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Argorok – Omen

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Band: Argorok 🇩🇪
Titel: Omen
Label: Eigenveröffentlichung
VÖ: 12.06.2026
Format: limitierte CD / Digital
Genre: Epic Death Metal / Melodic Death Metal / Groove Metal / Industrial Metal

Tracklist

01. Ambrosia – 04:38
02. Enklave feat. Aello – 03:47
03. Stadt der Tränen – 04:07
04. Götterdämmerung – 04:13

Besetzung

Boa – Gesang
Andy – Leadgitarre
Eric – Rhythmusgitarre
Bill – Bass, Gesang
Hyrass – Schlagzeug

Gastmusiker:
Aello von Harpyie – Gesang auf „Enklave“

Produktion:
Komposition, Texte und Produktion – Bill Thiele
Schlagzeugaufnahme – André Rose
Mixing und Mastering – Bill Thiele

CD-Auflage:
100 Exemplare im Digipack

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Vier Songs, knapp siebzehn Minuten und ein Titel, der nach drohendem Unheil klingt: Mit »Omen« legen die Dresdner Argorok zwei Jahre nach ihrem zweiten Album »Obscurum« eine kompakte EP vor. Die 2020 zunächst als Studioprojekt gegründete Band bezeichnet ihre Musik als Epic Death Metal und verbindet dafür melodischen Death Metal mit schweren Groove-Riffs, orchestralen Arrangements, Industrial-Elementen und vereinzelten Folk-Anklängen. Deutsche Texte, Boa als brachialer Frontmann und eine Produktion, die lieber auf Größe als auf schmutzige Rohheit setzt, bilden den Kern dieser vier Stücke. »Omen« ist damit keine bloße Zwischenveröffentlichung, die übrig gebliebenes Material verwaltet. Die EP zeigt vielmehr eine Band, die ihren eigenen Stil klarer formuliert, dabei aber auch hörbar in einem Feld arbeitet, das zwischen Amon-Amarth-Epik, modernem Groove Metal und cineastischer Klangkulisse bereits prominent besetzt ist.

Official Music Video: Ambrosia

DAS ELIXIER BEGINNT ELEKTRONISCH

»Ambrosia« eröffnet die EP zunächst außerhalb der erwartbaren Death-Metal-Komfortzone. Pulsierende elektronische Klänge, orientalisch gefärbte Tonfolgen und eine beinahe rituelle Atmosphäre führen in das Stück. Erst danach setzen die schweren Gitarren ein und drücken die Komposition in jenen wuchtigen Midtempo-Bereich, in dem sich Argorok besonders sicher bewegen.

Das funktioniert, weil die Einleitung nicht bloß als vorgeschalteter Effekt verwendet wird. Die fremdartigen Klangfarben kehren am Ende zurück und rahmen die eigentliche Metal-Komposition ein. Dazwischen dominieren breite Gitarren, ein druckvoller Bass und orchestrale Flächen, die den Song größer erscheinen lassen, ohne die Rhythmusarbeit vollständig zuzudecken.

Inhaltlich führt »Ambrosia« in das Labor eines Alchemisten, der nach dem Lebenselixier und damit nach Unsterblichkeit sucht. Verbotene Experimente, okkulte Rituale und exotische Zutaten bilden eine Geschichte über menschliches Machtstreben. Die mythologische Ambrosia, die Speise der Götter, wird dabei nicht als Geschenk verstanden, sondern als Ziel eines Menschen, der die natürliche Ordnung überwinden möchte.

Boa setzt seine Growls mit deutlicher Artikulation über das Instrumental. Die deutschen Texte bleiben trotz der tiefen Stimme weitgehend nachvollziehbar. Das ist wichtig, weil Argorok ihre Geschichten nicht lediglich als Vorwand für eine düstere Atmosphäre verwenden. Die erzählerische Ebene gehört zum eigentlichen Profil der Band.

Andy und Eric arbeiten überwiegend als geschlossene Gitarrenfront. Das Hauptriff ist schwer und einfach genug, um unmittelbar im Nacken anzukommen. Melodische Leadlinien und ein kurzes Solo lockern die Struktur auf. Gerade der Refrain gewinnt durch diese zweite Gitarrenebene und bleibt schneller hängen als das zunächst sperrige Intro vermuten lässt.

Die Mischung aus Elektronik, schwerem Groove und melodischer Gitarre wirkt schlüssig, bleibt aber stilistisch nicht völlig überraschend. Moderne Melodic-Death- und Groove-Metal-Bands arbeiten seit Jahren mit ähnlichen Kontrasten. Argorok überzeugen weniger durch eine neue Formel als durch die konsequente Ausführung und ihre deutschsprachige Erzählweise.

HINTER OBSIDIANMAUERN

»Enklave« verzichtet auf langes Herantasten. Ein mächtiges Riff, akzentuiertes Schlagzeug und orchestrale Hintergrundflächen setzen den Song sofort in Bewegung. Das Tempo bleibt überwiegend im mittleren Bereich, doch die Rhythmik besitzt genügend Druck, um die Nummer nicht statisch wirken zu lassen.

Mit Aello von Harpyie erhält der Song eine zweite Stimme, die weit mehr als einen kurzen Gastauftritt liefert. Boa und Aello teilen sich große Teile der Komposition und erzeugen einen wirkungsvollen Kontrast. Boas tiefer, aggressiver Vortrag steht Aellos klarerer und theatralischerer Stimme gegenüber.

Gerade diese Rollenverteilung verhindert, dass »Enklave« zu einem gleichförmigen Midtempo-Stampfer wird. Aello bringt melodische Leichtigkeit in das ansonsten sehr schwere Arrangement. Gleichzeitig bleibt der Song eindeutig im Klangbild von Argorok verankert. Der Gast übernimmt nicht die Kontrolle, sondern erweitert die vorhandene Dramaturgie.

Die titelgebende Enklave ist keine sichere Heimat. Der Text beschreibt eine Figur, die sich aus Angst, Wut und Misstrauen hinter einer symbolischen Festung aus Obsidian verschanzt. Schwarze Tore und blutrote Banner zeichnen das Bild eines selbst geschaffenen Reiches, dessen vermeintlicher Schutz zunehmend zur Isolation wird.

Musikalisch wird dieser Gedanke durch die massive Produktion unterstützt. Die Gitarren wirken wie Mauern, die Orchestrierung vergrößert den Raum und das Schlagzeug setzt kontrollierte Schläge, statt das Stück mit permanenter Geschwindigkeit aufzubrechen. Die Komposition vermittelt Sicherheit und Gefangenschaft zugleich.

Der Refrain gehört zu den unmittelbarsten Momenten der EP. Er besitzt beinahe hymnische Qualitäten und dürfte live schnell funktionieren. Gleichzeitig bewegt er sich nahe an vertrauten Mustern aus Folk- und Epic Metal. Der Gastgesang, die orchestralen Flächen und der schwere Groove greifen sauber ineinander, wirken aber auch bewusst zugänglich.

Das ist kein grundsätzlicher Nachteil. Argorok schreiben keinen technischen Death Metal und wollen ihre Hörer nicht durch möglichst komplizierte Strukturen herausfordern. »Enklave« setzt auf Wirkung, Wiedererkennbarkeit und eine klare Bildsprache. Innerhalb dieser Zielsetzung ist das Stück ausgesprochen gelungen.

DIE STADT STEHT NOCH

Eine Kombination aus akustischen und elektrischen Gitarren eröffnet »Stadt der Tränen«. Nach dem druckvollen »Enklave« verändert sich die Atmosphäre damit deutlich. Melancholie tritt an die Stelle unmittelbarer Angriffslust, ohne dass Argorok in eine Ballade abdriften.

Sobald die vollständige Band einsetzt, bleibt die emotionale Grundfarbe erhalten. Die Rhythmusgitarren besitzen weiterhin Gewicht, werden jedoch stärker von melodischen Leadlinien begleitet. Andy erhält mehr Raum und setzt einige der überzeugendsten Gitarrenmomente der EP.

Boa passt seinen Vortrag nicht grundsätzlich an, wirkt innerhalb des melancholischen Arrangements aber weniger kriegerisch. Seine Stimme klingt wie die eines Erzählers, der zwischen den Ruinen steht und nicht nur Zerstörung, sondern auch deren menschliche Folgen betrachtet.

Der Text handelt von einer verwüsteten Stadt, persönlichen Opfern und dem Versuch, trotz allem einen Wiederaufbau zu beginnen. Hoffnung wird nicht als plötzlich eintretende Erlösung dargestellt. Sie entsteht aus Beharrlichkeit und der Entscheidung, den Ort trotz seiner Wunden nicht aufzugeben.

Diese inhaltliche Ausrichtung unterscheidet »Stadt der Tränen« von zahlreichen epischen Death-Metal-Stücken, die ihre Spannung aus Schlachten, Siegen oder mythologischen Helden beziehen. Argorok richten den Blick auf das Danach. Der eigentliche Kampf beginnt dort, wo die großen Gesten enden und aus Trümmern erneut eine Gemeinschaft entstehen soll.

Bill trägt mit seinem Bass entscheidend zur Wirkung bei. Das Instrument bleibt nicht unter den Gitarren verborgen, sondern verbreitert das Fundament. Hyrass spielt kontrolliert und setzt seine Akzente so, dass die Melodien genügend Raum behalten. Das Schlagzeug ist druckvoll, ohne die nachdenkliche Grundstimmung zu überrollen.

Das kurze Solo führt die melancholische Seite besonders überzeugend aus. Es arbeitet nicht mit hoher Geschwindigkeit oder technischer Selbstdarstellung, sondern mit nachvollziehbaren melodischen Linien. Dadurch wird »Stadt der Tränen« zum emotionalen Mittelpunkt der EP.

Eine stärkere dynamische Abstufung hätte dem Stück dennoch zusätzliche Tiefe verleihen können. Die Produktion bleibt auch in den vermeintlich ruhigeren Abschnitten sehr groß und dicht. Ein deutlicherer Rückzug einzelner Instrumente hätte den späteren Einsatz der gesamten Band noch kraftvoller wirken lassen.

GÖTTERDÄMMERUNG IM MITTELTEMPO

Mit einem Titel wie »Götterdämmerung« verbindet sich automatisch eine gewisse Erwartung. Das Stück muss nach Ende, Umbruch und übermenschlicher Größe klingen. Argorok erfüllen diese Vorgabe nicht durch orchestralen Bombast allein, sondern stützen den Song auf ein schweres, beinahe galoppierendes Hauptriff.

Hyrass steht stärker im Mittelpunkt als in den vorherigen Nummern. Sein Schlagzeugspiel bleibt songdienlich, setzt aber mehr kleine Veränderungen und Übergänge. Besonders die Verbindung aus schweren Gitarren und beweglicher Rhythmik verhindert, dass der Song unter seiner eigenen Monumentalität erstarrt.

Die Keyboards und orchestralen Flächen sind deutlicher wahrnehmbar, bleiben aber hinter der Band. Sie sollen das Riffing vergrößern und keine vollständige Symphonic-Metal-Komposition daraus machen. Dieser zurückhaltende Einsatz ist eine der Stärken von Argorok. Die zusätzlichen Klangschichten besitzen eine Funktion und werden nicht automatisch über jede freie Stelle gelegt.

Im Mittelteil öffnet sich die Komposition. Melancholische Gitarren und eine breitere Instrumentalpassage lösen den engen Groove vorübergehend auf. Hier treten die skandinavischen Einflüsse besonders deutlich hervor. Erinnerungen an Amon Amarth und andere episch ausgerichtete Vertreter des Melodic Death Metal sind kaum zu vermeiden.

Diese Nähe ist zugleich Stärke und Schwäche. Argorok verstehen, wie schwere Riffs, deutsche Growls und heroische Melodien miteinander verbunden werden müssen. Das Ergebnis besitzt unmittelbare Wirkung. Die Band bewegt sich dabei jedoch auf bekanntem Boden und setzt noch nicht in jeder Passage ein unverwechselbares eigenes Zeichen.

Die deutsche Sprache hilft bei der Abgrenzung. Boa klingt nicht wie eine bloße Übersetzung eines skandinavischen Vorbilds. Seine Aussprache, die harten Konsonanten und die deutlich erzählerische Anlage verleihen dem Material einen eigenen Charakter.

Als Abschluss funktioniert »Götterdämmerung« ausgezeichnet. Der Song bündelt Groove, Melodie, Orchestrierung und epische Schwere. Gleichzeitig endet die EP genau in dem Moment, in dem sie vollständig Fahrt aufgenommen hat. Nach vier Stücken bleibt weniger der Eindruck eines fertigen großen Bogens als der Wunsch, unmittelbar ein drittes Album folgen zu lassen.

VIER STÜCKE MIT KLARER AUFGABENVERTEILUNG

Obwohl »Omen« nur vier Songs enthält, besitzt die EP eine nachvollziehbare Dramaturgie. »Ambrosia« führt elektronische und orientalisch gefärbte Elemente ein. »Enklave« setzt auf unmittelbaren Groove und das Gesangsduell mit Aello. »Stadt der Tränen« bildet den melancholischen Mittelpunkt, bevor »Götterdämmerung« die epischen Bestandteile zusammenführt.

Diese klare Verteilung verhindert, dass sich die kurze Veröffentlichung wie vier Varianten desselben Songs anhört. Gitarrenton, Growls und Produktion bleiben einheitlich, doch jede Nummer besitzt eine eigene Grundfarbe.

Argorok setzen überwiegend auf Midtempo. Rasende Blastbeats, technische Gitarrenläufe und abrupte Rhythmuswechsel spielen kaum eine Rolle. Die Härte entsteht durch Gewicht, breite Akkorde und eine Rhythmusgruppe, die jeden Schlag deutlich setzt.

Das macht die Musik zugänglich, kann auf Albumlänge aber auch zu Gleichförmigkeit führen. Auf knapp siebzehn Minuten fällt diese Begrenzung kaum ins Gewicht. Für einen zukünftigen Langspieler wären zusätzliche Tempobereiche und stärker reduzierte Passagen dennoch sinnvoll.

Boa ist ein wirkungsvoller Frontmann. Seine Growls besitzen Druck und eine gute Verständlichkeit. Die Stimmlage verändert sich jedoch nur begrenzt. Aellos Auftritt auf »Enklave« zeigt besonders deutlich, wie stark das Material von einem vokalen Kontrast profitieren kann.

Das bedeutet nicht, dass Argorok künftig überall Klargesang einsetzen sollten. Bereits tiefere Growls, einzelne höhere Ausbrüche oder zurückhaltend gesprochene Passagen könnten die epischen Höhepunkte noch massiver erscheinen lassen.

DIE GITARREN TRAGEN DAS REICH

Andy und Eric bilden das instrumentale Zentrum. Die Aufgabenverteilung aus Lead- und Rhythmusgitarre bleibt deutlich erkennbar. Eric liefert das schwere Fundament, während Andy die melodischen Konturen und Soli darüberlegt.

Besonders »Stadt der Tränen« profitiert von dieser Trennung. Die Rhythmusgitarre hält das Gewicht aufrecht, während die Leadgitarre eine emotionale Gegenbewegung entwickelt. In »Götterdämmerung« greifen beide Rollen enger ineinander und formen den großen Abschluss.

Die Soli sind melodisch und songorientiert. Argorok vermeiden unnötige Griffbrettakrobatik. Keine Leadpassage wirkt wie ein technischer Fremdkörper, der nur eingebaut wurde, weil ein Death-Metal-Song angeblich ein Solo benötigt.

Bill übernimmt am Bass, als Komponist, Texter und Produzent mehrere zentrale Rollen. Das Ergebnis wirkt entsprechend geschlossen. Instrumentierung, Klangbild und Geschichten folgen derselben Vorstellung von epischer Schwere.

Der Bass ist im Mix vorhanden, könnte aber stellenweise noch stärker hervortreten. Wenn Rhythmusgitarre, Orchestrierung und tiefer Gesang gleichzeitig einsetzen, wird sein Eigenklang etwas zurückgedrängt. In den offeneren Passagen ist deutlicher zu hören, wie wichtig er für die Bewegung der Songs ist.

Hyrass spielt präzise und kontrolliert. Sein Schlagzeug besitzt genügend Druck, wirkt aber nicht vollständig steril. Besonders bei »Götterdämmerung« zeigt er, dass der schwere Grundrhythmus durch kleine Veränderungen lebendig gehalten werden kann.

EPISCHE PRODUKTION OHNE ORCHESTERÜBERDOSIS

Bill Thiele zeichnet für Produktion, Mixing und Mastering verantwortlich. Das Ergebnis klingt groß, sauber und auf eine moderne Wiedergabe ausgerichtet. Die Gitarren besitzen Gewicht, die Stimme sitzt deutlich im Vordergrund und das Schlagzeug setzt sich auch unter den orchestralen Flächen durch.

Die Produktion passt zum selbst gewählten Begriff Epic Death Metal. Argorok wollen keine rohe Kelleraufnahme präsentieren. Die Musik soll Landschaften, Festungen, zerstörte Städte und mythologische Untergänge aufbauen. Dafür braucht es Breite und räumliche Tiefe.

Positiv fällt auf, dass die Keyboards und elektronischen Bestandteile nicht automatisch alles dominieren. »Ambrosia« verwendet seine Industrial- und Ethno-Klänge gezielt. »Enklave« setzt die Orchestrierung als Verstärkung des Refrains ein, während »Stadt der Tränen« stärker auf Gitarrenmelodien vertraut.

Einige Übergänge könnten mehr dynamischen Kontrast besitzen. Die Produktion bleibt über weite Strecken laut und dicht. Dadurch werden die Stücke zwar konstant mächtig, doch einzelne Höhepunkte verlieren etwas von ihrer möglichen Sprengkraft.

Gerade die akustische Einleitung von »Stadt der Tränen« zeigt, wie wirksam Argorok mit stärkerer Reduktion umgehen können. Sobald die schweren Gitarren einsetzen, entsteht ein klarer Unterschied. Solche Momente dürften auf einem kommenden Album häufiger auftreten.

VOM STUDIOPROJEKT ZUM QUINTETT

Argorok wurden 2020 in Dresden zunächst als Studioprojekt von Bill Thiele gegründet. Noch im selben Jahr erschien mit »Usurpator« das Debütalbum. Schon dort waren der schwere Groove, die deutsche Sprache und die Verbindung aus Melodic Death Metal und epischen Elementen erkennbar.

Mit »Obscurum« folgte 2024 ein größer produzierter und stilistisch breiterer Nachfolger. Die Band arbeitete stärker mit orchestralen Klangflächen, Folk-Elementen und Gästen. Auf »Töchter des Chaos« war Pether von Burn Down Eden beteiligt.

»Omen« setzt diese Entwicklung fort, wirkt aber konzentrierter. Anstelle eines vollständigen Albums präsentieren Argorok vier Stücke, die jeweils eine bestimmte Seite der Band hervorheben. Die EP funktioniert deshalb auch als Standortbestimmung.

Der größte Fortschritt liegt in der Geschlossenheit. Die elektronischen Bestandteile, melodischen Gitarren und schweren Groove-Riffs wirken nicht wie getrennte Einflüsse, sondern wie Teile derselben Sprache. Argorok wissen inzwischen deutlich genauer, wie ihre Musik klingen soll.

Vollständig unverwechselbar ist diese Sprache noch nicht. Die Nähe zu skandinavischem Melodic Death Metal und besonders zu dessen epischer Midtempo-Variante bleibt deutlich. Die deutschen Texte, die Industrial-Akzente und die erzählerische Ausrichtung geben der Band jedoch genügend Profil, um nicht als einfache Kopie durchzugehen.

KURZ, ABER NICHT UNFERTIG

Die vier Songs bringen es zusammen auf 16 Minuten und 45 Sekunden. Das ist für ein Album zu wenig, für eine EP jedoch eine sinnvolle Länge. Keine Nummer wirkt wie ein Intro, Übergangsstück oder halb ausgearbeiteter Bonus.

Die limitierte Digipack-CD mit 100 Exemplaren unterstreicht den eigenständigen DIY-Ansatz. Argorok veröffentlichen das Material selbst und kontrollieren damit einen großen Teil des kreativen und technischen Prozesses.

Trotzdem bleibt die Kürze der deutlichste Kritikpunkt. Nachdem »Götterdämmerung« die verschiedenen Elemente vollständig zusammengeführt hat, ist die Veröffentlichung bereits beendet. Ein oder zwei zusätzliche Songs hätten das Material zu einem noch befriedigenderen Gesamtwerk erweitert.

Andererseits verhindert die knappe Spielzeit jede Ermüdung. Die überwiegend mittleren Tempi, die ähnliche Klangfarbe und Boas konstant tiefe Stimme könnten über eine Dreiviertelstunde an Wirkung verlieren. Auf »Omen« bleibt der Druck erhalten.

Damit erfüllt die EP ihren Zweck. Sie hält Argorok nach »Obscurum« im Gespräch, dokumentiert die Weiterentwicklung des Quintetts und schafft Erwartungen an das nächste vollständige Album.

FAZIT:

»Omen« ist eine kompakte und geschlossen produzierte Epic-Death-Metal-EP, auf der Argorok schwere Groove-Riffs, deutsche Growls, melodische Gitarren und cineastische Arrangements wirkungsvoll verbinden. »Enklave« und »Stadt der Tränen« bilden die Höhepunkte, während die vertraute Midtempo-Ausrichtung und die sehr kurze Gesamtlaufzeit leichte Abzüge verursachen. Das Omen steht dennoch günstig: Argorok sind bereit für den nächsten vollständigen Langspieler.

