Produktion, während Deathmetalvoicer dem Material eine konstante vokale Identität verleiht.

Die Zusammenarbeit entstand ursprünglich über gemeinsame Coverversionen von Bands wie The Haunted, Dimension Zero, Entombed und Iron Maiden. Diese gemeinsame Vorgeschichte ist hörbar. Der Gesang wirkt nicht nachträglich auf fertige Instrumentalstücke gesetzt, sondern folgt den Gitarren und rhythmischen Akzenten sehr genau.

Die größte Stärke liegt dennoch im Gitarrenspiel von Balázs Tóth. Seine Vergangenheit bei Casketgarden zeigt sich in den melodischen Linien und der Verbindung aus Thrash-Rhythmik und schwedisch geprägtem Death Metal. Die Leads sind technisch sauber, aber selten selbstverliebt. Meist dienen sie dem Aufbau der Songs.

Eine tatsächliche Rhythmusgruppe hätte dem Album stellenweise zusätzliche Spontaneität verleihen können. Besonders der Bass bleibt häufig eng an die Gitarren gebunden. Die klare kreative Kontrolle sorgt dafür im Gegenzug für eine bemerkenswert geschlossene Ausrichtung.

ZWISCHEN PRÄZISION UND KONTROLLIERTER LOCKERHEIT

Balázs Tóth übernahm Produktion, Mixing und Mastering selbst. Das Ergebnis klingt modern und transparent, ohne sämtliche Rauheit zu entfernen. Gitarrenmelodien, Rhythmusspuren und Gesang bleiben selbst in den schnellen Passagen gut unterscheidbar.

Gelegentlich wirkt das Klangbild etwas zu kontrolliert. Die Schlagzeugspuren sitzen sehr sicher, die Gitarren sind sauber übereinandergelegt und die Lautstärke bleibt über weite Strecken konstant. Dadurch verliert das Album an einigen Stellen jene Gefahr, die eine stärker organische Bandaufnahme erzeugen könnte.

Die Entscheidung, Gitarren nicht vollständig am Raster auszurichten, verhindert jedoch Schlimmeres. Kleine natürliche Verschiebungen erhalten den menschlichen Charakter und passen zum Death-Thrash-Fundament.

Auch die Viola- und Moog-Beiträge von Ádám Tóth bereichern die Produktion. Sie werden nicht als auffällige Gastinstrumente in den Vordergrund geschoben, sondern dienen überwiegend als atmosphärische Färbung. Besonders »n = y« und »x Judgement« profitieren erheblich davon.

DIE LETZTE ANTI-LIFE-GLEICHUNG

»Equation II: The Antithesis of Life and Free Will« schließt einen konzeptionellen Zyklus ab, der 2023 mit »Anti-Life« begann und 2024 mit »=Equation=« fortgeführt wurde. Gegenüber den EPs fällt das Debütalbum abwechslungsreicher und persönlicher aus.

Die früheren Veröffentlichungen betrachteten Zerstörung und Manipulation stärker aus einer globalen Perspektive. Auf dem Album rücken beschädigter Selbstwert, Schuld, Scham, Konsumzwang und innere Leere näher an den einzelnen Menschen.

Das Coverfoto von Péter Jakab passt zu dieser Verschiebung. Statt einer weltumspannenden Katastrophe zeigt es den kurzen Moment, in dem ein einzelnes Streichholz Feuer fängt. Die Gefahr ist kleiner geworden, aber gleichzeitig näher und unmittelbarer.

Musikalisch wird das Konzept nicht immer vollständig neu erfunden. Die Einflüsse des klassischen Göteborg-Sounds sind deutlich und manche Strukturen erinnern stark an die Blütezeit des Melodic Death Metal. BalashToth gleichen das durch Death-Thrash-Härte, persönliche Texte und die ungewöhnlichen Beiträge von Ádám Tóth aus.

FAZIT:

»Equation II: The Antithesis of Life and Free Will« ist ein starkes Debüt zwischen Göteborg-Melodie, Death-Thrash und dunkler Atmosphäre, das besonders mit »+Fear + Despair«, »Self = Dark Side«, »÷ Misunderstanding« und »x Judgement« überzeugt. Kleinere Abzüge gibt es für den gelegentlich sehr kontrollierten Klang und die naturgemäßen Grenzen der programmierten Rhythmusarbeit. Unter dem Strich geht die Rechnung für BalashToth jedoch auf.

Official Video: +Fear + Despair

Internet

BalashToth - Equation II: The Antithesis of Life and Free Will - CD Review

Véhémence – Assiégé pour l’Éternité

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Band: Véhémence 🇫🇷
Titel: Assiégé pour l’Éternité
Label: Antiq Records
VÖ: 10.06.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Medieval Black Metal / Epic Black Metal / Melodic Black Metal

Tracklist

01. De Célestes Cavalcades – 04:37
02. Assiégé pour l’Éternité – 09:01
03. Le Sang Respire Encore – 08:21
04. En Quête du Graal – 08:53
05. Chant d’Honneur – 08:27
06. Par Sombres Forêts et Vastes Plaines – 02:44

Besetzung

Hyvermor – Gesang, Chöre, irische Flöte, Psalter
Tulzcha – Gitarren, Keyboards, Querpfeife
KK – Bass
Thomas Leitner – Schlagzeug

Gastmusiker:
Geoffroy Dell’Aria – Flöte
Léa Bingöllü – Violine
Pierrick Valence – Nyckelharpa
Colin Miraglio – Schwertgeräusche

Produktion:
Mixing und Mastering – Stefan Traunmüller
Artwork – Claudine Vrac
Artwork-Technik – Ölgemälde

Physische Ausgaben:
A5-Digibook mit zwölfseitigem, vollständig illustriertem Booklet
Limitierte 12″-Vinyl-Ausgabe

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Schon das Artwork von »Assiégé pour l’Éternité« ist absolut kunstvoll und im Black Metal einfach mal etwas anderes: Statt der üblichen Schwarz-Weiß-Finsternis, verwischter Waldsilhouetten oder dämonischer Fratzen zeigt Claudine Vracs Ölgemälde eine farbenprächtige mittelalterliche Szenerie, die eher an eine historische Buchillustration erinnert. Genau dieser Ansatz führt direkt in die Musik von Véhémence. Das vierte Album der Franzosen ist keine gewöhnliche Fortsetzung von »Ordalies«, sondern eine vollständige Neueinspielung und Überarbeitung des 2014 veröffentlichten Debüts »Assiégé«. Über Antiq Records erscheint das Material nun mit verändertem Titel, neuer Besetzung, kräftigerer Produktion und deutlich ausgereifteren Arrangements. Epischer und melodischer Black Metal trifft auf französische Texte, Flöten, Psalter, Violine, Nyckelharpa und eine Atmosphäre, die mittelalterliche Schlachten nicht als billige Fantasykulisse, sondern als tragendes erzählerisches Fundament nutzt.

Full Album Stream: Assiégé pour l’Éternité

DE CÉLESTES CAVALCADES ÖFFNET DAS BURGTOR

»De Célestes Cavalcades« beginnt mit einer geradezu feierlichen Bewegung, bevor Tremolo-Gitarren, Blastbeats und Hyvermors heiserer Gesang das Schlachtfeld übernehmen. Véhémence arbeiten nicht mit bloß aufgesetzten Folk-Passagen. Flöten, Chöre und altertümliche Instrumente sind in das Riffing eingebunden und erweitern die Melodien, statt sie lediglich zu verzieren.

Das neunminütige Titelstück zeigt diese Stärke besonders deutlich. Rasende Black-Metal-Passagen wechseln mit heroischen Leads, getragenem Klargesang und ruhigeren Einschüben. Die Neuaufnahme klingt wesentlich druckvoller und klarer als das Debüt, bewahrt aber genügend Rauheit. Selbst bei dichter Instrumentierung bleiben Gitarren, Bass und traditionelle Klangfarben voneinander unterscheidbar.

ZWISCHEN GRAALSSUCHE UND EHRENLIE​D

»Le Sang Respire Encore« verbindet aggressive Strophen mit einer melancholischen Melodieführung. Die Band erzeugt Größe nicht durch permanente Lautstärke, sondern durch Spannungswechsel. Thomas Leitners Schlagzeug hält die langen Kompositionen beweglich, während Tulzchas Gitarren zwischen frostigem Tremolo, Heavy-Metal-Harmonien und akustischen Übergängen wechseln.

»En Quête du Graal« ist der kompositorische Mittelpunkt. Der Song wirkt wie eine vollständige mittelalterliche Erzählung, in der Aufbruch, Zweifel, Kampf und Erhabenheit aufeinanderfolgen. Violine, Nyckelharpa und Flöte verstärken die historische Färbung, ohne den Black Metal zu verdrängen.

»Chant d’Honneur« setzt anschließend stärker auf einen hymnischen Charakter und besitzt einen Refrain, der trotz französischer Sprache unmittelbar hängen bleibt. Die Melodien wirken siegreich, doch unter der Oberfläche bleiben Kälte und Bedrohung erhalten. Genau diese Verbindung trennt Véhémence von gewöhnlichem Folk Metal.

NEUAUFNAHME MIT EIGENEM WERT

Eine Neueinspielung ist nur dann sinnvoll, wenn sie mehr leistet als eine modernere Klangqualität. Véhémence ordnen die Stücke neu, straffen einzelne Entwicklungen und spielen wesentlich differenzierter. Das frühere Material bleibt erkennbar, wirkt aber wie aus jener Perspektive erzählt, welche die Band nach »Par le Sang Versé« und »Ordalies« erreicht hat.

Hyvermors Gesang wechselt zwischen heiseren Schreien, Chören und getragenen Passagen. Tulzcha liefert gleichzeitig schneidende Black-Metal-Riffs und melodische Gitarrenlinien, die häufig stärker an traditionellen Heavy Metal als an rohe Untergrundkost erinnern. Die Folk-Instrumente erhalten genügend Raum, ohne die elektrische Härte zu überlagern.

Das instrumentale »Par Sombres Forêts et Vastes Plaines« beendet das Album zurückhaltend. Nach mehr als vierzig Minuten voller Schlachten und himmlischer Reiterei bleibt eine akustische Landschaft zurück, die den erzählerischen Bogen überzeugend schließt.

FAZIT:

»Assiégé pour l’Éternité« ist weit mehr als eine kosmetisch aufpolierte Wiederholung des Debüts: Véhémence verwandeln ihre frühen Kompositionen in ein geschlossenes, detailreiches Werk zwischen epischem Black Metal und mittelalterlicher Klangkunst. Das kunstvolle Artwork, die starke Produktion und die organisch eingebundenen Folk-Instrumente machen diese Neueinspielung zu einer Veröffentlichung mit eigenem Wert.

Véhémence – Assiégé pour l’Éternité

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Véhémence - Assiégé pour l’Éternité - CD Review

Komahawk – Doomsday For Democracy

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Band: Komahawk 🇩🇪
Titel: Doomsday for Democracy
Label: Fuego Records
VÖ: 12.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Thrash Metal

Tracklist

01. The Blending Master
02. Rich and Dead
03. Doomsday for Democracy
04. Slayer Saves
05. Wrong Way Driver
06. Last Trip
07. New World to Kill
08. Blow on the Coals
09. Unspoken
10. Hellhole
11. Killing Lifegiver
12. The Hope Dies Last

Besetzung

Lars „Diggn“ Groß – Gitarre, Gesang
Halit Sahin – Gitarre
Bernd „Bassbernd“ Janssen – Bass
Björn Geene – Schlagzeug

Produktion:
Aufgenommen von Komahawk im Proberaum
DIY-Produktion – Komahawk
Mixing – Lars „Diggn“ Groß

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Morgens Halb zehn in Deutschland. Nachdem der geneigte Rezensent sich sein Knoppers reingezogen hat und seinen Kaffee runtergekippt, ist es jetzt an der Zeit für gepflegten Thrash Metal. Den liefern die Bremer Komahawk mit »Doomsday for Democracy« mehr als ein Vierteljahrhundert nach ihrem letzten Studioalbum. Der Name Komahawk dürfte dabei ein Wortspiel aus dem bewusstlosen Zustand Koma und der Streitaxt Tomahawk sein – eine durchaus passende Verbindung für Musik, die erst benommen schlägt und anschließend mit der stumpfen Seite nachlegt. Gegründet wurde die Formation bereits 1992, als Thrash Metal, Punk und Hardcore noch ohne stilpolizeiliche Genehmigung miteinander vermengt wurden. Nach dem Debüt »No Hope for Tomorrow«, dem Nachfolger »Slow« und »Rhytmo Fantástico« verabschiedete sich die Band um das Jahr 2000 in eine lange Pause. Mit »Doomsday for Democracy« kehren Lars „Diggn“ Groß, Halit Sahin, Bernd „Bassbernd“ Janssen und Björn Geene nun über Fuego Records zurück. Zwölf Stücke und rund vierzig Minuten lang verbinden sie Old-School-Thrash, Hardcore und Punk mit sozialkritischen Texten über Populismus, Machtgier, gesellschaftliche Gleichgültigkeit und eine Demokratie, die von ihren eigenen Nutznießern demontiert wird. Hochglanz ist dabei ausdrücklich nicht vorgesehen: Das Album wurde im DIY-Verfahren im Proberaum aufgenommen und von Lars „Diggn“ Groß zu Hause gemischt.

