A.A. Williams - Solstice - cover artwork

Interpretin: A.A. Williams 🇬🇧
Titel: Solstice
Label: Reigning Phoenix Music
VÖ: 05.06.2026
Format: 2LP / CD / Digital
Genre: Alternative Metal / Atmospheric Doom / Doomgaze 

Tracklist

01. Poison
02. Wolves
03. Little By Little
04. Hold It Together
05. Outlines
06. I’ve Seen Enough
07. The Veil
08. Just A Shadow
09. It Won’t Rain Forever
10. Breathe
11. The Gentle Harm

Besetzung und Produktion

A.A. Williams – Gesang, Klavier, E-Gitarre, Cello
Matt de Burgh Daly – E-Gitarre, Bass, Pedal Steel, Percussion, Produktion, Mixing
Wayne Proctor – Schlagzeug
Grant Berry – Mastering

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Die britische Sängerin, Songwriterin und Multiinstrumentalistin A.A. Williams bewegt sich auf »Solstice« zwischen atmosphärischem Doom, Post-Rock, Dark Folk, Alternative Rock und zurückhaltendem Post-Metal. Ihre Musik lebt von weit auseinanderliegenden dynamischen Polen: Klavier und Cello tragen intime Momente, bevor verzerrte Gitarren, Bass und Schlagzeug die zuvor angestaute Spannung freisetzen. Inhaltlich beschreibt das Album keinen geradlinigen Weg aus der Dunkelheit, sondern den schwierigen Prozess, emotionale Abhängigkeit, Angst, Selbstverlust und unterdrückte Wut überhaupt erst zu erkennen.

YouTube-Playlist: Solstice

WENDEPUNKT OHNE EINFACHE ERLÖSUNG

Der Titel »Solstice« bezeichnet eine Sonnenwende und damit einen Moment, an dem eine Bewegung ihren äußersten Punkt erreicht und anschließend die Richtung wechselt. Genau diese Vorstellung bildet den gedanklichen Kern des Albums. A.A. Williams beschreibt Menschen an ihren emotionalen Grenzpunkten: Sie halten Beziehungen aufrecht, obwohl diese ihre Identität beschädigen, verbergen Überforderung hinter einem kontrollierten Auftreten und suchen nach einem Ausgang, ohne bereits zu wissen, wie ein Leben danach aussehen könnte.

Die elf Stücke handeln deshalb nicht ausschließlich von Trauer. Sie untersuchen auch, wie sich Trauer, Abhängigkeit und Angst in Gewohnheiten verwandeln. Die Figuren in diesen Liedern leiden nicht nur unter anderen Menschen, sondern unter den Schutzmechanismen, die sie selbst entwickelt haben. Rückzug bietet vorübergehend Sicherheit, nimmt ihnen jedoch zunehmend die Möglichkeit, Nähe, Freiheit und die eigene Persönlichkeit zu erfahren.

Musikalisch setzt Williams diesen Konflikt über extreme Dynamik um. Leise Klavierakkorde und ihre häufig zurückgenommene Stimme vermitteln Selbstbeobachtung, während die großen Steigerungen nicht bloß der Dramaturgie dienen. Sie markieren jene Momente, in denen das Verdrängte nicht länger kontrolliert werden kann.

FREIHEIT ZWISCHEN EUPHORIE UND SELBSTZERSTÖRUNG

»Poison« eröffnet das Album mit einem zunächst widersprüchlichen Gedanken. Freiheit wird hier nicht automatisch als Erlösung behandelt. Wer lange in festen emotionalen Strukturen gelebt hat, kann auch von der plötzlich verfügbaren Freiheit überfordert werden. Alte Begrenzungen lösen sich, doch an ihre Stelle tritt ein beinahe zwanghaftes Verlangen nach Intensität. Vernunft und Selbstschutz verlieren an Bedeutung, bis Neuanfang und Selbstsabotage kaum noch voneinander zu unterscheiden sind.

Williams singt kontrolliert und vermeidet einen übertrieben dramatischen Vortrag. Gerade dadurch wird die gefährliche Euphorie des Stücks glaubwürdig. Das Klavier gibt der Komposition zunächst eine klare Ordnung, während Bass, Schlagzeug und verzerrte Gitarren diese Ordnung allmählich destabilisieren. Der Song steigert sich nicht abrupt, sondern erweitert sein Volumen mit jeder Wiederholung.