Official Lyric Video: Stadt der Tränen

Internet

Argorok - Omen - EP Review

Numen – Erre

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Band: Numen 🇪🇸
Titel: Erre
Label: Les Acteurs de l’Ombre Productions
VÖ: 12.06.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Black Metal / Pagan Black Metal

Tracklist

01. Kez beteriko zeru penatua
02. Negu itxian Urtarril hotza
03. Errautsen azken arnasa
04. Hustasuna – Oroitzapen galduen putzua
05. Euria infernuko sutan

Besetzung

Aritz – Gesang
Jabo – Gitarre
Lander – Bass, Flöte, Alboka
Eöl – Keyboards, Schreie
Sistre – Schlagzeug

Gastmusiker:
Iñigo Zubizarreta – klassische Gitarre
Isabel Kirze Otxandiano – Irrintzi auf „Euria infernuko sutan“

Produktion:
Schlagzeug aufgenommen von Ben Lesous bei B-Blast Records
Gitarren, Keyboards und Schreie aufgenommen von Numen in den Basoa Studios
Bass, Gesang, Alboka, klassische Gitarren und Gitarren-Reamping aufgenommen von Mikel Arriaran und Pello Heriz im Hamarratz Musikagunea
Engineering, Mixing und Mastering – Javier Felez, Moontower Studios
Artwork – Raoul / View from the Coffin
Konzept und Layout – Numen

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Es ist Mittwoch, der erste Juli. Draußen ist es heiß wie Bolle und Black Metal ist Etzadla immer noch Krieg! Während die Sonne den Asphalt auf Betriebstemperatur bringt, melden sich die baskischen Numen mit einem Album zurück, das statt sommerlicher Leichtigkeit frostige Raserei, religiöse Verfolgung und brennende Scheiterhaufen auffährt. »Erre« ist das fünfte Studioalbum der 1997 gegründeten Formation und folgt sieben Jahre nach »Iluntasuna besarkatu nuen betiko«. Veröffentlicht wurde das Werk am 12. Juni 2026 über Les Acteurs de l’Ombre Productions. Die fünf vollständig auf Euskara vorgetragenen Stücke beschäftigen sich mit den Hexenprozessen und der Inquisition im Baskenland des frühen 17. Jahrhunderts. Musikalisch setzen Numen auf rasenden Old-School-Black-Metal, schneidende Tremolo-Gitarren, wilde Schreie, melodische Spannungsbögen und sparsam eingesetzte traditionelle Elemente. Der baskische Bezug dient dabei nicht als dekorativer Folk-Zusatz, sondern bildet das historische, sprachliche und emotionale Fundament einer Platte, die ihren Titel ernst nimmt: »Erre« bedeutet im Baskischen sinngemäß brennen beziehungsweise verbrannt – und genau das tut dieses Album über knapp 37 Minuten mit bemerkenswerter Konsequenz.

Full Album Stream: Erre

NEUNEINHALB MINUTEN UNTER EINEM VERURTEILTEN HIMMEL

Mit »Kez beteriko zeru penatua« beginnen Numen nicht vorsichtig. Nach wenigen Augenblicken öffnen sich Tremolo-Gitarren, Schlagzeug und Gesang zu einem fast zehnminütigen Angriff, dessen Geschwindigkeit hoch bleibt, ohne sich in einer einzigen durchgehenden Raserei zu erschöpfen. Jabo setzt auf scharf geführte Melodielinien, die gleichzeitig kalt und überraschend eingängig wirken. Sistre treibt das Stück mit Blastbeats voran, verändert jedoch regelmäßig Akzente und Dynamik, sodass die lange Spielzeit nicht zu einer bloßen Wiederholung derselben Bewegung wird.

Aritz steht mit einem extremen, weit aufgerissenen Schreigesang im Mittelpunkt. Seine Stimme klingt nicht kontrolliert böse oder kunstvoll inszeniert, sondern tatsächlich aufgebracht. Silben werden gedehnt, verschluckt oder mit einer solchen Anspannung ausgestoßen, dass der Vortrag stellenweise kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen scheint. Gerade diese Unberechenbarkeit passt zum historischen Hintergrund des Albums. Die geschilderte Welt wird von religiöser Gewalt, Angst, Denunziation und öffentlicher Bestrafung bestimmt; ein sauber gesetzter Standard-Schrei wäre dafür zu bequem.

Trotz der hohen Intensität besitzt der Opener eine nachvollziehbare Dramaturgie. Die Gitarren lösen sich mehrfach aus dem direkten Angriff und gehen in breitere, melodische Passagen über. Lander erhält am Bass ausreichend Raum, um nicht lediglich die tiefen Töne der Gitarre zu verdoppeln. Sein Spiel verbindet die einzelnen Abschnitte und verhindert, dass die vielen Motive wie eine willkürlich aneinandergereihte Riffsammlung wirken.

Die Länge erweist sich als gerechtfertigt. Numen bauen Spannung auf, verschärfen sie und brechen die geschlossene Black-Metal-Front zum Ende hin mit klassischer Gitarre auf. Iñigo Zubizarreta führt das Stück aus der Raserei heraus, ohne einen versöhnlichen Abschluss anzubieten. Die akustischen Töne wirken nicht friedlich, sondern wie der kurze Nachhall einer Gewalt, die längst stattgefunden hat.

JANUARKÄLTE MITTEN IM HOCHSOMMER

»Negu itxian Urtarril hotza« ist deutlich kompakter und schlägt unmittelbar zu. Das zentrale Gitarrenmotiv bewegt sich zwischen nordischem Black Metal der Neunziger und der eigenwilligen melodischen Sprache, die Numen bereits auf früheren Veröffentlichungen entwickelt haben. Die Parallelen zu Bands wie Dark Funeral, Taake, Azaghal oder frühen Enslaved sind hörbar, doch die Basken beschränken sich nicht auf das Nachspielen bekannter Genreformeln.

Jabo führt die Gitarre in schnellen, kreisenden Bewegungen, während Sistre seine Blastbeats mit kurzen rhythmischen Verschiebungen unterbricht. Diese Wechsel sind entscheidend. Ohne sie würde die dichte Produktion schnell zu einer gleichförmigen Fläche werden. Stattdessen erhält das Stück mehrere klar erkennbare Spannungsstufen.

Aritz steigert seinen Gesang noch einmal. Seine Schreie werden nicht als zusätzliche Spur über die Instrumente gelegt, sondern wirken wie ein Bestandteil des gesamten rhythmischen Angriffs. Eöls ergänzende Stimme sorgt für weitere Schärfe, ohne den Hauptgesang zu verdoppeln oder künstlich zu verbreitern.

Inhaltlich bleibt die baskische Sprache für einen großen Teil des internationalen Publikums zunächst verschlossen. Das ist jedoch kein Nachteil. Die Aussprache, die harten Konsonanten und die rhythmische Eigenart von Euskara prägen den Klang des Stücks erheblich. Numen könnten ihre Texte auf Englisch vortragen und damit mehr Menschen unmittelbar erreichen, würden dabei aber einen wesentlichen Teil ihrer Identität verlieren.

Die melodischen Gitarren verhindern gleichzeitig, dass »Negu itxian Urtarril hotza« ausschließlich über Aggression funktioniert. Unter der Raserei liegt eine melancholische Bewegung, die an Verlust und historische Verwundung erinnert. Numen spielen keinen patriotischen Festtags-Pagan-Metal. Kultur und Herkunft erscheinen hier nicht als bequemes Heldenerbe, sondern als etwas, das verfolgt, unterdrückt und dennoch weitergetragen wurde.

DER LETZTE ATEMZUG DER ASCHE

»Errautsen azken arnasa« beginnt mit klassischer Gitarre und verändert damit unmittelbar die Wahrnehmung des Albums. Nach zwei überwiegend schnellen Stücken entsteht erstmals ein größerer Raum. Iñigo Zubizarretas Spiel ist zurückhaltend und präzise, ohne in romantische Folklore abzudriften.

Wenn die vollständige Band einsetzt, wirkt der Wechsel entsprechend massiv. Sistre treibt die Komposition erneut nach vorn, während die Gitarren stärker mit offenen Akkorden und längeren melodischen Linien arbeiten. Der Song besitzt eine weniger hektische Grundstruktur als seine Vorgänger und lässt einzelne Motive länger stehen.

Diese kontrolliertere Entwicklung kommt Aritz zugute. Seine Stimme muss nicht permanent gegen die höchste Geschwindigkeit anarbeiten und gewinnt dadurch zusätzliche Ausdrucksmöglichkeiten. Manche Phrasen klingen weniger wie ein unmittelbarer Angriff als wie eine Anklage, deren Wut bereits über einen langen Zeitraum gewachsen ist.

Eöl unterstützt die Atmosphäre mit zurückhaltenden Keyboards. Die Tasteninstrumente werden nicht flächendeckend über die Gitarren gelegt und machen aus Numen keine symphonische Black-Metal-Band. Sie treten an ausgewählten Stellen hervor, verbreitern den Klang und verschwinden anschließend wieder hinter der Rhythmusarbeit. Diese Disziplin verhindert, dass die historische Thematik in theatralischen Bombast abrutscht.

Besonders gelungen ist das Zusammenspiel zwischen Jabo und Lander. Während die Gitarre eine melodische Linie ausführt, bewegt sich der Bass stellenweise eigenständig darunter. Die Instrumente erfüllen unterschiedliche Aufgaben, bleiben aber eng miteinander verbunden. Der Song gewinnt dadurch an Tiefe, ohne technisch überladen zu wirken.

Auch das Ende wird von klassischer Gitarre eingerahmt. Die akustischen Passagen sind jedoch keine neutralen Übergänge. Sie setzen die elektrische Gewalt in einen anderen Zusammenhang und lassen das Stück wie eine Erinnerung erscheinen, die zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt.

ERINNERUNGEN IM BRUNNEN DER LEERE

»Hustasuna – Oroitzapen galduen putzua« wurde als erster Vorabtrack ausgewählt und eignet sich tatsächlich gut als Einstieg in das Album. Die Nummer vereint die wichtigsten Merkmale von »Erre«: hohes Tempo, wilde Vocals, melodische Gitarren, eine bewegliche Rhythmusgruppe und kurze atmosphärische Öffnungen.

Das Hauptriff ist sofort erkennbar. Jabo schreibt keine freundliche Melodie, setzt aber eine klare Tonfolge ein, die sich aus der dichten Instrumentierung herauslöst. Dadurch besitzt der Song einen stärkeren Wiedererkennungswert als manche rein auf Geschwindigkeit ausgerichtete Black-Metal-Komposition.

Sistre bleibt das beweglichste Element. Seine Blastbeats sind präzise, klingen jedoch nicht vollständig geglättet. Kleine Veränderungen in Anschlag und Lautstärke erhalten den körperlichen Charakter der Aufnahme. Wenn das Tempo kurz sinkt, setzt er nicht einfach einen gewöhnlichen Midtempo-Takt darunter, sondern verändert die Betonungen und hält die innere Unruhe aufrecht.

Die Komposition wirkt stärker nach innen gerichtet als die vorherigen Stücke. Während die historische Verfolgung weiterhin den konzeptionellen Rahmen bildet, rücken Erinnerung, Verlust und seelische Leere in den Vordergrund. Numen beschreiben die Folgen von Gewalt nicht allein durch Schlachten, Feuer und äußere Vernichtung. Entscheidend ist, was von Menschen und Gemeinschaften zurückbleibt, nachdem ihre Überzeugungen, Rituale und kulturellen Ausdrucksformen systematisch angegriffen wurden.

Aritz transportiert diese Ebene glaubwürdig. Sein Gesang bleibt extrem, besitzt aber in den langsamer werdenden Passagen einen deutlich verzweifelteren Unterton. Die Stimme klingt nicht wie ein allmächtiger Dämon über einer untergehenden Welt, sondern wie ein Mensch, der sich innerhalb dieser Welt gegen das Verschwinden wehrt.

Der Song zeigt zugleich, wie effektiv Numen ihre traditionellen Einflüsse dosieren. Die baskische Identität entsteht nicht durch dauerhafte Folk-Instrumente, Tanzrhythmen oder einen mitsingbaren Refrain. Sie ist in Sprache, Melodik, Thema und Haltung eingebettet. Dadurch wirkt »Hustasuna – Oroitzapen galduen putzua« kulturell verankert, ohne die Härte des Black Metal zu verwässern.

HÖLLENFEUER IM REGEN

Das abschließende »Euria infernuko sutan« erreicht erneut eine Spielzeit von mehr als neun Minuten und bildet den dramatischen Höhepunkt des Albums. Numen bündeln hier die Raserei des Openers, die melodische Führung des zweiten Stücks und die atmosphärischen Kontraste der Albumhälfte.

Der Einstieg ist unmittelbar, aber weniger vorhersehbar als bei »Kez beteriko zeru penatua«. Die Gitarren wechseln zwischen schnellen Tremolo-Figuren und breiteren Akkordfolgen, während Sistre die Komposition durch mehrere Tempobereiche führt. Selbst in den schnellsten Abschnitten bleibt die Struktur nachvollziehbar.

Ein entscheidender Moment ist der traditionelle baskische Irrintzi von Isabel Kirze Otxandiano. Der lang gezogene, durchdringende Ruf wird nicht als exotischer Effekt eingesetzt. Er steht in direkter Verbindung zur kulturellen Herkunft der Band und durchbricht die gewohnte Klangsprache des Black Metal mit erheblicher Wirkung.

Der Irrintzi klingt zugleich feierlich, alarmierend und kämpferisch. Innerhalb des historischen Konzepts lässt er sich als Ruf über Generationen hinweg verstehen: eine Stimme, die trotz Inquisition, Verfolgung und versuchter kultureller Auslöschung nicht vollständig zum Schweigen gebracht werden konnte.

Numen reagieren musikalisch mit einer weiteren Verdichtung. Gitarren, Bass, Schlagzeug und Schreie werden enger zusammengeführt, bevor die Komposition erneut aufbricht. Die Band beweist dabei Geduld. Der lange Song wird nicht durch endlose Wiederholungen gestreckt, sondern entwickelt seine Motive weiter.

Eöls Keyboards treten im Finale etwas deutlicher hervor. Sie schaffen keine orchestrale Größe, sondern verstärken die düstere räumliche Wirkung. Der Klang wird breiter, ohne die rohe Grundlage zu verlieren. Gerade im letzten Drittel entsteht dadurch eine überzeugende Verbindung aus körperlicher Gewalt und historischer Schwere.

Das Album endet nicht mit einem siegreichen Refrain oder einer eindeutigen Erlösung. Numen lassen die Spannung bestehen. Die Ereignisse, auf die sich »Erre« bezieht, liegen mehrere Jahrhunderte zurück, doch ihre Folgen gehören weiterhin zum kulturellen Gedächtnis. Das Feuer erlischt musikalisch, seine Spuren bleiben sichtbar.

BASKISCHE IDENTITÄT OHNE FOLKLOREKOSTÜM

Numen wurden 1997 in Arrasate-Mondragón gegründet und beschäftigen sich seit ihren frühen Veröffentlichungen mit baskischer Mythologie, Natur, Geschichte und vorchristlichen Überlieferungen. Diese Themen könnten leicht in romantisierte Heimatbilder oder austauschbaren Pagan Metal führen. Auf »Erre« geschieht das nicht.

Die Band richtet ihren Blick auf ein konkretes historisches Kapitel. Die Hexenverfolgungen und inquisitorischen Verfahren im Baskenland des frühen 17. Jahrhunderts werden nicht als Vorlage für billigen Okkultismus verwendet. Im Zentrum stehen Unterdrückung, religiöse Macht, kulturelle Auslöschung und die Gewalt, die entsteht, wenn Institutionen über erlaubte und verbotene Überzeugungen entscheiden.

Dass sämtliche Texte auf Euskara vorgetragen werden, ist deshalb weit mehr als eine ästhetische Entscheidung. Die Sprache wird selbst zum Bestandteil des Konzepts. Eine Kultur, deren Bräuche und Vorstellungen verfolgt wurden, erzählt ihre Geschichte in der eigenen Sprache und verweigert damit die Anpassung an die Erwartungen eines internationalen Marktes.

Die Folk-Elemente fallen gegenüber manchen früheren Veröffentlichungen zurückhaltender aus. Flöte und Alboka bestimmen nicht permanent die Arrangements, und auch die Keyboards werden sparsam verwendet. Numen konzentrieren sich stärker auf den Kern des Black Metal.

Der kulturelle Bezug geht dadurch nicht verloren. Er wird sogar glaubwürdiger, weil er nicht auf auffällige Instrumente reduziert wird. Das Album wäre auch ohne Kenntnis seiner Texte als aggressiver, melodischer Black Metal überzeugend. Mit dem historischen und sprachlichen Kontext erhält diese Musik jedoch ein deutlich tieferes Profil.

WILDE STIMMEN, KONTROLLIERTE INSTRUMENTE

Aritz liefert eine der auffälligsten Gesangsleistungen des Albums. Seine Stimme ist extrem hoch angesetzt, rau und bewusst wenig geglättet. Sie transportiert Wut und Verzweiflung, kann über die gesamte Spielzeit aber auch fordernd wirken. Wer einen tiefen, gleichmäßig geführten Black-Metal-Gesang bevorzugt, dürfte mit seiner beinahe außer Kontrolle geratenen Artikulation zunächst Schwierigkeiten haben.

Eöls ergänzende Schreie erweitern das vokale Bild. Die beiden Stimmen werden nicht ständig übereinandergelegt, sondern an ausgewählten Stellen gegeneinandergesetzt. Dadurch entstehen zusätzliche Spannungen, ohne dass der Gesang zu einer undurchsichtigen Masse wird.

Jabo ist für den melodischen Zusammenhalt verantwortlich. Seine Gitarrenarbeit orientiert sich deutlich am Black Metal der Neunziger, besitzt aber genügend Eigenständigkeit. Besonders die langen Stücke profitieren davon, dass er nicht nur schnelle Tremolo-Figuren aneinanderreiht. Offene Akkorde, melodische Gegenbewegungen und kontrollierte Tempowechsel geben den Kompositionen Richtung.

Lander spielt einen hörbaren und beweglichen Bass. In einem Genre, das dieses Instrument gerne unter mehreren Gitarrenspuren verschwinden lässt, ist das keine Selbstverständlichkeit. Seine Linien verleihen den Songs zusätzliche Tiefe und halten die längeren Übergänge zusammen.

Sistre bewältigt die zahlreichen Hochgeschwindigkeitspassagen mit bemerkenswerter Präzision. Noch wichtiger ist jedoch sein Gespür für Dynamik. Er weiß, wann ein Blastbeat notwendig ist und wann ein einfacherer Rhythmus der Komposition mehr Gewicht verleiht.

Die Musiker stellen ihre Fähigkeiten nicht durch Soli oder technische Schaustücke aus. »Erre« lebt vom Zusammenspiel. Jede einzelne Leistung ist stark, doch erst die kontrollierte Verbindung erzeugt jene Spannung, die das Album über seine komplette Laufzeit trägt.

ROHHEIT MIT DEUTLICHEN KONTUREN

Die Aufnahmen entstanden an mehreren Orten. Das Schlagzeug wurde bei B-Blast Records eingespielt, Gitarren, Keyboards und Schreie in den Basoa Studios aufgenommen. Weitere Instrumente und Gesang entstanden im Hamarratz Musikagunea, bevor Javier Felez das Material in den Moontower Studios zusammenführte, mischte und masterte.

Trotz dieser räumlichen Trennung klingt das Album geschlossen. Die Gitarren besitzen eine schneidende Oberfläche, der Bass bleibt präsent und das Schlagzeug wird druckvoll abgebildet. Die Produktion orientiert sich am Black Metal der zweiten Welle, verzichtet aber auf dessen schwächste klangliche Eigenschaften.

Numen wollen nicht wie eine schlecht kopierte Kassette aus einem feuchten Proberaum klingen. Die Instrumente sind klar genug getrennt, damit Melodien und rhythmische Wechsel erkennbar bleiben. Gleichzeitig wurde die Musik nicht so stark poliert, dass ihre aggressive Energie verloren geht.

In den besonders dichten Passagen stößt der Mix allerdings an Grenzen. Becken, Gitarren und hoch angesetzte Schreie besetzen ähnliche Frequenzbereiche und erzeugen stellenweise eine scharfe Gesamtfläche. Das ist angesichts der stilistischen Ausrichtung nachvollziehbar, kann bei höherer Lautstärke aber anstrengend werden.

Die leiseren und akustischen Abschnitte profitieren von einer größeren räumlichen Tiefe. Gerade dadurch wirken die anschließenden Ausbrüche härter. Die Produktion versteht Dynamik nicht nur als Unterschied in der Lautstärke, sondern als Wechsel zwischen unterschiedlichen klanglichen Zuständen.

FÜNF SONGS, KEIN MATERIAL ZUM AUFFÜLLEN

Mit fünf Stücken und knapp 37 Minuten ist »Erre« kompakt, obwohl drei Kompositionen deutlich über sechs Minuten liegen. Numen nutzen die langen Laufzeiten nicht für ausgedehnte Intros oder belanglose Wiederholungen. Jeder Song besitzt mehrere Entwicklungen und einen erkennbaren dramaturgischen Zweck.

Die beiden längsten Stücke rahmen das Album ein. »Kez beteriko zeru penatua« führt in die historische und musikalische Welt hinein, während »Euria infernuko sutan« ihre zentralen Motive bündelt und mit dem Irrintzi den stärksten kulturellen Akzent setzt.

Dazwischen sorgen »Negu itxian Urtarril hotza«, »Errautsen azken arnasa« und »Hustasuna – Oroitzapen galduen putzua« für unterschiedliche Schwerpunkte. Der zweite Track ist besonders direkt, der dritte arbeitet stärker mit akustischen Kontrasten und der vierte verbindet melodische Zugänglichkeit mit emotionaler Schwere.

Das Album verlangt Aufmerksamkeit. Wer nur gelegentlich zuhört, wird vor allem hohes Tempo, extreme Stimmen und eine dichte Gitarrenwand wahrnehmen. Bei wiederholten Durchläufen treten Basslinien, melodische Übergänge und kleine Veränderungen im Schlagzeug deutlicher hervor.

Gerade darin liegt die Qualität von »Erre«. Numen erschaffen keine künstlich komplizierte Musik, bieten aber genügend Details, um mehrere Durchläufe zu rechtfertigen. Die kurze Gesamtlaufzeit unterstützt diesen Effekt und verhindert, dass sich die hohe Intensität abnutzt.

RÜCKKEHR NACH SIEBEN JAHREN

Seit dem Vorgängeralbum »Iluntasuna besarkatu nuen betiko« sind sieben Jahre vergangen. Numen nutzen diese lange Pause nicht für eine stilistische Neuerfindung. »Erre« führt vielmehr zu den aggressiven Grundlagen der Band zurück und konzentriert sie.

Die Folk- und Pagan-Elemente sind weiterhin vorhanden, treten jedoch hinter der Black-Metal-Raserei zurück. Das Ergebnis wirkt unmittelbarer und härter als der Vorgänger. Gleichzeitig haben Numen ihre Fähigkeit zu langen, melodisch aufgebauten Kompositionen nicht verloren.

Die Band klingt erfahren, ohne routiniert zu wirken. Keine Passage erweckt den Eindruck, als würden fünf Musiker lediglich eine bekannte Formel abarbeiten. Die Energie ist zu angespannt, der Gesang zu unberechenbar und die historische Thematik zu konsequent ausgearbeitet.