Albumstream

DIE DEMOKRATIE BETRITT DEN MOSHPIT

Das kurze Intro »The Blending Master« wirkt wie das Öffnen einer schweren Stahltür. Geräusche, Stimmen und ein langsam wachsender Druck bereiten den eigentlichen Einstieg vor, bevor »Rich and Dead« das Album mit einem trockenen Thrash-Riff endgültig in Bewegung setzt. Halit Sahin und Lars „Diggn“ Groß arbeiten nicht mit technisch verschachtelten Gitarrenfiguren, sondern mit geradlinigen Akkorden, kurzen Tempowechseln und einem deutlich hörbaren Hardcore-Unterbau.

Der Song richtet sich gegen eine Gesellschaft, in der Reichtum als moralische Rechtfertigung und persönlicher Erfolg als Freibrief verstanden werden. Komahawk formulieren ihre Kritik nicht besonders subtil. Das müssen sie auch nicht. Der Reiz liegt in der unmittelbaren Verbindung von Text, Riff und körperlicher Energie.

Das Titelstück »Doomsday for Democracy« verschärft diese politische Ebene. Populisten, autoritäre Verführer und Menschen, die ihre eigenen Freiheiten bereitwillig gegen einfache Antworten eintauschen, stehen im Mittelpunkt. Der Untergang der Demokratie erscheint nicht als plötzlicher Staatsstreich, sondern als schleichender Prozess, an dem Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit ihren Anteil haben.

Musikalisch gehört der Titeltrack zu den stärksten Nummern. Der Refrain ist klar erkennbar, das Hauptriff besitzt ausreichend Schub und Björn Geene hält die verschiedenen Einflüsse zusammen. Sein Schlagzeug verbindet den geraden Tritt des Hardcore mit kurzen Thrash-Beschleunigungen, ohne die Songs unnötig zu verkomplizieren.

SLAYER RETTET NICHT DIE WELT, ABER DEN MORGEN

Bei »Slayer Saves« ist der Name Programm. Bereits die ersten Gitarrenbewegungen erinnern unüberhörbar an Slayer, wobei Komahawk daraus keinen verschämten Einfluss, sondern eine offen ausgesprochene Liebeserklärung machen. Das Stück lebt von sägenden Gitarren, einem energischen Rhythmus und der Vorstellung, dass eine ordentliche Portion Thrash Metal zumindest vorübergehend gegen den alltäglichen Irrsinn helfen kann.

Der Song besitzt Humor, ohne zur reinen Spaßnummer zu werden. Hinter dem Titel steckt die Erfahrung vieler Metalhörer, dass Musik zwar keine politischen Verhältnisse verändert, aber Wut kanalisieren und den Kopf freiräumen kann. Lars „Diggn“ Groß klingt entsprechend nicht wie ein Prediger, sondern wie jemand, der den Lautstärkeregler bereits bis zum Anschlag gedreht hat.

»Wrong Way Driver« bleibt im schnellen Bereich, setzt jedoch stärker auf Punk und Hardcore. Das Riffing ist einfacher, der Refrain direkter und der Song insgesamt kompakter angelegt. Die Nummer dürfte live ohne größere Anlaufzeit funktionieren, besitzt auf dem Album allerdings weniger Eigenständigkeit als das Titelstück oder »Slayer Saves«.

Mit »Last Trip« wird die Stimmung schwerer. Die Gitarren arbeiten mit einem dunkleren Groove, während der Gesang tiefer im Mix liegt. Gerade hier zeigt sich eine Eigenart der Produktion: Lars „Diggn“ Groß klingt nicht wie ein moderner Frontmann, der weit über den Instrumenten schwebt. Seine Stimme steckt mitten im Bandklang und muss sich ihren Weg durch Gitarren, Bass und Schlagzeug suchen.

Das wirkt einerseits authentisch und erinnert an Underground-Produktionen der Neunziger. Andererseits gehen einzelne Textzeilen verloren. Eine etwas deutlichere Position des Gesangs hätte der politischen Wirkung des Albums nicht geschadet.

EINE NEUE WELT ZUM ZERLEGEN

»New World to Kill« verbindet einen schweren Einstieg mit einem treibenden Refrain. Der Titel spielt mit dem Versprechen einer neuen Welt, deren vermeintlicher Fortschritt erneut auf Ausbeutung, Gewalt und Zerstörung hinausläuft. Komahawk vermeiden dabei futuristische Klangexperimente. Die angekündigte neue Welt wird mit ziemlich alter Schule zerlegt.

Der Bass von Bernd „Bassbernd“ Janssen erhält in den groovenden Passagen mehr Raum. Sein Instrument verdoppelt nicht ausschließlich die Gitarren, sondern sorgt für eine leicht federnde Bewegung unter den Akkorden. Besonders dort, wo das Tempo zurückgenommen wird, gewinnt die Rhythmusgruppe an Gewicht.

Mit »Blow on the Coals« folgt einer der Höhepunkte. Der Titel meint sinngemäß, die Glut erneut anzufachen – ein passendes Bild für eine Band, die nach jahrzehntelanger Veröffentlichungspause wieder Feuer fängt. Das Riff ist eingängig, die Rhythmik drückt nach vorn und der Refrain besitzt genügend Wiedererkennungswert, um sich von den ähnlich angelegten Hardcore-Thrash-Nummern abzuheben.

Die Gitarren klingen rau und trocken. Es gibt weder eine künstlich verbreiterte Hochglanzwand noch endlose Spuren, die jeden Anschlag verdoppeln. Komahawk wirken wie vier Musiker in einem Proberaum – vermutlich, weil sie genau dort aufgenommen wurden. Diese Direktheit steht dem Material grundsätzlich gut.

DAS UNAUSGESPROCHENE BLEIBT NICHT LEISE

»Unspoken« nimmt zunächst etwas Geschwindigkeit heraus und setzt stärker auf Spannung. Der Song zeigt, dass Komahawk nicht jeden Gedanken in zweieinhalb Minuten Hardcore-Geballer unterbringen müssen. Die Gitarren lassen einzelne Akkorde länger stehen, während Björn Geene mit kontrollierten Schlägen für Bewegung sorgt.

Der Refrain hätte melodisch noch stärker herausgearbeitet werden können. Die Nummer besitzt Atmosphäre, bleibt aber weniger griffig als »Blow on the Coals« oder »Doomsday for Democracy«. Gerade in der zweiten Albumhälfte macht sich bemerkbar, dass viele Songs aus einer ähnlichen Mischung aus mittlerem Tempo, Punk-Akkorden und rauem Gesang gebaut sind.

»Hellhole« gleicht diesen Eindruck teilweise aus. Mit beinahe fünf Minuten ist es das längste Stück und erlaubt sich eine breitere Entwicklung. Das Riffing fällt schwerer aus, der Bass drückt deutlicher und der Song besitzt eine düstere Grundhaltung. Das titelgebende Höllenloch kann sowohl als konkreter Ort als auch als gesellschaftlicher Zustand verstanden werden.

Hier profitieren Komahawk davon, nicht ständig auf Geschwindigkeit zu setzen. Der Groove wirkt bedrohlicher als manches schnelle Riff und gibt Lars „Diggn“ Groß mehr Raum für seinen angegriffenen Gesang. Gleichzeitig hätte ein klarer herausgearbeiteter Höhepunkt die lange Spielzeit noch besser gerechtfertigt.

DER LEBENSSPENDER WIRD ZUM OPFER

»Killing Lifegiver« richtet den Blick auf die Zerstörung jener Grundlagen, von denen menschliches Leben abhängt. Die genaue Deutung bleibt offen, doch Umweltzerstörung, Ausbeutung und selbst verursachter Niedergang liegen als Themen nahe. Komahawk formulieren daraus keine sanfte ökologische Mahnung, sondern einen schweren Crossover-Song.

Das Gitarrenduo arbeitet enger zusammen als in einigen vorherigen Stücken. Kurze melodische Akzente brechen die ansonsten kompakte Rhythmusarbeit auf. Bernd „Bassbernd“ Janssen und Björn Geene halten den Song stabil, auch wenn die Gitarren einzelne Richtungswechsel einbauen.

Der abschließende Track »The Hope Dies Last« ist kein gewöhnlicher Song, sondern ein atmosphärisches Outro. Nach den politischen und gesellschaftlichen Anklagen bleibt zumindest der Gedanke, dass Hoffnung zuletzt stirbt. Vollständig optimistisch klingt das Ende dennoch nicht. Die Hoffnung ist vorhanden, wirkt aber bereits deutlich angeschlagen.

Die Verbindung zum Intro schließt den Kreis. »Doomsday for Democracy« endet nicht mit einem siegreichen Refrain oder einer Lösung für die zuvor benannten Probleme. Das Album lässt den Hörer mit der Verantwortung zurück, sich selbst eine Haltung zu den beschriebenen Entwicklungen zu bilden.

DREISSIG JAHRE PAUSE, ABER KEIN STILBRUCH

Die Geschichte von Komahawk beginnt 1992 in Bremen. Die Stadt war stark von Punk und Hardcore geprägt, während Thrash Metal längst seine klassische Hochphase erreicht hatte. Aus dieser Überschneidung entwickelte die Band einen Crossover, der Bands wie D.R.I., Cro-Mags, Suicidal Tendencies und Sacred Reich nähersteht als technisch ausgerichtetem Bay-Area-Thrash.

1994 erschien das Debüt »No Hope for Tomorrow«. Zwei Jahre später folgten »Slow« und eine Europatour als Support der US-Thrasher Sacred Reich. Nach »Rhytmo Fantástico« legte die Band eine längere Pause ein. Lars „Diggn“ Groß wurde später Mitgründer von President Evil und war zeitweise als Live-Gitarrist bei Motorjesus aktiv.

Die Wiedervereinigung begann mit einem Konzert zum zwanzigjährigen Jubiläum des Debüts. Aus gelegentlichen Proben entwickelten sich neue Songs, deren Fertigstellung durch die Pandemie zusätzlich verzögert wurde. Dass »Doomsday for Democracy« nicht nach einem modernen Neustart mit komplett veränderter Stilistik klingt, ist deshalb kaum überraschend.

Komahawk wollen nicht beweisen, dass sie aktuelle Thrash-Produktionen imitieren können. Die Band führt ihren früheren Stil fort: direkt, politisch, punkig und ohne besondere Rücksicht auf zeitgenössische Klangideale.

DIY ZWISCHEN CHARAKTER UND BEGRENZUNG

Das Album wurde Stück für Stück im Proberaum aufgenommen und anschließend von Lars „Diggn“ Groß zu Hause gemischt. Diese Arbeitsweise ist deutlich hörbar. Die Instrumente besitzen natürliche Ecken, die Lautstärkeverhältnisse sind nicht in jedem Song identisch und der Gesang liegt häufig tief innerhalb der Mischung.

Die Gitarren haben genügend Druck, klingen aber nicht übermäßig komprimiert. Das Schlagzeug besitzt einen ehrlichen Proberaumcharakter, wobei insbesondere die Snare trocken und direkt anschlägt. Der Bass ist hörbar, könnte jedoch in den schnelleren Passagen noch klarer vom Gitarrenfundament getrennt werden.

Die Produktion passt zur Vergangenheit der Band und zum Crossover-Charakter. Eine klinisch saubere Bearbeitung hätte dem Material vermutlich einen Teil seiner Glaubwürdigkeit genommen. Trotzdem sollte Rauheit nicht automatisch als Qualitätsbeweis gelten. Gerade die Texte hätten von einer präsenteren Stimme profitiert.

