Tracklist
01. Yra | Extas
02. Purposeless Geometry
Besetzung
Nine – Gesang
Tobias Rydsheim – Gitarre, Keyboards, Gesang
Jerry Engström – Gitarre
Oskar Tornborg – Bass, Hintergrundgesang
Simon Samuelsson – Schlagzeug
Ingvild Rydsheim – Chorgesang auf »Purposeless Geometry«
Ein Buchstabe, zwei Songs und knapp 16 Minuten, nach denen Stockholm ein gutes Stück grauer aussieht als zuvor. WORMWOOD nennen ihre neue EP »Å« – ein schwedisches Wort für einen Bach oder kleinen Fluss – und schicken zwei Geschichten aus den gesellschaftlichen Randzonen ihrer Heimatstadt auf die Reise. Der Untertitel »Contemporary Decay Of Stockholm, In Two Parts« bringt das Konzept auf den Punkt: Hinter der gepflegten Fassade der Metropole liegen Abhängigkeit, verlorene Würde, urbane Kälte und eine Architektur, die den Menschen längst nicht mehr zu brauchen scheint. Musikalisch fließen melodischer Black Metal, skandinavische Schwermut, Folk, Progressive Rock und dunkle Siebzigerjahre-Farben ineinander. Das Ergebnis ist kurz, aber derart dicht, dass andere Bands daraus vermutlich ein ganzes Album gebaut hätten.
WENN DER FLUSS DURCH STOCKHOLMS WUNDEN FLIESST
Seit ihrer Gründung im Jahr 2014 haben WORMWOOD ihren Ausgangspunkt im Black ’n‘ Roll weit hinter sich gelassen. Spätestens auf »Nattarvet«, »Arkivet« und »The Star« entwickelte die Band eine Form des melodischen Black Metal, in der nordische Folklore, Rock und cineastische Weite keine dekorativen Zusätze darstellen. Diese Elemente sind Teil des Songwritings und bestimmen, wie sich die Stücke öffnen, verdichten und wieder in sich zusammenfallen.
»Å« steht etwas abseits der regulären Alben. Gitarrist Tobias Rydsheim beschreibt die EP als Konzept, das schon länger existierte, aber weder auf eine frühere noch auf eine kommende Platte gepasst hätte. Beide Songs blicken auf Stockholm, allerdings nicht auf Schären, Altstadtgassen und touristische Postkartenmotive. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die hinter den Fassaden verschwinden, und eine Stadt, deren schöne Oberfläche ihre Verfallserscheinungen nur schlecht verdeckt.
Der Titel funktioniert dabei als starkes Bild. Ein Fluss trägt Erinnerungen, Abfall und menschliche Geschichten weiter, ohne zwischen ihnen zu unterscheiden. In »Yra | Extas« wird dieses Wasser zur Verbindung zwischen Rausch, Schmerz und dem Wunsch, der eigenen Existenz zu entkommen. »Purposeless Geometry« betrachtet anschließend die Stadt selbst als krankes Gebilde aus Beton, Bewegung und verlorener Bedeutung.
YRA UND EXTAS – RAUSCH OHNE ERLÖSUNG
»Yra | Extas« bricht mit einer Wucht los, die zunächst kaum vermuten lässt, wie viele Richtungen das Stück in seinen 8:43 Minuten noch einschlagen wird. Blastbeats, schneidende Akkorde und Nines heiseres Schreien legen den Black-Metal-Kern frei. Bereits nach kurzer Zeit schieben sich jedoch warme Gitarrenlinien und dezente Keyboards zwischen die schroffen Flächen. Die Musik wird heller, ohne ihre Beklemmung zu verlieren.
Tobias Rydsheim und Jerry Engström behandeln Melodien nicht als schnell verbrauchtes Beiwerk. Motive tauchen auf, verschwinden und kehren später in veränderter Form zurück. Dadurch wirkt der Song trotz seiner zahlreichen Wechsel nicht wie eine lose Sammlung guter Einfälle. Selbst der beinahe jazzig angehauchte Mittelteil mit deutlich hervortretendem Bass entwickelt sich organisch aus dem zuvor Gehörten.
Oskar Tornborg spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sein Bass liegt nicht lediglich unter den Gitarren, sondern bildet in den ruhigeren Abschnitten eine eigene melodische Stimme. Das gibt dem Arrangement Beweglichkeit und verhindert, dass sich die langen Instrumentalpassagen ausschließlich auf Hall und Gitarrenflächen verlassen. Gerade im Kopfhörer lässt sich verfolgen, wie Tornborg kleine Gegenbewegungen setzt und den Song von unten zusammenhält.
