Band: Twist Lock 🇺🇸
Titel: Surplus Citizen
Label: Bikini Boys Productions
VÖ: 12.06.2026
Format: Digital
Genre: Beatdown Hardcore / Hardcore Punk / Slam

Tracklist

01. Get Bent
02. Your Mistake
03. CUNTstituents
04. Imbecile

Besetzung

Wade Taylor – Gesang, Effekte
Cameron Broomfield – Gitarren, Bass, Gesang
Dekota Martin – Schlagzeug

Twist Lock – Produktion
Wade Taylor und Cameron Broomfield – Aufnahmen
Filthy Swine Productions – Studio
Wade Taylor – Mix, Mastering und Artwork

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Ein Twist Lock verriegelt Frachtcontainer und sorgt dafür, dass tonnenschwere Ladung auch bei starkem Seegang an ihrem Platz bleibt. Die gleichnamige US-amerikanische Band verfolgt auf »Surplus Citizen« ein ähnlich robustes Prinzip: Riff einsetzen, verriegeln und anschließend so lange Druck ausüben, bis im Hörraum nichts mehr verrutschen kann. Das Trio aus Wade Taylor, Cameron Broomfield und Dekota Martin verbindet Beatdown Hardcore mit Punk-Aggression, schwerem Groove und kurzen Slam-Attacken. Inhaltlich richtet sich die Debüt-EP gegen wirtschaftliche Ausbeutung, falsche Persönlichkeiten, politische Verachtung und eine Gesellschaft, die gewöhnliche Menschen zunehmend wie überschüssiges Material behandelt.

YouTube Art Playlist: Surplus Citizen

ÜBERSCHÜSSIG IM EIGENEN SYSTEM

Der Titel »Surplus Citizen« beschreibt einen Bürger, der zwar arbeiten, konsumieren und funktionieren soll, darüber hinaus aber zunehmend als entbehrlich behandelt wird. Persönlicher Wert wird an Produktivität und wirtschaftlicher Verwertbarkeit gemessen. Wer nicht genügend Gewinn erzeugt, fällt aus dem Raster.

Twist Lock übersetzen diese gesellschaftliche Wut nicht in lange Erklärungen. Die EP dauert kaum zwölf Minuten und konzentriert sich auf vier kompakte Attacken. Jeder Song benötigt wenige Riffs, einen klaren Gegner und mindestens einen Breakdown, der ungefähr so dezent auftritt wie ein Betonmischer im Wohnzimmer.

Die 2024 gegründete Band besteht aus aktuellen und ehemaligen Mitgliedern von Atoll, Eyes Of Perdition, Lunacy, Necrambulent und Necrobot. Räumlich verteilt sich das Trio auf Las Vegas, Phoenix und Mobile. Musikalisch klingt die Zusammenarbeit dennoch nicht nach einem über das Internet zusammengesetzten Nebenprojekt, sondern nach drei Musikern, die eine gemeinsame Vorstellung von maximal reduziertem Druck besitzen.

DIE ZUKUNFT KANN SICH VERBIEGEN

»Get Bent« beginnt langsam und schwer. Cameron Broomfield legt ein tief gestimmtes Riff in den Raum, während Dekota Martin jeden Schlag mit ausreichend Abstand setzt, damit sich dessen Gewicht vollständig entfalten kann. Erst nach diesem bedrohlichen Auftakt zieht die Band das Tempo an.

Inhaltlich verarbeitet der Song das Gefühl, um die eigene Zukunft betrogen worden zu sein. Einer Generation wurde vermittelt, harte Arbeit führe zu Sicherheit und gesellschaftlichem Aufstieg. In der Realität steigen Lebenshaltungskosten, Konzerne und Milliardäre sammeln immer größere Vermögen an, während viele Menschen trotz permanenter Arbeit kaum überleben können.

Wade Taylor schreit diese Frustration nicht aus sicherer Distanz heraus. Seine Stimme klingt, als würde sie direkt aus einem schlecht bezahlten Zwölfstundendienst kommen. Zwischen den rauen Hardcore-Shouts liegen Effekte und zusätzliche vokale Ebenen, die den Eindruck einer größer werdenden Menge erzeugen.

Der Breakdown arbeitet mit konsequenter Reduktion. Gitarre, Bass und Schlagzeug setzen gemeinsam ein, stoppen und schlagen erneut zu. Technisch geschieht hier nichts Revolutionäres, doch die Platzierung sitzt. Beatdown Hardcore lebt schließlich nicht davon, das Rad neu zu erfinden, sondern es möglichst wirkungsvoll über den Hörer rollen zu lassen.

