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Warthrash – No Light Shall Remain

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Band: Warthrash 🇨🇴
Titel: No Light Shall Remain
Label: Awakening Records
VÖ: 19.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Death Metal / Thrash Metal / Old School Death Metal

Tracklist

01. No Light Shall Remain – 01:52
02. Culebras Sin Honor – 03:28
03. Sombras del Poder – 03:35
04. Crucifixion – 03:31
05. Oscura Condena – 03:31
06. Wounds – 04:47
07. Undefeated – 05:47
08. Hand of Doom – 04:34
09. Abismo Sin Retorno – 04:23
10. Ruins – 03:11
11. Hollow Existence – 04:48

Besetzung

Caronte – Schlagzeug, Gesang
Nosferatu – Gitarre
Silent – Bass
Merciless – Leadgitarre

Produktion:
Aufnahme und Mastering – Area 51 Studios, Medellín
Artwork – Felipe Mora
Layout und Design – Héctor Caronte

Physische Ausgabe:
Jewel-Case-CD
16-seitiges Booklet
Limitiert auf 1.000 Exemplare

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Bei einem Namen wie Warthrash scheint die musikalische Richtung eigentlich schon vollständig geklärt: Krieg, Thrash und anschließend möglichst wenig Gefangene. Ganz so einfach machen es sich die Kolumbianer auf »No Light Shall Remain« allerdings nicht. Das zweite vollständige Studioalbum der 2005 in Medellín gegründeten Formation ist wesentlich stärker im klassischen Death Metal verwurzelt, als der Bandname vermuten lässt. Die ursprüngliche Thrash-Schlagseite bleibt in schnellen Riffs, scharf geführten Übergängen und der direkten Struktur erhalten, wird jedoch von tiefen Growls, Blastbeats, finsteren Melodien und massiven Midtempo-Passagen überlagert. Zwölf Jahre nach »Descending to Exile« präsentieren Caronte, Nosferatu, Silent und Neuzugang Merciless elf Stücke über Macht, Zerfall, Konfrontation und eine Welt, in der das letzte Licht allmählich erlischt. Veröffentlicht wird die rund 44-minütige Platte über Awakening Records.

Full Album Stream: No Light Shall Remain

DAS LICHT ERLISCHT AUF AKUSTISCHEN SAITEN

Das Titelstück »No Light Shall Remain« eröffnet die Platte überraschend zurückhaltend. Statt eines sofortigen Blastbeat-Angriffs setzt Nosferatu auf eine akustische Gitarrenfigur, deren dunkle Stimmung an die bedrohlicheren Zwischenspiele des klassischen Thrash Metal erinnert. Der kurze Instrumentalauftakt wirkt wie der Blick auf eine Landschaft, über der sich bereits schwarze Wolken zusammengezogen haben.

Mit »Culebras Sin Honor« bricht der Sturm schließlich los. Schnelle Gitarren, kurze Blastbeats und Carontes tiefes Gebrüll schieben den Song ohne Umwege nach vorn. Der spanische Titel lässt sich sinngemäß als „ehrlose Schlangen“ übersetzen und passt zu einer Nummer, die Verrat und moralische Verkommenheit nicht differenziert analysiert, sondern unmittelbar angreift.

Die Gitarren von Nosferatu und Merciless bilden eine breite Front, innerhalb derer sich kurze Leadlinien und scharfkantige Soli öffnen. Besonders die zusätzliche Leadgitarre erweitert den Klang gegenüber früheren Veröffentlichungen. Warthrash verlassen sich nicht länger ausschließlich auf kompakte Rhythmusriffs, sondern gestatten einzelnen Melodien mehr Raum.

»Sombras del Poder« hält das Tempo hoch. Die „Schatten der Macht“ werden durch nervöse Riffs, wechselnde Stimmen und eine Rhythmusgruppe dargestellt, die immer wieder zwischen schnellem Death Metal und stampfendem Thrash wechselt. Der Song besitzt keine komplizierte Struktur, gewinnt aber durch seinen permanenten Bewegungsdrang.

KREUZIGUNG UND DUNKLES URTEIL

»Crucifixion« gehört zu den unmittelbarsten Stücken. Das Hauptriff ist kompakt, aggressiv und stärker vom Thrash Metal geprägt als manche Nachbarn. Caronte treibt die Musik gleichzeitig mit trockenen Schlägen und kurzen Doublebass-Passagen voran.

Der Song zeigt, dass technische Überladung nicht notwendig ist, wenn Rhythmik und Riffing präzise ineinandergreifen. Warthrash wiederholen ihre Motive lange genug, damit sie sich festsetzen, wechseln jedoch rechtzeitig in einen neuen Abschnitt. Besonders live dürfte die Nummer unmittelbar funktionieren.

Mit »Oscura Condena« wird das Klangbild noch brutaler. Die dunkle Verurteilung beginnt mit einem heftigen Schlagzeugangriff, bevor die Gitarren eine Reihe schneller, tief gespielter Riffs aufbauen. Der Gesang klingt hier besonders massiv und wird stellenweise gedoppelt, wodurch die Worte beinahe wie eine gemeinsame Anklage wirken.

Die ersten fünf Stücke bewegen sich stilistisch eng beieinander. Geschwindigkeit, tiefe Gitarren und ähnlich strukturierte Übergänge erzeugen einen geschlossenen Albumcharakter, führen aber auch zu leichter Gleichförmigkeit. Erst die zweite Hälfte öffnet das Material deutlicher und zeigt, dass Warthrash wesentlich mehr können als geradlinige Death-Metal-Attacken.

WUNDEN ÖFFNEN DIE MELODISCHE SEITE

»Wounds« markiert den Wendepunkt. Die Gitarren arbeiten stärker mit Tremolo-Melodien und harmonisierten Linien, während der Rhythmus kontrollierter aufgebaut wird. Die Härte bleibt erhalten, doch unter der aggressiven Oberfläche entsteht erstmals eine deutliche melancholische Färbung.

Gerade Merciless macht sich hier bemerkbar. Seine Leadgitarre erweitert den bisher dominierenden Rhythmusblock und sorgt dafür, dass sich die Komposition klar vom ersten Albumdrittel abhebt. Das Solo besitzt genügend technische Präzision, bleibt aber dem Song untergeordnet.

Inhaltlich werden Wunden nicht nur als körperliche Verletzungen verstanden. Die Musik vermittelt vielmehr den Eindruck langfristiger Schäden, die selbst nach einem überstandenen Konflikt weiterwirken. Carontes Stimme klingt entsprechend weniger angriffslustig als erschöpft und verbittert.

»Undefeated« führt diesen erweiterten Ansatz fort. Mit fast sechs Minuten ist es das längste Stück und erlaubt sich mehrere melodische Entwicklungen. Der Beginn bleibt schwer und kontrolliert, bevor schnellere Bewegungen, Doppelgitarren und ausgedehnte Solopassagen hinzukommen.

Der Song hätte im letzten Drittel etwas gestrafft werden können. Dennoch gehört »Undefeated« zu den wichtigsten Nummern, weil die Band hier über das unmittelbare Drei-Minuten-Format hinausgeht und ihre verschiedenen Einflüsse zu einer umfangreicheren Komposition verbindet.

DIE HAND DES UNTERGANGS

Bei »Hand of Doom« handelt es sich trotz des bekannten Titels nicht um eine gemütliche Verbeugung vor doomigem Siebzigerjahre-Rock. Warthrash setzen auf einen schweren, galoppierenden Rhythmus, der Death und Thrash besonders ausgewogen miteinander verbindet.

Die Gitarren bewegen sich zwischen harten Akkorden und melodischen Leadfiguren. Stellenweise erinnert die dramatische Führung an klassischen kanadischen oder amerikanischen Death Thrash, ohne dass die Kolumbianer ihre südamerikanische Rohheit verlieren.

Silent erhält am Bass mehr Raum als in den besonders schnellen Songs. Sein Instrument verleiht dem Groove zusätzliche Bewegung und verhindert, dass die tiefen Frequenzen ausschließlich von den Gitarren besetzt werden. Gerade in den zurückgenommenen Abschnitten ist seine Arbeit deutlich wahrnehmbar.

Mit »Abismo Sin Retorno« folgt der Abstieg in einen Abgrund ohne Rückkehr. Das Stück beginnt schwer und beinahe schleppend, beschleunigt anschließend jedoch mehrfach. Dieser Wechsel aus kontrollierter Bedrohung und plötzlichen Angriffen gehört zu den wirkungsvollsten dynamischen Entscheidungen des Albums.

Die Band illustriert den Abgrund nicht durch Keyboards oder lange Soundeffekte. Wenige dunkle Gitarrenmelodien und ein massiver Rhythmus reichen aus, um die notwendige Atmosphäre zu erzeugen. Carontes Gesang bleibt tief, setzt einzelne Silben aber mit größerem Abstand und verleiht ihnen dadurch zusätzliches Gewicht.

RUINEN ZWISCHEN THRASH UND TOD

»Ruins« ist mit etwas mehr als drei Minuten die kompakteste reguläre Nummer. Ein scharfes, beinahe an Slayer erinnerndes Riff führt in den Song, bevor die Death-Metal-Rhythmik erneut die Kontrolle übernimmt.

Das Stück zeigt die ursprünglichen Thrash-Wurzeln der Band besonders deutlich. Die Gitarren besitzen mehr Biss, das Schlagzeug treibt geradliniger und der Aufbau verzichtet auf längere atmosphärische Umwege. Trotzdem klingt »Ruins« nicht wie ein Überbleibsel aus einer früheren Schaffensphase.

Die Melodien der zweiten Albumhälfte bleiben erhalten und werden in die aggressive Struktur eingebunden. Dadurch wirkt der Song wie eine Verbindung zwischen dem direkten Beginn und den breiter entwickelten späteren Stücken.

Warthrash vermeiden es dabei, nostalgischen Retro-Thrash zu spielen. Der Klang ist zu tief, der Gesang zu massiv und die Rhythmik zu stark im klassischen Death Metal verwurzelt. Die alten Einflüsse dienen als Fundament und nicht als vollständiger Bauplan.

EINE HOHLE EXISTENZ ALS SCHLUSSPUNKT

»Hollow Existence« beendet das Album mit einer der emotionalsten Kompositionen. Der Song beginnt schwer und lässt dem Bass sowie den Gitarrenmelodien deutlich mehr Luft. Erst später erhöht sich die Intensität und führt zu einem düsteren Finale.

Die titelgebende hohle Existenz wirkt wie die Konsequenz der vorherigen Themen. Macht, Verrat, Gewalt und Konfrontation hinterlassen keinen Sieger, sondern Menschen, deren inneres Fundament ausgehöhlt wurde. Die Musik reagiert darauf mit Melodien, die weniger triumphal als resigniert erscheinen.

Besonders die Gitarrensoli besitzen hier eine erzählerische Funktion. Sie unterbrechen den Song nicht, sondern führen seine melancholische Linie weiter. Merciless und Nosferatu ergänzen sich überzeugend und zeigen, wie wichtig die erweiterte Gitarrenbesetzung für den heutigen Klang der Band ist.

Das Ende verzichtet auf einen plötzlichen letzten Schlag. Die Komposition lässt ihre Stimmung nachwirken und schließt damit einen Bogen, der mit der akustischen Dunkelheit des Titelstücks begonnen hat.

VIER MUSIKER ZWISCHEN KRIEG UND FINSTERNIS

Caronte übernimmt gleichzeitig Schlagzeug und Gesang. Diese Doppelrolle ist anspruchsvoll, zumal die Musik häufig zwischen Blastbeats, schnellen Thrash-Rhythmen und schweren Midtempo-Passagen wechselt. Seine Leistung wirkt dennoch kontrolliert und körperlich.

Die Stimme besitzt eine tiefe, raue Grundfarbe, wird aber stellenweise stark gedoppelt oder bearbeitet. Das erzeugt zusätzlichen Druck, kann einzelne Passagen jedoch auch etwas künstlich wirken lassen. Eine klarer herausgearbeitete natürliche Stimme hätte manchen Songs mehr Persönlichkeit gegeben.

Nosferatu liefert den rhythmischen Kern. Seine Gitarrenarbeit ist direkt und riffbetont, bleibt aber beweglich genug, um schnelle Übergänge und melodische Veränderungen zu tragen. Merciless erweitert diese Basis um Leadgitarren und zusätzliche Texturen.

Silent wird in der zweiten Albumhälfte zunehmend wichtig. Sein Bass ist nicht permanent dominant, tritt aber in den groovenden und melodischen Abschnitten deutlich hervor. Dadurch erhält das Klangbild eine zusätzliche Ebene unterhalb der Gitarren.

ROHE KRAFT AUS AREA 51

Aufgenommen und gemastert wurde »No Light Shall Remain« in den Area 51 Studios in Medellín. Die Produktion klingt klar genug, um die Riffs, Bassbewegungen und Soli nachvollziehbar abzubilden, vermeidet jedoch übertriebene Glätte.

Die Gitarren besitzen eine trockene und körnige Oberfläche. Das Schlagzeug drückt kraftvoll, ohne vollständig durch Samples ersetzt zu wirken. Besonders die Snare setzt sich deutlich durch und unterstützt den aggressiven Charakter.

In den besonders schnellen Songs verschmelzen Gitarren und Gesang gelegentlich zu einer kompakten Fläche. Die zweite Albumhälfte profitiert stärker von der Produktion, weil melodische Linien und langsamere Passagen mehr Raum erhalten.

Das Artwork von Felipe Mora setzt die dunkle Grundidee eindrucksvoll um. Die zerstörte Landschaft und der beinahe vollständig verdunkelte Himmel passen zu einer Platte, die nicht von einer plötzlichen Apokalypse, sondern von fortschreitendem Zerfall geprägt ist.

ZWÖLF JAHRE BIS ZUM ZWEITEN ALBUM

Warthrash wurden 2005 in Medellín gegründet und bewegten sich zunächst stärker im klassischen Thrash Metal. Die EP »Si Vis Pacem Para Bellum« bereitete den Weg für das 2014 erschienene Debüt »Descending to Exile«.

Mit der EP »Echoes of Pain« verschob sich das Verhältnis zunehmend in Richtung Death Metal. Diese Entwicklung ist auf »No Light Shall Remain« vollständig abgeschlossen. Thrash bleibt als rhythmische und kompositorische Grundlage vorhanden, bestimmt aber nicht mehr allein die Identität.

Die Band orientiert sich hörbar an Death, Morbid Angel, Entombed und Dismember. Hinzu kommen Spuren klassischen Thrash Metals und gelegentlich melodische Gitarren, die besonders in der zweiten Albumhälfte hervortreten.

Nicht jede Nummer besitzt dasselbe Maß an Eigenständigkeit. Vor allem die schnellen Stücke zu Beginn ähneln sich in Aufbau und Wirkung. Sobald Warthrash Groove, Melodie und längere Entwicklungen zulassen, gewinnt das Album deutlich an Profil.

FAZIT:

»No Light Shall Remain« ist ein wuchtiges zweites Album, auf dem Warthrash ihre Thrash-Wurzeln mit klassischem Death Metal, Blastbeats und zunehmend melodischen Doppelgitarren verbinden. Besonders »Wounds«, »Undefeated«, »Hand of Doom«, »Ruins« und »Hollow Existence« überzeugen, während die ähnlich strukturierten ersten Songs und der stellenweise stark bearbeitete Gesang leichte Abzüge verursachen. Das Licht mag erloschen sein – die kolumbianische Death-Thrash-Maschine arbeitet darunter jedoch mit beachtlicher Kraft weiter.

Internet

Warthrash - No Light Shall Remain - CD Review

Liminal Sky – All Tomorrow’s Darkness

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Band: Liminal Sky 🇬🇧
Titel: All Tomorrow’s Darkness
Label: Karisma Records
VÖ: 19.06.2026
Format: CD / limitierte Doppel-LP / Digital
Genre: Progressive Post-Rock / Art Rock / Alternative Rock / Psychedelic Rock

Tracklist

01. Some Other Time feat. Mat McNerney, Lars Horntveth – 04:44
02. A Solitary Future feat. Kristoffer Rygg – 04:51
03. In Some Secret Universe feat. Mat McNerney – 07:25
04. Forget Me Not feat. Mat McNerney – 06:07
05. Penance feat. Karin Park – 05:24
06. The Weight of Heaven feat. Kristoffer Rygg – 06:33
07. Algebra of Unknowing feat. Mat McNerney – 07:50
08. Oar on the Mooring feat. Mat McNerney – 06:20
09. All Tomorrow’s Darkness feat. Mat McNerney, Daniel O’Sullivan – 06:55

Besetzung

Daniel Knight – Gitarren, Bass, Keyboards
Jaime Gomez Arellano – Schlagzeug, Gitarren, Keyboards
Mat McNerney – Gesang auf den Tracks 1, 3, 4, 7, 8 und 9; Texte

Gastmusiker:
Kristoffer Rygg – Gesang auf den Tracks 2 und 6; Percussion und Effekte
Karin Park – Gesang auf Track 5
Daniel O’Sullivan – Gesang im Intro von Track 9
Lars Horntveth – Saxofon, Synthesizer, Lap-Steel-Gitarre
Alicia Nurho – Violine, Viola
Anders Møller – Percussion
Tore Ylwizaker – Piano
Ole Alexander Halstensgård – Keyboards
Matt Rozeik – Synthesizer

Produktion:
Produktion, Aufnahme, Mixing und Mastering – Jaime Gomez Arellano
Zusätzliche Aufnahmen und Engineering – Daniel Knight
Aufgenommen in den Orgone Studios, Bedfordshire
Weitere Aufnahmen in den Friary Studios und im Smokehouse Studio
Artwork – Jaime Gomez Arellano und Gonzalo Restrepo

Physische Ausgaben:
CD
Limitierte Doppel-LP auf 180-Gramm-Vinyl in Cremeweiß
Gatefold-Cover und gefütterte Innenhüllen

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Progressiver Post Rock, Frisch aus England – und zwar nicht von vollkommen unbekannten Musikern. Hinter Liminal Sky stehen der Produzent und Multiinstrumentalist Jaime Gomez Arellano sowie Daniel Knight, die bereits gemeinsam bei der britischen Progressive-Rock-Band Messenger aktiv waren. Mit »All Tomorrow’s Darkness« schlagen sie nun ein neues Kapitel auf, das von Trauer, Schlaflosigkeit, Erinnerung und der bedrückenden Stille der englischen Landschaft geprägt ist. Unterstützt wird das Duo von einer bemerkenswerten Gästeliste: Mat McNerney von Hexvessel und Grave Pleasures übernimmt einen Großteil des Gesangs, während unter anderem Kristoffer Rygg, Karin Park, Daniel O’Sullivan, Lars Horntveth und mehrere Musiker aus dem Umfeld von Ulver zusätzliche Klangfarben beisteuern. Das über Karisma Records veröffentlichte Debütalbum ist jedoch kein loses Schaulaufen prominenter Gäste. Sämtliche Stimmen, Streicher, Bläser, Synthesizer und Gitarren dienen einer gemeinsamen Vision: neun ausgedehnten Kompositionen, die Verlust nicht mit dramatischen Ausbrüchen überwinden wollen, sondern seine langfristige Wirkung untersuchen.