Matt de Burgh Daly spielt den Bass mit bemerkenswerter Zurückhaltung. Er nutzt keine auffälligen Läufe, sondern verstärkt die harmonischen Spannungen und gibt den Gitarren ein tragfähiges Fundament. Wayne Proctor setzt am Schlagzeug lange auf kontrollierte Impulse. Wenn sich das Stück schließlich öffnet, wirkt die Intensivierung deshalb nicht wie ein vorgeschriebener Post-Rock-Effekt, sondern wie die zwingende Folge des zuvor aufgebauten inneren Drucks.

WÖLFE AN DER GRENZE ZWISCHEN TRAUM UND ERINNERUNG

»Wolves« beschäftigt sich mit der unsicheren Grenze zwischen Traum, Erinnerung und gegenwärtiger Wahrnehmung. Gefühle aus vergangenen Situationen bleiben erhalten, obwohl ihre konkreten Zusammenhänge längst undeutlich geworden sind. Die erzählende Person sucht nach etwas, das sie nicht präzise benennen kann. Vielleicht handelt es sich um einen Menschen, vielleicht um eine frühere Version der eigenen Identität oder um eine Möglichkeit, die nie wirklich bestanden hat.

Der Wolf steht dabei nicht für ein einzelnes äußeres Wesen. Er lässt sich als Ausdruck einer rastlosen Suche verstehen, die auch dann weitergeht, wenn längst keine realistische Aussicht auf Erfüllung besteht. Die Erinnerung wird dadurch nicht zum sicheren Rückzugsort, sondern zu einer Instanz, die das Denken immer wieder in dieselben unaufgelösten Bewegungen zwingt.

Musikalisch gehört »Wolves« zu den Stücken, in denen Williams’ Verständnis von Melachnolie besonders differenziert ausfällt. Ihre Stimme schwebt nicht einfach über der Begleitung, sondern verändert sich mit der zunehmenden Dichte der Instrumente. Anfangs wirkt sie fast distanziert, später dringt ein schärferer Ton in ihre Phrasierung. Die Gitarren entwickeln breite Akkordflächen, während Proctor das Schlagzeug nicht durchgehend antreibt, sondern gezielt auf die Wendepunkte der Komposition reagieren lässt.

WIE EIN MENSCH SCHRITTWEISE VERSCHWINDET

»Little By Little« gehört zu den textlich klarsten und psychologisch genauesten Stücken des Albums. Der Song beschreibt eine Beziehung, in der die eigene Persönlichkeit nicht durch einen einzelnen großen Konflikt zerstört wird. Die Beschädigung erfolgt schrittweise: fremde Aussagen setzen sich im Denken fest, Selbstvertrauen wird abgetragen und das eigene Empfinden verliert seine Verlässlichkeit.

Das Entscheidende ist die Ambivalenz der erzählenden Person. Sie erkennt längst, dass eine Trennung notwendig wäre, ist emotional aber noch nicht bereit, diese Erkenntnis auszusprechen oder umzusetzen. Der Wunsch nach Distanz besteht gleichzeitig mit der Angst vor dem endgültigen Verlust. Williams beschreibt damit sehr präzise, weshalb Menschen in schädlichen Beziehungen verbleiben können, obwohl sie deren Mechanismen bereits durchschaut haben.

Im letzten Teil verschiebt sich die Perspektive. Die Figur wartet nicht mehr darauf, von außen gerettet zu werden, sondern beginnt langsam, die eigene Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Das wiederkehrende „nach und nach“ bezeichnet somit sowohl die vorausgegangene Zerstörung als auch den anschließenden Wiederaufbau.

Musikalisch zählt das Stück zu den unmittelbareren Kompositionen. Der Refrain besitzt eine klare melodische Struktur, ohne die Schwere des Albums zu relativieren. Williams verbindet hier Eingängigkeit mit einer ungewöhnlich genauen Textführung. Jede Wiederholung verändert die Bedeutung der zentralen Formulierung, weil die erzählende Person ihre Situation zunehmend anders bewertet.

