Band: ABYSSAL RIFT 🇺🇸
Titel: Relics of Great Ash
Label: Transcending Obscurity Records
VÖ: 14.08.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Death-Doom Metal / Dissonant Death Metal / Blackened Death Metal / Atmospheric Metal

Tracklist

01. Consummate Design
02. Relics of Great Ash
03. The Enlightenment (There Was Never Will)
04. The Death of God
05. Surrealistic Visions
06. Sphere of Perpetuity

Besetzung

Matt Auxier – Gitarre, Leadgesang, Synthesizer, Programmierung
Mike Sliclen – Bass, Gesang
Brandon Smith – Schlagzeug, Percussion, Gesang

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Wer bei »Relics of Great Ash« an die Überreste einer besonders enttäuschenden Grillparty denkt, darf den Pappteller gleich wieder weglegen. ABYSSAL RIFT servieren auf ihrem zweiten Album keine verkohlten Würstchen, sondern sechs schwere Brocken aus Death Metal, Doom, Dissonanz und kosmischem Unbehagen. Das Trio aus Columbus, Ohio, lässt Riffs einstürzen, Synthesizer durch leere Räume ziehen und das Schlagzeug gegen tonnenschwere Akkorde anrennen. 36 Minuten dauert diese Reise durch Asche und kaltes Sternenlicht – lang genug, um die Orientierung zu verlieren, aber klugerweise zu kurz, um dauerhaft in der Felsspalte wohnen zu müssen.

Albumstream:

DIE HÖHLE HAT JETZT EINEN BLICK INS ALL

Mit »Extirpation Dirge« legten ABYSSAL RIFT 2023 ein Debüt vor, das bereits tief im amerikanischen Death Metal grub. Incantation und Immolation lieferten wichtige Koordinaten, während die langsamen Passagen den Blick in Richtung diSEMBOWELMENT und Funeral Doom lenkten. Der Nachfolger behält dieses Geröll, öffnet darüber jedoch einen erstaunlich großen Himmel.

Synthesizer, verhallte Gitarren und beinahe industrielle Störgeräusche bilden keinen freundlichen Kontrast zur Härte. Sie machen die Musik noch unsicherer. Wo viele Death-Doom-Bands eine vertraute Abfolge aus schnellem Angriff und langsamem Zerquetschen verwenden, lassen ABYSSAL RIFT ganze Songteile ins Leere laufen. Ein Riff endet nicht zwingend in einem zweiten Riff. Manchmal bleibt lediglich ein fernes Geräusch zurück, als hätte jemand die Aufnahme in einen unbeleuchteten Versorgungsschacht weitergeleitet.

Das macht »Relics of Great Ash« anspruchsvoller, als sein massiver Gitarrensound zunächst vermuten lässt. Die Stücke besitzen keine klassische Dramaturgie mit sauber gesetztem Höhepunkt. Sie bewegen sich eher wie tektonische Platten: lange scheint wenig zu geschehen, dann verschiebt sich plötzlich die gesamte Oberfläche.

DAS VOLLENDETE DESIGN IST EINE FALLE

»Consummate Design« beginnt ausgesprochen angriffsfreudig. Ein hektisches Tremoloriff, Blastbeats und kurze, schwere Schläge lassen zunächst an eine besonders tollwütige Begegnung zwischen Incantation und schwarzem Thrash denken. Brandon Smith wechselt zwischen Blastbeat, D-Beat und scharf gesetzten Akzenten, während Matt Auxier die Gitarre mit wenig Rücksicht auf symmetrische Taktgrenzen durch das Stück jagt.

Wer nun fünf Minuten Dauerfeuer erwartet, wird nach ungefähr der Hälfte umquartiert. Die verzerrten Wände lösen sich auf, relativ klare Gitarren und kalte Synthesizer übernehmen. Sogar ein flötenartiger Klang zieht durch das Ende des Songs. Diese Passage besitzt eine seltsame Schönheit, bleibt jedoch vollständig frei von Wärme – eher das Glitzern von Eis als ein Sonnenstrahl.

Als Eröffnung funktioniert dieser Aufbau wie eine bewusst ausgelegte Falle. Das anfängliche Death-Metal-Riffing lockt hinein, die zweite Hälfte verriegelt anschließend den Ausgang. Ganz reibungslos ist der Übergang nicht. Die lange atmosphärische Schlussstrecke nimmt dem starken Auftakt etwas von seiner unmittelbaren Wirkung, etabliert dafür aber jene Unberechenbarkeit, von der das restliche Album lebt.

ACHT MINUTEN UNTER EINER ASCHEDECKE

Der Titeltrack zieht das Tempo weit herunter und legt einzelne Akkorde mit beinahe grotesker Schwere übereinander. Smith spielt darunter keineswegs durchgehend langsam. Kurze Beschleunigungen und unruhige Trommelfiguren laufen gegen das träge Gitarrengewicht, wodurch ein merkwürdiger innerer Widerspruch entsteht: Der Song bewegt sich kaum vom Fleck und ist trotzdem ständig in Bewegung.

