Tracklist
01. Skaepna Aer Krigh
02. Anskoti
Besetzung
Shamaatae – Gesang und sämtliche Instrumente
Acht Jahre Stille, neun Minuten Black Metal: Mit »Motestandarin« meldet sich das schwedische Einmannprojekt Arckanum ausgerechnet dann zurück, als sein Ende längst besiegelt schien. Shamaatae präsentiert zwei Vorboten des kommenden Albums »Beswærilsin« und knüpft dabei weder an die besonders schroffen Frühwerke noch ausschließlich an die atmosphärischeren Veröffentlichungen der späteren Jahre an. Die EP setzt auf deutlich getrennte Instrumente, starke melodische Riffs, vorwiegend kontrolliertes Midtempo und gezielt platzierte Beschleunigungen. Dadurch fällt sie zugänglicher als ein Teil des bisherigen Materials aus, ohne Arckanums rituelle und antikosmische Identität preiszugeben.
Seit der Gründung im Jahr 1992 zählt Arckanum zu den eigenständigsten Erscheinungen des schwedischen Black Metal. Zwar waren in den Anfangsjahren weitere Musiker beteiligt, doch schon bald entwickelte sich das Projekt zum alleinigen Betätigungsfeld von Johan „Shamaatae“ Lahger. Er übernahm Gesang und Instrumente und verband nordisch geprägten Black Metal mit Naturmystik, Chaos-Gnostizismus und einer persönlichen Beschäftigung mit der sogenannten Thursischen Strömung.
Mit Alben wie »Fran Marder«, »Kostogher« und »Kampen« entwickelte Arckanum in den Neunzigerjahren einen bewusst rauen Stil. Die Produktionen klangen unwirtlich, die Gitarren verschwammen teilweise miteinander und Shamaataes Stimme wirkte weniger wie ein klassischer Gesangsvortrag als wie ein weiterer Bestandteil der rhythmischen Unruhe. Spätere Werke wie »Antikosmos«, »Fenris Kindir« und »Den Förstfödde« öffneten dieses Grundgerüst für transparentere Arrangements, stärkere Melodien und eine organischere Produktion.
Nach »Den Förstfödde« erklärte Shamaatae Arckanum 2018 für beendet. Das vermeintlich letzte Album war Jörmungandr gewidmet und sollte nach rund 25 Jahren den Abschluss des Projekts bilden. Im Jahr 2026 zeigt sich nun, dass es sich eher um eine lange Ruhephase gehandelt hat. »Motestandarin« leitet nach offizieller Darstellung die dritte Phase Arckanums ein und dient als unmittelbarer Vorbote des für Oktober angekündigten zehnten Studioalbums »Beswærilsin«.
Dieses kommende Werk soll elf rituell ausgerichtete Kompositionen enthalten. Darüber hinaus sind bereits zwei weitere Alben geschrieben, die in den nächsten Jahren über Darkness Shall Rise Productions erscheinen sollen. Von einem kurzen nostalgischen Wiedersehen kann daher keine Rede sein. Shamaatae hat das Projekt nicht für eine einzelne EP reaktiviert, sondern offenbar einen neuen, langfristig angelegten Abschnitt vorbereitet.
SKAEPNA AER KRIGH: KONTROLLIERTER AUFBAU STATT SOFORTIGER ESKALATION
Der eröffnende Titel »Skaepna Aer Krigh« beginnt mit Shamaataes unverkennbarem Schrei, lässt sich anschließend jedoch keineswegs zu einem ungeordneten Geschwindigkeitsrausch hinreißen. Ein schweres Midtempo-Riff, deutlich hörbarer Bass und ein vergleichsweise geradliniges Schlagzeug geben dem Stück zunächst eine feste Gestalt. Die Produktion lässt ausreichend Platz zwischen den Instrumenten und macht dadurch Feinheiten hörbar, die in älteren Arckanum-Aufnahmen häufig von der bewusst rauen Verdichtung verschluckt wurden.