DEINE MASKE, DEIN FEHLER

»Your Mistake« richtet sich gegen manipulatives Verhalten, künstlich aufgebaute Persönlichkeiten und öffentliche Figuren, deren sorgfältig gepflegte Außendarstellung wenig mit ihrem tatsächlichen Handeln zu tun hat. Die Band betrachtet diese Masken nicht als harmlose Selbstinszenierung, sondern als Mittel zur Kontrolle.

Musikalisch setzt der Song ohne längere Einleitung ein. Das Hauptriff ist kantiger als auf »Get Bent« und enthält eine deutliche Punk-Komponente. Martin treibt die Komposition mit einer trockenen Snare voran, bevor der Rhythmus erneut in einen schweren Halftime-Groove fällt.

Broomfield übernimmt neben Gitarre und Bass zusätzlichen Gesang. Seine tieferen Einwürfe ergänzen Taylors aggressivere Stimme und verleihen einzelnen Passagen einen dialogartigen Charakter. Die beiden klingen nicht wie sorgfältig voneinander getrennte Studiostimmen, sondern wie zwei Personen, die denselben Gegner aus unterschiedlichen Richtungen anschreien.

Der Song ist ein präziser Tonsetzer für die gesamte EP. Seine Struktur bleibt übersichtlich, die Botschaft ist unmittelbar und sämtliche Umwege wurden bereits vor der Aufnahme aus dem Gebäude begleitet.

VERTRETER OHNE VERTRETUNG

Der Wortwitz von »CUNTstituents« verbindet die politischen „Constituents“, also Wähler oder Bürger eines Wahlkreises, mit einer unmissverständlichen Beleidigung. Damit rückt die Nummer die Beziehung zwischen Bevölkerung und angeblichen Volksvertretern in den Mittelpunkt.

Die politische Lesart passt zum Gesamtkonzept: Menschen werden während eines Wahlkampfs als wichtige Stimmen angesprochen, nach der Abstimmung aber häufig nur noch als statistische Masse behandelt. Entscheidungen folgen wirtschaftlicher Macht, Lobbyinteressen und öffentlicher Inszenierung, während die tatsächlichen Lebensbedingungen vieler Bürger zur Randnotiz werden.

Mit weniger als zweieinhalb Minuten ist der Song die kürzeste Nummer. Die Band erhöht das Tempo und lässt mehr Hardcore Punk in ihren Beatdown-Sound einfließen. Martin spielt direkter, während Broomfields Riff weniger schleppt und stärker nach vorne stößt.

In der zweiten Hälfte fällt die Komposition erwartungsgemäß in einen schweren Breakdown. Die Überraschung liegt nicht darin, dass er kommt, sondern in der Härte des Übergangs. Der Song zieht kurz die Handbremse, dreht das gesamte Fahrzeug quer und lässt den nachfolgenden Verkehr seine Probleme selbst regeln.

ANGESTAUTE NEGATIVENERGIE

»Imbecile« bildet den Abschluss und funktioniert als Ventil für aufgestaute Wut. Nach Kapitalismuskritik, Manipulation und politischer Entfremdung bleibt keine ausgearbeitete Lösung zurück. Die Band entlädt stattdessen den restlichen Frust in einem besonders stumpfen und körperlichen Finale.

Das Wort „Imbecile“ kann sich gegen konkrete Personen richten, beschreibt innerhalb des EP-Konzepts aber ebenso eine Gesellschaft, die offensichtliche Ausbeutungsmechanismen erkennt und dennoch permanent reproduziert. Dummheit erscheint nicht als fehlendes Wissen, sondern als beharrliche Weigerung, aus den sichtbaren Folgen des eigenen Handelns zu lernen.

Broomfields Bass drückt hier besonders stark. Das Instrument verschmilzt weitgehend mit der Gitarre, verstärkt aber deren untere Frequenzen so deutlich, dass das Hauptriff beinahe mehr gefühlt als gehört wird. Taylor und Broomfield stapeln ihre Stimmen darüber und erzeugen eine kompakte Wand aus Beschimpfung und Widerstand.

Der Song endet ohne versöhnlichen Ausblick. Das passt zur EP, die keine politische Programmschrift sein möchte. Twist Lock diagnostizieren einen Zustand, schlagen viermal dagegen und verlassen den Raum, bevor jemand einen Sitzkreis organisieren kann.

DREI MUSIKER, KEIN BALLAST

Wade Taylor trägt die Konfrontation mit seinem Gesang. Seine Hardcore-Shouts sind rau, kräftig und verständlich genug, um die zentralen Aussagen zu transportieren. Effekte und zusätzliche Spuren vergrößern die Stimme, ohne sie vollständig künstlich erscheinen zu lassen.