Stilistisch bleibt »Erre« klar im Black Metal der Neunziger verwurzelt. Revolutionär ist das Album nicht. Numen verändern weder die Grundregeln des Genres noch führen sie neue Produktionstechniken ein. Ihre Stärke liegt in der Verbindung aus klassischer Form, baskischer Identität und konkreter historischer Auseinandersetzung.

Dadurch besitzt das Werk eine Eigenständigkeit, die zahlreichen technisch vergleichbaren Veröffentlichungen fehlt. Numen spielen nicht bloß Black Metal aus dem Baskenland. Sie spielen baskischen Black Metal, dessen Sprache, Melodik und Themen nicht beliebig gegen andere regionale Merkmale ausgetauscht werden könnten.

FAZIT:

»Erre« ist eine kompromisslose Rückkehr, die rasenden Old-School-Black-Metal mit starken Melodien, baskischer Sprache und einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Hexenverfolgung und Inquisition verbindet. Numen überzeugen besonders mit »Kez beteriko zeru penatua«, »Hustasuna – Oroitzapen galduen putzua« und dem wuchtigen Finale »Euria infernuko sutan«, während lediglich der stellenweise sehr scharfe Mix etwas Kraft kostet. Black Metal ist damit nicht nur Etzadla immer noch Krieg – bei Numen ist er zugleich Erinnerung, Widerstand und ein Feuer, das nach fast drei Jahrzehnten noch lange nicht erloschen ist.

Track Premiere: Hustasuna – Oroitzapen galduen putzua

Track Premiere: Negu itxian Urtarril hotza

Internet

Numen - Erre - CD Review

Nuclear Tomb – Epoch Inhumane

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Band: Nuclear Tomb 🇺🇸
Titel: Epoch Inhumane
Label: Rotted Life Records
VÖ: 12.06.2026
Format: CD / Vinyl / Kassette / Digital
Genre: Progressive Thrash Metal / Technical Thrash Metal / Death Metal / Crust Punk

Tracklist

01. Watch the Skies
02. Falling Out the World of Lies
03. Unbowed and Averse
04. Faithless Continuum
05. Broken Promise, Barren Essence
06. Lifeless Transformation
07. Butcher’s Lament
08. Terminally Emboldened
09. The Coward’s Curse
10. Epoch Inhumane

Besetzung

Michael Brown – Gesang, Gitarre
Matt Ibach – Gitarre
Amelia Morris – Bass
JD Lookabill – Schlagzeug

Gastmusiker:
Demir Soyer – zusätzliche Leadgitarre

Produktion:
Aufnahme und Mixing – Matt Michel im Viva Studio VA
Mastering – Brad Boatright im Audiosiege
Artwork – Brad Moore
Grafikdesign – Matthew Scott
Bandfotos – Travis Stone
Logo – Cavan Hoover

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Nuclear Tomb bezeichnen ihre Musik selbst als „Weirdo Thrash“, und nach wenigen Minuten von »Epoch Inhumane« wird deutlich, weshalb sich die Band aus Baltimore nicht mit einer gewöhnlichen Genrebezeichnung zufriedengibt. Das zweite Album nach »Terror Labyrinthian« verbindet technischen Thrash Metal, Death Metal, lärmenden Punk, progressive Strukturen und klassische Heavy-Metal-Gitarren zu einer nervösen, widerspenstigen Einheit. Nuclear Tomb spielen präzise, ohne klinisch zu wirken, verschachtelt, ohne ihre Songs in mathematische Übungen zu verwandeln, und aggressiv, ohne sich auf stumpfe Geschwindigkeit zu verlassen. Veröffentlicht wurde das zehn Stücke umfassende Werk am 12. Juni 2026 über Rotted Life Records. Inhaltlich richtet sich die Band gegen Krieg, institutionalisierte Gewalt, politische Feigheit, Profitgier, soziale Abstumpfung und eine Gesellschaft, die ihren eigenen moralischen Zerfall bereitwillig verwaltet. »Epoch Inhumane« klingt entsprechend nicht wie ein sauber organisierter Rückblick auf die technische Thrash-Schule der Achtziger, sondern wie deren verzerrte Fortsetzung in einer Gegenwart, die selbst längst jede vernünftige Taktart verlassen hat.

Full Album Stream: Epoch Inhumane

DER HIMMEL FÄLLT NICHT IM VIERTELTAKT

»Watch the Skies« eröffnet das Album mit einem Riff, das sich nicht bequem auf einer geraden Linie bewegt. Michael Brown und Matt Ibach verschieben ihre Akzente, lassen Akkorde gegeneinanderlaufen und erzeugen jene nervöse Spannung, die fortan durch das gesamte Werk führt. Der Rhythmus wirkt zunächst widerspenstig, wird von Amelia Morris und JD Lookabill jedoch so sicher zusammengehalten, dass die Musik trotz aller Winkelzüge körperlich bleibt.

Nuclear Tomb demonstrieren technische Fähigkeiten, ohne sie mit einem Scheinwerfer auszuleuchten. Die komplizierten Übergänge ergeben sich aus dem Song und wirken nicht wie nachträglich eingefügte Beweise musikalischer Überlegenheit. Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu vielen modernen Technical-Thrash-Produktionen: Die Band möchte den Hörer nicht mit möglichst vielen Noten beeindrucken, sondern mit unberechenbaren Riffs unter Druck setzen.

Inhaltlich richtet sich »Watch the Skies« gegen das Wegsehen angesichts militärischer Gewalt. Ignorierte Warnungen und billigend akzeptierter Missbrauch kehren schließlich zu jenen zurück, die glaubten, selbst nicht betroffen zu sein. Der Himmel wird damit nicht zum Schauplatz außerirdischer Bedrohungen, sondern zum Ausgangspunkt einer selbst verschuldeten Katastrophe.

»Falling Out the World of Lies« setzt direkter an. Punkige Geschwindigkeit trifft auf technische Thrash-Riffs, während Browns Gesang zwischen heiserem Gebrüll, Death-Metal-Schärfe und beinahe hysterischer Anspannung liegt. Der Refrain ist für die Verhältnisse der Band erstaunlich griffig, ohne die kantige Struktur zu glätten.

Der Song beschreibt einen Moment, in dem verdrängte Wahrheiten nicht länger unter Verschluss gehalten werden können. Die zuvor bequem ausgeblendeten Lügen verlieren ihre Wirkung, während die Verantwortlichen zunehmend unter Druck geraten. Nuclear Tomb formulieren daraus jedoch keine optimistische Revolutionshymne. Auch der Widerstand klingt hier chaotisch, wütend und gefährlich.

WIDERSTAND OHNE HELDENPOSE

»Unbowed and Averse« führt die technische Seite des Albums weiter aus. Die Gitarren wirken dissonanter, der Bass erhält mehr Raum und das Schlagzeug reagiert mit schnellen Wechseln zwischen treibenden Thrash-Passagen und kontrolliertem Abbremsen. Nuclear Tomb bewegen sich hörbar im Umfeld von Voivod, Coroner, Atheist und den progressiveren Seiten von Pestilence, kopieren aber keine dieser Bands vollständig.

Vor allem Amelia Morris verhindert, dass die Komposition zu einer reinen Gitarrenvorführung wird. Ihr Bass folgt nicht permanent den tiefsten Tönen der Rhythmusgitarre, sondern setzt eigene Bewegungen unter die schrägen Akkorde. Dadurch entsteht zusätzliche Unruhe, ohne dass die Musik ihre Richtung verliert.

Der Text wendet sich gegen Monumente der Unterdrückung, Gier und Intoleranz. Das lyrische Ich verweigert den Respekt vor Symbolen, deren Macht allein aus gesellschaftlicher Gewohnheit besteht. Der angekündigte Abriss wird dabei nicht als blinder Akt der Zerstörung verstanden, sondern als notwendige Voraussetzung für einen Neubeginn.

Mit »Faithless Continuum« wird die Musik schwerer und bedrohlicher. Das Stück setzt weniger auf Geschwindigkeit als auf eine stetig anwachsende Spannung. Die Gitarren verkeilen sich ineinander, während Lookabill einen Rhythmus vorgibt, der jederzeit auseinanderbrechen könnte, tatsächlich aber exakt kontrolliert bleibt.

Inhaltlich geht es um Machtstrukturen, die Menschen verwalten, ruhigstellen und aus wirtschaftlichem Interesse ihrer Würde berauben. Nuclear Tomb greifen institutionelle Kälte an, ohne sich in abstrakten Parolen zu verlieren. Begriffe wie Profit, Versorgung und Gemeinschaft werden gegeneinander gestellt, bis deutlich wird, welche Seite in einem entmenschlichten System regelmäßig verliert.

DER PREIS DER SELBSTOPTIMIERUNG

»Broken Promise, Barren Essence« beginnt zurückhaltender und zeigt, dass Nuclear Tomb nicht jeden Song mit voller Geschwindigkeit eröffnen müssen. Eine beinahe melancholische Gitarrenfigur bildet den Einstieg, bevor die Rhythmusgruppe den Druck erhöht und die Komposition in härtere Bereiche überführt.

Der Song beschäftigt sich mit dem Zwang, sich ständig beweisen, verbessern und übertreffen zu müssen. Erfolg wird nicht mehr an gehaltenen Versprechen oder gelebten Werten gemessen, sondern an Sichtbarkeit, Status und dem Namen, der nach dem eigenen Tod zurückbleiben soll. Nuclear Tomb stellen diesem Denken eine einfache Frage entgegen: Was bleibt von einem Menschen, wenn für das persönliche Fortkommen sämtliche Grundsätze geopfert wurden?

Musikalisch gehört die Nummer zu den vielschichtigsten Stücken. Die Band verbindet langsamere Passagen, technische Riffs und kurze melodische Öffnungen, ohne den Zusammenhang zu verlieren. Browns Gitarre und Ibachs Spiel übernehmen wechselnde Rollen. Mal bilden beide eine geschlossene Wand, mal tritt eine Spur heraus und setzt dissonante oder melodische Gegenbewegungen.

Die Produktion hilft dabei, die einzelnen Ebenen nachvollziehbar zu halten. Trotz der dichten Arrangements verschwimmen die Gitarren nicht zu einer undefinierten Fläche. Der Bass bleibt hörbar und das Schlagzeug besitzt genügend natürliche Dynamik, um nicht wie ein bloßes Raster unter den Saiteninstrumenten zu wirken.

VERFORMUNG ALS LEBENSMODELL

»Lifeless Transformation« gehört mit knapp über drei Minuten zu den kompakteren Stücken. Die Band nutzt die verkürzte Spielzeit für einen konzentrierten Angriff. Thrash-Riffs, punkige Beschleunigung und abrupt wechselnde Solopassagen folgen dicht aufeinander, ohne dass die Komposition überladen wirkt.

Brown und Ibach teilen sich mehrere kurze Leadsequenzen. Dieser Wechsel gibt dem Song einen beinahe duellartigen Charakter. Die Soli stehen jedoch nicht losgelöst über der Rhythmusarbeit, sondern entstehen direkt aus den jeweiligen Riffs und verschwinden ebenso schnell wieder.

Thematisch behandelt die Nummer ideologische und gesellschaftliche Anpassung. Ein Mensch wird von Beginn an in ein System gedrängt, lernt dessen Drohungen und Belohnungen kennen und gibt schließlich seine ursprünglichen Werte auf. Die titelgebende Transformation führt damit nicht zu Wachstum, sondern zu einer innerlich leeren, äußerlich angepassten Existenz.

Die Härte des Songs entsteht nicht nur durch Geschwindigkeit. Entscheidend ist die permanente Spannung zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Nuclear Tomb spielen genau genug, um jede Wendung nachvollziehbar zu machen, lassen die Musik aber rau genug, um nicht nach klinisch gereinigtem Studiometal zu klingen.

DER METZGER BRAUCHT KEINE WORTE

Mit »Butcher’s Lament« folgt das einzige Instrumentalstück des Albums. Die Entscheidung ist sinnvoll, denn nach den textlich dichten vorherigen Songs erhält die Musik Gelegenheit, ihre eigene Erzählung zu entwickeln.

Amelia Morris war gemeinsam mit Michael Brown maßgeblich am Stück beteiligt, und der Bass spielt entsprechend eine tragende Rolle. Er stabilisiert nicht bloß die Gitarren, sondern zieht eigene Linien durch die wechselnden Abschnitte. Stellenweise erinnert die rhythmische Beweglichkeit an Progressive Rock, bevor ein schärferes Thrash-Riff die Komposition wieder in aggressivere Bereiche zwingt.

Die Gitarren wechseln zwischen schrägen Akkorden, kurzen melodischen Figuren und kontrollierten Soli. Der Titel deutet Trauer oder Reue an, doch die Musik liefert keine eindeutige Interpretation. Stattdessen entsteht eine unstete Atmosphäre, die zwischen Bedrohung, Hektik und unerwartet nachdenklichen Momenten schwankt.

Gerade hier zeigt sich die Stärke des Quartetts. Auch ohne Browns Stimme bleibt die Musik sofort als Nuclear Tomb erkennbar. Die Band benötigt keinen Gesang, um Spannung oder Wiedererkennungswert zu erzeugen.

LETZTER ATEMZUG, LETZTER ANGRIFF

»Terminally Emboldened« ist mit zweieinhalb Minuten der kürzeste Song und gleichzeitig einer der aggressivsten. Das Stück verschwendet keine Zeit mit einem langsamen Aufbau. Die Instrumente greifen geschlossen an, während Brown die Perspektive eines todkranken Menschen einnimmt, der seine verbleibende Zeit nicht in Resignation verbringen will.

Die Krankheit wird nicht romantisiert. Sie verwandelt körperliche Schwäche jedoch in politische Entschlossenheit. Wer nichts mehr zu verlieren hat, kann sich gegen Kriegsgewinnler, faschistische Strukturen und korrupte Entscheidungsträger stellen, ohne länger um persönliche Sicherheit fürchten zu müssen.

Musikalisch trifft Crust-Punk-Aggression auf technischen Thrash Metal. Die Riffs bleiben verschachtelt, werden aber mit einer Direktheit gespielt, die beinahe an Hardcore erinnert. Die zusätzlichen Leadgitarren von Demir Soyer verstärken den hektischen Charakter, ohne den Song zu überfrachten.

»The Coward’s Curse« greift anschließend jene an, die angesichts von Gewalt, Leid und Unterdrückung bewusst neutral bleiben. Nuclear Tomb behandeln Schweigen nicht als passive Haltung, sondern als aktive Entscheidung mit moralischen Konsequenzen.

Die Musik fällt zunächst kontrollierter aus, baut ihre Aggression jedoch schrittweise auf. Browns Gesang wird zunehmend schärfer, während die Gitarren zwischen schweren Akkorden und nervösen Läufen wechseln. Der Refrain besitzt eine einfache, beinahe anklagende Struktur und gehört zu den unmittelbarsten Momenten der Platte.

In dieser zweiten Albumhälfte wird deutlich, wie eng Musik und Texte miteinander verbunden sind. Die ungeraden Rhythmen und dissonanten Riffs dienen nicht als technische Verzierung, sondern spiegeln eine Welt wider, deren politische und moralische Ordnung bereits tief beschädigt ist.

DAS UNMENSCHLICHE ZEITALTER

Der abschließende Titeltrack »Epoch Inhumane« überschreitet als einziges Stück deutlich die Fünf-Minuten-Marke. Nuclear Tomb nutzen die zusätzliche Spielzeit für eine breiter angelegte Komposition, in der die bisherigen Elemente zusammengeführt werden.

Der Einstieg ist schwerer und kontrollierter als bei vielen vorherigen Songs. Die Band baut das zentrale Riff langsam auf, bevor Bass und Schlagzeug die Struktur verschieben. Aus dem scheinbar stabilen Fundament entwickelt sich eine Folge aus Beschleunigungen, Unterbrechungen und melodischen Gegenbewegungen.

Inhaltlich zieht der Song die Bilanz des Albums. Gewalt, Krieg und gesellschaftliche Grausamkeit haben die dünne Oberfläche der Zivilisation entfernt. Was darunter sichtbar wird, ist kein einzelner politischer Fehler, sondern ein vollständiges Zeitalter der Entmenschlichung.

Trotzdem endet die Platte nicht vollständig hoffnungslos. Der Text verweist auf menschliches Mitgefühl als mögliche letzte Entscheidung. Nuclear Tomb verkaufen diese Möglichkeit nicht als sichere Erlösung. Nach Bomben, Blutvergießen und sozialem Zusammenbruch ist ein besserer Morgen keineswegs garantiert.

Diese Unsicherheit passt zum musikalischen Finale. Der Song führt nicht zu einem triumphalen Abschluss, sondern bewahrt seine innere Spannung bis zum Ende. Die letzte Wirkung ist weniger die eines Sieges als die einer Warnung, deren Konsequenzen weiterhin offenstehen.

TECHNIK OHNE LEHRBUCHCHARAKTER

Michael Brown und Matt Ibach bilden ein Gitarrenduo, das technische Komplexität nicht mit permanenter Geschwindigkeit verwechselt. Ihre Riffs leben von verschobenen Betonungen, dissonanten Akkorden, plötzlichen Richtungswechseln und kurzen melodischen Öffnungen. Dabei verlieren sie den eigentlichen Song nur selten aus den Augen.

Brown übernimmt zusätzlich den Gesang. Seine Stimme ist weder ein klassischer Thrash-Schrei noch ein typischer Death-Metal-Growl. Sie liegt als rauer, gereizter und gelegentlich beinahe panischer Vortrag über der Musik. Diese Unberechenbarkeit passt hervorragend zum Klangbild, kann über die gesamte Laufzeit aber auch anstrengend wirken.

Amelia Morris ist ein entscheidender Bestandteil des Bandsounds. Ihr Bass besitzt Eigenständigkeit und wird nicht unter den Gitarren begraben. Besonders bei »Faithless Continuum«, »Broken Promise, Barren Essence« und »Butcher’s Lament« erweitert sie die Kompositionen um Bewegungen, die über das reine Verdoppeln der Gitarren hinausgehen.

JD Lookabill hält die komplizierten Strukturen zusammen. Sein Schlagzeugspiel ist präzise, aber nicht steril. Tempowechsel und verschobene Takte werden sauber umgesetzt, ohne dass der Groove vollständig verschwindet. Selbst in den technischsten Passagen bleibt eine punkige Körperlichkeit erhalten.

ROST, DRUCK UND KLARE KONTUREN

Matt Michel hat das Album im Viva Studio VA aufgenommen und gemischt, während Brad Boatright das Mastering im Audiosiege übernahm. Das Ergebnis klingt druckvoll, vermeidet jedoch den übermäßig polierten Charakter vieler moderner Thrash-Produktionen.

Die Gitarren besitzen eine raue Oberfläche und ausreichend Mitten, um sich voneinander unterscheiden zu lassen. Der Bass bleibt präsent, die Snare schlägt trocken durch den Mix und die Becken wirken nicht übermäßig geglättet. Dadurch behält das Album seine Punk- und Noise-Rock-Einflüsse.

Besonders gelungen ist die Balance zwischen technischer Lesbarkeit und kontrolliertem Chaos. Die zahlreichen Wechsel bleiben nachvollziehbar, klingen aber nicht so sauber sortiert, dass jede Bedrohung verloren geht. »Epoch Inhumane« vermittelt den Eindruck einer Band, die jederzeit aus der Kurve fliegen könnte, tatsächlich jedoch genau weiß, wo sich die nächste Kurve befindet.

Gelegentlich arbeitet die Produktion gegen die Stimme. Browns Gesang sitzt sehr präsent und kann in den besonders dichten Passagen scharf wirken. Das passt zwar zur aggressiven Ausrichtung, reduziert aber stellenweise die räumliche Tiefe der Instrumente.

WEIRDO THRASH MIT EIGENEM PROFIL

Die Vergleiche mit Voivod, Coroner, Atheist und Pestilence liegen nahe. Nuclear Tomb teilen mit diesen Bands die Bereitschaft, Thrash- und Death-Metal-Strukturen zu verbiegen, ohne ihre aggressive Grundlage aufzugeben. Hinzu kommen Crust Punk, Noise Rock, Mathcore und klassische Heavy-Metal-Leads.

Entscheidend ist, dass »Epoch Inhumane« nicht wie eine Sammlung fremder Einflüsse klingt. Die Band hat inzwischen eine eigene Sprache entwickelt. Diese besteht aus hektischen Wechseln, rauem Gesang, beweglichem Bass und Riffs, die häufig absichtlich gegen die erwartbare Auflösung arbeiten.

Gegenüber »Terror Labyrinthian« wirkt das Material fokussierter. Die Songs besitzen stärkere Übergänge und klarere Spannungsbögen, ohne ihren widerspenstigen Charakter aufzugeben. Die Band ist nicht zugänglicher geworden, hat ihre ungewöhnlichen Ideen aber besser organisiert.

Ganz ohne Schwächen bleibt das Album nicht. Browns Stimmlage ist über 36 Minuten sehr präsent, und manche Gitarrenwendungen ähneln sich in ihrer dissonanten Grundhaltung. Wer geradlinige Refrains oder eindeutig voneinander getrennte Strophen erwartet, dürfte sich zudem mehrfach im rhythmischen Labyrinth verirren.

Gerade diese Verweigerung einfacher Lösungen ist jedoch Teil der Identität. Nuclear Tomb wollen keinen gefälligen Retro-Thrash liefern und auch keinen klinischen Technikmetal für Musikerforen. »Epoch Inhumane« ist aggressiv, politisch, eigenwillig und musikalisch anspruchsvoll, ohne die Energie eines verschwitzten Kellerkonzerts zu verlieren.

FAZIT:

»Epoch Inhumane« verbindet technischen Thrash Metal, Death Metal und Punk-Aggression zu einem eigenständigen, dissonanten und dennoch überraschend geschlossenen Album. Nuclear Tomb überzeugen mit scharf geführten Riffs, einer herausragenden Rhythmusgruppe und Texten, die den gesellschaftlichen Zerfall nicht aus sicherer Entfernung beobachten, sondern frontal angreifen. Kleine Abzüge gibt es lediglich für die auf Dauer fordernde Gesangslage und einige ähnlich angelegte Gitarrenwendungen.

