Tracklist
01. Before the Storm – 03:20
02. 1997 – 03:16
03. Red Letter – 03:09
04. Far and Beyond – 02:39
05. Neuralyzer – 03:54
06. Blackwall – 03:27
07. The Unseen One – 04:03
08. All the Noise – 01:21
09. Silverlines – 02:46
10. Elysium – 03:46
Versteckter Bonustrack der physischen Ausgabe: Playa Nevada
Besetzung
Maider Gallais – Gesang
Fafo – Leadgitarre, Hintergrundgesang
Le Papa Seb – Gitarre, Hintergrundgesang
Julien Krazuki – Bass, Hintergrundgesang
Phil Krazuki – Schlagzeug, Hintergrundgesang
Skatepunk, Hardcore und Metalriffs aus dem französischen Südwesten – The Dead Krazukies zeigen auf ihrem vierten Studioalbum »Cipher«, dass melodischer Punkrock weder weichgespült noch vorhersehbar klingen muss. Die Formation aus Hossegor verbindet die Geschwindigkeit des Neunziger-Skatepunks mit kräftigen Gitarren, Hardcore-Energie, mehrstimmigen Refrains und einer hörbaren Vorliebe für klassischen Heavy Metal. Gegenüber »From the Underworld« fällt das neue Material dunkler, persönlicher und stellenweise deutlich schwerer aus. Angst, Nostalgie, Verlust, Entfremdung und das Bedürfnis, aus gesellschaftlichen wie inneren Zwängen auszubrechen, ziehen sich durch die zehn regulären Stücke. Der Titel »Cipher« passt dazu ausgezeichnet: Die Songs wirken wie einzelne Bestandteile eines Codes, mit dem Maider Gallais, Fafo, Le Papa Seb, Julien Krazuki und Phil Krazuki versuchen, Vergangenheit, Gegenwart und die eigenen Abgründe zu entschlüsseln. Trotz des ernsteren Unterbaus verliert die Band weder ihre Eingängigkeit noch jene unmittelbare Energie, die jeden Refrain bereits beim zweiten Durchlauf in Richtung Konzertpublikum schleudert.
DIE RUHE VOR DEM STURM DAUERT NICHT LANGE
»Before the Storm« trägt seinen Titel nicht ohne Grund. Eine kurze, kontrollierte Gitarrenbewegung bereitet den Einstieg vor, bevor Schlagzeug, Bass und verzerrte Akkorde das Album in Bewegung setzen. The Dead Krazukies verschwenden keine Zeit mit einem atmosphärischen Intro, sondern präsentieren sofort ihre Verbindung aus Skatepunk-Geschwindigkeit und metallischer Präzision.
Das Gitarrenduo aus Fafo und Le Papa Seb setzt auf schnelle Akkordfolgen, melodische Gegenbewegungen und ein Solo, das stärker im klassischen Heavy Metal als im gewöhnlichen Punkrock verwurzelt ist. Trotzdem wirkt der Song nicht wie ein Metalstück mit aufgesetztem Punkrhythmus. Beide Seiten greifen organisch ineinander.
Über dem Instrumental steht Maider Gallais mit einer Stimme, die Melodie und Rauheit überzeugend verbindet. Ihr Gesang besitzt ausreichend Klarheit für die großen Refrains, bleibt aber kantig genug, um nicht im austauschbaren Pop-Punk zu landen. Mehrstimmige Hintergrundgesänge erweitern die Hooklines, ohne sie künstlich aufzublasen.
»1997« richtet anschließend den Blick zurück. Der Song erinnert an Jugendjahre mit Skateboard, weiten Hosen, aufgeschlagenen Knien, Punkrock und der Überzeugung, unverwundbar zu sein. Die Nostalgie wird jedoch nicht als gemütliche Flucht in eine vermeintlich perfekte Vergangenheit inszeniert.
Im Zentrum steht vielmehr die Erkenntnis, wie schnell Jahrzehnte verstreichen. Aus dem fünfzehnjährigen Punk wird plötzlich ein Erwachsener, der begreift, dass die unscheinbaren Tage von damals später zu den wichtigsten Erinnerungen gehören. Der eingängige Refrain trägt diese Mischung aus Freude und Wehmut ausgezeichnet.
Musikalisch gehören die melodischen Gitarren und der kräftige Bass zu den auffälligsten Bestandteilen. Julien Krazuki liefert kein bloßes Fundament, sondern bewegt sich hörbar zwischen den Akkorden und verleiht dem Stück zusätzliche Tiefe.
