Tracklist
01. Zory
02. Veha
03. The Boat Of Despair
04. Viedźmieragina
05. Niama Darohi
06. Bu Samoje
07. Ustań Za Mianie
08. Return My Coffin Home
Besetzung
Katsiaryna »Nokt Aeon« Mankevich – Gesang, traditionelle Flöten
Jauhien Charkasau – Gitarre, Bass, Keyboards
Mikita Stankevich – Gitarre, Hintergrundgesang
Wojciech »Bocian« Muchowicz – Schlagzeug
DYMNA LOTVA gehören eindeutig zur Kategorie jener Bands, die sich in ihren musikalischen Darbietungen eindeutig Gedanken um die detaillierte Ausarbeitung ihrer Songs macht. Die aus Belarus stammende und inzwischen in Warschau ansässige Formation verarbeitet auf ihrem vierten Album »Vyraj« Vertreibung, Tod und die Hoffnung auf Heimkehr jedoch nicht als plumpes politisches Schlagwort. Stattdessen blickt sie zum Sternenhimmel und findet dort eine alte slawische Vorstellung: jenen mythischen Ort, an den die Vögel im Winter ziehen und an dem die Seelen der Verstorbenen ruhen sollen.
Schon das Cover trägt diesen Gedanken in sich. Die Aufnahmen des Perseidenstroms entstanden über einem verfallenden Familienfriedhof in einem sterbenden belarussischen Dorf. Schönheit, Verlust und Erinnerung liegen damit so dicht beieinander wie später in der Musik. »Vyraj« steht weiterhin auf einem Fundament aus Post-Black und Doom Metal, öffnet den Raum aber deutlich weiter als der Vorgänger. Folklore, Goth, progressive Strukturen, elektronische Flächen und stellenweise erstaunlich eingängige Melodien greifen ineinander. Das Resultat klingt nicht nach einem stilistischen Bauchladen, sondern nach einer Band, die ihre eigene Sprache inzwischen beinahe beängstigend sicher beherrscht.
DER WEG INS TOTENREICH FÜHRT ÜBER DIE STERNE
Der Titel »Vyraj« beschreibt in der slawischen Mythologie einen Ort jenseits der greifbaren Welt. Dorthin ziehen die Vögel, dort finden die Toten ihre Ruhe, und irgendwann ist vielleicht eine Rückkehr möglich. Für eine Band, deren Gründungsmitglieder Belarus infolge politischer Verfolgung verlassen mussten und später auch noch vor dem russischen Angriff auf die Ukraine flohen, ist dieses Bild kaum von der eigenen Biografie zu trennen. Trotzdem verfällt das Album nie in bloße Betroffenheitsroutine.
Im Vergleich zu »The Land Under The Black Wings: Blood« richtet sich der Blick weniger unmittelbar auf Krieg, Terror und staatliche Gewalt. Die Wut ist weiterhin vorhanden, doch sie bestimmt nicht mehr jede Bewegung. Hoffnung, Zusammenhalt und die Frage, ob Heimat wenigstens in Erinnerung und Kultur fortbestehen kann, drängen stärker nach vorn. Das macht »Vyraj« keineswegs sanfter. Die Musik besitzt nur eine größere emotionale Spannweite.
Dabei hilft, dass DYMNA LOTVA ihre Einflüsse nicht mehr sauber voneinander trennen. Ein Doom-Riff kann in eine Post-Rock-Weite kippen, ein Black-Metal-Ausbruch wird von beinahe gläsernen Keyboards durchzogen, und auf einen folkloristischen Gesang folgt plötzlich eine Melodie, die verdächtig nahe an einem echten Refrain liegt. Puristen dürfen darüber die Stirn runzeln. Alle anderen erleben eine Band, die Melodik nicht mit Harmlosigkeit verwechselt.
EINE STIMME ZWISCHEN BESCHWÖRUNG UND ZUSAMMENBRUCH
Der eigentliche Mittelpunkt bleibt Katsiaryna »Nokt Aeon« Mankevich. Ihre Schreie klingen nicht nach erlernter Genrepflicht, sondern nach einem Körper, der den Schmerz mit letzter Kraft nach außen presst. Im nächsten Moment wechselt sie in klare, beinahe klassisch geführte Passagen, flüstert, spricht oder stimmt rituelle Linien an. Gerade diese Sprünge geben dem Album sein Gesicht. Wo andere Sängerinnen und Sänger verschiedene Techniken vorführen, verkörpert Mankevich verschiedene Zustände.
Der Opener »Zory« zeigt das bereits in konzentrierter Form. Ein dunkles, getragenes Motiv wird allmählich von schimmernden Tastenklängen und melodischen Gitarren umkreist, bevor sich die Stimme wie ein Riss durch das Arrangement zieht. Die Nummer baut Spannung nicht allein über Geschwindigkeit auf. Sie lässt die Instrumente anschwellen, wieder zurückweichen und schließlich gemeinsam losbrechen. Der Refrain bleibt erstaunlich schnell hängen, ohne den bedrückenden Charakter zu verraten.
