Tracklist
01. Cross Your Heart
02. Far From God
03. Biblical
04. The Great Wolf in the Sky (ft. Alicia Nuhro on strings)
05. Your Promise of Light
06. For the Love of Mortals
07. Our Freedom to Fall
08. Reconquista
Besetzung
Fernando Ribeiro – Vocals
Ricardo Amorim – Guitars
Pedro Paixão – Keys
Aires Pereira – Bass
Hugo Ribeiro – Drums
Wenn es eine Sache gibt, die wenige Bands so gut beherrschen wie MOONSPELL, dann ist es die Kunst, sich neu zu erfinden und trotzdem einzigartig zu klingen. Nach ihrem musikalisch progressivsten Werk, „Hermitage“ (2021), entführen uns die Portugiesen nun in eine gänzlich andere Welt, die mehr an ihre Wurzeln erinnert: „Far From God“ offenbart erneut MOONSPELLS Liebesbeziehung mit dem Gothic Metal der 90er Jahre. Ihr mittlerweile vierzehntes Studioalbum wird im Pressetext sogar als „Irreligious des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet – eine moderne Begegnung mit dem ikonischen zweiten Album der Formation.
Rückkehr zu den 90ern
Der Vergleich mit dem 1996 erschienenen „Irreligious“, das seinerzeit genau den Nerv der Zeit traf und MOONSPELL zu Vorreitern des Gothic Metal machte, lässt vor allem loyale Fans der Band aufhorchen. Nach Veröffentlichung der ersten Single, „Far From God“, war die Euphorie immens, denn aus jeder einzelnen Note dieses Songs bluten die 90er und erwecken auf romantischste Weise Tote. Der basslastige, Synthesizer-geschwängerte Sound mit dieser unglaublich schönen, bestechlichen Melodie, der tiefe Gesang von Fernando in den Strophen und das gemütliche Schlagzeug sind Nostalgie pur! In der zweiten Strophe wird gegen Ende noch ein sanfter Disco-Beat eingebaut, der das Lied noch mitreißender macht – ja, dieser Release hat die Fangemeinschaft kalt erwischt.
Guter Album-Einstieg
Die zweite Single, „Cross Your Heart“, klingt ebenso nach einer lockeren, tanzbaren Nummer mit düsterer Stimmung, allerdings mit stärkeren Rock- als Gothic-Elementen. „Biblical“ bringt dem Hörer eine weitere Stilrichtung, mit der MOONSPELL gut vertraut sind, näher: Doom. Das langsame, rhythmische Zusammenspiel von Aires Pereira am Bass und Hugo Ribeiro am Schlagzeug hat etwas Lauerndes. Diese Stimmung wird zusätzlich verstärkt durch die sanften Gitarrentöne und atmosphärischen Soundeffekte. Im letzten Drittel entlädt sich endlich die Energie – Fernando Ribeiro präsentiert uns seine rauen Schreie, die im starken Kontrast zu seinem Flüster-Gesang stehen. „Biblical“ überzeugt dank dieses Stimmungsaufbaus auf voller Linie. In „The Great Wolf in the Sky“ dominieren abermals fesselnde Gitarrenmelodien, die eine gewisse Melancholie übertragen. Das Tempo bleibt gemäßigt, die atmosphärischen Elemente gut akzentuiert und großzügig. Der Gothic Sound ist hier aber nicht ganz offensichtlich.