FUNKTIONIEREN, WÄHREND IM INNEREN ALLES NACHGIBT

»Hold It Together« untersucht das Verhalten eines Menschen, der jede emotionale Regung wahrnimmt, nach außen aber weiterhin Verlässlichkeit darstellen muss. Williams beschreibt keinen spektakulären Zusammenbruch. Im Mittelpunkt steht vielmehr die tägliche Anstrengung, einen solchen Zusammenbruch zu verhindern und dabei immer weniger von der eigenen Persönlichkeit erkennen zu können.

Die Figur passt sich ihrer Umgebung an, zieht sich hinter eine kontrollierte Oberfläche zurück und macht sich beinahe unsichtbar. Das Lächeln wird zu einer sozialen Funktion. Es schützt andere vor der eigenen Überforderung, verhindert zugleich aber, dass überhaupt jemand den Ernst der Situation erkennt. Diese Form der Selbstkontrolle erscheint zunächst fürsorglich, führt langfristig jedoch zur vollständigen Isolation.

Das über sechs Minuten lange Stück nimmt sich die notwendige Zeit, diesen Zustand musikalisch zu entwickeln. Williams beginnt am Klavier und lässt zwischen den Akkorden viel Raum. Ihre Stimme klingt nicht schwach, sondern bewusst begrenzt, als müsse jede stärkere Regung sofort wieder unter Kontrolle gebracht werden.

Erst später treten Schlagzeug, Bass und Gitarren deutlicher hervor. Proctor steigert die Intensität über Beckenarbeit und zunehmend kräftige Akzente, ohne den Song zu überfrachten. De Burgh Daly verdichtet die tiefen Frequenzen, während Williams’ Cello der Komposition eine zusätzliche emotionale Ebene gibt. Der abschließende Ausbruch wirkt nicht wie Befreiung, sondern wie das Eingeständnis, dass das bisherige Durchhalten nicht unbegrenzt möglich ist.

ENTWÜRFE EINES GEMEINSAMEN LEBENS

»Outlines« verschiebt den Blick von der unmittelbaren Krise auf eine mögliche Zukunft. Der Titel bezeichnet Umrisse: keine vollständig erkennbare Wirklichkeit, sondern eine Vorstellung, deren konkrete Form noch nicht gesichert ist. Zwischen Lärm, Niedergang, Angst und belastenden Erfahrungen erkennt die erzählende Person kurze Momente von Freude und Verbundenheit.

Diese Augenblicke reichen aus, um die Möglichkeit eines anderen Lebens vorstellbar zu machen. Der Song formuliert jedoch keine naive Hoffnung. Die gemeinsame Zukunft bleibt gefährdet, weil sie bislang nur als Skizze existiert. Dennoch liegt gerade darin eine zentrale Entwicklung des Albums: Die Figur kann wieder etwas denken, das über das bloße Überstehen der Gegenwart hinausgeht.

Williams’ Klavierspiel ist hier besonders wirkungsvoll. Sie vermeidet große virtuose Gesten und konzentriert sich auf Akkordfolgen, deren harmonische Verschiebungen den Text tragen. Das Cello verlängert einzelne Töne und schafft Übergänge zwischen den ruhigen Abschnitten und den später einsetzenden Gitarren. De Burgh Dalys Produktion lässt diese Instrumente nebeneinander bestehen, ohne sie zu einem einheitlichen Klangblock zu verdichten.

ERSCHÖPFUNG UND DIE ILLUSION FREMDER ANTWORTEN

»I’ve Seen Enough« beschreibt den Punkt, an dem emotionale Erschöpfung in Widerstand übergeht. Die erzählende Person hat Teile der eigenen Identität verloren und geglaubt, ein anderer Mensch verfüge über alle notwendigen Antworten. Diese Projektion schafft vorübergehend Orientierung, macht die eigene Stabilität aber vollständig vom Gegenüber abhängig.

Im Verlauf des Songs erkennt die Figur, dass niemand ihr langsames Versinken wahrgenommen hat. Diese Feststellung ist nicht nur ein Vorwurf an andere. Sie verweist auch darauf, wie erfolgreich das eigene Leiden verborgen wurde. Wer sich ständig an fremden Erwartungen orientiert, kann so unauffällig verschwinden, dass selbst nahestehende Menschen den Prozess erst bemerken, wenn kaum noch etwas übrig ist.