ROTE BRIEFE UND WEITE ENTFERNUNGEN
»Red Letter« beginnt mit einer Gitarrenfigur, die beinahe aus der britischen Heavy-Metal-Schule stammen könnte. Kurz darauf zieht sich die Gitarre zurück und gibt dem Bass sowie Maider Gallais mehr Raum. Diese Wechsel zwischen Härte und Zurückhaltung bestimmen den gesamten Song.
Die Band arbeitet hier weniger mit dauerhaftem Tempo als mit dynamischen Abstufungen. Ein schwererer Abschnitt steht neben melodischen Passagen, während der Gesang zwischen Verletzlichkeit und Entschlossenheit wechselt. Gerade dadurch entwickelt die Nummer eine emotionale Wirkung, die über einen einfachen Skatepunk-Refrain hinausgeht.
Das kurze »Far and Beyond« erhöht anschließend wieder die Geschwindigkeit. Trotz der kompakten Spielzeit wirkt der Song nicht wie ein hastig eingeschobener Lückenfüller. Tempowechsel, mehrstimmige Gesänge und eine markante Gitarrenmelodie sorgen dafür, dass die knapp drei Minuten erstaunlich vollständig erscheinen.
Phil Krazuki treibt die Nummer mit einem energischen Schlagzeugspiel voran. Schnelle Punkrhythmen wechseln mit kräftig gesetzten Übergängen und kurzen Reduktionen. Die Musik behält dadurch ihre Beweglichkeit und läuft nicht einfach im selben Takt bis zum Schluss durch.
Hier zeigt sich eine der wichtigsten Stärken von »Cipher«: Die Songs sind eingängig, aber selten völlig berechenbar. Die Band kennt die Regeln des melodischen Punkrocks, verwendet sie jedoch nicht als starre Schablone.
DER NEURALYZER LÖSCHT DEN SCHMERZ NICHT
»Neuralyzer« verwendet das aus »Men in Black« bekannte Gerät zur Gedächtnislöschung als Bild für einen verzweifelten Versuch, einen Menschen und die damit verbundenen Schmerzen zu vergessen. Schamanen, Gebete, Zauber, Medikamente und schließlich die imaginierte technische Lösung bleiben erfolglos.
Die Erinnerung lässt sich nicht entfernen. Je stärker die erzählende Person dagegen ankämpft, desto deutlicher wird ihre Macht. Der Text verbindet echte emotionale Verzweiflung mit schwarzem Humor und vermeidet dadurch übertriebene Sentimentalität.
Musikalisch beginnt der Song kontrollierter. Gitarren und Rhythmusgruppe bauen den Druck schrittweise auf, während der Refrain immer größer wird. Die einzelnen Musiker drängen sich nicht in den Vordergrund. Gitarre, Bass, Schlagzeug und Stimmen arbeiten als geschlossene Einheit.
Der Song besitzt eine beinahe alternative Färbung, ohne den Punkrock zu verlassen. Besonders die langsamere Entwicklung unterscheidet »Neuralyzer« von den schnellen Nummern und verhindert, dass das Album in eine permanente Vollgasfahrt abgleitet.
HINTER DER BLACKWALL BEGINNT DAS UNBEKANNTE
»Blackwall« führt in eine von Neonreklame, Konsum, Kontrolle und digitalen Götzen bestimmte Welt. Die titelgebende Wand trennt die bekannte Ordnung von einem unbekannten Gebiet. Der Ausbruch könnte im Absturz enden, erscheint aber immer noch erträglicher als ein fremdbestimmtes Leben.
Die Cyberpunk-Bilder passen hervorragend zur Musik. Ein hartes Gitarrenriff trifft auf wechselnde Tempi, druckvolle Chöre und einen Refrain, der sich sofort festsetzt. Maider Gallais klingt hier besonders angriffslustig und trägt die Entscheidung, das kontrollierte System endgültig zu verlassen, mit hörbarer Entschlossenheit.
Die Gitarren fallen schwerer aus als bei »1997«. Hardcore, Metal und melodischer Punk werden so eng miteinander verzahnt, dass eine eindeutige Genrezuordnung kaum sinnvoll erscheint. Gerade diese Offenheit verleiht dem Stück seinen Charakter.
Das Zusammenspiel aus melodischem Refrain und hartem Rhythmus erinnert stellenweise an Ignite, während die metallischen Gitarren und Breaks auch Hörer modernerer Punk-Metal-Crossover-Formationen erreichen dürften.
