Band: ACAUSAL INTRUSION 🇺🇸
Titel: Vomit Meditations
Label: I, Voidhanger Records
VÖ: 04.09.2026 Format: LP / CD / Digital
Genre: Dissonant Death Metal / Technical Death Metal / Avant-Garde Metal

Tracklist

01. Vomit Meditation
02. Usurping Vaporous Primal Vibrations
03. Convex Hidden Echoes
04. Vital Transformation
05. Requiem Murmur
06. Psychic Abolishment

Besetzung

Nythroth – Gitarre, Bass, Keyboards, Begleitgesang Cave Ritual – Schlagzeug, Gesang

Mix: Nythroth Mastering: Will Artwork: Daniele Valeriani

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Meditation soll ja angeblich dabei helfen, die Gedanken zu ordnen. ACAUSAL INTRUSION haben diese Information entweder nie erhalten oder vorsätzlich ignoriert. Auf »Vomit Meditations« werden Gedanken nicht sortiert, sondern durch den musikalischen Fleischwolf gedreht, wieder zusammengesetzt und anschließend mit ausreichend Dissonanz versehen, um selbst erfahrene Freunde technischen Death Metals kurz an ihrem Orientierungssinn zweifeln zu lassen. Das amerikanische Duo aus Nythroth und Cave Ritual geht auf seinem vierten Album noch tiefer in jene Zone, in der Death Metal, Free Jazz, psychedelische Strukturen und kontrolliertes Chaos beginnen, ihre Grenzen gegeneinander aufzulösen. Das Ergebnis ist anstrengend, bisweilen geradezu widerspenstig – und genau deshalb bemerkenswert.

ACAUSAL INTRUSION – Vomit Meditation

Hört hier in »Vomit Meditations« hinein

WENN CHAOS ZUR KOMPOSITION WIRD

Wer nach vier Takten wissen möchte, wohin ein Song führt, befindet sich bei ACAUSAL INTRUSION grundsätzlich im falschen Gebäude. Vielleicht sogar in der falschen Dimension. Die Amerikaner schreiben keine technische Todesblei-Musik nach dem bekannten Muster aus möglichst vielen Noten, abrupten Taktwechseln und anschließendem Pflichtsolo. Ihre Kompositionen wirken vielmehr, als würden mehrere musikalische Ereignisse gleichzeitig um dieselbe Sekunde kämpfen.

Das Interessante daran: Hinter der scheinbaren Willkür steckt Struktur.

Genau an diesem Punkt unterscheidet sich »Vomit Meditations« von Platten, die Komplexität mit einer möglichst großen Ansammlung zusammenhangloser Ideen verwechseln. Die Rhythmik stolpert, stoppt, beschleunigt und verschiebt Akzente teilweise derart merkwürdig, dass man Cave Ritual zunächst unterstellen möchte, gegen einen Takt zu spielen, den ausschließlich er selbst hören kann. Nach mehreren Durchläufen beginnen sich jedoch Wiederholungen und Zusammenhänge abzuzeichnen.

Nythroths Gitarren verhalten sich nicht freundlicher. Dissonante Akkorde hängen schief im Raum, einzelne Linien schrauben sich in unangenehme Höhen, während Bass und Keyboards weitere Ebenen öffnen. Zusammen entsteht keine klassische Wand aus Death Metal, sondern etwas wesentlich Instabileres.

»VOMIT MEDITATION« – DER RUHIGE START IST EINE FALLE

Schon »Vomit Meditation« macht deutlich, weshalb dieses Album Aufmerksamkeit verlangt. Zunächst erscheinen unheimliche Klavierklänge und psychedelische Strukturen, die beinahe etwas Kontemplatives entwickeln. Wer deshalb glaubt, hier könne tatsächlich meditiert werden, hat die Rechnung ohne den Rest der Band gemacht.

Der Death Metal bricht nicht elegant herein. Er zerreißt die Atmosphäre.