YouTube Art-Track-Albumstream: All Tomorrow's Darkness

ERINNERUNGEN ZWISCHEN STEINEN UND REGEN

»Some Other Time« eröffnet das Album mit behutsam angeschlagenen Gitarren, zurückhaltendem Schlagzeug und der warmen, leicht rauen Stimme von Mat McNerney. Anstatt den erwartbaren Post-Rock-Aufbau aus stiller Einleitung und gewaltiger Schlusssteigerung sofort abzurufen, konzentrieren sich Liminal Sky zunächst auf den eigentlichen Song.

Die Melodie besitzt eine pastorale Färbung, während Lars Horntveth mit Saxofon, Synthesizer und Lap-Steel-Gitarre zusätzliche Weite erzeugt. Die Instrumente treten nicht als deutlich abgetrennte Gastbeiträge hervor. Sie verschwimmen mit den Gitarren und Keyboards zu einer Landschaft, die gleichermaßen vertraut und unwirklich klingt.

Inhaltlich geht es um Erinnerung als fortbestehende Verbindung. Ein Mensch ist nicht mehr unmittelbar erreichbar, bleibt aber in Orten, Gesten und alltäglichen Eindrücken gegenwärtig. Die Musik reagiert darauf nicht mit endgültigem Abschied. Sie wirkt eher wie der Versuch, den Verlust in eine Form zu überführen, mit der sich weiterleben lässt.

Gerade diese Zurückhaltung macht den Einstieg stark. Liminal Sky verzichten auf sentimentale Übertreibung. Der Refrain öffnet das Stück, ohne es vollständig aufzulösen, und die Instrumentierung lässt genügend Platz für kleine Details.

ULVER BLICKT IN EINE EINSAME ZUKUNFT

Auf »A Solitary Future« übernimmt Kristoffer Rygg den Gesang. Seine ruhige, kontrollierte Stimme verändert die Atmosphäre sofort. Wo Mat McNerney greifbar und körperlich klingt, vermittelt Kristoffer Rygg Distanz. Die Einsamkeit wird nicht herausgeschrien, sondern beinahe sachlich betrachtet.

Die Gitarren bleiben zunächst im Hintergrund. Synthesizer, Effekte und ein schwerer, langsam gesetzter Rhythmus bestimmen den Beginn. Erst im weiteren Verlauf treten verzerrte Flächen hinzu und erweitern den Song zu einem dunklen Art-Rock-Stück.

Der Refrain gehört zu den zugänglichsten Momenten des Albums. Trotzdem entsteht kein gewöhnlicher Alternative-Rock-Song. Die einzelnen Instrumente werden immer wieder räumlich verschoben, während Matt Rozeik und Ole Alexander Halstensgård mit elektronischen Ebenen eine unterschwellige Unruhe erzeugen.

Das Stück beschreibt den Wunsch, dem eigenen Geist zu entkommen, und zugleich die Erkenntnis, dass ein vollständiger Neuanfang möglicherweise nicht existiert. Diese Spannung zwischen Flucht und Unausweichlichkeit zieht sich durch das gesamte Album.

EIN GEHEIMES UNIVERSUM OHNE AUSGANG

Mit »In Some Secret Universe« überschreitet das Album erstmals deutlich die Sieben-Minuten-Marke. Die Komposition beginnt leise, beinahe schwebend, und entwickelt sich nur langsam zu einem der emotionalen Höhepunkte.

Tore Ylwizaker setzt zurückhaltende Pianotöne, während Violine, Viola und Percussion das Arrangement verbreitern. Die Musik wirkt nicht wie eine klassische Bandaufnahme, sondern wie eine sorgfältig komponierte Umgebung. Jeder Klang besitzt einen eigenen Platz, ohne dass die Produktion steril erscheint.

Mat McNerney singt über die Schwierigkeit, Verlust überhaupt in Worte zu fassen. Erinnerungen an Nähe stehen einer Gegenwart gegenüber, in der diese Verbindung nur noch in Gedanken oder einer erhofften parallelen Wirklichkeit fortbesteht.

Im letzten Drittel verdichten sich Gitarren, Schlagzeug und Streicher. Der erwartete Post-Rock-Ausbruch tritt tatsächlich ein, wird aber nicht als befreiender Triumph inszeniert. Die Lautstärke macht die Trauer nicht kleiner. Sie vergrößert lediglich den Raum, den diese Trauer einnimmt.

Die lange Entwicklung ist gerechtfertigt. Liminal Sky wiederholen nicht einfach ein leises Motiv, bis der Verzerrer eingeschaltet wird. Die Harmonik verändert sich, Instrumente treten hinzu und der Gesang führt die Komposition durch mehrere emotionale Zustände.

VERGISS MICH NICHT

»Forget Me Not« beginnt mit einer breiteren Gitarrenfläche und besitzt mehr unmittelbaren Rockcharakter. Die Rhythmusgruppe tritt deutlicher hervor, während Daniel Knight und Jaime Gomez Arellano ihre Gitarren nicht nur als atmosphärische Texturen, sondern als tragende Riffinstrumente einsetzen.

Der Song bleibt melancholisch, wirkt jedoch weniger entrückt als seine Vorgänger. Mat McNerney liefert einen der stärksten Refrains des Albums. Seine Stimme trägt Verletzlichkeit, ohne kraftlos zu erscheinen.

Die wiederkehrende Bitte, nicht vergessen zu werden, erhält durch die instrumentale Entwicklung zusätzliches Gewicht. Gitarren und Schlagzeug bauen Druck auf, werden kurz zurückgenommen und kehren anschließend mit größerer Intensität zurück. Die Dynamik entsteht nicht allein durch Lautstärke, sondern durch die veränderte Bedeutung derselben Motive.

»Forget Me Not« zeigt besonders deutlich, dass All Tomorrow’s Darkness zwar als Post-Rock-Album vermarktet wird, aber ebenso stark von Progressive Rock, Art Rock und Alternative geprägt ist. Die Stimme steht nicht neben der Musik. Sie ist ihr Zentrum.

BUSSE MIT DER STIMME VON KARIN PARK

»Penance« bringt mit Karin Park eine weitere deutlich erkennbare Stimme ins Album. Ihr kühler, klarer Gesang steht über einem reduzierten Arrangement aus Gitarren, Keyboards und elektronischen Flächen.

Der Song besitzt eine dunkle Eleganz, die an die experimentelleren Seiten von Ulver erinnert. Gleichzeitig behalten Liminal Sky ihre eigene melodische Sprache. Die Gitarren werden nicht vollständig von Synthesizern verdrängt, sondern bilden einen warmen Gegenpol.

Inhaltlich geht es um Flucht, Selbstschutz und Dinge, die selbst vor der eigenen Person verborgen bleiben. Die titelgebende Buße wird nicht als religiöse Reinigung beschrieben. Sie erscheint vielmehr als Zustand, in dem Schuld und Erinnerung immer wieder neu verhandelt werden.

Die Komposition bleibt vergleichsweise kompakt und vermeidet eine große Schlusssteigerung. Diese Entscheidung sorgt für Abwechslung. Nach mehreren ausgedehnten Spannungsbögen wirkt »Penance« wie ein dunkler Raum, in dem sich die Musik bewusst nicht weiter ausbreitet.

DAS GEWICHT DES HIMMELS

Auf »The Weight of Heaven« kehrt Kristoffer Rygg zurück. Der Song beginnt langsam und beinahe feierlich. Tiefe Gitarren, zurückhaltende Percussion und die kontrollierte Stimme erzeugen eine Schwere, die weniger aus Verzerrung als aus Raum und Wiederholung entsteht.

Die Bilder von Meer, versunkenen Erinnerungen und archäologischen Überresten passen zur musikalischen Tiefe. Vergangenheit wird hier nicht als abgeschlossene Epoche betrachtet. Sie liegt unter der Oberfläche und kann jederzeit wieder freigelegt werden.

Im Mittelteil öffnet sich die Komposition. Gitarren und Schlagzeug werden lauter, während Effekte und Percussion eine unruhige Strömung erzeugen. Kristoffer Rygg bleibt selbst während dieser Steigerung kontrolliert. Der Kontrast zwischen seiner ruhigen Stimme und dem wachsenden Instrumental gehört zu den stärksten Momenten.

Der Song verlangt Geduld. Einen klaren Refrain im herkömmlichen Sinne gibt es kaum. Stattdessen arbeiten Liminal Sky mit wiederkehrenden Phrasen und langsamen Verschiebungen. Wer sich darauf einlässt, erhält eine der atmosphärisch dichtesten Nummern des Albums.

DIE ALGEBRA DES NICHTWISSENS

»Algebra of Unknowing« ist mit beinahe acht Minuten das längste Stück. Der Titel beschreibt den verzweifelten Versuch, für Verlust und Erinnerung eine nachvollziehbare Formel zu finden. Doch weder Mathematik noch Glaube liefern eine verlässliche Antwort.

Musikalisch verbindet der Song nahezu sämtliche Eigenschaften des Albums. Leise Gitarren und Streicher führen in einen getragenen Gesangspart. Später setzen schwere Akkorde, Percussion und elektronische Ebenen ein. Die Komposition wächst, ohne ihre anfängliche Melodie aus den Augen zu verlieren.

Alicia Nurho verleiht dem Stück mit Violine und Viola eine zusätzliche emotionale Ebene. Die Streicher werden nicht als süßliche Begleitung verwendet. Sie besitzen eine raue, teilweise dissonante Färbung und verstärken die Unsicherheit.

Mat McNerney klingt zunehmend aufgewühlt. Sein Gesang beginnt kontrolliert, entwickelt jedoch eine hörbare Verzweiflung. Im letzten Abschnitt wiederholt er einzelne Gedanken, während das Instrumental immer dichter wird.

Die Wirkung ist erheblich, auch wenn die Komposition ihren Höhepunkt etwas lange ausspielt. Eine geringfügige Straffung hätte den Schluss noch stärker gemacht. Dennoch gehört »Algebra of Unknowing« zu den zentralen Stücken.

DAS RUDER BLEIBT AM UFER ZURÜCK

»Oar on the Mooring« greift erneut maritime Bilder auf. Das zurückgelassene Ruder wird zum Symbol einer Abreise, die nicht rückgängig gemacht werden kann. Die Person ist fort, während ihre Spuren weiterhin an einem vertrauten Ort liegen.

Die Gitarren klingen offener und stellenweise beinahe psychedelisch. Das Schlagzeug bleibt langsam, setzt aber deutliche Akzente. Der Bass ist stärker wahrnehmbar als in vielen vorherigen Stücken und verleiht dem Arrangement eine ruhige Bewegung.

Mat McNerney singt zurückhaltender. Dadurch wirkt das Stück zunächst weniger dramatisch. Gerade diese Ruhe macht den späteren Anstieg wirkungsvoll. Verzerrte Gitarren und zusätzliche Stimmen treten hinzu, ohne den Song in einen gewöhnlichen Post-Rock-Höhepunkt zu verwandeln.

Die Musik vermittelt weniger unmittelbare Verzweiflung als erschöpfte Akzeptanz. Der Verlust bleibt bestehen, doch der Kampf gegen seine Realität wird schwächer. Diese Veränderung bereitet das Titelstück überzeugend vor.

DIE DUNKELHEIT VON MORGEN

»All Tomorrow’s Darkness« beginnt mit der Stimme von Daniel O’Sullivan, bevor Mat McNerney die zentrale Rolle übernimmt. Der Titel klingt nach einer vollständigen Aufgabe jeder Hoffnung. Die Komposition ist jedoch differenzierter.

Tiefe Gitarren, düstere Keyboards und langsame Percussion bauen ein finales Klangbild auf. Die Dunkelheit wird nicht als äußerer Feind beschrieben, sondern als etwas, das sich innerhalb eines Menschen ausbreitet und mit vertrauten Orten verbindet.

Das Hauptriff gehört zu den schwersten des Albums. Trotzdem werden Liminal Sky nicht plötzlich zu einer Metalband. Die Härte entsteht aus der Gewichtung der Akkorde und dem langsamen Schlagzeug, nicht aus aggressiver Geschwindigkeit.

Im letzten Drittel wiederholt Mat McNerney den Albumtitel, während die Instrumente zunehmend anschwellen. Der Schluss bietet keine eindeutige Erlösung. Das Licht wird zwar gesucht, doch die Dunkelheit verschwindet nicht vollständig.

Als Finale funktioniert das Stück ausgezeichnet. Es bündelt Trauer, Erinnerung und die bedrückende Weite des Albums, ohne einfach Motive der vorherigen Songs zu wiederholen.

ZWEI MUSIKER UND EIN GROSSES ENSEMBLE

Der Kern von Liminal Sky besteht aus Daniel Knight und Jaime Gomez Arellano. Beide waren zuvor bei Messenger aktiv und setzen den dort begonnenen Weg in veränderter Form fort.

Daniel Knight übernimmt Gitarren, Bass und Keyboards. Sein Spiel ist selten auf technische Selbstdarstellung ausgerichtet. Er arbeitet mit offenen Akkorden, wiederkehrenden Melodien und Klangflächen, die sich langsam verändern.

Jaime Gomez Arellano spielt Schlagzeug, Gitarren und Keyboards und verantwortet zugleich die gesamte Produktion. Seine Erfahrung mit Bands wie Ghost, Opeth, Paradise Lost und Ulver zeigt sich in der klaren räumlichen Ordnung. Selbst bei dichter Instrumentierung bleibt nachvollziehbar, welche Ebene gerade die Führung übernimmt.

Die zahlreichen Gäste verwässern die Identität nicht. Mat McNerney bildet mit seinem Gesang und seinen Texten das emotionale Zentrum, während Kristoffer Rygg und Karin Park gezielte Perspektivwechsel ermöglichen.

Auch Saxofon, Streicher, Lap-Steel-Gitarre und elektronische Effekte besitzen konkrete Aufgaben. Kein Instrument scheint lediglich wegen des prominenten Namens seiner Spieler vorhanden zu sein.

PRODUKTION MIT WEITE UND TIEFE

All Tomorrow’s Darkness wurde überwiegend in den Orgone Studios in Bedfordshire aufgenommen. Zusätzliche Sessions fanden in den Friary Studios und im Londoner Smokehouse Studio statt.

Die Produktion besitzt erhebliche räumliche Tiefe. Leise Gitarren stehen weit hinten, während Stimme, Bass oder Streicher gezielt in den Vordergrund treten. Die Musik klingt groß, aber nicht übermäßig laut oder komprimiert.

Besonders das Schlagzeug profitiert von der natürlichen Abbildung. Becken, Toms und Snare besitzen ausreichend Raum und reagieren dynamisch auf die Veränderungen der Songs. Auch die verzerrten Gitarren behalten ihre Konturen.

Gelegentlich führt die Vielzahl der Ebenen zu einer gewissen Überladung. Vor allem in den langen Schlusssteigerungen konkurrieren Gitarren, Streicher, Synthesizer und Stimmen um denselben Raum. Diese Momente bleiben jedoch die Ausnahme.

Die knapp 56 Minuten verlangen Aufmerksamkeit. Das Album funktioniert weniger als beiläufige Hintergrundmusik, als die häufig zurückhaltende Oberfläche zunächst vermuten lässt. Viele Details werden erst bei wiederholtem Hören deutlich.

FAZIT:

»All Tomorrow’s Darkness« ist ein bemerkenswert geschlossenes Debüt zwischen progressivem Post-Rock, Art Rock und dunklem Alternative, das Trauer nicht romantisiert, sondern in vielschichtige Klanglandschaften übersetzt. Besonders »Some Other Time«, »In Some Secret Universe«, »The Weight of Heaven«, »Algebra of Unknowing« und das Titelstück überzeugen mit starken Stimmen, sorgfältiger Dynamik und einer außergewöhnlichen Gästeliste. Einige Steigerungen hätten etwas kompakter ausfallen dürfen, doch unter dem liminalen Himmel beginnt für Jaime Gomez Arellano und Daniel Knight ein äußerst vielversprechendes neues Kapitel.

Official Video: Some Other Time

Official Music Video: A Solitary Future

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Liminal Sky - All Tomorrow's Darkness - CD Review

Entgeist – Welk

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Band: Entgeist 🇩🇪
Titel: Welk
Label: Independent
VÖ: 26.06.2026
Format: Digipak CD / limitierte Holzbox / Digital
Genre: Modern Black Metal / Blackened Death Metal / Post-Black Metal

Tracklist

01. Am Rande der Finsternis
02. Gefangen in der Zeit
03. Auserzählt
04. Imperfektion
05. Lethargie weicht Wut
06. Fatigue
07. Fassade
08. Ein Flammenmeer
09. Verwelkt
10. Funkenspiel

Besetzung

Tim – Gesang
Sergej – Gitarre
Lars Mensis – Rhythmusgitarre
Randy Lee Liberty – Bass
Godvaser – Schlagzeug

Produktion:
Aufgenommen im Winter 2025 in Heilbronn
Mixing und Mastering – Iguana Studios
Artwork – Entgeist

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Moderner Black Metal, Blackened Death Metal und die urbane Trostlosigkeit des Post-Black Metal bilden das Fundament von »Welk«, dem zweiten Langspieler der Heilbronner Band Entgeist. Veröffentlicht wurde das Album am 26. Juni 2026 in Eigenregie, erhältlich ist es digital, als Digipak-CD und in einer limitierten Holzbox. Vier Jahre nach »Res Gestae« klingt das Quintett schärfer, technischer und deutlich kompromissloser. Gleichzeitig haben Entgeist ihr Gespür für melancholische Melodien, dramatische Spannungsbögen und deutschsprachige Texte weiterentwickelt. Die zehn Stücke handeln von Selbstentfremdung, psychischem Zerfall, urbaner Isolation und einer Umwelt, die ebenso langsam verwelkt wie die Menschen, die sich in ihr bewegen. Das ist kein romantisch verklärter Waldspaziergang unter Vollmond. »Welk« spielt zwischen Beton, Neonlicht, zerbrochenem Glas und den Resten eines Lebens, das sich selbst kaum noch erträgt.

Full Album Playlist: Welk

DIE FINSTERNIS KOMMT NICHT AUS DEM WALD

»Am Rande der Finsternis« eröffnet das Album mit einer kurzen Anspannung, bevor Schlagzeug und Gitarren nahezu gleichzeitig durch die Tür brechen. Entgeist setzen nicht auf ein minutenlanges Ambient-Vorspiel, sondern werfen die Hörerschaft unmittelbar in ein Geflecht aus Blastbeats, tremolierenden Melodien, dissonanten Akkorden und kantigen Unterbrechungen. Godvaser spielt schnell, aber nicht blind. Seine Wirbel und Doublebass-Figuren folgen den Gitarren eng, lassen zwischen den Attacken jedoch genügend Raum für abrupte Tempowechsel.

Tim steht mit seinem scharf artikulierten Keifen weit vorn. Seine Stimme besitzt genügend Kontur, damit die deutschen Texte trotz der extremen Artikulation verständlich bleiben. Das ist wichtig, denn Entgeist verwenden Sprache nicht als austauschbare Klangfarbe. Der Opener schildert einen Menschen, dessen verborgene Ängste während einer Sonnenfinsternis offenbrechen. Das vorübergehende Verschwinden des Lichts wird zum Auslöser einer inneren Entblößung.