»Blackwall« gehört zu den stärksten Songs des Albums, weil Inhalt und Musik dieselbe Bewegung beschreiben: weg aus einer erstickenden Ordnung und hinein in eine unsichere Freiheit.
DAS UNSICHTBARE TRITT AUS DEM SCHATTEN
»The Unseen One« führt die härtere Ausrichtung fort. Die Gitarren besitzen mehr Gewicht, der Rhythmus fällt aggressiver aus und die Hintergrundgesänge wirken weniger freundlich als bei den stärker nostalgischen Stücken.
Die Nummer verbindet älteren Hardcore Punk mit der melodischen Präzision des Skatepunks. Der Refrain bleibt zugänglich, wird jedoch von einem deutlich raueren Fundament getragen. Gerade diese Reibung verhindert, dass die zweite Albumhälfte an Intensität verliert.
Mit »All the Noise« folgt ein 81 Sekunden langer Ausbruch. Andere Bands würden aus den vorhandenen Ideen einen dreiminütigen Song bauen. The Dead Krazukies pressen Tempowechsel, schnelle Gitarren, einen kurzen melodischen Abschnitt und mehrere rhythmische Wendungen in kaum mehr als eine Minute.
Das Ergebnis klingt trotzdem nicht unfertig. Die Nummer besitzt einen klaren Beginn, eine Entwicklung und einen konsequenten Schluss. Ihre Kürze verstärkt die Wirkung und bringt die unmittelbare Hardcore-Seite der Band auf den Punkt.
»All the Noise« dürfte live zu jenen Momenten gehören, in denen der Moshpit kaum Zeit erhält, sich zu sortieren. Sobald der Song vollständig erfasst wurde, ist er bereits vorbei.
SILBERSTREIFEN AUF RAUEM ASPHALT
»Silverlines« setzt stärker auf den Bass und einen rollenden Rhythmus. Julien Krazuki führt die Bewegung des Songs an, während die Gitarren melodische Akzente und kurze härtere Schläge hinzufügen.
Die Nummer klingt klassischer und besitzt eine zeitlose Punkrock-Grundlage. Gleichzeitig sorgen die wechselnde Gesangsintensität und die metallischen Gitarren dafür, dass der Song nicht wie eine bloße Rückkehr in die Neunziger wirkt.
Maider Gallais zeigt erneut, wie wichtig kleine Veränderungen im Vortrag sein können. Einzelne Zeilen werden zurückhaltender gesungen, andere mit deutlich mehr Druck herausgeschleudert. Dadurch erhält der Refrain zusätzliche Dynamik, ohne dass ständig neue Instrumente oder Effekte benötigt werden.
Die Band setzt auf echte Bewegung statt auf permanente Lautstärke. Das Schlagzeug schiebt, der Bass bleibt präsent und die Gitarren wechseln zwischen Begleitung und Führung. Diese klare Rollenverteilung lässt die Musik kompakt, aber nicht überfüllt klingen.
ELYSIUM UND EIN VERSTECKTER AUSFLUG
»Elysium« beendet die reguläre digitale Fassung mit einem vergleichsweise offenen und positiven Klang. Der aus der Mythologie stammende Begriff bezeichnet einen Ort vollkommenen Friedens und Glücks. Nach den Ängsten, Verlusten und Fluchtbewegungen der vorherigen Stücke wirkt der Titel wie die Suche nach einem erreichbaren Gegenentwurf.
Die Komposition bleibt direkt. Ein griffiges Riff, ein starker Refrain und die geschlossene Rhythmusgruppe genügen, um ein überzeugendes Finale zu schaffen. The Dead Krazukies verzichten auf einen übertriebenen epischen Abschluss und bleiben ihrer kompakten Arbeitsweise treu.
Auf den physischen Ausgaben wartet mit »Playa Nevada« noch eine Überraschung. Der versteckte Bonustrack verlässt den gewohnten Punkrock-Rahmen und greift Mariachi-Klänge sowie die kulturelle Umgebung der südwestfranzösischen Heimat der Band auf.
Dieser stilistische Seitenweg wirkt nicht wie ein schlechter Scherz. Er erinnert daran, dass The Dead Krazukies aus einer Region stammen, in der französische, baskische, spanische und atlantische Einflüsse aufeinandertreffen. Nach einem emotional schweren Album setzt die Band damit einen eigensinnigen und charmanten Schlusspunkt.
