Band: Spiral Drive & Lord Fascinator 🇦🇹 / 🇦🇺
Titel: Reise
Label: StoneFree Records
VÖ: 17.07.2026
Format: Vinyl / Digital
Genre: Krautrock / Psychedelic Rock / Neo-Psychedelia / Space Rock

Tracklist

01. Auto
02. Rad
03. Zug
04. Flug
05. Raum

Besetzung und Produktion

Raphaël Neikes – Gesang, E-Gitarre, Reverse-Gitarre, Bass, Rhodes, Farfisa-Orgel, Klavier, Mellotron, Synthesizer, Bass-Synthesizer, Flöte, Shaker
Johnny Mackay – Gesang, Akustikgitarre, Casio-Gitarre, Leadgitarre, Synthesizer, Sitar-Gitarre, Kontrabass, E-Bow, Mellotron-Flöte, Handclaps
Loren Humphrey – Schlagzeug
Jan Fride Wolbrandt – Schlagzeug bei »Flug«

Konzept und Produktion: Raphaël Neikes & Johnny Mackay
Aufgenommen: innerhalb von fünf Tagen in Mannheim
Vertrieb: Broken Silence

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Krautrock aus Mannheim, eingespielt von einem Tiroler und einem Australier, innerhalb von fünf Tagen aufgenommen und als musikalische Fahrt von der Straße bis in den Orbit angelegt – Spiral Drive und Lord Fascinator machen aus »Reise« ein herrlich eigenwilliges Konzeptalbum. Raphaël Neikes und Johnny Mackay bewegen sich durch fünf Arten der Fortbewegung und verleihen jeder Etappe ihren eigenen Rhythmus. Motorische Schlagzeugfiguren, warme Synthesizer, psychedelische Gitarren, mantraartige Stimmen und bewusst gesetzte Wiederholungen verbinden die Tradition von Neu!, Can und Kraftwerk mit zeitgenössischer Neo-Psychedelia. Das Ergebnis klingt verspielt, hypnotisch und wunderbar losgelöst von üblichen Songformaten.

Albumplaylist:

Hinter Spiral Drive steht der aus Tirol stammende Multiinstrumentalist und Produzent Raphaël Neikes. Nach dem 2019 veröffentlichten Debüt »Unity« und dem zweiten Album »Visions In Bloom« etablierte sich das Projekt mit einer Mischung aus Neo-Psychedelia, Alternative Rock, Psych Pop und progressiven Einflüssen. Ausgedehnte Tourneen durch Europa und Südafrika sowie ein Auftritt beim Rockpalast vergrößerten die internationale Hörerschaft zusätzlich.

Mit Johnny Mackay verbindet Neikes bereits eine längere kreative Zusammenarbeit. Der australische Musiker, der mit Children Collide bekannt wurde und mittlerweile in New York lebt, war an »13th Eye« beteiligt und überarbeitete später »Space Train« unter seinem Projektnamen Lord Fascinator. Aus dieser Verbindung entstand die Idee, gemeinsam ein vollständiges Krautrock-Album aufzunehmen.

Mackay wollte eine Platte erschaffen, die sich zum Fahren eignet und auf dem klassischen Motorik-Rhythmus aufbaut. Als Schauplatz bot sich Mannheim besonders an: In jener Stadt, die eng mit der Geschichte von Automobil und Fahrrad verbunden ist, entwickelten die beiden Musiker ihr Konzept innerhalb von fünf Tagen. Aus dem ursprünglich vorgesehenen Fahralbum wurde eine zunehmend größere Bewegung. Auf das Auto folgen Fahrrad und Zug, bevor Flugzeug und Raumschiff die Schwerkraft endgültig überwinden.

AUTO: DER MOTOR BRAUCHT ZEIT

Der achtminütige Opener »Auto« beginnt nicht mit aufheulendem Motor und sofortigem Vorwärtsdrang. Klavier, Akustikgitarre und vereinzelte elektronische Signale lassen zunächst eine beinahe schwerelose Atmosphäre entstehen. Die ersten Minuten wirken wie jener Moment, in dem der Fahrer noch steht, seine Gedanken ordnet und das vor ihm liegende Straßennetz betrachtet.

