Band: CODEX LOVELACE 🇺🇸 / 🇬🇧
Titel: Galvanized Heart
Label: Red Masque Records
VÖ: 04.09.2026
Format: Digital
Genre: Electronic Metal / Industrial Metal / Cyberpunk

Tracklist

01. Follow Me
02. Queen
03. Clockwork
04. Ada
05. Manufactured
06. High Rise
07. The Corps
08. Alice
09. Vampyre
10. Dollhouse
11. Gramophone

Besetzung

Joan Avant – Gitarre, Bass, Violine, Schlagzeug, Synthesizer-Programmierung, Gesang Holly Royle – Gitarre, Synthesizer-Programmierung, Gesang

Produktion und Mix: Joan Avant Mastering: Andy Fernihough

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Cyberpunk aus den USA? Warum nicht? Ganz so einfach ist die Sache bei CODEX LOVELACE allerdings nicht. Hinter dem Projekt stehen Joan Avant aus Texas und Holly Royle aus dem englischen Chester, womit »Galvanized Heart« eher über den Atlantik hinweg als aus einer einzelnen amerikanischen Cybermetropole funkt. Ihr gemeinsames Debüt verbindet elektronische Beats, Darkwave, Industrial, Metal-Gitarren und viktorianische Motive zu einem eigenwilligen Gebräu, das sich einen feuchten Kehricht um stilistische Ordnungssysteme schert. Mal stampft es, mal tanzt es, mal knarzt es wie eine Maschine aus einem alternativen 19. Jahrhundert. Gerade diese Unberechenbarkeit macht die Platte interessant – auch wenn nicht jedes Experiment mit derselben Präzision zündet.

Albumstream:

Hört CODEX LOVELACE hier an und entdeckt »Galvanized Heart«

DAMPF, STROM UND SCHWERE GITARREN

Der Name CODEX LOVELACE kommt nicht von ungefähr. Ada Lovelace, Mathematikerin und eine der zentralen Figuren der frühen Computergeschichte, steht Pate für ein Projekt, das technische Zukunftsbilder bewusst mit viktorianischer Ästhetik kurzschließt. Dazu gesellt sich das Interesse an historischen Frauen, deren Geschichten in der allgemeinen Wahrnehmung häufig im Hintergrund geblieben sind.

Musikalisch wird daraus allerdings keine bloße Steampunk-Kostümparty. Avant und Royle stellen synthetische Rhythmen neben verzerrte Gitarren, orchestrale Farben neben Industrial-Pulse und dunkle elektronische Flächen neben überraschend eingängige Melodien. Wer hier klassischen Heavy Metal erwartet, dürfte sich ungefähr so schnell verirren wie ein Zeitreisender ohne Bedienungsanleitung.

»Follow Me« führt ziemlich passend in diese Welt. Elektrizität ist nicht nur Bestandteil des Sounds, sondern auch Teil der Bildsprache des Songs. Elektronische Rhythmen und Synthesizer treiben das Stück an, während schwere Gitarren dafür sorgen, dass der Einstieg nicht vollständig auf dem Dark-Dance-Floor landet. Liebe, Lust und die Faszination für Elektrizität treffen aufeinander – eine Kombination, die den konzeptionellen Ansatz des Albums früh verdeutlicht.

DARKWAVE MIT METALLISCHEM UNTERBAU

Spätestens »Queen« macht deutlich, dass die Gitarren hier keine bloße Dekoration sind. Der Beat bekommt mehr Gewicht, die elektronischen Elemente bleiben trotzdem tonangebend. Das Ergebnis liegt irgendwo zwischen Darkwave, Electro Metal und einer Form von Gothic, die keine Angst davor hat, auch einmal deutlich körperlicher zu grooven.

»Clockwork« trägt die mechanische Vorstellung bereits im Titel, fällt musikalisch aber weniger offensichtlich nach Steampunk aus, als man erwarten könnte. Gerade das ist symptomatisch für »Galvanized Heart«: CODEX LOVELACE illustrieren ihre Themen nicht permanent mit der musikalischen Brechstange. Statt jedes Zahnrad hörbar rattern zu lassen, legen Avant und Royle lieber verschiedene elektronische, metallische und atmosphärische Ebenen übereinander.