Auch kompositorisch gibt es leichte Ermüdungserscheinungen. Viele Songs bewegen sich in einem ähnlichen Tempo und greifen auf vergleichbare Riffstrukturen zurück. Die Höhepunkte zeigen jedoch, dass Komahawk weiterhin wirkungsvolle Songs schreiben können, wenn Groove, Refrain und politische Aussage präzise zusammenfinden.

FAZIT:

»Doomsday for Democracy« ist ein ehrliches Comeback zwischen Thrash Metal, Hardcore und Punk, das besonders mit »Rich and Dead«, »Doomsday for Democracy«, »Slayer Saves«, »Blow on the Coals« und »Hellhole« überzeugt. Die raue DIY-Produktion besitzt Charakter, drängt den Gesang jedoch stellenweise zu weit zurück, während die ähnliche Grundausrichtung einiger Songs etwas Abwechslung kostet. Nach fast drei Jahrzehnten klingt die Streitaxt von Komahawk trotzdem erstaunlich wenig eingerostet – und das morgendliche Knoppers dürfte beim ersten Moshpit längst wieder verbrannt sein.

Blow On The Coals Musikvideo:

Internet

Komahawk - Doomsday for Democracy - CD Review

Verdun – Abyssal Womb

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Band: Verdun 🇫🇷
Titel: Abyssal Womb
Label: Transcending Obscurity Records
VÖ: 26.06.2026
Format: Vinyl / Jewelcase CD / Digital
Genre: Blackened Sludge / Doom Metal / Black Metal

Tracklist

01. Funeral Of The Cosmic Knight
02. Silent Witness
03. He Who Killed The Devil
04. La Lame Et La Chair
05. Rise Of The Atomic Ghouls
06. The Man Behind My Eyes
07. Les Noces Du Néant

Besetzung

David Sadok – Gesang
Jay Pinelli – Gitarre
Florian Celdran – Bass
Geraud Jonquet – Schlagzeug

Produktion:
Aufgenommen und gemischt von Cyrille Gachet in Corconne, Frankreich
Mastering – Bruno Varéa
Artwork – David Sadok / Jaxartattooer

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Blackened Sludge, Doom Metal und die dissonante Seite des Black Metal verschmelzen auf »Abyssal Womb« zu einem wuchtigen Gesamtbild. Veröffentlicht wurde das dritte Studioalbum der französischen Band Verdun am 26. Juni 2026 über Transcending Obscurity Records. Sieben Jahre nach »Astral Sabbath« kehrt das Quartett aus Montpellier mit sieben Kompositionen zurück, die insgesamt knapp 40 Minuten umfassen. Statt sich in langen Intros oder beliebigen Geräuschflächen zu verlieren, stellen Verdun schwere Riffs, körperlich spürbare Rhythmen und David Sadoks extremen Gesang ins Zentrum. Atmosphärische und melodische Momente bleiben wichtig, werden aber konsequent in eine direkte, riffbetonte Songstruktur eingebunden. Das Ergebnis ist ein Album, das gleichermaßen bedrückend, eingängig und kontrolliert verstörend ausfällt.

Full Album Stream: Abyssal Womb

EIN BEGRÄBNIS ZWISCHEN DEN STERNEN

»Funeral Of The Cosmic Knight« eröffnet das Album nicht mit vorsichtiger Annäherung, sondern mit einem schweren, schleppenden Riff, das von Beginn an die enorme Tiefe der Produktion offenlegt. Florian Celdrans Bass bildet gemeinsam mit dem Schlagzeug ein massives Fundament, während Jay Pinelli darüber schneidende und teilweise beinahe geisterhafte Gitarrentöne platziert. Der Gegensatz zwischen der erdrückenden Rhythmussektion und den höher angesetzten Klangflächen gibt der Komposition ihre kosmische Wirkung.

Inhaltlich entwirft der Song das Begräbnis eines Kriegers, dessen Kampf nicht auf ein irdisches Schlachtfeld beschränkt bleibt. Sterne, Zeit, Chaos und die Auflösung körperlicher Grenzen bestimmen die Bildsprache. Der Titel könnte leicht zu übertriebenem Pathos verführen, doch Verdun bleiben musikalisch kontrolliert. Das Stück entwickelt sich aus einem wiederkehrenden Hauptmotiv, das durch disharmonische Akzente und wechselnde Intensität zunehmend bedrohlicher erscheint.

David Sadok klingt nicht lediglich aggressiv. Seine Schreie besitzen eine verzweifelte, beinahe körperlich schmerzhafte Qualität. Dabei artikuliert er klar genug, um nicht vollständig in der instrumentalen Wand zu verschwinden. Gerade diese Verbindung aus Verständlichkeit und vokaler Entgrenzung wird im weiteren Verlauf zu einem wichtigen Merkmal des Albums.

»Silent Witness« führt den eingeschlagenen Weg fort, wirkt jedoch melodischer und emotional offener. Die Gitarren lassen zwischen den schweren Akkorden mehr Raum und erzeugen eine klagende Bewegung. Der Text beschreibt eine Instanz, die bereits vor dem Beginn der messbaren Zeit existiert und den Gegensatz zwischen Licht und Dunkelheit beobachtet. Verdun behandeln kosmische Motive nicht als dekorative Science-Fiction-Kulisse, sondern verbinden sie mit Fragen nach Bewusstsein, Vergänglichkeit und Isolation.

DER TOD DES TEUFELS LÖST KEINE PROBLEME

Mit über sechseinhalb Minuten ist »He Who Killed The Devil« das längste Stück des Albums und zugleich eines seiner stärksten. Ein markantes Gitarrenmotiv führt durch die Komposition, während Bass und Schlagzeug immer wieder zwischen schleppendem Doom und energischerem Sludge wechseln. Das Riffing bleibt eingängig, ohne sich einer konventionellen Strophe-Refrain-Struktur unterzuordnen.

Die Geschichte handelt von einer Figur, die in die Hölle hinabsteigt und den Teufel vernichtet. Was zunächst wie eine klassische Erlösererzählung erscheint, endet jedoch nicht mit Befreiung. Mit der Auslöschung des Bösen verschwindet auch das notwendige Gegenstück zum Guten. Die vermeintliche Rettung bringt eine Welt hervor, in der Licht, Gnade und moralische Orientierung ihre Bedeutung verlieren. Damit besitzt der Song eine deutlich interessantere Perspektive als gewöhnliche Schlachten zwischen Himmel und Hölle.

Musikalisch setzen Verdun diesen Gedanken wirkungsvoll um. Die Band steigert sich nicht einfach bis zum triumphalen Sieg, sondern lässt die Komposition zunehmend instabil wirken. Pinellis Gitarren werden dissonanter, Sadoks Stimme klingt immer stärker wie ein Bestandteil des allgemeinen Zusammenbruchs. Geraud Jonquet hält die unterschiedlichen Phasen mit einem ebenso kraftvollen wie disziplinierten Schlagzeugspiel zusammen.

DIE KLINGE UND DAS FLEISCH

»La Lame Et La Chair« wird auf Französisch vorgetragen und bewegt sich inhaltlich zwischen Sexualität, Gewalt, Hingabe und gegenseitiger Vernichtung. Körperliche Nähe erscheint nicht als Schutzraum, sondern als ritualisierte Grenzüberschreitung, in der Begehren und Verletzung kaum noch voneinander zu trennen sind.

Der Song gehört zu den rhythmisch direktesten Momenten der Platte. Ein schwerer Bassklang und präzise gesetzte Schläge treiben das Stück voran, während die Gitarre zwischen langgezogenen Klagen und kurzen, aggressiven Figuren wechselt. Eine ruhigere Passage im Mittelteil unterbricht den Druck, ehe die Band mit gesteigerter Geschwindigkeit zurückkehrt.

Gerade hier wird deutlich, dass Verdun ihre Musik nicht ausschließlich über Langsamkeit definieren. Kleine Tempoverschiebungen, dynamische Unterbrechungen und die dissonatnen Gitarrenfiguren sorgen dafür, dass selbst die massivsten Passagen in Bewegung bleiben. Sadoks Gesang erreicht in diesem Stück eine besonders extreme Intensität. Seine Stimme klingt nicht kontrolliert schön, sondern bewusst beschädigt und übersteuert, ohne in unverständlichem Lärm unterzugehen.

ATOMARE WIEDERGÄNGER UND MENSCHLICHE KRIEGSMASCHINEN

»Rise Of The Atomic Ghouls« richtet den Blick auf die Hinterlassenschaften industrieller und militärischer Vernichtung. Radioaktive Kreaturen erheben sich aus Reaktoren, Bunkern und verrottenden Kriegsmaschinen. Die Menschen haben ihre eigenen Nachfolger erschaffen, indem sie Waffen, Lügen und verseuchte Grabstätten hinterließen.

Das Stück ist kompakter aufgebaut und besitzt eines der unmittelbarsten Hauptriffs der Platte. Celdrans Bass ist deutlich hörbar und verstärkt die mechanische Wirkung, während Jonquets Schlagzeug das Tempo kontrolliert anzieht. Verdun bewegen sich hier näher an einem aggressiven Sludge-Groove, ohne die schwarzen und dissonanten Bestandteile ihres Sounds abzulegen.

Trotz des grotesken Horrorszenarios steckt in dem Song eine klare Kritik am Glauben, technische Gewalt dauerhaft beherrschen zu können. Die atomaren Wiedergänger sind keine zufällig auftauchenden Monster, sondern das Ergebnis menschlicher Entscheidungen. Dadurch wirkt die Nummer weniger wie eine Hommage an alte Endzeitfilme und stärker wie eine bitter überzeichnete Vision militärischen Größenwahns.

»The Man Behind My Eyes« verlagert den Horror anschließend in das Innere des Menschen. Der Text beschreibt eine zweite Instanz, die Gedanken formt, Entscheidungen beeinflusst und allmählich die Kontrolle über das eigene Gesicht und die eigene Stimme übernimmt. Ob es sich dabei um psychischen Zerfall, Schuld, Sucht oder eine übernatürliche Besessenheit handelt, bleibt offen.

Die Band arbeitet mit einem vergleichsweise klaren Hauptrhythmus, der zunehmend von verstörenden Gitarrenflächen überlagert wird. Besonders wirkungsvoll ist das Zusammenspiel von Bass und Gitarre: Während Celdran eine nachvollziehbare Bewegung vorgibt, löst Pinelli die Harmonie immer weiter auf. Der Song besitzt dadurch einen starken inneren Konflikt, ohne seine rhythmische Zugänglichkeit zu verlieren.

HOCHZEIT MIT DEM NICHTS

Das abschließende »Les Noces Du Néant« verzichtet vollständig auf Gesang. Nach sechs textlich dichten Stücken erhält die instrumentale Seite der Band damit den gesamten Raum. Der französische Titel lässt sich als Hochzeit mit dem Nichts oder Vermählung mit der Leere verstehen und fasst die zentralen Motive des Albums treffend zusammen.

Pinellis Gitarren wechseln zwischen schweren Akkorden, klagenden Melodien und offenen Dissonanzen. Bass und Schlagzeug bauen einen langsamen Spannungsbogen auf, der nicht in einem überdimensionierten Finale explodiert. Stattdessen lassen Verdun die Platte kontrolliert in jene Leere zurücksinken, aus der sie entstanden zu sein scheint.

Als Abschluss funktioniert das Stück hervorragend, weil es keine neuen Themen erzwingen muss. Mehrere musikalische Eigenschaften der vorherigen Songs kehren in verdichteter Form zurück: die schleppende Schwere des Openers, die melodische Trauer von »Silent Witness« und die instabile Harmonik von »He Who Killed The Devil«. Das Instrumental wirkt deshalb nicht wie ein angehängtes Outro, sondern wie der notwendige Endpunkt des Albums.

VIER MUSIKER, EIN GESCHLOSSENER KLANG

Die größte Stärke von »Abyssal Womb« liegt im Zusammenspiel der vier Musiker. Keine Position wird unnötig in den Vordergrund gestellt. Pinellis Gitarren liefern zwar die prägenden Riffs, wären ohne Celdrans ungewöhnlich präsenten Bass jedoch deutlich weniger wirkungsvoll. Der Bass verdoppelt nicht lediglich die Gitarre, sondern setzt eigene Bewegungen und gibt den dissonanten Passagen Halt.

Jonquets Schlagzeug klingt kraftvoll und natürlich. Er setzt nicht permanent auf maximale Geschwindigkeit, sondern arbeitet mit Gewicht, Pausen und gezielten Tempowechseln. Seine Schläge geben den langsamen Abschnitten körperliche Wirkung, während schnellere Passagen nie hektisch oder unkontrolliert erscheinen.