Die Gitarren von Sergej und Lars Mensis verbinden schneidende Black-Metal-Läufe mit rhythmisch versetzten Death-Metal-Figuren. Melodie und Dissonanz arbeiten nicht gegeneinander, sondern ziehen den Song in unterschiedliche Richtungen. Dadurch bleibt der Einstieg trotz seiner hohen Geschwindigkeit nachvollziehbar.

»Gefangen in der Zeit« legt anschließend noch entschlossener nach. Zigaretten, Medikamente, abgestandene Räume und ein Mensch, über den die Außenwelt hinwegsteigt, bilden das graue Zentrum des Textes. Musikalisch setzen Entgeist dazu einen schwereren Groove, der von kurzen Blastbeat-Eruptionen zerrissen wird. Besonders Randy Lee Libertys Bass verleiht dem Stück zusätzliche Tiefe. Er folgt nicht permanent der Rhythmusgitarre, sondern schiebt sich in den langsameren Abschnitten hörbar zwischen die Akkorde.

AUSERZÄHLT, ABER NOCH NICHT VERSTUMMT

»Auserzählt« formuliert einen der stärksten Texte des Albums. Ein Mensch sitzt vor einem leeren Blatt und erkennt in jeder möglichen Geschichte nur noch eine Wiederholung bereits erzählter Gedanken. Kreative Erschöpfung, Nutzlosigkeit und der Eindruck, dem eigenen Leben nichts Bedeutendes mehr hinzufügen zu können, werden ohne mystische Tarnung ausgesprochen.

Die Musik reagiert mit einem Wechsel aus technisch präzisem Death Metal und weiter geöffneten Post-Black-Metal-Flächen. Das erste Drittel ist eng getaktet, mit Stakkato-Riffs, schnellen Stopps und kontrollierter Rhytmusarbeit. Anschließend lassen die Gitarren Akkorde länger stehen. Aus der mechanischen Verkrampfung entsteht eine melancholische Weite, die den Text nicht auflöst, sondern seine Leere vergrößert.

Tim schreit hier nicht permanent auf maximaler Intensität. Einzelne Zeilen werden stärker betont, andere nahezu resigniert ausgespuckt. Dadurch entsteht eine erkennbare Dramaturgie. Der Gesang erzählt tatsächlich, anstatt lediglich über dem Instrumental zu liegen.

»Imperfektion« ist unruhiger. Die Band springt zwischen Blastbeats, dissonanten Gitarrenwänden und kurzen, fast breakdownartigen Einschüben. Inhaltlich geht es um Angst vor der Außenwelt, selbstzerstörerische Gedanken und die Unfähigkeit, sich von vergangenen Beziehungen zu lösen. Entgeist vermeiden dabei jede romantische Verklärung. Die Bilder aus verdreckten Wohnungen, Glasscherben und schwitzenden Menschenmassen wirken konkret, unangenehm und nah.

Die Gitarrenarbeit besitzt in diesem Stück einen beinahe nervösen Charakter. Sergej setzt hohe, flirrende Linien über die massiven Akkorde von Lars Mensis. Die beiden Instrumente ergänzen sich, ohne zu einem einzigen verzerrten Block zu verschmelzen. Gerade diese Trennung macht die komplexeren Passagen wirksam.

WENN LETHARGIE IN GEWALT UMSCHLÄGT

Bei »Lethargie weicht Wut« nehmen Entgeist zunächst Tempo heraus. Das Schlagzeug wird schwerer, die Gitarren bewegen sich schleppend und der Bass erhält zusätzlichen Raum. Der Titel beschreibt bereits die Struktur: Aus Erstarrung wächst langsam Aggression, bis die angestaute Energie im letzten Abschnitt vollständig hervorbricht.

Die Komposition gehört zu den stärksten Momenten des Albums, weil Musik und Text nicht nur thematisch nebeneinanderstehen. Der Aufbau übersetzt den psychischen Zustand direkt in Klang. Die ersten Minuten wirken niedergedrückt und kraftlos. Danach verdichten sich die Rhythmen, der Gesang wird schärfer und das Schlagzeug treibt die Gitarren in eine abrupte Eskalation.

Das nur gut einminütige »Fatigue« dient anschließend als instrumentale Zäsur. Statt belangloser Geräuschkulisse liefert die Band ein kurzes Übergangsstück, das den Druck reduziert, ohne die Atmosphäre vollständig aufzugeben. Die Funktion ist klar: Nach der Explosion von »Lethargie weicht Wut« benötigt das Album einen Moment, in dem sich die Spannung neu sammeln kann.

Mit »Fassade« kehrt die volle Besetzung zurück. Weiße Küchenfliesen, zerbrochenes Geschirr, leere Straßenzüge und bröckelnde Häuserwände werden zu Bildern einer Kommunikation, die nicht mehr stattfindet. Das Stück arbeitet mit einem markanten Wechsel zwischen schnellen Attacken und schweren, beinahe marschierenden Passagen.

Godvaser liefert hier eine besonders kontrollierte Leistung. Seine Blastbeats besitzen Druck, doch die langsameren Abschnitte wirken nicht wie bloße Übergänge. Er setzt Akzente auf Becken und Toms, die das Riffing strukturieren und den Song auch bei niedrigerem Tempo in Bewegung halten.

DIE STADT BRENNT, ABER NIEMAND SIEHT HIN

»Ein Flammenmeer« erweitert die persönliche Perspektive um gesellschaftliche und apokalyptische Bilder. Ein Wohnblock erscheint als gestapeltes Massengrab, während Einsamkeit hinter Mauern, Dämmung und geschlossenen Fenstern wächst. Der Text greift zudem ein Motiv aus H. P. Lovecrafts Erzählung »The Music of Erich Zann« auf und verbindet kosmische Leere mit einer sehr realen Stadtlandschaft.

Musikalisch gehört der Song zu den dichtesten Stücken. Die Gitarren schichten disharmonische Akkorde, melodische Läufe und kurze rhythmische Ausbrüche übereinander. Randy Lee Liberty verhindert mit einem warmen, gut hörbaren Bassklang, dass die tiefen Frequenzen vollständig von den Rhythmusgitarren verschluckt werden.

Der Song besitzt keine klassische Hook, entwickelt aber mehrere wiederkehrende Motive. Besonders die Verbindung aus hektischen Strophen und einer breiter angelegten Schlussphase überzeugt. Das Flammenmeer ist keine rein fantastische Katastrophe. Es steht ebenso für Krieg, Klimazerstörung und die Gleichgültigkeit einer Gesellschaft, die Warnzeichen erst wahrnimmt, wenn die Luft bereits nicht mehr zu atmen ist.

»Verwelkt« überträgt den Albumtitel auf Natur und menschliche Identität. Ein ausgehöhlter Baum, abgetrennte Wurzeln und fallendes Laub stehen für den Verlust von Halt und Zugehörigkeit. Die Band spielt hier melodischer, ohne in gefälligen Post-Black-Metal-Schönklang abzurutschen.

Die Gitarrenlinien wirken klagend, bleiben aber von scharfen Akkorden und aggressiven Schlagzeugpassagen eingerahmt. Gerade diese Spannung macht den Titel zu einem der emotionalsten Stücke des Albums. Entgeist zeigen, dass Melancholie nicht automatisch Weichzeichnung bedeuten muss. Selbst die weit geöffneten Passagen behalten Widerhaken.

FUNKEN ÜBER EINER HEIMATLOSEN WELT

Mit fast sieben Minuten ist »Funkenspiel« der längste Titel und ein konsequenter Abschluss. Grauer Dunst, Oberleitungen, verlassene Landschaften und Menschen, die nur noch verschwommen aneinander vorbeiziehen, bilden ein letztes Panorama der Entfremdung. Heimat erscheint nicht als geografischer Ort, sondern als innerer Zustand – und genau dieser ist verloren gegangen.

Das Stück beginnt kontrolliert und lässt die Gitarren zunächst einzelne Motive entwickeln. Nach und nach wächst daraus eine komplexe Komposition aus Blastbeats, melodischen Passagen und schweren rhythmischen Verschiebungen. Anders als einige progressive Extreme-Metal-Bands verlieren Entgeist dabei nicht den emotionalen Kern aus den Augen. Die Technik bleibt Mittel zum Zweck.

Sergej und Lars Mensis bauen das Finale aus mehreren Ebenen auf. Eine Gitarre hält die kantige Rhythmusfigur, während die andere darüber eine melodische Linie entwickelt, die immer wieder von Dissonanzen beschädigt wird. Godvaser reagiert mit Tempowechseln, ohne den Song in einzelne Fragmente zu zerlegen. Der Bass bindet die verschiedenen Abschnitte zusammen.

Der Schluss liefert keine Erlösung. Das Album endet nicht mit einem triumphalen Akkord und auch nicht mit einer künstlich verlängerten Rückkopplung. Entgeist lassen ihre Figuren dort zurück, wo sie während der vergangenen 51 Minuten standen: zwischen Bewegung und Stillstand, umgeben von einer Welt, die weiterläuft, obwohl im Inneren längst alles zum Erliegen gekommen ist.

TECHNIK MIT OFFENEN WUNDEN

Die instrumentale Leistung ist hoch, wird aber nicht zur sterilen Vorführung. Godvaser beherrscht die abrupten Wechsel zwischen Blastbeats, Doublebass, schweren Grooves und kurzen Pausen. Sein Spiel klingt präzise, ohne programmiert zu wirken. Besonders bei »Gefangen in der Zeit« und »Lethargie weicht Wut« zeigt sich, dass er nicht ausschließlich Geschwindigkeit liefern kann.

Sergej und Lars Mensis teilen ihre Aufgaben sinnvoll. Die Rhythmusgitarre erzeugt Druck und Struktur, während die Leadgitarre melodische Gegenbewegungen, Dissonanzen und atmosphärische Flächen beisteuert. Gelegentlich häufen sich allerdings so viele Ideen innerhalb kurzer Zeit, dass ein starkes Motiv kaum Gelegenheit bekommt, seine volle Wirkung zu entfalten.

Randy Lee Libertys Bass ist im Mix präsent genug, um nicht nur als tiefes Fundament wahrgenommen zu werden. Seine Linien geben den komplexeren Arrangements zusätzlichen Zusammenhalt. Vor allem dort, wo die Gitarren auseinanderdriften, hält er die Stücke auf Kurs.

Tim liefert eine intensive und erfreulich verständliche Gesangsleistung. Sein Keifen wirkt wütend, verzweifelt und stellenweise beinahe erschöpft. Eine größere Variation zwischen hohen Schreien und tieferen Stimmlagen hätte einzelne Songs noch stärker voneinander abheben können. Die konsequente Schärfe passt jedoch zur inhaltlichen Ausrichtung.

IGUANA STUDIOS VERMEIDEN DEN PLASTIKPANZER

Aufgenommen wurde »Welk« im Winter 2025 in Heilbronn, Mixing und Mastering entstanden in den Iguana Studios. Die Produktion ist modern, druckvoll und klar, aber nicht klinisch. Gitarren und Schlagzeug besitzen genügend Schärfe, während der Bass auch in den schnellsten Passagen hörbar bleibt.

Die Blastbeats wirken kompakt und präzise, ohne vollständig glattgezogen zu sein. Besonders die Becken behalten einen natürlichen Charakter. Die Gitarren sind breit angelegt, lassen aber ausreichend Platz für Leadlinien und Bassbewegungen. Tims Stimme steht deutlich über dem Instrumental, ohne wie ein nachträglich aufgelegter Fremdkörper zu klingen.

In den dichtesten Momenten stößt die Mischung gelegentlich an ihre Grenzen. Mehrere Gitarrenspuren, schnelle Drums und der scharf platzierte Gesang verdichten sich dann zu einer nahezu geschlossenen Wand. Das unterstützt zwar die aggressive Wirkung, verschluckt aber einzelne Feinheiten. Insgesamt findet die Produktion dennoch eine überzeugende Balance zwischen moderner Durchsetzungskraft und schwarzmetallischer Rauheit.

MODERNE, DIE IHRE WURZELN NICHT VERLEUGNET

Entgeist spielen keinen traditionellen Black Metal im engeren Sinne. Die Band verwendet Blastbeats, Tremoloriffs und schneidenden Gesang, verbindet diese Elemente jedoch mit technischem Death Metal, modernen Breaks und atmosphärischem Post-Black Metal. Vergleiche mit Der Weg einer Freiheit, Thormesis, Harakiri For The Sky oder der progressiveren Seite von Groza liegen nahe, erklären das Album aber nur teilweise.

Die Eigenständigkeit entsteht vor allem durch die deutschsprachigen Texte. Entgeist benötigen keine mittelalterlichen Schlachtfelder, heidnischen Kultstätten oder satanischen Zeremonien. Ihre Hölle besteht aus Küchenfliesen, Medikamenten, verrauchten Zimmern, anonymen Wohnblöcken und der Unfähigkeit, anderen Menschen in die Augen zu sehen.

Nicht jede Passage ist vollständig neu. Einige melodische Steigerungen und Wechsel aus Blastbeat und offenem Akkord gehören inzwischen zum festen Vokabular des modernen Black Metal. Entgeist gleichen diese Vertrautheit mit technischer Präzision, einer konsequenten Bildsprache und einem bemerkenswert geschlossenen Albumaufbau aus.

FAZIT:

»Welk« ist ein hart geschnittenes, modernes Black-Metal-Album, das technische Präzision nicht mit emotionaler Kälte verwechselt. Entgeist verbinden dissonante Gitarren, kontrollierte Raserei und melancholische Melodien mit Texten, die inmitten urbaner Verwahrlosung nach den letzten Resten menschlicher Identität suchen. Einige Arrangements könnten ihren stärksten Motiven etwas mehr Raum geben, doch Stücke wie »Auserzählt«, »Lethargie weicht Wut«, »Ein Flammenmeer« und »Verwelkt« besitzen Substanz, Schärfe und eine nachhaltige Wirkung. Hier verwelkt nichts geräuschlos.

Official Lyric Video: Auserzählt

Internet

Entgeist - Welk - Album Review

Avarice – Perpetual Ruin

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Band: Avarice 🇩🇰
Titel: Perpetual Ruin
Label: Mighty Music
VÖ: 19.06.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Melodic Death Metal / Thrash Metal / Groove Metal / Hardcore

Tracklist

01. Beyond the Grave – 05:17
02. Underling – 03:45
03. Empires of Sand – 04:19
04. Tyrannicide – 04:42
05. New Age of Enslavement – 03:19
06. The Bacchanalia – 04:07
07. Enter the Arena – 04:00
08. Cult of the Forgotten God – 04:19
09. Nature Prevails – 03:28
10. The Wolf King – 04:05

Besetzung

Anders Sinding – Gesang
Jens H. – Gitarre
Troels Rasmussen – Gitarre
Emil Stephansen – Bass
Troels Lund-Sørensen – Schlagzeug

Produktion:
Produktion, Mixing und Mastering – Chris Kreutzfeldt

Physische Ausgaben:
Digipack-CD mit zwölfseitigem Booklet
Schwarze Vinyl-Ausgabe mit farbigem Einleger

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Gier, Macht, Aufstieg und unausweichlicher Niedergang: Bereits der Bandname Avarice – zu Deutsch Habgier – passt hervorragend zu einem Album, das den menschlichen Hang zur Selbstzerstörung über zehn Stücke hinweg untersucht. »Perpetual Ruin« ist das zweite vollständige Studioalbum der dänischen Formation und folgt drei Jahre nach dem selbstbetitelten Debüt. Veröffentlicht wird die Platte über Mighty Music. Musikalisch verbinden Avarice klassischen Death- und Thrash Metal mit schwedischen Melodien, schweren Groove-Riffs und der körperlichen Direktheit des Hardcore. Das Ergebnis klingt modern, druckvoll und auf die Bühne ausgerichtet, ohne seine Wurzeln bei Sepultura, Slayer, Machine Head, The Haunted und At The Gates zu verleugnen. Inhaltlich kreisen die Stücke um vergessene Reiche, politische Unterwerfung, Gewaltherrschaft, moralischen Verfall und jene wiederkehrenden Mechanismen, durch die Menschen ihre Zivilisationen errichten, ausbeuten und schließlich selbst zu Fall bringen.

Full Album Stream: Perpetual Ruin

JENSEITS DES GRABES BEGINNT DER GROOVE

»Beyond the Grave« eröffnet das Album zunächst mit ruhigen Gitarren. Der beinahe friedliche Einstieg hält jedoch nicht lange an. Verzerrte Akkorde, schwere Drums und ein rhythmisch versetztes Hauptriff verwandeln die Atmosphäre innerhalb weniger Augenblicke in einen massiven Groove-Metal-Angriff.

Troels Lund-Sørensen setzt nicht sofort auf permanente Doublebass, sondern arbeitet mit schweren, beinahe tribalartigen Schlägen. Dadurch erhält die Komposition eine körperliche Bewegung, die deutlich an die wuchtigeren Seiten von Sepultura und Lamb Of God erinnert. Die Gitarren von Jens H. und Troels Rasmussen greifen diese Rhythmik auf und verdichten sie zu einer breiten Wand.

Über dem Instrumental steht der raue Gesang von Anders Sinding. Seine Stimme bewegt sich zwischen tiefen Death-Metal-Growls und aggressiven Schreien. Die verschiedenen Lagen werden gezielt eingesetzt und verhindern, dass der Vortrag über die gesamte Spielzeit in derselben Tonhöhe verharrt.

Mit mehr als fünf Minuten ist der Opener zugleich das längste Stück. Avarice nutzen die zusätzliche Zeit für mehrere Tempowechsel und melodische Gitarrenpassagen. Trotzdem wirkt »Beyond the Grave« nicht überladen. Die einzelnen Abschnitte führen nachvollziehbar ineinander und stellen nahezu sämtliche Bestandteile vor, die das Album anschließend weiter ausarbeitet.

»Underling« setzt stärker auf langsame, abgehackte Riffs. Der Song behandelt selbst auferlegte Unterwerfung und die Bereitschaft, das eigene Potenzial aus Angst oder Bequemlichkeit nicht auszuschöpfen. Die Musik vermittelt dieses Gewicht durch schleppende Übergänge und kurze melodische Doppelgitarren.

Gerade die Verbindung aus Groove und Melodie funktioniert überzeugend. Das Hauptriff besitzt genügend Einfachheit, um sofort zu wirken, während die harmonisierten Gitarren für zusätzliche Tiefe sorgen. Der Song ist keine technische Demonstration, sondern ein bewusst kompakter Schlag in die Magengrube.

REICHE AUS SAND UND DER MORD AM TYRANNEN

»Empires of Sand« bildet den thematischen Mittelpunkt. Der Titel beschreibt Reiche, die auf Ehrgeiz, Gewalt und der Illusion dauerhafter Macht aufgebaut werden. Was scheinbar für die Ewigkeit geschaffen wurde, zerfällt letztlich ebenso zuverlässig wie eine Festung aus Sand.

Musikalisch arbeitet das Stück geradliniger als der Opener. Die Gitarren treiben nach vorn, der Rhythmus bleibt straff und Anders Sinding führt mit klar gesetzten Phrasen durch die Komposition. Ein melodischer Mittelteil erweitert den ansonsten kompromisslosen Angriff, ohne die Spannung aufzulösen.