Das funktioniert nicht immer völlig reibungslos. Gerade der Gesang gehört zu den Elementen, bei denen die Platte gelegentlich schwankt. In tieferen, zurückgenommenen Lagen besitzen die Stimmen viel Charakter und passen hervorragend zur dunklen Atmosphäre. Werden die Linien höher und offensiver, wirkt nicht jede Passage gleichermaßen sicher. Auch im Mix hätte an einzelnen Stellen etwas mehr Feinarbeit dafür sorgen können, die Stimmen natürlicher in die dichten Arrangements einzubetten.

ADA FINDET DEN CODE

Mit »Ada« landet das Album bei seinem vielleicht offensichtlichsten Bezugspunkt. Hier passen Konzept und musikalische Sprache besonders gut zusammen. Ein technoider Puls trifft auf experimentelle Klangschichten und einen beinahe industriellen Druck. Das Stück darf merkwürdig sein, ohne willkürlich zu wirken.

Gerade hier zeigt sich eine der größten Stärken des Duos. CODEX LOVELACE versuchen nicht, elektronische Musik lediglich mit ein paar Gitarren „härter“ zu machen. Die Elemente beeinflussen sich gegenseitig. Synthesizer übernehmen rhythmische Aufgaben, Gitarren werden zur Textur und elektronische Beats können plötzlich genauso aggressiv auftreten wie ein Metal-Riff.

»Manufactured« setzt diese künstliche, mechanische Atmosphäre fort, bevor »High Rise« stärker über die Stimmen funktioniert. Gerade die tieferen Gesangslagen passen ausgezeichnet zur dunklen Elektronik und zeigen, dass das Duo dort besonders überzeugend wirkt, wo es nicht versucht, jede Passage maximal groß auszusingen.

DIE DUNKLE SEITE DES BALLETTS

Mit »The Corps« erreicht das historische Interesse des Projekts einen ziemlich unangenehmen Punkt. Thematisch beschäftigt sich der Song mit den sogenannten Petits Rats, jungen Balletttänzerinnen im Paris des 19. Jahrhunderts. Hinter der vermeintlich eleganten Welt des Balletts verbargen sich Abhängigkeiten und sexuelle Ausbeutung durch wohlhabende männliche Gönner.

CODEX LOVELACE machen daraus keinen zarten historischen Walzer. Der Rhythmus schiebt kräftig, elektronische Elemente erzeugen eine beinahe verführerische Oberfläche, während darunter deutlich dunklere Töne arbeiten. Genau dieser Gegensatz funktioniert. Schönheit und Bedrohung stehen nebeneinander, statt dass der Text musikalisch einfach nur mit möglichst finsteren Akkorden unterstrichen wird.

Auch die stärker gehauchten und gedehnten Gesangspassagen passen hier wesentlich besser als manche der offensiver herausgedrückten Momente des Albums. »The Corps« gehört dadurch zu den Nummern, in denen das Konzept unmittelbar in Klang übersetzt wird.

ALICE FOLGT DEM JABBERWOCKY

Danach wird es mit »Alice« noch einmal deutlich dunkler. Der Bezug zur Welt von Lewis Carroll geht bis zum Jabberwocky und gibt dem Duo Gelegenheit, seine verspielte Seite mit etwas Bedrohlichem zu verbinden. Elektronische Texturen, dunkle Atmosphäre und ungewöhnliche vokale Überlagerungen erzeugen einen Moment, der weniger nach Tanzfläche und stärker nach schief geratenem Traum klingt.

Gerade dieser Bereich steht CODEX LOVELACE ausgesprochen gut. Wenn die Musik unheimlich und leicht entrückt wird, erhält sie ein eigenes Profil. Es wäre durchaus reizvoll gewesen, wenn das Album diesen Weg noch häufiger bis zum Ende gegangen wäre.

