Tracklist
01. Manqaf
02. Melma
03. Feast For Parasites
04. Gallows Throne
05. A Grave Makes No Distinction
06. Dogma
07. Overdose
08. Harrowing Silence
09. Eradication
Besetzung
Alessandro Donnaloia – Gesang & Synths
Mario Morgante – Gitarre
Marino Martellotta – Bass
Sbrough – Schlagzeug
Black Metal ist etzadla immer noch krieg! Zumindest dann, wenn LaCasta auf »Olibanvm« ihre Version davon ausrufen. Die Italiener kommen nicht mit Kerzenromantik, nicht mit Schönklang, nicht mit fein gezeichnetem Post-Black-Metal-Nebel. Hier wird gedrückt, geschoben, gebrüllt und verdichtet, bis aus Black Metal, Crust und Hardcore ein ziemlich ruppiger Klumpen Wut entsteht. Das Album ist mit gut 34 Minuten angenehm knapp gehalten und verschwendet wenig Zeit. Wer hier eine kunstvolle Einleitung in zwölf Akten erwartet, bekommt stattdessen sehr schnell eine Wand vor den Brustkorb gestellt.
Dabei ist »Olibanvm« kein bloßes Prügelalbum. Der Titel verweist auf Olibanum, also Weihrauch, und genau daraus ziehen LaCasta ihr zentrales Spannungsfeld: das Sakrale und das Grausame, Reinheit und Verletzung, Ritual und Machtmissbrauch. Die Platte beschäftigt sich mit religiöser Manipulation, moralischem Zerfall, gesellschaftlicher Fäulnis, Schuld, Sucht, Unterwerfung und der Frage, ob aus vollständiger Zerstörung überhaupt noch etwas Neues entstehen kann. Klingt schwer? Ist es auch. Aber LaCasta diskutieren das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit geballten Fäusten.
(Hört hier »Olibanvm« von laCasta)
SAKRALES MATERIAL, UNHEILIGE ANWENDUNG
»Manqaf« öffnet das Album mit kurzer, dunkler Spannung. Das Intro arbeitet nicht mit großem Bombast, sondern mit einer rituellen Grundierung, die sofort klarmacht: Dieses Album will keinen freundlichen Einstieg. Es setzt einen Rahmen, lässt den Raum kurz enger werden und übergibt dann direkt an »Melma«. Dort wird der Ton schlagartig konkreter. Der Song attackiert eine Welt, in der Verfall und Kontamination längst Normalzustand geworden sind. Gesellschaftliche Zersetzung wird hier nicht als abstrakter Gedanke, sondern als körperlich spürbare Überwältigung verstanden.
Musikalisch ist »Melma« einer der stärksten frühen Treffer. Die Gitarren sind dicht, der Rhythmus treibt gnadenlos, und Alessandro Donnaloia klingt, als wolle er nicht überzeugen, sondern anklagen. Das ist wichtig, denn gerade bei dieser Mischung aus Black Metal und Hardcore entscheidet die Stimme viel. Sie darf nicht nur kreischen, sie muss Druck erzeugen. Genau das passiert hier.
»Feast For Parasites« geht noch deutlicher in Richtung gesellschaftlicher Abrechnung. Der Text beschreibt Menschen, die sich falschen Göttern, leeren Ritualen und bequemem Gehorsam ausliefern. Die Parasiten sitzen dabei nicht nur oben, sondern leben auch von der Passivität der Masse. Der Song ist ein Manifest gegen geistige Unterwerfung und religiös aufgeladene Verdummung. Keine besonders subtile Nummer, aber Subtilität wäre hier auch ungefähr so passend wie Flanellpantoffeln im Schlachtfeld.
GERICHT, DOGMA, VERFALL
Mit »Gallows Throne« verbinden LaCasta Schuld, Strafe und Herrschaft zu einem der brutaleren Bilder des Albums. Der Galgen wird zum Thron, also zur Machtform. Wer richtet, herrscht. Wer zuschaut, macht mit. Der Song funktioniert musikalisch besonders gut, weil er nicht nur schnell nach vorne prügelt, sondern auch diesen schwereren, stampfenden Zug nutzt, der dem Album zusätzliche Härte gibt. Hier treffen Black-Metal-Schärfe und Hardcore-Körperlichkeit ziemlich direkt aufeinander.
»A Grave Makes No Distinction« schlägt inhaltlich einen anderen Ton an. Hier geht es um das Ende aller Unterschiede. Besitz, Ruhm, Macht, Privilegien – am Schluss bleibt davon nichts. Das ist kein neuer Gedanke, aber LaCasta bringen ihn sehr effektiv auf den Punkt. Die Nummer hat einen starken, fast schon nüchternen Fatalismus. Gerade nach den vorherigen Songs tut dieser Blick auf die endgültige Gleichmachung gut. Nicht im tröstlichen Sinn, eher im Sinne von: Am Ende gewinnt der Boden.
»Dogma« ist dann der direkte Angriff auf religiöse und ideologische Kontrolle. Der Song ist kurz, wütend und gehört zu den giftigsten Momenten der Platte. Die Band zeigt Dogma als geistiges Gefängnis, als System aus Angst, Selbstbestrafung und falscher Sicherheit. Musikalisch bleibt wenig Raum zum Atmen. Riff, Schlagzeug, Stimme – alles wirkt auf Verdichtung ausgelegt. Kein Schnörkel, keine Schonfrist.