Sadoks Gesang verbindet die unterschiedlichen Elemente. Seine Schreie besitzen Black-Metal-Schärfe, Hardcore-Direktheit und die erschöpfte Verzweiflung des Sludge. Eine größere vokale Bandbreite hätte einzelne Songs zusätzlich voneinander abheben können. Gleichzeitig würde ein sauberer oder melodischer Gesang kaum zu dieser Musik passen. Die konsequente Extremität ist ein wesentlicher Bestandteil der Gesamtwirkung.

SCHWERE OHNE UNNÖTIGEN BALLAST

Aufgenommen und gemischt wurde das Album von Cyrille Gachet in Corconne, das Mastering übernahm Bruno Varéa. Die Produktion ist dicht und schwer, lässt den einzelnen Instrumenten aber genügend Raum. Besonders der Bass profitiert von dieser Abstimmung. Selbst in den massivsten Passagen bleibt er als eigenständige Stimme hörbar.

Die Gitarren wirken körnig, verzerrt und stellenweise bewusst unangenehm. Dissonanzen werden nicht durch übermäßige Glättung entschärft. Gleichzeitig besitzt die Platte ausreichend Klarheit, um Riffs, melodische Akzente und rhythmische Veränderungen nachvollziehen zu können. Der Klang vermeidet sowohl sterile Modernität als auch künstlich verschmutzte Underground-Romantik.

Etwas mehr Kontrast zwischen den einzelnen Gitarrensounds hätte dem Mittelteil zusätzliche Tiefe gegeben. Vor allem »La Lame Et La Chair« und »Rise Of The Atomic Ghouls« bewegen sich klanglich nahe beieinander. Die unterschiedlichen Rhythmen und Themen verhindern jedoch, dass die Stücke miteinander verschwimmen.

Mit 39 Minuten ist das Album sinnvoll bemessen. Kein Song überschreitet die Sieben-Minuten-Marke, und auf separate Intros oder atmosphärische Zwischenstücke wird verzichtet. Verdun setzen ihre Ideen konsequent um und beenden die Kompositionen, bevor die Wiederholungen ihre Wirkung verlieren.

DIREKTER ALS DER VORGÄNGER

Im Vergleich zu »Astral Sabbath« wirkt »Abyssal Womb« fokussierter und unmittelbarer. Die psychedelischen und kosmischen Bestandteile sind weiterhin vorhanden, werden jedoch enger mit den Riffs und Rhythmen verbunden. Die Band benötigt keine langen Anläufe, um Atmosphäre zu erzeugen. Sie entsteht direkt aus dem Zusammenspiel der Instrumente.

Vergleiche mit Coffinworm, Thou oder Indian liegen aufgrund der Verbindung aus Sludge, Doom und schwarzer Aggression nahe. Verdun entwickeln innerhalb dieses Rahmens jedoch eine eigene Sprache. Besonders die klar konturierten Basslinien, Sadoks extreme Artikulation und die Verbindung aus kosmischen Erzählungen und menschlichem Kontrollverlust geben dem Album ein erkennbares Profil.

FAZIT:

»Abyssal Womb« ist eine eindrucksvolle Rückkehr nach sieben Jahren Pause. Verdun verbinden massive Sludge-Riffs, Doom-Schwere und dissonanten Black Metal zu sieben konzentrierten Kompositionen, die weder an Atmosphäre noch an Direktheit sparen. Besonders »He Who Killed The Devil«, »La Lame Et La Chair« und »The Man Behind My Eyes« zeigen die Band auf einem neuen kreativen Höhepunkt. Kleinere klangliche Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Stücken ändern nichts daran, dass dieses Album lange nachwirkt.

La Lame Et La Chair

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Verdun - Abyssal Womb - CD Review

Bantoriak – Vol. II

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Band: Bantoriak 🇮🇹
Titel: Vol. II
Label: Argonauta Records
VÖ: 19.06.2026
Format: CD / Digital / farbiges Vinyl ab 28.08.2026
Genre: Psychedelic Doom / Desert Rock / Heavy Psych / Stoner Rock

Tracklist

01. Vol II
02. Blu Bus feat. Sergio Ch.
03. Ritualism feat. Dome La Muerte
04. Liquid Brain
05. Kairot
06. La Muerte feat. Dome La Muerte
07. Amanita
08. Karpura

Besetzung

Izio Orsini – Komposition, Multiinstrumentalist, künstlerische Leitung

Gastmusiker:
Sergio Ch. – Leadgitarre bei »Blu Bus«
Dome La Muerte – Gastmusiker bei »Ritualism« und »La Muerte«

Weitere Mitwirkende:
Marco Gambicorti
Toto Barbato
Omar Tognotti
Giacomo Cerri
Rosy Ninivaggi
Valentina Erre
Jacopo Pannokkia
Filippo Del Bimbo
Andrea Appino
Mattia Cominotto
Giacomo Vaccai

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Psychedelic Doom, Desert Rock, Heavy Psych und Stoner Rock bilden das Fundament von »Vol. II«, dem zweiten Album des italienischen Projekts Bantoriak. Veröffentlicht wurde die Platte am 19. Juni 2026 über das italienische Underground-Label Argonauta Records. Hinter dem Namen steht der aus Livorno stammende Multiinstrumentalist Izio Orsini, der auch durch Rancho Bizzarro bekannt ist. Elf Jahre nach dem ursprünglichen Erscheinen des Debüts »Weedooism« erweitert Orsini sein einstiges Soloprojekt zu einem offenen Kollektiv aus Freunden und Gastmusikern. Die acht Stücke verbinden schwere Fuzz-Gitarren, weitläufige Improvisationen, Hard-Blues-Anklänge, zurückhaltende Gesangspassagen und eine warme Produktion, die sich hörbar an den psychedelischen Aufnahmen der Siebzigerjahre orientiert.

YouTube Art Playlist: Vol. II

VOM SOLOPROJEKT ZUM KOLLEKTIVEN RITUAL

Das nur knapp anderthalb Minuten lange Titelstück »Vol II« dient als atmosphärische Einleitung. Verhallte Klänge, flächige Gitarren und eine bewusst offene Gestaltung führen nicht zu einem klassischen Song, sondern bereiten den Übergang in die wesentlich umfangreicheren Kompositionen vor. Bereits hier wird deutlich, dass Bantoriak keine Sammlung kompakter Stoner-Rock-Nummern vorlegen wollen. Die Platte ist als zusammenhängende Reise angelegt, bei der sich die einzelnen Stücke aus wiederkehrenden Grooves, improvisatorisch wirkenden Passagen und allmählichen Klangveränderungen entwickeln.

Im Mittelpunkt steht weiterhin Izio Orsini. Seine Arbeit an Gitarren, Bass und den grundlegenden Arrangements gibt dem Album eine erkennbare Handschrift. Gleichzeitig klingt »Vol. II« nicht wie das Werk eines Einzelnen, der sämtliche Spuren nacheinander eingespielt hat. Die zahlreichen Gäste bringen unterschiedliche Spielweisen ein, ohne den Fluss der Platte zu zerlegen. Die Musik bleibt organisch und bewahrt jene spontane Energie, die bei stark auf Improvisationen ausgerichtetem Heavy Psych entscheidend ist.

DER BLAUE BUS ROLLT DURCH DIE WÜSTE

»Blu Bus« ist der erste große Höhepunkt. Das über sieben Minuten lange Stück wird von einem tiefen, konstanten Groove getragen, über dem sich mehrere Gitarrenspuren entfalten. Der argentinische Gitarrist Sergio Ch., bekannt durch Los Natas und Soldati, übernimmt die Leadgitarre und liefert keinen oberflächlich aufgesetzten Gastbeitrag. Seine fließenden Linien greifen die Rhythmik auf, verändern allmählich die Tonfarbe und treiben den Song in eine ausgedehnte Schlussphase.

Der Einfluss des südamerikanischen Desert Rock ist hier besonders deutlich. Die Musik besitzt die Schwere des Stoner Doom, bleibt rhythmisch aber beweglich. Statt ein einzelnes Riff bis zur völligen Erschöpfung zu wiederholen, verändert die Besetzung Akzente, Lautstärke und melodische Führung. Bass und Schlagzeug halten den Song zusammen, während die Gitarren zunehmend freier agieren. Das Ergebnis erinnert stellenweise an Yawning Man, Colour Haze und frühe Los Natas, besitzt durch die weiche, beinahe schwebende Produktion aber eine eigene Atmosphäre.

RITUALISMUS, DUNKELHEIT UND DOME LA MUERTE

Mit »Ritualism« wird die Musik schwerer und dunkler. Dome La Muerte fügt dem Stück eine rauere Psychedelic- und Dark-Rock-Komponente hinzu. Der Rhythmus entwickelt eine beinahe zeremonielle Wirkung, während die Gitarren zwischen dröhnenden Akkorden und offenen Effektflächen wechseln. Sparsam eingesetzte Stimmen stehen nicht im Zentrum, sondern werden wie ein weiteres Instrument behandelt.

Die Länge von über sieben Minuten wird weitgehend sinnvoll genutzt. Der Song arbeitet weniger mit einer deutlich erkennbaren Strophe-Refrain-Struktur als mit mehreren aufeinander aufbauenden Phasen. Gerade die langsame Verdichtung überzeugt, weil die Band nicht vorschnell in den lautesten Abschnitt springt. Gegen Ende wird die Musik massiver, ohne ihre hypnotische Grundbewegung zu verlieren.

»Liquid Brain« fällt anschließend konzentrierter aus. Das Stück verbindet einen vergleichsweise festen Hauptrhythmus mit einer zunehmend freien Gitarrenarbeit. Vor allem die zweite Hälfte zeigt, wie geschickt Orsini Spannung erzeugen kann, ohne das Tempo stark zu erhöhen. Die Solopassagen wirken nicht wie technische Demonstrationen, sondern wie eine Verlängerung des zentralen Motivs. Gleichzeitig zählt der Song zu den zugänglicheren Momenten, weil seine einzelnen Abschnitte klar voneinander unterscheidbar bleiben.

ZWISCHEN WEITE UND SCHWERKRAFT

»Kairot« nimmt sich viel Zeit für Atmosphäre. Ruhigere Gitarrentöne, ein kontrollierter Rhythmus und lange Nachhallräume erzeugen einen stärkeren Space-Rock-Eindruck. Die Komposition bewegt sich zunächst zurückhaltend, bevor die Verzerrung zunimmt und aus der schwebenden Einleitung ein schwerer, breit angelegter Jam entsteht. Die Übergänge bleiben fließend. Dadurch wirkt der Song geschlossen, obwohl er auf deutlich unterschiedliche Intensitätsstufen setzt.

Hier zeigt sich allerdings auch eine kleinere Schwäche des Albums. Einige Passagen verharren etwas lange in ähnlichen Bewegungen. Die Wiederholung ist ein grundlegendes Stilmittel dieser Musik, doch nicht jede Schleife steigert automatisch die Wirkung. Eine leichte Straffung hätte dem Mittelteil zusätzliche Prägnanz gegeben. Das ändert wenig an der hohen Qualität des Zusammenspiels, macht aber deutlich, dass »Vol. II« konzentriertes Zuhören verlangt.

»La Muerte« bringt Dome La Muerte erneut ins Spiel. Im Vergleich zu »Ritualism« fällt das Stück kompakter und stärker am dunklen Psychedelic Rock ausgerichtet aus. Der Groove ist direkter, die Gitarren bleiben jedoch stark verhallt und erzeugen eine bedrohliche Tiefe. Die Stimme wird wiederum sparsam eingesetzt und verstärkt die rituelle Wirkung, anstatt die Musik mit langen Textpassagen zu überladen.

PILZE, RAUCH UND ÖSTLICHE TONFOLGEN

»Amanita« gehört zu den unmittelbarsten Stücken des Albums. Ein markantes Riff bildet das Zentrum, während Bass und Schlagzeug einen schweren, aber nicht unbeweglichen Groove entwickeln. Die Gitarrenproduktion besitzt reichlich Fuzz, lässt die einzelnen Anschläge jedoch klar genug hervortreten. Innerhalb der insgesamt stark jamorientierten Platte sorgt dieser fokussiertere Aufbau für einen wichtigen Kontrast.

Das abschließende »Karpura« greift die mystische Seite der Band auf. Orientalisch anmutende Tonfolgen, verhallte Gitarren und eine erneut stark ritualisierte Rhythmik führen die Platte zu einem schlüssigen Ende. Die pscyhedelischen Elemente wirken hier nicht wie eine nachträglich hinzugefügte Verzierung. Sie bestimmen Aufbau, Klangfarbe und Dynamik der gesamten Komposition.