»Vampyre« schlägt anschließend eine andere Richtung ein. Das Stück besitzt angesichts seiner Vampir- und Dracula-Bilder beinahe überraschend viel Bewegung. Das kann man als reizvollen Kontrast verstehen, sorgt aber auch dafür, dass Thema und musikalische Stimmung weniger selbstverständlich ineinandergreifen als bei »The Corps« oder »Ada«.

DAS PUPPENHAUS KLAPPERT

Einen besonders markanten Klang setzt »Dollhouse«. Ein xylophonartiges Motiv trägt entscheidend zur mechanischen, leicht unheimlichen Atmosphäre bei und bringt den Steampunk-Aspekt stärker nach vorne. Anfangs bewegt sich die Nummer beinahe balladesk, bevor sie zunehmend an Gewicht gewinnt.

Das ist einer jener Momente, in denen die Eigenwilligkeit der Platte vollständig für sie arbeitet. Die Produktion muss nicht makellos poliert sein, wenn die verwendeten Geräusche, Rhythmen und Melodien genügend Persönlichkeit besitzen. »Dollhouse« klingt nicht wie der Versuch, einem gegenwärtigen Metal-Trend hinterherzulaufen. Es klingt nach CODEX LOVELACE.

Der abschließende »Gramophone« führt diesen Gedanken konsequent weiter. Schräge rhythmische Impulse und Industrial-Anteile treffen auf jene viktorianisch-mechanische Atmosphäre, die man anhand des gesamten Erscheinungsbildes wahrscheinlich schon deutlich früher erwartet hätte. Als Schlussnummer eignet sich das hervorragend: Das Duo bündelt seine wichtigsten Zutaten, ohne sie plötzlich ordentlich sortieren zu wollen.

DIE MASCHINE RUCKELT – UND GERADE DAS HAT CHARME

Natürlich besitzt »Galvanized Heart« seine Schwachstellen. Der Gesang wirkt nicht über die gesamten 45 Minuten gleich souverän, und manche vokalen Überlagerungen könnten harmonisch präziser aufeinander abgestimmt sein. Auch die Produktion könnte stellenweise etwas klarer zwischen den vielen elektronischen Schichten, Gitarren und Stimmen unterscheiden.

Doch eine vollständig glattgezogene Version dieser Platte wäre wahrscheinlich ebenfalls die falsche Lösung. CODEX LOVELACE leben davon, dass ihre Musik ein wenig merkwürdig bleibt. Zwischen viktorianischer Ästhetik, Cyberpunk, Darkwave, Industrial, EDM und Metal entsteht kein makellos konstruierter Roboter, sondern eine Maschine, bei der gelegentlich ein Zahnrad schief sitzt und irgendwo Funken aus dem Gehäuse schlagen.

Das ist wesentlich interessanter als ein weiteres steriles Electro-Metal-Produkt.

FAZIT:

»Galvanized Heart« ist ein ungewöhnliches Debüt mit einer erstaunlich klaren eigenen Identität. CODEX LOVELACE verbinden elektronische Beats, dunkle Atmosphäre, schwere Gitarren und viktorianische Themen, ohne sich dauerhaft einem einzelnen Genre unterzuordnen. Besonders »Ada«, »The Corps«, »Alice«, »Dollhouse« und »Gramophone« zeigen, wie reizvoll diese Verbindung funktionieren kann.

Einzelne Gesangspassagen und kleinere produktionstechnische Unebenheiten verhindern, dass die Konstruktion vollkommen rund läuft. Doch Perfektion wäre bei einer Platte, die zwischen Computergeschichte, Ballett, Dracula, Alice im Wunderland, Darkwave und metallischen Maschinenrhythmen umherstreift, vielleicht ohnehin verdächtig.

Für diesen herrlich seltsamen Ausflug zwischen Vergangenheit und dystopischer Zukunft gibt es eine klare Empfehlung!. Der galvanisierte Herzschlag lebt – und irgendwo darin rattert garantiert noch ein Zahnrad.

Internet

CODEX LOVELACE - Galvanized Heart - Album Review

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