Langsam treten Synthesizer, Bass und verfremdete Stimmen hinzu. Der Gesang beschränkt sich auf wenige, wiederkehrende Gedanken über eine nächtliche Fahrt und eine Straße ohne erkennbares Ende. Diese Reduktion passt ausgezeichnet zum Konzept. Die Stimme muss keine ausführliche Geschichte erzählen, sondern funktioniert als weitere rhythmische Spur innerhalb des Arrangements.

Erst in der zweiten Hälfte setzt sich »Auto« mit voller Kraft in Bewegung. Loren Humphreys Schlagzeug übernimmt einen geradlinigen, motorischen Puls, während der Bass das Stück mit beständiger Bewegung nach vorne schiebt. Elektrische Gitarren und Synthesizer verdichten den Sound, ohne die warme, analoge Grundstimmung zu verdrängen. Kleine Störungen und eine noisige Unterbrechung wirken wie ein kurzer Kontrollverlust, ehe die Fahrt erneut an Geschwindigkeit gewinnt.

Die Geduld, die Spiral Drive und Lord Fascinator dem Aufbau zugestehen, zahlt sich aus. Wer einen konventionellen Opener mit sofortigem Refrain erwartet, könnte die ersten Minuten als lang empfinden. Innerhalb des Konzepts ist diese Verzögerung jedoch sinnvoll: Das Auto wird nicht einfach gestartet, sondern musikalisch zusammengesetzt, aufgewärmt und anschließend auf die offene Straße geschickt.

RAD: FORTBEWEGUNG AUS EIGENER KRAFT

Bei »Rad« verändert sich der Bewegungsablauf deutlich. Das gleichmäßige Rollen des Automobils weicht einer hektischeren, körperlicheren Rhythmik. Schlagzeug und Bass treiben kräftig voran, während ein eingängiges Klaviermotiv und aufgeregte Synthesizer die Anstrengung des Tretens hörbar machen. Das Tempo bleibt nicht vollkommen konstant. Kurze Beschleunigungen, Verschiebungen und kleine Pausen vermitteln den Eindruck wechselnder Steigungen.

Johnny Mackay bezeichnete das Stück als Liebeserklärung an das Fahrrad. Entsprechend besitzt »Rad« trotz seiner nervösen Energie eine verspielte Leichtigkeit. Mehrstimmige Gesangspassagen erinnern stellenweise an sonnigen Psychedelic Pop der späten Sechzigerjahre. Fahrradklingel, Handclaps und bewusst einfache Silben geben dem Titel einen beinahe kindlichen Charme, ohne ihn zur bloßen Spielerei werden zu lassen.

Besonders gelungen ist der Schluss. Das Arrangement verliert allmählich an Geschwindigkeit, Instrumente und Effekte wirken zunehmend erschöpft, bis das Fahrrad schließlich vollständig zum Stillstand kommt. Was leicht zu einer musikalischen Pointe hätte verkommen können, wird konsequent in Rhythmik und Produktion umgesetzt. Die Musik beschreibt das Fortbewegungsmittel nicht nur, sondern übernimmt dessen Eigenschaften.

ZUG: DER RHYTHMUS DER SCHIENEN

Ein entferntes Tuten und ein mechanisch wirkendes Rasseln eröffnen »Zug«. Der folgende Groove nimmt das gleichmäßige Klackern von Rädern auf Schienen auf, ohne in eine einfache Geräuschimitation abzurutschen. Schlagzeug, Bass und Synthesizer greifen wie einzelne Teile eines Antriebs ineinander. Darüber setzen die Gitarren kurze psychedelische Farbtupfer und verzerrte Linien.

Die wenigen deutschen Gesangspassagen beschreiben die Bewegung auf festgelegten Gleisen. Darin liegt ein interessanter Gegensatz: Während Auto und Fahrrad zumindest theoretisch die Richtung wechseln können, ist der Zug an seinen vorgegebenen Weg gebunden. Spiral Drive und Lord Fascinator übertragen diesen Gedanken auf das Arrangement. Das rhythmische Grundmuster bleibt stabil, während sich die Instrumente um diese festgelegte Strecke bewegen.