Die Gitarren arbeiten mit wiederkehrenden Figuren, deren Wirkung sich schrittweise verändert. Shamaatae fügt kleine melodische Verschiebungen hinzu, verlängert einzelne Töne und lässt die Rhythmusgruppe gegen die scheinbar gleichförmige Bewegung arbeiten. Die Wiederholung erfüllt damit eine rituelle Funktion, wirkt aber nicht statisch. Je länger das zentrale Motiv erklingt, desto bedrohlicher entwickelt sich seine Wirkung.
Auffällig ist der Bass, der sich nicht mit einer bloßen Verdoppelung der Gitarren begnügt. Einzelne Läufe bewegen sich deutlich unter den melodischen Motiven und verleihen dem Stück eine Tiefe, die den reduzierten Aufbau trägt. Auch das Schlagzeug bleibt zunächst kontrolliert. Statt pausenloser Blastbeats bestimmen kräftige Einzelschläge, kurze Fills und ein beinahe marschartiger Puls das Geschehen.
Erst im weiteren Verlauf löst sich diese Kontrolle zunehmend auf. Das Tempo steigt, Tremolo-Passagen schieben sich in den Vordergrund und das Schlagzeug wechselt in aggressivere Muster. Dieser Übergang ist sorgfältig vorbereitet. Die schnelleren Abschnitte wirken deshalb nicht wie pflichtgemäße Black-Metal-Eruptionen, sondern wie die logische Zuspitzung einer zuvor aufgebauten Spannung.
Shamaataes Gesang sitzt sehr weit vorne im Mix. Seine kehligen Schreie folgen nicht ausschließlich den Gitarren, sondern setzen eigene Akzente und übernehmen teilweise eine perkussive Funktion. Einzelne Silben werden gedehnt, andere kurz zwischen die Riffwechsel geschleudert. Gerade diese rhythmische Verwendung der Stimme sorgt dafür, dass »Skaepna Aer Krigh« trotz der klareren Produktion unverkennbar nach Arckanum klingt.
ANSKOTI: MELODIE, BESCHWÖRUNG UND ABRUPTE BRÜCHE
»Anskoti« benötigt weniger Anlauf. Die Gitarren greifen unmittelbar auf jene kalten, melodischen Bewegungen zurück, die eng mit dem skandinavischen Black Metal verbunden sind. Shamaatae kopiert jedoch keine vertrauten Muster der Neunzigerjahre. Die einzelnen Linien werden ineinander verschoben und mehrfach unterbrochen, bevor sie sich zu einer vollständig ausgearbeiteten Melodie entwickeln können.
Das Stück besitzt dadurch einen eigentümlichen Sog. Immer wenn das zentrale Riff eine beinahe epische Größe erreicht, verändert sich der Rhythmus oder die Gitarre setzt einen neuen Schwerpunkt. Das Arrangement verweigert den erwarteten Höhepunkt und hält die Musik in beständiger Bewegung. Diese bewusst unvollständige Auflösung erzeugt eine unterschwellige Nervosität, die wesentlich wirkungsvoller ausfällt als eine pausenlose Steigerung.
In der Mitte verändert Shamaatae seine Stimme. Neben dem vertrauten Krächzen treten tiefere, beinahe gesprochene Passagen, die wie eine Beschwörung über dem rhythmischen Fundament liegen. Die Worte werden nicht als melodischer Gesang behandelt, sondern in den Takt eingeschlagen. Dadurch wirkt die Stimme zugleich menschlich und entrückt, ohne dass zusätzliche Effekte oder übertriebene Hallräume erforderlich wären.
Das Schlagzeug agiert bei »Anskoti« beweglicher als im ersten Stück. Schnelle Fills verbinden die einzelnen Riffblöcke, während kurze Blastbeat-Ausbrüche das Tempo erhöhen. Diese schnellen Passagen bleiben jedoch Werkzeuge der Dramaturgie und werden nicht zum permanenten Grundzustand. Sobald sich das Stück vollständig zu entfesseln scheint, fällt es erneut in einen kontrollierten Rhythmus zurück.
Melodisch ist »Anskoti« der unmittelbarere Titel der EP. Die Gitarrenlinien bleiben schneller im Gedächtnis und lassen erkennen, wie stark Shamaatae mittlerweile mit klar ausgearbeiteten Motiven arbeitet. Gleichzeitig fehlt dem Song ein endgültiger Abschluss. Er endet eher wie ein herausgelöstes Kapitel aus einem größeren Werk – was angesichts seiner späteren Verwendung auf »Beswærilsin« durchaus folgerichtig erscheint.
