Band: SEX MAGICK WIZARDS 🇳🇴
Titel: Suola ja Noaidi
Label: Is It Jazz? Records
VÖ: 04.09.2026
Format: CD / Doppel-LP / Digital
Genre: Psychedelic Rock / Experimental Rock / Free Jazz / Joik

Tracklist

01. Without My Wings
02. Transform
03. These are Spirits
04. Suola Ja Noaidi
05. Ipmilan
06. Mouth of a thousand flames
07. Ledjen go mun goassege dás?
08. Murjjiid geđggiid rásiid
09. To Sing These Spirits Once Again
10. I’d rather break
11. I leave, I return
12. Old Unbaptized Realms

Besetzung

Viktor Bomstad – Gitarre, Joik, Gesang, Synthesizer
Sigrid Aftret – Saxofon, Flöten, Synthesizer, Gesang
Henrik Sandstad Dalen – Bass, Sampler, Gesang
Ingvald André Vassbø – Schlagzeug, Gesang

Zugegeben beim Namen dieser Combo kommt einem schonmal das Schmunzeln, Sex Magick Wizards kommen aus Norwegen und spielen amtlichen Psychedelic Rock. Allerdings wäre es ziemlich voreilig, deshalb schon die Lavalampe einzuschalten und einen gemütlichen Abend zwischen vertrauten Retro-Riffs zu erwarten. Das norwegisch-samische Quartett hat andere Pläne. Auf seinem vierten Album »Suola ja Noaidi« treffen ausgedehnte Improvisationen, Free Jazz und progressive Rockmusik auf Joik, die traditionelle samische Gesangskunst. Zwölf Stücke und gut 74 Minuten stehen auf dem Programm. Wer hier einsteigt, sollte Zeit mitbringen und damit rechnen, dass die Band unterwegs mehrfach die vermeintlich sichere Straße verlässt.

 

SEX MAGICK WIZARDS – Transform

DER DIEB UND DER SCHAMANE

Der Titel »Suola ja Noaidi« stammt aus dem Nordsamischen und bedeutet übersetzt »Der Dieb und der Schamane«. Dahinter steht ein Konzept, das Kolonisierung, religiöse Unterdrückung und die Widerstandskraft samischer Kultur behandelt. Fragmente eines überlieferten Gedichts werden mit neuen Texten auf Englisch und Nordsamisch verbunden. Damit bekommt die Musik einen historischen und persönlichen Bezug, der deutlich über die mystische Wirkung des Bandnamens hinausreicht.

Gerade dieser Hintergrund macht die Verbindung aus Tradition und Experiment interessant. Das Album beschäftigt sich mit einer Kultur, deren Ausdrucksformen unter Druck geraten sind, und bringt diese in eine bewusst offene musikalische Gegenwart. Hinzu kommt die Neuinterpretation eines traditionellen Joiks aus Viktor Bomstads Heimatort Ivgorášša. Herkunft bleibt hier keine beiläufige Information im Pressetext: Sie gehört zum Material, mit dem die Band arbeitet.

Der gegenüber früheren Veröffentlichungen stärker betonte Gesang passt zu dieser Ausrichtung. Wo Instrumentalmusik viel Raum für individuelle Vorstellungen lässt, geben Sprache und Erzählung dem Geschehen zusätzliche Konturen. Verständlichkeit im Sinne eines bequem mitsingbaren Refrains ist dabei allerdings selten das oberste Ziel.

ACHTZEHN MINUTEN ANLAUF? DURCHAUS!

Schon »Without My Wings« stellt klar, welche Größenordnung diese Platte bevorzugt. Mehr als achtzehn Minuten für den Auftakt sind eine ziemlich deutliche Ansage. Der Reiz dieses langen Einstiegs liegt in seiner hypnotischen Wirkung: Die Musik benötigt Raum, um Wiederholung in Bewegung zu verwandeln und die Aufmerksamkeit allmählich an sich zu ziehen. Eine Eröffnung für ungeduldiges Weiterklicken sieht anders aus.

Bemerkenswert ist dabei das Verhältnis zwischen Dichte und Zugänglichkeit. Die Wizards verlangen einiges, halten aber immer wieder etwas bereit, woran man sich orientieren kann. Wiederkehrende Melodien, rhythmische Figuren und anhaltende Klangflächen geben den freien Passagen Zusammenhang. Dadurch bleibt die Musik auch dort nachvollziehbar, wo mehrere Stimmen gleichzeitig um Aufmerksamkeit ringen. Der rote Faden verläuft gelegentlich verschlungen, verschwindet aber keineswegs grundsätzlich.

Mit »Transform« folgt darauf ein wesentlich kürzerer, schrofferer Gegenentwurf. Dissonanzen und aufgeregte Stimmen bringen eine Nervosität hinein, die jede Vorstellung von behaglichem Psychedelic Rock gründlich durcheinanderbringt. Gerade dieser Wechsel macht neugierig: Die Band kann sich ausbreiten, besitzt aber ebenso ein Gespür für die Wirkung einer kompakten Zumutung.