Williams beginnt erneut am Klavier, doch die Komposition bleibt nicht in reduzierter Traurigkeit stehen. Cello, Bass und Schlagzeug erweitern den Song allmählich. Besonders stark ist Williams’ Gesang in den höheren Lagen. Sie erhöht nicht einfach die Lautstärke, sondern lässt die Stimme zunehmend weniger geschützt wirken. Kleine Rauheiten bleiben hörbar und geben der Aufnahme eine menschliche Unmittelbarkeit.

HINTER DEM SCHLEIER

»The Veil« reduziert das Album für gut drei Minuten nahezu vollständig auf Stimme und Klavier. Nach den großen Steigerungen der vorausgegangenen Stücke wirkt diese Entscheidung konsequent. Die Musik bietet keinen Schutz durch Lautstärke mehr, sondern stellt die zentrale Erkenntnis des Songs offen in den Raum: Die verbleibende innere Kraft kann nicht dauerhaft allein aufrechterhalten werden.

Der Schleier lässt sich als Grenze zwischen dem gezeigten und dem tatsächlichen Zustand verstehen. Hinter ihm existiert noch ein Rest von Hoffnung oder Bindung, doch dieser Rest reicht nicht aus, wenn er nur von einer Person getragen wird. Williams singt hier sehr nah und fast ohne dekorative Effekte. Ihre Atemführung, das vorsichtige Ausklingen einzelner Worte und die sparsame Klavierbegleitung erzeugen eine Form von Intimität, die keine zusätzliche Instrumentierung benötigt.

Gerade in diesem Stück wird deutlich, wie wichtig Williams’ klassische musikalische Ausbildung für ihre Arbeit ist. Sie behandelt Stille nicht als leeren Zwischenraum, sondern als Teil der Komposition. Die Pausen besitzen Gewicht, weil sie die fehlenden Antworten und die emotionale Distanz unmittelbar erfahrbar machen.

DER SCHATTEN ALS TEIL DER EIGENEN PERSON

»Just A Shadow« wendet sich der Dunkelheit zu, die nicht von außen eindringt, sondern seit langer Zeit zur eigenen Persönlichkeit gehört. Williams beschreibt diesen Anteil nicht als klar besiegbaren Gegner. Der Schatten ist grausam, aber vertraut; er begleitet die Figur so lange, dass ein Leben ohne ihn beinahe ebenso beängstigend erscheint wie sein Fortbestehen.

Der Wunsch nach Flucht richtet sich deshalb nicht nur gegen eine Situation, sondern gegen einen Teil des eigenen Selbst. Die Bereitschaft, selbst in eine neue Gefahr hineinzugehen, wirkt weniger irrational, wenn die bestehende innere Belastung längst unerträglich geworden ist. Der Song zeigt damit, wie Menschen bekannte Schmerzen einer unsicheren Freiheit vorziehen können und wie radikal ein Ausbruch sein muss, wenn diese Ordnung schließlich zusammenbricht.

Musikalisch besitzt »Just A Shadow« einen der stärksten Spannungsbögen der Platte. Der dezente Einsatz der Kickdrum bereitet den späteren Anstieg vor, während der Bass die harmonische Bewegung fast unmerklich verstärkt. Sobald die verzerrten Gitarrne einsetzen, bleibt Williams’ Stimme dennoch das Zentrum. Sie wird nicht vom Arrangement überrollt, sondern gewinnt durch den Kontrast zusätzliche Autorität.

HOFFNUNG OHNE BESCHÖNIGUNG

Der Titel »It Won’t Rain Forever« könnte leicht nach einer einfachen Durchhalteparole klingen. Williams vermeidet jedoch genau diese Vereinfachung. Das Ende des Regens bedeutet nicht, dass Schmerz und Unsicherheit plötzlich verschwinden. Selbst Ruhe kann quälend sein, wenn ein Mensch so lange unter Anspannung gelebt hat, dass Entspannung nicht mehr als sicherer Zustand wahrgenommen wird.

Der Song beschreibt daher keine vollständige Genesung, sondern das Weitergehen trotz widersprüchlicher Empfindungen. Hoffnung besteht hier nicht in der Gewissheit, dass alles gut wird. Sie besteht in der Entscheidung, die Möglichkeit einer Veränderung nicht vollständig aufzugeben.