Nines Gesang bildet den härtesten Kontrast zu diesen beinahe schönen Momenten. Er klingt wund, säuerlich und nie vollkommen kontrolliert – eine Stimme, die sich eher durch das Material hindurcharbeitet, als bequem darauf zu sitzen. Der schwedische Text erzählt von Rausch und Ekstase, von Vernachlässigung, einem leblosen Körper und Generationen des Scheiterns. Das dazugehörige Video von Svartna Film verschärft diese Lesart und macht aus der lyrischen Mehrdeutigkeit eine erschütternd konkrete Geschichte menschlichen Absturzes.
ZWISCHEN BLASTBEATS UND SIEBZIGERJAHRE-NEBEL
Mit Simon Samuelsson sitzt erstmals ein neuer Schlagzeuger auf einer Studioproduktion der Band. Sein Einstand gelingt. Samuelsson liefert die notwendige Raserei, betrachtet das Schlagzeug aber nicht als reinen Geschwindigkeitsmesser. Beckenfiguren, kleine Verschiebungen und unterschiedlich gewichtete Übergänge sorgen dafür, dass die vielen dynamischen Bewegungen von »Yra | Extas« nachvollziehbar bleiben.
Besonders stark ist das letzte Drittel. Die Band nimmt erneut Druck heraus, lässt die Gitarren fast schwebend durch den Raum ziehen und baut daraus ein schweres, kathartisches Finale. Ein kurzes Solo bringt keine technische Selbstdarstellung, sondern eine Mischung aus Triumph und tiefer Traurigkeit. Genau solche Momente gehören längst zur Handschrift von WORMWOOD: Die Melodie weist nach oben, während der Rest des Songs weiter im Schlamm steht.
Ein kleiner Kritikpunkt liegt in der Fülle der Ideen. Die Übergänge funktionieren handwerklich, doch der Song möchte in weniger als neun Minuten Black Metal, Folk, Progressive Rock, einen jazzigen Basslauf und ein episches Finale unterbringen. Beim ersten Durchgang bleibt deshalb nicht jedes Motiv gleichermaßen hängen. Mehrmaliges Hören löst dieses Problem weitgehend, ganz ohne Konzentration erschließt sich das Stück jedoch nicht.
DIE SINNLOSE GEOMETRIE EINER KRANKEN STADT
»Purposeless Geometry« beginnt mit einem ausgesprochen gewagten Einfall. Der helle Chorgesang von Ingvild Rydsheim formt ein beinahe kindliches »La-la-la«-Motiv, das gleichzeitig eingängig und verstörend wirkt. Darunter zeichnen die Gitarren eine dunkle, leicht schräge Melodie. Das könnte auf dem Papier nach einem Zusammenprall zweier unvereinbarer Stücke klingen, entwickelt in der Aufnahme aber einen seltsamen Sog.
Der Text wechselt ins Englische und beschreibt eine graue, gegenüber dem Leben gleichgültige Welt. Architektur wird zu einem Geschwür, Licht erhellt nichts mehr, und der Puls der Stadtlandschaft stirbt. Wo »Yra | Extas« das Elend an einem menschlichen Schicksal festmacht, tritt »Purposeless Geometry« einige Schritte zurück und betrachtet den gesamten urbanen Organismus.
Musikalisch arbeitet der zweite Song stärker im Midtempo. Die Gitarren von Rydsheim und Engström setzen auf lange melodische Bögen, während Nines Stimme mit ihren tiefen, dunklen Ausbrüchen gegen den Chorgesang steht. Etwa zur Hälfte bricht das Gefüge in eine spärliche, fast psychedelische Passage auseinander. Keyboards und Samples lassen die Stadt für einen Moment wie eine verlassene Kulisse wirken.
Aus dieser Ruhe wächst ein bluesig gefärbtes Gitarrensolo, das eher an düsteren Progressive Rock als an traditionellen Black Metal erinnert. Die Nähe zu den Siebzigern ist unüberhörbar, wird aber nicht zum Retro-Kostüm. Wenn Nine anschließend zurückkehrt, erscheint die Härte nicht als bloßer Lautstärkesprung, sondern als Konsequenz der zuvor aufgebauten Leere.
DAS LA-LA-LA WIRD ZUR GESCHMACKSFRAGE
So wirkungsvoll der Chorgesang als Gegenpol ist, so sehr dürfte er die Hörerschaft teilen. Das »La-la-la«-Motiv wird mehrfach wiederholt und besitzt beinahe die Hartnäckigkeit eines Pop-Refrains. Wer WORMWOOD vor allem wegen ihrer frostigen und folkloristischen Seite schätzt, könnte diese Passage als zu bewusst gesetzten Fremdkörper empfinden.