Die begrenzte Spielzeit verhindert, dass der relativ gleichförmige Vortrag ermüdet. Auf einer längeren Veröffentlichung dürften deutlichere Wechsel zwischen tiefen Stimmen, höheren Schreien und gesprochenen Passagen jedoch für zusätzliche Konturen sorgen.

Cameron Broomfield übernimmt Gitarre, Bass und weiteren Gesang. Seine Riffs sind bewusst einfach gehalten und beziehen ihre Wirkung aus Rhythmus, Stimmung und Produktion. Einzelne Akkorde werden nicht mit technischen Verzierungen überladen, sondern so gesetzt, dass Schlagzeug und Stimmen genügend Platz erhalten.

Besonders überzeugend ist seine Fähigkeit, Slam-Schwere und Punk-Direktheit miteinander zu verbinden. Die Songs schleppen nicht permanent im selben Tempo. Kurze Beschleunigungen und rhythmische Veränderungen verhindern, dass die EP zu einer einzigen zwölfminütigen Breakdown-Schleife wird.

Dekota Martin hält die Konstruktion zusammen. Sein Schlagzeugspiel ist präzise, ohne klinisch zu klingen. Die Snare besitzt einen trockenen Anschlag, die Bassdrum bleibt auch unter den tief gestimmten Saiteninstrumenten wahrnehmbar und kleine Tempowechsel werden sauber vorbereitet.

Martin spielt nicht mehr, als die Songs benötigen. Gerade in diesem Genre ist das eine wichtige Qualität. Ein übermäßig beschäftigtes Schlagzeug würde die bewusst schweren Zwischenräume auffüllen und den Riffs einen Teil ihrer Wirkung nehmen.

ROH, ABER NICHT FORMLOS

Die Band produzierte »Surplus Citizen« selbst. Wade Taylor und Cameron Broomfield nahmen das Material bei Filthy Swine Productions auf, Taylor übernahm anschließend Mix und Mastering.

Der Klang ist rau, tief und bewusst kompakt. Gitarre und Bass bilden eine gemeinsame Masse, während das Schlagzeug genügend Kontur behält. Die Stimmen sitzen weit vorne und vermitteln den Eindruck unmittelbarer körperlicher Nähe.

Diese Produktion passt zur Musik, verschluckt aber gelegentlich Details. Broomfields Bass und Gitarre lassen sich nicht immer klar voneinander unterscheiden, und Taylors Effekte liegen stellenweise sehr dicht über den eigentlichen Vocals. Mehr räumliche Trennung hätte der Brutalität nicht geschadet.

Gleichzeitig vermeidet die EP jene sterile Perfektion, an der moderner Beatdown gelegentlich krankt. Die Musik klingt nach einer Band und nicht nach vier exakt quantisierten Spuren, die sich zufällig dieselbe Audiodatei teilen.

ZWÖLF MINUTEN GESELLSCHAFTLICHER WIDERSTAND

Die Kürze ist Stärke und Begrenzung zugleich. Twist Lock verschwenden keine Zeit, wiederholen keine Refrains bis zur Erschöpfung und beenden jeden Song, sobald dessen zentrale Wirkung erreicht ist.

Dadurch entsteht eine EP mit hohem körperlichem Druck und klarer thematischer Linie. »Get Bent« und »Your Mistake« besitzen die stärksten Einzelriffs, während »CUNTstituents« durch seine punkige Direktheit auffällt. »Imbecile« liefert schließlich das erwartete schwere Finale.

Auf längere Sicht benötigt die Band jedoch mehr Kontraste. Die vier Stücke basieren auf ähnlichen Tempi, vergleichbaren Gitarrenklängen und einer sehr konsequenten Breakdowndramaturgie. Atmosphärische Passagen, schnellere Hardcore-Ausbrüche oder ein stärker hervortretender Bass könnten den eigenen Stil weiter schärfen.

Als Debüt funktioniert die Konzentration. »Surplus Citizen« möchte keine komplexe Gesellschaftsanalyse liefern, sondern der wahrgenommenen Ungerechtigkeit eine physische Form geben. Diesen Auftrag erfüllt die EP ohne Umschweife.

FAZIT:

»Surplus Citizen« ist eine kurze und kompromisslose Debüt-EP zwischen Beatdown Hardcore, Punk-Aggression und Slam-Schwere. Wade Taylor, Cameron Broomfield und Dekota Martin verwandeln wirtschaftlichen Frust, politische Entfremdung und persönliche Wut in vier druckvolle Songs ohne unnötigen Ballast. Die reduzierte Formel lässt noch wenig Raum für Überraschungen, besitzt aber ausreichend Energie, Groove und Glaubwürdigkeit, um Twist Lock als vielversprechenden neuen Namen im schweren Hardcore zu positionieren.

Lyric Video: Your Mistake

Internet

Twist Lock - Surplus Citizen - EP Review

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