Noch tiefer in die ritualistische Seite der Band führt das siebenminütige »Veha«. Kinderstimmen, die Harfe von Deanna F. und düstere Sprechpassagen erzeugen eine gespenstische Ruhe, gegen die die schweren Gitarren umso massiver wirken. Wojciech »Bocian« Muchowicz treibt das Stück nicht stumpf voran, sondern setzt Akzente, verschiebt das Gewicht und lässt selbst langsame Passagen nervös atmen. Die Komposition verlangt Geduld, zahlt diese aber mit einem Finale zurück, das tatsächlich verdient wirkt.
DER FÄHRMANN HAT AARON STAINTHORPE AN BORD
Mit »The Boat Of Despair« tritt Aaron Stainthorpe auf den Plan. Seine tiefe, unverwechselbare Stimme bringt erwartungsgemäß eine gehörige Portion britischen Gothic Doom mit, wird von DYMNA LOTVA aber nicht bloß als prominentes Namensschild eingesetzt. Zwischen ihm und Mankevich entwickelt sich ein dramatischer Dialog: hier der müde Fährmann, dort die aufbegehrende Stimme der Toten. Wenn beide Ebenen aufeinanderprallen, erreicht das Album einen seiner theatralischsten Momente.
Das Stück schleppt sich bewusst schwer durch seine gut fünfeinhalb Minuten und setzt stärker auf Atmosphäre als auf einen unmittelbaren Schlag in die Magengrube. Das funktioniert in der Dramaturgie des Albums, bremst nach den ersten beiden Titeln allerdings auch kurz den Fluss. Einzelne Passagen verweilen einen Takt länger als nötig im Nebel. Stainthorpes Auftritt und der starke Wechselgesang verhindern jedoch, dass der Kahn tatsächlich auf Grund läuft.
Danach zieht »Viedźmieragina« die Schrauben wieder an. Die Gitarren von Jauhien Charkasau und Mikita Stankevich verbinden frostige Akkorde mit melodischen Death-Metal-Linien, ohne in die übliche Schwedenschule abzubiegen. Das Riffing bleibt ruppig, die Melodien besitzen dennoch einen beinahe erhebenden Zug. In Verbindung mit den Anrufungen des Wolfssterns entsteht ein Song, der gleichermaßen wie Klage und Kraftquelle wirkt.
Besonders stark ist dabei die Arbeit der Rhythmusgruppe. Der Bass liegt nicht bloß als dunkler Schatten unter den Gitarren, sondern verleiht den ruhigeren Bewegungen Wärme und den harten Ausbrüchen zusätzliche Schwere. Muchowicz kennt wiederum den Unterschied zwischen Raserei und Dauerfeuer. Blastbeats kommen dort, wo sie Wirkung entfalten, nicht dort, wo der Bauplan sie angeblich verlangt.
KEIN WEG ZURÜCK, ABER EIN KREIS AUS STEINEN
Das heimliche Herzstück der Platte heißt »Niama Darohi«. Schon der Titel – sinngemäß »Es gibt keinen Weg« – fasst die Müdigkeit des Exils zusammen. Graue Knochen, verrottende Bretter, ein verschwundenes Dorf und die vergebliche Suche nach dem Heimweg prägen den Text. Musikalisch antwortet die Band darauf nicht mit maximaler Härte, sondern mit Weite. Elektronische Tupfer, schwebende Keyboards und eine sehnsüchtige Gitarrenführung lassen den Song für einen Moment über dem Boden stehen.
Gerade hier zeigt sich, wie gut DYMNA LOTVA inzwischen mit eingängigen Motiven umgehen. Die Melodie ist sofort fassbar, bleibt aber von einer unterschwelligen Unruhe durchzogen. Nichts wird süßlich aufgelöst. Selbst in den schönsten Passagen hört man, dass die ersehnte Heimat womöglich nur noch in der Erinnerung existiert. Wenn Mankevich vom Kreis aus Steinen singt, braucht es kein musikalisches Ausrufezeichen mehr. Die Bilder erledigen die Arbeit.
Die Produktion stellt die zahlreichen Ebenen klar genug dar, ohne die Aufnahme steril zu polieren. Gitarren, Elektronik, Chöre und Stimmen bilden eine dichte Klangbühne, in der bei hoher Lautstärke immer neue Kleinigkeiten auftauchen. Ganz ohne Reibungsverlust geht das nicht. In den vollsten Arrangements wird der Raum knapp, und der Bass verschwindet gelegentlich hinter Gitarren und Keyboards. Eine Spur mehr Luft hätte insbesondere den leisen Details gutgetan.
Andererseits passt diese Verdichtung zur Musik. »Vyraj« soll nicht kühl seziert werden, sondern den Hörer umschließen. Dass man manche Stimmen oder Gegenmelodien erst beim dritten Durchgang bewusst wahrnimmt, spricht deshalb nicht grundsätzlich gegen den Mix. Es verhindert lediglich, dass jede starke Idee im ersten Moment dieselbe Durchschlagskraft besitzt.