Avarice formulieren keine konkrete historische Abhandlung. Antike Reiche und gefallene Herrscher dienen als Spiegel für gegenwärtige Machtstrukturen. Die Menschheit verändert ihre Werkzeuge, nicht aber zwangsläufig ihre destruktiven Instinkte.

Noch aggressiver fällt »Tyrannicide« aus. Der Titel bezeichnet die Tötung eines Tyrannen, und entsprechend angriffslustig präsentiert sich die Musik. Thrash-Riffs, schwere Groove-Unterbrechungen und melodische Leads werden zu einem der stärksten Stücke des Albums verbunden.

Die Gitarrenarbeit ist besonders geschlossen. Jens H. und Troels Rasmussen wechseln zwischen gemeinsamer Rhythmusarbeit und kurzen harmonisierten Linien. Emil Stephansen erhält am Bass genügend Raum, um die Übergänge mit zusätzlichen Bewegungen zu versehen, anstatt lediglich die tiefsten Gitarrentöne zu verdoppeln.

Der Refrain besitzt trotz des extremen Gesangs einen hohen Wiedererkennungswert. Doppelte Gesangsspuren verstärken einzelne Aussagen und verleihen dem Stück einen beinahe chorartigen Charakter. »Tyrannicide« zeigt besonders deutlich, dass Härte und Eingängigkeit keine Gegensätze sein müssen.

DAS NEUE ZEITALTER DER UNTERWERFUNG

»New Age of Enslavement« gehört mit knapp dreieinhalb Minuten zu den kürzeren Stücken. Die Band verzichtet auf einen langen Aufbau und setzt sofort mit einem schnellen Thrash-Riff ein. Der Hardcore-Einfluss tritt hier deutlicher hervor: kurze Gitarrenschläge, kompakte Breaks und ein Rhythmus, der unmittelbar auf den Moshpit zielt.

Der Titel lässt sich sowohl politisch als auch gesellschaftlich lesen. Moderne Unterwerfung benötigt nicht zwangsläufig sichtbare Ketten. Kontrolle kann ebenso durch Abhängigkeit, Angst, wirtschaftlichen Druck oder die freiwillige Aufgabe kritischen Denkens entstehen.

Die Direktheit steht dem Album gut. Nachdem die ersten vier Stücke mehrere melodische und rhythmische Entwicklungen aufgebaut haben, reduziert »New Age of Enslavement« die Formel auf ihre aggressivsten Bestandteile. Der Song gehört nicht zu den kompositorisch komplexesten Nummern, erfüllt innerhalb der Dramaturgie jedoch eine wichtige Funktion.

»The Bacchanalia« verändert anschließend die Atmosphäre. Der Titel verweist auf die antiken Festlichkeiten zu Ehren des römischen Gottes Bacchus, die für Rausch, Ekstase und den zeitweisen Verlust gesellschaftlicher Ordnung standen.

Die Gitarren greifen stellenweise klassischere Heavy-Metal-Harmonien auf. Gleichzeitig bleibt das rhythmische Fundament schwer und aggressiv. Dadurch entsteht ein interessanter Gegensatz zwischen beinahe feierlichen Melodien und einer Musik, die jederzeit in offene Gewalt umschlagen kann.

Das Stück arbeitet stärker mit mittlerem Tempo und braucht etwas länger, um seine Wirkung zu entfalten. Gerade diese Zurückhaltung verhindert jedoch, dass das Album nach fünf Tracks ausschließlich als Abfolge ähnlich angelegter Thrash- und Groove-Angriffe wahrgenommen wird.

DIE ARENA VERLANGT NACH BLUT

»Enter the Arena« zieht das Tempo wieder an. Das Riffing ist direkter, die Schlagzeugfiguren drängen nach vorn und der Gesang klingt besonders konfrontativ. Die Arena steht als Schauplatz für Unterhaltung, Macht und die kalkulierte Opferung Einzelner vor einem begeisterten Publikum.

Die Nummer besitzt eine deutliche Live-Ausrichtung. Die Übergänge sind klar, der Groove lässt ausreichend Raum für Bewegung und der Refrain dürfte sich ohne größere Anlaufzeit in einer Konzerthalle festsetzen. Dabei bleibt der Song hart genug, um nicht in eine bloße Mitgrölnummer abzudriften.

Troels Lund-Sørensen sorgt mit Tempowechseln dafür, dass der Angriff nicht geradlinig durchläuft. Kurze Doublebass-Schübe werden von schweren Schlägen und Breaks unterbrochen. Diese Wechsel geben den Gitarren zusätzlichen Druck.

»Cult of the Forgotten God« ist rhythmisch komplexer angelegt. Verschobene Schlagzeugakzente, Tom-Figuren und ungerade wirkende Übergänge erzeugen eine unruhige Atmosphäre. Der titelgebende Kult wird nicht mit symphonischen Chören oder ausgedehnten Ritualklängen illustriert. Die Bedrohung entsteht aus der Instrumentierung selbst.

Das Stück gehört zu den technisch interessanteren Momenten. Besonders das Zusammenspiel zwischen Schlagzeug und Gitarren fällt auf. Die Riffs werden mehrfach neu betont und wirken dadurch bei ihrer Wiederkehr nicht wie einfache Wiederholungen.

Anders Sinding nutzt verschiedene Gesangslagen. Tiefe Growls treffen auf schärfere Schreie, während einzelne Passagen durch gedoppelte Stimmen verbreitert werden. Diese vokale Variation verleiht dem dichten Arrangement zusätzliche Konturen.

DIE NATUR FORDERT IHR GEBIET ZURÜCK

»Nature Prevails« beginnt mit einem schnellen Stakkato-Angriff. Gitarren, Bass und Schlagzeug setzen nahezu gleichzeitig ein und erzeugen einen der härtesten Einstiege der Platte. Anschließend nehmen Avarice das Tempo zurück und wechseln in eine langsamere, beinahe lauernde Passage.

Dieser Kontrast bildet die Stärke der Nummer. Die Natur erscheint nicht als romantische Landschaft, sondern als gleichgültige Kraft, die menschliche Zivilisationen überdauert. Gebäude zerfallen, Grenzen verschwinden und sämtliche Vorstellungen von Kontrolle werden irgendwann durch Zeit und natürliche Prozesse korrigiert.

Musikalisch hätte der Song leicht in eine weitere geradlinige Thrash-Nummer kippen können. Die langsameren Strophen und die wechselnde Rhythmik verhindern das. Emil Stephansen bringt mit seinem Bass zusätzliche Bewegung in die reduzierten Abschnitte, während die Gitarren anschließend umso härter zurückkehren.

Das abschließende »The Wolf King« fällt aus dem bisherigen Rahmen. Neben Growls und Schreien setzt Anders Sinding kurzzeitig auf höhere, beinahe theatralische Stimmen, die Erinnerungen an King Diamond wecken.

Dieser Wechsel dürfte nicht jeden Hörer sofort überzeugen. Innerhalb des Albums ist er jedoch sinnvoll, weil er das Finale klar von den vorherigen Stücken abgrenzt. Die hohen Stimmen werden sparsam verwendet und übernehmen nicht die gesamte Komposition.

Gitarren und Schlagzeug bleiben im bekannten Spannungsfeld aus Thrash, Melodic Death und Groove Metal. Der Song beendet das Album nicht mit maximaler Geschwindigkeit, sondern mit einer breiteren und leicht unheimlichen Atmosphäre. Dadurch entsteht ein tatsächlicher Schluss, statt lediglich ein weiterer Angriff an die Trackliste angehängt zu werden.

FÜNF MUSIKER MIT GEMEINSAMEM ZIEL

Die größte Stärke von Perpetual Ruin liegt im geschlossenen Zusammenspiel. Kein Instrument wird dauerhaft als technische Hauptattraktion behandelt. Die Musiker ordnen ihre Fähigkeiten den Songs unter und setzen Virtuosität gezielt ein.

Jens H. und Troels Rasmussen bilden eine vielseitige Gitarrenfront. Schwere Groove-Riffs, schnelle Thrash-Akkorde und harmonisierte Melodien greifen ineinander. Die Leads sind präzise, werden aber nicht zu ausgedehnten Solovorführungen.

Emil Stephansen bleibt auch unter den dichten Gitarren hörbar. Besonders in den rhythmisch reduzierten Passagen liefert sein Bass eigene Bewegungen und verhindert, dass die tiefen Frequenzen vollständig von den Gitarren besetzt werden.

Troels Lund-Sørensen spielt kraftvoll und variabel. Er verwendet Doublebass und schnelle Thrash-Rhythmen, versteht aber ebenso die Wirkung langsamer, schwer gesetzter Schläge. Seine Leistung gibt den einzelnen Stücken jeweils eine eigene Bewegungsform.

Anders Sinding besitzt eine aggressive und vielseitige Stimme. Die Verbindung aus Growls, Schreien und den ungewöhnlichen hohen Passagen des Finales sorgt für Abwechslung. Nur gelegentlich nimmt der sehr präsente Gesang den Gitarren etwas Raum.

MODERNER DRUCK OHNE VOLLSTÄNDIGE GLÄTTUNG

Chris Kreutzfeldt, bekannt durch seine Arbeit mit Cabal, Møl und Ghost Iris, verantwortet Produktion, Mixing und Mastering. Das Album klingt entsprechend modern, breit und druckvoll.

Die Gitarren besitzen erhebliches Gewicht, bleiben aber klar genug, um melodische Doppelspuren und kurze Leads erkennen zu lassen. Die Bassdrum setzt sich deutlich durch, während Snare und Toms ausreichend Körper behalten. Auch der Bass wird nicht vollständig unter der Gitarrenwand begraben.

Der Klang ist stärker kontrolliert als bei einer rohen Old-School-Thrash-Produktion. Manche Übergänge wirken beinahe zu sauber und verlieren etwas von jener Gefahr, die ein weniger polierter Mix erzeugen könnte. Für die Verbindung aus Melodic Death, Groove Metal und Hardcore ist die moderne Produktion jedoch grundsätzlich passend.

Besonders positiv fällt die Dynamik innerhalb der Arrangements auf. Die Songs sind laut und massiv, bestehen aber nicht aus einer vollständig gleichförmigen Klangfläche. Ruhigere Einstiege, verlangsamte Strophen und melodische Gitarren erhalten genügend Platz, bevor die gesamte Band wieder einsetzt.

VOM STILLSTAND ZUR PERMANENTEN ZERSTÖRUNG

Avarice wurden bereits 2006 gegründet und erspielten sich innerhalb der dänischen Metal-Szene einen Namen. Nach einer langen Unterbrechung kehrte die Formation 2021 mit der EP »Reborn In Blood« zurück.

Das selbstbetitelte Debütalbum erschien 2023 und etablierte die heutige Verbindung aus Death Metal, Thrash, Melodie und Groove. »Perpetual Ruin« setzt diesen Weg fort, wirkt jedoch fokussierter und produktionstechnisch deutlich mächtiger.

Die Band besitzt noch nicht in jedem Stück eine vollständig unverwechselbare Handschrift. Vergleiche mit Sepultura, Machine Head, Slayer, Trivium und The Haunted drängen sich regelmäßig auf. Avarice übernehmen jedoch keine einzelne Vorlage vollständig, sondern kombinieren verschiedene Einflüsse zu einem schlüssigen Gesamtbild.

Gelegentlich ähneln sich die schweren Midtempo-Riffs und Groove-Breaks. Das Album gleicht diese Nähe durch melodische Passagen, wechselnde Tempi und das ungewöhnliche Finale aus. Mit 41 Minuten ist die Spielzeit zudem kompakt genug, um Ermüdungserscheinungen zu vermeiden.

FAZIT:

»Perpetual Ruin« ist ein kraftvolles zweites Album, auf dem Avarice Melodic Death Metal, Thrash, Groove und Hardcore zu einer modernen und bühnentauglichen Einheit verbinden. Besonders »Beyond the Grave«, »Tyrannicide«, »Cult of the Forgotten God« und »Nature Prevails« überzeugen, während einige ähnlich aufgebaute Midtempo-Riffs und die stellenweise sehr kontrollierte Produktion leichte Abzüge verursachen. Der ewige Kreislauf des Untergangs mag inhaltlich unausweichlich sein – musikalisch befinden sich die Dänen jedoch eindeutig im Aufstieg.

Internet

Avarice - Perpetual Ruin - CD Review

Entropist – The Vision

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Band: Entropist 🇺🇸
Titel: The Vision
Label: Independent
VÖ: 26.06.2026
Format: Digital
Genre: Progressive Metal / Progressive Death Metal / Djent

Tracklist

01. Intense Warmth
02. Devour Us
03. I Hunger
04. The Ritual
05. Desert Of Limbo
06. The Wandering
07. Creation
08. Revelation

Besetzung

Solomon Smith – Gitarre, Gesang
Will Vinson – Gitarre
Jeremy Smith – Bass
Matt Gleason – Schlagzeug
Parker Kitching – Gesang

Gastmusikerin:
Cecily Meade – Violine

Produktion:
Produktion, Mixing und Mastering – Jamie King
Artwork – Shannon Bortfeldt

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Progressive Metal, Djent, Deathcore und Progressive Death Metal verschmelzen auf »The Vision« zu einem über einstündigen Konzeptalbum, das von der Band in Eigenregie veröffentlicht wurde. Hinter dem Debüt stehen die aus Colorado stammenden Entropist, deren gemeinsame Geschichte bereits 2013 in Greeley begann. Nach Jahren des gemeinsamen Musizierens, einer zwischenzeitlichen Trennung und der späteren Wiedervereinigung entwickelte das Quintett ein Album, dessen acht Kompositionen wie Kapitel einer durchgehenden Erzählung funktionieren. Dämonen, himmlische Wesen und eine alles verschlingende Leere bilden die fantastische Ebene, während psychische Belastung, Isolation, Nihilismus und die Suche nach Bedeutung den menschlichen Gegenpol liefern. Produzent Jamie King bringt diese musikalisch wie inhaltlich ambitionierte Konstruktion in eine druckvolle Form, ohne die zahlreichen Details zwischen den massiven Gitarren freizulegen.

Official Lyric Video: Creation

WÄRME, DIE ZUM FLÄCHENBRAND WIRD

»Intense Warmth« eröffnet das Album mit einer sauberen Gitarrenfigur und mehrstimmigen Gesängen, die zunächst kaum erkennen lassen, welche Wucht wenige Augenblicke später folgen wird. Jeremy Smith setzt am Bass melodische Akzente, bevor Matt Gleasons Doublebass den Übergang in das zentrale Riff einleitet. Der Song steigert sich kontinuierlich, wechselt zwischen großen Akkorden, verschachtelten Rhythmen und einem massiven Breakdown und fällt schließlich wieder in eine ruhigere Schlussphase zurück.

Inhaltlich spricht hier eine Figur, die ihre bestehende Welt zunehmend ablehnt und von einer grundlegenden Veränderung träumt. Hoffnung und Unzufriedenheit stehen unmittelbar nebeneinander. Genau diesen Gegensatz bildet die Musik überzeugend ab: Die harmonischen Stimmen vermitteln zunächst Aufbruch, während die tiefer gestimmten Gitarren bereits andeuten, dass der Weg dorthin keineswegs friedlich verlaufen wird.

Solomon Smith und Will Vinson vermeiden es, die beiden Gitarren lediglich zu verdoppeln. Rhythmische Unisono-Passagen wechseln mit harmonisierten Linien und kurzen melodischen Gegenbewegungen. Dadurch bleibt die Komposition selbst während der dichtesten Abschnitte nachvollziehbar. Der Opener ist mit vier Minuten der kürzeste Titel des Albums, führt dessen zentrale Mittel aber ausgesprochen effizient ein.

DIE LEERE FORDERT IHREN PREIS

»Devour Us« beginnt mit akustischer Gitarre und einem Violinenbeitrag von Cecily Meade. Die Violine dient nicht nur als dekoratives Intro, sondern schafft einen melancholischen Ausgangspunkt, von dem aus die Band in technisch anspruchsvollere Bereiche wechselt. Gitarren und Bass springen zwischen gemeinsamen Figuren und gegeneinander verschobenen Linien, während Gleason selbst komplizierte Taktwechsel mit bemerkenswerter Übersicht zusammenhält.

Die Stimmen von Parker Kitching und Solomon Smith werden sowohl im Wechsel als auch gemeinsam eingesetzt. Klargesang, Schreie und tiefere Growls markieren unterschiedliche emotionale Zustände, anstatt lediglich möglichst viele Gesangstechniken vorzuführen. Der Text verbindet die fantastische Vorstellung einer herbeigerufenen Leere mit realen Erfahrungen von Isolation, Monotonie und empfundener Vergeblichkeit.

Im letzten Drittel beschleunigt die Band und streift kurz den Thrash Metal, bevor Vinson ein präzise formuliertes Solo übernimmt. Die vielen Richtungswechsel wirken nicht beliebig, weil ein düsteres harmonisches Grundmotiv erhalten bleibt. Dennoch verlangt der Song Aufmerksamkeit. Wer beim ersten Durchlauf einen leicht erfassbaren Refrain erwartet, dürfte von der Informationsdichte zunächst überfordert sein.

Noch schwerer fällt »I Hunger« aus. Die Stimme der alles verschlingenden Leere erhält einen langsamen, tief gestimmten und weitgehend melodiefreien Klangkörper. Drums und Gesang treiben das Stück stärker als die Gitarren, die vor allem eine bedrohliche Wand errichten. Auf unnötige Virtuosität wird verzichtet. Jeder Schlag, jedes abgebrochene Riff und jede Pause dient der Vorstellung einer Kraft, die nicht diskutiert oder verhandelt, sondern ausschließlich konsumiert.

Kitching liefert hier eine seiner stärksten Leistungen. Seine tiefen Laute bleiben kontrolliert, besitzen aber genügend Rauheit, um nicht nach steriler Studioarbeit zu klingen. Die Konsequenz des Arrangements macht »I Hunger« zum härtesten Titel der Platte. Gleichzeitig verhindert die überschaubare Laufzeit, dass sich das zentral gesetzte Motiv abnutzt.

EIN RITUAL OHNE SICHEREN AUSGANG

Mit »The Ritual« beginnt der experimentellere Mittelteil. Unruhige Akkorde, fremdartige Geräusche und eine zunächst schwer einzuordnende Atmosphäre führen in eine schnelle Passage aus Blastbeats, technischen Gitarrenfiguren und aggressivem Wechselgesang. Entropist verbinden hier die rhythmische Strenge des Djent mit der Unberechenbarkeit progressiver Kompositionsformen.

Der zentrale Breakdown ist stark synkopiert, ohne ausschließlich als vorhersehbarer Höhepunkt zu funktionieren. Anschließend reduziert die Band die Intensität deutlich. Jeremy Smith hält mit einer nachdenklichen Bassfolge das harmonische Fundament, während mehrstimmige Gesänge einen beinahe schwebenden Kontrast bilden. Der Bass übernimmt auf dem gesamten Album eine ungewöhnlich aktive Rolle. Er verstärkt nicht nur die tiefen Gitarren, sondern führt Übergänge ein, setzt melodische Gegenstimmen und gibt den offeneren Passagen eine eigene Richtung.