Official Video: Falling Out the World of Lies

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Nuclear Tomb - Epoch Inhumane - CD Review

Valosta Varjoon – Blut, Stahl und Leid

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Band: Valosta Varjoon 🇩🇪
Titel: Blut, Stahl und Leid
Label: Folter Records
VÖ: 24.06.2026
Format: Digipak CD / Digital
Genre: Black Metal / Black’n’Roll 

Tracklist

01. Die Könige der Nacht
02. Vambier
03. Reise ins Gestern
04. Blut, Stahl und Leid
05. Im kalten Moor
06. Die Insel im Traum
07. Am Rande der Welt

Besetzung

V.V. – Musik, Texte, Gesang
Sturmwolf – Gitarren, Bass

Gastmusiker:
L.F. – Schlagzeug

Produktion:
Mixing und Mastering – Deathroned Productions
Artwork – Deathroned Productions

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Mit »Blut, Stahl und Leid« ziehen Valosta Varjoon ihre Kreise erneut fernab jeder polierten Black-Metal-Ästhetik. Das Duo aus Neumarkt in der Oberpfalz liefert auf seinem vierten Langspieler sieben Stücke, die zwischen schroffer Raserei, melancholischer Kälte, punkiger Direktheit und schwarzmetallischem Rock’n’Roll pendeln. Dabei geht es nicht um nordische Fantasiewelten, sondern um regionale Mythen, Verfall, Misanthropie, Alkohol und jene eigentümliche Mischung aus Trotz und Schwermut, die der Band seit Jahren ein unverwechselbares Profil verleiht. »Blut, Stahl und Leid« klingt roh, aber nicht unfertig, traditionsbewusst, aber keineswegs ideenlos.

Full Album: Blut, Stahl und Leid

DIE NACHT GEHÖRT DEN GRATTLERN

»Die Könige der Nacht« eröffnet das Album mit flirrenden Gitarren, rasendem Schlagzeug und einer Melodieführung, die sofort den frostigen Kern der Platte offenlegt. V.V.s heiserer Gesang sitzt tief im Mix und wirkt weniger wie ein dominantes Leitinstrument als wie ein weiterer Schatten innerhalb des Gesamtbildes. Sturmwolf setzt auf schneidende Riffs, die immer wieder von rockigeren Bewegungen aufgebrochen werden. Gerade diese Verbindung aus klassischem Black Metal und dreckiger Straßenattitüde verhindert, dass das Album in gleichförmiger Raserei erstarrt.

»Vambier« schlägt kompakter und direkter zu. Der Song besitzt beinahe punkige Energie, ohne den schwarzen Unterbau preiszugeben. »Reise ins Gestern« arbeitet dagegen stärker mit Weite, wiederkehrenden Meldoielinien und jener resignierten Atmosphäre, in der Valosta Varjoon besonders überzeugend klingen. L.F. hält die Stücke mit einem organischen, kraftvollen Schlagzeugspiel zusammen. Die Drums wirken weder klinisch geglättet noch absichtlich primitiv, sondern geben den Gitarren genügend Raum, ohne selbst zur bloßen Begleitung zu verkommen.

ZWISCHEN REGIONALER SAGE UND SELBSTZERSTÖRUNG

Der Titelsong bündelt die wichtigsten Merkmale des Albums: bissige Riffs, stoische Rhythmik, eine eingängige Grundfigur und den programmatischen Gegensatz zwischen Gewalt und Trunkenheit. Die Zeile „Er flieht vor Blut, Stahl und Leid, sein Friede sei die Trunkenheit“ ist kein ausgelassener Saufrefrain, sondern Ausdruck einer Fluchtbewegung. Alkohol erscheint hier weniger als Feier denn als betäubende Antwort auf eine Welt, die nichts als Härte bereithält.

»Im kalten Moor« gehört zu den stärksten Stücken. Die Gitarren erzeugen eine düstere Räumlichkeit, während das Tempo mehrfach variiert und die Komposition dadurch Spannung gewinnt. »Die Insel im Traum« wirkt verträumter, beinahe entrückt, ehe »Am Rande der Welt« das Album mit epischerem Zuschnitt beendet. Besonders im Finale zeigt sich, wie sicher das Duo inzwischen zwischen roher Attacke und melodischer Tiefe wechseln kann.

PRODUKTION MIT SCHMUTZ UND KONTUR

Deathroned Productions hat dem Material einen passenden Klang verpasst. Die Gitarren bleiben rau und körnig, Bass und Schlagzeug besitzen dennoch ausreichend Kontur. Nur gelegentlich verschwimmen einzelne Details in den dichteren Passagen. Gerade bei längeren Wiederholungen hätte etwas mehr dynamische Zuspitzung einzelnen Abschnitten zusätzliche Wirkung verliehen. Dennoch ist die Produktion deutlich genug, um die instrumentalen Feinheiten hörbar zu machen, ohne den Charakter der Band zu glätten.

FAZIT:

»Blut, Stahl und Leid« ist ein konsequentes, atmosphärisch geschlossenes Black-Metal-Album mit regionaler Identität und ehrlicher Widerborstigkeit. Nicht jede Wiederholung ist zwingend, doch starke Riffs, markante Texte und das sichere Zusammenspiel machen den vierten Langspieler zu einer überzeugenden Fortsetzung des bisherigen Weges.

Blut, Stahl und Leid – Titelsong

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Valosta Varjoon - Blut, Stahl und Leid - CD Review

Bastard – Doctor Gong b/w Comfort

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Band: Bastard 🇬🇧
Titel: Doctor Gong b/w Comfort
Label: Wap Shoo Wap Records
VÖ: 26.06.2026
Format: limitierte 7″-Single / Digital
Genre: Proto-Punk / Heavy Rock / Punk Rock

Tracklist

A-Seite: Doctor Gong
B-Seite: Comfort

Besetzung

Alan Ward – Gesang
Brian James – Gitarre
Dez Lover – Bass
Nobby Goff – Schlagzeug

Aufgenommen: 1974
Limitierung: 300 Exemplare weltweit

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Dieses Projekt ist durch und durch retro – angefangen bei der Aufmachung als limitierte 7″-Single bis hin zum Sound zwischen Proto-Punk, Heavy Rock und Punk Rock. Allerdings handelt es sich bei »Doctor Gong b/w Comfort« nicht um eine gegenwärtige Band, die mit Schlaghosen, Vintage-Verstärkern und künstlichem Bandrauschen das Jahr 1974 nachstellt. Die beiden Stücke wurden tatsächlich vor 52 Jahren aufgenommen und lagen seitdem unveröffentlicht im Archiv. Nun hat Wap Shoo Wap Records die historische Single von Bastard ausgegraben und auf 300 Vinyl-Exemplare begrenzt veröffentlicht.

Das macht die beiden Stücke zunächst zu einem interessanten Zeitdokument. Bastard bestanden unter anderem aus dem späteren The-Damned-Gitarristen Brian James sowie Alan Ward, der später als Elton Motello bekannt wurde. Entscheidend ist jedoch, dass die Single nicht nur aufgrund dieser Namen funktioniert. »Doctor Gong« und »Comfort« besitzen auch heute noch genügend Energie, um unabhängig von ihrer historischen Bedeutung zu bestehen.

Official Audio: Doctor Gong

DER DOKTOR BRINGT DAS RIFF

»Doctor Gong« beginnt mit einem finsteren Gitarrenmotiv, das aus heutiger Perspektive beinahe wie eine frühe Horrorfilm-Melodie wirkt. Brian James legt jedoch schnell nach und verbindet die bedrohliche Einleitung mit einem schweren, vorwärtsdrängenden Riff. Einflüsse von MC5, Black Sabbath und dem frühen Alice Cooper sind klar hörbar, werden aber von Bastard zu einer auffällig direkten Mischung verdichtet.

Das Schlagzeug stampft kontrolliert, der Bass hält das Stück kompakt zusammen und Alan Ward singt mit jener leicht überdrehten Angriffslust, die wenige Jahre später zum festen Bestandteil des Punk Rock werden sollte. Noch ist das kein Punk in seiner später klar definierten Form. Dafür sind die Gitarren zu stark im Heavy Rock verankert und die Spielzeit von beinahe vier Minuten zu großzügig angelegt.

Gerade diese Zwischenposition macht den Reiz aus. »Doctor Gong« steht mit einem Fuß im schweren Rock der frühen Siebziger und tritt mit dem anderen bereits gegen dessen ausufernde Strukturen. Das Stück ist roh, aber nicht primitiv, melodisch, aber nicht gefällig. Brian James lässt bereits jene scharfkantige Gitarrenarbeit erkennen, die später bei The Damned deutlich weiterentwickelt werden sollte.

COMFORT MACHT ES SICH NICHT BEQUEM

Die B-Seite »Comfort« klingt lockerer, straßentauglicher und stärker nach klassischem Rock ’n’ Roll. Der Einfluss von The Stooges ist insbesondere in der rauen Grundhaltung zu erkennen, während das Riffing gleichzeitig an die geradlinige Eleganz der Flamin’ Groovies erinnert.

Der Song besitzt mehr Bewegung als die A-Seite. Bass und Schlagzeug treiben energisch nach vorn, während Brian James zwischen Akkordarbeit und kleinen Leadakzenten wechselt. Alan Ward klingt weniger bedrohlich als bei »Doctor Gong«, dafür aber noch unmittelbarer. Sein Gesang sitzt nicht sauber auf jedem Ton, soll das jedoch offensichtlich auch nicht. Hier zählen Haltung und Energie.

Interessant ist vor allem, wie nah »Comfort« bereits an jener musikalischen Sprache liegt, die kurz darauf als Punk Rock bezeichnet werden sollte. Bastard verzichten auf ausgedehnte Soli, komplizierte Arrangements oder progressive Ausschweifungen. Der Song geht nach vorn, hält sein zentrales Motiv fest und lässt die Instrumente dennoch ausreichend atmen.

EIN FUNDSTÜCK MIT EIGENEM WERT

Historische Archivaufnahmen werden gerne aufgrund ihrer beteiligten Namen überschätzt. Bei »Doctor Gong b/w Comfort« besteht diese Gefahr ebenfalls. Brian James wurde später zu einer Schlüsselfigur des britischen Punk Rock, während Alan Ward mit Elton Motello seine eigene Spur in der Punkgeschichte hinterließ.

Die Single ist jedoch mehr als eine Fußnote vor den späteren Karrieren. Beide Stücke zeigen eine Band, die 1974 bereits verstanden hatte, dass Rockmusik wieder direkter, lauter und gefährlicher werden musste. Der Klang ist naturgemäß nicht so druckvoll wie eine moderne Produktion, doch die Instrumente besitzen Charakter und die Aufnahmen wurden nicht durch übertriebene digitale Nachbearbeitung ihrer historischen Oberfläche beraubt.

Mit insgesamt etwas mehr als acht Minuten bleibt die Veröffentlichung natürlich knapp. Zwei Stücke erlauben nur einen kurzen Blick auf Bastard und lassen offen, welches Potenzial ein vollständiges Album besessen hätte. Als 7″-Single funktioniert diese Begrenzung jedoch ausgesprochen gut. A- und B-Seite ergänzen sich und zeigen zwei unterschiedliche Facetten derselben Band.

FAZIT:

»Doctor Gong b/w Comfort« ist ein durch und durch retrospektives Fundstück, das dennoch nicht allein von seiner Vergangenheit lebt. »Doctor Gong« verbindet bedrohlichen Heavy Rock mit früher Proto-Punk-Aggression, während »Comfort« stärker auf direkten, dreckigen Rock ’n’ Roll und die bald folgende Punkexplosion verweist. Die historische Klangqualität gehört untrennbar zur Veröffentlichung und unterstreicht ihre Authentizität. Schade ist lediglich, dass nach zwei Stücken bereits Schluss ist. Bastard liefern keine nachträglich erfundene Retro-Show, sondern den echten Klang einer Band, die ihrer Zeit hörbar einige Jahre voraus war.

Internet

Bastard - Doctor Gong b/w Comfort - 7-Inch Review

Vorax – Volcano Shock

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Band: Vorax 🇨🇭
Titel: Volcano Shock
Label: Eigenveröffentlichung
VÖ: 27.06.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Old School Death Metal / Death Metal

Tracklist

01. Magma Ocean
02. Devouring Raw Flesh
03. Volcano Shock
04. Burning Lava
05. Hunter Killer
06. Flight of the Pteranodon
07. Reign Supreme
08. The Great Dying

Besetzung

Beni – Gesang
Simon – Leadgitarre
Benj – Rhythmusgitarre
Frugi – Bass
Flavio – Schlagzeug

Produktion:
Musik und Texte – Vorax
Aufnahme und Produktion – Vorax
Mixing und Mastering – Beni
Weitgehend analog aufgenommen, gemischt und gemastert
Auf Band aufgenommen und gemastert
Mix über ein klassisches Studer-Mischpult
Artwork – Jon (@meat_knife)

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Death Metal und Dinosaurier? Das klingt zunächst nach einem Konzept, das entweder spektakulär einschlägt oder nach wenigen Minuten unter dem Gewicht seiner eigenen Urzeitechsen zusammenbricht. Die Zürcher Vorax lassen auf ihrem Debütalbum »Volcano Shock« jedoch keine Zweifel aufkommen. Nach der 2022 veröffentlichten EP »Jurassic Dawn« widmet sich die fünfköpfige Formation erneut prähistorischen Welten, Naturkatastrophen, Dinosauriern und dem gnadenlosen Kampf ums Überleben. Musikalisch gibt es dazu acht kompakte Stücke Old School Death Metal, die sich bewusst gegen digitale Perfektion, sterile Schlagzeugspuren und nachträglich zurechtgeschobene Rhythmen stellen. Hier wurde weitgehend analog gearbeitet, auf Band aufgenommen und mit historischem Studioequipment produziert. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob »Volcano Shock« modern klingt. Entscheidend ist, ob Vorax die Vergangenheit überzeugend zum Leben erwecken können.

Albumstream: Volcano Shock

MAGMA STATT MODERNER STUDIOKOSMETIK

»Magma Ocean« eröffnet das Album mit einem kurzen vokalen Ausbruch, bevor die Instrumente gemeinsam in einen schweren, stampfenden Rhythmus fallen. Vorax versuchen gar nicht erst, den Hörer durch ein langes Intro auf die bevorstehende Katastrophe vorzubereiten. Der Boden bricht auf, die Gitarren setzen ein und das Schlagzeug beginnt unmittelbar damit, die ersten geologischen Verwerfungen in das Fundament zu schlagen.

Simon und Benj arbeiten überwiegend mit breiten, tief gestimmten Riffs, die deutlich vom europäischen Death Metal der späten Achtziger und frühen Neunziger geprägt sind. Statt hektischer Griffbrettübungen stehen Gewicht und Wiederholung im Mittelpunkt. Einzelne Motive werden lange genug gehalten, damit sie ihre volle Wirkung entfalten können, ohne dabei in stumpfe Monotonie zu kippen.

Flavios Schlagzeugspiel verstärkt die archaische Atmosphäre. Die Schläge wirken körperlich und nicht wie exakt platzierte Markierungen aus einem Computerprogramm. Kleine Schwankungen und natürliche Dynamik bleiben hörbar. Gerade dadurch besitzt der Opener eine Lebendigkeit, die vielen technisch perfektionierten Death-Metal-Produktionen fehlt.

Beni setzt darüber einen tiefen, rauen Gesang, der gelegentlich in längere Schreie übergeht. Seine Stimme wird nicht künstlich aufgebläht und auch nicht durch mehrere übereinandergeschichtete Spuren zu einem anonymen Monster umgebaut. Sie besitzt eine erkennbare menschliche Herkunft – und genau das macht sie bedrohlich.

Im letzten Abschnitt darf Simon die geschlossene Rhythmuswand mit einem kurzen Solo aufbrechen. Die Leadgitarre wird nicht zum Mittelpunkt der Komposition, setzt aber einen deutlichen Akzent und beendet den ersten Ausbruch mit kontrollierter Unruhe.

FRESSEN ODER GEFRESSEN WERDEN

»Devouring Raw Flesh« erhöht das Tempo, ohne den schweren Grundcharakter des Albums aufzugeben. Das Riffing wirkt beweglicher, die Übergänge folgen schneller aufeinander und das Schlagzeug treibt stärker nach vorn. Inhaltlich regiert das älteste Gesetz der Natur: Wer nicht selbst zum Jäger wird, endet als Nahrung.

Vorax nutzen das prähistorische Konzept nicht als humoristische Kulisse. Hinter den Dinosauriern und Naturkatastrophen steht eine Welt, in der Moral, Zivilisation und gesellschaftliche Regeln keine Bedeutung besitzen. Überleben hängt allein von Kraft, Instinkt und der Fähigkeit ab, schneller zu reagieren als das Gegenüber.

Die Gitarren wechseln zwischen treibenden Passagen und kurzen, kontrollierten Unterbrechungen. Dadurch entsteht ein permanentes Gefühl der Bedrohung. Der Angriff kann jederzeit fortgesetzt werden, auch wenn die Instrumente für einen Moment zurückweichen.

Frugi fällt erstmals besonders deutlich auf. Sein Bass wird nicht unter den Gitarren versteckt, sondern besitzt einen knurrenden Eigenklang. Er verdoppelt zwar häufig die Bewegung der Rhythmusgitarre, verleiht den Riffs jedoch zusätzliche Tiefe und hält den Klang auch dann zusammen, wenn die Leadgitarre kurz aus dem gemeinsamen Block ausbricht.

Beni gestaltet seinen Gesang variabler, als es der erste Eindruck vermuten lässt. Neben tiefen Passagen setzt er schärfere Ausbrüche und lang gezogene Schreie ein. Der Refrain verzichtet auf eine klassische Melodie, bleibt durch seine rhythmische Betonung aber dennoch hängen.

»Devouring Raw Flesh« gehört zu den unmittelbarsten Stücken des Albums. Der Song benötigt keine komplizierte Dramaturgie, weil Vorax seine zentrale Idee mit überzeugender Konsequenz ausführen.

DER VULKAN EXPLODIERT NICHT SOFORT

Der Titeltrack »Volcano Shock« setzt überraschenderweise nicht auf permanentes Höchsttempo. Statt den erwartbaren musikalischen Vulkanausbruch mit Blastbeats und pausenloser Doublebass abzubilden, wählen Vorax einen langsameren, beinahe militärisch stampfenden Rhythmus.

Die ersten Gesangspassagen wirken kontrollierter und teilweise gesprochen. Beni steigert die Aggression anschließend schrittweise. Der Song entwickelt sich dadurch wie eine Naturkatastrophe, deren Vorzeichen zunächst ignoriert werden können. Erst wenn der Druck groß genug geworden ist, wird aus dem unterschwelligen Grollen eine nicht mehr kontrollierbare Eruption.

Die Gitarrenarbeit erinnert in ihrer schweren, rollenden Bewegung stellenweise an Bolt Thrower und Asphyx. Vorax übernehmen jedoch keine einzelnen Riffs oder vollständigen Strukturen. Entscheidend ist die gemeinsame Haltung: Death Metal soll nicht durch Geschwindigkeit allein beeindrucken, sondern durch körperliche Wucht und eine Atmosphäre unausweichlicher Vernichtung.

Besonders wirkungsvoll ist die Schlagzeugarbeit. Flavio setzt kurze, beinahe marschartige Figuren ein, bevor er wieder in einen breiteren Groove zurückkehrt. Das Schlagzeug führt die Komposition und verhindert, dass das wiederkehrende Hauptriff seine Wirkung verliert.

In der zweiten Hälfte öffnet sich das Arrangement. Simon legt eine melodischere Leadspur über das Fundament, ohne den Song plötzlich in klassischen Heavy Metal zu verwandeln. Die Gitarre erzeugt vielmehr einen düsteren Gegenpol zu den massiven Rhythmusinstrumenten.

Der Titeltrack ist kein schneller Höhepunkt für den ersten Durchlauf. Er gewinnt durch seine langsame Entwicklung und gehört zu den Stücken, deren Aufbau erst nach mehrmaligem Hören vollständig sichtbar wird.

BURNING LAVA BEWEGT SICH LANGSAM, ABER UNAUFHALTSAM

»Burning Lava« bleibt im schweren Tempo und setzt auf eine Bewegung, die sich weniger wie ein plötzlicher Angriff als wie eine unausweichlich näherkommende Masse anfühlt. Die Gitarren schieben sich vorwärts, während Bass und Schlagzeug jeden Schritt zusätzlich beschweren.

Die Band widersteht erneut der Versuchung, das Thema durch offensichtliche Soundeffekte zu illustrieren. Es gibt keine Vulkanaufnahmen, keine Explosionen aus dem Archiv und keine dramatische Erzählerstimme. Vorax verlassen sich vollständig auf ihre Instrumente.

Der Song zeigt allerdings auch eine Grenze des Albums. Gitarrenton, Rhythmik und vokale Gestaltung liegen nah an den vorherigen Stücken. Die konsequente Produktion sorgt für einen geschlossenen Gesamtklang, lässt einzelne Kompositionen aber gelegentlich ineinander übergehen.

Vorax gleichen dieses Problem durch kleine Veränderungen aus. Ein kurzes Gitarrenmotiv hebt sich aus der Rhythmusarbeit heraus, das Schlagzeug verschiebt einzelne Akzente und Beni verändert die Länge seiner Phrasen. Dennoch gehört »Burning Lava« nicht zu den auffälligsten Nummern.

Im Zusammenhang des Albums funktioniert das Stück besser als für sich allein. Es hält den Druck aufrecht, führt das prähistorische Szenario konsequent weiter und bildet den schweren Gegenpol zum beweglicheren »Hunter Killer«.

DER JÄGER BESCHLEUNIGT DIE EVOLUTION

»Hunter Killer« bringt spürbar Bewegung in die Mitte des Albums. Die Gitarren greifen schneller an, das Schlagzeug arbeitet mit häufigeren Richtungswechseln und die gesamte Band wirkt nervöser. Aus der langsam fließenden Lava wird ein aktiver Verfolger.

Das Stück lebt von seinem Wechsel zwischen treibenden Riffs und kurzen Verzögerungen. Vorax lassen den Song mehrfach abbremsen, nur um anschließend mit veränderter Betonung zurückzukehren. Dadurch entsteht der Eindruck einer Jagd, bei der sich Angreifer und Beute ständig neu orientieren müssen.

Beni liefert einige seiner stärksten Schreie. Seine Stimme klingt nicht glatt oder kontrolliert, sondern angespannt und körperlich gefordert. Das passt zum Material, weil die Musik ihre Wirkung ebenfalls nicht aus technischer Sauberkeit, sondern aus unmittelbarer Energie gewinnt.