VOM GALGENBRIEF ZUR GEMEINSAMEN STIMME
Das folgende »Bu Samoje« ist einer der eigenwilligsten Titel des Albums. Gesungen wird in Balbuta, einer künstlichen Sprache, die der belarussische Schriftsteller Aĺhierd Bacharevič für seinen Roman »Dogs Of Europe« erschuf. Als Grundlage dient zudem der letzte »Brief unter dem Galgen« des belarussischen Nationalhelden Kastuś Kalinoŭski, der 1864 kurz vor seiner Hinrichtung verfasst wurde. Spätestens hier wird deutlich, wie eng Folklore, Literatur und Widerstand in der Welt von DYMNA LOTVA verbunden sind.
Der sogenannte Balbuta Choir verleiht dem Stück den Charakter eines gemeinschaftlichen Aufbegehrens. Die wiederholten Rufe wirken zunächst fast archaisch, gewinnen mit jedem Durchlauf jedoch an Kraft. Musikalisch bewegt sich die Nummer stärker in Richtung Folk Metal, ohne Dudelsackromantik oder Tavernenstimmung zu bemühen. Hier versammelt sich keine fröhliche Runde ums Feuer. Es klingt eher, als würden Menschen ihre Angst gemeinsam niederbrüllen.
Mit »Ustań Za Mianie« folgt der direkteste Song der Platte. Der wiederholte Aufruf, füreinander einzustehen, besitzt fast Hymnencharakter, während das Schlagzeug vergleichsweise geradlinig marschiert und die Gitarren einen leicht erfassbaren Rahmen setzen. Das ist wirkungsvoll und dürfte live zünden. Im Albumkontext wirkt die Nummer allerdings etwas weniger vielschichtig als »Veha« oder »Niama Darohi«. Der Refrain wird sehr deutlich gesetzt und nutzt sich bei wiederholtem Hören ein wenig schneller ab als die verschlungeneren Motive ringsum.
Ein schwacher Song ist das trotzdem nicht. Gerade seine Klarheit erfüllt eine Funktion: Nach den dichten Bildern und historischen Bezügen von »Bu Samoje« formuliert »Ustań Za Mianie« die Botschaft ohne Umweg. Freiheit kann genommen werden, Würde gibt man selbst auf. Viel präziser lässt sich der innere Kern des Albums kaum benennen.
BRINGT MEINEN SARG NACH HAUSE
Für das achtminütige Finale »Return My Coffin Home« ruft die Band noch einmal sämtliche Stärken zusammen. Ingvarr von Schreigarm übernimmt Gastgesang, Déhà steuert bundlosen Bass bei, und traditionelle belarussische wie ukrainische Elemente werden in eine ausladende Post-Black-Metal-Komposition eingebettet. Der Song beginnt beinahe wie ein Schutzzauber für eine lange Reise und endet als Bitte, wenigstens den eigenen Leichnam in die Heimat zurückzubringen.
Auch ein Motiv aus dem ukrainischen Klagelied »Plyve Kacha Po Tysyni«, das als Requiem für Gefallene bekannt wurde, fließt in das Stück ein. DYMNA LOTVA behandeln diese Vorlage mit dem nötigen Ernst. Nichts daran wirkt dekorativ. Die Stimmen wachsen allmählich zu einem Chor, Gitarren und Keyboards ziehen den Horizont auf, während der Rhythmus das Gewicht eines Trauermarsches behält.
Hier zahlt sich die gesamte Dramaturgie aus. Motive von Reise, Tod, Erde und Sternen laufen zusammen, ohne dass die Band ein künstlich triumphales Ende erzwingt. Die Heimkehr bleibt Wunsch, vielleicht sogar Illusion. Trotzdem liegt in der gemeinsamen Stimme etwas Trotziges: Wenn schon der Körper die Heimat nicht erreicht, dann sollen wenigstens Sprache, Erinnerung und Musik den Weg finden.
Nach knapp 45 Minuten bleibt deshalb keine reine Verzweiflung zurück. »Vyraj« ist dunkler Metal, aber kein Album, das sich im eigenen Elend suhlt. Seine stärksten Momente entstehen immer dann, wenn Trauer in Bewegung gerät – wenn aus dem Schrei ein Chor, aus dem Grab ein Stern und aus der Erinnerung eine Form von Widerstand wird.
FAZIT:
»Vyraj« ist ein mutiges, emotional aufwühlendes Album, auf dem DYMNA LOTVA Post-Black und Doom Metal mit Folklore, Goth und elektronischen Farben zu einer unverkennbaren eigenen Sprache verbinden. Nicht jede Passage besitzt dieselbe Spannung, und der dichte Mix nimmt manchen Details etwas Luft, doch Songs wie »Zory«, »Niama Darohi« und das gewaltige »Return My Coffin Home« treffen mit voller Wucht. Dieses Totenreich ist kein Ort der Ruhe, sondern ein Sternenhimmel voller Stimmen, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen.