Gutturaler Gesang, hektische Schlagzeugfiguren und Gitarren, die zwischen technischen Verwindungen und vollkommen widerspenstiger Dissonanz pendeln, erzeugen einen Sound, der beständig am Rand des Kontrollverlustes arbeitet. Trotzdem tauchen dazwischen tatsächlich melodische Gedanken auf. Kleine Figuren bleiben hängen, verschwinden wieder im Chaos und kehren später in veränderter Form zurück.

Diese Gegensätze sind entscheidend. Würde das Duo 49 Minuten ausschließlich versuchen, möglichst kompliziert und unangenehm zu klingen, wäre »Vomit Meditations« irgendwann lediglich ermüdend. Stattdessen kommen kurze Momente von Schönheit und psychedelischer Weite hinzu, wodurch die folgenden Gewaltausbrüche umso unangenehmer wirken.

FREE JAZZ IM SCHLACHTHAUS

»Usurping Vaporous Primal Vibrations« demonstriert anschließend ziemlich eindrucksvoll, wie stark Free Jazz in die musikalische Denkweise des Duos eingesickert ist. Das bedeutet nicht, dass plötzlich ein Saxophon neben dem Schlagzeug steht. Entscheidend ist vielmehr das Verhältnis der Instrumente zueinander.

Cave Ritual hämmert nicht einfach einen komplizierten Death-Metal-Takt unter ein Gitarrenriff. Schlagzeug und Saiteninstrumente wirken stellenweise wie unabhängige Stimmen, die gegeneinander arbeiten und trotzdem denselben Weg verfolgen.

Das ist faszinierend und nervtötend zugleich.

Gerade deshalb funktioniert es.

Der Song verweigert einen gemütlichen Rhythmus, an dem man sich festhalten könnte. Sobald sich etwas wie ein Groove formiert, wird dieser entweder verschoben oder vollständig zerlegt. Die Musik bleibt trotzdem physisch. Hinter all den intellektuellen Verrenkungen steckt eine rohe Gewalt, die verhindert, dass ACAUSAL INTRUSION zu einer rein akademischen Fingerübung werden.

Man muss diese Musik nicht ausrechnen können. Man darf sich von ihr auch einfach überfahren lassen.

ECHO AUS EINER GEOMETRIE, DIE NICHT EXISTIEREN SOLLTE

Bei »Convex Hidden Echoes« erreicht dieses Prinzip einen der überzeugendsten Punkte des Albums. Die perkussiven Figuren beginnen sich trotz ihrer scheinbaren Unregelmäßigkeit festzusetzen. Bestimmte Bewegungen kehren wieder, bis aus dem anfänglichen Durcheinander etwas beinahe Hypnotisches entsteht.

Das Stück liefert ein gutes Beispiel dafür, weshalb »Vomit Meditations« mit jedem weiteren Durchlauf wächst. Beim ersten Kontakt registriert man vor allem Lärm, Bewegung und Dissonanz. Beim zweiten tauchen Zusammenhänge auf. Später entdeckt man plötzlich Melodien an Stellen, an denen zuvor ausschließlich Chaos zu herrschen schien.

Damit nähert sich das Duo durchaus jener Schule des dissonanten Death Metals, die Bands wie GORGUTS und ULCERATE geprägt haben. Eine Kopie entsteht daraus allerdings nicht. ACAUSAL INTRUSION spielen kantiger, zerfahrener und an vielen Stellen bewusster unberechenbar. Die Musik will weniger majestätisch überwältigen als den festen Boden unter den Füßen entfernen.

Die Produktion unterstützt das. Schlagzeug und Gesang stehen relativ weit vorne, während Gitarren immer wieder aus dem Gesamtbild auftauchen und darin verschwinden. Das kann zunächst irritieren, gibt den Kompositionen aber eine ungewöhnliche räumliche Tiefe.

PLÖTZLICH GROOVT DAS MONSTER

Mit etwas mehr als sechs Minuten ist »Vital Transformation« das kürzeste Stück des Albums. „Kurz“ ist im Zusammenhang mit ACAUSAL INTRUSION allerdings ein relativer Begriff.