Der Song entwickelt keinen klassischen finalen Höhepunkt, sondern lässt das Album allmählich auslaufen. Diese Entscheidung passt zum Charakter der Platte. »Vol. II« erzählt keine lineare Geschichte und arbeitet auch nicht auf einen einzelnen großen Refrain hin. Das Album versteht sich als fortlaufende Klangbewegung, in der Desert Rock, Doom, Space Rock und psychedelische Improvisation ineinander übergehen.

MUSIKERLEISTUNG UND PRODUKTION

Orsinis größte Stärke liegt nicht in auffälliger Virtuosität, sondern in seiner Kontrolle über Klang und Dynamik. Seine Riffs sind häufig bewusst einfach gehalten, erhalten durch Effekte, unterschiedliche Anschlagstärken und wechselnde Begleitfiguren jedoch ausreichend Tiefe. Die Gastmusiker erweitern dieses Grundgerüst. Besonders Sergio Ch. prägt »Blu Bus«, während Dome La Muerte den beiden von ihm mitgestalteten Stücken eine dunklere Rock-Komponente verleiht.

Bass und Schlagzeug erfüllen weit mehr als eine begleitende Funktion. Die Rhythmussektion hält die langen, offenen Passagen zusammen und verhindert, dass sich die Musik vollständig in Effekten verliert. Gerade bei »Ritualism«, »Kairot« und »Karpura« ist diese Disziplin entscheidend.

Die Produktion setzt auf Wärme statt maximale Härte. Gitarren und Bass besitzen einen weichen, analogen Charakter, während das Schlagzeug natürlich und räumlich klingt. Die Platte orientiert sich an der Ästhetik der Siebzigerjahre, ohne wie eine künstlich gealterte Retroproduktion zu wirken. Gelegentlich könnten die tiefen Frequenzen etwas klarer getrennt sein, doch grundsätzlich passt der dichte Klang hervorragend zur Musik.

FAZIT:

»Vol. II« ist ein sorgfältig aufgebautes Heavy-Psych-Album, das seine zahlreichen Gäste sinnvoll in eine einheitliche Klangsprache integriert. »Blu Bus«, »Ritualism«, »Liquid Brain« und »Karpura« ragen besonders heraus. Einige Jampassagen hätten etwas kompakter ausfallen können, doch das starke Zusammenspiel, die warme Produktion und die konsequent entwickelte Atmosphäre machen die Rückkehr von Bantoriak zu einer ausgesprochen gelungenen Angelegenheit.

Art Track: Ritualism feat. Dome La Muerte

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Bantoriak - Vol. II - CD Review

Absu – The Temples of Offal / Return of the Ancients – Remastered 35th Anniversary Edition

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Band: Absu 🇺🇸
Titel: The Temples of Offal / Return of the Ancients – Remastered 35th Anniversary Edition
Label: Aeternitas Tenebrarum Musicae Fundamentum / Black Montanas
VÖ: 10.06.2026 Format: CD / Gatefold-LP / Digital
Genre: Old School Death Metal / Blackened Death Metal / Death-Thrash Metal

Tracklist

01. Immortal Sorcery – Original Mix
02. Sumerian Sands (The Silence) – Original Mix
03. Disembodied – Original Mix
04. Immortal Sorcery – Rough Mix
05. Sumerian Sands (The Silence) – Rough Mix
06. Disembodied – Rough Mix
07. Immortal Sorcery – Alternate Rehearsal Version
08. Eternal Rest – Alternate Rehearsal Version
09. Sea of Glasya – Alternate Rehearsal Version
10. Dawn of Invocation – Alternate Rehearsal Version
11. Immortal Sorcery – Original Rehearsal Version
12. Eternal Rest – Original Rehearsal Version
13. Sea of Glasya – Original Rehearsal Version
14. Dawn of Invocation – Original Rehearsal Version
15. Immortal Sorcery – Early Rehearsal Version (Azathoth: 1990)

Besetzung

Shaftiel – Leadgitarre, Gesang
Equitant Ifernain – Bass, Texte
Gary Lindholm – Leadgitarre
Danny Benbow – Schlagzeug, Gesang

Neuauflage:
Remix und Remastering – Equitant, Agurak Studios
Liner Notes – Proscriptor
Neues Coverartwork – Monica Mey
Layout und Design – Equitant und Francesco Gemelli

Originalaufnahmen:
Aufgenommen 1990 und 1991
Neu bearbeitet von den ursprünglichen Kassetten- und DAT-Quellen

Limitierung:
500 CDs mit 16-seitigem Booklet
500 Gatefold-LPs
250 Exemplare auf schwarzem Vinyl
250 Exemplare auf silbernem Vinyl

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Black Metal aus den USA ist auch Krieg! Aber Krieg und USA – wen wundert es? Scherz beiseite: Wer bei Absu sofort an rasenden Black Thrash, mythologische Texte und Proscriptor McGoverns unverwechselbares Schlagzeugspiel denkt, sollte die Erwartungen für »The Temples of Offal / Return of the Ancients – Remastered 35th Anniversary Edition« zunächst neu ausrichten. Die hier versammelten Aufnahmen entstanden 1990 und 1991, als die Texaner noch tief im ursprünglichen Death Metal verwurzelt waren und ihren späteren Stil erst entwickelten. Die Compilation enthält die drei Stücke von »The Temples of Offal« im ursprünglichen Mix und als Rough Mix, zwei vollständige Proberaumfassungen des Demos »Return of the Ancients« sowie eine frühe Version von »Immortal Sorcery« aus der kurzen Azathoth-Phase. Equitant hat das Material aus den alten Kassetten- und DAT-Quellen neu gemischt und gemastert, ohne den Untergrundcharakter durch moderne Studiokosmetik zu beseitigen. Entsprechend sollte niemand ein reguläres Absu-Album mit fünfzehn unterschiedlichen Kompositionen erwarten. Diese Jubiläumsedition ist eine archäologische Ausgrabung: mehrfach dieselben Knochen, aber aus verschiedenen Erdschichten und mit erstaunlich aufschlussreichen Spuren der späteren Entwicklung.

Full Compilation: Remastered 35th Anniversary Edition

BEVOR DER BLACK THRASH DIE HERRSCHAFT ÜBERNAHM

Die Absu dieser Aufnahmen unterscheiden sich deutlich von jener Band, die später mit »Barathrum: V.I.T.R.I.O.L.«, »The Sun of Tiphareth« oder »Tara« ihren eigenen mythologisch aufgeladenen Black-Thrash-Stil etablierte. Die Gitarren spielen tiefer, die Rhythmen sind schwerer und der Gesang bewegt sich stärker im klassischen Death Metal der frühen Neunziger.

Shaftiel klingt rau, tief und wenig kontrolliert. Seine Stimme sitzt nicht sauber über den Instrumenten, sondern wird vom Proberaumklang und den sägenden Gitarren regelrecht umschlossen. Das wirkt aus heutiger Sicht primitiv, passt aber perfekt zu einer Musik, die noch nicht versucht, ihre einzelnen Bestandteile übersichtlich zu präsentieren.

Auch das Schlagzeug von Danny Benbow ist weit von Proscriptors späterer Raserei entfernt. Benbow spielt druckvoll und direkt, bevorzugt jedoch einfache, nachvollziehbare Rhythmen. Schnelle Abschnitte sind vorhanden, doch der Schwerpunkt liegt auf schweren Übergängen und einem rumpelnden Vorwärtsdrang.

Gerade diese Unterschiede machen die Neuauflage interessant. Sie dokumentiert keine bereits voll entwickelte Band, sondern eine Formation auf der Suche nach einer eigenen Sprache. Black Metal, Thrash Metal und okkulte Atmosphäre sind bereits als Möglichkeiten vorhanden, werden aber noch von einem massiven Death-Metal-Fundament zusammengehalten.

IMMORTAL SORCERY ALS ENTWICKLUNGSPROTOKOLL

Kein Stück taucht auf dieser Edition häufiger auf als »Immortal Sorcery«. Der Song ist im Original Mix, Rough Mix, als alternative und ursprüngliche Proberaumaufnahme sowie in einer frühen Azathoth-Fassung enthalten. Was auf den ersten Blick nach unnötiger Wiederholung aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hören als Entwicklungsgeschichte im Kleinformat.

Der Original Mix besitzt die größte Geschlossenheit. Die Gitarren von Shaftiel und Gary Lindholm schneiden mit einem trockenen Klang durch die Aufnahme, während Equitants Bass das Fundament verdichtet. Das Hauptriff ist einfach, aber wirkungsvoll und trägt bereits jene okkulte Grundstimmung, die später zu einem festen Bestandteil von Absu werden sollte.

Im Rough Mix stehen die Instrumente ungleichmäßiger zueinander. Die Gitarren wirken aggressiver, das Schlagzeug weniger kontrolliert und der Gesang unmittelbarer. Musikalisch handelt es sich um dieselbe Komposition, emotional entsteht jedoch eine andere Wirkung. Der Rough Mix klingt stärker nach einer Band, die ihre Musik gerade erst aus dem Proberaum in eine aufnehmbare Form zwingt.

Die Proberaumfassungen reduzieren den Abstand zwischen Musikern und Hörer weiter. Fehler, schwankende Lautstärken und kleine rhythmische Verschiebungen bleiben erhalten. Das ist nicht immer angenehm, vermittelt aber nachvollziehbar, wie das Stück innerhalb der Band funktioniert hat.

Besonders aufschlussreich ist die frühe Version aus dem Jahr 1990. Hier tritt die Struktur noch undeutlicher hervor. Das Riffing wirkt schwerfälliger, der Klang chaotischer und die spätere Kompaktheit ist lediglich zu erahnen. Genau deshalb gehört diese Fassung auf eine solche Edition: nicht als beste Version, sondern als Ausgangspunkt.

SUMERIAN SANDS LEGT DIE ERSTEN MYTHOLOGISCHEN SPUREN

»Sumerian Sands (The Silence)« ist rückblickend besonders interessant, weil bereits der Titel auf jene Beschäftigung mit sumerischer und mesopotamischer Mythologie verweist, die Absu später ausführlicher verfolgen sollten. Musikalisch steht der Song jedoch weiterhin deutlich im Death Metal.

Das zentrale Riff besitzt eine schleppende, bedrohliche Bewegung. Die Gitarren erzeugen keine melodische Weite, sondern bilden eine kompakte Wand. Equitants Bass ist weniger als eigenständige Linie zu hören, verstärkt jedoch den schweren Gesamtklang.

Im Original Mix funktioniert die Nummer am besten. Die einzelnen Abschnitte sind deutlich genug voneinander getrennt, ohne dass die Aufnahme ihren historischen Charakter verliert. Gerade der Wechsel zwischen langsameren Riffs und kurzen Beschleunigungen zeigt, dass Absu bereits damals mehr wollten als bloß geradliniges Gebolze.

Der Rough Mix verschiebt die Gewichte. Das Schlagzeug klingt weiter entfernt, die Gitarren stehen stärker im Vordergrund und Shaftiels Gesang wirkt beinahe wie ein zusätzlicher Geräuschfaktor. Diese Fassung besitzt weniger Klarheit, dafür aber eine unangenehme, fast klaustrophobische Atmosphäre.

Die Unterschiede sind nicht dramatisch. Wer nur die Songs hören möchte, benötigt nicht zwingend beide Varianten. Für Sammler und Hörer, die sich mit Produktion und Entwicklung beschäftigen, ist die Gegenüberstellung jedoch sinnvoll.

DISEMBODIED ZERFÄLLT NICHT IM REMASTER

»Disembodied« ist das schnellste und unmittelbarste Stück aus dem Block von »The Temples of Offal«. Die Gitarren greifen aggressiver an, Benbow erhöht das Tempo und Shaftiel presst seine Stimme mit größerer Schärfe aus dem Mix.

Der Song zeigt deutlicher als seine beiden Nachbarn, in welche Richtung sich Absu später bewegen konnten. Noch handelt es sich nicht um Black Thrash, doch die größere Geschwindigkeit und die hektischeren Übergänge lösen das Material aus dem schweren Death-Metal-Rahmen.

Equitant und Gary Lindholm sorgen dafür, dass die Musik trotz der rohen Aufnahme nicht vollständig auseinanderfällt. Der Bass hält die tiefen Frequenzen zusammen, während Lindholms zweite Gitarre das Riffing verdichtet. Eine klare Trennung der beiden Gitarren ist kaum möglich, doch genau diese Verschmelzung erzeugt einen großen Teil der Wirkung.