Ernüchternder Mittelteil
Während beide Singles ein gutes Tempo vorlegen, wird die BPM-Zahl in „Biblical“ und „The Great Wolf in the Sky“ gedrosselt. Letzteres hat flottere Stellen, aber in Summe ist es gemütlich. Da es auf „Far From God“ nur acht Lieder gibt, denkt man, dass die fünfte Nummer wieder eine ähnliche Energie wie der gleichnamige Song haben könnte – leider nein. Sowohl „Your Promise of Light“ als auch „For the Love of Mortals“ lehnen sich deutlicher in Richtung Doom. Kernelemente wie ominöse Soundeffekte, prägnante Bass- und Gitarrenpassagen stehen hier zwar ebenso im Fokus, aber insgesamt fehlt es den beiden Nummern an Durchschlagskraft. „Your Promise of Light“ überzeugt am ehesten noch durch seine mysteriöse Aura, erinnert aber statt an „Irreligious“ mehr an die Vorgangsweise auf „Antidote“ (2003). „For the Love of Mortals“ stellt letztlich den Tiefpunkt des Albums dar. Die Tatsache, dass es nach „Far From God“ das vierte Lied in Folge mit gemütlicher Stimmung und gemäßigtem Tempo ist, lässt es umso farbloser erscheinen. Aber auch für sich überzeugt der Titel nur schwer. Er ist sehr verträumt, was wieder besser in das Gothic-Schema passt. Die dominanten Tom-Beats geben dem Lied etwas Angenehmes, Heimeliges – ebenso wie der sanfte Gesang von Fernando. Allerdings haben MOONSPELL da schon bessere Stücke komponiert, z. B. auf „Omega White“ (2012).
Positive Überraschung gegen Ende
Nach diesem ernüchternden Mittelteil des Albums wirkt „Our Freedom to Fall“ zunächst wie eine weitere Wiederholung der bereits mäßig spannenden Vorgänger. Der Titel entpuppt sich jedoch als kreativster und experimentellster der Scheibe. Bereits das tiefe, monotone Riff in den Strophen zieht einen in den Bann, da es unweigerlich an TYPE O NEGATIVE erinnert und somit wieder nostalgische Gefühle weckt. Der sanfte Gesang steht im starken Kontrast zu diesem heftigen Doom-Part. Eine erste energetische Steigerung bringt der Wechsel zu rauen Schreien im Refrain. Womit man aber nicht gerechnet hätte, ist der heftige Black-Metal-Abstieg nach ca. 2,5 Minuten. In weiterer Folge schwankt das Lied zwischen Gothic, Doom und Black Metal hin und her, was absolut genial klingt. Die Stimmung von diesem Lied wird dank dieser Kontraste unglaublich intensiv.
Abschluss
Den Abschluss bildet „Reconquista“, das mich persönlich sehr an den gleichnamigen Titel von „Hermitage“ erinnert. Das Tempo ist wieder gemächlich, das Riff sehr rockig, die Stimmung düster. Fernando nutzt hauptsächlich seinen rauen Gesang. Mit über sechs Minuten ist es der längste Song auf „Far From God“. Dass er etwas länger ausfällt, stört nicht, aber als großes Finale wäre der vorherige Titel besser gewesen.
Stärken und Schwächen
Nach der ersten Single waren die Erwartungen an „Far From God“ groß. Man rechnete mit einem modernen Gothic-Epos wie „Extinct“ (2015) – nicht zuletzt wegen der Promo zum Album, die es als „Irreligious des 21. Jahrhunderts“ ankündigte. Tatsache ist, dass MOONSPELLS neues Album die hohe Qualität liefert, die man von den Portugiesen erwartet, aber der Blick über den Tellerrand weniger drastisch ausfällt. Titel wie „Our Freedom to Fall“, „Biblical“ und die gleichnamige Single zählen definitiv zu den stärksten Momenten, denn hier demonstrieren uns MOONSPELL auf intimste Weise ihre Einzigartigkeit. In Summe hat „Far From God“ aber einige Schwächen, die sogar nach mehrmaligem Hören stören. Das Album hätte mehr Pepp vertragen können – schnellere Rhythmen, frechere Stimmungswechsel und insgesamt mehr Energie. Obwohl es mit etwas mehr als 42 Minuten aufgeteilt auf acht Titel eine angemessene Spieldauer hat, wären 1-2 Lieder mehr auch schön gewesen.
Fazit: „Far From God“ liefert die gewohnt hohe Qualität von MOONSPELL, wirkt aber in Summe etwas verhalten und hätte sowohl mehr Energie als auch Experimentierfreude gebraucht.