Simon erhält im letzten Drittel erneut Raum für ein Solo. Die Leadgitarre windet sich über dem Rhythmusfundament, ohne zu lange im Mittelpunkt zu bleiben. Vorax wissen, wann ein Solo einen Song ergänzt und wann es dessen Wirkung verwässern würde.

»Hunter Killer« gehört gemeinsam mit »Devouring Raw Flesh« zu den direktesten Titeln. Die Komposition ist kompakt, besitzt mehrere erkennbare Abschnitte und bringt genau zur richtigen Zeit zusätzliche Geschwindigkeit auf das Album.

DER PTERANODON BRAUCHT PLATZ ZUM FLIEGEN

Mit knapp fünf Minuten gehört »Flight of the Pteranodon« zu den längeren Stücken. Die zusätzliche Spielzeit wird genutzt, um das bisherige Klangbild etwas weiter zu öffnen. Die Rhythmusgitarren bleiben schwer, während sich darüber längere Leadlinien entfalten.

Der Song beginnt mit einem massiven Groove, der zunächst kaum auf das im Titel angekündigte Fliegen schließen lässt. Erst im weiteren Verlauf löst sich die Leadgitarre deutlicher vom Fundament. Dadurch entsteht ein Kontrast zwischen dem Gewicht des Körpers und der scheinbaren Leichtigkeit des Fluges.

Vorax beweisen hier, dass ihre Musik nicht ausschließlich aus knappen Stakkato-Riffs besteht. Simon setzt melodische Figuren ein, die trotz ihrer Eingängigkeit eindeutig im Death Metal verankert bleiben. Die Melodien wirken dunkel und bedrohlich, verleihen dem Stück aber einen größeren räumlichen Eindruck.

Flavio hält die längeren Instrumentalpassagen zusammen. Sein Spiel bleibt kontrolliert und verzichtet auf übertriebene technische Demonstrationen. Gerade weil er den Takt nicht mit permanenten Fills überlädt, können die Gitarren ihre volle Wirkung entfalten.

Der Mittelteil zählt zu den besten instrumentalen Momenten des Albums. Die Band nimmt etwas Geschwindigkeit heraus, erweitert den Klangraum und lässt die Leadgitarre über den schweren Rhythmusinstrumenten stehen. Anschließend kehrt das Hauptriff zurück, wirkt durch den vorherigen Kontrast jedoch deutlich massiver.

»Flight of the Pteranodon« ist einer der Höhepunkte und zeigt, dass Vorax besonders überzeugend klingen, wenn sie ihrem Old School Death Metal zusätzliche melodische Tiefe erlauben.

REIGN SUPREME VERTRAUT AUF KONTROLLE

»Reign Supreme« beginnt langsam und schwer. Die Gitarren setzen breit ein, während Flavio mit klaren, voneinander getrennten Schlägen ein massives Fundament errichtet. Das Stück wirkt zunächst beinahe statisch, entwickelt aus dieser Zurückhaltung jedoch beträchtlichen Druck.

Der Titel beschreibt die uneingeschränkte Herrschaft der stärksten Kreatur. Vorax übersetzen diese Dominanz nicht in hektische Gewalt. Die Musik muss ihre Macht nicht beweisen, weil sie bereits jeden verfügbaren Raum besetzt.

Beni setzt seinen Gesang stärker als rhythmisches Instrument ein. Einzelne Worte und Silben werden präzise auf die Gitarrenschläge gelegt, während längere Schreie die Übergänge miteinander verbinden. Diese Verbindung aus punktgenauer Betonung und kontrolliertem Ausbruch gehört zu seinen besten Leistungen auf dem Album.

Nach der Hälfte setzt eine ausgedehntere Leadpassage ein. Simon verlässt den schweren Rhythmus, ohne die düstere Atmosphäre aufzulösen. Das Solo wirkt nicht wie ein Fremdkörper, sondern wie eine zweite Erzählebene innerhalb des Songs.

Die Stärke von »Reign Supreme« liegt in seiner Geduld. Vorax versuchen nicht, alle paar Sekunden einen neuen Einfall einzubauen. Die Band vertraut auf wenige tragfähige Motive und führt diese konsequent aus.

Gerade dadurch unterscheidet sich das Stück von den schnelleren Nummern. Es zeigt, dass kontrolliertes Midtempo innerhalb des Death Metal mindestens ebenso vernichtend wirken kann wie ein permanenter Geschwindigkeitsangriff.

THE GREAT DYING LÖSCHT ALLES AUS

Das Finale trägt den passenden Namen: »The Great Dying« bezieht sich auf ein Massenaussterben, bei dem nicht eine einzelne Kreatur, sondern ein erheblicher Teil des bekannten Lebens verschwindet. Nach Jagd, Herrschaft und Naturgewalten endet das Album damit in vollständiger Auslöschung.

Der Song beginnt langsam und beinahe feierlich. Die Gitarren lassen einzelne Akkorde länger stehen, während das Schlagzeug zunächst nur wenige Akzente setzt. Die Atmosphäre unterscheidet sich deutlich von den unmittelbaren Angriffen der ersten Albumhälfte.

Nach und nach erhöht die Band die Intensität. Das Schlagzeug wird beweglicher, die Gitarrenfiguren werden dichter und Benis Stimme gewinnt zusätzliche Schärfe. Die Steigerung folgt keinem plötzlichen Bruch, sondern entwickelt sich kontrolliert aus dem ruhigen Anfang.

In der zweiten Hälfte setzt Simon eine längere Leadpassage ein, die dem Finale eine angemessene Größe verleiht. Die Melodie klingt nicht triumphal. Sie wirkt wie der letzte Blick auf eine Welt, deren Ende bereits beschlossen ist.

Vorax schließen das Album ohne unnötige Verlängerung ab. Es gibt keinen versteckten Bonustrack, kein minutenlanges Geräuschfinale und keine Wiederholung des Refrains bis zur völligen Erschöpfung. Nach etwas mehr als fünf Minuten ist das Aussterben vollzogen.

»The Great Dying« gehört gemeinsam mit »Flight of the Pteranodon«, »Reign Supreme« und dem Titeltrack zu den kompositorisch stärksten Stücken. Das Finale führt die wichtigsten Eigenschaften des Albums zusammen und beendet die prähistorische Reise mit der notwendigen Konsequenz.

ERFAHRUNG AUS DER SCHWEIZER DEATH-METAL-SZENE

Vorax sind zwar mit »Volcano Shock« bei ihrem ersten vollständigen Album angekommen, bestehen jedoch nicht aus unerfahrenen Musikern. Mitglieder der Band waren beziehungsweise sind im Umfeld von Messiah, Omophagia und Death Kommander aktiv. Diese Erfahrung ist im Zusammenspiel deutlich hörbar.

Simon und Benj verstehen sich als Gitarrenduo. Die Rhythmusarbeit bleibt geschlossen, während die Leadgitarre an den richtigen Stellen aus dem gemeinsamen Klangblock heraustritt. Vorax setzen Soli nicht nach einem festen Schema ein, sondern orientieren sich an der Dramaturgie des jeweiligen Songs.

Frugis Bass besitzt eine wichtige Funktion. Der Klang ist deutlich wahrnehmbar und sorgt dafür, dass die tiefen Frequenzen nicht allein von den Gitarren getragen werden. Besonders in den langsameren Passagen verleiht der Bass dem Material zusätzliche Bewegung.

Flavio hält die Musik zusammen, ohne sie durch übertriebene Perfektion zu glätten. Seine Schläge besitzen unterschiedliche Intensitäten, Becken klingen nicht bei jedem Treffer identisch und schnelle Passagen behalten einen natürlichen Bewegungsablauf. Diese Eigenschaften sind keine technischen Fehler, sondern ein wesentlicher Bestandteil der gewählten Ästhetik.

Beni steht mit seinem Gesang im Vordergrund, ohne den Instrumenten den notwendigen Raum zu nehmen. Seine tiefen Vocals passen zum klassischen Death Metal, während die schärferen Schreie zusätzliche Kontraste erzeugen. Eine noch größere Bandbreite aus Growls, gesprochenen Passagen und extremeren Höhen könnte künftige Veröffentlichungen dennoch weiter aufwerten.

Das Zusammenspiel wirkt eingespielt und diszipliniert. Vorax müssen nicht beweisen, wie viele Noten sie innerhalb weniger Sekunden unterbringen können. Die Band konzentriert sich darauf, dass jedes Riff, jeder Schlag und jeder vokale Ausbruch dem Song dient.

ANALOG IST KEIN AUTOMATISCHES QUALITÄTSSIEGEL

Vorax betonen den weitgehend analogen Entstehungsprozess von »Volcano Shock«. Die Band verwendete selbst restauriertes Studioequipment aus den Achtzigern und Neunzigern, nahm auf Band auf und mischte das Album über ein klassisches Studer-Pult. Auch das Studio wurde von den Musikern selbst aufgebaut.

Ein solcher Aufwand ist zunächst nur eine technische Entscheidung. Analoge Aufnahmeverfahren garantieren weder gute Songs noch einen überzeugenden Klang. Auf »Volcano Shock« passt die gewählte Arbeitsweise jedoch unmittelbar zur Musik.

Die Gitarren besitzen eine raue Oberfläche, bleiben aber klar genug, damit die einzelnen Riffs erkennbar sind. Der Bass steht hörbar im Mix und das Schlagzeug klingt nicht wie eine Sammlung voneinander isolierter Samples. Besonders Snare, Toms und Becken reagieren dynamisch auf Flavios Spielweise.

Auf Trigger, Quantisierung und umfangreiche digitale Korrekturen wurde bewusst verzichtet. Dadurch sind minimale Schwankungen hörbar, die der Musik zusätzliche Bewegung verleihen. Vorax klingen wie fünf Musiker, die gemeinsam ein Stück spielen, und nicht wie fünf getrennt bearbeitete Spuren, die nachträglich zusammengesetzt wurden.

Die Produktion besitzt trotzdem Schwächen. Manche Gitarrenpassagen könnten stärker voneinander getrennt sein, und in besonders dichten Momenten verliert der Bass einen Teil seiner anfänglichen Präsenz. Auch der Gesang sitzt nicht in jeder Passage exakt an derselben Position.

Diese Unebenheiten gehören teilweise zum Konzept, sollten jedoch nicht grundsätzlich romantisiert werden. Rohheit funktioniert nur dann, wenn die Kompositionen darunter nicht verschwinden. Vorax finden überwiegend die richtige Balance: Das Album klingt ungeschliffen, aber nicht unfertig.

DINOSAURIER STATT STANDARD-SPLATTER

Thematisch besitzt »Volcano Shock« ein ungewöhnlich geschlossenes Profil. Während zahlreiche Death-Metal-Bands erneut Friedhöfe, Leichenhallen und medizinisch fragwürdige Gewalttaten abarbeiten, wenden sich Vorax einer prähistorischen Welt zu.

Bereits die EP »Jurassic Dawn« behandelte Dinosaurier und frühe Erdzeitalter. Das Debüt führt diesen Ansatz weiter und erweitert ihn um Vulkanausbrüche, Jagd, Herrschaft und Massenaussterben.

Die Themen passen hervorragend zur Musik. Old School Death Metal lebt von archaischer Kraft, schweren Bewegungen und einer gewissen körperlichen Unmittelbarkeit. Ein stampfendes Midtempo-Riff lässt sich problemlos mit einem tonnenschweren Raubtier verbinden, während schnelle Passagen den Überlebenskampf glaubwürdig vertonen.

Vorax vermeiden dabei den Eindruck eines Kinderbuchs mit verzerrten Gitarren. Die Texte und die musikalische Inszenierung behandeln die prähistorische Welt als brutalen Lebensraum. Es gibt keine menschliche Überlegenheit, keine Technik und keine sichere Distanz. Jede Kreatur ist Teil einer Nahrungskette, die jederzeit gegen sie arbeiten kann.

Das Konzept verleiht dem Album einen Wiedererkennungswert, den viele stilistisch ähnliche Veröffentlichungen vermissen lassen. Musikalisch erfinden Vorax den Old School Death Metal nicht neu. Durch ihre thematische Ausrichtung schaffen sie dennoch eine eigene Identität.

DREIUNDDREISSIG MINUTEN OHNE AUSGRABUNGSLEERLAUF

Mit rund 33 Minuten ist »Volcano Shock« angenehm konzentriert. Keiner der acht Songs wirkt künstlich verlängert, und die Band verzichtet auf atmosphärische Zwischenspiele, die lediglich die Gesamtspielzeit erhöhen würden.

Diese Kürze ist wichtig, weil sich Vorax innerhalb eines bewusst eng gesetzten stilistischen Rahmens bewegen. Gitarrenton, Gesang und Produktionsästhetik bleiben über das gesamte Album hinweg ähnlich. Eine Laufzeit von 50 oder 60 Minuten hätte deshalb vermutlich Ermüdungserscheinungen verursacht.

Innerhalb der kompakten Spielzeit funktioniert die Mischung hingegen gut. »Devouring Raw Flesh« und »Hunter Killer« sorgen für Geschwindigkeit, während »Volcano Shock«, »Burning Lava« und »Reign Supreme« auf kontrollierte Schwere setzen. »Flight of the Pteranodon« und »The Great Dying« erweitern das Material um längere Entwicklungen und deutlichere Leadgitarren.

Nicht jeder Song besitzt einen sofort erkennbaren Refrain oder ein einzelnes Riff, das sich nach dem ersten Durchlauf festsetzt. Das Album wächst stattdessen durch Details. Kleine Schlagzeugfiguren, Bassbewegungen und Leadgitarren treten bei wiederholtem Hören stärker hervor.

Vorax schreiben keine komplizierten Kompositionen, verlangen aber dennoch Aufmerksamkeit. Wer »Volcano Shock« lediglich nebenbei laufen lässt, hört möglicherweise nur eine geschlossene Wand aus klassischem Death Metal. Wer genauer zuhört, entdeckt eine sorgfältig abgestimmte Rhythmusgruppe und zahlreiche kleine Veränderungen innerhalb der vermeintlich einfachen Strukturen.

VERGANGENHEIT OHNE MUSEUMSVITRINE

Old School Death Metal bewegt sich grundsätzlich in einem Spannungsfeld. Einerseits lebt das Genre von einem klar erkennbaren historischen Klangbild. Andererseits besteht die Gefahr, lediglich bekannte Produktionen vergangener Jahrzehnte nachzustellen.

Vorax lösen dieses Problem nicht durch radikale Neuerfindung. Die Band bleibt den klassischen Grundlagen treu: tiefe Gitarren, schwere Rhythmen, raue Vocals, kurze Soli und eine Produktion, die hörbar von analogen Verfahren geprägt ist.

Die Eigenständigkeit entsteht aus der Verbindung dieser Elemente mit dem prähistorischen Konzept und dem auffällig klaren DIY-Gedanken. Vorax imitieren nicht einfach den Klang einer alten Platte. Sie bauen ihr eigenes Studio, restaurieren das benötigte Equipment und übertragen die historische Arbeitsweise auf ihre eigenen Songs.

Trotzdem bleibt Entwicklungspotenzial vorhanden. Die Band könnte künftig melodische Leadgitarren häufiger einsetzen, die vokale Bandbreite erweitern und einzelne Songs durch deutlichere rhythmische oder harmonische Kontraste voneinander abheben.

»Volcano Shock« zeigt jedoch bereits eine Formation, die genau weiß, welchen Death Metal sie spielen möchte. Das Album wirkt weder suchend noch unsicher. Vorax setzen ihre Vorstellungen konsequent um und akzeptieren dabei, dass ein solcher Ansatz nicht jeden modernen Extrem-Metal-Hörer erreichen wird.

FAZIT:

»Volcano Shock« ist ein überzeugendes Debütalbum für Anhänger des klassischen europäischen Death Metal. Vorax verbinden schwere Midtempo-Riffs, kurze Geschwindigkeitsausbrüche und melodisch eingesetzte Leadgitarren mit einer weitgehend analogen Produktion, die dem Material hörbare Lebendigkeit verleiht. Das prähistorische Konzept rund um Dinosaurier, Vulkane, Naturkatastrophen und Massenaussterben schafft einen eigenständigen Rahmen, ohne zur albernen Kulisse zu werden. Besonders »Devouring Raw Flesh«, der Titeltrack, »Hunter Killer«, »Flight of the Pteranodon«, »Reign Supreme« und »The Great Dying« überzeugen. Kleinere Abzüge gibt es für die stellenweise ähnliche Klangfarbe und einige Songs, deren Konturen erst nach mehreren Durchläufen deutlicher hervortreten. Vorax holen den Old School Death Metal jedoch nicht als lebloses Fossil aus dem Boden. Die Zürcher setzen Fleisch auf die Knochen, lassen das Tier aufstehen und schicken es mit erheblichem Gewicht durch die Gegenwart.

Official Video: Devouring Raw Flesh

Official Music Video: Reign Supreme

Internet

Vorax - Volcano Shock - CD Review

Sons of Ghidorah – Raining Fire

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Sons Of Ghidorah - Raining Fire - cover album Artwork
Sons Of Ghidorah - Raining Fire - cover album Artwork

Band: Sons of Ghidorah 🇺🇸
Titel: Raining Fire
Label: Argonauta Records
VÖ: 05.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Stoner Metal / Doom Metal / Heavy Rock / Psychedelic Rock

Tracklist

01. Raining Fire
02. Zuzu’s Petals
03. And On This Day
04. Goodbye
05. Dogs Of War
06. Circus
07. Devil In The Dark
08. Thin Red Line
09. Saving The World (At The End Of The Day)
10. Time

Besetzung

Mark Giuliano – Gesang
Christopher Konys – Bass, Keyboards, Gesang, weitere Instrumente
Michael Lillard – Schlagzeug
Greg Fenlong – Gitarre
Lou Barrese – Leadgitarre

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Aus New York erhebt sich mit Sons of Ghidorah ein fünfköpfiges Riffmonster, das auf »Raining Fire« klassischen Doom Metal, Stoner Rock, Heavy Metal und psychedelische Schwere unter drei imaginären Drachenköpfen vereint. Aufgebaut auf einem bombenfesten Fundament aus Bass und Schlagzeug werden dröhnende Rhythmusgitarren, zielgerichtete Leads und kosmische Keyboards gekonnt aufgebettet. Das Ergebnis ist kein bloßer Ausflug in die Wüste, sondern eine knapp 50-minütige Reise durch Feuerregen, Krieg, Abschied, dunkle Versuchungen und die unaufhaltsame Macht der Zeit.

YouTube Art Playlist: Raining Fire

DREI KÖPFE, FÜNF MUSIKER UND EIN BERG AUS VERZERRUNG

Seit ihrer Gründung im Jahr 2014 haben Sons of Ghidorah verschiedene Seiten ihrer musikalischen Persönlichkeit ausgelotet. Doom, Stoner Rock, Punk, psychedelische Klänge und klassischer Heavy Rock gehörten bereits zuvor zum Werkzeugkasten. Auf »Raining Fire« wirkt diese Mischung jedoch breiter und stärker ausformuliert.

Mit Greg Fenlong und Leadgitarrist Lou Barrese ist die Gruppe zu einem Quintett angewachsen. Dadurch entsteht hinter den zentralen Riffs mehr Bewegung. Kleine melodische Gegenstimmen, zusätzliche Gitarrenspuren und kurze Soli sorgen dafür, dass die Songs nicht in einer einzigen Fuzzwand stecken bleiben.

Die Band versucht dennoch nicht, mit möglichst vielen Noten Eindruck zu schinden. Die Musik setzt auf Groove, Gewicht und klassische Dramaturgie. Manchmal reicht ein einziges Riff, das von Christopher Konys’ Bass und Michael Lillards Schlagzeug so lange bearbeitet wird, bis es wie ein schwerer Motor durch den Hörraum läuft.

DER HIMMEL STEHT IN FLAMMEN

Der Titelsong »Raining Fire« eröffnet die Platte ohne längeres Vorgeplänkel. Das Hauptriff setzt früh ein und gibt die Richtung vor: schwer, unmittelbar und mit genügend Bewegung, um nicht in zähem Doom zu versinken. Die Produktion lässt die Gitarren breit stehen, während Bass und Schlagzeug für einen trockenen, körperlichen Druck sorgen.

Der Feuerregen lässt sich als apokalyptisches Bild lesen. Ob Krieg, kosmischer Untergang oder persönlicher Zusammenbruch gemeint ist, bleibt zweitrangig. Entscheidend ist das Gefühl, unter einer Katastrophe zu stehen, die nicht mehr aufgehalten werden kann. Der Song reagiert darauf nicht mit Angst, sondern mit trotzigem Vorwärtsdrang.

Mark Giuliano singt mit einer kräftigen, angerauten Stimme, die zwischen klassischem Heavy Rock und Doom liegt. Er klingt weder nach opernhaftem Metal noch nach extremem Growling. Sein Vortrag besitzt etwas Erdiges und leicht Abgekämpftes, wodurch der Song glaubwürdig bleibt.

Lou Barrese ergänzt das massive Riff mit kurzen Leadlinien. Seine Arbeit ist nicht aufdringlich, gibt dem Stück aber eine zusätzliche Ebene. Das Solo fügt sich in den Song ein, statt plötzlich wie ein unangemeldeter Gast auf der Couch zu sitzen.

BLÜTENBLÄTTER IM PSYCHEDELISCHEN NEBEL

»Zuzu’s Petals« öffnet das Album stärker in Richtung Psychedelic Rock. Die Gitarren erhalten mehr Raum, Melodien schweben über dem schweren Fundament und die Band lässt den Song etwas lockerer atmen. Der Titel erinnert an das Motiv aus dem Filmklassiker »It’s A Wonderful Life«, in dem Blütenblätter zum Beweis für die Rückkehr in die Wirklichkeit werden.

Ob diese Verbindung ausdrücklich beabsichtigt ist oder nicht: Der Song passt zu der Vorstellung, nach einem verwirrenden Zustand wieder einen greifbaren Teil der eigenen Realität zu entdecken. Zwischen schweren Riffs und verträumteren Abschnitten entsteht ein Wechselspiel aus Unsicherheit und vorsichtiger Orientierung.

Christopher Konys nutzt die Keyboards zurückhaltend. Sie liegen nicht wie eine auffällige Synthesizerdecke über der Musik, sondern füllen die Zwischenräume. Dadurch bekommt das Stück eine kosmische Weite, ohne seinen erdigen Stoner-Rock-Kern zu verlieren.