Im Rough Mix verliert der Song etwas an Präzision, gewinnt aber an Gewalt. Die Instrumente wirken näher zusammengedrängt und der Gesang tritt schärfer hervor. Der Vergleich zeigt zugleich, wie behutsam das Remastering mit den Quellen umgeht. Die historische Aufnahme wurde nicht in ein modernes Klangbild gezwungen.

Equitant verbessert die Verständlichkeit, ohne aus dem Material etwas zu machen, das es 1991 niemals war. Die Gitarren bleiben körnig, das Schlagzeug rumpelt und der Bass besitzt keine zeitgemäße Trennschärfe. Ein glattgezogenes Ergebnis hätte zwar oberflächlich mehr Druck erzeugt, aber den dokumentarischen Wert erheblich beschädigt.

RETURN OF THE ANCIENTS BLEIBT IM PROBERAUM

Die Stücke von »Return of the Ancients« liegen ausschließlich als Proberaumfassungen vor. »Immortal Sorcery«, »Eternal Rest«, »Sea of Glasya« und »Dawn of Invocation« erscheinen jeweils in einer ursprünglichen und einer alternativen Aufnahme.

Der klangliche Sprung gegenüber den Studiofassungen von »The Temples of Offal« ist deutlich. Die Instrumente stehen nicht sauber getrennt, die Raumakustik drückt auf sämtliche Frequenzen und besonders die Becken lösen sich regelmäßig in einem scharfen Rauschen auf.

Dennoch besitzen diese Aufnahmen eine Energie, die in kontrollierteren Produktionen nur schwer reproduziert werden kann. Man hört eine junge Band, die nicht für spätere Archivveröffentlichungen spielt. Die Musiker versuchen schlicht, ihre Songs unter Proberaumbedingungen zusammenzuhalten.

»Eternal Rest« fällt besonders kompakt aus. Das Stück verzichtet auf längere Entwicklungen und setzt stattdessen auf einen unmittelbaren Wechsel aus schweren Riffs und schnelleren Passagen. Die alternative Fassung wirkt aggressiver, während die ursprüngliche Aufnahme etwas stabiler gespielt ist.

»Sea of Glasya« besitzt eine dunklere, beinahe beschwörende Atmosphäre. Die Gitarren lassen einzelne Akkorde länger stehen und erzeugen damit mehr Raum als in »Eternal Rest«. Gleichzeitig zeigt sich hier besonders deutlich die Grenze des Ausgangsmaterials: Manche Details bleiben auch nach dem Remastering unter dem Proberaumrauschen verborgen.

DAWN OF INVOCATION ÖFFNET DAS TOR

»Dawn of Invocation« ist die längste Komposition des ursprünglichen Demos und zugleich der deutlichste Hinweis auf die spätere Entwicklung von Absu. Die Riffs wechseln häufiger, das Tempo wird variabler eingesetzt und die Atmosphäre tritt stärker neben die reine körperliche Härte.

Die alternative Proberaumfassung überschreitet die Vier-Minuten-Marke und lässt den einzelnen Abschnitten mehr Zeit. Das Schlagzeug bewegt sich zwischen schleppenden Rhythmen und kurzen Ausbrüchen, während die Gitarren ihre Motive mehrfach verändern.

Die ursprüngliche Proberaumfassung ist kürzer und kompakter. Manche Übergänge wirken abrupter, dafür bleibt die Spannung über die gesamte Laufzeit hoch. Welche Version besser funktioniert, hängt davon ab, ob der Hörer eine geschlossenere Komposition oder den ungebremsten Proberaumangriff bevorzugt.

Gerade solche Unterschiede rechtfertigen die ausführliche Tracklist. Die Edition präsentiert nicht einfach dieselben Aufnahmen mehrfach unter neuen Bezeichnungen. Sie ermöglicht einen Vergleich zwischen verschiedenen Zeitpunkten und Arbeitsstadien.

Das richtet sich selbstverständlich an ein spezielles Publikum. Gelegenheitshörer werden vermutlich nach der Hälfte des Albums genug Varianten von »Immortal Sorcery« und den übrigen Demostücken gehört haben. Für langjährige Fans ist genau diese Wiederholung jedoch der eigentliche Inhalt der Veröffentlichung.

VIER MUSIKER VOR DER KLASSISCHEN ABSU-PHASE

Die Besetzung dieser Aufnahmen besteht aus Shaftiel, Equitant Ifernain, Gary Lindholm und Danny Benbow. Proscriptor McGovern, der den späteren Stil von Absu maßgeblich prägen sollte, war bei diesen frühen Sessions noch nicht Teil der Band.

Shaftiel übernimmt Gitarre und Gesang. Sein Spiel ist deutlich stärker im Death Metal verankert als auf den späteren Alben. Die Riffs setzen auf schwere Akkorde, kurze Tremolo-Bewegungen und kontrollierte Tempowechsel. Technische Feinheiten spielen eine untergeordnete Rolle.

Gary Lindholm ergänzt die Gitarrenfront und sorgt für zusätzliche Dichte. Die Rollen lassen sich aufgrund der Aufnahmequalität nicht immer eindeutig auseinanderhalten. Dennoch ist hörbar, dass zwei Gitarren gemeinsam an einer geschlossenen Klangwand arbeiten.

Equitant spielt Bass und verantwortet die Texte. Sein Instrument besitzt auf den Studiofassungen mehr Kontur als in den Proberaumaufnahmen. Die später für Absu typische Verbindung aus Musik, Mythologie und okkulter Symbolik ist bereits angelegt, aber noch nicht vollständig ausgearbeitet.

Danny Benbow liefert ein körperliches und ungeschöntes Schlagzeugspiel. Seine Rhythmen sind weniger spektakulär als jene, die Proscriptor später etablieren sollte, funktionieren aber innerhalb des schweren Death Metals ausgesprochen gut. Die kleinen Schwankungen und ungleichmäßigen Anschläge gehören zum Charakter der Aufnahmen.

REMASTERING STATT DIGITALER WIEDERBELEBUNG

Die wichtigste Leistung der Jubiläumsausgabe besteht darin, das Material hörbarer zu machen, ohne seine Herkunft zu verleugnen. Equitant fertigte Remix und Remastering in den Agurak Studios aus den ursprünglichen Kassetten- und DAT-Quellen an.

Das Ergebnis beseitigt kein Bandrauschen und keine klangliche Begrenzung vollständig. Die Gitarren bleiben rau, das Schlagzeug besitzt wenig räumliche Tiefe und die Proberaumaufnahmen klingen weiterhin nach Proberaumaufnahmen. Das ist die richtige Entscheidung.

Eine moderne Neuabmischung mit ausgetauschten Schlagzeugklängen, künstlich verbreiterten Gitarren und maximaler Lautheit hätte die historische Substanz zerstört. Die Edition soll zeigen, wie Absu 1990 und 1991 klangen, nicht wie diese Musik mit den Möglichkeiten von 2026 produziert worden wäre.

Der Zugewinn liegt vor allem in der Stabilität. Die Lautstärken der verschiedenen Quellen wurden besser aufeinander abgestimmt, Gitarren und Gesang besitzen mehr Kontur und die tiefen Frequenzen wirken weniger undefiniert. Wunder kann und soll das Remastering nicht vollbringen.

Gerade bei den Rough Mixes und Proberaumfassungen bleibt das Hören anstrengend. Wer historische Demoaufnahmen grundsätzlich als schlecht produzierte Vorstufen betrachtet, wird auch durch diese Edition nicht bekehrt. Liebhaber des frühen Extreme-Metal-Untergrunds erhalten hingegen eine überzeugend restaurierte Fassung.

FÜNFZEHN TRACKS, ABER NUR SIEBEN KOMPOSITIONEN

Die umfangreiche Tracklist ist zugleich Stärke und Schwäche. Auf dem Papier wirkt eine Edition mit fünfzehn Stücken großzügig. Tatsächlich verteilen sich diese auf lediglich sieben eigenständige Kompositionen, wobei »Immortal Sorcery« gleich fünfmal vertreten ist.

Als gewöhnliches Album funktioniert diese Zusammenstellung deshalb nur eingeschränkt. Die wiederholten Fassungen unterbrechen den musikalischen Fluss und setzen voraus, dass sich der Hörer aktiv für Unterschiede in Aufnahme, Mix und Darbietung interessiert.

Als Archivveröffentlichung ergibt die Reihenfolge Sinn. Zunächst stehen Original Mix und Rough Mix von »The Temples of Offal« direkt nebeneinander. Danach folgen die alternativen und ursprünglichen Proberaumaufnahmen von »Return of the Ancients«. Die Azathoth-Fassung von »Immortal Sorcery« führt schließlich zum frühesten dokumentierten Zustand zurück.

Die Edition arbeitet damit nicht auf einen musikalischen Höhepunkt hin. Sie bewegt sich rückwärts durch verschiedene Schichten der Bandgeschichte. Der Hörer beginnt bei den vergleichsweise ausgearbeiteten Studiofassungen und endet bei einer Aufnahme, in der die spätere Identität gerade erst Gestalt annimmt.

EINE AUSGABE FÜR SAMMLER UND BANDHISTORIKER

Auch die physische Gestaltung richtet sich klar an Sammler. Die CD ist auf 500 Exemplare begrenzt und enthält ein 16-seitiges Booklet mit Texten, Fotografien und historischem Artwork. Proscriptor steuert ausführliche Liner Notes bei.

Die Gatefold-LP erscheint ebenfalls in einer Auflage von 500 Stück, jeweils zur Hälfte auf schwarzem und silbernem Vinyl. Das neue Coverartwork von Monica Mey greift die okkulte Ästhetik der frühen Bandphase auf, ohne lediglich alte Gestaltungselemente zu kopieren.

Equitant und Francesco Gemelli verbinden das neue Design mit historischem Material. Damit erhält die Veröffentlichung einen deutlich höheren Wert als eine einfache digitale Neuauflage der sieben bekannten Demoaufnahmen.

Wer Absu nur wegen »Tara« oder der späteren Black-Thrash-Alben hört, sollte dennoch wissen, worauf er sich einlässt. Diese Compilation liefert keine technischen Schlagzeugexzesse, keine ausgefeilten Konzeptstücke und keinen klar produzierten Extreme Metal.

Sie zeigt den Ausgangspunkt. Gerade deshalb ist sie wichtig. Bands entwickeln sich nicht aus dem Nichts, und »The Temples of Offal / Return of the Ancients« dokumentiert jene Phase, in der aus Death-Metal-Rohmaterial langsam eine eigenständige mythologische und musikalische Welt entstand.

FAZIT:

»The Temples of Offal / Return of the Ancients – Remastered 35th Anniversary Edition« ist weniger ein reguläres Album als ein sorgfältig restauriertes Entwicklungsprotokoll der frühen Absu, das rohen Death Metal, erste okkulte Ansätze und verschiedene Arbeitsfassungen gegenüberstellt. Die zahlreichen Wiederholungen richten sich klar an Sammler, doch das behutsame Remastering, die vollständige Zusammenstellung und die hochwertige physische Aufmachung machen diese Edition zu einer wertvollen Ausgrabung aus dem amerikanischen Extreme-Metal-Untergrund. Wer nur den späteren Black Thrash erwartet, bekommt keinen Kriegsschauplatz in voller Aufrüstung – sondern die Aufnahmen aus dem Keller, in dem die ersten Waffen geschmiedet wurden.