Musikalisch ist das Stück heller als viele andere Momente des Albums, ohne den Gesamtcharakter zu verlassen. Williams öffnet ihre Melodieführung, und auch die Gitarren wirken weniger bedrängend. Proctor spielt mit größerer Beweglichkeit und verleiht dem Song einen sanften Vorwärtsdrang. Die rhythmische Entwicklung unterstützt den Gedanken, dass Stillstand zwar überwunden werden kann, der folgende Weg aber weiterhin Kraft kostet.

ATMEN ALS RÜCKKEHR ZUM EIGENEN KÖRPER

»Breathe« richtet den Blick auf Angst als körperlichen Zustand. Die erzählende Person wünscht sich nicht sofort Glück oder eine neue Beziehung, sondern zunächst die Erfahrung von Ruhe. Dieser Wunsch ist grundlegend: Sie möchte wissen, wie es sich anfühlt, wenn der innere Griff nachlässt und die permanente Wachsamkeit für einen Moment endet.

Atmen wird damit zum Gegenbild der bisherigen Selbstkontrolle. Während »Hold It Together« das angestrengte Funktionieren beschreibt, geht es hier um die Erlaubnis, den Körper nicht länger gegen die eigenen Gefühle verteidigen zu müssen. Der Song verwechselt Heilung nicht mit Willenskraft. Die Figur bittet um eine Chance und erkennt damit an, dass sie ihre Situation nicht allein durch Disziplin lösen kann.

Williams’ Cello verleiht der Komposition eine körperliche Tiefe, während de Burgh Dalys Bass die langen Spannungsflächen trägt. Proctor hält sich anfangs zurück und lässt die Stimme frei stehen. Später wächst die Instrumentierung behutsma an, bis aus der Bitte nach Ruhe ein deutlich formulierter Anspruch auf ein anderes Leben wird.

DER SANFTE SCHADEN

Der abschließende Song »The Gentle Harm« fasst die psychologische Bewegung des Albums zusammen. Der Titel beschreibt Verletzungen, die nicht mit offenem Hass oder sichtbarer Gewalt verbunden sein müssen. Manche Menschen schaden anderen auf eine so zurückhaltende, alltägliche und scheinbar milde Weise, dass die Betroffenen lange an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln.

Als Reaktion darauf errichtet die erzählende Person Mauern, Dornen und einen inneren Käfig. Diese Schutzräume erfüllen zunächst ihren Zweck: Sie verhindern neue Verletzungen. Gleichzeitig schließen sie aber auch jede Form von Nähe und Entwicklung aus. Schutz wird zur Gefangenschaft.

Entscheidend ist, dass Williams den Ausbruch aus diesem Käfig nicht als sanfte Selbstfindung beschreibt. Die geschaffene Zuflucht muss mit erheblicher Kraft zerstört werden, weil sie längst Teil der eigenen Identität geworden ist. Die Wut richtet sich dabei sowohl gegen den verursachten Schaden als auch gegen die eigenen Mechanismen des Rückzugs.

Musikalisch bildet »The Gentle Harm« den folgerichtigen Abschluss. Das Klavier beginnt beinahe feierlich, doch die Harmonik bleibt instabil. Williams singt zunächst mit großer Ruhe und steigert ihre Ausdruckskraft erst, als die Instrumentierung dichter wird. Das Cello erweitert die tiefen Register, de Burgh Daly baut mit Bass und Gitarren ein zunehmend massives Klangbild auf, und Proctor führt die Komposition mit kraftvollen, aber präzise gesetzten Schlägen in das Finale.

Die abschließende Steigerung ist keine eindeutige Siegesfeier. Der Schatten bleibt bestehen, doch die Figur hat aufgehört, sich vollständig von ihm bestimmen zu lassen. Darin liegt die eigentliche Sonnenwende dieses Albums.

DREI MUSIKER, EIN GEMEINSAMES VERSTÄNDNIS VON DYNAMIK

Die Leistung von A.A. Williams geht weit über ihre Rolle als Sängerin hinaus. Als Komponistin, Pianistin, Gitarristin und Cellistin kontrolliert sie sowohl die harmonische Sprache als auch die emotionale Architektur des Albums. Ihr Gesang lebt nicht von maximaler Lautstärke oder technischer Selbstdarstellung. Entscheidend sind die feinen Veränderungen innerhalb einer Zeile: ein zurückgenommenes Wort, ein hörbarer Atemzug, ein bewusst rau belassener Ton oder der Wechsel von beinahe geflüsterter Nähe zu fester, klarer Stimme.