AN DIESEM TAG WIRD ES DUNKLER

»And On This Day« zieht das Tempo zurück und rückt den Doom Metal stärker in den Mittelpunkt. Das Riff steht schwer im Raum, während Lillard mit klaren, kraftvollen Schlägen genügend Platz zwischen den einzelnen Bewegungen lässt. Die Langsamkeit wirkt nicht schläfrig, sondern bewusst gesetzt.

Giulianos tieferer Gesang passt besonders gut zu diesen Passagen. Seine Stimme besitzt hier mehr Gewicht als in den schnelleren Stoner-Rock-Nummern. Christopher Konys unterstützt ihn mit wärmeren Begleitstimmen, die leicht an den melodischen Grunge der Neunziger erinnern.

Die Kombination der beiden Stimmen gehört zu den interessantesten Eigenschaften des Albums. Giuliano liefert die raue Hauptlinie, Konys bringt eine weichere Färbung hinein. So entsteht ein Gegensatz, der den Songs emotionale Tiefe gibt, ohne den schweren Grundton aufzulösen.

ABSCHIED MIT BREITEN GITARREN

»Goodbye« ist einer der melodisch stärksten Songs der Platte. Der Titel deutet auf Abschied, Trennung und die Anerkennung eines Endes hin. Musikalisch reagiert die Band nicht mit einer klassischen Ballade, sondern mit einem getragenen Heavy-Rock-Stück, dessen Melancholie in den Gitarren steckt.

Greg Fenlong stabilisiert die Rhythmusarbeit, während Lou Barrese darüber kleine melodische Figuren setzt. Diese Arbeitsteilung funktioniert ausgezeichnet. Die Leadgitarre kommentiert die Gesangslinie und führt einzelne Gefühle weiter, ohne den Song mit einem ausufernden Solo zu unterbrechen.

Besonders der Refrain bleibt im Gedächtnis. Er ist zugänglich, aber nicht künstlich auf Radiotauglichkeit getrimmt. Die Band findet hier eine überzeugende Balance zwischen schwerem Rock und emotionaler Offenheit.

DIE HUNDE DES KRIEGES SIND WIEDER LOS

Bei einem Titel wie »Dogs Of War« erwartet niemand ein Lied über friedlich schlummernde Dackel. Der Song marschiert mit einem härteren Groove, kantigen Gitarren und einer Atmosphäre, die militärische Bewegung und drohende Eskalation vermittelt.

Die Kriegsbilder passen zum apokalyptischen Grundton des Albums. Dabei geht es weniger um eine konkrete historische Schlacht als um die wiederkehrende Bereitschaft des Menschen, Konflikte in Gewalt zu verwandeln. Die Hunde des Krieges stehen sinnbildlich für Kräfte, die einmal freigelassen kaum noch einzufangen sind.

Lillard hält den Song mit einem stabilen Rhythmus zusammen. Seine Schlagzeugarbeit ist nicht besonders verspielt, besitzt aber genau den nötigen Druck. Die Bassdrum schiebt, die Snare sitzt trocken und die Becken vergrößern den Refrain, ohne alles mit Dauerrauschen zuzudecken.

WILLKOMMEN IM ZIRKUS

»Circus« arbeitet mit einer leicht schiefen, unruhigen Atmosphäre. Der Titel kann als Bild für gesellschaftliche Inszenierung, menschliche Absurdität oder eine Welt verstanden werden, in der jeder seine Rolle spielt, während hinter dem Vorhang längst das Chaos regiert.

Die Musik besitzt entsprechend mehr Bewegung. Gitarren und Keyboards setzen kleine Akzente, die dem Stück eine progressive Färbung geben. Der Song bleibt im Stoner Rock verankert, blickt aber über dessen übliche Grenzen hinaus.

Nicht jede Passage entwickelt dabei dieselbe Spannung. Manche Grooves werden etwas länger gehalten, als ihre musikalische Aussage benötigt. Die Band vertraut stark auf die Wirkung des gemeinsamen Spiels – meistens zu Recht, gelegentlich wäre ein entschlossenerer Schnitt jedoch wirkungsvoller gewesen.

DER TEUFEL WARTET NICHT IM LICHT

»Devil In The Dark« verbindet klassischen Doom mit einer fast traditionellen Heavy-Metal-Erzählweise. Der Teufel ist hier weniger eine konkrete religiöse Figur als eine Präsenz, die im Unsichtbaren wartet: Versuchung, Schuld, Angst oder ein verdrängter Teil der eigenen Persönlichkeit.

Giulianos Stimme wirkt besonders in den tieferen Lagen überzeugend. Er singt mit rauer Autorität, ohne übermäßig theatralisch zu werden. Die Gitarren bauen darunter eine schwere Bühne auf, während kleinere Leadmotive wie kurze Warnsignale aus der Dunkelheit auftauchen.

Der Song zeigt, wie stark die Band von klassischem Doom geprägt ist. Black Sabbath, Pentagram, Saint Vitus und The Obsessed stehen deutlich im Hintergrund, werden aber nicht einfach kopiert. Sons of Ghidorah verbinden diese Einflüsse mit ihrer eigenen Mischung aus Punk-Rohheit und psychedelischer Breite.

DER SCHMALE ROTE STRICH

»Thin Red Line« beginnt mit einem besonders präsenten Bass. Christopher Konys darf den Song mit einer Linie eröffnen, die nicht nur als Unterbau dient, sondern sofort die Richtung bestimmt. Das Instrument klingt warm, kräftig und leicht übersteuert.

Die dünne rote Linie kann als Grenze zwischen Kontrolle und Eskalation, Leben und Tod oder moralischer Zurückhaltung und Gewalt verstanden werden. Der Song bewegt sich musikalisch genau auf einer solchen Grenze. Ruhigere, beinahe nachdenkliche Passagen wechseln mit schweren Ausbrüchen.

Konys ist hier der heimliche Hauptdarsteller. Bass, Keyboards und Begleitgesang greifen ineinander und zeigen, wie wichtig seine vielseitige Rolle für den Sound ist. Er hält nicht nur den unteren Frequenzbereich zusammen, sondern verbindet die unterschiedlichen stilistischen Ebenen des Albums.

DIE WELT RETTEN – ABER ERST NACH FEIERABEND

»Saving The World (At The End Of The Day)« besitzt bereits im Titel eine gewisse Ironie. Die große Aufgabe der Weltrettung trifft auf die alltägliche Formulierung, etwas am Ende des Tages zu erledigen. Daraus entsteht ein Spannungsfeld zwischen heldenhaftem Anspruch und menschlicher Begrenztheit.

Musikalisch gehört das Stück zu den zugänglicheren Momenten. Der Groove trägt den Song, die Gitarren bleiben griffig und der Refrain lässt sich schnell erfassen. Dennoch schwingt eine gewisse Müdigkeit mit. Die Welt soll gerettet werden, doch die vermeintlichen Retter sind selbst Teil ihrer Probleme.

Die Band hält sich instrumental zurück und konzentriert sich auf das Gesamtbild. Kein Musiker drängt sich unnötig in den Vordergrund. Gerade dadurch wirkt das Stück geschlossen, auch wenn es gegenüber den stärksten Songs etwas konventioneller ausfällt.

AM ENDE BLEIBT NUR DIE ZEIT

Mit über sieben Minuten ist »Time« der längste Song und das natürliche Finale. Die Band nimmt sich mehr Raum für langsame Entwicklungen, psychedelische Übergänge und eine melancholische Grundstimmung. Nach Feuerregen, Krieg, Abschied und dunklen Versuchungen bleibt die Zeit als Macht, die alle vorherigen Konflikte überdauert.

Das Stück beginnt zurückhaltend und baut seine Schwere allmählich auf. Keyboards erweitern den Raum, während Bass und Schlagzeug einen ruhigen Puls halten. Die Gitarren treten nicht sofort mit voller Verzerrung auf, sondern wachsen schrittweise in die Komposition hinein.

In der zweiten Hälfte entsteht eine breite Klangbühne. Rhythmusgitarren, Leads, Bass und Keyboards verbinden sich zu einem kosmisch gefärbten Doom-Finale. Der Song hätte an einzelnen Stellen etwas gestrafft werden können, doch als Abschluss erfüllt er seine Aufgabe.

Die Zeit wird nicht besiegt und nicht erklärt. Sie läuft weiter, während der letzte Akkord langsam im Raum zerfällt. Das ist keine besonders tröstliche Erkenntnis, aber eine passende.

DIE MUSIKER HINTER DEM MONSTER

Mark Giuliano prägt das Album mit einer kräftigen, rauen Stimme. Sein Gesang liegt zwischen klassischem Hard Rock, Doom und einer Spur Grunge. Besonders in den langsameren Stücken entwickelt sein Timbre Gewicht. Bei den beweglicheren Stoner-Rock-Songs fehlt gelegentlich etwas Flexibilität, doch seine Persönlichkeit bleibt jederzeit erkennbar.

Christopher Konys ist das musikalische Bindeglied. Sein Bass bildet gemeinsam mit Michael Lillards Schlagzeug ein standfestes Fundament, auf dem die Gitarren sicher aufsetzen können. Gleichzeitig erweitert er den Sound mit Keyboards, zusätzlichen Instrumenten und einem wärmeren Begleitgesang. Besonders »Thin Red Line« zeigt seine Bedeutung.

Michael Lillard spielt direkt und songdienlich. Seine Rhythmen sind nicht übermäßig kompliziert, geben den Gitarren aber genügend Halt. Er kann Doom schwer schleppen lassen, Stoner-Grooves antreiben und in den härteren Passagen zusätzlichen Druck erzeugen.

Greg Fenlong stabilisiert die Rhythmusgitarren und macht den Sound breiter. Seine Arbeit fällt nicht durch einzelne spektakuläre Momente auf, sondern durch Konsequenz. Er hält die schweren Akkordflächen zusammen, während Barrese darüber freier agieren kann.

Lou Barrese setzt die Leadgitarre mit Disziplin ein. Seine Soli bleiben kompakt und dienen den Songs. Besonders auf »Goodbye«, »Raining Fire« und »Time« gibt er der Musik zusätzliche melodische Tiefe. Etwas mehr Mut zu einem wirklich herausragenden Solo hätte dem Album dennoch einen weiteren Höhepunkt verschafft.

GEWICHT STATT HOCHGLANZ

Die Produktion setzt auf einen weitgehend direkten, ungeschminkten Klang. Bass und Schlagzeug besitzen genügend Druck, während die Gitarren breit, aber nicht vollkommen undurchsichtig wirken. Die Keyboards bleiben meist im Hintergrund und erweitern die Atmosphäre, ohne den Heavy-Rock-Kern zu verwässern.

Gerade der Bass profitiert vom Mix. Er verschwindet nicht unter den Gitarren, sondern darf die Songs aktiv mitgestalten. Die Stimmen sind verständlich, wirken aber nicht übertrieben poliert. Diese Rauheit passt zur Musik.

Kritisch fällt auf, dass einige Songs ihre Grooves etwas zu lange auskosten. »Circus«, »Dogs Of War« und Teile von »Time« hätten durch kleinere Kürzungen an Wirkung gewonnen. Außerdem erreichen nicht alle Refrains die Qualität von »Goodbye« oder dem Titelsong.

KEINE REVOLUTION, ABER EINE KRÄFTIGE WEITERENTWICKLUNG

»Raining Fire« erfindet Doom oder Stoner Rock nicht neu. Die Einflüsse der Siebziger, des klassischen US-Doom und des schweren Alternative Rock sind deutlich hörbar. Sons of Ghidorah verstehen diese Sprache jedoch und setzen sie mit ehrlicher Spielfreude um.

Die erweiterte Gitarrenbesetzung macht den Sound größer, ohne ihn unnötig kompliziert werden zu lassen. Psychedelische Flächen, klassische Metal-Erzählungen und schwere Grooves greifen überzeugend ineinander. Besonders die zweite Albumhälfte zeigt, dass die Band auch über einfache Stoner-Riffs hinausdenken kann.

Der ganz große Wurf bleibt dennoch aus. Dafür fehlen ein oder zwei wirklich überragende Kompositionen, die sich dauerhaft von der Konkurrenz abheben. Als geschlossenes Heavy-Rock-Album funktioniert »Raining Fire« aber zuverlässig und besitzt genügend Eigenleben, um nicht im üblichen Fuzz-Nebel zu verschwinden.

FAZIT:

»Raining Fire« ist ein kräftiges Album zwischen Doom, Stoner Rock, Heavy Metal und psychedelischer Weite, getragen von einem druckvollen Fundament und einer vielseitigen Gitarrenbesetzung. Mark Giuliano, Christopher Konys, Michael Lillard, Greg Fenlong und Lou Barrese liefern ehrlichen Heavy Rock mit starken Momenten, auch wenn einzelne Grooves etwas zu lange kreisen und nicht jeder Song dieselbe Durchschlagskraft besitzt. Alles in Allem ist der Feuerregen dennoch überdurchschnittlich gut.

Official Visualizer: Raining Fire

Internet

Sons of Ghidorah - Raining Fire - CD Review

Escapeinout – The Age Of Collapse: As Above, So Below

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Band: Escapeinout 🇮🇹
Titel: The Age of Collapse: As Above, So Below
Label: Brutal Records
VÖ: 21.08.2026
Format: CD / Digital
Genre: Death Metal / Groove Metal / Extreme Metal / Atmospheric Metal

Tracklist

01. Behold the River feat. F. Burtone
02. The Wait
03. No Time feat. F. Burtone
04. Sink feat. Andy Neri
05. The Awakening
06. Out of the Shade
07. As Above, So Below
08. Filtered
09. The End of All Things Known

Besetzung

Elio Virtù – Gesang
Max Calleri – Gitarre
R.G. Noise – Bass
Ciccio Blandini – Schlagzeug

Gastmusiker:
F. Burtone – Gastbeiträge
Andy Neri – Gastbeitrag

Produktion:
R.G. Noise – Produktion
Escapeinout – Songwriting

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Heute, am 30. Juni, nehmen wir das neue Album von Escapeinout bereits vor seiner Veröffentlichung unter die Lupe. »The Age of Collapse: As Above, So Below« erscheint am 21. August 2026 über Brutal Records. Doch ist hier der Name des Labels Programm? Finden wir es heraus. Die aus Catania auf Sizilien stammende Formation verbindet Death Metal und Groove Metal mit moderner Produktion, kontrollierter Rhythmik und atmosphärischen Passagen. Inhaltlich geht es um Umweltzerstörung, menschliche Maßlosigkeit, gesellschaftlichen Verfall und die Frage, was im Inneren eines Menschen geschieht, wenn auch die äußere Ordnung auseinanderbricht. Escapeinout betrachten den Zusammenbruch nicht aus sicherer Entfernung. Sie stellen den Hörer mitten hinein.

Official Visualizer: The Wait

DER ZUSAMMENBRUCH BEGINNT AM FLUSSUFER

»Behold the River« eröffnet das Album nicht mit einem langen Intro oder einer künstlich aufgeblähten Geräuschkulisse. Escapeinout bauen zunächst Spannung auf und lassen die tief gestimmte Gitarre anschließend mit kontrollierter Wucht einsetzen. Max Calleri arbeitet nicht allein mit stumpfem Akkorddruck, sondern setzt kurze rhythmische Verschiebungen und scharf umrissene Einzelnoten ein. Dadurch bleibt das Riffing beweglich, obwohl sich der Song überwiegend in einem schweren mittleren Tempo bewegt.

Der Fluss lässt sich als Grenze, Bewegung und unaufhaltsamer Prozess verstehen. Was einmal in Gang gesetzt wurde, kann nicht ohne Weiteres zurückgenommen werden. Dieses Bild passt zum Konzept des Albums: Ökologischer und gesellschaftlicher Verfall erscheinen nicht als plötzliches Einzelereignis, sondern als Folge einer langen Kette aus Ignoranz, Bequemlichkeit und menschlicher Selbstüberschätzung.

Der Gastbeitrag von F. Burtone erweitert die vokale Front, ohne den eigentlichen Charakter von Escapeinout zu verdrängen. Elio Virtù bleibt mit seinem rauen und druckvollen Gesang das Zentrum. Die zusätzliche Stimme verstärkt einzelne Passagen und erzeugt den Eindruck einer Auseinandersetzung, in der nicht nur eine Person, sondern eine ganze Gemeinschaft mit den Konsequenzen ihres Handelns konfrontiert wird.

Bereits der Opener zeigt, dass Escapeinout Brutalität nicht mit permanenter Höchstgeschwindigkeit verwechseln. Die Band setzt auf Gewicht, rhythmische Präzision und eine Produktion, in der Gitarren, Bass und Schlagzeug deutlich voneinander getrennt bleiben. Das Ergebnis ist massiv, aber nicht undurchsichtig.

THE WAIT VERWEIGERT DIE ERLÖSUNG

Mit »The Wait« folgt der erste vorab veröffentlichte Song und zugleich eine der unmittelbarsten Nummern des Albums. Das zentrale Riff ist kompakt, tief und stark auf Groove ausgerichtet. Ciccio Blandini hält das Stück mit einem kontrollierten Schlagzeugspiel zusammen, das nicht permanent in Doublebass-Salven ausbricht, sondern gezielt Druck aufbaut.

Der Titel beschreibt kein geduldiges Hoffen auf eine bessere Zukunft. Das Warten wird vielmehr zum passiven Zustand, in dem Warnzeichen erkannt, aber keine Konsequenzen gezogen werden. Während politische Institutionen, Unternehmen und einzelne Menschen aufeinander zeigen, schreitet der Verfall weiter voran. Escapeinout übersetzen diese Lähmung in einen Song, der immer wieder Spannung erzeugt, sie jedoch nicht durch einen befreienden Refrain vollständig auflöst.

Elio Virtù klingt dabei angegriffen, aber kontrolliert. Seine Stimme besitzt genügend Schärfe, um sich gegen die Gitarren durchzusetzen, ohne dauerhaft über dem Instrumental zu schweben. Einzelne lang gezogene Passagen lockern den sonst rhythmisch eng geführten Vortrag auf.

Gerade der Verzicht auf übertriebene technische Zurschaustellung hilft dem Stück. Escapeinout könnten manche Übergänge komplizierter gestalten, entscheiden sich jedoch für eine nachvollziehbare Struktur. »The Wait« funktioniert deshalb sowohl als eigenständige Single als auch innerhalb des Albumkonzepts.

KEINE ZEIT FÜR AUSREDEN

»No Time« zieht das Tempo an und formuliert die Dringlichkeit des Konzepts wesentlich direkter. Wo »The Wait« die lähmende Passivität beschreibt, wirkt der dritte Titel wie die Erkenntnis, dass diese Passivität längst Teil des Problems geworden ist.

Die Gitarrenarbeit fällt kantiger aus. Kurze, voneinander abgesetzte Riffblöcke wechseln mit breiteren Passagen, in denen die Band dem Material mehr Raum gibt. Die Rhythmusgruppe reagiert präzise auf diese Wechsel. R.G. Noise legt unter die Gitarre keinen bloßen Tiefton, sondern sorgt mit einem deutlich wahrnehmbaren Bassfundament für zusätzliche Kontur.

Auch hier ist F. Burtone beteiligt. Der erneute Gastbeitrag wirkt nicht wie ein Versuch, zwei ähnliche Songs künstlich miteinander zu verbinden. Während »Behold the River« von seiner schweren Entwicklung lebt, ist »No Time« konzentrierter und konfrontativer.

Eine kleine Schwäche macht sich dennoch bemerkbar: Die Band arbeitet erneut mit einer vergleichbaren Verbindung aus tiefem Groove, kurzen Tempoverschärfungen und aggressiver Stimme. Innerhalb des Albums ist das konsequent, doch eine deutlicher herausgearbeitete melodische Gegenstimme hätte dem Stück ein noch eigenständigeres Profil gegeben.

SINK ZIEHT DEN BODEN WEG

»Sink« gehört zu den härtesten Momenten der Platte. Das Stück verlässt sich nicht auf Geschwindigkeit, sondern auf einen schweren Rhythmus, der jeden Gitarrenanschlag mit Nachdruck in den Vordergrund stellt. Die Komposition vermittelt den Eindruck, dass sich der Boden langsam absenkt und jede Gegenbewegung zusätzliche Kraft kostet.

Der Gastauftritt von Andy Neri bringt eine weitere Klangfarbe in den Song. Die zusätzlichen Akzente werden nicht zur Hauptattraktion erklärt, sondern bleiben Bestandteil einer geschlossen auftretenden Band. Escapeinout vermeiden damit eines der häufigsten Probleme prominenter Gastbeiträge: Der Song wird nicht für wenige Sekunden Fremdmaterial umgebaut.

Inhaltlich fügt sich »Sink« nahtlos in das Konzept ein. Der Untergang ist hier keine abstrakte Zukunftsvision. Er findet bereits statt, während die Beteiligten noch darüber diskutieren, ob überhaupt eine Gefahr besteht. Die Musik reagiert darauf mit Wiederholungen, die nicht monoton, sondern zunehmend bedrängend wirken.

Ciccio Blandini spielt besonders wirkungsvoll. Seine Schläge setzen feste Orientierungspunkte, während die Gitarren ihre Betonungen verschieben. Das verhindert, dass der Song in einer bloßen Folge moderner Stakkato-Riffs endet.

ERWACHEN HEISST NICHT AUTOMATISCH HANDELN

Auf den Untergang folgt mit »The Awakening« die Erkenntnis. Escapeinout behandeln das Erwachen allerdings nicht als triumphalen Wendepunkt. Wer die Wahrheit erkennt, hat das Problem noch lange nicht gelöst.

Musikalisch öffnet sich das Album erstmals deutlicher. Atmosphärische Gitarrenflächen und länger gehaltene Töne schaffen Abstand zu den besonders kompakten Vorgängern. Die Band verliert dabei ihre Schwere nicht, verändert aber deren Funktion. Die Gitarren drücken nicht permanent nach vorn, sondern erzeugen Spannung durch kontrollierte Zurückhaltung.

Elio Virtù passt seinen Vortrag geringfügig an. Seine Stimme bleibt rau und aggressiv, besitzt in den offeneren Abschnitten jedoch mehr Raum. Gerade dort wird deutlich, dass er nicht ausschließlich über körperliche Lautstärke funktioniert. Die Artikulation bleibt verständlich genug, um die inhaltliche Ebene nicht vollständig hinter dem Klang verschwinden zu lassen.