The Temples of Offal / Return of the Ancients: Original Compilation

Internet

Absu - The Temples of Offal / Return of the Ancients - Remastered 35th Anniversary Edition - CD Review

Goreworm – Miasmic Solitude

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Band: Goreworm 🇨🇦
Titel: Miasmic Solitude
Label: Transcending Obscurity Records
VÖ: 12.06.2026 Format: CD / Digital
Genre: Technical Death Metal / Melodic Death Metal / Brutal Death Metal / Progressive Death Metal

Tracklist

01. Conjuring
02. Monuments to Murdering
03. The Enthralling Grave
04. Orbweaver
05. Amor Vincit Omnia
06. No Reprieve
07. Eve of Flagellation
08. Jarrell
09. Strelly
10. Miasmic Solitude

Besetzung

Robert Miller – Gesang
Jordan Estrela – Gitarre
Brent Moerschfelder – Gitarre, Bass
Robin Stone – Session-Schlagzeug

Gastmusiker:
Jesse Suess – Gastgesang auf „Orbweaver“
Andrew Warner – Gitarrensolo auf „Amor Vincit Omnia“

Produktion:
Robin Stone – Schlagzeugproduktion
Philipp Welsing – Mastering
Leanna TenEycke – Artwork

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Goreworm? Blutwurm? Was soll das sein? Beim Namen der kanadischen Formation könnte man zunächst an primitiven Goregrind, dumpf produzierten Höhlen-Death-Metal oder ein besonders unangenehmes medizinisches Problem denken. Tatsächlich liefern die 2017 in Ontario gegründeten Goreworm auf ihrem zweiten Album »Miasmic Solitude« jedoch technisch anspruchsvollen Death Metal, der melodische Gitarren, brutale Rhythmusarbeit, progressive Strukturen und gelegentliche Slam-Eruptionen miteinander verbindet. Sechs Jahre nach dem Debüt »Prodigy of the Grotesque« und fünf Jahre nach der EP »Plague of Shadows« tritt die Band mit veränderter Besetzung und einem Vertrag bei Transcending Obscurity Records wieder an. Robert Miller übernimmt den Gesang, während die Gitarristen Jordan Estrela und Brent Moerschfelder den instrumentalen Kern bilden; Letzterer spielt zusätzlich den Bass. Hinter dem Schlagzeug sitzt Session-Musiker Robin Stone. Das Ergebnis umfasst zehn Stücke und rund vierzig Minuten, in denen Goreworm nahezu pausenlos zwischen halsbrecherischer Präzision, melodischer Führung und körperlicher Härte wechseln. »Miasmic Solitude« klingt damit keineswegs wie ein schleimiger Wurm, der langsam durch verwesendes Fleisch kriecht. Dieses Tier bewegt sich verdammt schnell, besitzt offenbar acht Gliedmaßen und hat nebenbei klassischen Gitarrenunterricht genommen.

Full Album Stream: Miasmic Solitude

BESCHWÖRUNG MIT VOLLGAS

»Conjuring« eröffnet das Album mit einer kurzen atmosphärischen Andeutung, bevor Robin Stone das Schlagzeug beschleunigt und die Gitarren nahezu gleichzeitig mehrere Bewegungsrichtungen einschlagen. Goreworm verwenden keine lange Einleitung, um ihre Fähigkeiten langsam vorzustellen. Tremolo-Läufe, harte Akkorde, schnelle Bassdrums und Robert Millers raues Gebrüll stehen innerhalb weniger Sekunden gemeinsam im Raum.

Die Gitarrenarbeit von Jordan Estrela und Brent Moerschfelder ist technisch anspruchsvoll, bleibt aber zunächst vergleichsweise geradlinig. Zwischen den schnellen Riffs tauchen kleinere melodische Figuren und zurückhaltende Synthesizerflächen auf. Diese verleihen dem Opener zusätzliche Größe, ohne Goreworm in symphonische Bereiche zu verschieben.

Miller besitzt eine kräftige Stimme, die zwischen tiefen Growls und höher angesetzten Schreien wechselt. Sein Vortrag ist nicht so variabel wie die Gitarrenarbeit, erfüllt aber eine wichtige Funktion: Während sich die Instrumente ständig verändern, bildet der Gesang einen stabilen aggressiven Fixpunkt.

Mit »Monuments to Murdering« zeigen Goreworm anschließend deutlicher, was unter dem Begriff Technical Death Metal verstanden werden darf. Estrela und Moerschfelder verbinden neoklassische Läufe, schnelle Harmonien und scharf gesetzte Rhythmusfiguren. Die Gitarren stehen dabei nicht nur nebeneinander, sondern greifen ineinander wie zwei Teile derselben Konstruktion.

Der Song dauert kaum mehr als drei Minuten, enthält jedoch genügend Material für eine deutlich längere Komposition. Goreworm wechseln zwischen hoher Geschwindigkeit, melodischen Leadlinien und schweren Akzenten, ohne einzelne Übergänge ausführlich anzukündigen. Wer für einen Moment nicht aufpasst, befindet sich wenige Sekunden später bereits in einem völlig anderen Abschnitt.

Trotz dieser Dichte wirkt die Nummer nicht planlos. Wiederkehrende Motive halten die Struktur zusammen, während Stones Schlagzeug selbst komplizierte Wechsel mit erstaunlicher Geschmeidigkeit bewältigt. Besonders seine kurzen Rollen und kontrollierten Bassdrum-Salven verhindern, dass die Gitarren dem Song vollständig die Richtung diktieren.

DAS GRAB BEGINNT ZU TANZEN

»The Enthralling Grave« gehört zu den unmittelbarsten Stücken des Albums. Ein scharfes, beinahe thrashiges Riff führt in die Komposition, ehe die Band das Tempo verschärft und melodische Gitarren über die Rhythmusarbeit legt.

Der Song zeigt besonders deutlich, dass Goreworm technische Fähigkeiten nicht als Selbstzweck verstehen. Das zentrale Riff besitzt genügend Kontur, um auch nach dem ersten Durchlauf im Gedächtnis zu bleiben. Gleichzeitig verändern Estrela und Moerschfelder die Figuren regelmäßig, damit die Nummer nicht auf einer einzigen Idee stehen bleibt.

Im Mittelteil bremst die Band ab und nähert sich einem Slam-Riff. Goreworm setzen diesen Abschnitt jedoch nicht als isolierten Moshpart ein. Der schwere Rhythmus entsteht organisch aus der vorherigen Bewegung und führt anschließend wieder in schnellere Bereiche zurück. Dadurch bleibt die Komposition geschlossen.

Robert Miller klingt hier besonders überzeugend. Seine Growls besitzen Druck und setzen klare rhythmische Akzente. Eine größere vokale Bandbreite wäre willkommen, doch gerade in den kompakteren Stücken passt seine geradlinige Aggression zur instrumentalen Unruhe.

»Orbweaver« führt den technischen Anspruch anschließend weiter. Der Titel bezeichnet eine Radnetzspinne, und die Gitarrenarbeit passt zu diesem Bild: Mehrere Leadlinien ziehen sich über- und untereinander, kreuzen sich und bilden ein dichtes musikalisches Geflecht.

Jesse Suess, der frühere Sänger der Band, kehrt für einen Gastbeitrag zurück. Seine Stimme erweitert die vokale Ebene und bildet einen wirkungsvollen Kontrast zu Miller. Der Einsatz wirkt nicht wie ein nostalgischer Verweis auf die Vergangenheit, sondern stärkt die dramaturgische Entwicklung des Songs.

Die Vielzahl der Gitarrenspuren und Rhythmuswechsel macht »Orbweaver« zu einer der anspruchsvollsten Kompositionen. Gleichzeitig besteht hier erstmals die Gefahr, dass Goreworm zu viele Ideen auf engem Raum unterbringen. Einzelne Motive verschwinden fast unmittelbar, nachdem sie eingeführt wurden.

Diese Überladung gehört allerdings zum Konzept. Das Stück soll nicht bequem aufgelöst werden. Die Musik zieht den Hörer in ein Netz, dessen Aufbau erst nach mehreren Durchläufen vollständig erkennbar wird.

LIEBE BESIEGT ALLES – AUSSER DIE DOUBLEBASS

»Amor Vincit Omnia« trägt einen lateinischen Titel, der mit „Die Liebe besiegt alles“ übersetzt werden kann. Musikalisch klingt die Nummer allerdings nicht nach einem friedlichen Triumph der Zuneigung. Goreworm beginnen mit einer kontrollierten Gitarrenbewegung und lassen die Rhythmusgruppe anschließend in immer härtere Bereiche vordringen.

Robin Stone liefert eine seiner stärksten Leistungen. Seine Schlagzeugfiguren sind nicht dauerhaft auf reine Geschwindigkeit ausgerichtet. Zwischen den Blastbeats und Bassdrum-Angriffen setzt er fließende Rollen, verschiebt Akzente und reagiert präzise auf die melodischen Veränderungen der Gitarren.

Estrela und Moerschfelder lassen sich im längsten Stück des Albums mehr Zeit. Die Komposition überschreitet als einzige die Marke von fünf Minuten und entwickelt mehrere deutlich voneinander getrennte Abschnitte. Schnelle technische Riffs wechseln mit breiteren melodischen Passagen und schweren rhythmischen Unterbrechungen.

Andrew Warner steuert ein Gastsolo bei. Seine Leadgitarre fügt sich in den vorhandenen Stil ein, besitzt aber genügend Eigenständigkeit, um als besonderer Moment hervorzutreten. Das Solo setzt nicht auf bloße Geschwindigkeit, sondern entwickelt eine nachvollziehbare melodische Linie.

Gerade hier wird deutlich, wie stark Goreworm von klassischen Metal-Gitarren beeinflusst sind. Unter den extremen Stimmen und der modernen Präzision liegen Harmonien, die auch im Melodic Death Metal oder in neoklassisch geprägtem Heavy Metal funktionieren könnten.

Die Verbindung gelingt überwiegend überzeugend. Gelegentlich wirken die Übergänge jedoch so schnell, dass einzelne Motive kaum Zeit erhalten, ihre volle Wirkung zu entfalten. Goreworm sind ständig auf dem Weg zur nächsten Idee und könnten an manchen Stellen davon profitieren, eine starke Passage länger auszuspielen.

KEINE GNADE, KEINE PAUSE

»No Reprieve« macht seinem Titel alle Ehre. Nach den komplexeren Entwicklungen von »Amor Vincit Omnia« konzentriert sich die Band auf einen direkteren Angriff. Das Riffing bleibt technisch, wird aber stärker auf körperliche Wirkung ausgerichtet.

Stone verbindet harte Bassdrum-Salven mit kurzen rhythmischen Unterbrechungen. Seine Leistung wirkt präzise, ohne vollständig mechanisch zu klingen. Besonders in den Übergängen beweist er, dass er nicht nur Geschwindigkeit liefern, sondern komplizierte Songstrukturen zusammenhalten kann.

Die Gitarren bleiben beweglich. Kurze neoklassische Läufe werden von schweren Akkorden abgefangen, während der Bass überwiegend das Fundament stärkt. Moerschfelder spielt druckvoll, könnte sich aber häufiger von den Gitarren lösen. Da er beide Aufgaben übernimmt, folgt der Bass verständlicherweise häufig den rhythmischen Grundbewegungen.

»Eve of Flagellation« setzt auf eine ähnlich direkte Härte. Die Komposition beginnt aggressiv, besitzt jedoch weniger auffällige melodische Merkmale als die vorherigen Stücke. Dadurch wirkt sie innerhalb des Albums etwas unscheinbarer.

Handwerklich gibt es kaum etwas auszusetzen. Schlagzeug, Gitarren und Gesang bewegen sich auf einem hohen technischen Niveau, und die Band hält die Intensität ohne hörbare Schwächen aufrecht. Das Problem liegt eher in der Platzierung: Nach sechs Stücken voller Tempowechsel, Leads und komplexer Riffs benötigt der Hörer einen klareren Kontrast.

Ein stärker reduzierter Mittelteil oder eine markantere melodische Leitfigur hätte »Eve of Flagellation« deutlicher von »No Reprieve« getrennt. So bleibt eine solide, brutale Nummer, die im Gesamtwerk jedoch nicht dieselbe Wirkung wie die Höhepunkte entwickelt.

JARRELL ZERLEGT DIE TAKTARTEN

»Jarrell« gehört zu den ungewöhnlichsten Stücken. Der Titel verweist offenbar auf den verheerenden Tornado, der 1997 die texanische Stadt Jarrell traf. Goreworm versuchen nicht, dieses Ereignis mit offensichtlichen Windgeräuschen oder gesprochenen Nachrichtenaufnahmen zu illustrieren. Die Naturgewalt wird allein durch die Instrumente dargestellt.

Die Gitarren drehen sich in schnellen Bewegungen umeinander, während das Schlagzeug seine Akzente ständig verschiebt. Das Tempo beschleunigt, bricht ab und setzt an anderer Stelle erneut ein. Die Komposition vermittelt dadurch den Eindruck einer Kraft, deren Richtung nicht zuverlässig vorhergesagt werden kann.

Stone steht erneut im Mittelpunkt. Seine Blastbeats bilden nicht einfach einen gleichmäßigen Hintergrund, sondern reagieren auf jede Veränderung der Gitarren. Schnelle Rollen und abrupte Unterbrechungen verleihen dem Song eine körperliche Unruhe.