DER MENSCH ALS SCHWACHSTELLE
»Overdose« verschiebt die Perspektive stärker auf Sucht, Ersatzrealitäten und das Leben im permanenten Ausnahmezustand. Der Text denkt Abhängigkeit nicht nur chemisch, sondern auch gesellschaftlich: Chaos als Dauerzustand, künstliche Flucht, Überleben ohne Sinn. Der Song setzt diese Idee mit ruppiger Direktheit um. Er ist nicht der auffälligste Track des Albums, aber ein wichtiger Baustein, weil er den Blick vom religiösen Machtapparat auf die innere Selbstzerstörung lenkt.
»Harrowing Silence« ist mit seiner kurzen Spielzeit ein sehr konzentrierter Schlag. Der Song handelt von Leiden, Verlassenheit und einem Körper, der bereits dem Ende übergeben scheint. Gerade weil die Nummer so knapp bleibt, funktioniert sie. Kein Auswalzen, keine große Geste. Einfach Schmerz, Druck, Ende. In einem Album, das sonst gern mit großen Begriffen wie Dogma, Eradication und Sacrifice arbeitet, ist dieser kurze, körperliche Moment besonders effektiv.
Der Abschluss »Eradication« ist mit Abstand der längste Song und trägt die zentrale Spannung des Albums noch einmal zusammen. Die Welt erscheint als zerfallendes Gebäude, gestützt von brüchigen Pfeilern, beherrscht von Täuschung, Apathie und Angst. Der Gedanke der Auslöschung wird hier nicht nur als Zerstörung, sondern auch als mögliche Voraussetzung für Neubeginn formuliert. Das ist gefährliches Terrain, weil solche Motive schnell platt werden können. LaCasta halten den Song aber stark genug zusammen, um daraus ein würdiges Finale zu machen. Der Track nimmt sich Zeit, steigert sich und lässt das Album nicht einfach abbrechen, sondern konsequent ausbrennen.
KLANG, DRUCK UND GRENZEN
Die Produktion von Sebastiano Lillo und Paolo Palmieri passt sehr gut zum Material. »Olibanvm« klingt nicht glatt, aber auch nicht nach kaputter Proberaumromantik. Die Gitarren sind massiv, das Schlagzeug arbeitet mit viel Druck, und die Vocals sitzen dominant im Zentrum. Wichtig ist: Die Platte bleibt trotz ihrer Dichte nachvollziehbar. Man hört Riffs, Brüche und Strukturen, ohne dass der rohe Charakter verloren geht.
Die größte Stärke des Albums liegt in seiner Konsequenz. LaCasta ziehen ihre Linie durch. Black Metal, Crust und Hardcore werden nicht höflich nebeneinandergestellt, sondern ineinandergepresst. Dadurch entsteht eine aggressive, kompakte Platte, die ihre 34 Minuten gut nutzt. Kein Song wirkt wie ein reiner Platzhalter, und besonders »Melma«, »Feast For Parasites«, »Gallows Throne«, »Dogma« und »Eradication« hinterlassen deutliche Spuren.
Ganz ohne Einschränkungen bleibt es dennoch nicht. Die Platte ist in ihrer Grundhaltung so kompromisslos, dass sie stellenweise wenig Luft für Überraschungen lässt. Wer nach großer Dynamik, melodischen Öffnungen oder experimentellen Seitenwegen sucht, wird hier nicht viel finden. »Olibanvm« will vor allem Druck, Schwärze und Anklage. Das macht es stark, aber auch eng. Für diese Art Album ist das kein Fehler, eher eine bewusste Entscheidung. Man sollte nur wissen, worauf man sich einlässt.
FAZIT:
»Olibanvm« ist ein wütendes, dichtes und konsequent gebautes Album zwischen Black Metal, Crust und Hardcore. LaCasta liefern keinen spirituellen Trost, sondern eine Abrechnung mit Dogma, Verfall, Macht, Sucht, sozialer Passivität und der Illusion menschlicher Überlegenheit. Der Weihrauch des Titels steht nicht für Erhebung allein, sondern für ein Ritual, das immer auch Verletzung, Opfer und Ende in sich trägt.
Musikalisch überzeugt die Platte durch kompakten Druck, schneidende Riffs, starke Rhythmusarbeit und eine Stimme, die permanent am Rand der Eskalation steht. Besonders die mittlere Albumphase und das lange Finale »Eradication« zeigen, wie effektiv LaCasta ihre Mischung aus schwarzer Kälte und Hardcore-Wucht einsetzen können. Kleine Abzüge gibt es für die begrenzte stilistische Öffnung und den engen Fokus, der nicht jedem Hörer viel Raum lässt.
Wer seinen Black Metal mit Crust-Schmutz, Hardcore-Zorn und klarer antiklerikaler Schlagseite mag, bekommt hier eine sehr überzeugende Platte. »Olibanvm« ist kurz, hart, konsequent und unangenehm im besten Sinne. Kein Album für Wellness-Schwarzmetaller, sondern für Leute, die bei extremer Musik noch immer Reibung, Zorn und klare Kante hören wollen.