Der Song markiert die Mitte des Albums und erfüllt diese Aufgabe überzeugend. Nach mehreren stark riffbetonten Nummern verändert er die Perspektive, ohne wie ein separates Zwischenspiel zu wirken.

AUS DEM SCHATTEN IN DIE NÄCHSTE KRISE

»Out of the Shade« führt die atmosphärische Seite weiter, setzt aber wieder stärker auf Rhythmus. Der Titel kann als Schritt aus Verdrängung und Unwissenheit gelesen werden. Sobald der Schatten verlassen wird, treten jedoch nicht automatisch bessere Verhältnisse ein. Sichtbarkeit bedeutet zunächst nur, dass sich das Ausmaß der Zerstörung nicht länger ignorieren lässt.

Das Riffing besitzt mehr melodische Bewegung als in den ersten Stücken. Max Calleri setzt einzelne Linien über das rhythmische Fundament und sorgt damit für eine klarere Trennung der Gitarrenfunktionen. Solche Momente stehen Escapeinout gut, weil sie dem ansonsten sehr geschlossenen Klangbild zusätzliche Tiefe verleihen.

R.G. Noise bleibt als Bassist und Produzent auffällig präsent. Der Bass verschwindet nicht unter der Gitarre, sondern trägt vor allem die Übergänge zwischen den offenen und den schweren Passagen. Die Produktion behandelt das Instrument damit als eigenständigen Bestandteil der Komposition.

Im direkten Vergleich mit »The Wait« oder »Sink« wirkt »Out of the Shade« weniger unmittelbar. Dafür entwickelt sich die Nummer mit jedem Durchlauf stärker und zählt zu jenen Stücken, die das Album vor einer zu gleichförmigen zweiten Hälfte bewahren.

WIE OBEN, SO UNTEN

Das Titelstück »As Above, So Below« bildet den konzeptionellen Kern. Die bekannte Formel beschreibt die Entsprechung verschiedener Ebenen: Was im Großen geschieht, findet sich im Kleinen wieder. Der gesellschaftliche und ökologische Zusammenbruch spiegelt sich demnach in der psychischen Verfassung des Einzelnen.

Escapeinout bringen diesen Gedanken in einer Komposition unter, die Härte und Atmosphäre besonders ausgewogen miteinander verbindet. Schwere Riffs stehen neben offeneren Passagen, ohne dass die Wechsel willkürlich wirken. Die Band nimmt sich mehr Zeit für Entwicklung und verzichtet darauf, jeden Spannungsbogen sofort mit einem erneuten Ausbruch zu beenden.

Virtù liefert hier eine seiner stärksten Leistungen. Sein Gesang klingt nicht nur aggressiv, sondern zunehmend erschöpft und verbittert. Dadurch erhält das Stück eine emotionale Ebene, die über die reine Beschreibung äußerer Katastrophen hinausgeht.

Calleri setzt die Gitarre variabler ein. Neben tiefen Akkorden treten dissonante Akzente und melodische Linien, die den inneren Konflikt des Stücks unterstreichen. Blandini bleibt präzise, reagiert aber flexibler auf die dynamischen Veränderungen als in den geradlinigeren Songs.

Der Titeltrack ist kein eingängiger Mittelpunkt im klassischen Sinne. Er bündelt jedoch die musikalischen und inhaltlichen Eigenschaften des Albums und zählt deshalb zu dessen wichtigsten Kompositionen.

GEFILTERTE WAHRNEHMUNG

»Filtered« richtet den Blick auf die Mechanismen, durch die Wirklichkeit verändert, sortiert oder vollständig ausgeblendet wird. Das passt sowohl zu sozialen Medien und algorithmisch erzeugten Informationsräumen als auch zur allgemeinen menschlichen Neigung, nur das wahrzunehmen, was die eigene Position bestätigt.

Musikalisch kehrt die Band zu einer kompakteren Struktur zurück. Das Riffing wirkt nervöser und stärker unterbrochen. Die kurzen Pausen zwischen einzelnen Gitarrenfiguren erzeugen eine Unruhe, die gut zum Titel passt. Nichts fließt vollständig zusammen; Informationen erscheinen in Ausschnitten.

Der Song gehört nicht zu den größten Höhepunkten des Albums, erfüllt aber innerhalb der Dramaturgie eine wichtige Funktion. Nach dem weit ausgearbeiteten Titelstück bringt er erneut unmittelbare Härte zurück und bereitet das Finale vor.

Gleichzeitig zeigt sich hier die größte Grenze von »The Age of Collapse: As Above, So Below«. Wenn Gitarrenton, Stimmlage und rhythmische Grundausrichtung über mehrere Stücke eng beieinanderliegen, verschwimmen einzelne Details. Eine mutigere melodische Abweichung oder eine zusätzliche vokale Ebene hätte »Filtered« deutlicher von den vorherigen Nummern getrennt.

DAS ENDE ALLER BEKANNTEN DINGE

Mit »The End of All Things Known« endet das Album folgerichtig nicht mit einer versöhnlichen Botschaft. Der Titel beschreibt den vollständigen Verlust vertrauter Strukturen. Escapeinout lassen jedoch offen, ob daraus zwangsläufig endgültige Vernichtung oder die Möglichkeit eines Neubeginns entsteht.

Das Stück fasst die wichtigsten musikalischen Eigenschaften der Platte zusammen. Tiefe Groove-Riffs, präzise gesetzte Tempowechsel und atmosphärische Flächen stehen nebeneinander. Der Song wirkt weniger wie ein eigenständiger Nachtrag als wie der Abschluss einer durchgehenden Entwicklung.

Besonders gelungen ist die kontrollierte Steigerung. Die Band setzt nicht sofort alle verfügbaren Mittel ein, sondern verdichtet das Arrangement schrittweise. Dadurch besitzt das Finale eine Größe, die einigen kürzeren Stücken fehlt.

Der Schluss verzichtet auf einen künstlichen Triumph. Es gibt keinen melodischen Befreiungsschlag, der die zuvor behandelten Probleme nachträglich relativiert. Das Album endet mit Unsicherheit und Konsequenz. Damit bleibt die zentrale Frage bestehen: Was geschieht, wenn die bekannte Ordnung zusammenbricht und niemand mehr behaupten kann, davon nichts gewusst zu haben?

VIER MUSIKER, EIN GEMEINSAMER DRUCKPUNKT

Die Stärke von Escapeinout liegt im geschlossenen Zusammenspiel. Max Calleri stellt seine Gitarre in den Dienst der Komposition. Seine Riffs sind technisch kontrolliert, ohne sich in komplizierten Konstruktionen zu verlieren. Besonders in »Sink«, »Out of the Shade« und dem Titelstück zeigt sich, dass er neben massivem Groove auch atmosphärische und melodische Akzente setzen kann.

R.G. Noise sorgt am Bass für ein belastbares Fundament und übernimmt zugleich die Produktion. Der Bass ist deutlich wahrnehmbar, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Seine Präsenz verleiht den Gitarren zusätzliches Gewicht und verhindert, dass die tiefen Frequenzen ausschließlich aus einer verdoppelten Gitarrenspur bestehen.

Ciccio Blandini spielt präzise, druckvoll und songorientiert. Er könnte das Material mit deutlich mehr technischen Verzierungen versehen, entscheidet sich jedoch meist für kontrollierte Akzente. Gerade bei den rhythmischen Verschiebungen ist diese Disziplin entscheidend. Das Schlagzeug hält die Stücke zusammen, statt sie durch unnötige Fills weiter zu verkomplizieren.

Elio Virtù besitzt eine überzeugende Extreme-Metal-Stimme. Sein Vortrag transportiert Wut, Überforderung und Anspannung. Über die gesamte Spielzeit bleibt er allerdings überwiegend in einem ähnlichen aggressiven Bereich. Wenige gezielte Wechsel zu tieferen Growls, gesprochenen Passagen oder zurückhaltenderen Stimmen hätten die besonders harten Ausbrüche noch wirkungsvoller gemacht.

BRUTAL, ABER NICHT UNKONTROLLIERT

Die Produktion ist modern, klar und druckvoll. Escapeinout klingen nicht nach einer Band, die Rohheit durch einen künstlich schlechten Mix beweisen möchte. Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang besitzen klar definierte Positionen. Selbst in den dichter arrangierten Passagen bleiben die wesentlichen Elemente nachvollziehbar.

Der Gitarrenton ist tief und massiv, behält aber ausreichend Schärfe. Das Schlagzeug klingt kraftvoll, ohne vollständig mechanisch zu wirken. Besonders die Bassdrum besitzt genügend Durchsetzungskraft, wird jedoch nicht dauerhaft über die übrigen Instrumente gelegt.

Die atmosphärischen Ebenen sind zurückhaltend eingebunden. Sie schaffen Raum und verstärken die düstere Grundstimmung, ohne das Album in eine überladene Filmkulisse zu verwandeln. Gelegentlich hätten diese Passagen noch weiter ausgebaut werden können. Vor allem »The Awakening« und »Out of the Shade« zeigen, wie wirkungsvoll Escapeinout klingen, wenn die Band den schweren Riffs mehr Luft gibt.

Brutal ist dieses Album also durchaus. Allerdings entsteht die Brutalität weniger durch ununterbrochene Geschwindigkeit oder technische Überforderung als durch kontrollierte Schwere. Der Name des Labels ist damit Programm, nur eben nicht in der plumpsten Auslegung.

VOM KRANKEN PLANETEN ZUM ZEITALTER DES ZUSAMMENBRUCHS

Escapeinout wurden bereits 2011 gegründet und veröffentlichten im selben Jahr ihr Debütalbum »Born in a Sick World«. Schon damals standen moderne Thrash- und Groove-Metal-Riffs, gesellschaftliche Krisen und eine deutlich düstere Perspektive im Mittelpunkt.

Nach einer längeren Unterbrechung leitete die Band 2023 mit der EP »A Journey to Rebirth« einen kreativen Neustart ein. Ein Jahr später folgte »Trauma«. Die beiden Veröffentlichungen dienten nicht bloß als Erinnerung an den Bandnamen, sondern als Vorbereitung auf eine konzentriertere und atmosphärisch breiter aufgestellte Phase.

»The Age of Collapse: As Above, So Below« führt diese Entwicklung konsequent weiter. Die Groove-Metal-Wurzeln bleiben hörbar, werden jedoch stärker mit Death Metal, moderner rhythmischer Präzision und atmosphärischen Elementen verbunden.

Vollständig eigenständig ist diese Mischung noch nicht. An einzelnen Stellen lassen sich Parallelen zu modernen Vertretern zwischen Gojira, Lamb of God, Machine Head und technisch kontrolliertem Death Metal erkennen. Escapeinout kopieren diese Bands nicht, bewegen sich jedoch in einem stark besetzten Feld.

Das Album gewinnt sein Profil vor allem durch das konsequente Konzept und die Verbindung äußerer Zerstörung mit innerem Zerfall. Musikalisch könnten künftig noch deutlichere melodische Wiedererkennungsmerkmale, variablere Gesangsebenen und mutigere atmosphärische Ausweitungen hinzukommen.

FAZIT:

»The Age of Collapse: As Above, So Below« ist ein druckvolles, geschlossenes und inhaltlich konsequentes Extreme-Metal-Album. Escapeinout verbinden Death Metal und Groove Metal mit moderner Präzision, schweren Rhythmen und wirkungsvoll eingesetzten atmosphärischen Passagen. »The Wait«, »Sink«, »Out of the Shade«, das Titelstück und »The End of All Things Known« bilden die stärksten Momente. Kleinere Abzüge gibt es für die stellenweise ähnliche rhythmische Grundausrichtung und die begrenzte vokale Bandbreite. Dennoch ist der Name Brutal Records hier keineswegs Etikettenschwindel: Escapeinout liefern kontrollierte Brutalität mit Konzept, Substanz und einer klaren Vorstellung davon, wie der moderne Zusammenbruch klingen soll.

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Escapeinout - The Age of Collapse: As Above, So Below - CD Review

Frusen Sorg – Smärtpunkter

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Frusen Sorg - Smaertpunkter - cover Artwork
Frusen Sorg - Smaertpunkter - cover Artwork

Band: Frusen Sorg 🇸🇪
Titel: Smärtpunkter
Label: Widsith Records
VÖ: 05.06.2026
Format: Digital
Genre: Blackened Crust / D-Beat / Hardcore Punk 

Tracklist

01. Att Slippa Bli Älskad
02. Under Svärtans Skyddande Vinge
03. Bort
04. Håll Andan
05. Hur Jävla Lång Tid Ska Det Ta Att Dö
06. Jag Saknar Mig Själv
07. Djuret i Mig
08. En Kall Famn
09. Ondast Jävel Vinner
10. Du Stänkte Din Skit På Min Själ
11. Det Egentliga Livet
12. Fångad Under Isen
13. På Flykt
14. En Råtta Som Flyr Från Vårt Sjunkande Skepp

Besetzung und Produktion

Martin Sandström – Gitarren, Schlagzeug, Musik, Artwork
Kalle Mattsson – Bass, Gesang, Texte

Aufgenommen von Frusen Sorg im Shadow Kingdom
Henrik Wikner – Mix und Mastering im Studio Vinden

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Aus Schweden kommt etwas ganz Cremiges auf euch zu! Wobei „cremig“ bei Frusen Sorg weniger nach Sahnehäubchen und deutlich stärker nach einer Mischung aus D-Beat, aufgerissenen Stimmbändern und schwarzem Seelenabrieb klingt. Auf ihrem Debütalbum »Smärtpunkter« verbinden die Stockholmer Blackened Crust, Hardcore Punk, D-Beat und Black Metal zu 14 kurzen Entladungen über Trauma, Panik, Verlust, Selbstentfremdung und die zerstörerische Sicherheit vertrauten Leidens. Das Duo bezeichnet seine Musik als säkularen Exorzismus – und tatsächlich klingt diese Platte, als würden zwei Menschen ihre psychischen Altlasten nicht sortieren, sondern mit voller Kraft durch die Kellerwand prügeln.

YouTube Art Playlist: Smärtpunkter

GEFRORENE TRAUER UNTER VOLLGAS

Der Bandname Frusen Sorg bedeutet übersetzt „gefrorene Trauer“. Auf »Smärtpunkter« bleibt diese Trauer allerdings keine unbewegliche Masse. Sie wird beschleunigt, verzerrt und in kurze Songs gepresst, die meist nach weniger als zwei Minuten bereits alles gesagt haben. Das Album kommt auf gerade einmal rund 26 Minuten, besitzt aber die emotionale Dichte einer wesentlich längeren Veröffentlichung.

Die Entstehung passt zur Musik. Ein Großteil des Materials wurde innerhalb eines einzigen Abends geschrieben und aufgenommen. Martin Sandström spielte Schlagzeug, während Kalle Mattsson den Bass aufnahm. Anschließend entstanden Gitarren, Texte und Gesang beinahe unmittelbar. Viele Passagen sind erste Takes, manche Gesangsaufnahmen sogar das erste Mal, dass Mattsson die betreffenden Worte überhaupt in ein Mikrofon schrie.

Genau deshalb klingt das Album nicht durchkonstruiert, sondern notwendig. Die Songs wurden nicht über Wochen auf perfekte Übergänge untersucht. Sie entstanden, weil etwas herausmusste. Das Ergebnis besitzt eine Direktheit, die sich mit aufwendiger Studioarbeit kaum künstlich nachbauen lässt.

NICHT GELIEBT WERDEN MÜSSEN

»Att Slippa Bli Älskad« bedeutet ungefähr „davon verschont bleiben, geliebt zu werden“. Der Titel beschreibt eine widersprüchliche Sehnsucht: Nähe wird nicht als Rettung wahrgenommen, sondern als zusätzliche Gefahr. Wer geliebt wird, kann enttäuschen, verlassen werden oder seine Schutzmauern verlieren. Der Rückzug erscheint deshalb einfacher als die Möglichkeit echter Verbindung.

Musikalisch dauert dieser Gedanke gerade einmal 84 Sekunden. Sandström setzt einen schnellen D-Beat, die Gitarre schneidet mit wenigen scharfen Akkorden durch den Mix, und Mattsson schreit seine Zeilen so heraus, als müsse er sie loswerden, bevor der eigene Widerstand zurückkehrt. Ein klassischer Refrain wird nicht benötigt. Die Wiederholung der zentralen Aussage reicht vollkommen.

»Under Svärtans Skyddande Vinge« führt diesen Gedanken weiter. Der Titel – „unter dem schützenden Flügel der Schwärze“ – stellt Dunkelheit nicht ausschließlich als Bedrohung dar. Sie kann auch Zuflucht sein. Wer sich lange genug an Depression, Angst oder Isolation gewöhnt hat, empfindet selbst zerstörerische Zustände irgendwann als vertraut.

Die Musik wirkt hier etwas breiter. Sandströms Gitarren enthalten neben der Hardcore-Härte auch melancholische Black-Metal-Linien. Diese Melodien hellen den Song nicht auf, sondern verleihen seiner Verzweiflung zusätzliche Tiefe.

KEIN PLATZ FÜR ABLENKUNG

Mit »Bort«, also „weg“, und »Håll Andan« – „halte den Atem an“ – bleibt das Album bei Flucht, innerer Enge und dem Wunsch, für einen Moment aus der eigenen Realität zu verschwinden. Die Songs erklären diese Zustände nicht ausführlich. Sie zeigen sie als körperliche Reaktion: Rennen, Luft anhalten, Druck aufbauen, zusammenbrechen.

Sandström spielt am Schlagzeug nicht einfach möglichst schnell. Seine D-Beats besitzen kleine Verschiebungen, knappe Fills und ausreichend Punk-Rohheit, um nicht wie exakt programmierte Übungen zu klingen. Gleichzeitig sitzt jeder Einsatz. Man hört, dass hier ein Musiker arbeitet, der seit Jahrzehnten mit Mattsson zusammenspielt.

Mattssons Bass bleibt unter der verzerrten Gitarre deutlich wahrnehmbar. Er verdoppelt die Riffs nicht ausschließlich, sondern gibt den Stücken einen knurrenden Unterbau. In den kurzen Pausen und Übergängen rückt das Instrument nach vorne und verhindert, dass die Musik zu einem reinen Gitarrengeräusch wird.

WIE LANGE DAUERT DAS STERBEN?

»Hur Jävla Lång Tid Ska Det Ta Att Dö« lässt sich als „Wie verdammt lange soll es dauern zu sterben?“ übersetzen. Hinter der drastischen Formulierung steht weniger ein romantisiertes Todesbild als vollständige Erschöpfung. Der Zustand zwischen Funktionieren und Aufgeben dauert zu lange. Selbst der Zusammenbruch verweigert eine klare Auflösung.

In knapp 100 Sekunden bündeln Frusen Sorg daraus eine der aggressivsten Nummern der Platte. Die Gitarre arbeitet mit einem einfachen, aber wirkungsvollen Riff, während Schlagzeug und Bass den Song ohne Umweg durch die Wand fahren. Mattssons Stimme klingt nicht wie inszenierter Wahnsinn. Sie klingt wie jemand, der lange genug versucht hat, vernünftig über etwas zu sprechen.

»Jag Saknar Mig Själv« – „Ich vermisse mich selbst“ – ist noch persönlicher. Der Titel beschreibt Selbstentfremdung: Der Mensch lebt weiter, erkennt aber die Person nicht mehr, die er geworden ist. Erinnerungen an ein früheres Ich bleiben vorhanden, ohne dass der Weg zurück sichtbar wäre.

Gerade hier entwickelt Sandströms Gitarre einen überraschend melodischen Unterton. Unter der Kruste aus D-Beat und Black Metal liegt eine traurige Harmonie, die dem Song mehr verleiht als reine Aggression. Die Wut richtet sich nicht gegen einen beliebigen äußeren Feind, sondern gegen den Verlust der eigenen Identität.

DAS TIER UND DIE KALTE UMARMUNG

»Djuret i Mig« stellt das Tier im Inneren nicht als kraftvolle Befreiung dar. Es wirkt eher wie ein Anteil, der unter Druck hervorkommt und kaum kontrolliert werden kann. Wut, Panik und Überlebensinstinkt verschmelzen zu einer Stimme, die zwar Schutz verspricht, dabei aber weitere Schäden verursacht.

Mattsson variiert seinen Gesang hier stärker. Zwischen rauem Schreien und tieferen, fast bellenden Passagen gewinnt die Nummer zusätzliche Bewegung. Seine Leistung ist gerade deshalb überzeugend, weil sie nicht technisch geglättet wurde. Man hört Atem, Überforderung und die körperliche Anstrengung der Aufnahme.

»En Kall Famn« gehört zu den zentralen Songs des Albums. Die „kalte Umarmung“ steht für einen Leidenszustand, der so vertraut geworden ist, dass er Sicherheit vermittelt. Angst und Depression begrenzen das Leben, liefern aber zugleich eine Erklärung dafür, weshalb man sich zurückzieht und nichts verändert. Das Gefängnis wird zum Schutzraum.

Musikalisch verbindet der Song crustige Direktheit mit einer fast hymnischen Melodie. Gerade dieser Widerspruch funktioniert: Die Musik besitzt einen kurzen Moment von Größe, während der Inhalt beschreibt, wie gefährlich es sein kann, sich im eigenen Schmerz einzurichten.

WER AM GRAUSAMSTEN IST, GEWINNT

»Ondast Jävel Vinner« bedeutet sinngemäß „der bösartigste Bastard gewinnt“. Der Song lässt sich als Kommentar auf soziale Verhältnisse lesen, in denen Rücksichtslosigkeit mit Stärke verwechselt wird. Wer am wenigsten Skrupel besitzt, setzt sich durch, während Verletzlichkeit als Schwäche behandelt wird.

Sandström legt darunter einen Rhythmus, der stark vom Hardcore geprägt ist. Die Gitarre bleibt roh und direkt, entwickelt im Mittelteil aber genügend Bewegung, damit der Song nicht nur als weiterer kurzer Angriff vorbeirauscht. Mattssons Bass folgt nicht artig im Hintergrund, sondern drückt mit eigener Verzerrung gegen das Riff.

Noch drastischer formuliert »Du Stänkte Din Skit På Min Själ« das Weitertragen fremder Verletzungen. Jemand hat seinen psychischen Ballast nicht verarbeitet, sondern auf einen anderen Menschen übertragen. Der Schaden bleibt im Betroffenen zurück, obwohl dessen Ursache außerhalb der eigenen Person liegt.