Miller folgt dieser Bewegung mit kurzen, hart gesetzten Phrasen. Seine Stimme bleibt zwar überwiegend in denselben beiden extremen Bereichen, wirkt hier aber durch die ungewöhnliche Rhythmik deutlich lebendiger.

Trotz der technischen Dichte besitzt »Jarrell« einen klaren Spannungsbogen. Die Band baut keine beliebige Folge von Riffs, sondern steigert das Gefühl der Unkontrollierbarkeit. Das Stück zählt deshalb zu den kompositorisch überzeugendsten Momenten des Albums.

STRELLY BRAUCHT KEINE STIMME

Mit »Strelly« folgt ein Instrumentalstück, das den Gitarren endgültig die vollständige Kontrolle überlässt. Nach acht vokal geführten Nummern ist diese Entscheidung sinnvoll. Goreworm verändern ihren Stil nicht grundsätzlich, schaffen aber einen notwendigen Kontrast.

Die Komposition beginnt mit melodischen Harmonien, die beinahe feierlich wirken. Kurz darauf beschleunigt das Schlagzeug und zieht die Gitarren in einen technischeren Abschnitt. Estrela und Moerschfelder wechseln zwischen gemeinsamen Linien und klar voneinander getrennten Leadbewegungen.

Das Instrumental ist nicht als reine Vorführung angelegt. Natürlich stehen die Fähigkeiten der Musiker im Vordergrund, doch die Komposition besitzt eine eigene Dramaturgie. Melodische Motive kehren wieder, werden verändert und schließlich in einen härteren Schlussabschnitt geführt.

Besonders die harmonisierten Gitarren verleihen »Strelly« einen hohen Wiedererkennungswert. In einer anderen Produktion könnten manche Passagen beinahe als instrumentaler Melodic Death Metal durchgehen. Goreworm halten den Klang jedoch schwer genug, damit die Nummer nicht aus dem Album herausfällt.

Der Verzicht auf Gesang verdeutlicht zugleich, wie viel auf »Miasmic Solitude« permanent geschieht. Ohne Millers Stimme werden kleinere Bassbewegungen, rhythmische Details und zweite Gitarrenlinien leichter erkennbar. Das Stück funktioniert deshalb nicht bloß als Pause für den Sänger, sondern als gezielter Perspektivwechsel.

EINSAMKEIT UNTER GIFTIGEM NEBEL

Der Titeltrack beendet das Album mit einer Mischung aus technischer Geschwindigkeit, melodischen Leads und schweren Rhythmuswechseln. »Miasmic Solitude« versucht nicht, das Werk durch ein langes atmosphärisches Finale künstlich zu vergrößern. Goreworm bleiben ihrem kompakten Ansatz treu.

Das zentrale Gitarrenmotiv besitzt eine nervöse, aufsteigende Bewegung. Estrela und Moerschfelder ergänzen diese Figur durch schnelle Läufe und harmonisierte Leads. Der Song führt damit mehrere Eigenschaften der vorherigen Stücke zusammen.

Miller liefert einen besonders aggressiven Vortrag. Die Stimme steht klar im Vordergrund und bildet einen deutlichen Gegenpol zu den melodischen Instrumenten. In den dichten Abschnitten wird der Gesang allerdings so präsent, dass Teile des Schlagzeugs etwas an Kontur verlieren.

Der Titel beschreibt eine Form der Einsamkeit, die nicht still oder leer wirkt. Die Atmosphäre ist belastet, giftig und permanent in Bewegung. Diese Vorstellung passt zum gesamten Album. Goreworm schaffen keinen offenen Raum, sondern eine Umgebung, in der sich Riffs, Stimmen und Rhythmen gegenseitig bedrängen.

Als Abschluss funktioniert die Nummer gut, ohne den Höhepunkt des Albums eindeutig zu übertreffen. »The Enthralling Grave«, »Orbweaver«, »Amor Vincit Omnia« und »Jarrell« besitzen jeweils markantere Einzelmerkmale. Der Titeltrack erfüllt vor allem die Aufgabe, das Gesamtbild geschlossen zu beenden.

NEUE STIMME, BEKANNTER KERN

Seit »Prodigy of the Grotesque« hat sich die Besetzung erheblich verändert. Die Gitarristen Jordan Estrela und Brent Moerschfelder bilden weiterhin das Zentrum, während Robert Miller den früheren Sänger Jesse Suess ersetzt. Robin Stone ist erneut als Session-Schlagzeuger beteiligt.

Der Wechsel am Mikrofon verändert den Charakter. Miller klingt kräftig, tief und zuverlässig aggressiv. Seine Stimme besitzt jedoch weniger auffällige Eigenheiten als die instrumentale Arbeit. Eine größere Abstufung zwischen Growls, Schreien und zurückhaltenderen Passagen könnte zukünftige Veröffentlichungen deutlich bereichern.

Dass Jesse Suess ausgerechnet bei »Orbweaver« zurückkehrt, ist deshalb besonders wirkungsvoll. Der Kontrast zwischen beiden Stimmen zeigt, wie viel zusätzliche Tiefe durch unterschiedliche vokale Ebenen entstehen kann.

Estrela und Moerschfelder gehören zu den klaren Stärken des Albums. Ihre Gitarrenarbeit ist technisch anspruchsvoll, melodisch und präzise aufeinander abgestimmt. Sie vermeiden weitgehend den Eindruck, als würden sie lediglich Tonleitern in maximaler Geschwindigkeit abarbeiten.

Moerschfelders Bass besitzt Gewicht, bleibt aber häufig eng an die Gitarren gebunden. Ein eigenständigerer Bass hätte manche komplexen Abschnitte weiter öffnen können. Da ein Musiker gleichzeitig Gitarre und Bass verantwortet, ist die enge Verbindung allerdings nachvollziehbar.

Robin Stone liefert eine herausragende Session-Leistung. Blastbeats, schnelle Bassdrums, kontrollierte Rollen und komplexe Übergänge werden mit großer Sicherheit umgesetzt. Er dient nicht als bloßer Taktgeber, sondern trägt maßgeblich zur Identität der Songs bei.

TECHNISCH, ABER NICHT VOLLSTÄNDIG STERIL

Die Produktion stellt Gitarren und Gesang deutlich in den Vordergrund. Dadurch bleiben selbst schnelle Läufe und komplexe Harmonien nachvollziehbar. Technical Death Metal benötigt eine gewisse Trennschärfe, weil die kompositorischen Details sonst zu einer undefinierten Masse verschmelzen würden.

Goreworm vermeiden dennoch einen vollständig sterilen Klang. Die Gitarren besitzen genügend Rauheit, während Millers Stimme nicht durch übermäßige Bearbeitung geglättet wurde. Philipp Welsings Mastering verleiht dem Album Druck, ohne sämtliche Dynamik zu beseitigen.

Das Schlagzeug ist grundsätzlich kraftvoll abgebildet. In besonders dichten Passagen verliert es jedoch etwas an Durchsetzungskraft. Wenn mehrere Gitarrenspuren, Growls und Blastbeats gleichzeitig einsetzen, treten einzelne Schläge hinter die Saiteninstrumente zurück.

Diese Schwäche beschädigt das Album nicht grundlegend, fällt aber angesichts Stones starker Leistung auf. Ein etwas offenerer Mix hätte seine zahlreichen Details deutlicher hervorgehoben.

Auch der Bass könnte stärker von den Gitarren getrennt werden. Sein Gewicht ist vorhanden, sein eigener Klang tritt jedoch nur gelegentlich hervor. Gerade bei einer technisch orientierten Band kann ein beweglicher, klar hörbarer Bass eine zusätzliche kompositorische Ebene schaffen.

Das Artwork von Leanna TenEycke passt hervorragend zur Musik. Die fremdartige Kreatur in einer kargen Landschaft verbindet biologische Bedrohung mit kosmischer Isolation. Es ist kein klassisches Splattermotiv, sondern vermittelt genau jene Mischung aus Präzision, Unbehagen und Andersartigkeit, die auch den Klang des Albums bestimmt.

TECHNIK ZWISCHEN MELODIE UND BRUTALITÄT

Goreworm lassen sich nicht eindeutig einer einzigen Death-Metal-Spielart zuordnen. Die Geschwindigkeit und Präzision verweisen auf Technical Death Metal, während die harmonisierten Gitarren deutlich aus dem Melodic Death Metal stammen. Schwere Unterbrechungen und Slam-Anteile bringen zusätzliche Brutalität ein.

Als Vergleichspunkte bieten sich Arsis, Gorod, Obscura, Vale of Pnath und The Black Dahlia Murder an. Goreworm übernehmen von diesen Bands keine vollständige Formel, bewegen sich aber in einem ähnlichen Spannungsfeld aus technischer Leistung, Melodie und Aggression.

Die größte Stärke besteht darin, dass die Kanadier ihre unterschiedlichen Einflüsse überwiegend zusammenhalten. Ein melodischer Lauf wird nicht als Fremdkörper auf einen brutalen Song gesetzt, sondern entsteht aus dem vorherigen Riff. Selbst die Slam-Passagen wirken meist wie Bestandteile der Komposition und nicht wie berechnete Unterbrechungen für den Moshpit.

Gleichzeitig verlangt das Album viel Aufmerksamkeit. Nahezu jeder Song enthält mehrere schnelle Wechsel, Gitarrenharmonien und rhythmische Verschiebungen. Wer Death Metal vor allem wegen einfacher, schwerer Riffs hört, dürfte von der Informationsdichte zeitweise erschlagen werden.

Goreworm könnten an einigen Stellen stärker auswählen. Nicht jede gute Idee muss sofort in denselben Song eingebaut werden. Weniger Wechsel und länger ausgearbeitete Leitmotive hätten einzelnen Nummern noch mehr Wiedererkennungswert verliehen.

Das Album bleibt trotzdem erstaunlich geschlossen. Die zehn Stücke wirken nicht wie technische Übungen, die zufällig mit Gesang versehen wurden. Hinter der instrumentalen Leistung stehen vollständige Songs, auch wenn manche ihre Qualitäten erst nach mehreren Durchläufen offenlegen.

DER WURM HAT SICH WEITERENTWICKELT

Goreworm veröffentlichten 2018 zunächst die EP »The Path to Oblivion«. Zwei Jahre später folgte mit »Prodigy of the Grotesque« das erste vollständige Album, bevor »Plague of Shadows« 2021 die technische und melodische Entwicklung weiterführte.

Die fünfjährige Pause bis »Miasmic Solitude« und die Veränderungen innerhalb der Besetzung haben den Stil nicht vollständig neu ausgerichtet. Die Gitarren bleiben das bestimmende Element, während schnelle Rhythmen, Melodien und brutale Unterbrechungen weiterhin eng miteinander verbunden werden.

Das zweite Album wirkt jedoch größer und vielseitiger. Die Songs besitzen mehr atmosphärische Elemente, stärkere melodische Kontraste und eine breitere Produktion. Besonders »Orbweaver«, »Amor Vincit Omnia«, »Jarrell« und »Strelly« zeigen, wie weit Goreworm ihre Grundformel ausdehnen können.

Der Preis dieser Entwicklung ist eine gelegentliche Überladung. Wo das Debüt direkter wirkte, fordert »Miasmic Solitude« mehr Konzentration. Nicht jeder Übergang bleibt nach dem ersten Hören hängen, und manche Songs benötigen mehrere Durchläufe, bevor sich ihre Struktur vollständig erschließt.

Wer diese Geduld aufbringt, erhält jedoch ein Album mit erheblicher musikalischer Substanz. Goreworm demonstrieren nicht nur instrumentales Können, sondern eine klare Vorstellung davon, wie technischer Death Metal zugleich melodisch, brutal und atmosphärisch funktionieren kann.

FAZIT:

»Miasmic Solitude« ist ein technisch beeindruckendes und überraschend vielseitiges Death-Metal-Album, auf dem Goreworm neoklassische Gitarren, brutale Rhythmen, melodische Harmonien und progressive Strukturen weitgehend überzeugend verbinden. Kleinere Abzüge gibt es für die stellenweise überladene Komposition, den etwas zurückgesetzten Bass und einen Mix, der Robin Stones hervorragendes Schlagzeug nicht immer vollständig zur Geltung bringt. Ein Blutwurm ist Goreworm also nicht – eher eine hochentwickelte Spinne, die ihre Beute mit zehn komplizierten Songs in einem bemerkenswert stabilen Netz festsetzt.

Official Track: The Enthralling Grave

Official Track: Amor Vincit Omnia

Official Track: No Reprieve

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Goreworm - Miasmic Solitude - CD Review