Inhaltlich behandelt »The Ritual« das Unbehagen, zufällig am falschen Ort und zur falschen Zeit in einen Vorgang hineingezogen zu werden, dessen Folgen nicht mehr kontrollierbar sind. Die Komposition bildet diese Unsicherheit durch abrupte Veränderungen ab. Manche Übergänge wirken beim ersten Hören beinahe absichtlich sperrig, ergeben im Zusammenhang des Albums aber eine klare dramaturgische Funktion.

VERLOREN IN DER WÜSTE DES LIMBUS

»Desert Of Limbo« entfernt sich am weitesten von klassischen Metal-Strukturen. Eine ruhige Passage in einem ungeraden Takt eröffnet den Song, während experimentelle Gesangsharmonien und eigenständige Bassbewegungen eine zugleich angenehme und unterschwellig instabile Atmosphäre erzeugen. Aus dieser scheinbaren Ruhe bricht unvermittelt ein schwerer Rhythmus hervor.

Die Band wechselt zwischen Tapping, komplexem Chugging, Echoeffekten, Duellsoli sowie einem reduzierten Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug. Trotz der technischen Anforderungen bleibt die Musik emotional lesbar. Das Stück handelt davon, sich in den Anforderungen und Abzweigungen des Lebens zu verlieren, dabei aber gerade durch diese Wege eine eigene Identität zu entwickeln.

Hier zeigt sich eine der größten Stärken von Entropist: Die Musiker behandeln Komplexität nicht als Selbstzweck. Matt Gleason kann die Taktarten mehrfach verändern, ohne dass der Groove vollständig verschwindet. Jeremy Smith spielt kleine Bassläufe, die sich deutlich von den Gitarren lösen. Vinson und Solomon Smith wechseln zwischen rhythmischer Präzision und melodischer Freiheit.

Nicht jede Passage ist gleichermaßen zwingend. Vor allem der Übergang zwischen den Soli und dem langsamen Breakdown hätte etwas kompakter ausfallen können. Die enorme Zahl an Ideen sorgt an dieser Stelle kurzzeitig dafür, dass der eigentliche emotionale Schwerpunkt aus dem Blick gerät. Der abschließende Aufbau aus großen Akkorden und harmonisierten Stimmen führt den Song jedoch überzeugend zusammen.

DIE RHYTHMUSGRUPPE DARF WANDERN

»The Wandering« ist das einzige reine Instrumentalstück des Albums. Die Musiker nutzen es nicht als technische Leistungsschau ohne Zusammenhang, sondern als Bindeglied zwischen der dunkleren ersten Hälfte und dem aufwärtsgerichteten Schlusskapitel. Bassfiguren, Gitarrenharmonien, ungewöhnliche Akkordwechsel und wechselnde Taktarten greifen ineinander, ohne einer Gesangslinie Platz freihalten zu müssen.

Besonders Gleason und Jeremy Smith profitieren von dieser Freiheit. Die Rhytmussektion setzt zahlreiche kleine Akzente, die bei weniger aufmerksamer Produktion leicht unter den Gitarren verschwunden wären. Gleason beschränkt sich nicht auf das präzise Abzählen komplizierter Muster. Sein Spiel besitzt Dynamik, reagiert auf die Soli und kann innerhalb weniger Takte von kontrollierter Zurückhaltung zu energischem Vorwärtsdrang wechseln.

Die Gitarristen teilen sich Melodie- und Rhythmusaufgaben ausgewogen. Harmonische Läufe werden von kantigen Figuren unterbrochen, während einzelne Passagen Raum für improvisatorische Variationen lassen. Dass der Song trotz dieser Freiheit nicht auseinanderfällt, spricht für die lange gemeinsame Entwicklung des Materials.

Als eigenständige Komposition funktioniert »The Wandering« gut, seine volle Bedeutung erhält das Stück jedoch innerhalb der Albumabfolge. Nach den düsteren Themen von »I Hunger« und »The Ritual« schafft es Bewegung, ohne bereits die Erlösung des letzten Abschnitts vorwegzunehmen.

DIE ERSCHAFFUNG EINER NEUEN WELT

Mit »Creation« verändert sich die emotionale Ausrichtung deutlich. Helle Akkorde, melodische Gitarren und ein energisches Schlagzeugspiel markieren den Beginn des letzten Erzählbogens. Statt ausschließlich auf Vernichtung und Leere zu reagieren, geht es nun darum, etwas Eigenes aufzubauen und der Welt eine neue Bedeutung zu geben.

Parker Kitching beginnt vergleichsweise ruhig, während Vinson eine melodische Figur über dem perkussiven Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug entwickelt. Daraus entsteht ein treibender Abschnitt, in dem breite Akkorde und Djent-Rhythmen miteinander verbunden werden. Der große Refrain gehört zu den eingängigsten Momenten der Platte. Klargesang und harmonisierte Stimmen vermitteln einen beinahe triumphalen Charakter, ohne dass die Band ihre Härte aufgibt.

Der anschließende Breakdown zählt zu den massivsten Abschnitten des Albums. Seine Wirkung entsteht vor allem durch den Kontrast zum melodischen Refrain. Entropist behandeln Härte hier nicht als Gegenteil von Hoffnung. Die schwere Rhythmik wird zum Ausdruck einer Entscheidung, gegen Stillstand und Bedeutungslosigkeit anzukämpfen.

Vinson setzt danach ein melodisches Solo, das den harmonischen Verlauf des Refrains aufnimmt und weiterführt. Das Stück endet mit schweren Rhythmen und mehrstimmigen Rufen. Obwohl »Creation« fast neun Minuten dauert, besitzt es einen klaren Aufbau und einen erkennbaren Zielpunkt. Es gehört zu den vollständigsten Kompositionen des Albums.

VIERZEHN MINUTEN OFFENBARUNG

Das abschließende »Revelation« ist mit mehr als 14 Minuten die längste und anspruchsvollste Nummer. Die Komposition greift melodische, rhythmische und textliche Motive der vorherigen Stücke erneut auf und führt beide Ebenen des Konzeptes zusammen. Die Offenbarung besteht nicht in einer einfachen göttlichen Antwort, sondern in der Erkenntnis, persönliche Fehler, innere Leere und äußere Widerstände überwinden zu können.

Die Band nimmt sich ausreichend Zeit, um den Spannungsbogen aufzubauen. Triumphale Gitarrenharmonien wechseln mit komplexem Chugging, technischen Drum-and-Bass-Passagen, melodischen Refrains und aggressiven Ausbrüchen. Die wiederkehrenden Motive sorgen dafür, dass der Song trotz seiner Länge nicht wie eine lose Folge verschiedener Riffs wirkt.

Kitching und Solomon Smith zeigen hier ihre größte vokale Bandbreite. Klargesang, mehrstimmige Harmonien, Screams und Growls stehen nicht getrennt nebeneinander, sondern kommentieren unterschiedliche Perspektiven der Geschichte. Die helleren Stimmen verkörpern Erkenntnis und Selbstbestimmung, während die aggressiven Passagen den vorausgegangenen Kampf nicht vergessen lassen.

Der Mittelteil könnte etwas straffer gestaltet sein. Einige technische Figuren verlängern die Reise, ohne den dramatischen Verlauf wesentlich zu verändern. Das emotionale Finale gleicht diese leichte Überdehnung jedoch aus. Große Akkorde, wiederkehrende Gesangsmotive und ein kontrollierter Schluss geben dem Album einen Abschluss, der tatsächlich vorbereitet und verdient wirkt.

TECHNIK IM DIENST DER ERZÄHLUNG

Die instrumentale Leistung ist durchgehend hoch. Solomon Smith und Will Vinson beherrschen tief gestimmte Präzisionsarbeit ebenso wie melodische Soli, saubere Passagen und harmonisierte Leads. Entscheidend ist jedoch ihre Bereitschaft, nicht jeden freien Raum mit Gitarren zu besetzen. Besonders in »Devour Us«, »Desert Of Limbo« und »Creation« erhalten Bass, Violine und Stimmen genügend Platz.

Jeremy Smith ist einer der wichtigsten Faktoren für die Eigenständigkeit des Materials. Sein Bass wird nicht als bloße Verstärkung der Gitarren behandelt. Er übernimmt Melodien, führt durch Taktwechsel und bildet gemeinsam mit Gleason eine bewegliche Grundlage. Gleason wiederum verbindet technische Präzision mit ausreichend Dynamik. Selbst bei komplexen Rhythmen klingt sein Spiel nicht programmiert oder mechanisch.

Parker Kitching und Solomon Smith ergänzen sich wirkungsvoll. Kitching bringt die extremsten und zugleich einige der melodischsten Momente ein, während Smith als zusätzliche Stimme Übergänge, Wechselgesänge und mehrstimmige Arrangements ermöglicht. Gelegentlich wäre eine stärkere Trennung der verschiedenen Gesangsebenen hilfreich gewesen. In besonders dichten Passagen lassen sich die Stimmen nicht immer sofort auseinanderhalten.

JAMIE KING HÄLT DIE VIELEN IDEEN ZUSAMMEN

Die Produktion von Jamie King bewältigt eine schwierige Aufgabe. Tiefe Gitarren, aktive Basslinien, komplexes Schlagzeug, mehrere Gesangsschichten und der Violinenbeitrag müssen ausreichend Gewicht erhalten, ohne sich gegenseitig vollständig zu verdecken. Das gelingt überwiegend hervorragend.

Die Gitarren besitzen Druck und Klarheit, wirken aber nicht übermäßig geglättet. Gleasons Schlagzeug klingt präzise und kraftvoll, während die Bassdrum auch in den schnellen Passagen nachvollziehbar bleibt. Besonders positiv fällt die Präsenz des Basses auf. Jeremy Smiths Spiel wird nicht im unteren Frequenzbereich versteckt, sondern als eigenständiger Teil der Arrangements behandelt.

Die saubereren Passagen verfügen über spürbar mehr Raum, während Breakdowns und Deathcore-Ausbrüche bewusst verdichtet werden. Dadurch entsteht Dynamik, obwohl das Album insgesamt modern und druckvoll gemastert wurde. Lediglich bei einigen besonders stark geschichteten Gesängen stößt die Mischung an ihre Grenzen.

EIN DEBÜT MIT ENORMEM ANSPRUCH

Mit einer Laufzeit von etwas mehr als einer Stunde verlangt »The Vision« Konzentration und Geduld. Entropist schreiben keine kurzen Songs, die ihre Ideen nach einem Refrain und zwei Breakdowns beenden. Die meisten Stücke entwickeln mehrere Phasen, greifen frühere Motive auf und erfüllen eine konkrete Aufgabe innerhalb des Konzeptes.

Dieser Ansatz führt zu beeindruckenden Höhepunkten, erzeugt aber auch einzelne Längen. Nicht jeder Taktwechsel und nicht jede zusätzliche Gitarrenfigur wäre zwingend erforderlich gewesen. Vor allem Hörer, die Progressive Metal stärker über kompakte Melodien erschließen, könnten sich von der Informationsfülle zunächst überfordert fühlen.

Trotzdem hält das Album bemerkenswert gut zusammen. Einflüsse von Between The Buried And Me, The Contortionist, Meshuggah und Opeth sind erkennbar, werden jedoch nicht einfach kopiert. Entropist kombinieren technische Härte, moderne Rhythmik, melodische Offenheit und konzeptionelles Erzählen zu einer eigenen Sprache.

FAZIT:

»The Vision« ist ein ausgesprochen ambitioniertes Debüt, das technische Fähigkeiten mit einer nachvollziehbaren emotionalen Entwicklung verbindet. Zwischen der vernichtenden Schwere von »I Hunger«, dem experimentellen Aufbau von »Desert Of Limbo« und der triumphalen Wendung von »Creation« entfaltet sich ein Album, das tatsächlich als zusammenhängende Reise funktioniert. Einige Passagen hätten von strengerer Selbstkontrolle profitiert, doch Musikerleistung, Produktion und konzeptionelle Geschlossenheit liegen weit über gewöhnlichem Debütniveau.

Official Lyric Video: Intense Warmth

Internet

Entropist - The Vision - Album Review

Sorrow Sphere – The Wizard Of Doom

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Band: Sorrow Sphere 🇮🇹
Titel: The Wizard Of Doom
Label: Club Inferno Entertainment
VÖ: 12.06.2026
Format: Digital
Genre: Epic Doom Metal / Traditional Doom Metal / Heavy Doom Metal

Tracklist

01. The Awakening Of Chaos – 02:25
02. Ashes Of A Dying Breed – 04:48
03. The Wizard Of Doom – 06:10
04. The Bringer Of Blades – 06:20
05. Doomed Skies – 03:59
06. Descent To Oblivion – 03:07
07. Descent To Oblivion (Extended Version) – 04:16

Besetzung

Ernesto „Doomlord“ Menga – Gesang, Bass
Giuseppe „Buzz“ Nicolò – sechs- und achtsaitige Gitarren, Drum-Programming, Hintergrundgesang

Produktion:
Musik – Sorrow Sphere
Texte – Ernesto „Doomlord“ Menga
Aufnahme, Mixing und Mastering – Giuseppe „Buzz“ Nicolò im Lost Soul Studio
Coverartwork – Gianfranco Logiudice

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Die italienischen Sorrow Sphere melden sich nach dem 2024 veröffentlichten »Demonotheism« mit einer neuen Besetzung und einer deutlichen Rückbesinnung auf ihre düsteren Wurzeln zurück. Okay, das Artwork von »The Wizard Of Doom« sieht aus wie Neunziger-Commodore-CGI, doch wie heißt es so schön? Don’t judge a book by its cover! Hinter der etwas angestaubten Computerfantasy verbirgt sich nämlich eine hörenswerte Mischung aus langsamem Epic Doom, traditionellem Heavy Metal und vereinzelten Ausflügen in deutlich finsterere Gefilde. Vom ursprünglichen Line-up ist Ernesto „Doomlord“ Menga geblieben, der Gesang und Bass übernimmt. Neu an seiner Seite steht Giuseppe „Buzz“ Nicolò von Memories Of A Lost Soul, der Gitarren, Drum-Programming, Hintergrundgesang und die komplette Produktion verantwortet. Die offiziell als EP geführte Veröffentlichung umfasst knapp 31 Minuten, wobei »Descent To Oblivion« gleich in zwei Versionen vertreten ist. Musikalisch orientiert sich das Duo an klassischen Größen wie Candlemass, Solitude Aeturnus, Trouble, Pentagram und Solstice, ohne deren Qualität durchgehend zu erreichen. Trotzdem besitzt »The Wizard Of Doom« ausreichend Atmosphäre, schwere Riffs und eigenwillige Melodien, um nicht allein vom nostalgischen Doom-Bonus zu leben.

YouTube Art-Track-Albumstream: The Wizard Of Doom

DAS CHAOS ERWACHT LANGSAM

Mit »The Awakening Of Chaos« beginnt die EP nicht direkt mit einem alles niederwalzenden Doom-Riff. Stattdessen bauen Sorrow Sphere über zweieinhalb Minuten eine dunkle und leicht mystische Atmosphäre auf. Keyboards, langsame Gitarrenbewegungen und eine bewusst bedrohliche Klanggestaltung öffnen das Tor zu einer Welt, die irgendwo zwischen verfallenen Tempeln, Schwert-und-Magie-Fantasy und klassischer Heavy-Metal-Dramatik liegt.

Das Intro erfüllt seinen Zweck, hätte allerdings etwas kompakter ausfallen dürfen. Die Stimmung wird früh etabliert und anschließend nur noch geringfügig erweitert. Als Vorbereitung auf den ersten regulären Song funktioniert die Nummer dennoch, weil sie die bedächtige Grundhaltung der Veröffentlichung deutlich macht.

»Ashes Of A Dying Breed« führt anschließend das zentrale musikalische Konzept ein. Schwere Gitarren, ein betont langsames Schlagzeug und der tiefe Gesang von Ernesto „Doomlord“ Menga bewegen sich in einem mittleren Doom-Tempo. Die Stimme wirkt weniger opernhaft als bei vielen Vertretern des Epic Doom und erinnert stellenweise stärker an eine beschwörende Erzählung.

Gerade dieser Gesang verleiht der Musik Eigenständigkeit. Ernesto „Doomlord“ Menga versucht nicht, Messiah Marcolin oder Robert Lowe zu imitieren. Sein tiefer, leicht rauer Vortrag fügt sich in die dunkle Produktion ein und verstärkt den Eindruck, dass hier keine strahlenden Helden, sondern die letzten Überlebenden einer untergehenden Welt besungen werden.

Das Riffing bleibt vergleichsweise einfach. Giuseppe „Buzz“ Nicolò setzt auf breite Akkorde und wenige gezielte melodische Figuren. Dadurch entwickelt der Song eine solide Schwere, allerdings fehlt dem Refrain jener markante Widerhaken, der die großen Klassiker des Genres sofort unverwechselbar macht.

DER ZAUBERER DES UNTERGANGS

Das Titelstück »The Wizard Of Doom« überschreitet die Sechs-Minuten-Marke und bildet den atmosphärischen Mittelpunkt. Die Gitarren erhalten einen leicht orientalischen Einschlag, während Keyboards und langsame Rhythmen eine mystische Kulisse aufbauen. Die Musik klingt dadurch weniger nach einer europäischen Burgruine als nach einem vergessenen Tempel irgendwo hinter einer endlosen Wüste.

Diese exotische Färbung steht dem Duo gut. Sorrow Sphere verlassen damit zumindest teilweise die vertraute Schnittmenge aus Candlemass und Solitude Aeturnus. Die Gitarren bewegen sich kontrolliert, während der Gesang wie eine dunkle Prophezeiung über dem Arrangement liegt.

Im Mittelteil erhöht sich das Tempo geringfügig. Die Gitarren lösen sich aus dem schwerfälligen Grundrhythmus und setzen beweglichere Figuren ein. Ein melodischer Instrumentalabschnitt bringt zusätzliche Dynamik, ohne den Doom-Charakter aufzugeben.

Allerdings zeigt sich hier auch eine Schwäche der EP: Die Produktion bleibt über weite Strecken sehr kompakt. Gitarren, Bass, programmiertes Schlagzeug und Keyboards bilden eine geschlossene Fläche, in der einzelne Details nicht immer klar hervortreten. Gerade das Bassspiel könnte stärker aus der Mischung gelöst werden.

Das Drum-Programming erfüllt seinen Zweck und arbeitet unauffällig. In den langsamen Passagen wirkt es ausreichend kraftvoll, bei Übergängen fehlt jedoch gelegentlich jene natürliche Dynamik, die ein tatsächlicher Schlagzeuger einbringen könnte. Der Musik wird dadurch nicht ihre Wirkung genommen, aber etwas von ihrer körperlichen Schwere.

DER KLINGENBRINGER SCHLÄGT HÄRTER ZU

»The Bringer Of Blades« gehört zu den stärksten Stücken der Veröffentlichung. Die Gitarren klingen härter, der Rhythmus erhält mehr Druck und einzelne Passagen bewegen sich in Richtung Death Doom. Ernesto „Doomlord“ Menga verstärkt diese Wirkung mit einem besonders tiefen und bedrohlichen Vortrag.

Der Song lebt von seinen Kontrasten. Langsame, schwere Riffs wechseln mit flüssigeren Gitarrenbewegungen und einem hörenswerten Leadpart. Giuseppe „Buzz“ Nicolò beweist hier, dass er nicht allein massive Akkorde setzen, sondern auch melodische Linien mit einer klaren Entwicklung schreiben kann.