Bemerkenswert ist vielmehr, dass zwischen all den rhythmischen Verrenkungen stellenweise tatsächlich ein erkennbarer Groove auftaucht. Natürlich gönnt das Duo ihm keinen langen Aufenthalt. Kaum glaubt man verstanden zu haben, wie sich die Nummer bewegt, kommt die nächste Verschiebung.

Trotzdem ist dieser kurze körperliche Zugriff wichtig. Er zeigt, dass die Band nicht ausschließlich gegen musikalische Erwartungshaltungen komponiert. Sie kann durchaus einen Rhythmus setzen, der unmittelbar funktioniert. Sie hat nur offenbar wenig Interesse daran, diesen anschließend achtmal zu wiederholen.

Genau daraus entsteht eine gewisse Spannung: Man wartet ständig auf Orientierung und bekommt sie manchmal sogar – allerdings meistens kurz bevor sie wieder verschwindet.

»REQUIEM MURMUR« FINDET SCHÖNHEIT IM FALSCHEN ORT

Mit seinen mehr als neun Minuten ist »Requiem Murmur« der längste Titel der Platte und gleichzeitig einer der wichtigsten.

Der Anfang arbeitet mit sauberen und akustisch anmutenden Klangfarben. Die Atmosphäre bleibt trotzdem angespannt. Nichts daran klingt wirklich friedlich. Vielmehr entsteht das Gefühl, dass unter der Oberfläche bereits etwas wartet.

Später treten melodische Elemente deutlicher hervor. Sie erscheinen jedoch nie wie eine Belohnung nach all dem vorherigen Chaos. Auch die Schönheit auf diesem Album wirkt beschädigt.

Gerade das steht ACAUSAL INTRUSION hervorragend.

Melodie und Dissonanz werden nicht wie zwei getrennte Zustände behandelt. Die eine kann aus der anderen entstehen. Ein beinahe schöner Moment kippt unvermittelt in einen schiefen Akkord, während eine scheinbar chaotische Passage plötzlich eine melodische Linie offenlegt.

Hier erreicht »Vomit Meditations« jene Balance, aufgrund derer die Platte mehr ist als technischer Extremismus.

DER LETZTE GEDANKE WIRD ABGESCHAFFT

Danach wartet nur noch »Psychic Abolishment«, und schon der Titel lässt vermuten, dass die Aussicht auf einen versöhnlichen Abschluss überschaubar bleibt.

Erneut öffnen Klavierklänge einen ungewöhnlich stillen Raum. Sie hallen beinahe körperlos durch das Stück, bevor Gitarre, Bass und Schlagzeug beginnen, die entstandene Ordnung auseinanderzunehmen.

Im weiteren Verlauf wächst daraus eine enorme Verdichtung. Mehrere Gitarrentöne und Linien überlagern sich, bis stellenweise beinahe eine orchestrale Wirkung entsteht. Cave Ritual liefert darunter ein Schlagzeugspiel, dessen technische Leistung allein schon genügend Stoff für mehrere Durchläufe bietet.

Als Schlussstück funktioniert »Psychic Abolishment« deshalb hervorragend. Es fasst die wesentlichen Gegensätze des Albums noch einmal zusammen: Klavier gegen Death Metal, Melodie gegen Dissonanz, Atmosphäre gegen rohe Körperlichkeit und kontrollierte Struktur gegen den Eindruck vollständiger Auflösung.

Nach knapp 49 Minuten endet die Platte nicht mit einer Antwort. Sie hört lediglich auf, weitere Fragen zu stellen.

NICHT JEDER MUSS DAS AUSHALTEN

Eine Schwäche lässt sich ausgerechnet aus der größten Stärke des Albums ableiten. ACAUSAL INTRUSION verlangen beinahe permanent Aufmerksamkeit. Es gibt kaum einen Moment, in dem die Musik einfach läuft. Die Rhythmik verschiebt sich, Gitarren verändern ihre Funktion, Arrangements schlagen Haken und vermeintliche Nebengeräusche können plötzlich zu wichtigen Bestandteilen eines Stücks werden.