Das Schlagzeug beginnt verwirrend und leicht versetzt, bevor der Song in seinen eigentlichen Lauf findet. Diese kurze Desorientierung passt zum Thema: Die eigene Wahrnehmung muss sich erst sortieren, nachdem sie durch einen anderen Menschen beschädigt wurde.

DAS EIGENTLICHE LEBEN FINDET NICHT STATT

»Det Egentliga Livet« – „das eigentliche Leben“ – gehört zu den klaren Höhepunkten. Der Titel verweist auf die Vorstellung, dass irgendwo hinter Panik, Trauma und täglichem Funktionieren noch ein anderes Leben warten müsse. Doch dieses Leben beginnt nicht automatisch. Es bleibt eine Möglichkeit, die immer wieder verschoben wird.

Die Nummer benötigt nur rund anderthalb Minuten. Nach einem kurzen atmosphärischen Beginn setzt Sandström einen treibenden Rhythmus, der zwischen D-Beat und Black Metal vermittelt. Die Gitarren klingen größer, als es die Duo-Besetzung vermuten lässt, und Mattssons Gesang scheint gegen die gesamte Instrumentierung anzurennen.

Hier zeigt sich die Erfahrung der beiden Musiker besonders deutlich. Obwohl die Aufnahme spontan entstand, besitzt der Song eine klare Dramaturgie. Kein Abschnitt dauert länger als nötig, und trotzdem wirkt die Nummer nicht unfertig.

UNTER DEM EIS

»Fångad Under Isen« übersetzt das Gefühl psychischer Blockade in ein starkes körperliches Bild: gefangen unter einer Eisdecke, sichtbar nahe an der Oberfläche und dennoch vom rettenden Atem getrennt. Jede Bewegung kostet Kraft, während die Außenwelt nur gedämpft wahrnehmbar bleibt.

Sandströms Gitarre arbeitet hier mit einer kalten, schneidenden Tonfolge, die dem Titel gerecht wird. Das Schlagzeug drückt den Song unerbittlich vorwärts, während der Bass darunter eine fast klaustrophobische Dichte erzeugt.

»På Flykt« – „auf der Flucht“ – wirkt danach beinahe wie eine kurze Hymne. Das Riff ist einfacher und unmittelbarer, der Rhythmus lässt kaum Pausen zu. Doch auch diese Flucht besitzt kein klar benanntes Ziel. Wegzukommen scheint wichtiger als irgendwo anzukommen.

DIE RATTE VERLÄSST DAS SCHIFF

Mit 3:15 Minuten ist »En Råtta Som Flyr Från Vårt Sjunkande Skepp« das Epos dieser Platte – was bei anderen Bands vermutlich noch nicht einmal als Intro durchgehen würde. Der Titel bedeutet „Eine Ratte, die von unserem sinkenden Schiff flieht“ und lässt mehrere Deutungen zu: Verrat, Selbsterhaltung, Feigheit oder die durchaus vernünftige Entscheidung, eine bereits verlorene Gemeinschaft zu verlassen.

Musikalisch fasst der Abschluss die bisherigen Elemente zusammen. D-Beat, Black Metal und crustige Gitarren treffen auf einen langsameren, düsteren Abschnitt, in dem sich die zuvor unterdrückte Melancholie deutlicher ausbreiten kann. Erstmals nimmt sich das Duo etwas mehr Zeit für Atmosphäre.

Der Song zeigt zugleich eine mögliche Richtung für kommende Veröffentlichungen. Frusen Sorg funktionieren hervorragend in kurzen Ausbrüchen, besitzen aber auch das Gespür, längere Spannungsbögen zu entwickeln. Mehr solcher Kontraste könnten den eigenen Stil zukünftig noch deutlicher schärfen.

ZWEI MUSIKER OHNE SICHERHEITSNETZ

Martin Sandström ist für Gitarren, Schlagzeug und die Musik verantwortlich. Seine größte Leistung liegt nicht in technischer Selbstdarstellung, sondern in der Verdichtung. Er benötigt meist nur wenige Akkorde, um einen Song unverwechselbar zu machen. Die Riffs verbinden Punk-Direktheit mit schwarzen Melodien und gelegentlichen Spuren des schwedischen Death Metal.

Am Schlagzeug spielt Sandström mit erheblichem Druck. Die D-Beats treiben das Album an, wirken aber nie vollständig gleichförmig. Kleine Verschiebungen und abrupte Übergänge geben den Songs einen menschlichen Puls. Gerade weil Bass und Schlagzeug überwiegend live aufgenommen wurden, reagiert das Spiel unmittelbar auf Mattssons Linien.

Kalle Mattsson bildet mit Bass und Gesang das emotionale Zentrum. Sein Bass ist rau, präsent und entscheidend für die körperliche Wirkung des Albums. Er liegt nicht sauber unter der Gitarre, sondern reibt sich an ihr. Dadurch klingt das Duo größer, ohne zahlreiche zusätzliche Spuren zu benötigen.

Seine Vocals sind ungeschützt und stellenweise beinahe schmerzhaft direkt. Mattsson versucht nicht, unterschiedliche extreme Gesangstechniken vorzuführen. Er schreit, weil die Texte keine höflichere Form verlangen. Dass viele Aufnahmen beim ersten Durchlauf entstanden, verstärkt den Eindruck einer unmittelbaren Entladung.

ROHHEIT MIT KONTROLLE

Henrik Wikner bewahrt im Mix die Spontaneität der Aufnahmen. Das Album klingt roh, aber nicht zufällig. Bass, Gitarre und Schlagzeug besitzen genügend Trennung, während der Gesang tief genug in der Musik steckt, um nicht wie nachträglich darübergelegt zu wirken.

Die Produktion lässt Ecken, Nebengeräusche und natürliche Schwankungen stehen. Das passt zum Konzept, führt aber auch dazu, dass einzelne Songs im ersten Durchlauf miteinander verschwimmen. Viele Stücke arbeiten mit ähnlichem Tempo, vergleichbarer Länge und demselben hohen Druck.

Gerade in der Mitte des Albums hätte ein langsamerer oder stärker reduzierter Song zusätzliche Luft geschaffen. Das Finale zeigt, dass das Duo solche Dynamik durchaus beherrscht. Gleichzeitig ist die kompromisslose Kürze Teil der Identität: »Smärtpunkter« möchte nicht ausformulieren, sondern treffen.

FAZIT:

»Smärtpunkter« ist ein kurzes, brutales und ungewöhnlich persönliches Debüt zwischen Blackened Crust, D-Beat, Hardcore und Black Metal. Martin Sandström und Kalle Mattsson verwandeln Trauma, Panik und Selbstentfremdung in 14 direkte Songs, deren Rohheit nicht gespielt wirkt. Kleine Abzüge gibt es für die begrenzte dynamische Vielfalt, doch Höhepunkte wie »Under Svärtans Skyddande Vinge«, »Jag Saknar Mig Själv«, »En Kall Famn«, »Det Egentliga Livet« und der Abschluss rechtfertigen die klare Empfehlung

Musikvideo: Under Svärtans Skyddande Vinge

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Frusen Sorg - Smärtpunkter - CD Review

Dead Void – Cranial Devastation

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Dead Void - Cranial Devastation - cover artwork
Dead Void - Cranial Devastation - cover artwork

Band: Dead Void 🇩🇰
Titel: Cranial Devastation
Label: Dark Descent Records / Me Saco Un Ojo Records
VÖ: 05.06.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Death Metal /Doom Metal / Old School Death Metal / Blackened Death Metal

Tracklist

01. Regurgitation of Ancient Manifestations
02. Isolation’s Hold
03. Phantosmial Stench of Decay
04. Cranial Devastation
05. Jeg Kan Ikke Flygte Fra Mig Selv

Besetzung

A. – Schlagzeug, Bass, Gesang
K. – Gitarren, Bass, Gesang

Marcus Ferreira Larsen – Aufnahme und Mix
James Plotkin – Mastering
Odilon Redon – Covermotiv
Alejandro Tedín / Heresie Studios – Layout und Design

Live im Studio No Master’s Voice aufgenommen, ergänzt durch weitere Aufnahmen von Dead Void.

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Ein tonnenschwerer Death-Doom-Brocken wird uns hier von Dead Void vor die Füße geworfen, aber mit Schmackes Hoschi!. Auf »Cranial Devastation« verbinden die Kopenhagener schleppende Doom-Passagen mit verwesendem Death Metal, schwarzen Ausbrüchen und einer Rhythmussektion, die klingt, als würde sie gerade die Statik des Hörraums überprüfen. Die fünf Stücke benötigen keine moderne Hochglanzpolitur: Gitarren, Bass, Schlagzeug und zwei extreme Stimmen formen eine organische Klangmasse, die langsam walzt, plötzlich beschleunigt und dabei kein Interesse daran zeigt, ob der Hörer noch bequem sitzt.

YouTube Art Playlist: Cranial Devastation

DAS GEHIRN BEKOMMT KEINE SCHONZEIT

Vier Jahre nach »Volatile Forms« wirken Dead Void beweglicher und unberechenbarer. Die Band hält weiterhin an tiefen, langsam mahlenden Death-Doom-Riffs fest, lässt die Musik diesmal aber häufiger ausbrechen. Plötzliche Beschleunigungen, bestialische Attacken und leicht schwarzmetallische Passagen sorgen dafür, dass die Platte nicht 34 Minuten lang im selben Grab herumstapft.

Gerade diese Dynamik macht »Cranial Devastation« stärker als eine bloße Wiederholung des Debüts. Die langsamsten Stellen besitzen weiterhin enormes Gewicht, werden jedoch von hektischen Einschüben unterbrochen. Das ist ungefähr so entspannend wie ein Massagesessel, der sich nach drei Minuten als hydraulische Schrottpresse entpuppt.

Die weitgehend live eingespielte Produktion unterstützt diesen Charakter. Kleine Unsauberkeiten bleiben erhalten, Instrumente reagieren hörbar aufeinander und die Songs vermitteln den Eindruck einer Band, die gemeinsam im Raum steht. Hier wurde nicht jede Note mit der digitalen Pinzette geradegerückt – und das ist auch gut so.

ALTE ERSCHEINUNGEN KEHREN ZURÜCK

»Regurgitation of Ancient Manifestations« beginnt mit einem Bass, der sofort klarmacht, dass er nicht nur zur Dekoration eingeladen wurde. Das Instrument liegt breit unter den Gitarren und entwickelt einen eigenen, bedrohlichen Puls. Wenn die ersten Riffs einsetzen, entsteht daraus kein gemütlicher Doom-Gang, sondern eine langsame Beschwörung, die zunehmend außer Kontrolle gerät.

Der Titel lässt sich als Wiederkehr längst begraben geglaubter Erscheinungen, Gedanken oder Kräfte verstehen. Etwas Archaisches wird nicht bewusst heraufbeschworen, sondern gegen den eigenen Willen wieder ausgespuckt. Die Vergangenheit bleibt somit kein abgeschlossenes Kapitel. Sie tritt erneut in die Gegenwart und beansprucht ihren Platz.

K. setzt an der Gitarre auf schwere Akkordfolgen und kranke Leadfragmente, die nicht melodisch auflösen, sondern die Spannung weiter erhöhen. A. reagiert am Schlagzeug mit langsamen, hart gesetzten Schlägen, bevor das Stück in schnellere Bewegungen kippt. Beide Musiker übernehmen Gesang, wodurch sich tiefe Growls, aufgerissene Schreie und halb erstickte Ausbrüche gegenseitig ablösen.

Der Schluss gehört erneut dem Bass. Seine Linie bleibt nach dem Ende des Songs beinahe stärker im Gedächtnis als manches Gitarrenriff. Der Tieftonbereich hat auf diesem Album ohnehin Hausrecht; alle anderen dürfen klingeln.

ISOLATION ALS GEFÄNGNIS

»Isolation’s Hold« behandelt Isolation nicht als freiwillige Ruhe, sondern als Kraft, die einen Menschen festhält. Der Titel beschreibt keinen abgeschiedenen Rückzugsort, sondern einen Griff, aus dem sich die betroffene Person kaum noch lösen kann. Je länger der Zustand anhält, desto schwieriger wird die Rückkehr zu anderen Menschen und zur eigenen Wahrnehmung.

Musikalisch setzt das Duo diesen Gedanken mit einem zunächst schleppenden Rhythmus um. Die Riffs bewegen sich langsam, als müssten sie gegen erheblichen Widerstand ankämpfen. Sobald sich die Geschwindigkeit erhöht, entsteht jedoch keine Befreiung. Die Musik wirkt vielmehr wie ein panischer Versuch, innerhalb eines verschlossenen Raums einen Ausgang zu finden.

A. überzeugt besonders durch seine Tempowechsel. Er spielt nicht einfach langsam oder schnell, sondern verschiebt die Betonungen so, dass der Song immer wieder sein Gleichgewicht verliert. Bass und Schlagzeug bilden dabei ein massives Fundament, auf dem K. seine Gitarren wie rostige Stahlträger aufschichtet.

Die Stimmen bleiben tief in der Produktion eingebettet. Einzelne Worte sind schwer verständlich, doch der emotionale Zustand kommt klar an. Wer hier einen freundlichen Mitsingrefrain erwartet, hat vermutlich die falsche Gruft geöffnet.

DER GESTANK BLEIBT AUCH NACH DEM TOD

»Phantosmial Stench of Decay« verbindet das Geisterhafte mit körperlichem Verfall. Der Tod ist längst eingetreten, seine Spuren bleiben jedoch wahrnehmbar. Erinnerungen, Gerüche und undeutliche Erscheinungen führen dazu, dass das Vergangene weiterhin in die Gegenwart hineinragt.

Der Song besitzt einen eigentümlich schwankenden Rhythmus. Die Riffs schreiten nicht geradeaus, sondern bewegen sich beinahe taumelnd durch die knapp sieben Minuten. Dadurch erhält die Nummer eine verstörende Lebendigkeit. Der Verfall liegt nicht ruhig da, sondern scheint noch immer zu arbeiten.

K.s Gitarren bleiben vergleichsweise einfach aufgebaut, gewinnen ihre Wirkung aber durch Wiederholung und leichte Veränderungen. Eine Phrase wird nicht bloß erneut gespielt, sondern bei jedem Durchlauf anders betont oder von einer neuen Bassbewegung unterwandert. Das Duo erzeugt Komplexität somit nicht über technische Selbstdarstellung, sondern über Instabilität.

Besonders A.s Bassarbeit fällt auf. Das Instrument hält die Gitarren nicht nur von unten zusammen, sondern drängt sich mit knurrenden Läufen immer wieder an die Oberfläche. Man könnte sagen: Der Bass klopft nicht höflich an – er kommt mitsamt Türrahmen herein.

NEUN MINUTEN SCHÄDELARBEIT

Der Titelsong »Cranial Devastation« ist das Zentrum der Platte. Über fast zehn Minuten verdichten Dead Void alle Elemente ihres Sounds: tonnenschwere Doom-Riffs, rasende Death-Metal-Eruptionen, wilde Stimmen und Basslinien, die unter der Oberfläche ständig in Bewegung bleiben.

Die namensgebende Verwüstung des Schädels lässt sich körperlich und psychisch lesen. Einerseits besitzt die Musik eine sehr direkte physische Wirkung. Andererseits klingt der Song wie die Vertonung eines geistigen Zusammenbruchs, bei dem Gedanken, Wahrnehmung und Erinnerung ihre bisherige Ordnung verlieren.

Die Komposition beginnt kontrolliert, lässt aber zunehmend mehr Chaos zu. Schnelle Abschnitte werden nicht mit einem dünneren Gitarrensound gespielt. Die Band behält ihr massives Klangbild auch bei höherem Tempo bei. Dadurch wirken die Beschleunigungen nicht leichter, sondern wie ein Felssturz, der plötzlich Fahrt aufnimmt.

A. liefert hier seine stärkste Schlagzeugleistung. Die langsamen Schläge besitzen enormes Gewicht, während die schnelleren Passagen erstaunlich wild und körperlich klingen. Trotz aller Raserei bleibt nachvollziehbar, wie der Song aufgebaut ist.

K. ergänzt das rhythmische Fundament mit schroffen Leads, die wie kurze Nervensignale durch die Klangmasse schießen. Seine Arbeit ist nicht schön im traditionellen Sinn, aber sehr gezielt. Jede zusätzliche Gitarrenspur erhöht den Druck, ohne den Song mit überflüssigen Ideen vollzustellen.

VOR SICH SELBST GIBT ES KEINEN AUSGANG

»Jeg Kan Ikke Flygte Fra Mig Selv« bedeutet „Ich kann nicht vor mir selbst fliehen“. Das Stück ist eine dänischsprachige Interpretation von »I Can’t Escape Myself« der britischen Post-Punk-Band The Sound. Deren Sänger und Songwriter Adrian Borland behandelte darin innere Gefangenschaft, Depression und die Unmöglichkeit, den eigenen Gedanken zu entkommen.

Die Übertragung in den Death-Doom-Sound von Dead Void funktioniert überraschend gut. Wo das Original nervöse Post-Punk-Spannung besitzt, macht das Duo daraus eine schwere, beinahe körperliche Last. Die Melancholie bleibt erhalten, wird aber von verzerrten Gitarren und tiefen Stimmen in eine deutlich dunklere Form überführt.

Das Stück zeigt zugleich, dass die vorherigen Horror- und Verfallsmotive des Albums nicht ausschließlich als äußere Fantasien verstanden werden müssen. Der bedrohlichste Raum liegt möglicherweise im eigenen Kopf. Vor Monstern, Ruinen und Erscheinungen kann man davonlaufen – vor dem eigenen Bewusstsein eher schlecht. Selbst ein Navi dürfte hier irgendwann entnervt „Route wird neu berechnet“ melden.

Als Abschluss wirkt der Song bewusst trockener und persönlicher als der Titelsong. Nach den ausladenden Death-Doom-Kompositionen endet das Album nicht mit einem großen Triumph, sondern mit einer einfachen, unerbittlichen Erkenntnis.

ZWEI MUSIKER, EIN ABGRUND

Die instrumentale Leistung von A. und K. lebt vom engen Zusammenspiel. Beide übernehmen Bass und Gesang, wodurch die Zuordnung einzelner Spuren nicht immer eindeutig ist. Entscheidend ist jedoch, dass der tiefe Frequenzbereich eine tragende Funktion erhält. Der Bass ist auf »Cranial Devastation« kein Schatten der Gitarre, sondern häufig das stärkste Instrument.

A. spielt Schlagzeug mit körperlicher Direktheit. Seine langsamen Rhythmen drücken schwer, während die schnelleren Abschnitte kontrolliert an der Grenze zum Chaos entlanglaufen. Kleine Tempoverschiebungen und unregelmäßige Akzente verhindern, dass die langen Stücke statisch werden.

K. baut an der Gitarre keine komplizierten technischen Konstruktionen. Seine Stärke liegt in der Wirkung weniger, sehr schwerer Noten. Die Riffs sind häufig einfach, werden aber durch Resonanz, Pausen und wechselnde Betonungen immer weiter verdichtet. Seine Leads besitzen etwas Krankhaftes und vermeiden jede klassische Auflösung.

Auch die beiden Stimmen ergänzen einander überzeugend. Tiefe Growls, kehliges Bellen und schrillere Schreie tauchen aus verschiedenen Ebenen des Mixes auf. Der Gesang wird nicht als klarer Mittelpunkt behandelt, sondern als weiteres Instrument innerhalb des Gesamtangriffs.

LIVE IM STUDIO STATT DIGITALER INTENSIVSTATION

Marcus Ferreira Larsen nahm die Band weitgehend live im Studio No Master’s Voice auf und mischte das Album. Das Ergebnis besitzt Raum, Bewegung und genügend Unordnung, um glaubwürdig zu wirken. Schlagzeug, Bass und Gitarren stehen nicht steril voneinander getrennt, bleiben aber auch in den dichtesten Abschnitten erkennbar.

Das Mastering von James Plotkin erhält die gewaltigen Tiefen, ohne das Album vollständig in dumpfem Dröhnen versinken zu lassen. Besonders die Bassfrequenzen drücken kräftig, während die Gitarren darüber eine raue, beinahe korrodierte Oberfläche entwickeln.

Das Covermotiv des französischen Symbolisten Odilon Redon passt zur Musik. Seine Kunst bewegt sich häufig zwischen Traum, innerer Vision und beunruhigender Fantasie. Genau diese Unsicherheit bestimmt auch »Cranial Devastation«: Man erkennt menschliche und musikalische Formen, kann ihnen aber nicht vollständig vertrauen.

KURZ, ABER NICHT KLEIN

Mit knapp 35 Minuten fällt das zweite Album deutlich kürzer als »Volatile Forms« aus. Das sorgt für Konzentration und verhindert, dass sich die langsamen Strukturen abnutzen. Allerdings stammen einzelne Kompositionen aus der früheren Demo-Phase, während das Finale eine Coverversion ist. Wer nach vier Jahren ausschließlich vollständig neues Material erwartet hat, könnte daher kurz die Stirn runzeln – sofern sie nach dem Titelsong noch an ihrem Platz sitzt.

Kompositorisch haben sich Dead Void trotzdem weiterentwickelt. Die Songs wirken weniger starr, die Tempowechsel entschlossener und der Bass noch stärker in die Dramaturgie eingebunden. Besonders »Regurgitation of Ancient Manifestations« und »Cranial Devastation« zeigen, wie überzeugend das Duo Doom-Schwere und bestialische Geschwindigkeit miteinander verbinden kann.

Nicht jeder Übergang wirkt vollkommen kontrolliert, doch genau diese Unsicherheit gehört zum Charakter der Platte. Dead Void wollen keine technische Perfektion demonstrieren. Sie wollen, dass der Sound lebt, taumelt, angreift und im ungünstigsten Moment erneut beschleunigt.

FAZIT:

»Cranial Devastation« ist ein massives, organisch produziertes Death-Doom-Album, das langsame Vernichtung mit wilden Beschleunigungen und einer ungewöhnlich präsenten Bassarbeit verbindet. A. und K. überzeugen durch ihr instinktives Zusammenspiel, auch wenn die kurze Spielzeit, älteres Material und das Cover am Ende den Umfang etwas begrenzen. Für Fans von Cianide, Winter, Undergang, Phrenelith und schwerem dänischem Todesmetall gibt es eine verdiente Wertung im höheren Bereich

Official Audio: Cranial Devastation

Internet

Dead Void - Cranial Devastation - CD Review