Besonders das Gitarrensolo hebt sich positiv hervor. Es versucht nicht, durch möglichst viele Noten zu beeindrucken, sondern führt die düstere Stimmung des Songs weiter. Der Ton bleibt melodisch, besitzt aber genügend Schärfe, um nicht nach klassischem Hard Rock zu klingen.

Mit mehr als sechs Minuten ist »The Bringer Of Blades« die längste Komposition. Anders als beim Intro wird die Spielzeit sinnvoll genutzt. Die Band baut verschiedene Spannungsstufen auf und vermeidet es, denselben Refrain bis zur Erschöpfung zu wiederholen.

Hier zeigt sich das größte Potenzial von Sorrow Sphere. Wenn die schweren Doom-Riffs, der eigenwillige Gesang und die melodischen Gitarren gleichberechtigt auftreten, entwickelt das Duo ein glaubwürdiges eigenes Profil.

VERDAMMTE HIMMEL OHNE SONNENLICHT

»Doomed Skies« ist kompakter und direkter aufgebaut. Nach den beiden ausgedehnten Hauptstücken bringt die Nummer mehr Bewegung in die zweite Hälfte. Das Tempo bleibt für Doom-Verhältnisse moderat, doch die Gitarren greifen entschlossener an.

Der Song besitzt einen stärkeren traditionellen Heavy-Metal-Einschlag. Die Riffs sind geradliniger, die Struktur leichter nachvollziehbar und der Refrain tritt klarer hervor. Dadurch eignet sich »Doomed Skies« gut als Einstieg für Hörer, denen die langsameren Stücke zunächst zu schwerfällig erscheinen.

Gleichzeitig bleibt die Nummer weniger tiefgründig als »The Wizard Of Doom« oder »The Bringer Of Blades«. Die Atmosphäre ist vorhanden, entwickelt sich aber kaum über die anfängliche Idee hinaus. Nach knapp vier Minuten ist alles gesagt, was in diesem Fall durchaus für die Komposition spricht.

Die Gitarrenproduktion fällt erneut sehr dicht aus. Giuseppe „Buzz“ Nicolò verwendet sechs- und achtsaitige Instrumente, wodurch die tiefen Frequenzen erhebliches Gewicht erhalten. In Verbindung mit dem Bass entsteht allerdings gelegentlich eine kompakte Tieftonfläche, der etwas mehr Trennschärfe guttun würde.

ZWEIMAL HINAB IN DIE VERGESSENHEIT

Mit »Descent To Oblivion« endet die reguläre Songfolge. Die Nummer ist in einer gut dreiminütigen Fassung und einer um etwa eine Minute verlängerten Version enthalten. Der Unterschied besteht vor allem in zusätzlichem Material innerhalb der längeren Variante.

Die kurze Fassung funktioniert besser. Sie konzentriert sich auf das zentrale Riff, den Gesang und eine klare Entwicklung. Der Song besitzt einen beinahe rituellen Charakter und führt die EP ohne übermäßige Ausschmückung zu einem passenden Ende.

Die »Extended Version« ergänzt einen weiteren Abschnitt, verändert die grundlegende Wirkung aber kaum. Für Sammler und besonders interessierte Hörer ist die alternative Fassung ein netter Zusatz. Als eigenständiger siebter Titel wirkt sie jedoch eher wie Bonusmaterial und streckt die Veröffentlichung künstlich über die halbe Stunde.

Anstelle der Wiederholung wäre ein zusätzlicher eigenständiger Song reizvoller gewesen. Die EP besitzt im Kern fünf reguläre Kompositionen und ein Intro. Gerade weil »The Bringer Of Blades« und der Titeltrack das vorhandene Potenzial zeigen, bleibt der Wunsch nach etwas mehr neuem Material.

ZWEI MUSIKER GEGEN DAS LICHT

Sorrow Sphere treten auf »The Wizard Of Doom« als Duo auf. Ernesto „Doomlord“ Menga ist das verbliebene Gründungsmitglied und hält mit Gesang, Bass sowie sämtlichen Texten die Verbindung zur Vergangenheit der Band aufrecht.

Sein Gesang wird die Hörerschaft wahrscheinlich teilen. Die tiefe, teilweise sprechende Stimme besitzt Charakter, erreicht aber nicht immer die dramatische Ausdruckskraft klassischer Epic-Doom-Frontmänner. Gleichzeitig verhindert genau diese Eigenart, dass Sorrow Sphere wie eine weitere Kopie bekannter Vorbilder klingen.

Giuseppe „Buzz“ Nicolò übernimmt nahezu den gesamten instrumentalen und technischen Unterbau. Seine Gitarrenarbeit ist solide, gelegentlich sogar ausgesprochen stark. Besonders die melodischen Leads auf »The Bringer Of Blades« und die orientalischen Figuren des Titeltracks setzen deutliche Akzente.

Das programmierte Schlagzeug bleibt der größte Schwachpunkt. Es klingt keineswegs billig, bewegt sich aber sehr kontrolliert und lässt den schweren Riffs gelegentlich jene menschliche Trägheit fehlen, die im Doom Metal besonders wirkungsvoll sein kann. Ein tatsächlicher Schlagzeuger könnte zukünftigen Aufnahmen mehr Dynamik verleihen.

RÜCKKEHR ZU DEN DUNKLEN WURZELN

Sorrow Sphere entstanden bereits in den späten Neunzigerjahren im kalabrischen Underground. Nach mehreren frühen Demoaufnahmen verschwand die Band jedoch weitgehend von der Bildfläche, bevor mit »Demonotheism« 2024 das erste vollständige Album erschien.

»The Wizard Of Doom« soll musikalisch stärker an die ursprüngliche Ausrichtung anknüpfen. Langsame Rhythmen, dunkle Atmosphären und schweres Riffing stehen entsprechend deutlicher im Vordergrund. Die EP wirkt weniger breit angelegt als der Vorgänger und konzentriert sich konsequent auf traditionellen und epischen Doom Metal.

Diese Fokussierung ist grundsätzlich sinnvoll. Die Band weiß, welche Stimmung sie erzeugen möchte, und verzichtet auf unnötige stilistische Ausflüge. Das Material bewegt sich allerdings sehr nah an den bekannten Regeln des Genres.

Vergleiche mit Candlemass, Solitude Aeturnus, Trouble, Solstice und Pentagram sind unvermeidbar. Sorrow Sphere erreichen nicht durchgehend deren kompositorische Prägnanz, besitzen aber genug eigene Merkmale, um nicht als bloße Tribute-Band durchzugehen.

Das größte Entwicklungspotenzial liegt in stärkeren Refrains und einer organischeren Rhythmusarbeit. Die Atmosphäre stimmt, die Gitarren besitzen Gewicht und der Gesang hat Wiedererkennungswert. Was stellenweise fehlt, sind Melodien, die sich auch Stunden nach dem Hören noch festgesetzt haben.

FAZIT:

»The Wizard Of Doom« bietet soliden Epic Doom mit schweren Riffs, mystischer Atmosphäre und einem eigenwilligen Gesang, wobei besonders »The Wizard Of Doom« und »The Bringer Of Blades« überzeugen. Das programmierte Schlagzeug, die kompakte Produktion und die doppelte Fassung von »Descent To Oblivion« bremsen die Veröffentlichung etwas aus. Das Artwork bleibt Geschmackssache – musikalisch sollte man Sorrow Sphere deshalb tatsächlich nicht vorschnell nach ihrer digitalen Verpackung beurteilen.

Internet

Sorrow Sphere - The Wizard Of Doom - EP Review

Tombal – Grave Of The Damned

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Band: Tombal 🇮🇹
Titel: Grave of the Damned
Label: Blood Harvest Records / Unholy Domain Records
VÖ: 12.06.2026
Format: CD / Kassette / Digital
Genre: Old School Death Metal / Swedish Death Metal

Tracklist

01. Cryptic Invocations (Intro) – 01:00
02. Grave of the Damned – 04:00
03. Cemeterial Death Worship – 03:58
04. Funebral Furnace – 03:45
05. Cathedrals of Rot – 03:01

Besetzung

Luigi Cara – Gesang, Gitarre
Massimiliano Falchi – Bass
Luca Barone – Schlagzeug

Veröffentlichung:
CD – Blood Harvest Records
Kassette – Unholy Domain Records
CD-Auflage – limitiert auf 300 Exemplare
Gesamtlaufzeit – 15:44 Minuten

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Schwedischer Death Metal aus Sardinien? Warum eigentlich nicht! Die Ende 2025 gegründeten Tombal klingen auf ihrer Debüt-EP »Grave of the Damned«, als hätten sie einen alten HM-2-Verzerrer aus einem zugemauerten Keller der Stockholmer Sunlight Studios geborgen. Das italienische Trio um Luigi Cara, Massimiliano Falchi und Luca Barone orientiert sich unverkennbar an Entombed, Dismember, Grave, Unleashed und Interment. Allerdings beschränkt sich die Band nicht darauf, den bekannten Motorsägengitarrenklang möglichst originalgetreu nachzustellen. In knapp 16 Minuten verbinden Tombal schnelle Galopprhythmen, Blastbeats, schwere Midtempo-Riffs und kurze melodische Einsprengsel zu einem konzentrierten Angriff, der weder Zeit für technische Selbstdarstellung noch für überflüssige Wiederholungen lässt. Die CD erscheint über Blood Harvest Records, während Unholy Domain Records die Kassettenausgabe übernimmt. Formal handelt es sich also nicht um ein vollständiges Album, sondern um eine EP mit Intro und vier regulären Stücken – doch dieses Grab ist tief genug, um einen ziemlich überzeugenden ersten Eindruck zu hinterlassen.

Full EP Stream: Grave of the Damned

DAS GRAB ÖFFNET SICH

Das einminütige »Cryptic Invocations (Intro)« führt mit einer dunklen, sakral wirkenden Atmosphäre in die EP. Statt sofort sämtliche Instrumente gleichzeitig loszulassen, bauen Tombal zunächst Spannung auf. Das Intro erfüllt damit einen klaren Zweck: Es trennt die reale Welt von den vier folgenden Stücken, in denen Friedhöfe, Fäulnis und menschliche Vernichtung die Kontrolle übernehmen.

Lange hält die Ruhe nicht an. »Grave of the Damned« beginnt mit einem Schlagzeugwirbel, der sich wie eine kurze Warnung vor dem folgenden Angriff anhört. Anschließend setzt Luigi Cara jene HM-2-Gitarre ein, die für den gesamten Charakter der Veröffentlichung entscheidend ist. Der Klang ist sägend, breit und aggressiv, besitzt aber genügend Kontur, damit die einzelnen Riffs nicht in einer gleichförmigen Verzerrung verschwinden.

Der Titeltrack handelt nicht von einem gewöhnlichen Friedhofsszenario, sondern von Krieg und dessen psychischen Folgen. Ein Soldat gehorcht, schießt auf einen anderen Menschen und überlebt körperlich, lässt jedoch einen Teil seiner selbst auf dem Schlachtfeld zurück. Orden verrotten auf zerstörten Körpern, während der Krieg im Inneren weitergeht. Der Text verzichtet damit auf Heldentum und betrachtet Überleben als Belastung statt als Triumph.

Musikalisch wechseln Tombal zwischen treibenden Rhythmen, kurzen Blastbeat-Attacken und schweren Abschnitten. Luca Barone spielt energisch und präzise, ohne den natürlichen Charakter einer Bandaufnahme zu verlieren. Die Snare schlägt trocken durch die Gitarrenwand, während die Bassdrum besonders in den schnelleren Passagen genügend Druck erzeugt.

Massimiliano Falchi folgt mit seinem Bass häufig den Gitarren, macht deren Klang dadurch aber noch massiver. Das Instrument ist nicht ständig als eigenständige Melodielinie wahrnehmbar, sorgt jedoch für jene tiefe körperliche Wirkung, die der ohnehin schweren Gitarre zusätzliche Substanz verleiht.

GOTTESDIENST AUF DEM FRIEDHOF

»Cemeterial Death Worship« ist der eingängigste Song der EP. Nach dem direkten Titeltrack setzen Tombal stärker auf Midtempo und einen Rhythmus, der sofort zum Kopfnicken zwingt. Das Hauptriff ist simpel aufgebaut, wird jedoch mit solcher Entschlossenheit gespielt, dass zusätzliche technische Verzierungen überflüssig wären.

Besonders gelungen ist der Wechsel zwischen schwerem Groove und schnelleren Ausbrüchen. Luca Barone hält das Stück beweglich, indem er nicht dauerhaft dieselben Schlagzeugfiguren wiederholt. Kurze Fills und Beschleunigungen verhindern, dass sich die Nummer vollständig auf ihrem Hauptriff ausruht.

Luigi Cara setzt zusätzlich eine melodische Leadgitarre ein, die sich aus der tiefen Verzerrung löst. Diese Melodie bringt keine freundliche Aufhellung, sondern verstärkt die morbide Atmosphäre. Hier zeigt sich die Nähe zu Dismember besonders deutlich: Härte und Melodie stehen nicht gegeneinander, sondern bilden gemeinsam den eigentlichen Reiz.

Der Gesang bleibt tief und verständlich genug, um nicht zu einem bloßen Geräusch innerhalb des Mixes zu werden. Luigi Cara brüllt mit kontrollierter Aggression und vermeidet sowohl übermäßig tiefe Gurgellaute als auch moderne Core-Schreie. Seine Stimme passt damit perfekt zur frühen Neunziger-Ästhetik der Musik.

DER VERBRENNUNGSOFEN LÄUFT AUF VOLLLAST

Mit »Funebral Furnace« erreicht die EP ihren aggressivsten Abschnitt. Der Song setzt stärker auf Geschwindigkeit, Blastbeats und kurze Tremolo-Passagen. Trotzdem verlieren Tombal den Groove nicht vollständig. Selbst in den schnellsten Momenten bleiben die Riffs nachvollziehbar und besitzen eine klare rhythmische Funktion.

Das Stück ist kompakt aufgebaut und wirkt weniger hymnisch als »Cemeterial Death Worship«. Die Gitarren greifen unmittelbar an, während das Schlagzeug die Komposition nahezu ununterbrochen vorwärtstreibt. Gerade dadurch entsteht jedoch die Gefahr, dass einzelne Motive weniger deutlich im Gedächtnis bleiben.

Handwerklich gibt es wenig zu beanstanden. Luigi Cara spielt seine Riffs präzise, Massimiliano Falchi verstärkt die tiefen Frequenzen und Luca Barone liefert den notwendigen Geschwindigkeitsrausch. Im Vergleich zu den übrigen Stücken fehlt lediglich ein herausragendes Leitmotiv, das die Nummer sofort eindeutig identifizierbar macht.

Innerhalb der kurzen Laufzeit funktioniert »Funebral Furnace« dennoch hervorragend. Die EP benötigt an dieser Stelle keinen weiteren langsamen Gruftmarsch, sondern einen möglichst direkten Gewaltausbruch. Genau diesen liefern Tombal ohne Umwege.

KATHEDRALEN AUS FÄULNIS

»Cathedrals of Rot« beendet die EP mit drei Minuten kontrollierter Zerstörung. Der Song beginnt schnell, entwickelt anschließend jedoch einen schweren Rhythmus, der zu den stärksten Momenten der gesamten Veröffentlichung gehört. Die Gitarren bewegen sich langsamer und erhalten dadurch noch mehr Gewicht.

Die titelgebenden Kathedralen bestehen nicht aus Marmor oder buntem Glas, sondern aus Verwesung und menschlichen Überresten. Tombal setzen diese Vorstellung nicht mit orchestralen Effekten oder übertriebener Dramatik um. Ein massives Riff und die tiefe Stimme reichen aus, um die notwendige Größe zu erzeugen.

Im letzten Drittel kehren schnellere Bewegungen zurück. Dadurch wird »Cathedrals of Rot« nicht zu einem reinen Midtempo-Abschluss, sondern bündelt noch einmal die wichtigsten Eigenschaften der EP: HM-2-Gitarre, Blastbeats, schwere Grooves und kurze melodische Akzente.

Gerade als Schlussstück ist die Nummer wirkungsvoll. Tombal verzichten auf ein langes Ausblenden, eine Geräuschcollage oder einen künstlichen Spannungsbogen. Nach drei Minuten fällt der Deckel zu – und das Grab bleibt geschlossen.

DREI MUSIKER UND EINE MOTORSÄGE

Die Besetzung der EP ist auf das Wesentliche reduziert. Luigi Cara übernimmt Gitarre und Gesang, Massimiliano Falchi spielt Bass und Luca Barone sitzt hinter dem Schlagzeug. Diese Trio-Konstellation kommt der Musik zugute, weil keine zusätzlichen Instrumente um Aufmerksamkeit kämpfen.

Die Gitarre steht erwartungsgemäß im Zentrum. Der HM-2-Klang ist extrem präsent und wird ohne Zurückhaltung eingesetzt. Trotzdem verlassen sich Tombal nicht allein auf den Effekt. Hinter der Verzerrung stehen Riffs, die auch mit einem weniger markanten Gitarrenton funktionieren würden.

Massimiliano Falchi trägt erheblich zum Gewicht bei. Sein Bass könnte an manchen Stellen etwas deutlicher aus dem Gitarrenklang herausgelöst werden, erfüllt aber zuverlässig seine Aufgabe. Besonders in den langsameren Passagen entsteht eine breite, drückende Tieftonwand.

Luca Barone ist das beweglichste Element. Er wechselt sicher zwischen Blastbeats, Galopprhythmen und schweren Midtempo-Schlägen. Seine Leistung verhindert, dass die EP zu einer bloßen Aneinanderreihung ähnlich klingender HM-2-Riffs wird.

SCHWEDISCHER TOD AUS SARDINIEN

Die Vorbilder sind unüberhörbar. Entombed, Dismember, Grave, Unleashed und Interment bilden das stilistische Fundament. Auch modernere Vertreter wie Bloodbath oder Entrails lassen sich als Vergleich heranziehen.

Vollständig neu ist an »Grave of the Damned« deshalb nichts. Tombal versuchen allerdings auch nicht, ihre Einflüsse hinter ungewöhnlichen Genrebezeichnungen zu verstecken. Die Band spielt klassischen schwedisch geprägten Death Metal, weil sie genau diesen Klang liebt.

Entscheidend ist die Qualität der Umsetzung. Die Riffs besitzen Druck, das Schlagzeug arbeitet abwechslungsreich und die Songs verschwenden keine Zeit. Das Trio versteht, dass Old School Death Metal nicht allein durch einen bestimmten Verzerrer entsteht, sondern von überzeugenden Übergängen und einer funktionierenden Rhythmusgruppe abhängt.

Die Produktion bildet sämtliche Instrumente ausreichend klar ab, bewahrt aber eine rohe Oberfläche. Der Gitarrenton nimmt viel Raum ein, ohne Schlagzeug und Gesang vollständig zu verschlucken. Eine stärkere Präsenz des Basses hätte dem Klangbild zusätzliche Tiefe gegeben, doch insgesamt stimmt die Balance.