MELODISCHER PUNK MIT METALLISCHER MUSKULATUR
Die Einordnung als Skatepunk-Band ist grundsätzlich richtig, beschreibt The Dead Krazukies aber nur teilweise. Das schnelle Schlagzeug, die melodischen Refrains und die mehrstimmigen Chöre stehen klar in dieser Tradition. Gleichzeitig reicht die Gitarrenarbeit deutlich weiter.
Fafo und Le Papa Seb verwenden Twin-Guitar-Melodien, klassische Metal-Leads, schwere Breaks und Riffs, die ebenso gut auf einer melodischen Heavy-Metal-Platte funktionieren könnten. Diese Einflüsse werden jedoch nie zum Selbstzweck.
Der Kern der Songs bleibt Punkrock: kompakt, emotional und unmittelbar. Die metallischen Elemente verstärken die Wirkung, ohne die Kompositionen mit technischen Übungen zu überladen.
Maider Gallais bildet das erkennbare Zentrum. Ihre Stimme ist melodisch, aber nicht makellos poliert. Sie klingt menschlich, wütend, erschöpft und gelegentlich verletzlich. Gerade auf einem Album über innere Kämpfe ist diese Mischung entscheidend.
Auch die Hintergrundgesänge verdienen Aufmerksamkeit. Nahezu alle Instrumentalisten beteiligen sich daran, wodurch die Refrains nach einer tatsächlichen Band und nicht nach mehrfach kopierten Studiospuren klingen.
DER BLASTING-ROOM-STEMPEL
Aufgenommen wurde »Cipher« von Serge Bianne im Aturri Studio sowie von Phil Krazuki im Alien Studio. Den Mix übernahm Christian Carvin, während Jason Livermore im renommierten Blasting Room für das Mastering verantwortlich war.
Entsprechend druckvoll fällt das Ergebnis aus. Gitarren und Schlagzeug besitzen moderne Wucht, der Bass bleibt dennoch hörbar und die Stimme wird nicht unter den Instrumenten begraben. Besonders die Chöre profitieren von der klaren Staffelung.
Die Produktion ist sauber, aber nicht steril. Anschläge, Becken und kleine Unebenheiten bleiben erhalten. Dadurch wirkt das Album lebendig und näher an einer tatsächlichen Bandperformance als an einem vollständig am Bildschirm zusammengesetzten Punkrock-Produkt.
Gelegentlich könnte die Oberfläche etwas rauer sein. Manche Refrains sind sehr breit und kontrolliert produziert, wodurch ein Teil der unmittelbaren Clubenergie verloren geht. Dieser Einwand fällt angesichts der starken Transparenz und des kräftigen Gesamtklangs jedoch gering aus.
EIN CODE AUS ERINNERUNG UND WIDERSTAND
»Cipher« ist dunkler und persönlicher als seine Vorgänger. Die Band schreibt nicht nur über äußere Gegner, sondern richtet den Blick auf innere Unruhe, Verlust und die Frage, wie viel von einem Menschen übrig bleibt, wenn vertraute Beziehungen, Lebensentwürfe oder gesellschaftliche Sicherheiten zerbrechen.
Trotzdem ist das Album keine depressive Selbstbetrachtung. Die Musik bleibt schnell, melodisch und häufig erhebend. Der Widerspruch zwischen schweren Themen und großen Refrains gehört zu den wichtigsten Stärken.
Nicht jeder Song erreicht die Klasse von »1997«, »Neuralyzer« oder »Blackwall«. Einige Strukturen folgen vertrauten melodischen Punkmustern, und einzelne Chöre könnten auch von anderen Bands des Genres stammen.
Doch selbst in diesen Momenten sorgen das Gitarrenspiel, die markante Stimme und die Rhythmusgruppe für ausreichend Eigenständigkeit. Die Band kopiert weder Pennywise noch Rise Against, sondern hat ihre Einflüsse längst in eine eigene, deutlich metallischere Sprache übersetzt.
FAZIT:
»Cipher« ist ein emotionales, druckvolles und musikalisch vielseitiges Punkrock-Album, auf dem The Dead Krazukies Skatepunk, Hardcore und Heavy-Metal-Gitarren äußerst überzeugend verbinden. Besonders »1997«, »Neuralyzer«, »Blackwall«, »All the Noise« und »Silverlines« zeigen eine Band, die große Melodien ebenso beherrscht wie harte Riffs und persönliche Texte. Der Code ist damit nicht vollständig entschlüsselt – aber verdammt hörenswert.