Auxiers Growls kommen aus großer Tiefe, während Mike Sliclen zusätzliche Stimmen beisteuert. Gemeinsam klingen sie weniger nach zwei Sängern als nach mehreren Kreaturen, die aus unterschiedlichen Teilen desselben Schachtes antworten. Der Bass besitzt genügend Substanz, um die langen Einzelakkorde miteinander zu verbinden, ohne sich als virtuoses Element in den Vordergrund zu drängen.

In der Mitte ziehen Synthesizer und windartige Geräusche den Boden vollständig weg. Das erinnert an einen kosmischen Horrorfilm aus den Achtzigern, dessen Tonspur über Jahrzehnte im Keller gelegen hat. Die Passage steigert das Unbehagen, dauert allerdings einen Augenblick länger, als es dem Spannungsbogen guttut. Wer griffige Hauptriffs sucht, kann hier den Faden verlieren; wer sich auf die Atmosphäre einlässt, wird von den acht Minuten nahezu unbemerkt verschluckt.

ERLEUCHTUNG MIT BLASTBEAT

Nach dem ausladenden Titelstück wirkt »The Enlightenment (There Was Never Will)« beinahe kompakt. 4:30 Minuten reichen dem Trio für scharf gedrehte Riffs, wütende Blastbeats, kurze Doom-Abstürze und progressive Verschiebungen. Die atmosphärischen Elemente sitzen enger am metallischen Kern und unterbrechen den Fluss nicht, sondern verändern seine Richtung.

Gerade deshalb gehört das Stück zu den stärksten Momenten des Albums. ABYSSAL RIFT müssen hier nicht zwischen Brutalität und Experiment wählen. Ein krummer Akkord führt direkt in den nächsten Angriff, das Schlagzeug verschärft die Übergänge und die Synthesizer bleiben wie ein kalter Rand um die Gitarren liegen. Die vielen Bestandteile wirken erstmals vollkommen selbstverständlich miteinander verbunden.

Der Song zeigt außerdem, dass die Band durchaus Hooks schreiben kann – nur eben keine Refrains im gewöhnlichen Sinn. Ein rhythmischer Akzent oder eine kurze dissonante Figur übernimmt diese Funktion. Beim ersten Hören bleibt davon wenig bewusst hängen, beim zweiten Durchgang erkennt man bereits jene Stellen wieder, an denen das Stück seine Zähne zeigt.

DER TOD GOTTES POLTERT NICHT, ER MAHLT

»The Death of God« trägt den denkbar kleinsten Titel für ein eher umfangreiches Ereignis. Musikalisch steht die Nummer etwas geradliniger auf den Beinen als der Titeltrack. Tremololinien ziehen bergauf, Doublebass treibt von unten und die Gitarren wechseln zwischen schwarzem Death Metal und schwerem, verwittertem Doom.

Nach ungefähr drei Minuten greift das Zusammenspiel besonders stark. Smith legt einen rollenden Rhythmus unter ein altes Death-Metal-Riff, Auxier verschärft die Harmonie mit kleinen dissonanten Abweichungen und die Stimmen verwandeln sich zeitweise in Stöhnen und halbverständliches Murmeln. Diese Geräusche wirken nicht wie ein Effekt aus einer Sample-Bibliothek, sondern wie ein zusätzlicher körperlicher Bestandteil des Songs.

Hier findet das Album seine beste Balance aus nachvollziehbarem Riffing und fremdartiger Stimmung. Der Song ist kompliziert genug, um bei jedem Durchlauf neue Details freizulegen, verliert aber sein Zentrum nicht. Wo andere Passagen bewusst im Raum treiben, weiß »The Death of God« jederzeit, mit welchem Gewicht es auf den nächsten Takt fallen möchte.

SURREALISMUS OHNE BUNTEN RAHMEN

»Surrealistic Visions« trägt die Verschiebung bereits im Namen. Dissonante Akkorde stehen schief gegeneinander, kurze Beschleunigungen tauchen aus dem Nebel auf und der Rhythmus wirkt, als würden zwei Bewegungen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit übereinanderliegen. Trotzdem bleibt der Song körperlicher als reiner Avantgarde-Death-Metal.

Das liegt vor allem am Bass und an Smiths Percussion. Unter den schrägen Gitarren verläuft ein nachvollziehbarer Puls, der selbst dann erhalten bleibt, wenn die Oberfläche auseinanderzufallen scheint. Sliclen erhält genügend Platz im Mix, um nicht vollständig mit der tief gestimmten Gitarre zu verschmelzen. Dadurch besitzt das Stück ein stabiles Skelett, obwohl seine Gelenke absichtlich in die falsche Richtung zeigen.

Mit knapp fünf Minuten zählt die Nummer zu den konzentrierteren Albumteilen. Diese Begrenzung tut ihr gut. Die Ideen werden vorgestellt, gegeneinander verschoben und rechtzeitig beendet. Im direkten Vergleich zum achtminütigen Titeltrack zeigt sich, dass ABYSSAL RIFT am stärksten sind, wenn die atmosphärischen Flächen nicht allein im Raum stehen, sondern unmittelbar auf ein Riff oder eine rhythmische Bewegung reagieren.