Die größte Einschränkung liegt in der kurzen Laufzeit. Nach dem Intro bleiben lediglich vier reguläre Songs. Diese präsentieren zwar unterschiedliche Geschwindigkeiten und Schwerpunkte, erlauben jedoch noch keine abschließende Einschätzung, wie vielseitig Tombal auf einem vollständigen Album arbeiten können.

Als Debüt erfüllt die EP ihren Zweck allerdings ausgezeichnet. Blood Harvest Records haben die Band bereits für ein kommendes Album verpflichtet. Sollte das Trio die Mischung aus direkter Härte, schwerem Groove und kurzen melodischen Momenten auf eine längere Spielzeit übertragen können, dürfte Sardinien künftig einen festen Platz auf der Landkarte des europäischen Old School Death Metal erhalten.

FAZIT:

»Grave of the Damned« ist ein kurzer, aber äußerst wirkungsvoller Einstand, auf dem Tombal klassischen schwedischen Death Metal mit schweren HM-2-Gitarren, kompromisslosen Blastbeats und überzeugenden Midtempo-Riffs zelebrieren. Besonders »Grave of the Damned«, »Cemeterial Death Worship« und »Cathedrals of Rot« zeigen, dass hinter der offensichtlichen Verehrung der alten Schule eine Band mit Gespür für kompakte Songs steckt. Nach knapp 16 Minuten ist das Grab zwar schon wieder geschlossen, doch darunter arbeitet bereits etwas, das auf einem vollständigen Album noch erheblichen Schaden anrichten könnte.

Official Art Track: Grave of the Damned

Official Art Track: Cathedrals of Rot

Internet

Tombal - Grave of the Damned - EP Review

BalashToth – Equation II – The Antithesis of Life and Free

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Band: BalashToth 🇮🇪
Titel: Equation II: The Antithesis of Life and Free Will
Label: Not-Even-Music / Pest Records / Metal Ör Die Records
VÖ: 12.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Melodic Death Metal / Death-Thrash Metal

Tracklist

01. +Fear + Despair
02. +Self-Worth÷Mockery
03. x Guilt
04. Love = Lies
05. Life = Death
06. Self = Dark Side
07. n = y
08. ÷ Misunderstanding
09. x Judgement

Besetzung

Balázs Tóth – Gitarren, Bass, weitere Instrumente, Songwriting, Drum-Programming
Deathmetalvoicer – Gesang
Ádám Tóth – Viola, Moog-Synthesizer, Co-Komposition auf „n = y“

Produktion:
Produktion, Mixing und Mastering – Balázs Tóth
Musik und Texte – Balázs Tóth
Musik auf „n = y“ – Ádám Tóth und Balázs Tóth
Coverfoto – Péter Jakab
Layout – Balázs Tóth
Logo – Necromonn Design

Physische Ausgaben:
Handnummeriertes Digipack, limitiert auf 100 Exemplare
Jewel-Case-CD mit achtseitigem Booklet

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Mathematik war in der Schule nicht unbedingt jedermanns Lieblingsfach. BalashToth rechnen auf ihrem Debütalbum »Equation II: The Antithesis of Life and Free Will« allerdings nicht mit schnöden Zahlen, sondern mit Angst, Verzweiflung, Schuld, Selbstwert, Liebe, Tod und menschlicher Urteilsfähigkeit. Hinter dem in Irland beheimateten Projekt steht der aus Ungarn stammende ehemalige Casketgarden-Gitarrist Balázs Tóth, der Musik, Texte, Instrumente sowie die komplette Produktion weitgehend selbst verantwortet. Unterstützt wird er vom japanischen Sänger Deathmetalvoicer und seinem Bruder Ádám Tóth an Viola und Moog-Synthesizer. Inhaltlich schließt das Album den mit den EPs »Anti-Life« und »=Equation=« begonnenen Zyklus ab. Die aus dem Comicuniversum entlehnte Anti-Life Equation wird dabei zur Metapher für politische Manipulation, psychologische Kontrolle und gesellschaftliche Mechanismen, die Menschen ihren Selbstwert und letztlich ihren freien Willen nehmen. Musikalisch treffen Göteborg-Melodien auf Death-Thrash, klassisches Todesblei, groovige Passagen und überraschend düstere Streichereinsätze.

YouTube Art-Track-Albumstream: Equation II – The Antithesis of Life and Free Will

ANGST PLUS VERZWEIFLUNG ERGIBT 280 BPM

»+Fear + Despair« eröffnet das Album mit erheblicher Geschwindigkeit. Balázs Tóth setzt auf scharf geführte Tremolo-Gitarren, schnelle Thrash-Rhythmen und melodische Gegenbewegungen, die trotz des hohen Tempos deutlich erkennbar bleiben. Die bis zu 280 Schläge pro Minute sind dabei kein bloßer Zahlenwert für das Promoblatt: Der Song vermittelt tatsächlich jene Überforderung, die sein Titel ankündigt.

Deathmetalvoicer bewegt sich zwischen rauem Death-Metal-Gebrüll und höher angesetzten Schreien. Seine Stimme besitzt eine angeschlagene, beinahe verzweifelte Qualität, die gut zur Musik passt. Der Gesang steht deutlich im Vordergrund, ohne die Gitarrenmelodien vollständig zu verdrängen.

Der Auftakt zeigt bereits, dass BalashToth nicht einfach den Göteborg-Sound der Neunziger kopieren. Einflüsse von At The Gates, Dimension Zero, frühen In Flames und The Haunted sind klar vorhanden, werden aber mit aggressiverem Death-Thrash und einer moderneren Produktion verbunden.

»+Self-Worth÷Mockery« nimmt anschließend etwas Geschwindigkeit heraus und arbeitet stärker mit Groove. Der mathematische Titel lässt sich als Selbstwert geteilt durch Spott lesen. Inhaltlich geht es um Menschen, deren Selbstwahrnehmung durch gesellschaftliche Erwartungen, materielle Statussymbole und dauerhafte Herabsetzung systematisch beschädigt wird.

Musikalisch gehört die Nummer zu den vielschichtigsten Stücken. Ein treibendes Hauptriff trifft auf melodische Leads und einen Refrain, der trotz der extremen Stimme nachvollziehbar aufgebaut ist. Mit knapp sechs Minuten hätte der Song etwas gestrafft werden können, doch die zahlreichen Gitarrendetails rechtfertigen einen großen Teil der Spielzeit.

SCHULD ALS POLITISCHES WERKZEUG

»x Guilt« richtet sich gegen Mechanismen, mit denen Menschen Schuld zugewiesen wird, um Kontrolle, Einschränkungen und politische Entscheidungen durchzusetzen. Die Thematik ist deutlich konfrontativer als bei den stärker nach innen gerichteten Stücken.

Das Riffing fällt härter und weniger verspielt aus. Die melodischen Gitarren bleiben vorhanden, werden aber von kurzen Death-Thrash-Angriffen und einer druckvollen Rhythmik zurückgedrängt. Besonders die Bassdrums verleihen dem Song einen energischen Vorwärtsdrang.

Die programmierte Schlagzeugarbeit ist grundsätzlich überzeugend umgesetzt. Anschläge und Dynamik wirken nicht vollständig identisch, wodurch der sterile Eindruck vieler Ein-Mann-Produktionen vermieden wird. In einzelnen schnellen Passagen bleibt der künstliche Ursprung dennoch hörbar. Das beschädigt die Wirkung nicht wesentlich, erinnert aber daran, dass hier kein vollständiges Quartett gemeinsam im Studio spielt.

Balázs Tóth verzichtete bei den Gitarren bewusst auf vollständige Quantisierung. Das zahlt sich aus: Die Riffs sitzen präzise, besitzen aber eine natürliche Lockerheit und wirken nicht wie am Bildschirm zusammengesetzte Bausteine.

LIEBE, LEBEN UND DIE GLEICHUNG DES ZERFALLS

Mit »Love = Lies«, »Life = Death« und »Self = Dark Side« stehen drei Gleichungen im Zentrum des Albums. Menschliche Grundwerte werden dabei auf ihr negatives Gegenstück reduziert. Genau darin liegt die eigentliche Wirkung der titelgebenden Anti-Life Equation: Bedeutung wird nicht einfach zerstört, sondern so lange umgedeutet, bis das Gegenteil als Wahrheit erscheint.

»Love = Lies« verbindet eine düstere Melodieführung mit einem vergleichsweise klar strukturierten Refrain. Die Gitarren setzen weniger auf Geschwindigkeit als auf kontrollierte Spannung. Das Stück beschreibt eine Welt, in der Zuneigung, Vertrauen und familiäre Bindung kommerzialisiert oder als Mittel zur Manipulation eingesetzt werden.

»Life = Death« ist mit dreieinhalb Minuten deutlich kompakter. Das Riffing besitzt mehr Thrash-Schärfe, die Schlagzeugfiguren drücken geradliniger nach vorn und Deathmetalvoicer klingt besonders angriffslustig. Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird nicht philosophisch ausgebreitet, sondern mit einem zynischen Gleichheitszeichen beantwortet.

»Self = Dark Side« gehört zu den stärksten Titeln. Der Song verbindet schweren Old-School-Death-Metal mit einem klassischen Melodic-Death-Refrain. Die Gitarren bewegen sich langsamer, erhalten dadurch aber zusätzliches Gewicht. Inhaltlich geht es um endloses Verlangen, Konsum und die Vorstellung, dass jede Befriedigung lediglich die nächste Leerstelle erzeugt.

Hier findet BalashToth eine besonders überzeugende Balance aus Melodie und Härte. Der Refrain bleibt hängen, ohne die düstere Grundstimmung zu versüßen. Gleichzeitig hebt sich der schwerere Groove deutlich von der schnellen ersten Albumhälfte ab.

EINE VIOLA UNTERBRICHT DIE FORMEL

Nach sechs nahezu durchgehend druckvollen Stücken verändert »n = y« den Klang vollständig. Das kurze Instrumentalstück wird von der Viola des Multiinstrumentalisten Ádám Tóth getragen und verzichtet auf Metal-Instrumentierung.

Mit nur etwas mehr als einer Minute bleibt die Komposition knapp, erfüllt aber eine wichtige dramaturgische Funktion. Die Viola wirkt nicht wie ein beliebiges Zwischenspiel, sondern wie ein Moment menschlicher Wärme innerhalb einer zunehmend kalten Gleichung.

Der Wechsel verleiht dem anschließenden »÷ Misunderstanding« zusätzliche Wirkung. Der Song kehrt zum klassischen Melodic Death Metal zurück, arbeitet aber mit unruhigen Taktverschiebungen und einer melancholischeren Grundstimmung.

Inhaltlich steht ein zentraler Widerspruch der Anti-Life Equation im Mittelpunkt: Wer sämtlichen Lebewesen den freien Willen nimmt, unterwirft damit letztlich auch sich selbst. Absolute Kontrolle zerstört also jene Bedeutung, aus der ihre Macht überhaupt hervorgeht.

Die Gitarren greifen diesen Gedanken auf. Wiederkehrende Melodien werden durch Verschiebungen und schwere Unterbrechungen aus ihrer erwartbaren Bahn gelenkt. Der Song bleibt eingängig, wirkt aber nie vollständig stabil. Gerade diese unterschwellige Unsicherheit macht »÷ Misunderstanding« zu einem der überzeugendsten Stücke.

DAS URTEIL FÄLLT LANGSAM

Das sechsminütige »x Judgement« bildet den langsamen und schweren Abschluss. Während der Opener durch Geschwindigkeit überwältigt, setzt das Finale auf doomige Gitarren, breite Akkorde und die Viola von Ádám Tóth.

Der Song führt die Begriffe der vorherigen Stücke zusammen: Angst, Schuld, Scham, Liebe, Lüge, Leben und Tod werden zu Bestandteilen eines Urteils, das über den Menschen gefällt wird. Die Gleichung erscheint nicht länger als abstraktes System, sondern als persönliche Belastung.

Die Viola wird organisch in die Gitarren eingebunden. Sie legt keine beliebige Melodie über den Song, sondern verstärkt dessen melancholische Schwere. Gerade im letzten Drittel entsteht eine Atmosphäre, die sich deutlich vom überwiegend thrashigen Beginn des Albums unterscheidet.

Deathmetalvoicer liefert hier seine emotionalste Leistung. Die Stimme klingt weniger aggressiv als erschöpft und verurteilt. Dadurch endet »Equation II: The Antithesis of Life and Free Will« nicht mit einem triumphalen Höhepunkt, sondern mit einer dunklen Schlussfolgerung.

EIN PROJEKT MIT ZWEI ERKENNBAREN STIMMEN

Obwohl BalashToth im Kern ein Soloprojekt ist, entsteht kein vollständig isolierter Eindruck. Balázs Tóth verantwortet Komposition, Instrumentierung und Produktion, während Deathmetalvoicer dem Material eine konstante vokale Identität verleiht.

Die Zusammenarbeit entstand ursprünglich über gemeinsame Coverversionen von Bands wie The Haunted, Dimension Zero, Entombed und Iron Maiden. Diese gemeinsame Vorgeschichte ist hörbar. Der Gesang wirkt nicht nachträglich auf fertige Instrumentalstücke gesetzt, sondern folgt den Gitarren und rhythmischen Akzenten sehr genau.

Die größte Stärke liegt dennoch im Gitarrenspiel von Balázs Tóth. Seine Vergangenheit bei Casketgarden zeigt sich in den melodischen Linien und der Verbindung aus Thrash-Rhythmik und schwedisch geprägtem Death Metal. Die Leads sind technisch sauber, aber selten selbstverliebt. Meist dienen sie dem Aufbau der Songs.

Eine tatsächliche Rhythmusgruppe hätte dem Album stellenweise zusätzliche Spontaneität verleihen können. Besonders der Bass bleibt häufig eng an die Gitarren gebunden. Die klare kreative Kontrolle sorgt dafür im Gegenzug für eine bemerkenswert geschlossene Ausrichtung.

ZWISCHEN PRÄZISION UND KONTROLLIERTER LOCKERHEIT

Balázs Tóth übernahm Produktion, Mixing und Mastering selbst. Das Ergebnis klingt modern und transparent, ohne sämtliche Rauheit zu entfernen. Gitarrenmelodien, Rhythmusspuren und Gesang bleiben selbst in den schnellen Passagen gut unterscheidbar.

Gelegentlich wirkt das Klangbild etwas zu kontrolliert. Die Schlagzeugspuren sitzen sehr sicher, die Gitarren sind sauber übereinandergelegt und die Lautstärke bleibt über weite Strecken konstant. Dadurch verliert das Album an einigen Stellen jene Gefahr, die eine stärker organische Bandaufnahme erzeugen könnte.

Die Entscheidung, Gitarren nicht vollständig am Raster auszurichten, verhindert jedoch Schlimmeres. Kleine natürliche Verschiebungen erhalten den menschlichen Charakter und passen zum Death-Thrash-Fundament.

Auch die Viola- und Moog-Beiträge von Ádám Tóth bereichern die Produktion. Sie werden nicht als auffällige Gastinstrumente in den Vordergrund geschoben, sondern dienen überwiegend als atmosphärische Färbung. Besonders »n = y« und »x Judgement« profitieren erheblich davon.

DIE LETZTE ANTI-LIFE-GLEICHUNG

»Equation II: The Antithesis of Life and Free Will« schließt einen konzeptionellen Zyklus ab, der 2023 mit »Anti-Life« begann und 2024 mit »=Equation=« fortgeführt wurde. Gegenüber den EPs fällt das Debütalbum abwechslungsreicher und persönlicher aus.

Die früheren Veröffentlichungen betrachteten Zerstörung und Manipulation stärker aus einer globalen Perspektive. Auf dem Album rücken beschädigter Selbstwert, Schuld, Scham, Konsumzwang und innere Leere näher an den einzelnen Menschen.

Das Coverfoto von Péter Jakab passt zu dieser Verschiebung. Statt einer weltumspannenden Katastrophe zeigt es den kurzen Moment, in dem ein einzelnes Streichholz Feuer fängt. Die Gefahr ist kleiner geworden, aber gleichzeitig näher und unmittelbarer.

Musikalisch wird das Konzept nicht immer vollständig neu erfunden. Die Einflüsse des klassischen Göteborg-Sounds sind deutlich und manche Strukturen erinnern stark an die Blütezeit des Melodic Death Metal. BalashToth gleichen das durch Death-Thrash-Härte, persönliche Texte und die ungewöhnlichen Beiträge von Ádám Tóth aus.

FAZIT:

»Equation II: The Antithesis of Life and Free Will« ist ein starkes Debüt zwischen Göteborg-Melodie, Death-Thrash und dunkler Atmosphäre, das besonders mit »+Fear + Despair«, »Self = Dark Side«, »÷ Misunderstanding« und »x Judgement« überzeugt. Kleinere Abzüge gibt es für den gelegentlich sehr kontrollierten Klang und die naturgemäßen Grenzen der programmierten Rhythmusarbeit. Unter dem Strich geht die Rechnung für BalashToth jedoch auf.

Official Video: +Fear + Despair

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BalashToth - Equation II: The Antithesis of Life and Free Will - CD Review

Véhémence – Assiégé pour l’Éternité

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Band: Véhémence 🇫🇷
Titel: Assiégé pour l’Éternité
Label: Antiq Records
VÖ: 10.06.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Medieval Black Metal / Epic Black Metal / Melodic Black Metal

Tracklist

01. De Célestes Cavalcades – 04:37
02. Assiégé pour l’Éternité – 09:01
03. Le Sang Respire Encore – 08:21
04. En Quête du Graal – 08:53
05. Chant d’Honneur – 08:27
06. Par Sombres Forêts et Vastes Plaines – 02:44

Besetzung

Hyvermor – Gesang, Chöre, irische Flöte, Psalter
Tulzcha – Gitarren, Keyboards, Querpfeife
KK – Bass
Thomas Leitner – Schlagzeug

Gastmusiker:
Geoffroy Dell’Aria – Flöte
Léa Bingöllü – Violine
Pierrick Valence – Nyckelharpa
Colin Miraglio – Schwertgeräusche

Produktion:
Mixing und Mastering – Stefan Traunmüller
Artwork – Claudine Vrac
Artwork-Technik – Ölgemälde

Physische Ausgaben:
A5-Digibook mit zwölfseitigem, vollständig illustriertem Booklet
Limitierte 12″-Vinyl-Ausgabe

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Schon das Artwork von »Assiégé pour l’Éternité« ist absolut kunstvoll und im Black Metal einfach mal etwas anderes: Statt der üblichen Schwarz-Weiß-Finsternis, verwischter Waldsilhouetten oder dämonischer Fratzen zeigt Claudine Vracs Ölgemälde eine farbenprächtige mittelalterliche Szenerie, die eher an eine historische Buchillustration erinnert. Genau dieser Ansatz führt direkt in die Musik von Véhémence. Das vierte Album der Franzosen ist keine gewöhnliche Fortsetzung von »Ordalies«, sondern eine vollständige Neueinspielung und Überarbeitung des 2014 veröffentlichten Debüts »Assiégé«. Über Antiq Records erscheint das Material nun mit verändertem Titel, neuer Besetzung, kräftigerer Produktion und deutlich ausgereifteren Arrangements. Epischer und melodischer Black Metal trifft auf französische Texte, Flöten, Psalter, Violine, Nyckelharpa und eine Atmosphäre, die mittelalterliche Schlachten nicht als billige Fantasykulisse, sondern als tragendes erzählerisches Fundament nutzt.