Zwischendurch nimmt der Song Tempo und Dichte zurück. Diese Passagen lassen sich wie Bahnhofshalte verstehen, bei denen das Geschehen kurz zur Ruhe kommt, bevor der Zug erneut Fahrt aufnimmt. Gerade der Bass sorgt dafür, dass der Titel selbst in den reduzierten Momenten seinen inneren Puls behält.

Im Vergleich zu »Auto« und »Rad« besitzt »Zug« weniger auffällige Einzelmomente. Seine Bedeutung liegt stärker im Zusammenhang des Albums. Er verbindet die bodengebundenen Verkehrsmittel mit der späteren Loslösung von der Erde und hält den konzeptionellen Ablauf geschlossen. Als isolierter Song wirkt er etwas zurückhaltender, innerhalb der Platte erfüllt er seine Aufgabe hervorragend.

FLUG: ÜBER DEN WOLKEN WIRD ES LUFTIG

Mit »Flug« verändert sich der Klangkosmos spürbar. Die schwere mechanische Bewegung des Zuges wird durch luftige Synthesizer, eine federnde Gitarre und offene Flächen ersetzt. Das Stück klingt nicht vollständig schwerelos, bewegt sich aber deutlich freier als seine Vorgänger. Zwischen Krautrock, Dream Pop und moderner Neo-Psychedelia entsteht einer der eingängigsten Titel des Albums.

Am Schlagzeug ist diesmal Jan Fride Wolbrandt von Kraan zu hören. Dadurch erhält »Flug« eine direkte personelle Verbindung zur ursprünglichen Krautrock-Generation. Wolbrandt trommelt präzise, aber nicht steif. Kleine Akzente und Verschiebungen verleihen dem Rhythmus eine organische Beweglichkeit, während der melodische Bass mit bemerkenswerter Präsenz durch das Arrangement läuft.

Die Gitarren besitzen einen leicht funkigen Einschlag. Flötenartige Mellotron-Klänge und sphärische Effekte lassen den Blick gedanklich aus dem Flugzeugfenster schweifen. Der Gesang konzentriert sich auf die Vorstellung einer Begegnung zwischen den Wolken und wirkt dadurch weniger gehetzt als bei »Rad«. Die Stimmen schweben über dem rhythmischen Fundament, statt gegen dessen Bewegung anzukämpfen.

Ein sorgfältig gesetzter Break nimmt dem Song zwischenzeitlich beinahe vollständig den Auftrieb. Danach kehren Bass, Schlagzeug und Synthesizer schrittweise zurück. Dieser Wechsel zwischen Bewegung und scheinbarem Schwebezustand macht »Flug« zu einem Höhepunkt der Platte. Hier greifen Konzept, instrumentale Leistung und Sounddesign nahezu perfekt ineinander.

RAUM: ABSCHIED VON DER SCHWERKRAFT

Der abschließende Titel »Raum« verlässt die bekannten Verkehrswege. Akustikgitarre, Synthesizer und an eine Sitar erinnernde Gitarrenklänge eröffnen einen deutlich weiteren Raum. Wo »Auto« langsam einen Motor zusammensetzte, scheint das Finale bereits vollständig außerhalb der Erde zu beginnen.

Die Bewegung wirkt nun nicht mehr mechanisch, sondern schwebend. Der Bass setzt melodische Akzente, während E-Bow und Synthesizer lang gehaltene Flächen erzeugen. Johnny Mackays Sitar-Gitarre verleiht dem Stück eine leicht kosmische Spiritualität, ohne dass »Raum« in überladenen Space Rock abdriftet. Selbst in den ausladenderen Passagen bewahren die Musiker eine angenehme Zurückhaltung.

Inhaltlich stehen Abschied, Erinnerung und die ungewisse Möglichkeit einer Rückkehr im Mittelpunkt. Die wenigen wiederholten Worte richten den Blick auf ein persönliches Bild, das auch über große Entfernung erhalten bleiben soll. Dadurch wirkt das Finale emotionaler als die vorherigen Kapitel. Die Reise endet nicht mit einem spektakulären Aufprall oder einer triumphalen Ankunft. Stattdessen bleibt offen, ob der Weltraum das Ziel, ein vorübergehender Aufenthalt oder der Beginn einer weiteren Bewegung ist.