EIN TITELSTÜCK MIT DREI GESICHTERN

Das über fünfzehnminütige Titelstück bildet einen weiteren Schwerpunkt. Nach Beschreibung der Band ist es dreiteilig angelegt und entwickelt sich von sanfteren, schwebenden Bereichen über eine dunklere Mitte bis zu einem eruptiven Schluss. Ein tranceartiger Groove hält den Verlauf zusammen; als eine Inspiration nennt die Gruppe die Gnawa-Musik. Bomstads englischsprachiger, vom Joik geprägter Gesang wechselt dabei zwischen den Perspektiven des Diebes und des Schamanen.

Auch das historische Material erhält hier eine konkrete Funktion. Für den Mittelteil wurden übersetzte und rekonstruierte Fragmente eines Reiseberichts aus dem Umfeld einer Expedition Christians IV. verarbeitet. Vergangenheit wird damit Teil der musikalischen Erzählung. Das erklärt zugleich, weshalb sich dieses Stück nicht sinnvoll auf die Frage reduzieren lässt, wann denn endlich das nächste Gitarrensolo kommt.

Die Anlage bietet eine schlüssige Begründung für das Langformat: Unterschiedliche Perspektiven und Stimmungen brauchen Platz, um gegeneinander zu wirken. Trotzdem bleibt eine solche Komposition eine Herausforderung. Wer ein klar abgestecktes Verhältnis zwischen Strophe, Refrain und Instrumentalteil braucht, wird hier Geduld aufbringen müssen.

VIER MUSIKER, REICHLICH REIBUNGSFLÄCHE

Für die Eigenständigkeit der Band ist die Besetzung entscheidend. Neben Bomstads Gitarre und Stimme besitzt Sigrid Aftrets Arbeit an Saxofon und Flöten erhebliches Gewicht. Ihre improvisatorischen Beiträge erweitern die Ausdrucksmöglichkeiten weit über das übliche Gitarrenbandformat hinaus. Das Saxofon kann eine eigenständige Richtung einschlagen, während die übrigen Instrumente darauf reagieren. Gerade aus solchen Begegnungen entsteht die besondere Unruhe dieser Musik.

Henrik Sandstad Dalen und Ingvald André Vassbø tragen diesen Austausch mit beweglichem Bass- und Schlagzeugspiel. Die Rhythmusarbeit muss dabei zweierlei leisten: Orientierung ermöglichen und Veränderungen zulassen. Zu viel Absicherung würde die freien Passagen einengen, völlige Beliebigkeit ihren Zusammenhang auflösen. Dass die Gruppe in dichten Abschnitten eine erkennbare Richtung behält, gehört zu den überzeugenden Eigenschaften ihres Ansatzes.

Für ein Metal-Publikum liegt der Zugang deshalb vor allem in der Intensität. Härte entsteht hier ebenso durch Reibung, Überlagerung und zugespitztes Zusammenspiel wie durch Gitarrendruck. Wer musikalische Grenzgänge mag, dürfte daran eher Gefallen finden als jemand, der unter Psychedelic Rock vor allem entspanntes Abheben versteht.

WAGEMUT MIT GELEGENTLICHEN LÄNGEN

Auch die kürzeren Stücke machen es dem Publikum nicht durchgehend bequem. »Mouth of a thousand flames« gehört zur besonders ungestümen Seite des Albums, während »I’d rather break« dessen Hang zu eigenwilligen Abzweigungen unterstreicht. Der Vergleich mit der experimentierfreudigen Seite von Hawkwind bietet eine brauchbare Orientierung: Gemeint ist die Bereitschaft, Rockmusik bis an die Grenze ihrer gewohnten Ordnung zu treiben.

Die Kehrseite dieses Freiheitsdrangs bleibt die ausladende Gesamtlänge. Bei »Murjjiid geđggiid rásiid« und »I leave, I return« lässt sich durchaus fragen, ob jeder Umweg die Spannung des Albums erhöht. Nicht jede offene Passage besitzt automatisch dieselbe Anziehungskraft wie die großen Eckpfeiler. Etwas mehr Verdichtung hätte den Zusammenhang stellenweise geschärft, ohne die Eigenheiten der Band zu beschneiden.

Mit »Old Unbaptized Realms« findet das Werk schließlich zu einem griffigen Abschluss, in dem Folk und Prog besonders wirkungsvoll zusammenkommen. Nach den vielen Richtungswechseln ist das ein wichtiger Schlusspunkt. Das Album verabschiedet sich mit einer klaren musikalischen Idee, statt seine Erkundungen einfach irgendwann abzubrechen.

FAZIT:

»Suola ja Noaidi« ist ein ambitioniertes, gelegentlich forderndes Doppelalbum, das samische Überlieferung, psychedelischen Rock und freie Improvisation mit erkennbarem Gestaltungswillen verbindet. Einzelne Längen schmälern den Eindruck, doch die ausgedehnten Hauptstücke, das eigenständige Zusammenspiel und der starke Abschluss geben dieser Veröffentlichung reichlich Substanz. Wer Freude an eigensinniger Musik hat und sich Zeit für ihre Umwege nimmt, findet hier deutlich mehr Gesprächsstoff, als der zunächst belustigende Bandname vermuten lässt.

Internet

SEX MAGICK WIZARDS – Suola ja Noaidi – Album Review

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