Full Album Stream: Assiégé pour l’Éternité

DE CÉLESTES CAVALCADES ÖFFNET DAS BURGTOR

»De Célestes Cavalcades« beginnt mit einer geradezu feierlichen Bewegung, bevor Tremolo-Gitarren, Blastbeats und Hyvermors heiserer Gesang das Schlachtfeld übernehmen. Véhémence arbeiten nicht mit bloß aufgesetzten Folk-Passagen. Flöten, Chöre und altertümliche Instrumente sind in das Riffing eingebunden und erweitern die Melodien, statt sie lediglich zu verzieren.

Das neunminütige Titelstück zeigt diese Stärke besonders deutlich. Rasende Black-Metal-Passagen wechseln mit heroischen Leads, getragenem Klargesang und ruhigeren Einschüben. Die Neuaufnahme klingt wesentlich druckvoller und klarer als das Debüt, bewahrt aber genügend Rauheit. Selbst bei dichter Instrumentierung bleiben Gitarren, Bass und traditionelle Klangfarben voneinander unterscheidbar.

ZWISCHEN GRAALSSUCHE UND EHRENLIE​D

»Le Sang Respire Encore« verbindet aggressive Strophen mit einer melancholischen Melodieführung. Die Band erzeugt Größe nicht durch permanente Lautstärke, sondern durch Spannungswechsel. Thomas Leitners Schlagzeug hält die langen Kompositionen beweglich, während Tulzchas Gitarren zwischen frostigem Tremolo, Heavy-Metal-Harmonien und akustischen Übergängen wechseln.

»En Quête du Graal« ist der kompositorische Mittelpunkt. Der Song wirkt wie eine vollständige mittelalterliche Erzählung, in der Aufbruch, Zweifel, Kampf und Erhabenheit aufeinanderfolgen. Violine, Nyckelharpa und Flöte verstärken die historische Färbung, ohne den Black Metal zu verdrängen.

»Chant d’Honneur« setzt anschließend stärker auf einen hymnischen Charakter und besitzt einen Refrain, der trotz französischer Sprache unmittelbar hängen bleibt. Die Melodien wirken siegreich, doch unter der Oberfläche bleiben Kälte und Bedrohung erhalten. Genau diese Verbindung trennt Véhémence von gewöhnlichem Folk Metal.

NEUAUFNAHME MIT EIGENEM WERT

Eine Neueinspielung ist nur dann sinnvoll, wenn sie mehr leistet als eine modernere Klangqualität. Véhémence ordnen die Stücke neu, straffen einzelne Entwicklungen und spielen wesentlich differenzierter. Das frühere Material bleibt erkennbar, wirkt aber wie aus jener Perspektive erzählt, welche die Band nach »Par le Sang Versé« und »Ordalies« erreicht hat.

Hyvermors Gesang wechselt zwischen heiseren Schreien, Chören und getragenen Passagen. Tulzcha liefert gleichzeitig schneidende Black-Metal-Riffs und melodische Gitarrenlinien, die häufig stärker an traditionellen Heavy Metal als an rohe Untergrundkost erinnern. Die Folk-Instrumente erhalten genügend Raum, ohne die elektrische Härte zu überlagern.

Das instrumentale »Par Sombres Forêts et Vastes Plaines« beendet das Album zurückhaltend. Nach mehr als vierzig Minuten voller Schlachten und himmlischer Reiterei bleibt eine akustische Landschaft zurück, die den erzählerischen Bogen überzeugend schließt.

FAZIT:

»Assiégé pour l’Éternité« ist weit mehr als eine kosmetisch aufpolierte Wiederholung des Debüts: Véhémence verwandeln ihre frühen Kompositionen in ein geschlossenes, detailreiches Werk zwischen epischem Black Metal und mittelalterlicher Klangkunst. Das kunstvolle Artwork, die starke Produktion und die organisch eingebundenen Folk-Instrumente machen diese Neueinspielung zu einer Veröffentlichung mit eigenem Wert.

Véhémence – Assiégé pour l’Éternité

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Véhémence - Assiégé pour l’Éternité - CD Review

Komahawk – Doomsday For Democracy

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Band: Komahawk 🇩🇪
Titel: Doomsday for Democracy
Label: Fuego Records
VÖ: 12.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Thrash Metal

Tracklist

01. The Blending Master
02. Rich and Dead
03. Doomsday for Democracy
04. Slayer Saves
05. Wrong Way Driver
06. Last Trip
07. New World to Kill
08. Blow on the Coals
09. Unspoken
10. Hellhole
11. Killing Lifegiver
12. The Hope Dies Last

Besetzung

Lars „Diggn“ Groß – Gitarre, Gesang
Halit Sahin – Gitarre
Bernd „Bassbernd“ Janssen – Bass
Björn Geene – Schlagzeug

Produktion:
Aufgenommen von Komahawk im Proberaum
DIY-Produktion – Komahawk
Mixing – Lars „Diggn“ Groß

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Morgens Halb zehn in Deutschland. Nachdem der geneigte Rezensent sich sein Knoppers reingezogen hat und seinen Kaffee runtergekippt, ist es jetzt an der Zeit für gepflegten Thrash Metal. Den liefern die Bremer Komahawk mit »Doomsday for Democracy« mehr als ein Vierteljahrhundert nach ihrem letzten Studioalbum. Der Name Komahawk dürfte dabei ein Wortspiel aus dem bewusstlosen Zustand Koma und der Streitaxt Tomahawk sein – eine durchaus passende Verbindung für Musik, die erst benommen schlägt und anschließend mit der stumpfen Seite nachlegt. Gegründet wurde die Formation bereits 1992, als Thrash Metal, Punk und Hardcore noch ohne stilpolizeiliche Genehmigung miteinander vermengt wurden. Nach dem Debüt »No Hope for Tomorrow«, dem Nachfolger »Slow« und »Rhytmo Fantástico« verabschiedete sich die Band um das Jahr 2000 in eine lange Pause. Mit »Doomsday for Democracy« kehren Lars „Diggn“ Groß, Halit Sahin, Bernd „Bassbernd“ Janssen und Björn Geene nun über Fuego Records zurück. Zwölf Stücke und rund vierzig Minuten lang verbinden sie Old-School-Thrash, Hardcore und Punk mit sozialkritischen Texten über Populismus, Machtgier, gesellschaftliche Gleichgültigkeit und eine Demokratie, die von ihren eigenen Nutznießern demontiert wird. Hochglanz ist dabei ausdrücklich nicht vorgesehen: Das Album wurde im DIY-Verfahren im Proberaum aufgenommen und von Lars „Diggn“ Groß zu Hause gemischt.

Albumstream

DIE DEMOKRATIE BETRITT DEN MOSHPIT

Das kurze Intro »The Blending Master« wirkt wie das Öffnen einer schweren Stahltür. Geräusche, Stimmen und ein langsam wachsender Druck bereiten den eigentlichen Einstieg vor, bevor »Rich and Dead« das Album mit einem trockenen Thrash-Riff endgültig in Bewegung setzt. Halit Sahin und Lars „Diggn“ Groß arbeiten nicht mit technisch verschachtelten Gitarrenfiguren, sondern mit geradlinigen Akkorden, kurzen Tempowechseln und einem deutlich hörbaren Hardcore-Unterbau.

Der Song richtet sich gegen eine Gesellschaft, in der Reichtum als moralische Rechtfertigung und persönlicher Erfolg als Freibrief verstanden werden. Komahawk formulieren ihre Kritik nicht besonders subtil. Das müssen sie auch nicht. Der Reiz liegt in der unmittelbaren Verbindung von Text, Riff und körperlicher Energie.

Das Titelstück »Doomsday for Democracy« verschärft diese politische Ebene. Populisten, autoritäre Verführer und Menschen, die ihre eigenen Freiheiten bereitwillig gegen einfache Antworten eintauschen, stehen im Mittelpunkt. Der Untergang der Demokratie erscheint nicht als plötzlicher Staatsstreich, sondern als schleichender Prozess, an dem Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit ihren Anteil haben.

Musikalisch gehört der Titeltrack zu den stärksten Nummern. Der Refrain ist klar erkennbar, das Hauptriff besitzt ausreichend Schub und Björn Geene hält die verschiedenen Einflüsse zusammen. Sein Schlagzeug verbindet den geraden Tritt des Hardcore mit kurzen Thrash-Beschleunigungen, ohne die Songs unnötig zu verkomplizieren.

SLAYER RETTET NICHT DIE WELT, ABER DEN MORGEN

Bei »Slayer Saves« ist der Name Programm. Bereits die ersten Gitarrenbewegungen erinnern unüberhörbar an Slayer, wobei Komahawk daraus keinen verschämten Einfluss, sondern eine offen ausgesprochene Liebeserklärung machen. Das Stück lebt von sägenden Gitarren, einem energischen Rhythmus und der Vorstellung, dass eine ordentliche Portion Thrash Metal zumindest vorübergehend gegen den alltäglichen Irrsinn helfen kann.

Der Song besitzt Humor, ohne zur reinen Spaßnummer zu werden. Hinter dem Titel steckt die Erfahrung vieler Metalhörer, dass Musik zwar keine politischen Verhältnisse verändert, aber Wut kanalisieren und den Kopf freiräumen kann. Lars „Diggn“ Groß klingt entsprechend nicht wie ein Prediger, sondern wie jemand, der den Lautstärkeregler bereits bis zum Anschlag gedreht hat.

»Wrong Way Driver« bleibt im schnellen Bereich, setzt jedoch stärker auf Punk und Hardcore. Das Riffing ist einfacher, der Refrain direkter und der Song insgesamt kompakter angelegt. Die Nummer dürfte live ohne größere Anlaufzeit funktionieren, besitzt auf dem Album allerdings weniger Eigenständigkeit als das Titelstück oder »Slayer Saves«.

Mit »Last Trip« wird die Stimmung schwerer. Die Gitarren arbeiten mit einem dunkleren Groove, während der Gesang tiefer im Mix liegt. Gerade hier zeigt sich eine Eigenart der Produktion: Lars „Diggn“ Groß klingt nicht wie ein moderner Frontmann, der weit über den Instrumenten schwebt. Seine Stimme steckt mitten im Bandklang und muss sich ihren Weg durch Gitarren, Bass und Schlagzeug suchen.

Das wirkt einerseits authentisch und erinnert an Underground-Produktionen der Neunziger. Andererseits gehen einzelne Textzeilen verloren. Eine etwas deutlichere Position des Gesangs hätte der politischen Wirkung des Albums nicht geschadet.

EINE NEUE WELT ZUM ZERLEGEN

»New World to Kill« verbindet einen schweren Einstieg mit einem treibenden Refrain. Der Titel spielt mit dem Versprechen einer neuen Welt, deren vermeintlicher Fortschritt erneut auf Ausbeutung, Gewalt und Zerstörung hinausläuft. Komahawk vermeiden dabei futuristische Klangexperimente. Die angekündigte neue Welt wird mit ziemlich alter Schule zerlegt.

Der Bass von Bernd „Bassbernd“ Janssen erhält in den groovenden Passagen mehr Raum. Sein Instrument verdoppelt nicht ausschließlich die Gitarren, sondern sorgt für eine leicht federnde Bewegung unter den Akkorden. Besonders dort, wo das Tempo zurückgenommen wird, gewinnt die Rhythmusgruppe an Gewicht.

Mit »Blow on the Coals« folgt einer der Höhepunkte. Der Titel meint sinngemäß, die Glut erneut anzufachen – ein passendes Bild für eine Band, die nach jahrzehntelanger Veröffentlichungspause wieder Feuer fängt. Das Riff ist eingängig, die Rhythmik drückt nach vorn und der Refrain besitzt genügend Wiedererkennungswert, um sich von den ähnlich angelegten Hardcore-Thrash-Nummern abzuheben.

Die Gitarren klingen rau und trocken. Es gibt weder eine künstlich verbreiterte Hochglanzwand noch endlose Spuren, die jeden Anschlag verdoppeln. Komahawk wirken wie vier Musiker in einem Proberaum – vermutlich, weil sie genau dort aufgenommen wurden. Diese Direktheit steht dem Material grundsätzlich gut.

DAS UNAUSGESPROCHENE BLEIBT NICHT LEISE

»Unspoken« nimmt zunächst etwas Geschwindigkeit heraus und setzt stärker auf Spannung. Der Song zeigt, dass Komahawk nicht jeden Gedanken in zweieinhalb Minuten Hardcore-Geballer unterbringen müssen. Die Gitarren lassen einzelne Akkorde länger stehen, während Björn Geene mit kontrollierten Schlägen für Bewegung sorgt.

Der Refrain hätte melodisch noch stärker herausgearbeitet werden können. Die Nummer besitzt Atmosphäre, bleibt aber weniger griffig als »Blow on the Coals« oder »Doomsday for Democracy«. Gerade in der zweiten Albumhälfte macht sich bemerkbar, dass viele Songs aus einer ähnlichen Mischung aus mittlerem Tempo, Punk-Akkorden und rauem Gesang gebaut sind.

»Hellhole« gleicht diesen Eindruck teilweise aus. Mit beinahe fünf Minuten ist es das längste Stück und erlaubt sich eine breitere Entwicklung. Das Riffing fällt schwerer aus, der Bass drückt deutlicher und der Song besitzt eine düstere Grundhaltung. Das titelgebende Höllenloch kann sowohl als konkreter Ort als auch als gesellschaftlicher Zustand verstanden werden.

Hier profitieren Komahawk davon, nicht ständig auf Geschwindigkeit zu setzen. Der Groove wirkt bedrohlicher als manches schnelle Riff und gibt Lars „Diggn“ Groß mehr Raum für seinen angegriffenen Gesang. Gleichzeitig hätte ein klarer herausgearbeiteter Höhepunkt die lange Spielzeit noch besser gerechtfertigt.

DER LEBENSSPENDER WIRD ZUM OPFER

»Killing Lifegiver« richtet den Blick auf die Zerstörung jener Grundlagen, von denen menschliches Leben abhängt. Die genaue Deutung bleibt offen, doch Umweltzerstörung, Ausbeutung und selbst verursachter Niedergang liegen als Themen nahe. Komahawk formulieren daraus keine sanfte ökologische Mahnung, sondern einen schweren Crossover-Song.

Das Gitarrenduo arbeitet enger zusammen als in einigen vorherigen Stücken. Kurze melodische Akzente brechen die ansonsten kompakte Rhythmusarbeit auf. Bernd „Bassbernd“ Janssen und Björn Geene halten den Song stabil, auch wenn die Gitarren einzelne Richtungswechsel einbauen.

Der abschließende Track »The Hope Dies Last« ist kein gewöhnlicher Song, sondern ein atmosphärisches Outro. Nach den politischen und gesellschaftlichen Anklagen bleibt zumindest der Gedanke, dass Hoffnung zuletzt stirbt. Vollständig optimistisch klingt das Ende dennoch nicht. Die Hoffnung ist vorhanden, wirkt aber bereits deutlich angeschlagen.

Die Verbindung zum Intro schließt den Kreis. »Doomsday for Democracy« endet nicht mit einem siegreichen Refrain oder einer Lösung für die zuvor benannten Probleme. Das Album lässt den Hörer mit der Verantwortung zurück, sich selbst eine Haltung zu den beschriebenen Entwicklungen zu bilden.

DREISSIG JAHRE PAUSE, ABER KEIN STILBRUCH

Die Geschichte von Komahawk beginnt 1992 in Bremen. Die Stadt war stark von Punk und Hardcore geprägt, während Thrash Metal längst seine klassische Hochphase erreicht hatte. Aus dieser Überschneidung entwickelte die Band einen Crossover, der Bands wie D.R.I., Cro-Mags, Suicidal Tendencies und Sacred Reich nähersteht als technisch ausgerichtetem Bay-Area-Thrash.

1994 erschien das Debüt »No Hope for Tomorrow«. Zwei Jahre später folgten »Slow« und eine Europatour als Support der US-Thrasher Sacred Reich. Nach »Rhytmo Fantástico« legte die Band eine längere Pause ein. Lars „Diggn“ Groß wurde später Mitgründer von President Evil und war zeitweise als Live-Gitarrist bei Motorjesus aktiv.

Die Wiedervereinigung begann mit einem Konzert zum zwanzigjährigen Jubiläum des Debüts. Aus gelegentlichen Proben entwickelten sich neue Songs, deren Fertigstellung durch die Pandemie zusätzlich verzögert wurde. Dass »Doomsday for Democracy« nicht nach einem modernen Neustart mit komplett veränderter Stilistik klingt, ist deshalb kaum überraschend.

Komahawk wollen nicht beweisen, dass sie aktuelle Thrash-Produktionen imitieren können. Die Band führt ihren früheren Stil fort: direkt, politisch, punkig und ohne besondere Rücksicht auf zeitgenössische Klangideale.

DIY ZWISCHEN CHARAKTER UND BEGRENZUNG

Das Album wurde Stück für Stück im Proberaum aufgenommen und anschließend von Lars „Diggn“ Groß zu Hause gemischt. Diese Arbeitsweise ist deutlich hörbar. Die Instrumente besitzen natürliche Ecken, die Lautstärkeverhältnisse sind nicht in jedem Song identisch und der Gesang liegt häufig tief innerhalb der Mischung.

Die Gitarren haben genügend Druck, klingen aber nicht übermäßig komprimiert. Das Schlagzeug besitzt einen ehrlichen Proberaumcharakter, wobei insbesondere die Snare trocken und direkt anschlägt. Der Bass ist hörbar, könnte jedoch in den schnelleren Passagen noch klarer vom Gitarrenfundament getrennt werden.

Die Produktion passt zur Vergangenheit der Band und zum Crossover-Charakter. Eine klinisch saubere Bearbeitung hätte dem Material vermutlich einen Teil seiner Glaubwürdigkeit genommen. Trotzdem sollte Rauheit nicht automatisch als Qualitätsbeweis gelten. Gerade die Texte hätten von einer präsenteren Stimme profitiert.

Auch kompositorisch gibt es leichte Ermüdungserscheinungen. Viele Songs bewegen sich in einem ähnlichen Tempo und greifen auf vergleichbare Riffstrukturen zurück. Die Höhepunkte zeigen jedoch, dass Komahawk weiterhin wirkungsvolle Songs schreiben können, wenn Groove, Refrain und politische Aussage präzise zusammenfinden.

FAZIT:

»Doomsday for Democracy« ist ein ehrliches Comeback zwischen Thrash Metal, Hardcore und Punk, das besonders mit »Rich and Dead«, »Doomsday for Democracy«, »Slayer Saves«, »Blow on the Coals« und »Hellhole« überzeugt. Die raue DIY-Produktion besitzt Charakter, drängt den Gesang jedoch stellenweise zu weit zurück, während die ähnliche Grundausrichtung einiger Songs etwas Abwechslung kostet. Nach fast drei Jahrzehnten klingt die Streitaxt von Komahawk trotzdem erstaunlich wenig eingerostet – und das morgendliche Knoppers dürfte beim ersten Moshpit längst wieder verbrannt sein.

Blow On The Coals Musikvideo:

Internet

Komahawk - Doomsday for Democracy - CD Review