Mit beinahe acht Minuten nimmt sich »Raum« ausreichend Zeit für diese Unsicherheit. Einzelne Motive lösen sich auf, tauchen erneut auf und verschwinden schließlich in den Flächen. Gleichzeitig lässt sich der Übergang zurück zum zurückhaltenden Beginn von »Auto« problemlos vollziehen. Das Album funktioniert dadurch ausgezeichnet in einer Dauerschleife.

WARMER KLANG STATT STERILER PRÄZISION

Raphaël Neikes und Johnny Mackay setzen bei der Produktion auf analoge Wärme und eine bewusst organische Gestaltung. Die zahlreichen Synthesizer, Gitarreneffekte und verfremdeten Stimmen klingen nicht wie nachträglich hinzugefügte Dekoration. Sie bestimmen die jeweilige Umgebung und übernehmen teilweise sogar die Rolle des erzählenden Elements.

Loren Humphreys Schlagzeug besitzt einen trockenen, druckvollen Klang und bildet gemeinsam mit dem ausgesprochen präsenten Bass ein solides Fundament. Trotz der vielen Effekte bleibt nachvollziehbar, wie die einzelnen Instrumente miteinander arbeiten. Besonders über Kopfhörer erschließen sich zahlreiche kleinere Bewegungen, darunter rückwärts abgespielte Gitarren, Mellotron-Farben, elektronische Signale und kaum wahrnehmbare Übergänge.

Neikes und Mackay beweisen sich dabei nicht allein als Komponisten und Multiinstrumentalisten, sondern ebenso als Sounddesigner. Jedes Kapitel besitzt eine klar erkennbare akustische Umgebung. Die Unterschiede zwischen rollender Straße, körperlicher Anstrengung, Schienenrhythmus, luftiger Höhe und kosmischer Weite entstehen unmittelbar aus der Instrumentierung.

Die Produktion vermeidet modernen Hochglanz. Kleine Unschärfen, verwaschene Stimmen und bewusst nervöse Effektspuren gehören fest zur psychedelischen Ästhetik. Gerade dadurch wirkt »Reise« trotz seiner Nähe zu den Sechziger- und Siebzigerjahren nicht wie eine sorgfältig restaurierte Retroaufnahme. Das Album nutzt historische Ideen, klingt jedoch eindeutig gegenwärtig.

EINE REISE MIT KLEINEN UMWEGEN

Vollkommen frei von Schwächen ist das Konzept nicht. Die mantraartigen Stimmen erfüllen ihren Zweck, bieten aber nur selten ausgearbeitete Gesangsmelodien oder ausführliche Texte. Wer von Spiral Drive die Alternative-Rock-Härte und die markanteren Refrains früherer Veröffentlichungen erwartet, erhält diesmal eine deutlich instrumentalere und abstraktere Platte.

Auch die bewusste Wiederholung motorischer Figuren verlangt Aufmerksamkeit. Gerade »Zug« bleibt im direkten Vergleich zu »Flug« und »Raum« etwas blasser. Einige Schleifen hätten früher aufgebrochen oder stärker variiert werden können. Das gehört zwar zum Krautrock-Prinzip, kann bei weniger geduldigen Hörern jedoch eine gewisse Ermüdung verursachen.

Demgegenüber steht eine beeindruckend geschlossene Dramaturgie. Die fünf Titel klingen nicht austauschbar und folgen dennoch einer einheitlichen musikalischen Sprache. Mit gut 33 Minuten besitzt das Album außerdem die richtige Länge. Das Konzept wird vollständig ausgearbeitet, ohne durch weitere Verkehrsmittel künstlich verlängert zu werden.

FAZIT:

Mit »Reise« erschaffen Spiral Drive und Lord Fascinator ein hervorragend produziertes Konzeptalbum, das Krautrock, Neo-Psychedelia, Dream Pop und Space Rock zu einer schlüssigen Fahrt von Mannheim bis in den Orbit verbindet. Kleine Längen und der im Vergleich etwas unscheinbarere »Zug« verhindern die Höchstwertung, während »Auto«, »Flug« und »Raum« durch Dramaturgie, instrumentale Klasse und einen eigenständigen Klangkosmos begeistern. Viereinhalb von fünf Punkten.

Spiral Drive feat. Lord Fascinator – Rad

Internet

SPIRAL DRIVE & LORD FASCINATOR - REISE - CD Review

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