DIE EWIGE SPHÄRE SCHLIESST SICH NICHT GANZ

»Sphere of Perpetuity« beginnt mit Auxiers eindrucksvollster Gesangsleistung. Seine Growls wirken breiter und aggressiver, während die Begleitstimmen zusätzliche Tiefe schaffen. Danach zieht sich das Death-Metal-Chaos zunehmend zurück. Vereinzelte Schläge, schwer erkennbare Gitarrenbewegungen und weltraumartige Synthesizer hinterlassen eine große schwarze Fläche.

Als Abschluss ist das konsequent. Das Album endet nicht mit einem letzten gemeinsamen Akkord, sondern scheint langsam aus dem erreichbaren Frequenzbereich zu verschwinden. Die Musik wird spärlicher und ferner, als würde die Felsspalte hinter dem Hörer zufrieren. Gerade über Kopfhörer entfalten die kleinen Geräusche und verhallten Töne eine bemerkenswerte räumliche Wirkung.

Die Kehrseite dieser Entscheidung ist ein begrenzter musikalischer Ertrag. Nach dem starken Beginn wartet man auf eine Zuspitzung, die nur teilweise kommt. Die Atmosphäre bleibt mächtig, aber einige Minuten treiben ohne klaren Zielpunkt. Das dürfte die Hörerschaft teilen: Für die einen ist es der passende Blick in eine unendliche Leere, für die anderen eine Tür, die sieben Minuten lang knarrt und sich am Ende trotzdem nicht vollständig öffnet.

SCHWERE MIT AUSREICHEND LUFT DAZWISCHEN

Aufgenommen, gemischt und gemastert wurde das Album von Simeon Lauber bei The RedTape. Die Produktion vollbringt einen schwierigen Spagat. Einerseits muss sie die tiefe, körperliche Wucht von Gitarre und Bass transportieren, andererseits benötigen Synthesizer, Percussion und die zahlreichen Pausen genügend Raum, um nicht wie nachträglich aufgeklebte Dekoration zu wirken.

Die Klangbühne im Hörraum ist breit, dunkel und überraschend durchlässig. Das Schlagzeug besitzt einen natürlichen Kern, die Becken zeichnen selbst in schnellen Passagen klare Linien und die Gitarren behalten ihre körnige Oberfläche. Wenn das Trio in den Doom fällt, wächst der Tieftonbereich stark an, ohne Bassdrum und Bass vollständig zu verschlucken.

Nicht jede Stimme profitiert gleichermaßen davon. In einzelnen dichten Passagen rutschen die Growls weit nach hinten und werden eher zum atmosphärischen Geräusch als zum Mittelpunkt. Das passt grundsätzlich zum Konzept, nimmt Auxiers ohnehin sparsam eingesetztem Gesang aber etwas Durchsetzungskraft. Im Finale zeigt sich, wie eindrucksvoll seine Stimme wirken kann, wenn sie mehr Platz erhält.

DIE IDEE IST STÄRKER ALS JEDER EINZELNE RIFF

Der größte Vorzug von »Relics of Great Ash« liegt nicht in einem einzelnen Gitarrenmotiv. Das Album besitzt eine eigene Logik. Death Metal, Doom, schwarze Raserei, Ambient und industrielle Texturen werden nicht wie verschiedene Abteilungen nacheinander besucht. Sie greifen ineinander und verändern, wie schwer oder weit ein Song wahrgenommen wird.

Genau daraus entsteht aber auch die wichtigste Kritik. Manche Übergänge sind stärker als die Abschnitte, die sie miteinander verbinden. Die Musik investiert viel Zeit in das Auflösen eines Riffs, ohne danach immer eine gleichwertige neue Idee zu präsentieren. Dadurch können Titeltrack und Schlussstück trotz ihrer starken Atmosphäre länger wirken, als es die Gesamtspielzeit vermuten lässt.

Hinzu kommt die geringe Zahl unmittelbar erinnerbarer Motive. »The Enlightenment (There Was Never Will)« und »The Death of God« setzen die deutlichsten Markierungen, während andere Songs stärker als zusammenhängende Zustände funktionieren. Das verlangt wiederholtes Hören und die Bereitschaft, sich nicht an klassischen Songstrukturen festzuhalten. Wer beides mitbringt, findet in der großen Asche allerdings erheblich mehr als verbrannte Überreste.

FAZIT:

»Relics of Great Ash« verbindet wuchtigen Death-Doom, dissonante Riffs und kosmische Synthesizer zu einem eigenständigen, unangenehm faszinierenden Klangraum, dessen stärkste Stücke »The Enlightenment (There Was Never Will)« und »The Death of God« sind. Einige atmosphärische Passagen verlieren den Zielpunkt und die Growls könnten präsenter sein, doch insgesamt haben ABYSSAL RIFT aus vermeintlich vertrauten Zutaten ein bemerkenswert fremdartiges zweites Album gebaut.

ABYSSAL RIFT – The Enlightenment (There Was Never Will)

Internet

ABYSSAL RIFT - Relics of Great Ash - Album Review

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