Am Klavier arbeitet Williams äußerst diszipliniert. Sie spielt selten mehr, als die jeweilige Szene benötigt. Die Akkorde schaffen Orientierung, lassen aber genug Raum für Stille, Gesang und die später hinzukommenden Instrumente. Ihr Cello übernimmt ebenfalls keine dekorative Funktion. Es verstärkt häufig jene emotionalen Bereiche, die der Text nur indirekt ausspricht, und verbindet die kammermusikalischen Passagen mit der Schwere der Bandarrangements.

Matt de Burgh Daly ist für die Geschlossenheit von »Solstice« ebenso entscheidend. Seine Gitarrenarbeit baut keine permanenten Klangwände, sondern unterscheidet sehr genau zwischen Begleitung, Textur und tatsächlicher Entladung. Einzelne Töne, Pedal-Steel-Färbungen und zurückhaltende Akkorde bekommen ebenso viel Bedeutung wie die großen verzerrten Passagen.

Am Bass sorgt de Burgh Daly dafür, dass die langen Kompositionen ihre Richtung behalten. Er orientiert sich nicht bloß an den Grundtönen, sondern verstärkt harmonische Übergänge und bereitet Steigerungen vor, bevor sie an der Oberfläche hörbar werden. Als Produzent und Mixer bewahrt er außerdem die Unterschiede zwischen Klavier, Cello, Stimme, Bass und Gitarren. Selbst in den dichtesten Momenten bleiben die einzelnen Ebenen nachvollziehbar.

Wayne Proctor spielt Schlagzeug mit einem ausgeprägten Verständnis für Zurückhaltung. Er behandelt die ruhigen Abschnitte nicht als Wartezeit bis zum nächsten lauten Teil, sondern arbeitet dort mit kleinen Akzenten, gedämpften Schlägen und fein dosierter Beckenarbeit. Wenn die Kompositionen schließlich an Intensität gewinnen, kann er die notwendige Kraft freisetzen, ohne den Gesang oder die harmonischen Details zu überdecken.

GROSSE WIRKUNG, ABER NICHT OHNE WIEDERHOLUNG

Die klare Stärke von »Solstice« liegt in der Verbindung aus Text, Dynamik und Instrumentierung. Williams schreibt nicht einfach melancholische Lieder über gescheiterte Beziehungen. Sie untersucht, wie solche Erfahrungen die eigene Wahrnehmung verändern und wie Schutzmechanismen irgendwann selbst zu einer Belastung werden.

Dennoch folgt ein Teil der Stücke einem ähnlichen dramaturgischen Verfahren: leiser Beginn, langsame Verdichtung, großer instrumentaler Höhepunkt. Williams und ihre Mitmusiker beherrschen diesen Aufbau außergewöhnlich gut, doch gegen Ende der knapp einstündigen Spielzeit ist das Prinzip deutlich erkennbar. Ein oder zwei stärker verkürzte oder formal anders organisierte Stücke hätten dem Album zusätzliche Kontraste geben können.

Auch die konsequent ernste Grundstimmung verlangt Aufmerksamkeit. »Solstice« eignet sich kaum als beiläufige Hintergrundmusik, weil die Stücke auf langsame Entwicklung und textliche Konzentration angewiesen sind. Genau darin liegt jedoch auch seine Qualität. Das Album versucht nicht, seine Themen durch schnelle Hooks oder künstlich gesetzte Härte leichter konsumierbar zu machen.

FAZIT:

»Solstice« ist ein tiefgründiges, musikalisch hervorragend ausgearbeitetes Album über emotionale Abhängigkeit, Selbstverlust und die schwierige Rückkehr zur eigenen Handlungsfähigkeit. A.A. Williams, Matt de Burgh Daly und Wayne Proctor verbinden präzise Zurückhaltung mit gewaltigen Steigerungen und lassen selbst kleine instrumentale Entscheidungen bedeutend erscheinen. Trotz leichter formaler Wiederholungen gehört das Werk mit 4 von 5 Punkten zu den stärksten Veröffentlichungen zwischen Post-Rock, Doom, Dark Folk und atmosphärischem Alternative Rock.

Musikvideo: Poison

Internet

A.A. Williams - Solstice - CD Review

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