Ganz unbegründet wäre diese Kritik nicht. In »Yra | Extas« wachsen die Stilwechsel fast unmerklich aus dem Material hervor, während »Purposeless Geometry« seine Gegensätze offener ausstellt. Chorgesang, Black-Metal-Vocals, psychedelischer Mittelteil und bluesige Leadgitarre bleiben als einzelne Farben deutlicher erkennbar. Der Song wirkt dadurch experimenteller, aber auch etwas weniger geschlossen.
Trotzdem besitzt gerade dieses Risiko seinen Reiz. Die Band hätte problemlos einen zweiten melodischen Black-Metal-Epos nach bekanntem Muster schreiben können. Stattdessen setzt sie ein Motiv ein, das irritiert und nach dem Ende der EP weiterhin im Kopf herumspukt. Nicht jede Idee sitzt vollkommen nahtlos, doch langweilig wird diese sinnlose Geometrie zu keiner Sekunde.
KLARER KLANG FÜR SCHMUTZIGE GESCHICHTEN
Produzent Sverker Widgren und Tobias Rydsheim geben der EP einen modernen, klaren Klang, ohne die schroffen Bestandteile abzuschleifen. Widgren übernahm in den Wing Studios zudem Mix und Mastering. Die Gitarren besitzen ausreichend Schärfe, das Schlagzeug klingt druckvoll und lebendig, und selbst in den dichtesten Passagen bleibt Tornborgs Bass bemerkenswert gut hörbar.
Diese Transparenz ist für das Material notwendig. Beide Songs arbeiten mit mehreren Gitarrenspuren, Keyboards, Chören und langen dynamischen Entwicklungen. Ein roherer Mix hätte zwar zusätzliche Wildheit erzeugt, vermutlich aber zahlreiche Feinheiten verschluckt. So öffnet sich die Klangbühne im Hörraum weit genug, um selbst kleine Beckenfiguren und Hintergrundmelodien voneinander unterscheiden zu können.
Manchmal gerät das Ergebnis allerdings beinahe zu kontrolliert. Gerade die aggressivsten Stellen von »Yra | Extas« dürften etwas ungebärdiger aus den Lautsprechern springen. Der emotionale Eindruck entsteht stärker durch Komposition und Gesang als durch die reine Klanggewalt. Angesichts der vielen ruhigen und progressiven Passagen ist diese Entscheidung nachvollziehbar, nimmt den Blastbeats aber ein kleines Stück Gefährlichkeit.
SECHZEHN MINUTEN SIND FLUCH UND STÄRKE ZUGLEICH
Die Spielzeit von 15:55 Minuten passt zum Sonderstatus der Veröffentlichung. »Å« fühlt sich nicht wie Resteverwertung zwischen zwei Alben an, sondern wie ein geschlossenes Diptychon. Beide Stücke betrachten denselben Verfall aus unterschiedlichen Entfernungen und besitzen genügend Substanz, um die kurze Laufzeit zu rechtfertigen.
Dennoch bleibt ein leichter Hunger zurück. Gerade »Yra | Extas« erreicht im Finale eine emotionale Größe, aus der die Band problemlos einen längeren Albumzusammenhang entwickeln könnte. »Purposeless Geometry« öffnet wiederum neue Türen in Richtung Progressive und Dark Rock. Nach zwei Songs ist noch nicht abzusehen, ob diese Einflüsse einen Seitenweg darstellen oder künftig stärker in den Bandsound einfließen.
Als Momentaufnahme funktioniert die EP deshalb ausgezeichnet. Sie zeigt WORMWOOD als Band, die ihre bekannte melancholische Sprache beherrscht, sich aber nicht darauf ausruht. Der Fluss ist schmutzig, die Stadt krank und die Zukunft alles andere als freundlich – musikalisch befindet sich diese Formation trotzdem deutlich in Bewegung.
FAZIT:
»Å« ist eine kurze, emotional schwere Konzept-EP, auf der WORMWOOD melodischen Black Metal, Folk, Progressive Rock und urbane Trostlosigkeit zu zwei vielschichtigen Geschichten verbinden. »Yra | Extas« wirkt etwas geschlossener als das experimentellere »Purposeless Geometry«, doch beide Stücke beweisen, dass 16 Minuten genügen können, um eine ganze Stadt langsam im eigenen Abwasser versinken zu lassen.