DIE DRITTE PHASE KLINGT AUFGERÄUMTER
Die auffälligste Veränderung auf »Motestandarin« betrifft nicht das eigentliche Songwriting, sondern dessen klangliche Darstellung. Gitarren, Bass, Schlagzeug und Stimme sind wesentlich klarer voneinander getrennt als auf Arckanums frühen Veröffentlichungen. Besonders der Bass profitiert davon und trägt beide Stücke mit einer Präsenz, die innerhalb dieses Genres keineswegs selbstverständlich ist.
Trotzdem klingt die EP nicht steril. Die Gitarren behalten ihre raue Oberfläche, Shamaataes Gesang wird nicht geglättet und das Schlagzeug besitzt ausreichend natürliche Schwankungen. Die Produktion entfernt lediglich einen Teil des früheren Frequenznebels. Dadurch werden die Strukturen nachvollziehbarer, ohne den Black Metal in modernen Hochglanz zu tauchen.
Diese Klarheit hat allerdings ihren Preis. Die älteren Arckanum-Aufnahmen entwickelten einen beträchtlichen Teil ihrer Wirkung aus dem Zusammenprall mehrerer Spuren. Gitarren, Stimme und Schlagzeug kämpften regelrecht um denselben Raum und erzeugten daraus eine chaotische Atmosphäre. Auf »Motestandarin« ist dieser Konflikt deutlich reduziert. Die Musik wirkt kontrollierter, nachvollziehbarer und stellenweise beinahe diszipliniert.
Die offiziell angekündigte „dritte Phase“ stellt musikalisch deshalb noch keinen vollständigen Bruch dar. Shamaatae führt die Entwicklung der späteren Alben fort, komprimiert sie jedoch auf ein direkteres und etwas schlankeres Gerüst. Tremolo-Riffs, melodische Wiederholungen, wechselnde Geschwindigkeiten und der beschwörende Gesang bleiben erhalten. Neu ist vor allem die Konsequenz, mit der diese Bestandteile voneinander abgegrenzt werden.
NEUN MINUTEN ALS VERSPRECHEN
Als eigenständige EP ist »Motestandarin« beinahe zu kurz, um die angekündigte neue Phase abschließend beurteilen zu können. Beide Songs erreichen gemeinsam lediglich etwas mehr als neun Minuten und werden zusätzlich auf dem kommenden Album enthalten sein. Wer im Oktober ohnehin zu »Beswærilsin« greifen möchte, erhält somit kein exklusives Material, sondern eine auf Vinyl gepresste Vorschau.
Dafür wurden die beiden Titel sinnvoll ausgewählt. »Skaepna Aer Krigh« zeigt die kontrollierte, schwerere und langsam wachsende Seite des neuen Materials, während »Anskoti« Melodie, Geschwindigkeit und rituellen Ausdruck stärker in den Vordergrund rückt. Gemeinsam vermitteln sie ein ausreichend differenziertes Bild davon, wohin sich Arckanum bewegt.
Die limitierte 7″-Ausgabe besitzt angesichts der Auflage von lediglich 218 handnummerierten Exemplaren vor allem Sammlerwert. Musikalisch bleibt »Motestandarin« ein Übergangswerk. Seine Aufgabe besteht nicht darin, eine vollständige Aussage zu liefern, sondern Erwartungen an das kommende Album zu wecken. Genau das gelingt der EP ausgesprochen überzeugend.
FAZIT:
Mit »Motestandarin« kehrt Arckanum in starker Form zurück und verbindet Shamaataes bewährte Black-Metal-Sprache mit einer klareren, kontrollierteren Produktion. Die beiden Stücke überzeugen durch markante Riffs, einen ungewöhnlich präsenten Bass und eine Stimme, die weiterhin wie ein zusätzliches Rhythmusinstrument eingesetzt wird. Als neunminütiger Vorbote bleibt die EP zwangsläufig unvollständig, steigert die Erwartungen an »Beswærilsin« jedoch erheblich. Vier von fünf Punkten.