Das ist auf Dauer anstrengend.

Gelegentlich wäre weniger tatsächlich mehr gewesen. Manche Wendung besitzt weniger Wirkung, weil unmittelbar drei weitere folgen. Auch der Eindruck improvisierter Unberechenbarkeit kann sich irgendwann selbst zum Muster entwickeln. Wenn Überraschung zur permanenten Erwartung wird, verliert selbst das Unerwartete etwas von seinem Schrecken.

Genau an diesem Punkt dürfte sich das Publikum teilen.

Wer von Death Metal klare Riffs, nachvollziehbare Songstrukturen und einen ordentlichen Groove verlangt, wird »Vomit Meditations« vermutlich als knapp 49 Minuten dauernden Angriff auf die persönliche Geduld empfinden.

Wer allerdings Spaß daran hat, sich eine Platte regelrecht erschließen zu müssen, findet hier enorm viel Material.

DAS CHAOS HAT EINEN PLAN

Bemerkenswert bleibt vor allem die technische Umsetzung. Cave Ritual spielt Schlagzeug, als wäre ein gerader Takt lediglich eine unverbindliche Empfehlung. Seine Stopps, Akzente und merkwürdigen Verschiebungen geben der Musik einen großen Teil ihrer Identität. Die gutturalen Vocals verstärken den körperlichen Eindruck und stehen den abstrakten Strukturen bewusst entgegen.

Nythroth liefert dazu Gitarrenarbeit, die traditionelle Vorstellungen eines „guten Riffs“ regelmäßig über Bord wirft. Manche Figuren wirken beim ersten Hören geradezu falsch. Erst im Zusammenhang wird deutlich, warum sie dort stehen.

Dass außerdem Keyboards, Klavierfarben, akustische Passagen und psychedelische Elemente integriert werden, sorgt für die notwendige Tiefe. Ohne diese Kontraste wäre das permanente technische Sperrfeuer deutlich schwerer zu verdauen.

Das Cover von Daniele Valeriani passt hervorragend zu dieser Musik. Surreal, grotesk und kaum auf Anhieb vollständig zu erfassen, liefert es praktisch die visuelle Gebrauchsanweisung für das Album.

FAZIT:

»Vomit Meditations« ist nichts für den beiläufigen Durchlauf beim Wäscheaufhängen. ACAUSAL INTRUSION verlangen Konzentration und eine gewisse Bereitschaft, traditionelle Vorstellungen von Rhythmus, Riff und Songstruktur für knapp 49 Minuten vor der Tür abzugeben.

Dafür bekommt man ein Album, das dissonanten und technischen Death Metal nicht einfach komplizierter, sondern tatsächlich fremdartiger wirken lässt. »Convex Hidden Echoes« entwickelt aus rhythmischer Verwirrung eine beinahe hypnotische Wirkung, »Requiem Murmur« bringt überraschend viel vergiftete Melodie ins Spiel und »Psychic Abolishment« beendet die Platte als eindrucksvolle Verbindung aus Klavier, Atmosphäre und kontrolliertem Wahnsinn.

Nicht jede Idee müsste zwingend noch eine weitere Idee gebären. Gelegentlich übertreibt das Duo seinen Drang zur permanenten Bewegung und macht den Zugang schwieriger, als es die Qualität des Materials eigentlich nötig hätte.

Doch genau dieses Risiko gehört offenbar zum Konzept.

»Vomit Meditations« klingt wie Musik, die jeden Moment auseinanderbrechen könnte und sich trotzdem weigert, tatsächlich zusammenzustürzen. Ein widerborstiges, technisch beeindruckendes und erstaunlich vielschichtiges Stück Avantgarde-Death-Metal, das mit jedem Durchlauf verständlicher wird, ohne jemals wirklich normal zu klingen.

Internet

ACAUSAL INTRUSION - Vomit Meditations - Album Review

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